tunnel

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16.24 — Eine Geschichte von ein­er erfun­de­nen Fotografie aus erzählen. Ich kön­nte eine Umge­bung der Fotografie kom­ponieren, eine erzählte Fotografie in ein­er erzählten Fotografie. Nehmen wir an, in jed­er dieser erzählten Fotografien wäre eine weit­ere Fotografie zu find­en, dann würde ich von Fotografie zu Fotografie, ich würde durch Tun­nels der Zeit erzählen. – Ich ver­mag durch die reine Über­legung des Schnees nicht wirk­lich den Ein­druck von Küh­le erzeu­gen. — stop

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hemingway

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7.05 — Unter einem Ahorn­baum eine Hütte. Räume, so niedrig, dass ich mich, als ich ein­treten will, bück­en muss. Ein Tisch, auf dem ein Glas Milch ste­ht, das dampft. Eine Katze schläft auf dem Tisch neben ein­er Gruppe scharf ange­spitzter Bleis­tifte von gelbem Holz. Ernest Hem­ing­way, kaum höher als 150 cm, betritt den Raum. Er set­zt sich an den Tisch und begin­nt mit einem der Bleis­tifte in die Luft zu schreiben: Das merk­würdi­ge Leucht­en, das die Sonne, jet­zt da sie höher ste­ht, im Wass­er her­vor­ruft, und auch die For­men der Wolken über dem Fes­t­land bedeuten gutes Wet­ter. Aber der Vogel ist jet­zt nahezu außer Sicht und nichts zeigt sich auf der Ober­fläche des Wassers außer eini­gen Stellen von gelbem, son­nenge­ble­icht­en Saragos­sa­tang und die vio­lette, fest­ge­formte, schillernde, galler­tar­tige Blase ein­er Por­tugiesis­chen Galeere, die dicht neben den Boot treibt. Sie legt sich auf die Seite und richtete sich dann auf. Sie treibt munter wie eine Luft­blase dahin mit ihren lan­gen, tödlichen, vio­let­ten Nes­selfä­den, die beina­he einen Meter hin­ter ihr im Wass­er nach­schlep­pen. - Leichter Regen.

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felix fénéon

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2.15 — Immer wieder fällt etwas zu mir here­in und ich kann nicht sagen, warum ger­ade dieses und warum ger­ade jet­zt. Vorhin habe ich an Felix Fénéon gedacht. Ich geh zum Regal und suche in seinem Buch der 1001 wahren Geschicht­en. Da ist eine Geschichte, die Geschichte No 81 aus dem Jahr 1906 zum Beispiel: Mit einem Rat­ten­schwanz verse­hen und zur Täuschung mit feinem Grus gefüllt, wurde ein Zylin­der aus Weißblech in der Rue de l’Quest gefun­den. Ein­hun­dert Jahre später, eine friedliche Nacht angenehm küh­ler Luft. Ich stelle mir hun­derte schlafend­er Köpfe vor, die in mein­er Nähe in ihren stein­er­nen Waben liegen. Wie still sie sind in dieser Lage. — stop

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nebelhorn

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1.28 — Gestern Abend in der Däm­merung bin ich durch den Regen gestapft, weil ich gele­sen hat­te, auf dem Post­amt würde ein Paket auf mich warten. Ich ging also los mit meinem Regen­schirm, der sehr schöne Geräusche macht, wenn Wass­er aus großer Höhe auf ihn her­abfällt. Und weil es sehr windig war, musste ich den Schirm etwas schräg vor mich stellen, wie einen Schild vielle­icht, deshalb habe ich von den Men­schen, die mir begeg­neten nur Schuhe gese­hen oder Beine in Strümpfen oder Hosen oder flat­ternde Män­tel. Sehr selt­sam dieser exquis­ite Blick auf die Werkzeuge des Gehens, sehr selt­sam, wie schnell men­schliche Wesen sich doch bewe­gen. Bald war ich wieder auf dem Weg zurück, ein Paket unter dem Arm, den Schirm nun, ein Segel, im Nack­en, Blick auf feuchte Schilde, die sich mir ent­ge­gen stemmten, darunter Artgenossen, geräusch­los. — Aber nun zu dem, was ich eigentlich erzählen will. Auf meinem Schreibtisch ruht seit sechs Stun­den ein fein gestal­tetes Buch von rauem, kräftigem Papi­er, ein Buch, das mit dem Schiff zu mir über den Atlantik reiste, weswe­gen es fünf Wochen unter­wegs gewe­sen war, in einem Con­tain­er ver­mut­lich bei Wind und Wet­ter, also rollte und übers Wass­er schlingerte, auf und ab getra­gen von sehr hohen und kleineren Wellen. Ich habe lange Zeit auf dieses Buch gewartet, eine sehr lange Zeit. Als ich zu warten begann war noch Som­mer gewe­sen und jet­zt ist schon Win­ter gewor­den. Nun endlich liegt das kleine Buch, das von den Zwill­in­gen Daisy und Vio­let Hilton erzählt, auf meinem Schreibtisch oder in mein­er Küche oder auf meinem Sofa oder auf mein­er Brust, wenn ich trotz der Begeis­terung kurz ein­mal ein­genickt sein sollte. Da ist eine Bewe­gung im Halb­schlaf, ein kaum wahrnehm­bares Schaukeln. Und da sind zwitsch­ernde Mäd­chen­stim­men, und das Nebel­horn eines Dampfers vor Brighton. — stop

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unschärfe

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0.26 — Jedes Erzählen, jedes Lesen scheint ein Vor­rück­en in ein­er Zeit zu sein, in der ich selb­st gehal­ten bin wie ein Fisch im Wass­er gehal­ten ist. Immer, auch dann, wenn es um Jahre zurück­ge­ht im Text, liegt die wahrzunehmende Ver­gan­gen­heit bis zu einem let­zten Punkt je um ein Zeichen, um ein Wort, um Zeilen oder Seit­en später, das heißt in der Zukun­ft. — stop

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libellen

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15.11 — Bei großer Hitze von Büch­ern umgeben seit Stun­den bere­its auf dem hölz­er­nen Boden meines Arbeit­sz­im­mers. Lese da eine kleine Geschichte und dort einen Absatz und hier eine Zeile und mis­che im Kopf und warte, bis sich alles wieder voneinan­der abset­zt. Gle­ich werde ich Wong Kar Wais < 2046 > aufle­gen. Jet­zt leichter Regen, die Fen­ster geöffnet. Dutzende Fal­ter, die sich licht­süchtig wieder und wieder in den Bild­schirm stürzen. Ich sollte mir zwei kraftvolle Libellen hal­ten. — stop

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savanne

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5.57 — Träumte hochgewach­sene afrikanis­che Frauen, Nachtläuferin­nen, die weite Streck­en durch Wälder eil­ten. Unen­twegt sprachen sie in Funkgeräte, aus welchen meter­lange, geschmei­di­ge Anten­nen ragten. — Muss ich die Exis­tenz der Kiemen­men­schen in einem Text begrün­den? Kann ich in der Nähe des Wortes Kiemen­men­sch, das Wort Froschmann für einen Tauch­er noch sin­nvoll ver­wen­den? — stop

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jombusu

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2.12 — miko­beli. s t o p larabebo. s t o p kanab­u­lo. s t o p soni­ta­so. s t o p jom­busu. s t o p iojibebu. s t o p Ich notiere: Wieder Wörter erfun­den, wieder mein Gehirn geölt. — s t o p

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gramm

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0.08 — Das Wort Him­mel in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Him­mel denke. Wie viel Gramm?

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julio cortazar

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20.15 — Kurze Anleitung zum Glück­lich­sein, sagen wir so: Man ver­lasse das Haus. Aufmerk­sam jede Bewe­gung des Verkehrs beach­t­end, gehe man solange durch die Stadt, bis man auf eine Buch­hand­lung trifft. Dort kaufe man: Cor­tazar, Julio — Geschicht­en der Cronopi­en und Famen. Dann gehe man weit­er spazieren, trage den schmalen Band durch die Straßen, bis man einen Park erre­icht wenn Som­mer, oder ein Cafe, wenn Win­ter ist. Dort nehme man Platz und lese. Über den Umgang mit Ameisen beispiel­sweise, oder wie wun­der­bar angenehm es ist, ein Spin­nen­bein postal­isch an einen Außen­min­is­ter aufzugeben. Oder man lasse sich im Uhre­naufziehen oder im Trep­pen­steigen unter­weisen. Jet­zt bere­its wird man eine leichte Wärme spüren, die aus der Gegend des Bauch­es nach oben und unten in Arme und Beine auswan­dert. Also lese man weit­er, lausche jenen angenehmen Geräuschen im Kopf, diesem sagen wir: Jed­er­mann wird schon ein­mal beobachtet haben, dass sich der Boden häu­fig fal­tet, dergestalt, dass ein Teil im recht­en Winkel zur Bodenebene ansteigt und der darauf fol­gende Teil sich par­al­lel zu dieser Ebene befind­et, um ein­er neuen Senkrechte Platz zu machen. Oder jen­em: Trep­pen steigt man von vorn, da sie sich von hin­ten oder von der Seite her als außeror­dentlich unbe­quem erweisen. It works!
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seide

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5.24 — In der U-Bahn immer wieder der Ein­druck, dass Men­schen mit­tels ihrer raschel­nden Zeitun­gen zueinan­der sprechen. Eine Weile ist Ruhe, aber dann blät­tert jemand eine Seite um, und schon knis­tert der Wag­on von Rei­he zu Rei­he weit­er. Man möchte in diesen Momenten meinen, die Papiere selb­st wären am Leben und wür­den die Lesenden bewe­gen. Ein­mal habe ich mir Zeitungspa­piere von stof­far­tiger Sub­stanz vorgestellt, Papiere von Sei­de zum Beispiel, so dass kein­er­lei Geräusch von ihnen aus­ge­hen würde sobald man sie berührte. Eine eigen­tüm­liche Stille, Geräuschlosigkeit, Leere, ein Sog, eine Wahrnehmung gegen jede Erfahrung, eine verge­bliche Erwartung. — stop
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winterkäfer

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14.10 — Habe über einen Win­terkäfer nachgedacht. Aber dann ist mir ein ganz ander­er Käfer einge­fall­en, ein Wesen, für das ich noch keinen Namen habe. Dieser namen­lose Käfer sollte ohne Aus­nahme paar­weise erscheinen, weich sein wie eine Sch­necke und von der Kör­pertem­per­atur der Men­schen und genau so groß, dass er sich in die Augen­höh­le eines Schlafend­en einzuschmiegen ver­mag. Man möchte nun meinen, der Käfer würde sich mit sein­er Wirkung als Nachtschirm beg­nü­gen, stattdessen wird er ein wenig fließen und da er in dieser Weise in Bewe­gung ist, sehr entspan­nende Polar­licht­spiele von milder, beruhi­gen­der Lumi­neszenz erzeu­gen. — Während ich diese Zeilen über­trage, die Nachricht, dass Benazir Bhut­to von einem Selb­st­mor­dat­ten­täter getötet wor­den ist. — stop

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take five

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10.16 — Eige­nar­tig, wie sie vor mir sitzt, die flachen Schuhe gegen die Beine des Stuh­les gestemmt, bei­de Hände auf dem Tisch, Innen­seit­en nach oben, der­art ver­renkt, als gehörten diese Hände nicht zu ihr, als seien das vorsät­zlich ange­brachte Instru­mente, Werkzeuge des Fan­gens, Blüten. Jet­zt schließen sie sich, Fin­ger für Fin­ger, Nacht wird. — ::: — Eine Fotografie kommt über den Tisch, take five, läs­sige Geste, als würde eine Karte aus­ge­spielt. „Was siehst Du?“, fragt sie. – ::: — „Land­schaft!“, — antworte ich, „Afri­ka. Südlich­es Afri­ka. Einen Affen­brot­baum und zwei Män­ner. Einen jun­gen Mann schwarz­er Haut­farbe, der einen hellen Anzug trägt, und einen älteren, einen weißen Mann, der einen dunkel­grauen Anzug trägt, einen Stro­hhut und eine Brille. Eine staubige Straße. Men­schen, die schwarz sind und bewaffnet. Gewehre. Macheten. Harte Schat­ten. Spuren von Hitze, infer­nalis­ch­er Hitze. Sie sehen alle so aus, als schwitzten sie. Jawohl, alle, die dort auf der Straße ste­hen, schwitzen.“ — ::: — „Was noch?“ -, fragt sie, — „was siehst Du noch?“ – ::: — Sie fährt sich mit ihrer recht­en Hand über die Stirn. – ::: — „Ich sehe ein Auto. Das Auto ste­ht rechts hin­ter dem weißen Mann, eine dun­kle Lim­ou­sine, ein schw­er­er Wagen. Ich sehe einen Chauf­feur, einen Chauf­feur von schwarz­er Haut, Schir­m­mütze auf dem Kopf. Der Chauf­feur lächelt. Er schaut zu den bei­den Män­nern hinüber, die unter dem Baum im Schat­ten ste­hen. Der weiße Mann reicht dem schwarzen Mann die Hand oder umgekehrt. Sieht ganz so aus, als sei der weiße Mann mit dem Auto angekom­men und der schwarze Mann habe auf ihn gewartet. His­torisch­er Augen­blick, so kön­nte das gewe­sen sein, ein bedeu­ten­der Moment, eine erste Begeg­nung oder eine let­zte. Bei­de Män­ner haben ern­ste Gesichter aufge­set­zt, sie ste­hen in ein­er Weise aufrecht, als wollte der eine vor dem anderen noch etwas größer erscheinen. Da ist ein merk­würdi­ger Aus­druck in dem Gesicht des jun­gen, schwarzen Mannes, ein Aus­druck von Über­raschung, von Ver­wun­derung, von Erstaunen.“ – ::: — „Das ist es!“, sie flüstert. „Tre­f­fer!“- ::: — Jet­zt lacht sie, öffnet ihre Fäuste und das Licht kehrt zurück, der ganze Film. “Die Kli­maan­lage. Der ver­dammte Wagen dort unterm Baum. Der Weiße hat dem Schwarzen eine küh­le Hand gere­icht, Du ver­stehst, eine küh­le Hand. Der Kerl hat­te eiskalte Hände.“

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