quallenuhr

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ulysses

~ : oe som
to : louis
subject : QUALLENUHR
date : sept 12 12 10.22 a.m.

Ganz plötz­lich, lieber Louis, habe ich Lust bekommen, Dir zu schreiben. Eigent­lich wollte ich mich erst am kommenden Samstag melden, aber ein Sturm bewegt sich auf uns zu und es ist nichts zu tun, als zu warten, ob er uns mit voller Wucht treffen wird. Vermut­lich ist es diese Warterei, die an unseren Nerven zerrt. Auch, dass die Tage wieder kürzer werden. Gestern haben wir einen Schwarm Tinten­fi­sche beob­achtet, der unser Schiff umkreiste. Eine unge­wöhn­li­cher Anblick, die Tiere waren schnee­weiß. Wir haben einige gefangen, sie schme­cken süß, wenn man sie brät, nach Brot, nach Gebäck, nach Mandeln. Beun­ru­hi­gend ist, dass sie weder über Herzen noch Augen verfügen. Eine halbe Nacht haben wir einen Fisch nach dem andern durch­sucht. Als wir kein Exem­plar mehr hatten, um unsere Suche fort­setzen zu können, ist Miller mit dem Beiboot losge­fahren. Fast wind­still ist es hier unten auf Höhe des Meeres, weit oben jedoch rasende Wolken von West nach Ost. Ja, lieber Louis, wir durch­leben schwie­rige Tage. Und Noe, unser Noe in der Tiefe, ist von Fieber befallen. Wir haben ihn gut 150 Fuß ange­hoben, damit er Licht sehen kann. Seit mehreren Stunden wieder­holt er eine kleine Geschichte, von der wir nicht wissen, woher sie kommt. Noe sagt, Noe stelle sich ein Zimmer vor, ein freund­li­ches, helles Zimmer von aller­feinster Qual­len­haut, ein Zimmer von Wasser, ein Zimmer von Salz, ein Zimmer von Licht. Man könnte dieses Zimmer, und alles was sich im Zimmer befindet, das Qual­len­bett, die Qual­lenuhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schinen von Qual­len­haut, trocknen und falten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche stecken. Und dann geht man mit dem Zimmer durch die Stadt spazieren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaffee­haus und wartet. Noe sitzt also ganz still und zufrieden unter einer Venti­la­tor­ma­schine an einem Tisch, trinkt eine Tasse Kakao und lächelt und ist geduldig und sehr zufrieden, weil niemand weiß, dass er ein Zimmer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zimmer, das er jeder­zeit auspa­cken und mit etwas Wasser, Salz und Licht, zur schönsten Entfal­tung bringen könnte. Hier spricht Noe. Noe stellt sich ein Zimmer vor, ein freund­li­ches, helles Zimmer von feinster Qual­len­haut. – Beste Grüße. Ahoi. Dein OE SOM

gesendet am
12.09.2012
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