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Andreas Louis Seyer­lein lebt und arbeitet unter­wegs und auf Bäumen. Parti­cles sind meinem Vater gewidmet, der ein Leben lang nach kleinsten Teil­chen suchte und vermut­lich noch immer sucht. Meine digi­tale Arbeit wird mittels word­press veröf­fent­licht und durch das Deut­sche Lite­ra­tur­ar­chiv Marbach / zdb dauer­haft archi­viert. Titel­bild mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Otto Lili­en­thal Museums. – stop

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louis im
gebirge
22 mai
2016

tango : 22.01 – Folgendes. Immer gegen 8 Uhr in der Früh brechen wir auf, Georges und ich. Wir gehn ein paar Schritte über die Rue de Javel, nehmen die 6er Metro durch den Süden, steigen dann um in Rich­tung Porte Dauphin, fahren mal unter, mal über der Erde im Kreis herum, bis es Abend oder noch später geworden ist. So kann man gut sitzen, zufrieden, durch­ge­schüt­telt, Seite an Seite für viele Stunden, und Menschen betrachten, wie sie herein­kommen, Fahr­gäste, wie sie im Waggon Platz nehmen, wie sie beschaffen sind, davon legen wir Verzeich­nisse an, Georges ein Verzeichnis, und ich ein Verzeichnis. Weil es aber sehr schwer ist, ein Verzeichnis aller Erschei­nungen eines Raumes anzu­legen, der nicht gerade erfunden wird, eines Raumes, der sich fort­be­wegt, der betreten und verlassen wird von Menschen im Minu­ten­takt, das Verzeichnis eines Raumes, dessen Fenster sich von Sekunde zu Sekunde neu bespielen, weil es also unmög­lich ist, das Verzeichnis eines wirk­li­chen Raumes anzu­legen, machen wir das so : in der ersten Stunde des Reise­tages notieren wir ein Verzeichnis der zuge­stie­genen Krawatten, in der zweiten ein Verzeichnis der Schuhe und der Strümpfe, ein Verzeichnis, sagen wir, der Gehwerk­zeuge und ihrer Beklei­dung, dann ein Verzeichnis der Haar­trachten, der Taschen, der Methoden sich im fahrenden Zug einen sicheren Stand zu verschaffen, der Gesprächs­ge­gen­stände, der Art und Weise sich zu küssen, zu streiten, oder aber ein Verzeichnis absei­tiger Gestalten, ein Verzeichnis der Diebe, der Bettler, der Posau­nisten, der Verwirrten ohne Ziel, je ein Verzeichnis der Spra­chen und kleiner Geschichten, die wir aus der allge­meinen Bewe­gung zu isolieren vermögen. Von Zeit zu Zeit, während wir so fahren und notieren, höre ich neben mir ein Lachen. Wenn Georges lacht, hört sich das an, als habe er einen Vogel verschluckt, als lache er nur deshalb, weil er Made­moi­selle Moreau wieder frei­lassen wolle. Dann weiß ich, Georges hat etwas gefunden, das er mir abends in irgend­einem Cafe, wenn wir fertig, wenn Papier und Strom zu Ende sind und unser beider Köpfe so voll, dass sich nichts mehr in ihnen aufbe­wahren lässt, vortragen wird, – „Auf Krawatte gelb, zehn­zwei, lebende Ameise, argen­tisch, kreuz und quer. Der Code­name Servals war Louviers“, sagt Georges und hebt sein Glas. Fünf Gläser Pastis, fünf Gläser Wasser, – dann sind wir wieder leicht geworden, und weil die Luft warm ist, weil Mai ist, nehmen wir den letzen Über­landzug nach Norden oder den 11er nach Süden, dorthin, wo die Feuernelken blühn, und wenn es endlich Morgen geworden ist, steigen wir um, öffnen die Fenster und fahren nach Westen in unserer Wind­ma­schine spazieren. Der Regen schlägt uns ins Gesicht und wir sehen Gewitter aufsteigen und Schwefel vom Himmel kommen und weißes Licht, das die Land­schaft entzündet. So haben wir schon sehr schöne Gedanken über das Feuer gefangen und über das Schlag­zeug in diesem gewal­tigen Raum, der über uns hängt, einem Raum, dessen zentrales Verzeichnis von nicht mensch­li­chen Maßen ist, so dass wir bald nur schweigen und auf entfernte Menschen schauen, auf Szenen im rasenden Vorüber­kommen, auf Filme, die in unseren hin und her hastenden Augen derart kurze Filme sind, dass sie einer Foto­grafie sehr nahe kommen, nicht mehr Film sind und noch nicht ganz unbe­wegt. Es ist ganz so, als würden wir an einer gewal­tigen Aufnahme der Zeit vorüber­kommen, an einer Foto­grafie, deren Gegen­wart wir nicht berühren, weil wir nicht aussteigen können, ohne das Leben zu verlieren, weil wir zu schnell, weil wir in einer anderen Zeit sind. – stop / koffertext

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