kinder

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sierra : 10.02 UTC – Im Schnellzug plötz­lich präzise wie eine Foto­grafie vor Augen: Türen in einem Trep­pen­haus, dort tief­lie­gende Türspione. Ein Haus einsamer Kinder. Warum? – stop

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tibet

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alpha : 8.02 UTC – In einem feinen Gespräch über das Schreiben tauchte plötz­lich Dürren­matt auf, seine Geschichte vom Winter­krieg in Tibet, dort ein einar­miger Söldner, der in einem Tunnel­sytem im Roll­stuhl sitzend entlang feuchter Wände vor- und rück­wärts fährt. Er ritzt einen Text­faden von mehreren Kilo­me­tern Länge in die Fels­wand eines Berg­mas­sives. Ich erzählte von dieser Geschichte, wenige Stunden später war ich mir nicht sicher, ob meine Erin­ne­rung präzise gewesen war. Sofort suchte ich nach dem Buch in meiner Biblio­thek, dann erin­nerte ich mich, das Buch verliehen zu haben, aber nicht an wen. Wenn ich versuche, mich zu erin­nern, gehe ich gern auf und ab. Ich gehe solange, bis ich ahne, dass ich mich nicht erin­nern werde. Kurz darauf sitze ich auf einem Stuhl und plane an etwas anderes zu denken. Es regnet, ein Gewitter, oder es regnet nicht. – stop

im gebirge

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delta : 7.55 UTC – Ich träumte von einer Frau, wie sie in einem Haus im Gebirge dicht an der Sommer­schnee­grenze mit geschlos­senen Augen auf einem Fahrrad sitzt. Das Fahrrad kann nicht davon fahren, weil sich sein hinteres Rad in der Luft dreht. Die Frau ist von hohem Alter, sie tritt mit zarter Kraft in die Pedale. In dem ich mich nähere, erkenne ich einen Trafo, der Strom erzeugt. Im Zimmer gleich neben der Fahr­rad­stube ruht ein alter Mann auf einem Sofa. Er notiert auf einer elek­tri­schen Schreib­ma­schine. Neben seinem Sofa steht eine weitere Maschine, sie ist verschraubt mit uralten Dielen, Bienen fliegen durch Astlö­cher der Dielen ein und aus. Die Maschine pumpt Luft in die Lungen des alten Mannes. Dioden­lichter blinken in blauer und roter Farbe. Kühe schauen durch Fenster in das kleine Zimmer hinein. Glocken läuten. Der alte Mann winkt, ich solle näher­kommen, ich wache auf. – stop

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wörter

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foxtrott : 0.05 UTC – Alle Wör­ter, sobald ich sie in Gedanken anhalte, um sie Zeichen für Zeichen zu wieder­holen, wer­den zu einem Geräusch. – stop

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vom erzählen

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alpha : 15.08 UTC – Menschen, die in erle­bender Art und Weise erzählen, oder aber Menschen, die reflek­tie­rend erzählen, distan­ziert, vorsichtig. Erle­bend erzäh­lende Menschen sind sehr häufig schnell und eher wild spre­chende Personen. Das Erlebnis verwirk­licht sich in der Sekunde, da Wörter in der Luft erscheinen, auch Gesten, Augen­blicke. Wie ich mich wunderte, dass erlebte Geschichten sich vor meinen Ohren wie Lebe­wesen verhalten, sie werden schneller oder lang­samer, wachsen, manche trocknen aus, scheinen zu verhun­gern, blühen wieder auf. – Einmal, vor genau 10 Jahren, notierte ich das Wort Kurz­stre­cken­er­zähler. Woran habe ich gedacht? – stop 

vom schlafen

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delta : 4.38 UTC – Ich sass an Deinem Bett, liebe schla­fende Mutter, Stunde um Stunde. Immer wieder dachte ich, wie schwer es doch ist, zu einem Menschen zu spre­chen, der schläft. Ob Du mich hören kannst? Viel­leicht sollte ich summen? Oder doch weiter spre­chen? Ich suchte nach einem Text, den ich einmal für Dich geschrieben hatte. Ich dachte, ich werde Dir diesen kleinen Text vorlesen, und wenn ich an seinem Ende ange­kommen sein werde, werde ich von vorne beginnen. Es geht vermut­lich darum, dass Du meine Stimme hörst, nicht darum, was genau ich lese an diesem Mor­gen, als es noch dun­kel war im Haus. Was hörte, was höre ich? Ich höre ein sir­ren­des Geräusch. Das Geräusch näher­t sich, es kommt über die Trep­pe abwärts heran. Zunächst ist nichts zu sehen, dann aber eine Deiner drei Bril­len, liebe Mut­ter, die seit dem Vor­abend über zar­te Roto­ren ver­fü­gen, wel­che in der Lage sind, Bril­len­kon­struk­tio­nen durch die Luft zu bewe­gen, durch Räu­me oder den Gar­ten. Deine Brille kommt näher, durch­quer­t das Wohn­zimmer, kreis­t ein­mal um mei­nen Kopf, lan­de­t schließ­lich sanft auf dem Ess­ti­sch in der Nähe des Stuh­les, auf dem Du hoffent­lich einmal wieder Platz nehmen wirst. Über drei Bril­len ver­fügst Du, liebe Mut­ter, und jede die­ser Bril­len kann nun flie­gen. Eine Bril­le wird im Dach­ge­schoss sta­tio­nieren, eine wei­te­re Bril­le im Erd­ge­schoss, die drit­te Deiner Brillen, liebe Mutter, zu ebe­ner Erde. Wie sie zu blin­ken beginnen, Dioden in gel­ber Far­be, Zei­chen, dass sie sich mit­tels unhör­barer Funk­si­gna­le ori­en­tie­ren. Das Suchen hat nun ein Ende, alles wird gut, Du darfst erwa­chen. – stop
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MELDUNG. An diesem warmen Mitt­woch, es war 7 Uhr und 8 Minuten in der Früh, wurde Käfer­dame Lucinda [ 15 Gramm ] von Käfer Joseph [ 22 Gramm ]  erst­mals mittels rhyth­mi­scher Lumi­nes­zenzen von violetter Farbe begrüßt. Sie selbst morst in gelb­li­cher Beleuch­tung. ~ MPI für Biotech­no­logie, Unge­rerstr 12, 6. Stock : Labor IIc-8 : Level 4. – stop
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gespräch mit einem seemann

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tango : 20.10 UTC – Im Schnellzug heute Morgen beob­ach­tete mich ein Mann von viel­leicht achtzig Jahren wie ich auf meiner flachen Bild­schirm­schreib­ma­schine einen Text notierte. Ich hatte die Schreib­ma­schine quer auf meine Knie abge­legt und schrieb mit fünf oder sechs Fingern recht flink auf einer virtu­ellen Tastatur. Das war ein fast laut­loser Vorgang gewesen, viel­leicht deshalb sagte der Mann plötz­lich: Früher waren die Schreib­ma­schinen sehr laut gewesen! Ich hob meinen Blick und lächelte den Mann an. Er fragte sofort weiter: Das ist doch eine Schreib­ma­schine? Ich nickte. Ja, sagte ich, das ist eine Schreib­ma­schine und zugleich auch ein Gerät, mit dem ich Texte senden kann und Nach­richten empfangen, sogar morsen könnte ich. – Ich habe früher auch gemorst, sagte der Mann, ich bin auf einem Segel­schiff zur See gefahren, da war ich sehr jung gewesen. Er schwieg für einen Moment, dann sagte er: Sie brau­chen gar kein Papier, nicht wahr? Ich antwor­tete: Das ist richtig, im Grunde brauche ich kein Papier. – Was schreiben sie denn? wollte der Mann wissen. Ich schreibe eine Geschichte, sagte ich. Ist das denn gut, dass sie eine Geschichte ohne Papier schreiben? fragte der Mann. Ich sagte: Darüber muss ich nach­denken. Der Mann lachte: Sie ist wirk­lich nicht groß, diese Schreib­ma­schine. Sagen sie, wie viele Geschichten passen denn in diese Schreib­ma­schine hinein? Ich antwor­tete: Ich glaube, sehr viele Geschichten, ja, vermut­lich unvor­stellbar viele Geschichten. – Das ist gut, sagte der Mann, so viele Geschichten, dass sie im Zug sitzen und schreiben können so lange sie wollen, ohne je aussteigen und eine neue Schreib­ma­schine kaufen zu müssen. Einen Moment lang schaute er zum Fenster hinaus. – stop
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im aufzug

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sierra : 22.01 UTC – Stellen Sie sich vor, ich war in einem Aufzug gewesen, der nicht weiter­fuhr, weder nach oben noch nach unten, keinerlei Bewe­gung, eine eigent­lich harm­lose Geschichte, aber ich war nicht allein in dem Aufzug, wir waren zu fünft, zum Glück nur zu fünft, nicht etwa zu siebt oder zu acht, dann wäre wirk­lich Ernst geworden. Da waren also ich und vier weitere Personen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Personen von der Art, von welchen man sagen könnte, dass sie nicht gerade freund­liche Menschen sind. Ich würde sogar sagen, sie waren in ihrem Auftreten unhöf­liche Wesen, ich kann das beur­teilen, ich war der erste in dem Aufzug gewesen, alle weiteren vier Personen kamen etwas später hinzu, traten in die Aufzug­ka­bine herein, ohne zu grüßen. Den ersten Herrn grüßte ich noch, aber bei dem zweiten Herrn war ich schon vorsichtig gewesen, ich grüßte ihn nicht, viel­leicht wird der vierte Besu­cher des Aufzuges demzu­folge gedacht haben, was sind das nur für unfreund­liche Menschen an diesem Ort, weil wir drei, die vor ihm im Aufzug gewesen waren, uns bereits ärgerten, deshalb entspre­chende Gesichter zeigten. Wir hatten kein Glück, so könnte man das viel­leicht sagen, auch die Besu­cher vier und fünf waren keine Froh­na­turen, sie traten herein, beob­ach­teten, was da für Menschen sich im Aufzug befanden, und sagten sich vermut­lich, wir werden schweigen, weil alle schweigen. Dann blieb der Aufzug also stehen, ohne dass sich eine Tür geöffnet haben würde, das Licht ging aus, auch die Anzeigen der Stock­werke, wir standen im Dunkeln. Unver­züg­lich holten wir unsere Dienst­te­le­fone aus den Taschen, es wurde Licht, fünf Gesichter, die beleuchtet waren, ängst­liche Gesichter, weil wir ahnten, dass wir uns nicht mochten, dass wir unfreund­liche Menschen waren, die vermu­teten, dass sofort oder in Kürze etwas Schreck­li­ches geschehen könnte. – stop