agota

2

sierra

~ : oe som
to : louis
subject : AGOTA
date : mar 25 11 6.15 p.m.

Kurz vor sechs Uhr abends, das Wasser ruhig. Taucher Noe wohlauf in 820 Fuß Tiefe. Er liest Agota Kris­tofs Erzäh­lung Die Analpha­betin nun schon zum fünften Mal in Folge mit einer Begeis­te­rung, die wir in den vergan­genen Jahren so noch nicht wahr­ge­nommen haben. Seine Stimme scheint heller geworden zu sein, seit wir seinen Taucher­anzug von Koral­len­ge­wächsen befreiten. Nach wie vor verwei­gert er jedes Gespräch über seine eigene Person. Niemand kann sagen, ob Noe wirk­lich versteht, was er mit lauter Stimme liest: Am Anfang gab es nur eine einzige Sprache. Die Objekte, die Dinge, die Gefühle, die Farben, die Träume, die Briefe, die Bücher, die Zeitungen, waren diese Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es noch eine andere Sprache geben könne, dass ein Mensch ein Wort spre­chen könne, das ich nicht verstehe. In der Küche meiner Mutter, in der Schule meines Vaters, in Onkel Gezas Kirche, auf den Straßen, in den Häusern des Dorfes und auch in der Stadt meiner Groß­el­tern spra­chen alle dieselbe Sprache, und nie war die Rede von einer anderen. – Boote verletzter Menschen passieren unser Schiff, Scha­luppen, sie kommen von Süden her, schwei­gende, frie­rende Passa­giere. Dein OE

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25.03.2011
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ping

taubenstadt

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hima­laya

~ : oe som
to : louis
subject : PIGEONS
date : july 17 11 8.15 a.m.

Seit gestern endlich wieder ruhige See, ein wolken­loser Himmel über uns. Noe, wohlauf in 550 Fuß Tiefe, liest Javier Tomeos Tauben­stadt. Groß­ar­tiges Buch. Vor 10 Tagen haben wir damit begonnen, Noes Stimme aufzu­nehmen. Wunder­volle Funk­ge­räu­sche seither ohne Unter­bre­chung. Als wir Noe berich­teten, dass wir seine lesende Stimme verzeichnen, dass man ihm zuhören könne in Lissabon, in Lima, in Shanghai, dass er eine Sensa­tion sei, ein Mann, der das Lesen wasser­fester Bücher erprobt, ein Mann im Taucher­anzug, ein Mann, der seit 820 Tagen im Atlantik vor Neufund­land lebt, eine mensch­liche Station, ein beleuch­teter Körper in Licht­lo­sig­keit, – seit wir ihm gebeichtet haben, dass wir ihn konser­vieren, scheint Noes lesende Stimme ruhiger geworden zu sein. Wir haben den Eindruck, dass unser Mann nun fort jedes Zeichen genießt, das wir ihm zur Verfü­gung stellen. Nach wie vor heftige Debatten über die Tempe­ratur des Tees, den wir in die Tiefe leiten. Noe behauptet, der Tee sei zu kalt. Er wolle in diesem Tee weder baden, noch wolle er ihn trinken, wir sollten endlich alle Leitungen beheizen, die zu ihm führen. Viel­leicht weil er sich darüber heftig erregte, verlor Noe gestern, um 20 Uhr und zwölf Minuten, Ovids Liebes­kunst an das Meer. Eine Tragödie. In diesen Minuten, da ich Dir tele­gra­fiere, liest Noe wieder ruhig vor sich hin. Wir hören seinen Atem. Wir hören das Funken der Wale. Beste Grüße. Dein OE

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17.07.2011
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manhattan transfer

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foxtrott

~ : oe som
to : louis
subject : DOS PASSOS
date : july 31 11 5.15 p.m.

Anstren­gende Tage liegen hinter uns, Regen, stür­mi­sche Winde, schwerer Seegang, Peli­kane kreisen hoch über dem Schiff. Vor zwei Tagen zuletzt schickten wir Dos Passos’ Roman Manhattan Transfer zu Noe hin abwärts. Ein schweres Buch, das in vier­hun­dert Fuß Tiefe von einer warmen südli­chen Strö­mung abge­trieben wurde, bald darauf in einer Pendel­be­we­gung derart heftig nord­wärts gezogen wurde, dass wir fürch­teten, Noe könnte von dem Gewicht des Romans getroffen oder das Buch von der Senkleine in uner­gründ­liche Tiefen fort­ge­rissen werden. Drei Stunden später hielt Noe John Dos Passos in Händen. Unser Taucher bemerkte sogleich, dass es sich bei diesem weiteren Unter­was­ser­buch um ein beson­deres Werk handeln musste, eine umfang­reiche Satz­ver­samm­lung, von innen her, Seite für Seite, Zeichen für Zeichen apri­ko­sen­farben sanft beleuchtet. In der selben Minute, da Noe das Buch öffnete, begann er laut zu lesen. Er las drei Stunden, dann schlief er kurz ein, um noch im Halb­schlaf befind­lich seine Lektüre fort­zu­setzen: Die Sonne ist nach Jersey gerückt, die Sonne steht hinter Hoboken. Hüllen schnappen über Schreib­ma­schinen, Roll­la­den­schreib­ti­sche schließen sich. Aufzüge fahren leer in die Höhe, kommen voll­ge­pfropft herunter. Es ist Ebbe in der City, Flut in Flat­bush, Wood­lawn, Dyckman Street, Sheep­s­head Bay, News Lots Avenue, Canarsie. Rosa Zeitungen, grüne Zeitungen, graue Zeitungen. Sämt­liche Börsen­kurse. Sport­re­sul­tate. Lettern wirbeln über laden­müde, büro­müde schlaffe Gesichter, wunde Finger­spitzen, schmer­zende Fußriste, musku­löse Männer, Gedränge im U-Bahn-Express. – Kurz vor Sonnen­un­ter­gang. Das Meer sucht nach uns mit Zungen von Gischt. Ein riesiger Schwarm Makrelen nähert sich von Norden her, unge­heure Bewe­gung, wie eine riesige Hand fährt sie auf dem Radar­schirm langsam die Küste entlang. Noe wünscht eine Foto­grafie John Dos Passos’ zu sehen. So etwas hat’s noch nie gegeben. – Ahoi! Dein OE

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31.07.2011
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tiefenschatten

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charlie

~ : oe som
to : louis
subject : SCHATTEN
date : aug 18 11 5.12 p.m.

Seit zwei Tagen bereits keine Nach­richt aus der Tiefe. Wir hören Noe’s Atem, wir verzeichnen das Gewicht seines Taucher­an­zuges an der Winde des Schiffes. Noe ist noch bei uns, aber kein Wort zu hören von Noe. Weder antwortet er auf Fragen, noch folgt er unserem Wunsch, er möge doch weiter lesen in Tony Morrison’s Roman Jazz. Wir hatten das Buch am vergan­genen Montag zu ihm in die Tiefe geschickt. Noe las noch an dem selben Abend drei Stunden, dann war er einge­schlafen. Seither schweigt Noe, weshalb Miller sich vor Stun­den­zeit zur Inspek­tion auf den Weg nach unten begab. 2 Fuß in der Minute, schneller geht das nicht, schneller würde Miller das Leben kosten, wir müssen uns gedulden. Fünf Stunden noch, dann wird Miller Noe errei­chen, eine span­nende Situa­tion, viel­leicht wird auch Miller dann schweigen, das ist denkbar, eine beun­ru­hi­gende Vorstel­lung wie unsere beiden Tief­see­männer schwei­gend in der Düsternis schweben, wie sie sich viel­leicht unter­halten werden in der Zeichen­sprache der Taucher. – Habe ich Dir, lieber Louis, berichtet, dass es schneite vor wenigen Tagen? Noch nie habe ich Schnee auf offener See beob­achtet. Seemöwen jagen dicht über die Wasser­ober­fläche hin. Es sieht so aus, als würden sie Flocken fangen, mäch­tige Tiere, gelbe Schnäbel, hell­braune Flügel. Sie wirken in etwa verkleidet, Möwen­vögel, die sich in Kostümen junger Habichte bewegen, ihre schrillen Rufe, ein weiteres Dutzend sitzt auf unserem Funk­turm, Eiszapfen haben sich gebildet, Wolken kommen näher, berühren das Wasser. Miller ist in diesem Moment auf fünf­hun­dert Fuß Tiefe ange­kommen. Unter ihm, meldet Miller, sei in der Dunkel­heit Noe zu erkennen, das Licht seiner Lampen. Ein gewal­tiger Körper­schatten soll vor ihm zu sehen sein. Ich melde mich bald wieder. Dein OE

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18.08.2011
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ping

schnecken

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echo

~ : oe som
to : louis
subject : SCHNECKEN
date : sept 24 11 7.12 p.m.

Früher Abend, ruhige See. Möwen, die unser Schiff wie eine Insel bewohnen, kreisen dicht über dem Wasser. Gerade eben meldete Noe, zwei Putzer­schne­cken näherten sich seinem Gesicht. Er müsse jetzt vorsichtig sein, um sie nicht zu verletzen, sofern sie seinen Mund entern sollten. Noe wohlauf. Seit zwei Wochen senden wir Jazz, wann immer Noe Jazz zu hören wünscht. Wir haben zunächst Charlie Parker geladen, das machte ihn nervös, weil er sich nicht bewegen kann im Taucher­anzug im Rhythmus, der schnell geht, ruhelos. Wir proben, forschen nach sanf­teren Takes. Er könne, das sei neu, berichtet Noe, wenn er das Wort Regen lese, sich das Geräusch des Regens nicht länger in Erin­ne­rung rufen, als würde sich das Wort Regen nach und nach entleeren. Wir haben verspro­chen, Regen für ihn aufzu­zeichnen und in die Tiefe zu schi­cken. Gestern, als wir nachts alleine mitein­ander spre­chen konnten, wünschte Noe, dass ich ihm das Schiff beschreibe, unter welchem er schwebt. Er sei glück­lich, sagte Noe, aber er sehne sich nach einer Uhr. – Dein OE SOM

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24.09.2011
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alpenregen

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echo

~ : oe som
to : louis
subject : ALPENREGEN
date : okt 31 11 10.52 p.m.

Besten Dank, lieber Louis, für das feine Tonma­te­rial, das Du uns gesendet hast. Wir haben Deine Alpen­re­gen­ge­räu­sche am vergan­genen Donnerstag zu Noe in die Tiefe über­mit­telt. Große Freude! Gleich­wohl sehnt Noe sich nach wie vor eine Uhr herbei, die wir ihm leider nicht gewähren können. Es ist nun folgendes geschehen. Noe presste, viel­leicht zunächst ohne einen Vorsatz, seine rechte Hand gegen die Innen­seite seines Taucher­an­zuges und konnte in dieser Weise Puls­be­we­gungen erspüren. Von diesem Moment an zählte Noe die Schläge seines Herzens, er zählte bis er die Zahl 70 erreichte, eine Minute Zeit, seit zwei Tagen immerzu der selbe Prozess der Zählung mit lauter Stimme, eine Demons­tra­tion seiner Willens­stärke, die uns nach und nach unheim­lich wird, Noe, eine Uhr, auch schla­fend, dämmernd, träu­mend, eine Uhr, verdammt, ich war mehr­fach versucht gewesen, Noes Mikro­phon auszu­schalten, Ruhe an Bord, eine Gewalttat, die Bewe­gung eines kleinen Fingers nur, Stille, und doch nicht Stille, weil ich die Fort­set­zung des Zählens in der Tiefe annehmen müsste, einund­fünfzig, zwei­und­fünfzig, drei­und­fünfzig. Kurz nach 10 Uhr, eiskalte Nacht, aufkom­mender Wind von Nord­west, wir haben schweren Seegang zu erwarten. Dein OE SOM – Ahoi!

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31.10.2011
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james baldwin

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tango

~ : oe som
to : louis
subject : JAMES BALDWIN
date : mar 22 12 11.15 p.m.

Abso­lute Stille. Kein Wind, keine Bewe­gung auf dem Wasser, der Himmel leer. Seit 382 Tagen schwebt Taucher Noe unter uns in der Tiefe. Er scheint glück­lich zu sein, die Tage seines Aufbe­geh­rens sind vorüber. Noch vor wenigen Wochen wünschte Noe, zurück­kehren zu dürfen, sofort! Wir haben ihm vom Regen erzählt, von Stürmen, von seiner Mutter, von seinem Vater, wie stolz sie auf ihn sind. Nach 5 Tagen war Noe ruhiger geworden, mürbe von der langen Zeit tobenden Zwei­fels, viel­leicht auch deshalb, weil wir ihn aus 850 Fuß Tiefe der Dunkel­heit auf Höhe der Dämme­rung hoben, eine Ahnung von Licht, Hoff­nung, das Gefühl, noch nicht verloren zu sein. Ein tapferer Mann. Er habe das Wort Schnee in seinem Kopf hin und her bewegt, aber er könne nicht sagen, was es bedeute. Sorge bereite ihm außerdem, dass er sein Gesicht nicht erin­nere. Seither disku­tieren wir, ob wir ihm nicht doch ein heiteres Bild seiner Person über­mit­teln könnten, Noe drohte das Rück­wärts­spre­chen zu üben. All das scheint nicht unge­wöhn­lich zu sein für seine schwe­bende Lage, ein lange Zeit andau­ernder Moment von Einsam­keit, Fische, die ihn beob­achten, Wörter gehen verloren. In dieser Sekunde, lieber Louis, da ich Dir schreibe, beginnt Noe wieder zu lesen mit heller Stimme, James Baldwin / Unter­was­ser­buch No 285, nachts träumte ich, und morgens wachte ich zitternd auf, konnte mich aber nie an den Traum erin­nern, nur daran, dass ich gerannt war. Ich wusste nicht mehr, wann es mit diesen Träumen ange­fangen hatte; es war lange her. Zwischen­durch gab es Zeiten, in denen ich über­haupt nicht träumte. Und dann ging es wieder los, jede Nacht. – Ahoi! Dein OE SOM

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23.03.2012
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indianer

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delta

~ : oe som
to : louis
subject : INDIANER
date : mar 30 12 9.28 a.m.

Gestern Abend, stür­mi­sche See, war Miller mit einer Schachtel Foto­gra­fien Noe’s vom Fest­land zurück­ge­kehrt. Es dunkelte bereits als er mit dem Segel­schiff Esther Valdez zufrieden eintraf. Wir saßen dann die halbe Nacht an einem Tisch, um eine erste Foto­grafie unter drei Dutzend weiterer Foto­gra­fien Noe’s auszu­wählen. Noe als Säug­ling auf einem Wickel­tisch liegend. Noe in einer Bade­wanne mit einem Hütchen auf dem Kopf. Er war damals vier oder fünf Jahre alt gewesen und lachte in die Kamera. Noe zur Karne­vals­zeit, ein Indianer. Noe wie er ein kleines Mädchen küsst, das größer ist als er selbst. Ein Pass­bild in Farbe. Noe ist bereits weit über 20 Jahre alt gewesen, mit diesem Bild wollen wir beginnen, und so haben wir Noe’s Foto­grafie in Glas gepan­zert. Miller machte sich dann nach etwas Schlaf höchst­per­sön­lich auf den Weg abwärts. Er ist in diesem Moment auf Tiefe 250 Fuß ange­kommen, noch zwei Stunden und er wird Noe errei­chen. Miller meldet, er könne Noe bereits erkennen, einen leuch­tenden Punkt, sagt Miller, einen gleich­mäßig blin­kenden Punkt. Noe selbst scheint zufrieden zu sein. Er ist wach, wir hören seinen Atem. Noch vor wenigen Minuten versuchte er seinen Blick nach oben zu richten, aber seine Kräfte sind zu gering, um seinen schweren Anzug bewegen zu können. Er sei nicht mehr der Jüngste, sagte Noe. Er sehne sich nach einer Uhr, setzte er hinzu. – Das Meer ist heute ruhig. Ein sanft­blauer Himmel über uns. Nichts an dieser Stelle deutet daraufhin, welch drama­ti­sche Geschichte sich unter uns in aller Stille ereignet. Ob Noe sich wieder erkennen wird? – Ahoi, lieber Louis. Dein OE SOM

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30.03.2012
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handohren

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sierra

~ : oe som
to : louis
subject : HANDOHREN
date : may 27 12 3.05 a.m.

Lieber Louis, Mitter­nacht ist längst vorüber. Ich bin ruhig, aber ich kann nicht schlafen. Seit Tagen geht das so mit mir, dass ich die Augen schließe und doch wach liege, zumin­dest nicht wirk­lich auf die andere Seite gelange. Ich spüre wie sich das Schiff auf und ab bewegt, manchmal erhebe ich mich und gehe spazieren an Deck, oder ich besuche Lin, die sich für den Monat Mai in Nacht­schicht befindet. Seit drei Tragen sitzt sie in der Werk­statt an der Über­tra­gung des Romans Molloy von Samuel Beckett. Ich darf ihr zusehen, wie sie Zeichen für Zeichen aus dem papie­renen Buch kopiert, eine geschmei­dige Bewe­gung, sie schreibt ohne ihren Blick auf den Stift zu richten. Jedes Wort, das sie in Angriff nimmt, wird zunächst in den Raum geflüs­tert: Wach­tel­könig. Als ob sie eine Anwei­sung geben würde, als ob ihre schrei­bende Hand über geheime Ohren verfügte. Ich wünschte mir, ich könnte ihre Hände einmal einge­hend unter­su­chen, einen Bericht schreiben über die Entde­ckung der Handohren kurz nach Mitter­nacht auf einem Schiff vor Neufund­land. Eigent­lich, lieber Louis, wollte ich Dir von meinem ersten Besuch bei Noe in der Tiefe berichten, was ich dort gesehen habe, seine Augen wie sie meine Augen betrach­teten durch das Panzer­glas. Ich denke, ich bin noch nicht so weit. Ich werde Dir ausführ­lich notieren sobald ich einmal eine Nacht durch­ge­schlafen habe. Es ist möglich, dass ich das Tauchen nicht vertrage oder Noe’s hellen Blick viel­leicht, der mich verfolgt, ich gebe das zu, Noe’s Blick verfolgt mich. Manchmal denke ich, dass nicht richtig ist, was wir tun. Gute Nacht! Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
27.05.2012
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robert walser

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marimba

~ : oe som
to : louis
subject : KORALLEN
date : jul 31 12 4.37 p.m.

Seit 552 Tagen nun befindet sich Taucher Noe vor Neufund­land in 820 Fuß Tiefe von einem eisernen Anzug umfangen. Es ist ein Wunder wie gut sich Noe hält. Jeden Morgen, wenn ich unseren Funk­raum betrete, lausch ich in die Tiefe, freu mich, wenn ich Noes lesende Stimme oder seinen Atem höre. Während meines Besu­ches vor Kurzem im Mai, habe ich Koral­len­ge­wächse von seinem Gehäuse entfernt, Schne­cken und andere kleine Tiere, die sich dort fest­ge­setzt hatten. Ich beob­ach­tete Noe sehr genau, seinen Blick, seine Augen hinter der gepan­zerten Scheibe. Wie er sich doch über meinen Besuch gefreut hatte, gemeinsam schau­kelten wir durchs Meer viel­leicht einhun­dert Meter eines Weges in ewiger Dämme­rung auf und ab. Ich hielt mich fest an seinen Anzug gepresst. Kurz vor meiner Rück­kehr an die Wasser­ober­fläche fragte ich Noe, ob er noch eine Weile aushalten würde, dieser Blick, lieber Louis, dieser Blick. Manchmal denke ich bei mir, wir sollten aufhören, wir sollten ihn zurück­holen. Aber immer dann, wenn wir Noe in Bewe­gung setzen, wenn wir ihn anheben wollen, beginnt er zu protes­tieren, ein selt­sames Geräusch, das ich so nie zuvor vernommen habe. Aus dem heutigen Tag ist ein äußerst ange­nehmer Sommertag geworden. Das Meer voll­ständig ohne Bewe­gung. Flie­gen­schwärme stehen dicht über dem Wasser. Wir haben keine Vorstel­lung, woher sie kommen und wohin sie wollen. Noe liest mir sanfter Stimme seit fünf Stunden aus einem weiteren Unter­was­ser­buch, Robert Walsers Geschichten, das wir vor einer Woche fertig stellen konnten: Es gibt Vormit­tage in Schus­ter­werk­stätten, Vormit­tage in Straßen und Vormit­tage auf den Bergen, und letz­tere mögen so ziem­lich das Schönste auf der Welt sein, aber ein Bank­haus­vor­mittag gibt entschieden noch mehr her. – Ahoi! Bis bald einmal wieder Dein OE SOM

gesendet am
31.07.2012
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quallenuhr

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ulysses

~ : oe som
to : louis
subject : QUALLENUHR
date : sept 12 12 10.22 a.m.

Ganz plötz­lich, lieber Louis, habe ich Lust bekommen, Dir zu schreiben. Eigent­lich wollte ich mich erst am kommenden Samstag melden, aber ein Sturm bewegt sich auf uns zu und es ist nichts zu tun, als zu warten, ob er uns mit voller Wucht treffen wird. Vermut­lich ist es diese Warterei, die an unseren Nerven zerrt. Auch, dass die Tage wieder kürzer werden. Gestern haben wir einen Schwarm Tinten­fi­sche beob­achtet, der unser Schiff umkreiste. Eine unge­wöhn­li­cher Anblick, die Tiere waren schnee­weiß. Wir haben einige gefangen, sie schme­cken süß, wenn man sie brät, nach Brot, nach Gebäck, nach Mandeln. Beun­ru­hi­gend ist, dass sie weder über Herzen noch Augen verfügen. Eine halbe Nacht haben wir einen Fisch nach dem andern durch­sucht. Als wir kein Exem­plar mehr hatten, um unsere Suche fort­setzen zu können, ist Miller mit dem Beiboot losge­fahren. Fast wind­still ist es hier unten auf Höhe des Meeres, weit oben jedoch rasende Wolken von West nach Ost. Ja, lieber Louis, wir durch­leben schwie­rige Tage. Und Noe, unser Noe in der Tiefe, ist von Fieber befallen. Wir haben ihn gut 150 Fuß ange­hoben, damit er Licht sehen kann. Seit mehreren Stunden wieder­holt er eine kleine Geschichte, von der wir nicht wissen, woher sie kommt. Noe sagt, Noe stelle sich ein Zimmer vor, ein freund­li­ches, helles Zimmer von aller­feinster Qual­len­haut, ein Zimmer von Wasser, ein Zimmer von Salz, ein Zimmer von Licht. Man könnte dieses Zimmer, und alles was sich im Zimmer befindet, das Qual­len­bett, die Qual­lenuhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schinen von Qual­len­haut, trocknen und falten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche stecken. Und dann geht man mit dem Zimmer durch die Stadt spazieren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaffee­haus und wartet. Noe sitzt also ganz still und zufrieden unter einer Venti­la­tor­ma­schine an einem Tisch, trinkt eine Tasse Kakao und lächelt und ist geduldig und sehr zufrieden, weil niemand weiß, dass er ein Zimmer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zimmer, das er jeder­zeit auspa­cken und mit etwas Wasser, Salz und Licht, zur schönsten Entfal­tung bringen könnte. Hier spricht Noe. Noe stellt sich ein Zimmer vor, ein freund­li­ches, helles Zimmer von feinster Qual­len­haut. – Beste Grüße. Ahoi. Dein OE SOM

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12.09.2012
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anton voyls fortgang

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delta

~ : oe som
to : louis
subject : ANTON VOYLS FORTGANG
date : nov 10 12 10.08 p.m.

Es ist gekommen, wie ich es erwartet habe. Noe schweigt. Wir haben ihm George Perecs Roman Anton Voyls Fort­gang in die Tiefe geschickt. Es handelt sich in unserer Versuchs­an­ord­nung um das Unter­was­ser­buch No 282, ein Buch, in dem der Buch­stabe E auf 320 Seiten nicht erscheinen wird. Kurz nachdem Noe seine Lektüre mit fester Stimme aufge­nommen hatte, versuchten wir vorher­zu­sehen, wie lange Zeit Noe lesen würde, ehe er das voll­stän­dige Fehlen eines bedeu­tenden Buch­sta­bens im Text bemerkt haben würde. Er las etwa 10 Minuten, dann hörte er auf, seine Stimme wurde zunächst leiser, er dehnte die Worte, sagte, dass ihm etwas merk­würdig vorkommen würde, er könne noch nicht sagen, was genau ihm merk­würdig erscheine, er müsse nach­denken. Wir sitzen jetzt alle vor den Laut­spre­chern und Bild­schirmen und warten. Im Schein der Lampe, die Noe und das Buch, das er in seinen schweren Händen hält, beleuchtet, sehen wir, dass er sich langsam bewegt. Er scheint im Buch zu blät­tern. Er scheint über­haupt noch immer, nach 656 Tagen in einer Meeres­tiefe von 820 Fuß schwe­bend, ein guter Beob­achter zu sein, obwohl es nichts zu sehen gibt als etwas Dämme­rung, wenn Tag geworden ist, und ein paar Fische, die ihn von Zeit zu Zeit besu­chen. Ich nehme an, Noe wird oft an uns denken. Er hört uns zu, hört was wir spre­chen, auch dann, wenn wir unter uns sind, wenn wir vergessen haben, das Mikro­phon auszu­schalten. An der Art und Weise wie wir atmen, vermag Noe zu unter­scheiden, ob Lin, Eric, Martin, Tom, Lilly oder ich vor dem Mikro­phon Platz genommen haben. Gerade eben beginnt er wieder zu lesen, er scheint an den Anfang des Buches zurück­ge­kehrt zu sein: In Roca­ma­dour gabs Mund­raub sogar am Tag: man fand dort Thun­fisch, Milch und Scho­ko­bon­bons im Kilo­pack. Und wieder schweigt Noe. Es ist später Abend. Samstag. Ein Fracht­schiff, hell beleuchtet, lungert am Hori­zont. Ahoi, lieber Louis. Dein OE SOM

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10.11.2012
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teegedanken

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nordpol

~ : oe som
to : louis
subject : TEEGEDANKEN
date : dec 21 12 11.05 p.m.

Einige Tage und Nächte haben wir alle gemeinsam in der Werk­statt zuge­bracht. Noe konnte uns hören in der Tiefe, wir hatten unsere Mikro­phone nicht ausge­schaltet, um ihn teil­haben zu lassen an unserem Leben. Jetzt, lieber Louis, jetzt da der heilige Abend näher kommt, wird Noe melan­cho­lisch. Er fragte wieder nach seinen Eltern, ob seine Mutter und sein Vater noch lebten. Was sollen wir antworten? Was nur, verdammt, sollen wir antworten? Nichts als die Wahr­heit? Wir wissen es nicht! Und so tun wir unser Bestes, Noe aufzu­hei­tern. Benny Goodman spielt von der Konserve: Live at Carne­gie­hall. Noe liebt Benny Goodman seit Kind­heits­tagen. Weiterhin haben wir Noe in eine leichte, beru­hi­gende Schwin­gung versetzt, er pendelt jetzt unter dem Schiff mit einer Ampli­tude von 20 Metern nach links und nach rechts. Indessen ahnt Noe nicht, was hier oben bei uns vor sich geht. Es ist nämlich so, dass wir unserem Taucher eine Über­ra­schung bereiten werden. Eric, unser Maschi­nist, hatte die Idee, einen Weih­nachts­baum für Noe zu konstru­ieren, die Anmu­tung eines Weih­nachts­baumes genauer, der geeignet ist, in die Tiefe gelassen zu werden. Wir haben uns Mühe gegeben, der Baum ist hübsch geworden, drei Meter hoch, ein Gebilde aus Metall, das über einen Stamm und Äste verfügt. Da und dort haben wir Unter­was­ser­fa­ckeln befes­tigt, die wir von der Ferne zünden werden. Ein beson­derer Abend, lieber Louis, steht bevor! Ob wir das Licht erkennen werden an der Ober­fläche des Meeres? Was wird Noe sagen? Und wie werden die Fische, die großen und die kleinen Raub­fi­sche reagieren? – Es ist jetzt Freitag und spät. Ein Duft von Zimt, Gewürz­nelken und Kaffee strömt durch das Schiff. Am Montag werden wir uns ein paar junge Süßwas­ser­welse braten. Es geht alles also einen guten Weg. Vor Stunden noch zitierte Taucher Noe aus dem Gedächtnis einen weisen Satz, den der Philo­soph Guido Cero­netti in seinen Teege­danken notierte. Noe sagte: Wenn ich wie ein Verlierer leben könnte, wäre ich es etwas weniger. – In diesem Sinne, lieber Louis : Ahoi! Dein OE SOM

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22.12.2012
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polaroidschirme

vögel

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delta

~ : oe som
to : louis
subject : VOEGEL
date : april 24 13 2.05 p.m.

Ich hörte wie Noe mit Vögeln sprach. Eine Stunde lang war seine knis­ternde Stimme zu vernehmen. Er flüs­terte: Hallo, hier ist Noe, seht ihr mich? Schaut her, was für ein Wunder!  Aber dann, sobald sich die Vögel von ihm entfernten, wurde seine Stimme laut, sein Ausdruck nach­drück­lich. Er versuchte sich bemerkbar zu machen, als ob er hoffte, sie würden ihn mit sich nehmen. Niemand kann seine Stimme hören, nur wir können Noes Stimme hören! Gegen drei Uhr habe ich Taucher Noe ange­spro­chen, um ihn fest­zu­halten, um ihn daran zu erin­nern, dass wir noch bei ihm sind. Noe, sagte ich, Noe, hör zu! Ich erwarte, dass Du mir erzählst, was Du siehst! – Da sind Vögel, antwor­tete Noe, sehr große Vögel, Vögel wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Wir wollen davon schweigen! – Der Morgen kam glück­li­cher­weise rasch, Martin machte sich unver­züg­lich auf den Weg in die Tiefe, noch drei oder vier Stunden und er wird Noe errei­chen. Unser Taucher indessen war einge­schlafen. Mehr­fach habe ich versucht, ihn zu wecken. Ich sagte: Noe, wie geht es Dir? Erzähl mir, was sind das für Vögel, die Du siehst? Keine Antwort. Stille von der Tiefe her, nichts als Noes langsam schla­gendes Herz. Gegen den Mittag zu vermerkte Noe plötz­lich, wir hätten ihm schon lange Zeit eine Brille verspro­chen. Ich meine, fuhr Noe fort, dass ich ein Recht auf eine Brille habe, wenn ich schon lese, stun­den­lang aus Büchern lese, die ich weder wählte noch wünschte. Meine Augen schmerzen, Ihr solltet mich herauf­holen und mir eine Brille verpassen. Das sagte Noe noch vor wenigen Minuten. Es klang wie eine Drohung. – stop. – Mitt­woch, 24. April 2013. Taucher Noe seit 781 Tagen unter Wasser. – stop. Tiefe 828 Fuß. – stop. Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
24.04.2013
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polaroidqualle

südostnordwest

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tango

~ : oe som
to : louis
subject : SÜDOSTNORDWEST
date : july 02 13 8.12 p.m.

Taucher Noe seit 851 Tagen unter der Wasser­ober­fläche. Tiefe 812 Fuß. Posi­tion: 42°55’NORD 51° 42’ WEST. stop. Es ist kurz nach Mitter­nacht, die See wieder ruhig. Gestern, unge­fähr zur selben Tages­zeit, wurden wir wie aus dem Nichts von einer mäch­tigen Welle getroffen. Beinahe wären wir geken­tert. Entsetzt über das Vorge­fal­lene, lagen wir einige Minuten still. Dann machten wir uns auf die Suche, wollten wissen, ob wir noch voll­zählig waren. Momente voller Demut. Ich erin­nere mich an Lidwiens zartes, blasses Gesicht, wie sie vor dem Funk­gerät sitzt und Noe anruft, er möge sich melden. Es war wie ein Gebet, sie fürch­tete, ihn verloren zu haben, das Tau, an dem er in der Tiefe schwebt, könnte gerissen sein, aber wir spürten ein leichte, schau­kelnde Bewe­gung unter dem Schiff. Es hatte den Anschein, als würde Noe unter uns durchs Dunkel pendeln. Nach einer halben Stunde gedul­digen Hoffens meldete er sich, wollte wissen, was geschehen war. Natür­lich antwor­teten wir auswei­chend, um ihn nicht zu beun­ru­higen. Erst vergan­gene Woche war es gewesen, da wir Noe erklärten, dass zu seinen Füßen weitere 10660 Fuß Tiefe warteten. Noe war für zwei Tage sprachlos gewesen, dann begann er Murphys Geschichte zu lesen Stunde um Stunde, setzte immer wieder von vorne an, das Buch scheint ihn zu beru­higen. In diesem Moment, da ich Dir schreibe, geht es wieder los: Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues. Murphy saß, als ob es ihm frei stünde, im Schatten, in einer Gasse West Bromb­tons. Hier hatte er wohl schon sechs Monate lang gesessen, getrunken, geschlafen, sich an- und ausge­zogen, in einem mittel­großen Käfig mit Front nach Nord­westen und unun­ter­bro­chener Sicht auf mittel­große Käfige mit Front nach Südosten. – Es ist uns, lieber Louis, ein gutes Zeichen, dass Noe wieder liest. Wir haben ihm verspro­chen, noch in diesem Monat eine Brille aufzu­treiben, ein Gestell zu fabri­zieren, das an seinem Helm befes­tigt werden kann. Manchmal denke ich, Noe glaubt uns nicht mehr, keinem unserer Verspre­chen, keiner Idee. – Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
03.07.2013
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polaroidkueste3

marías

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echo

~ : oe som
to : louis
subject : MARÌAS
date : aug 10 13 10.58 p.m.

Seit Noe eine Brille trägt, liest er zügig und fehler­frei wie noch vor Monaten aus Büchern, die wir zu ihm in die Tiefe senden. Als ich ihn besuchte, war er müde von der Lektüre Javier Marías gerade eben einge­schlafen. Und so konnte ich für längere Zeit heim­lich sein Gesicht betrachten hinter der Scheibe von gepan­zertem Glas. Er ist blass geworden. Kein Wunder, kaum Sonnen­licht an der Grenze zur Fins­ternis. Während ich Noe betrach­tete, wanderte eine Putzer­schnecke über seine Stirn dahin. Sie stieg bald über Noes Nase abwärts, um kurz darauf in aller Seelen­ruhe seine linke Wange zu bewan­dern. Er scheint sich an die Exis­tenz der Tiere auf seinem Körper gewöhnt zu haben, nach wie vor sind es fünf Schne­cken. Er wird von ihren Berüh­rungen niemals wach, selbst dann nicht, wenn sie sich um seine Lippen bemühen. Ich über­legte, wie der Geruch der Luft in Noes Anzug nach langer Zeit der Abge­schie­den­heit beschaffen sein könnte. Ein Schwarm Haifüss­liere näherte sich, neugie­rige Wesen? Viel­leicht wurden sie von Helm­licht Noes ange­zogen, einem sich langsam durch das Zwie­licht drehenden Finger. Er scheint zu flackern. Ich hatte vergessen, wie jung Noe doch ist. Ohne ihn aus der Nähe sehen zu können, nur seine lesende Stimme hörend, war der Taucher in meiner Wahr­neh­mung geal­tert, ohne dass ich das bemerkte. Sein Gesicht ist schmal geworden. Ich vermochte seine Augen­bälle zu erkennen, die sich unter ihren Lidern hin und her bewegten. Plötz­lich sah er mich an. Er lächelte, und er sprach ein paar Wörter, die ich nicht verstehen konnte, obwohl ich nur wenige Zenti­meter entfernt gewesen war. Ich antwor­tete, ich sagte: Noe, hör zu, Dein Vater ist gestorben. Da lachte Noe, vermut­lich dachte er: Der Mann ist so nah und er spricht und doch kann ich nicht hören, was er sagt. Dann machte ich mich an die Arbeit. Ich befes­tigte Noes Brille an seinem Helm. – Dein OE SOM

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10.08.2013
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polaroidsecuso

marlen

2

sierra

~ : oe som
to : louis
subject : MARLEN
date : nov 03 13 8.15 p.m.

Zum ersten Mal in diesem Herbst ist Schnee gefallen. Sehr helles Licht am Nach­mittag, aber die Sonne war nicht zu sehen gewesen. Wolken, feines Gewebe, berührten das Wasser, als sie sich lösten, begann es zu schneien. – Vergan­gene Woche ist Marlen an Bord gekommen. Sie wird sich Noe kommende Woche in einem schweren Taucher­anzug nähern. Wir haben darüber gespro­chen, ob sie nicht einige Tage in der Tiefe bleiben sollte, ein Gespräch führen Auge in Auge. Sie scheint sich zu fürchten vor der Enge, die sie erwartet, eine fröh­liche, junge Frau. Sie verbringt Stunden Zeit damit, das Wasser zu beob­achten, das fast ohne Bewe­gung zu sein scheint. Aber es ist eine starke Strö­mung aufge­kommen, wir haben zwei Motoren ange­worfen, um unsere Posi­tion halten zu können, das Schiff bebt. Noe berichtet, dass er uns in der Tiefe hören könne. Noch weiß er nicht, dass er bald Besuch bekommen wird. Er liest in diesen Tagen Walter Benja­mins Geschichten einer Berliner Kind­heit, sehr langsam. Dann wieder, nach Pause, Noes Selbst­ge­spräch: Lange Zeiten ohne einen Gedanken ohne einen Wunsch ohne eine Erin­ne­rung. Der Blick ins Wasser. Zarte Finger von Licht. Höre das Geräusch der Luft. Wünschte ich hätte eine Uhr. – Ahoi, lieber Louis, DEIN OE SOM – stop

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3.11.2013
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ping

schirmqualle

2

olimambo

~ : oe som
to : louis
subject : SCHIRMQUALLE
date : dez 06 13 6.22 p.m.

Gestern ist Marlen zu ihrer zweiten Exkur­sion in die Tiefe zu Noe aufge­bro­chen. Seit sie von ihrem ersten Besuch zurück­ge­kehrt war, hatte sie nicht viel mit uns gespro­chen. Sie erzählte ledig­lich, dass sie sich während der ersten Stunden ihres Aufent­haltes unter der Wasser­ober­fläche in ihrem Taucher­anzug vor allem darauf konzen­triert habe, sich möglichst nicht zu bewegen. Immer dann, wenn sie sich bewegte, sei die Enge ihres Habi­tats deut­lich spürbar geworden, sie habe dann unter Atemnot gelitten. Solange sie sich jedoch kaum bewegte, sei alles gut gewesen. Noe habe keine Notiz von ihr genommen. Sie habe seine Augen bestens erkannt hinter der Scheibe seines Helmes, aber er selbst habe nicht einmal versucht, ihre, Marlens Augen, aufzu­su­chen mit einem Blick. Es sei ihr unheim­lich gewesen, entweder sei Noe sehr diszi­pli­niert oder längst verrückt geworden. Natür­lich habe sie geschlafen, selbst­ver­ständ­lich habe sie während des Schla­fens ihre Augen geschlossen, und natür­lich könne sie nicht ausschliessen, dass Noe ihr in dieser Zeit nicht doch etwas Aufmerk­sam­keit gewidmet haben könnte. In den langen Stunden ihres Besuch habe er ohne Unter­bre­chung vorge­lesen. Er habe das Buch indessen mit seinen eisernen Hand­schuhen fest­ge­halten. Fische waren nicht in ihre Nähe gekommen, weshalb sie Fische nicht beschreiben könne, aber eine blau leuch­tende Schirm­qualle. Sie habe das Seil, an dem Noe befes­tigt ist, genauer betrachtet, es sei doch sehr dünn, auch Noes Atem­ver­sor­gung wirke höchst zerbrech­lich. Natür­lich habe sie nicht unmit­telbar verstanden, welche Wörter und Sätze Noe formu­lierte, obwohl sie ihm sehr nah gekommen war. Sie habe jedoch Noes Stimme mittelbar über den Funk des Schiffes gehört, eine Stimme, wie aus einer sehr großen Entfer­nung. – Weiterhin Schnee­fall und heftiger Wind. Es wird früh dunkel und sehr spät wieder hell. Bob ist seekrank. Ich melde mich wieder. Ahoi. Dein OE SOM

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6.12.2013
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ping

safranmantel

2

echo

~ : oe som
to : louis
subject : SAFRANMANTEL
date : april 24 14 10.55 p.m.

Es war, lieber Louis, vor zwei Tagen gewesen, als Noe die Lektüre der Meta­mor­phosen Ovids von einer Sekunde zur anderen Sekunde unter­brach. Er las noch folgende Sätze des 10. Buches: Durch die unend­liche Luft, vom Safran­mantel umhüllet, geht Hymenäus einher, zu dem kalten Gebiet der Cikonen, wo ihn umsonst anflehet der Ruf des melo­di­schen Orpheus. Jener erscheint ihm zwar; doch nicht heil­jauch­zende Worte bringt er, noch fröh­li­chen Blick, noch Ahnungen glück­li­cher Zukunft. Selbst die gehal­tene Fackel erzischt in beträ­nendem Dampfe immerdar und gewinnt nicht einige Glut von Bewe­gung. Schreck­li­cher war der Erfolg, wie die Deutungen. Durch die Gefilde Schweifte die jüngst Vermählte, vom Schwarm der Najaden begleitet, ach, und starb, an der Ferse verletzt von dem Bisse der Natter. Als zu dem Himmel empor der rhodo­pei­sche Sänger lange die Gattin beweint, jetzt auch zu versu­chen die Schatten. – Plötz­lich Stille, auch keine Atem­ge­räu­sche, Nacht. Marlen hatte Dienst. Nachdem sie, trotz mehr­fa­cher Versuche, keinen Kontakt zu Noe aufnehmen konnte, weckte sie uns. Wir lauschten gemeinsam in die Tiefe unge­fähr eine Stunde lang. Es war nichts Unge­wöhn­li­ches um uns her zu bemerken, auch auf dem Radar kein Hinweis auf Fisch­schwärme oder Wale, die Noe nahe­ge­kommen sein könnten. Am frühen Morgen, Taucher Noe hatte seine Lektüre nicht wieder aufge­nommen, aber er atmete gleich­mässig und hatte getrunken, machte sich Bob auf den Weg in die Tiefe. Zwei Stunden dauerte sein Abstieg, dann meldete er mit flüs­ternder Stimme: Ein U-Boot in unserer Nähe. Es scheint uns zu umkreisen, ein dunkler Schatten, ein beein­dru­ckend großes Schiff. Ich habe mich Noe genä­hert. Er lachte mich an. Das U-Boot trägt keinerlei Hoheits­zei­chen. Ein feiner Strahl von Licht bewegt sich in unsere Rich­tung wie ein Finger, ohne uns zu berühren. – stop. – Es ist Donnerstag geworden, später Abend. Bob befindet sich noch immer in 800 Fuß Tiefe bei Noe. Auch das U – Boot kreist weiterhin unter uns. Vor einer Stunde nahm Noe seine Lektüre wieder auf, unsi­chere Stimme, aber immerhin eine Stimme, die liest. Wir sind froh darum. Der Himmel über uns, ohne Wolken. Sterne. Prächtig. – Dein OE SOM

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24.04.2014
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