laufen

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delta : 15.12 UTC – Ich mag Menschen, die Verzeich­nisse anlegen, die Verzeich­nisse beschriften nach geheimen oder nach Regeln, die sofort erkennbar sind. Mein Vater führte Verzeich­nisse seiner Wetter­be­ob­ach­tungen, auch welche Vögel er im Garten beob­achtet hatte, wurde akkurat mit Blei­stift in Listen einge­tragen, Amseln, Meisen, Sper­linge, Zaun­kö­nige und Dompfaffen und Rotkehl­chen. Daran erin­nerte ich mich gestern als ich einen Film beob­ach­tete, der von den Vogel­be­ob­ach­te­rinnen und Vogel­be­ob­ach­tern des Central Parks erzählt. Eine alte Dame legt dort ähnliche Verzeich­nisse an wie mein Vater als er noch lebte. Ich selbst notiere nicht selten, welche Filme ich betrachte während ich auf einer Lauf­ma­schine laufe wenn es regnet oder nicht. Unlängst lief ich mit Kopf­hö­rern, folgte Gene Hackman in den Film French Connec­tion. Zuletzt wurde ich immer schneller in meinen Bewe­gungen. Anstatt 10 Kilo­me­tern, die ich bereits notiert hatte, lief ich 14 Kilo­meter. Ich radierte im Notiz­buch. Es war an einem Samstag gewesen. – stop

bogota

picping

MELDUNG. Bogota, Calle 11 No 12, 5. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 5001 [ Marmor, Carrara : 12 Gramm ] voll­endet. – stop
ping

dilip

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ulysses : 15.08 UTC – Ein Brief erreichte mich, der in Kalkutta abge­schickt worden war vor zwei oder drei Wochen. Folgende Zeilen: Sehr geehrter Herr Louis, es hat gedauert, dass ich antworte, weil ich noch sehr klein bin, ich bin erst 12 Jahre alt, ich wohne an der Jessore Road. Dort habe ich einen Brief gefunden unter einem Feigen­baum bei der Bussta­tion. Der Brief war nicht an mich geschrieben, sondern an Lilifer Mindi. Ich kenne Lilifer Mindi nicht, ich habe die schönen Brief­marken auf dem Brief entdeckt und habe mir gedacht, es ist nicht so weit zu der Adresse wo Lilifer Mindi wohnt, und ich bin mit meinem Fahrrad dorthin gefahren, aber das Haus gibt es nicht, wo Lilifer Mindi wohnt oder nicht wohnt, sie müssen sich geirrt haben. Auch in dem Haus neben dem Haus, das nicht exis­tiert, wohnt Lilifer Mindi nicht, das ist sicher, weil ich gefragt habe. Ich sende Ihnen den Brief zurück, ich habe ihn nicht geöffnet, ich heiße Dilip, viel­leicht schreiben Sie einmal einen Brief an mich, weil ich in einem Haus wohne, das es wirk­lich gibt. Vor meinem Haus wachsen zwei Feigen­bäume, hinter dem Haus kann ich Ball spielen, hinten ist das Haus grün, und vorne ist das Haus rot. Wir haben einen Balkon, meine Schwester ist sehr krank, sie sitzt oft auf dem Balkon, weil sie nicht zur Schule geht. Bestimmt können Sie Englisch lesen. Dein Dilip – stop

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verzeichnen

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tango : 2.12 UTC – Ein Gedanke, den ich notiere, der eine Spur von Zeichen hinter­lässt. Oder ein Gedanke, den ich gerne behalten, das heißt, fest­halten würde, aber nicht notieren kann, weil notieren nicht möglich, weil es viel­leicht dunkel ist, geht verloren oder hinter­lässt einen noch tieferen Eindruck, als würde ich ihn auf ein Blatt Papier oder in digi­tale Verzeich­nisse einge­tragen haben. Ein Käfer von dunkler, von roter, von gelber, von blauer Menschen­haut, warum? – stop

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nahe warrenstreet

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alpha : 22.28 UTC – Louis erzählte mir eine heitere Geschichte, die er nicht erfunden, viel­mehr von Monroe erzählt bekommen haben will, Monroe, die in Brooklyn in der Baltic Street seit fünf Jahren lebt. Sie habe, erzählte Monroe, ihre Freundin Lilly besucht in der Warren­street an einem fürch­ter­lich heißen Tag im August. Sie habe Lillys Wohnung betreten und sofort gespürt, dass etwas seltsam ist. Das linke Augenlid Lillys flat­terte nämlich wie ein wild gewor­dener Falter über ihrem Augapfel herum. Dieses Flat­tern habe nicht aufge­hört, sagte Lilly, seit in der Nacht vor drei Tagen über ihrem Bett ein Feuer­alarm­melder ange­sprungen sei, ein äusserst strenger heller Ton, der so kompo­niert worden sei, dass man unbe­dingt wach werden müsse, weswegen sie sogleich senk­recht im Bett hockte und nach Feuer suchte, aber keinerlei Feuer gefunden habe. Sie habe dann etwas abge­wartet, aber das Wesen an der Decke wollte sich nicht beru­higen, da sei sie dann auf einen Stuhl gestiegen und habe das pfei­fende, blin­kende Tier flugs abge­schraubt, habe versucht das Tier zu beru­higen, habe Schalter und Knöpfe gedrückt, dann das Tier in einen Pull­over gewi­ckelt, eine Decke darüber gelegt, und noch eine Decke, schließ­lich habe sie ihre Hand­ta­sche geöffnet, sei auf die Straße getreten, um zu Fuß in Rich­tung der Brooklyn Bridge zu marschieren. Indessen flat­terte ihr Augenlid noch immer herum wie ein gefan­gener Falter, weswegen sie sich sehr konzen­trieren musste im wilden Stra­ßen­ver­kehr. Das Tier, das in einer Weise in der Hand­ta­sche pfiff, dass Seemöven Lillys Gegen­wart flüch­teten, habe sie dann in den East River geworfen, was ihrem Auge ganz offen­sicht­lich nicht sofort geholfen habe. – stop

loop

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sierra : 22.01 UTC – Flug­hafen Terminal 1. Ich höre eine sanfte Frau­en­stimme. Sie sagt: Diese Durch­sage dient der Laut­spre­cher­probe. Zwei Minuten lang wieder­holt sie immer wieder diesen einen Satz. Von Mal zu Mal versuche ich Abwei­chungen in Stimme und ihrem Ausdruck einzu­fangen. Plötz­lich schlafe ich ein, ohne mich an die erste Sekunde, da ich nicht mehr wach war, erin­nern zu können. – Was träumst Du, Mutter? – stop

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irrarm

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nordpol : 15.38 UTC – Eine alte, ärmlich geklei­dete, stets verwirrt wirkende Frau, die mir in meinem Quar­tier jahre­lang immer wieder begeg­nete, nie hörte ich ein Wort aus ihrem Mund. Als ich sie einmal anspreche, um ihr etwas Geld zu geben, antwortet sie mit heller, kind­lich klin­gender Stimme: Danke! Warum tun Sie das. Warum geben Sie mir Geld? – Ich gehe weiter. Ich drehe mich um, auch die alte Frau dreht sich um, sieht mir nach. In diesem Moment denke ich: Du könn­test meine Mutter sein, wärst von der Armut verschont geblieben. – stop

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luftpapiere

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alpha : 15.32 UTC – Überall schweben im Sommer Fäden in der Luft herum, Spin­nen­ge­webe, auf welchem Romane notiert sein könnten mittels sehr kleiner Zeichen. Eine Frau sitzt an einem Tisch und notiert Ovids Meta­mor­phosen auf eine Papier­luft­schlange. Wie behutsam sie vorgeht, um das Papier nicht zu zerreißen. Kaum ist sie mit der Beschrif­tung einer der papie­renen Stre­cken zu Ende gekommen, verbindet sie mit einem Tröpf­chen Kleb­stoff eine weitere noch unbe­schrif­tete Schlange. Kurz darauf notiert sie weiter. Sehr feiner Pinsel. Das ist keine erfun­dene Geschichte. – stop

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herbst

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marimba : 8.12 UTC – Ich geh spazieren wo die alten Menschen wohnen, über Flure wo die alten Menschen sitzen vor den Türen, hinter welchen uralte Menschen liegen, die in ihren letzten Betten schlafen. Ein alte Dame zieht sich im Roll­stuhl sitzend Stunde um Stunde am hölzernen Wand­ge­länder voran. Wie viele Kilo­meter ist sie so schon unter­wegs gewesen? Ich hörte, sie sei 88 Jahre alt. Wenn Sie mir begegnet, lächelt sie wie ein junges Mädchen, fragt warum sie hier sei, antwortet sofort: Wohl weil ich alt bin. Auf einem Tisch, um den herum weitere schla­fende Menschen sitzen, steht ein Telefon von grauer Farbe mit einer Ziffern­wähl­scheibe. Der Hörer des Tele­fons schwebt an einer mageren Hand neben einem Ohr, das lauscht. Eine weitere magere Hand wählt Nummer für Nummer Stunde um Stunde. Draußen vor den Fens­tern kühler, herbst­li­cher Regen. Und hier, gleich komme ich an ihm vorüber, das Zimmer der alten Clau­dine Tulla, sie schläft schon seit zehn Jahren in ihrem letzten Bett. Wie doch die Zeit vergeht. – stop

schirokko

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nordpol : 22.08 UTC – Das andau­ernde Notieren, das bald zum Verschwinden des Notierten führt, fangen, fest­halten, besitzen, vergessen. – stop

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