sekundenglück

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romeo : 17.10 UTC – Adele, die in Südafrika geboren wurde, in Johan­nes­burg genauer, in Soveto, sitzt auf einer Bank der Central­sta­tion. Sie sollte eigent­lich längst auf dem Weg zur Arbeit sein, es ist kurz nach zehn Uhr, statt­dessen sitzt sie hier unter weiteren Menschen auf einer Bank und weint. Sie sagt, sie habe ihre Brille vergessen, ohne Brille könne sie nicht arbeiten, wenn sie heute nicht arbeiten würde, werde das sehr schlimme Folgen haben, man würde ihren Vertrag nicht verlän­gern, ohne Arbeit sei ihre Aufent­halts­ge­neh­mi­gung bald verwirkt, sie müsse dann zurück nach Südafrika, ich könnte mir gar nicht vorstellen, was das für sie bedeuten würde, deshalb weine sie, deshalb sei sie ganz am Ende, nein, dass Lese­brillen exis­tieren, die nicht einmal soviel kosten wie eine Wochen­zei­tung, das wusste sie nicht, das ist jetzt doch eine Über­ra­schung, die wunderbar ist, Brillen gleich hier um die Ecke, Brillen die stark sind, nein wirk­lich! Wie sie jetzt aufspringt, wie sie zunächst auf die Uhr blickt, dann auf die kleine Skizze, die sie aus den Wörtern pflückte, die ich ihr erzählte, wie sie auf knall­roten Turn­schuhen losrennt, wie sie mit einem Lächeln zurück in der Menschen­menge verschwindet, so viel Glück, dass die Luft zu knis­tern beginnt, soviel Glück. – stop

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