von der sekundenzeit

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delta : 0.02 – Wie jetzt der Sommer näher­kommt, ändert sich alles. Im Winter erfrieren Menschen, im Sommer fallen sie verse­hent­lich aus Fens­tern, die sie zum Vergnügen geöffnet haben. Bern­hardt L., der mich besuchte, erzählte von seinen Erfah­rungen, die er mit Todes­ur­sa­chen betrun­kener Menschen sammelte. Es war ein  ange­nehmer Abend. Eigent­lich wollten wir nicht von trau­rigen Geschichten spre­chen, aber dann wurde es doch irgendwie wieder einmal ernst. Wir saßen auf Garten­stühlen vor dem Fenster zu den Bäumen, die in den Himmel staubten, und beob­ach­teten meine Schnecke Esme­ralda, die sich der frischen Abend­luft näherte. Sie kroch ziel­strebig über den Boden hin, dann die Wand hinauf und ließ sich auf dem Fens­ter­brett draußen nieder. Wenn sich Schne­cken setzen, bewegen sie sich kaum noch, ihr feuchter Körper scheint indessen etwas breiter zu werden. Mein Bekannter Bern­hardt L. war sehr inter­es­siert an der Exis­tenz Esme­raldas in meiner Wohnung, er hatte sie noch nie zuvor gesehen und auch noch nicht von ihr gehört. Er wollte wissen, woher sie gekommen war, wie alt sie wohl sei, und warum sie diesen sehr schönen Namen Esme­ralda von mir erhalten habe. Ich erin­nere mich, wie er mit einem Finger zärt­lich über Esme­raldas Häus­chen strich, während er von einem unglück­li­chen Mann erzählte, der ein Zeit­wirt­schaftler von Beruf gewesen sein soll. Dieser Mann habe Minuten gezählt, Sekunden, in der Beob­ach­tung arbei­tender Menschen in einer Fabrik. Seine Aufgabe sei gewesen, Zeit­räume aufzu­spüren, die durch Verän­de­rungen in den Bewe­gungen der beob­ach­teten Menschen einge­spart werden könnten. In einem Brief, der sehr ausführ­lich sein Unglück notiert, habe er berichtet, dass es ihm zuletzt nicht möglich gewesen sei, eine Tasse Kaffee von der Küche in sein Wohn­zimmer zu tragen, ohne darüber nach­zu­denken, ob es wirt­schaft­lich sei, mit nur einer Tasse Kaffee in der Hand die Räume zu wech­seln, wenn es doch möglich wäre, zwei Tassen Kaffee zur glei­chen Zeit zu trans­por­tieren. – stop

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