esmeralda

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tango : 22.08 – Vor zwei Tagen, später Nach­mittag, über­reichte mir ein schwer atmender Bote ein Päck­chen, auf dessen Anschrif­ten­seite mit wuch­tigen Druck­buch­staben eine Anwei­sung notiert worden war: Do not shake! Der junge Mann, viel­leicht um mich zu warnen, deutete auf die Schachtel in seiner Hand und sagte: Ich rieche, dass in diesem Päck­chen etwas lebt! Und schon war er wieder auf der Treppe verschwunden. Tatsäch­lich handelte es sich bei dem Päck­chen um einen Lebend­trans­port, der in der italie­ni­schen Hafen­stadt Tala­mone aufge­geben worden war. Eine Schnecke hockte in einer perfo­rierten Schachtel geduckt unter welken Blät­tern. Als ich das kleine Tier vorsichtig auf einen Teller setzte, machte es zunächst einen sehr müden, erschöpften Eindruck. Sein Haus schien bald vom Körper zu rutschen, auch wurde keinerlei Flucht­ver­such unter­nommen, statt­dessen saß die Schnecke nahezu ohne Bewe­gung und schaute mich an. Selbst, als ich mich mit einem Finger näherte, zog sie sich nicht in ihr Kalk­ge­winde zurück. Eine halbe Stunde lang betrach­teten wir uns geduldig. Dann war später Abend geworden, ich hatte mehr­fach tele­fo­niert, der Schnecke ein Apfel­stück­chen ange­boten, das Pack­pa­pier, in welches die Sendung einge­schlagen gewesen war, auf der Suche nach einer Botschaft oder einem Absender, einge­hend unter­sucht, und war dann kurz spazieren gegangen. Indessen hatte sich die Schnecke in Rich­tung der Südwand meiner Küche in Bewe­gung gesetzt, war von dort aus, eine schim­mernde Spur hinter­las­send, weiter zur Diele hin gewan­dert, erreichte dort den Boden, um eine halbe Stunde später mein Arbeits­zimmer zu betreten. Derart leise war die Schnecke weiter­ge­zogen, dass ich sie beinahe vergessen hätte. Dann war Samstag, der Samstag verging, zwei weitere Stück­chen Apfel, und es wurde Sonntag und wieder Abend und es begann zu regnen. In diesem Moment sitzt die Schnecke einen halben Meter hoch über dem Fußboden an der Wand meines Wohn­zim­mers. Sie scheint zu schlafen. Wiederum ist sie nicht in ihrem Häus­chen verschwunden, was höchst merk­würdig ist. – stop

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polaroidanemonen

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batavia

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ginkgo : 22.16 – Ich bin nahe daran, mich an die Exis­tenz der Schnecke Esme­ralda zu gewöhnen, die am 20. Oktober in der Gestalt eines Geschenks zu mir gekommen war. Es ist so, dass ich nun behutsam durch meine Wohnung laufe, auch niemals im Dunkeln, Esme­ralda könnte viel­leicht gerade über den Boden wandern. Alle Türen stehen offen, manchmal muss ich längere Zeit nach der kleinen Schnecke suchen. Heute Morgen saß sie an der Decke meines Arbeits­zim­mers, das war zum ersten Mal, ich entdeckte sie nach einer Stunde, ich hatte sogar hinter den Kühl­schrank geschaut, einen Tisch, drei Lampen, Stühle und zwei Kommoden verrückt. Eine Schnecke mit einem Schne­cken­haus auf dem Rücken, erscheint als äußerst zerbrech­li­ches Wesen, gerade dann, wenn sie über einem Abgrund wandelt. Eine halbe Stunde beglei­tete ich Esme­ralda auf ihrem Weg von Ost nach West. Ich hörte, wie ich mit ihr sprach. Esme­ralda, sagte ich, Esme­ralda! Hielt indessen einen Hut in der Hand, um Esme­ralda im Notfall auffangen zu können. Gegen den Abend zu, sie hatte eine Weile in einem Meter Höhe an der Wand neben meinen Büchern ausge­ruht, erreichte sie den Boden, kroch von West nach Ost quer durch mein Zimmer, um an der gegen­über­lie­genden Wand wieder zur Decke hin aufzu­steigen. Ich lockte mit einem Stück­chen Apfel, vergeb­lich. Ich zog Esme­ralda an ihrem Häus­chen von der Wand, setzte sie in der Küche neben einem Blatt Bata­via­sa­lates ab, auch das war nicht erfolg­reich gewesen. Esme­ralda wendete unver­züg­lich, klet­terte vom Tisch, um am späten Abend genau jenen Ort wieder zu errei­chen, den sie zuvor einge­nommen hatte. Nach wie vor wundere ich mich darüber, dass Esme­ralda ihr Gehäuse wie ein Schmuck­stück auf dem Rücken zu tragen pflegt. Ich habe noch nie wahr­ge­nommen, dass sie sich in ihr Häus­chen zurück­ge­zogen hätte. Ihr Körper ist feucht, ihre Stiel­augen sinken manchmal zu Boden, das ist der Moment, da sie zu schlafen scheint. – stop

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nüsse. 20 gramm

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olimambo : 0.15 – Als ich unlängst von einer Reise zurück­kehrte, entdeckte ich Esme­ralda auf dem Rahmen der Tür zum Arbeits­zimmer. Die kleine Schnecke hockte genau dort, wo ich sie vor meiner Abreise zuletzt gesehen hatte. Viel­leicht konnte sie das Gewicht meiner Schritte auf der Treppe spüren, ihre Fühler­augen jeden­falls waren bereits ausge­fahren, als ich die Tür zur Wohnung öffnete. Esme­ralda schien den heim­keh­renden Mann in aller Ruhe zu betrachten. Ich über­legte, kaum hatte ich die Wohnung betreten, ob es möglich sein könnte, dass sich das Schne­cken­wesen in der Zeit meiner Abwe­sen­heit nicht von der Stelle bewegt haben könnte. Geschälte Pekan­nüsse, die ich im Dezember noch in Küche und Diele auf den Boden legte, waren unbe­rührt. Nun aber, da ich meinen Koffer auspackte, rührte sich Esme­ralda. Sie schien an Gewicht verloren zu haben, war in ihrer Wande­rung  jedoch so schnell wie üblich, weshalb ich behaupten möchte, dass Esme­ralda keinen Schaden genommen haben dürfte. Nach einer Weile erreichte sie das Arbeits­zimmer und klet­terte unver­züg­lich zur Decke empor, um direkt über meinem geöff­neten Koffer Platz zu nehmen. Dort verweilte sie für mehrere Stunden, auch als ich meinen Koffer längst entleert und das Licht im Zimmer ausge­schaltet hatte, rührte sie sich nicht. Direkt unter ihr, auf dem Sofa, lagen ein Paar Hand­schuhe und ein Notiz­buch. Gegen Mitter­nacht meldete sich L. Er berich­tete, er habe einen Auftrag ange­nommen, nämlich in die Gegend von Narvik zu reisen, um zwei­hun­dert tief­ge­fro­rene Seen, die noch ohne Namen sein sollen, zu bezeichnen. Als ich kurz darauf in mein Arbeits­zimmer zurück­kehrte, genau in dem Moment, da ich das Licht anschal­tete, liess Esme­ralda sich von der Decke fallen. Sie landete weich auf meinen Hand­schuhen. Ein unglaub­li­cher Anblick, es schien, als würde die Schnecke in dras­ti­scher Weise mit mir kommu­ni­zieren. Indem ich sie in die Luft hob, versuchte sie vergeb­lich, sich in ihr Haus zurück­zu­ziehen. Jetzt wieder Ruhe. Nebel­nacht. – stop

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ein unfall

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whiskey : 3.05 – Es war gestern Nacht um kurz nach drei Uhr, da ist etwas Schreck­li­ches geschehen. Eine Kaffee­tasse fiel mir aus der Hand in genau dem Moment, da ich Esme­ralda auf dem Weg von der Küche in mein Arbeits­zimmer passierte. Die kleine Schnecke war mir auf dem Fußboden entge­gen­ge­kommen, viel­leicht wollte sie nach­sehen, wo ich geblieben war. Natür­lich wurde sie von der Tasse getroffen, ich hörte ein helles Geräusch, die Tasse zerbrach, Kaffee spritzte gegen die Wände, und ich dachte, dass Esme­ralda diesen Unfall nicht über­lebt haben könnte. Ich rief: Esme­ralda! Um Himmels­willen! Und ging in die Knie. Aber anstatt eines Kalk­stein­scher­ben­hau­fens, fand ich eine äußer­lich voll­ständig intakte Schnecke vor, die sich aller­dings nicht bewegte, vermut­lich deshalb, weil sie erschro­cken gewesen war. Ich hob sie vorsichtig auf, setzte sie in der Küche auf einen Teller und wartete. Es dauerte unge­fähr drei Stunden, bis Esme­ralda wieder Zeichen von Leben zeigte. In dieser Zeit wich ich nicht von ihrer Seite, berührte sie immer wieder vorsichtig, um sie zu wecken, redete ihr gut zu, einmal entschul­digte ich mich für meine Unacht­sam­keit. Esme­raldas Körper schien in meinen Augen heller geworden zu sein, er schim­merte, plötz­lich streckte sie einen Fühler nach mir aus und so war ich unver­züg­lich wieder glück­lich geworden. Seither sind beinahe 24 Stunden vergangen. Ich kann in diesem Augen­blick noch nicht sagen, ob Esme­raldas Krise über­standen ist, denn sie verhält sich weiterhin merk­würdig, kriecht den Rand des Tellers entlang, ohne eine Pause einzu­legen, immer im Kreis herum, immer im Kreis herum. Zeit­weise folgte ich ihr mit einer Lupe, um ihr Gehäuse nach Bruch­spuren zu unter­su­chen. Nicht der kleinste Riss war zu erkennen, nicht einmal ein Abrieb, ich konnte den Ort, da die Tasse auf ihrem Gehäuse zerschellte nicht finden. Und so läuft Esme­ralda immer weiter im Kreis herum. – stop

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ohne radioradar

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nordpol : 1.55 – Eine stille Arbeits­nacht. Auf dem Tisch in der hölzernen Küche unterm Dach stapeln sich Tonspulen, die ich nach Zeit­punkt der Aufnahme oder den Namen der Personen, die ich befragte sortierte: Katinka 1 – 3. Vor wenigen Minuten war ich kurz einge­schlafen, ohne vom Stuhl zu fallen. Balance scheint möglich zu sein, oder ich habe nicht sehr tief geschlafen. Als ich erwachte, saß Esme­ralda vor mir auf dem Tisch. Sie betrach­tete mich. Ihre Fühler­augen bewegten sich äußerst langsam auf und ab. Dann setzte sie sich in Bewe­gung, wendete sich einer Banane zu, die auf dem Teller lag, dort schien sie bald einge­schlafen zu sein. Ich kann sie derzeit berühren, ihren schim­mernden Leib, sie flüchtet nicht, sie ist kühl und sie riecht nach Eisen und Regen und etwas nach Salz. Gestern hatte ich mich wieder einmal gefragt, ob Esme­ralda viel­leicht in der Lage sein, zu hören. Ich machte mich sofort auf den Weg zum Computer, um nach­zu­for­schen, ob Schne­cken über ein Gehör verfügen. Dann klin­gelte das Telefon, eine Stunde später erin­nerte ich mich, dass ich nach den Ohren der Schne­cken fragen wollte. Heute aber ist so eine Nacht, da ich nichts wissen will, auch nicht ob Esme­ralda hören kann wenn ich pfeife oder spreche. In meiner Nähe, sie schlafen vermut­lich gerade, exis­tieren Personen, die nichts ahnen vom Morden in der Ukraine, von Viren, die in Afrika Menschen befallen, von Flücht­lingen, die durch das Sing­schar – Gebirge irren. Sie lesen keine Zeitung, sie besitzen weder Radio noch Fern­seh­gerät, aber sie lesen Bücher, die sich immer sehr weit hinter der Jetzt­zeit bewegen. – stop

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am nachttisch

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india : 3.02 – Ich träumte von Winter­fliegen. Als ich aufwachte, erin­nerte ich mich, vor Jahren einmal über Winter­fliegen nach­ge­dacht zu haben. Ich notierte Folgendes: Die Gattung der Winter­fliegen sollte in eisiger Umge­bung exis­tieren, in Höhlen, die sie mit ihren Flie­gen­füßen persön­lich in den Schnee eingraben. Viel­leicht, das ist möglich, sind Winter­fliegen von Natur aus eher kühle Wesen, oder aber sie tragen einen wärmenden Pelz, ein Fell, wie das der Eisbären, weiche, weiße Mäntel von Haut und Haar, die ihre äußerst langsam schla­genden Herzen schützen. Diese Fliegen, dachte ich, werden einhun­dert Jahre oder älter, sie könnten sich von feinsten Stäuben ernähren, vom Plankton, das aus wind­ge­bückten Wäldern ange­flogen kommt, von Moosen, Birken­pollen, vom Kotsand nordi­scher Füchse. Ich stellte mir vor, sie sind weiß, so weiß, dass man sie nicht sehen wird, wenn sie über den Schnee spazieren. Man wird meinen, der Schnee bewege sich selbst oder es wäre der Wind, der den Schnee bewegt, statt­dessen sind es die Fliegen, die nicht größer sind als jene Fliegen, die nacht­wärts im Sommer aus einem Apfel steigen. – Ein ruhiger Tag, Augen zu, warm, Sonne. – Abends sitze ich in der Küche am Tisch. Ich öffne eine Schreib­ma­schine, die ich vor drei Jahren aus dem aktiven Schreib­ma­schi­nen­leben in mein Schreib­ma­schi­nen­mu­seum trans­fe­rierte, um nach­zu­sehen, ob ich sie viel­leicht noch einmal in Gang setzen könnte. Sehr kleine Schrauben türmen sich zu einem Berg, es riecht nach Metall, nach Zinn, wie in der Kind­heit, wenn ich meine Nase an Radio­ge­räte drückte. An der Wand in nächster Nähe hockt Esme­ralda, sie scheint mich zu beob­achten oder das Innere der Schreib­ma­schine. Aus dem Neben­zimmer dringen noch immer Kampf­ge­räu­sche, Schüsse von Gewehren, helle Töne, als würden Kiesel­steine anein­ander schlagen. Auch große Kaliber sind zu vernehmen, deren genaue Bezeich­nungen ich nicht kenne, Mörser viel­leicht, Panzer­ka­nonen, Maschi­nen­waffen. Ein Mann, ich möchte seinen Deck­namen an dieser Stelle nicht verzeichnen, sammelt Filme in der digi­talen Sphäre, die er zu endlosen Ketten knüpft, Szenen aus dem syri­schen Bürger­krieg, zuletzt von dem Kampf um Kobane. Personen stehen auf einer Straße, sie feuern auf Häuser, plötz­lich fallen sie um. Ein junger Mann hüpft vor dem Körper einer jungen Frau, die auf dem Rücken liegt, ein Teil ihres Gesichtes fehlt. Der junge Mann preist Gott, er stellt seinen Stiefel auf die Brust der jungen Frau, die vermut­lich, nein sicher, gegen ihn kämpfte. Bärtige Männer eilen gebückt über Felder, einem der Männer fliegt ein Arm davon. – stop

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nachtflug

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india : 0.18 – In diesem Jahr ist er spät zu mir gekommen, der Winter längst vorüber. Ein Falter segelte gestern Abend durch mein Arbeits­zimmer, bald saß er auf dem Boden. Ich näherte mich sehr vorsichtig, hob ihn auf und setzte ihn behutsam an eine Wand. – Es ist jetzt kurz nach Mitter­nacht. Ein paar Dioden­lichter glühen zu mir herüber. Ob ich den Falter füttern sollte? Viel­leicht würde er etwas Himbeer­mar­me­lade zu sich nehmen. Ich stelle mir vor, der Falter könnte 254 Jahre alt, er könnte ein Lich­ten­berg­falter sein, der rasch bei mir zu Kräften kommen möchte. Ja, das ist denkbar, immer wieder denkbar. Gestern, das will ich schnell noch erzählen, habe ich Flug­ver­suche unter­nommen mit einer fili­granen Rücken­pro­pel­ler­drohne. Es handelt sich um die Nach­bil­dung eines Tauben­schwänz­chens, demzu­folge ist sie nicht größer als 50 Milli­meter. Ich habe ihr beige­bracht, mir zu folgen, wenn ich durch meine Wohnung spaziere. In dieser Verfol­gung ist sie bereits sehr präzise, außerdem so schnell in ihrer Bewe­gung geworden, dass ich sie mit bloßer Hand nicht fangen könnte. Einmal näherte sie sich meiner Schnecke Esme­ralda. Das war ein Moment von höchster Aufmerk­sam­keit, ein Verhalten, als würde das Tauben­schwänz­chen mit Esme­ralda spre­chen, sehr seltsam, anrüh­rend, die Kirsch­bäume blühen. – stop 

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von der sekundenzeit

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delta : 0.02 – Wie jetzt der Sommer näher­kommt, ändert sich alles. Im Winter erfrieren Menschen, im Sommer fallen sie verse­hent­lich aus Fens­tern, die sie zum Vergnügen geöffnet haben. Bern­hardt L., der mich besuchte, erzählte von seinen Erfah­rungen, die er mit Todes­ur­sa­chen betrun­kener Menschen sammelte. Es war ein  ange­nehmer Abend. Eigent­lich wollten wir nicht von trau­rigen Geschichten spre­chen, aber dann wurde es doch irgendwie wieder einmal ernst. Wir saßen auf Garten­stühlen vor dem Fenster zu den Bäumen, die in den Himmel staubten, und beob­ach­teten meine Schnecke Esme­ralda, die sich der frischen Abend­luft näherte. Sie kroch ziel­strebig über den Boden hin, dann die Wand hinauf und ließ sich auf dem Fens­ter­brett draußen nieder. Wenn sich Schne­cken setzen, bewegen sie sich kaum noch, ihr feuchter Körper scheint indessen etwas breiter zu werden. Mein Bekannter Bern­hardt L. war sehr inter­es­siert an der Exis­tenz Esme­raldas in meiner Wohnung, er hatte sie noch nie zuvor gesehen und auch noch nicht von ihr gehört. Er wollte wissen, woher sie gekommen war, wie alt sie wohl sei, und warum sie diesen sehr schönen Namen Esme­ralda von mir erhalten habe. Ich erin­nere mich, wie er mit einem Finger zärt­lich über Esme­raldas Häus­chen strich, während er von einem unglück­li­chen Mann erzählte, der ein Zeit­wirt­schaftler von Beruf gewesen sein soll. Dieser Mann habe Minuten gezählt, Sekunden, in der Beob­ach­tung arbei­tender Menschen in einer Fabrik. Seine Aufgabe sei gewesen, Zeit­räume aufzu­spüren, die durch Verän­de­rungen in den Bewe­gungen der beob­ach­teten Menschen einge­spart werden könnten. In einem Brief, der sehr ausführ­lich sein Unglück notiert, habe er berichtet, dass es ihm zuletzt nicht möglich gewesen sei, eine Tasse Kaffee von der Küche in sein Wohn­zimmer zu tragen, ohne darüber nach­zu­denken, ob es wirt­schaft­lich sei, mit nur einer Tasse Kaffee in der Hand die Räume zu wech­seln, wenn es doch möglich wäre, zwei Tassen Kaffee zur glei­chen Zeit zu trans­por­tieren. – stop

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winterzeiten

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kurz vor mitternacht

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sierra : 23.55 – In U-Bahnen reisend immer wieder der Eindruck, Menschen würden mittels ihrer raschelnden Zeitungen zuein­ander spre­chen. Eine Weile ist Ruhe, aber dann blät­tert irgend­je­mand eine Seite um, und schon knis­tert der Wagon von Reihe zu Reihe weiter. Man möchte in diesen Momenten meinen, die Papiere selbst wären am Leben und würden die Lesenden bewegen. Einmal habe ich mir Zeitungs­pa­piere von stoff­ar­tiger Substanz vorge­stellt, Papiere von Seide zum Beispiel, so dass keinerlei Geräusch von ihnen ausgehen würde sobald man sie berührte. Eine eigen­tüm­liche Stille, Geräusch­lo­sig­keit, Leere, ein Sog, eine Wahr­neh­mung gegen jede Erfah­rung. – Kurz vor Mitter­nacht. Ich habe diese kleine Geschichte gerade eben Schnecke Esme­ralda vorge­lesen, um sie zu wecken. Sie war in der Abend­däm­me­rung über meinen Küchen­tisch gekro­chen, hatte sich auf eine Banane gesetzt und war dann vermut­lich einge­schlafen, während ich eine Debatte des grie­chi­schen Parla­ments via Live­stream beob­ach­tete. Dort auf dem Bild­schirm aufge­regte Menschen, die in einer wohl­klin­genden Sprache formu­lierten, die ich nicht verstehe, aber sofort erkenne, sobald ich sie vernehme. Einmal meinte ich, den Namen Willy Brandts gehört zu haben. – stop. Wolken­loser Himmel. stop. Nichts weiter. – stop

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drohne2

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ein zeitraum wird sichtbar

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echo : 0.28 – Wann war es das erste Mal gewesen, dass ich von der Filme­ma­cherin Laura Poitras hörte. Viel­leicht im Sommer des Jahres 2013. Ich erin­nere mich, jemand erzählte, sie sei eine in sich ruhende, sehr starke Frau, die niemals, auch in gefähr­li­chen Situa­tionen nicht, ihre Fähig­keit der Konzen­tra­tion verlieren würde. In ihrem Doku­men­tar­film Citi­zen­four, der vornehm­lich in einem Hotel der Stadt Hong Kong gedreht wurde, ist sie selbst kaum zu sehen. Ich meine ihre Gestalt sowie ihre Kamera in einem Spiegel für einige Sekunden wahr­ge­nommen zu haben. Ein merk­wür­diger, intensiv wirkender Film, dessen Bilder vage Vorstel­lungen der Ereig­nisse jenes Sommers mit wirk­li­chen Bildern füllte. Edward Snowden sitzt barfuss auf einem Bett, meine Augen beob­ach­teten ihn im Licht der vorge­stellten, vermut­lich sehr realen Gefahr, in der sich der junge mutige und überaus klar spre­chende Mann befand. Immer wieder hielt ich den Film an, um nach­zu­denken oder zu lernen. Einmal beob­ach­tete ich indessen wie sich Schnecke Esme­ralda über den Boden meines Arbeits­zim­mers in Rich­tung eines geöff­neten Fens­ters fort­be­wegte. Sie wanderte gemäch­lich die Wand hinauf zum Fens­ter­brett, wartete dort einige Minuten, während sie den Nacht­himmel mit ihren Augen betas­tete, um sich schließ­lich hinaus an die raue Haus­wand zu wagen. Einige Stunden später, in der Dämme­rung des Morgens, kehrte sie zurück. Ihre Kriech­spur schim­merte im ersten Licht des Tages an der Wand des Hauses, sie war, aus der Perspek­tive einer Schnecke betrachtet, weit herum gekommen. Den folgenden Tag über schlief Esme­ralda tief und fest, wie mir schien, in der Küche auf dem Tisch. Ihr schweres Gehäuse lehnte an einer Apri­kose. – stop

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giuseppi

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olimambo : 2.05 – Eine Schwe­fel­wolke, von Feuer­wer­kern über dem Fluss an den Himmel gesetzt, walzt nachts durch mein Arbeits­zimmer. Ich warte in diesem Moment vor dem Bild­schirm und tele­fo­niere und beob­achte zur glei­chen Zeit, wie mein Verschlüs­se­lungs­pro­gramm meldet, irgend­eine Maschine habe in den vergan­genen 5 Minuten versucht, meinen Basis­schlüssel heraus­zu­finden. Ich erhalte 1218 Warnungen inner­halb 1 Minute per E-Mail zuge­stellt. Und während ich von Giuseppi Logan ( Hört ihm zu! ) erzähle, dem ich ohne es zu bemerken, im Jahre 2010 im Thomp­kins Square Park persön­lich begegnet sein könnte, geht das immer weiter so fort, in klei­neren Paketen treffen rasend schnell alar­mie­rende E-Mails bei mir ein. In diesem Moment könnte ich wirk­lich nicht sagen, ob ich nicht viel­leicht träume, was ich vor mir auf dem Bild­schirm beob­achte. Vorhin zählte ich Mari­en­käfer nahe der Lampen. Zur Zeit leben 22 Persön­lich­keiten in meiner Wohnung, 1 Käfer sitzt schon seit Stunden auf dem Gehäuse Esme­raldas fest. – stop

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giuseppi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Niemand klang in einem Ensemble so wie Giuseppi [Logan]. Bei seinem Spiel hielt er seinen Kopf weit zurück; dazu erklärte er: „Auf diese Art ist meine Kehle weit offen“, so konnte er mehr Luft einziehen. Er spielte in einem Umfang von vier Oktaven auf dem Altsa­xo­phon. Was ihn als Impro­vi­sator von anderen unter­schied, war die Art, wie er seine Noten plat­zierte und damit einen bestimmten Klang schuf, dem die anderen der Gruppe dann folgten. Seine Stücke waren aus diesem Grund sehr attraktiv; Giuseppi hatte seine ganz eigenen Ansichten über Musik …“ – Bill Dixon

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the look of silence

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papa : 0.45 – Als ich gestern Abend den außer­ge­wöhn­li­chen Doku­men­tar­film The Look of Silence betrach­tete, ist etwas sehr Merk­wür­diges geschehen. Meine Schnecke Esme­ralda stürzte nämlich aus 1 Meter Höhe von der Wand auf den Fußboden, woraufhin ich die Schnecke vorsichtig in die Hände nahm und nach mögli­chen Schäden suchte. Als ich die Schnecke kurz darauf wieder vor die Wand setzte, als Esme­ralda nach weiteren 2 Minuten erneut von der Wand stürzte, stoppte ich den Film und über­legte, ob meine Schnecke mögli­cher­weise krank geworden sein könnte. Indessen klet­terte Esme­ralda, wie unter einem Zwang, zum dritten Mal die Wand hinauf, diesmal jedoch fiel sie nicht auf den Boden zurück. Besorgt verfolgte ich ihre Bewe­gung mehrere Minuten lang, alles ging solange gut, bis ich die Betrach­tung des Filmes fort­setzte. Nach einigen weiteren Versu­chen ist nun Folgendes zu berichten. Esme­ralda reagiert scheinbar auf Geräu­sche, die der Film erzeugt. Ich nehme an, meine Schnecke wird von Rufen der Zikaden, welche im Film immer wieder über längere Zeit zu hören sind, müde, sie schläft ein, sie vergisst sich sozu­sagen, ihre Lage an der Wand, die gefähr­liche Tiefe unter ihr. Eine erstaun­liche Beob­ach­tung. Ich habe bisher noch nicht darüber nach­ge­dacht, ob Schne­cken über ein Hörver­mögen verfügen, es ist denkbar, dass Schne­cken über ein Körperhautohr gebieten. – stop

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stamps1

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mexico

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nordpol : 1.15 – Gestern Abend ist etwas Lustiges passiert. Schnecke Esme­ralda entdeckte eine Möglich­keit, mein Fern­seh­gerät zu besteigen. Sie saß wohl schon eine Weile dort obenauf, als ich sie, kurz nachdem ich das Fern­seh­gerät einge­schaltet hatte, bemerkte. Vom aufblen­denden Licht unter ihrem Haftfuß über­rascht, begann sie, kreuz und quer über den Bild­schirm zu flüchten, ihre Augen indessen streckte sie soweit wie möglich von sich, schließ­lich ließ sie sich einfach fallen, wand sich auf dem Boden als wäre sie verrückt geworden, lag dann eine Weile still, so dass ich mich vorsichtig näherte, weil ich fürch­tete, sie könnte ernst­haft Schaden genommen haben. Ich fuhr, um ihre Lebens­geister zu locken, mit einem feinen Pinsel über ihre feuchte, ledrige Haut, und bemerkte bald wie ein Schim­mern über ihren Körper wanderte. Kurz darauf streckte sich ihr Körper unter ihrem schweren Gehäuse in der Art der Sche­cken, wenn sie sich erheben, und wanderte über den Boden fort in die Diele und von dort aus in die Küche hoch auf den Tisch, wo sie nun seit Stunden auf einer Banane sitzt. Ich glaube, sie schläft, ihre Turmaugen haben sich in den Körper zurück­ge­zogen, aber sie erwacht unver­züg­lich, wenn ich und solange ich tele­fo­niere, zum Beispiel mit M., die von ihrem Freund erzählt, der bald nach Mexiko reisen wird. Sie wohnt seit Jahren mit ihm in einer Wohnung, ohne ein Wort mit ihm zu spre­chen. Sie sagt, jede seiner Reisen seien für sie mit dem Wunsch verbunden, er möge bald zurück­kehren, sie sei fröh­lich, sobald er wieder in die Wohnung trete, spre­chen werde sie jedoch nie wieder mit ihm an diesem Ort, und das sei gut so, weil sie sich in dieser Weise zu Hause nie streiten, sie lebten sehr harmo­nisch, er mache immer Früh­stück für sie, er lege Foto­gra­fien, zum Beispiel von Mexiko, auf ihren gemein­samen Tisch, sie suche dann die Guten heraus, Bilder, die gelungen sind, es gebe nie Diskus­sionen deswegen, weil sie eben nicht mehr mitein­ander spre­chen, höchs­tens mit den Augen und mit den Händen oder mittels Gegen­ständen, die irgendwo liegen oder nicht liegen. – stop

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schnee

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delta : 2.05 – Mitten in der Nacht wachte ich auf. Vor den Fens­tern fiel Schnee, buschige Flocken­pelze, sehr dicht, aus der Entfer­nung, ein heller, sich bewe­gender Schatten. Esme­ralda hockte auf dem Fens­ter­brett und sah hinaus. Sie schien tatsäch­lich Schnee­flo­cken zu beob­achten, viel­leicht deshalb, weil es in der Wohnung zur Nacht­zeit, ich hatte geschlafen, nichts weiter zu unter­su­chen gab. Ich über­legte, ob es möglich wäre die kleine Schnecke, die nun seit Oktober des Jahres 2013 in meiner Nähe lebt, einmal mit nach New York zu nehmen. Ich müsste sie im Hand­ge­päck verstauen, heim­lich, viel­leicht in einer Dose verbergen, die belüftet ist. Ich könnte eine hand­voll Sulta­ninen als Schne­cken­pro­viant mit mir nehmen in der Hosen­ta­sche, Esme­ralda füttern während wir über den Atlantik fliegen. Es ist seltsam, ich habe lange Zeit darüber nach­ge­dacht, wer mir Esme­ralda geschenkt haben könnte, wer sie vor zwei Jahren für mich in eine Schachtel setzte und weshalb. Vor einigen Wochen, als Esme­ralda gerade fried­lich schla­fend vor mir auf dem Schreib­tisch auf einer Banane saß, näherte ich mich mit einem Ohr und lauschte an ihrem Häus­chen. Ich hörte nichts oder nur eine Vorstel­lung, ein summendes Geräusch. Bald wäre ich aufge­standen, wollte mir feines Werk­zeug aus der Küche holen, wollte ein äußerst feines Loch in Esme­raldas Schne­cken­ge­winde bohren. Als hätte sie geahnt, was ich plante, als hätte sie meinen zugleich nach­denk­li­chen wie bereits entschlos­senen Blick bemerkt, rich­tete Esme­ralda ihre Fühler nach mir aus und musterte mich. Ich meinte in diesem Augen­blick ein Lächeln in ihrem Gesicht bemerkt zu haben. – stop

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seltsam

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ulysses : 1.18 – Wie ist es möglich, Geschichten zu erzählen, die seltsam sind, ohne sofort selbst für seltsam oder merk­würdig oder gar gefähr­lich gehalten zu werden, da doch diese merk­wür­digen Geschichten in meinem Kopf entstehen? Ich habe L. von Esme­ralda erzählt, dass Esme­ralda eine Schnecke sei, die in meiner Wohnung lebe, als wäre sie eine Katze, dass ich das kleine Tiere füttern würde, dass ich meine Wohnung im Winter beheize, auch wenn ich nicht anwe­send sei, damit Esme­ralda nicht frieren möge. Liebe L. sagte ich, ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mir aus freien Stücken eine Schnecke zu kaufen oder aber zur Sommer­zeit in einem Garten einzu­fangen, nein, niemals, wenn nun aber eine Schnecke als Geschenk, als kosten­freie Offerte auf posta­li­schem Wege zu mir reiste, warum sollte ich das Geschenk zurück­weisen, warum nicht einen Versuch unter­nehmen, ein guter oder vorzüg­li­cher Schne­cken­halter zu werden? Wir werden es versu­chen, sagte ich zur Schnecke kurz nachdem sie ange­kommen war. Jahre sind seither vergangen, Esme­ralda scheint mit ihrem Leben in meiner Wohnung einver­standen zu sein. Einmal öffnete ich die Tür zum Trep­pen­haus und wartete. Ein anderes Mal öffnete ich ein Fenster und wartete wiederum einige Zeit, Esme­ralda blieb oder kehrte zurück. Es stellt sich nicht zum ersten Mal die Frage: Wie alt werden Schne­cken? Ist Esme­ralda nicht viel­leicht bereits viel zu alt, um noch als gewöhn­liche Schnecke betrachtet werden zu können? – stop

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maryland

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lima : 9.15 UTC – Vor wenigen Stunden noch auf dem Sofa sitzend, beob­ach­tete ich Esme­ralda wie sie sich mir langsam über den hölzernen Boden meines Arbeits­zim­mers von der Diele her kommend näherte. Immer wieder einmal hielt die kleine Schnecke kurz an, betrach­tete Struk­turen des Holzes, Wirbel insbe­son­dere, die sie aus irgend­einem Grund für bemer­kens­wert erach­tete. Eine halbe Stunde später war sie bei mir auf dem Sofa ange­kommen, fuhr sogleich ihre Fühler in den Kopf zurück, um ein wenig zu schlafen. Gegen 22 Uhr weckte ich Esme­ralda. In diesem Augen­blick bemerkte ich, dass ich nicht wusste wie ich Esme­ralda präzise anspre­chen sollte: Guten Morgen viel­leicht, oder doch: Guten Abend! Welche Uhrzeit haben wir, dachte ich, gerade in Mary­land? Ich über­legte einige Minuten lang, indessen Esme­ralda mich aufmerksam zu betrachten schien. Dann schlief sie wieder ein. – Heute ist der 1. Mai. Regen. Nichts weiter. – stop

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