yanuk : stille

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marimba

~ : yanuk le
to : louis
subject : STILLE
date : sept 7 08 10.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, in der vergan­genen Nacht sind selt­same Dinge geschehen. Ich hatte auf Höhe 258 mein Zelt aufge­schlagen, weil es geregnet, nein, weil es sehr stark geregnet hatte gestern Nach­mittag. Die Bäume tropften und ich ahnte, dass nachts noch einmal Regen fallen würde, so feucht war die Luft geworden. Ich legte mich also in mein Zelt, hörte dem Singen der Nacht­affen zu und irgend­wann schlief ich ein. Als ich erwachte war es noch immer dunkel. Ich konnte nichts hören, keinen Laut, es war so still, als hätte ich meine Ohren verloren. Ja, für einen Moment dachte ich, dass das Hörver­mögen der Lebe­wesen viel­leicht nur eine Idee gewesen war, eine poeti­sche Eigen­schaft ohne die Möglich­keit einer Verwirk­li­chung, und doch hörte ich Stille, ich hörte, dass ich nichts hörte, nichts von Außen her, also Stille von Außen, aber ein rhyth­mi­sches Geräusch von Innen, vermut­lich die Bewe­gung meines Blutes. Ich verließ das Zelt und hörte noch immer nichts als mein Herz, das etwas schneller schlug. Eine Wolke kleinster Fliegen tanzte um meine Klet­ter­la­terne, zwei Geckos saßen an einem Stamm in ihrer Nähe und angelten sich die schönsten Exem­plare heraus. Ich hatte ihnen gestern bereits bei ihrer bequemen Arbeit zuge­sehen, und ich erin­nerte mich, dass der Dschungel um mich herum geknis­tert hatte und dass die Affen ein unent­wegtes Gespräch führten über große Distanz. Jetzt, wie zur Prüfung, berührte ich meine Ohren, sie waren noch da, beide Muscheln. Indem ich an der linken Muschel zog, drehte sich etwas herum in meinem Ohr, es krachte und ich hatte den festen Eindruck, besucht worden zu sein. Und auch rechts drehte man sich in meinem Ohr, sobald ich daran zog, zur Seite, aber dann wieder Stille beider­seits. Ich legte mich ins Zelt zurück und über­legte, ob ich viel­leicht in Gefahr sein könnte, ob man viel­leicht mein Gehirn betreten wollte, und weil es so schön still war, bin ich einge­schlafen. Ich schlief sehr lange, war schon hell als ich erwachte, und der Dschungel knis­terte und wisperte um mich her, und ich hörte die Affen des Tages und das Rufen der Nashorn­vögel und lag eine Weile so da, froh wieder hören zu können. Wie jeden Morgen saßen pracht­volle Käfer und Falter und Fliegen an den Wänden meines Zeltes. Und alle taten sie so, als hätten sie mit meinen Ohren nicht das Mindeste zu tun. stop. Yanuk

einge­fangen
0.52 UTC
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