jean paul

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char­lie : 3.08 — Wäh­rend eines Gesprä­ches im Gehen erzählte ich Mut­ter, dass ich vor Jah­ren ein­mal fürch­tete, ihr Leben könnte vor dem Leben mei­nes Vaters enden. In Bruch­tei­len einer Sekunde ant­wor­tete sie, dass Vater ihr in die­sem Falle sehr bald nach­ge­stor­ben wäre. Ich war sofort ste­hen­ge­blie­ben, das Wort nach­ster­ben irri­tierte. Ich meinte die­ses Wort noch nie zuvor gehört zu haben, und über­legte, ob Mut­ter das Wort viel­leicht erfun­den haben könnte, ein Wort also für eine Situa­tion, die sie sich selbst vor­ge­stellt haben mochte. Einige Stun­den spä­ter suchte ich nach dem Wort in der digi­ta­len Sphäre. Tat­säch­lich exis­tiert die­ses Wort bereits seit lan­ger Zeit. Ich war nun ein altes Kind gewe­sen, das Wör­ter lernt, in dem es Geräu­sche von den Lip­pen sei­ner Mut­ter liest. Habe auf der Suche nach den Spu­ren jenes Wor­tes eine feine Beob­ach­tung Jean Pauls ent­deckt: Außer­halb des Traums kom­men uns Emp­find­bil­der öfter von Tönen als von Reden und Schäl­len vor; nach einer Musik­nacht kann die bewegte Seele sich will­kür­lich die Melo­dien, aber nicht die Gesprä­che wie­der­klin­gen las­sen; denn wie sehr der Musik­ton, die Poe­sie des Klan­ges, so tief mehr in uns als um uns zu spie­len und unter allen Emp­fin­dun­gen von uns mehr geschaf­fen als emp­fan­gen zu wer­den scheint, bewei­set die schon ange­führte Erfah­rung, daß wir an einem Sin­gen und Flö­ten, das in immer wei­tere Ferne ver­fließt, gerade mit dem gespann­tes­ten Ohre die letz­ten aus­ster­ben­den Töne von Außen nicht von den nach­ster­ben­den von Innen son­dern kön­nen. — stop. Drei Uhr. stop. Heute Nacht pfeift ein Vogel irgendwo im Dun­keln, obwohl es noch lange Zeit nicht hell wer­den wird. Das ist selt­sam. Er scheint mich im Auge zu behal­ten. Ich stehe am Fens­ter und bewege einen Arm und eine Hand als würde ich win­ken. Diese Geste lässt den Vogel ver­stum­men, warum? — stop
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capote

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nord­pol : 1.22 — Gegen sechs Uhr rief ich bei Lions Wri­ters Sup­port Ser­vices an. Guten Abend, sagte ich, ich benö­tige drin­gend einen Capote zum Spa­zie­ren am kom­men­den Sams­tag. Haben Sie viel­leicht einen für mich frei, den Sie mir lei­hen könn­ten von 3 Uhr am Nach­mit­tag bis in die Nacht irgend­wann? Das Fräu­lein am ande­ren Ende der Lei­tung ant­wor­tete: Einen Capote? Bitte war­ten Sie einen Moment. Also war­tete ich. Ich war­tete unge­fähr fünf Minu­ten, hörte, wie sie mit irgend­wel­chen Leu­ten dis­ku­tierte. Ich glaube, sie hielt, wäh­rend sie sprach, mit einer Hand die Mikro­fon­mu­schel ihres Tele­fon­hö­rers zu, da ich dem Gespräch nicht fol­gen konnte. Nach eini­gen Minu­ten kehrte sie zurück: Ja, sagte sie, wir haben einen Capote frei am kom­men­den Sams­tag. Wo wol­len sie ihn tref­fen? Ich ant­wor­tete, dass ich unbe­dingt am Strand von Coney Island spa­zie­ren müsse, Treib­gut sam­meln, Sturm­zei­chen notie­ren, das Meer betrach­ten, mit Tru­man über das Was­ser spre­chen, über digi­tale Schreib­ma­schi­nen, Funk­bü­cher und alle diese Dinge. Treff­punkt also Brigh­ton Beach Ave­nue Ecke 3th Street!  Wird gemacht, bestä­tigte das Fräu­lein, Sie wis­sen schon, Capo­tes sind nicht ganz bil­lig? Oh, ja, sagte ich, das will ich gerne glau­ben. Wie viel, fragte ich, was habe ich zu erwar­ten? - 150 Dol­lar die Stunde, ant­wor­tete das Fräu­lein. Sie machte eine kurze Pause, um bald hin­zu­zu­set­zen, dass sie etwas weni­ger berech­nen würde, weil jener Capote, der für mich reser­viert war, bereits für eine Frei­tags­party gebucht wor­den sei. Er wird nicht ganz frisch am Sams­tag vor Ihnen erschei­nen, sagen wir 120 Dol­lar, wäre das in Ord­nung? - Aber natür­lich wäre das in Ord­nung, ich jubi­lierte, ein ver­ka­ter­ter Capote, even­tu­ell leicht betrun­ken, wun­der­voll! Ich quit­tierte 1200 Dol­lar für zehn Stun­den und notierte: Spa­zier­ge­spräch mit Tru­man Capote. Sams­tag 18. Mai, 15 Uhr. Das war also ges­tern gewe­sen. Vor weni­gen Minu­ten wurde mir per Kurier eine Gebrauchs­an­wei­sung für Herrn Tru­man Capote über­mit­telt. Ein Hand­buch. 15 Sei­ten. — stop
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MELDUNG : martha

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MELDUNG. Auto­mo­bile, fol­gende, wur­den nach einem Kauf­haus­be­such zu Lon­don in Mar­tha B., 86, vor­ge­fun­den : Magen — Cadil­lac Eldo­rado Biar­ritz [ 1959 ], Jaguar S.S. 100 [ 1937 ], Dünn­darm – Cor­vette C1 [ 1953 ], Dick­darm — Ford Pilot [ 1952 ]. Die Durch­su­chung des hoch­be­tag­ten Bau­ches wurde von den Royal Courts of Justice zwin­gend ange­ord­net. — stop

polaroidrose

echoes

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sierra : 5.28 — Eine Ameise hatte trotz der gro­ßen Höhe, in der sich meine Woh­nung befin­det, zu mir gefun­den. Sie klet­terte vor­sich­tig gegen den Boden zu, tas­tete sich über war­mes Holz, erreichte ein Tisch­bein, um kurz dar­auf direkt vor mei­nen Augen zu erschei­nen. Viel­leicht wird sie mei­nen Atem wahr­ge­nom­men haben, einen Wind, denn sie duckte sich kurz, ich hatte den Ein­druck, dass sie mich betrach­tete. Aber dann lief sie wei­ter, umrun­dete meine Schreib­ma­schine, kreuzte über den Tisch, um auf der ande­ren Seite wie­der abzu­stei­gen und in der Dun­kel­heit des Fens­ters zu ver­schwin­den. Nur wenige Minu­ten spä­ter, ich hatte das Zim­mer kurz ver­las­sen, bewegte sich eine dun­kel schim­mernde Amei­sen­herde exakt auf dem Pfad, den zuvor das ein­same Tier genom­men hatte, durch den Raum. Ein doch äußerst bemer­kens­wer­ter Vor­gang. Mög­li­cher­weise hatte es sich zunächst um eine Kund­schaf­ter­a­meise gehan­delt, die mich besuchte. Ihre Brü­der, ihre Schwes­tern waren nun sehr ziel­stre­big in mei­nem Zim­mer unter­wegs. Ich meinte das Geräusch hun­der­ter Beine ver­neh­men zu kön­nen. Sie tru­gen Papiere in ihren Zan­gen wie Fah­nen. Tat­säch­lich waren Zei­chen oder Teile von Zei­chen auf der Amei­sen­beute zu erken­nen, die sie gleich hin­ter mei­ner Schreib­ma­schine zu einem Berg schich­te­ten, um sofort wie­der zum Boden hin abzu­stei­gen. Nach einer hal­ben Stunde, alle Amei­sen waren ver­schwun­den, schloss ich das Fens­ter. Ich hätte nun schwö­ren kön­nen, mir den Besuch der Amei­sen nur ein­ge­bil­det zu haben, wenn nicht auf dem Tisch das Papier­werk der Wan­de­rer als Beweis zurück­ge­blie­ben wäre. Natür­lich machte ich mich sofort an die Arbeit. Eine Stunde ver­ging, dann war ich mir sicher gewe­sen, dass es sich bei dem Arte­fakt auf mei­nem Tisch um eine ein­zelne, zer­teilte Buch­seite han­deln musste. Vier wei­tere Stun­den spä­ter hatte ich die Seite und ihre Zei­chen rekon­stru­iert. Fol­gen­der Text wurde sicher­ge­stellt: ZUVIEL / Die Welt ist „unzähl­bar“, gefüllt mit Din­gen, Büchern, Büchern, die über Dinge spre­chen, / die Welt trägt zusam­men und die Bücher tra­gen zusam­men, was die Welt zusam­men­trägt, / und auf sei­nem Tisch Bücher und noch­mals Bücher zu sehen / und Foto­bü­cher, Kunst­bü­cher und Bücher, die von ande­ren Büchern reden, und sich nun sel­ber eben­falls anschi­cken, die Welt auf einem Blatt Papier zu erfas­sen, diese ver­fluchte Summe von Aus­las­sun­gen zu erfas­sen, um dem Sta­pel noch ein eige­nes Echo hin­zu­zu­fü­gen … Es ist fünf Uhr gewor­den. Ich bin zufrie­den. Ich habe den Ursprung des Tex­tes erin­nert. Er wurde von Yas­mina Reza in ihrer Sonate Ham­mer­kla­vier ver­öf­fent­licht und von Eugen Helmlé aus der fran­zö­si­schen in die deut­sche Spra­che über­tra­gen. Drau­ßen wird es lang­sam hell, Regen fällt. — stop
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zwei zimmer

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sierra : 5.16 — Nachts, sobald ich die Vögel pfei­fen höre, meis­tens ist es einer für sich allein, der in Ahnung ers­ten Lichts zu sin­gen beginnt, weiß ich, dass ich auf­ste­hen sollte und zu den Fens­tern gehen, um meine Rol­los für Schlaf her­un­ter zu las­sen. In genau die­sem Moment dre­hen sich Tag und Nacht schein­bar um eine Achse, Tag­zim­mer bei Nacht wer­den zu Nacht­zim­mern bei Tag. Gleich, in einer Minute, ist es wie­der so weit. Guten Mor­gen. — stop
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ein gewehr für kinder

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delta : 6.16 — Irgend­wann ein­mal muss ich davon gehört haben, dass es in Ame­rika mög­lich ist, Gewehre für Kin­der zu kau­fen. Diese Gewehre sind ihrer Gestalt nach den Geweh­ren der Erwach­se­nen äußerst ähn­lich, aber sie sind klei­ner und bon­bon­far­big und ver­mut­lich auch leich­ter. Das Selt­same ist, dass diese Kin­der­ge­wehre ebenso wir­kungs­voll sind, wie die Gewehre der Erwach­se­nen. Wenn ein Kind mit einem Kin­der­ge­wehr einen Schuss auf ein ande­res Kind abfeu­ern will, zum Bei­spiel auf des­sen Kopf, oder ver­se­hent­lich ein Schuss sich lösen sollte, wird das schie­ßende Kind bemer­ken, dass das beschos­sene Kind zu Boden fällt und hef­tig blu­tet, ver­mut­lich aus einem Loch, das sehr plötz­lich in sei­ner Schä­del­de­cke ent­stan­den ist. Es liegt dann bebend ein­fach so da auf dem Tep­pich eines Zim­mers oder im Gar­ten unter einer blü­hen­den Magno­lie oder auf einer Straße, die von wein­ro­ten Blät­tern bedeckt ist, weil der töd­li­che Schuss zur Herbst­zeit abge­feu­ert wurde. Ver­wun­dert, viel­leicht schon wei­nend, wird das Kind, das die Fol­gen des Schus­ses betrach­tete, in die Küche oder ins Schlaf­zim­mer stür­men, wo die Mut­ter einer­seits schläft oder ande­rer­seits gerade das Mit­tag­es­sen zube­rei­tet. Viel­leicht hat die Mut­ter den Schuss selbst gehört und kommt ihrem bit­te­ren Kind ent­ge­gen, beide haben ihre Augen weit geöff­net. Das Kind, das an den Bauch der Mut­ter stürmt, will ver­mut­lich getrös­tet wer­den, es ist ja noch nicht ein­mal zehn Jahre alt, es braucht die­sen Trost sehr sicher, weil das andere Kind nicht wie­der auf­ste­hen will, weil das gefal­lene Kind in einer Weise blu­tet, die nicht üblich ist. Wie dann die Mut­ter ihrem wei­nen­den Kinde fol­gen wird, wie beide den Ort des Gesche­hens errei­chen, wie die Mut­ter zu Boden sinkt, wie sie weint und klagt, wie sie mit zit­tern­den Hän­den den schwer ver­sehr­ten Lei­chen­kör­per betas­tet, wie sie den Him­mel anruft, wie sie selbst kaum noch atmet, hin­ter ihr ste­hend das über­le­bende Kind, das die geliebte Mut­ter beob­ach­tet. Wie es jetzt zögernd näher kommt, ganz leise, weil es um Him­mels­wil­len die Repa­ra­tur­ar­bei­ten der Mut­ter nicht stö­ren will. – stop

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stehen … schlafen

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nord­pol : 3.08 — Wenn man ein Hotel für Steh­schlä­fer betritt, ist das meis­tens spät in der Nacht, alle wei­te­ren Hotels, wel­che geeig­net wären, im Lie­gen zu schla­fen, sind aus­ge­bucht. Auch mit klei­ne­ren Spen­den, die man gerne offe­riert, weil man müde ist, weil man kei­nen wei­te­ren Schritt zu tun in der Lage zu sein glaubt, war an den Rezep­tio­nen nichts zu machen. Jetzt ist man also hier, wo man sehr preis­wert in Schlaf­spin­den oder ganz ein­fach an Wän­den leh­nend schla­fen kann. Das Beson­dere an einem Hotel für Steh­schlä­fer ist, dass sich das Per­so­nal um schla­fende Gäste auch dann noch bemüht, wenn das Licht längst aus­ge­schal­tet ist. Gurte, wel­che zur Sta­bi­li­tät um Ober,- und Unter­schen­kel gewi­ckelt sind, wer­den straff gehal­ten, fal­lende Per­so­nen wie­der auf­ge­rich­tet. Auch für einen tie­fen Schlaf wird gesorgt, wie das gemacht wird, davon sollte ich nicht erzäh­len, nicht das lei­seste Wort, nie­mand will das wirk­lich wis­sen, selbst die Schla­fen­den nicht. Man schläft behü­tet, man schläft solange man will, eine Stunde oder eine Nacht oder meh­rere Tage. Sobald man nun erwacht, nimmt man sei­nen Kof­fer vom Boden auf und geht ganz ein­fach davon. Es ist schon ein merk­wür­di­ger Anblick, hun­derte Men­schen, die ent­lang der Wände eines Saa­les neben ihren Kof­fern ste­hen. Man­che spre­chen, andere sin­gen leise im Schlaf. Vögel flie­gen umher oder sit­zen auf den Schla­fen­den selbst, die sich nicht rüh­ren, obwohl sie noch leben. Irgendwo muss ein Fens­ter offen ste­hen. Ein leich­ter Wind geht. Ich höre das Horn eines Schif­fes, aber ich bin mir nicht sicher, ob das Schiff wirk­lich exis­tiert. Für einen Moment wird es hell wie am Tag, als ob die Sonne mir direkt ins Auge leuch­tet. Eine Hand fährt über meine Stirn, ich höre ein Flüs­tern, ich meine gehört zu haben, wie jemand sagte: Er ist schon vier Wochen hier, wir müs­sen ihn wecken oder baden. Ja, irgendwo muss ein Fens­ter offen ste­hen. Ein leich­ter Wind. — stop

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MELDUNG : bergen

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MELDUNG. Zu Ber­gen im Opern­haus, Kome­di­ebak­ken No 9, wer­den am kom­men­den Sonn­tag­abend, 5. Mai 2013, zwei junge Moor­frö­sche, Letzte der Gat­tung rana ara­va­lis ame­ri­ca­nus, öffent­lich zur Spren­gung gebracht. Zün­dung des männ­li­chen Tie­res um 20 Uhr, Zün­dung des weib­li­chen Tie­res um 20 Uhr 30. Die Vor­stel­lung ist  aus­ver­kauft. – stop

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