vom drohnenvögelchen

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echo : 17.18 UTCEr fliegt nicht, sagte die kleine S. am Telefon. Es ist früher Abend, die helle Stimme am Telefon klang ängst­lich. – Wer fliegt nicht, wollte ich wissen? – Na, der Vogel, den Du mir geschenkt hast, er sitzt auf dem Boden und bewegt sich nicht. S. war beun­ru­higt, sie sagte, der Vogel sei gerade noch durch die Küche geflogen, dann sei er vor dem Küchen­tisch gelandet, jetzt sitze er reglos auf dem Boden. Sind denn seine Lichter noch an, erkun­digte ich mich. Nein, sagte S., auch die Lichter brennen nicht, und er sagt nichts, keinen Pieps. – Ich über­legte kurz, wech­selte den Hörer meines Tele­fons vom linken an mein rechtes Ohr: Ich glaube, ich weiss warum Dein Vogel gerade nicht fliegt. Hör zu, ich werde mich ein wenig umhören, dann rufe ich Dich wieder an! – Viel­leicht sollte ich an dieser Stelle  schnell erzählen, dass ich meiner Nichte S. im vergan­genen Jahr zu Weih­nachten eine finger­lange Drohne für Kinder schenkte, die wunderbar blinken kann in blauen und roten Farben. Von Zeit zu Zeit gibt sie Geräu­sche von sich als wäre sie eine Loko­mo­tive. Dieses Wesen, dem Vernehmen nach welt­weit die einzige Loko­mo­ti­ven­gat­tung, die zu fliegen vermag, lässt sich über eine hand­liche Funk­steue­rung manö­vrieren. Ich habe das selbst auspro­biert, das ist nicht ganz einfach für Kinder, und auch für erwach­sene Personen durchaus eine Heraus­for­de­rung. Ich vermu­tete nun, dass die Strom­ver­sor­gung der Drohne mögli­cher­weise ausge­fallen sein könnte. Kurz nachdem ich heraus­ge­funden hatte, wie man die Batte­rien der Loko­mo­tive auswech­seln könnte, rief ich meine Nichte wieder an. Ihre Mutter kam ans Telefon, Sekunden später S., die fröh­lich erzählte, der Vogel sei wieder in der Luft, sie könne im Moment nicht reden, sie müsse aufpassen, dass der Vogel sich nicht wieder auf den Boden setzt. Ein leises Surren war zu hören, dann Schritte, dann eine helle Stimme, die bereits zum Vogel sprach: Komm, wir fliegen jetzt ins Wohn­zimmer. – stop

ping

piquiá

picping

MELDUNG. Eine Blatt­schnei­dera­meise der Gattung atta laevi­gata obscura feiert heute im Amazo­nas­be­cken nahe der Stadt Piquiá ihren 188. Geburtstag. Herz­li­chen Glück­wunsch. – stop
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von gedankenlichtern

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bamako : 22.01 UTC – Vor wenigen Tagen spazierte ich an einem späten Nach­mittag in einem Garten. Da ist etwas Merk­wür­diges geschehen. Während ich sehr langsam Schritt für Schritt vorwärts, seit­wärts oder rück­wärts ging, begann ich zu erzählen, Geschichten wie Blüten in meinem kleinen Kopf. Kaum hatte ich eine Geschichte zu Ende erzählt, waren weitere Geschichten aus den Wörtern bereits gewachsen, die sich öffneten, die erzählt werden wollten, helle oder dunk­lere Geschichten wie Lebe­wesen, und ich dachte noch, wie das so geht, wie die Geschichten kommen und gehen, Erin­ne­rungen, als wollte sich plötz­lich mein halbes Leben erzählen. So, im Erzählen im lang­samen Gehen, habe ich die Zeit vergessen. Der Flug der Tauben­schatten vor dem Abend­himmel, die vom Luft­glück der Vögel erzählten. Ich hörte von Gedan­ken­lich­tern, von rotglim­menden Tasta­turen. Seit zwei Tagen sitze ich immer wieder einmal ganz still und versuche mir Gedanken vorzu­stellen, die paral­lele Gedanken sind, Gedanken zur selben Zeit. Ich befinde mich sozu­sagen auf der Suche nach Gedanken, die viel­leicht stimmlos, aber voll Licht sind, Gedanken wie Bilder, die sich in derselben Zeit bewegen? Jetzt habe ich einen kleinen Knoten im Kopf. – stop / für a.
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amsterdam

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hima­laya : 15.16 UTC – Einmal erwar­tete ich in einem Café an der Central­sta­tion die Ankunft eines Zuges aus Amsterdam. Um die Zeit zu vertreiben, suchte ich in den Archiven meiner Schreib­ma­schine nach einem Bild, an das ich mich aus irgend­einem Grund erin­nert hatte. Ich wusste noch, dass dieses erin­nerte Bild im eigent­li­chen Sinne kein Bild ist, unbe­weg­lich, sondern eine Gruppe von Foto­gra­fien, die in vorbe­stimmter Reihen­folge rhyth­misch zur Auffüh­rung kommen. Es handelt sich in etwa um eine Serie gefan­gener Bilder, die einen oder vier Männer zeigen, der oder die sich in akro­ba­ti­scher Weise durch vier Zimmer eines Hauses bewegen. Kurz nachdem ich das animierte Bild gefunden hatte, schaute mir ein Mädchen von viel­leicht sechs Jahren neugierig über die Schulter. Sie sagte: Das ist aber lustig! – Findest Du, fragte ich zurück. Das ist doch aber sehr anstren­gend, was die Männer da tun! – Das Mädchen schaute mich an und verdrehte die Augen: Die Männer sind ja nicht echt! – stop


licht

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papa : 15.16 UTC – Es ist Sonntag. Auf dem Bild­schirm einer Schreib­ma­schine ist die digi­tale Darstel­lung einer Druck­fahne zu erkennen. Letzte Minuten einer letzten Stunde sind gekommen, da der Autor noch eine Korrektur seines Textes unter­nehmen könnte. Zeichen für Zeichen, Wort für Wort durch­stö­bert er sein Werk. Wenn man nun die Fenster des Zimmers verdun­keln würde, könnte man bemerken, dass sich die Augen des Autors in zart leuch­tende Lampen verwan­delt haben. – stop

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nuevo mundo

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lima : 12.15 UTC – Ich stelle mir einen Film vor, ein mediales Arche Noah Prinzip, jedes Lebe­wesen unseres Planeten wäre darauf verzeichnet, jede Pflanze, auch das mikro­sko­pisch Kleinste, Mikroben, Bakte­rien, Viren. In kürzeste Schnitt­folgen müßte dieser Film zerlegt sein, um in mensch­li­cher Lebens­zeit je betrachtet werden zu können. Welches Lebe­wesen könnte auf dem letzten verfüg­baren Bild des Filmes zu sehen sein? – stop

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monsun

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sierra : 12.01 UTC – Bald einmal ist drin­gend eine Samm­lung von Beob­ach­tungen anzu­legen, von Ereig­nissen, die ich mit meinem persön­li­chen Leben nicht unmit­telbar in Verbin­dung setzen kann, die jedoch zentrale Erfah­rungen unge­zählter Menschen sind, die vor meinen Augen auf Fern­seh­bild­schirmen erscheinen, auf Titel­seiten papie­rener oder elek­tri­scher Zeitungen. Kann ich mir Hunger vorstellen? Ich meine, nicht vorsätz­li­chen Hunger der Fasten­zeit, viel­mehr tatsäch­li­chen Hunger, Hunger, der einen mensch­li­chen Körper beschä­digt oder zerstört. Wie fühlt es sich an, in Brooklyn ohne Ausweis­pa­piere zu exis­tieren? Oder die Furcht einer Frau, in einem Außen­be­zirk der Stadt Delhi nach einer Spät­schicht einen Bus zu besteigen. L., der ich leib­haftig begeg­nete, erzählte folgendes: Ich bin in Mumbai geboren, ich liebe mein Land. Ich liebe mein Land zu jeder Jahres­zeit. In Indien bedeutet das Wort Regen­zeit Monsun oder Barsaat. In Kalkutta wirst Du Monsun­regen erleben, der vom Himmel kommt, auch außerdem eine Art Monsun, der aus dem Boden steigt. – stop

von stimmen

pic

delta : 18.12 UTC – Ich habe lange Zeit über das Bild der Kehl­köpfe nach­ge­dacht, wie sie in einem anato­mi­schen Präpa­rier­saal durch die Luft fliegen als wären sie Vögel. Wann dieses Bild zum ersten Mal auftauchte, weiß ich nicht. Viel­leicht während eines Spazier­ganges über den alten Münchner Friedhof St. Georg. Ich stand vor Liesl Karl­stadts Grab, plötz­lich hörte ich ihre Stimme, die von irgendwo her aus den Kasta­ni­en­bäumen in nächster Nähe zu kommen schien. Oran­gen­far­bene Blüten, Fuchs­köpfen ähnlich, lungerten auf dem kleinen Karl­stadt­hügel. Blaue Fühler­käfer hetzten über sandigen Boden. Wald­bienen, Moos­hum­meln, Raupen­fliegen, es sirrte und brummte in allen mögli­chen Tönen. Auf dem Gedenk­stein für Rainer Werner Fass­binder hockte ein Mari­en­käfer von Holz, der Schirm eines Fächer­ahorns spen­dete Schatten. Auch an Fass­bin­ders Stimme konnte ich mich sofort erin­nern, ohne einen konkreten Satz aus seinem Munde zu vernehmen. Es war ganz so, als würden die Stimme in meinem Kopf eine Stimme simu­lieren. Erich Kästner aller­dings war mir entweder abhanden gekommen oder ich habe seine Stimme tatsäch­lich noch nie in meinem Leben gehört. Aber den Sedl­mayr, Walter, erin­nerte ich unver­züg­lich und auch die ange­nehm warme Stimme Bernd Eichin­gers, der so plötz­lich gestorben war. Sommer­fäden schwebten durch die Luft. Das Rascheln der Eich­hörn­chen unterm Efeu. Über mir ein blau­grauer, blit­zender Himmel. Es duftete nach Zimt, warum? – stop / koffer­text

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im aufzug : zwei hände

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charlie : 10.02 UTC – Die plötz­liche Lang­sam­keit meines Denkens im Gespräch mit Menschen, die die Sprache meines Denkens nicht oder nicht wirk­lich gut verstehen. Unver­züg­liche, inten­sive Suche nach Möglich­keiten einfa­cher Darstel­lung, oder gar die Erfin­dung einer indi­vi­du­ellen, einer in diesem Moment des Verstän­di­gungs­ver­su­ches wirk­samen Zeichen­sprache, Radare, die anstren­gend sind wie Spring­seil­trai­ning an Ort und Stelle. Einmal begeg­nete ich einem Mann in einem Aufzug. Sein Gesicht war entstellt, er mochte mich nicht ansehen, er schimpfte laut­stark mit seiner Hand. Plötz­lich hörte ich Sätze, die an mich gerichtet waren. Als ich dem scheuen Mann antwor­tete, sprach ich, eine vorsich­tige Geste, gleich­wohl in die Rich­tung meiner eigenen rechten Hand, so dass unsere Hände zu Tele­fonen wurden. – stop
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