abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 1222, Luft­fahrt — 3798, Auto­mo­bile — 55635], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 2, 19. Jahrhun­dert – 164, 20. Jahrhun­dert – 1318 , 21. Jahrhun­dert — 428 ], phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 387, gelöscht : 5 ], Licht­fang­maschi­nen [ PFXLW-II Panaflex : 2 ], Öle [ 0.7 Ton­nen ], Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 28, Kniege­lenke – 12, Hüftkugeln – 331, Brillen – 1266 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 1356, Größen 38 — 45 : 1218 ], Kühlschränke [ 158 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 5, mit Tauch­er – 34 ], Engel­szun­gen [ 221 ] | stop |

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tabucchi

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3.18 — Nehmen wir ein­mal an, es würde ein Zeitraum jen­seits des uns bekan­nten Leben­szeitraumes existieren, ein Zeitort, an dem wir unbe­gren­zt anwe­send sein dürften, ein Ort weit­er­hin, von dem aus wir in unsere ver­gan­genen Leben schauen und zurück fühlen kön­nten, in dem wir die Filme gelebter Tage betra­chteten, nehmen wir also an, dieses Kino existierte, dann sollte ich mich bemühen, Gedanken wie Erleb­nisse zu verze­ich­nen, sodass sie später gle­ich­wohl als Filme zu besichti­gen wären. — stop

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hu jia

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6.08 — Ich besitze eine kleine Fernsehmas­chine. Sie ste­ht auf einem Brett, unter dem sich Rollen befind­en, so dass sich das emp­fan­gene Licht­bild im Raum herum­fahren lässt. Gestern Abend, ich saß auf dem Sofa und schaute in das Licht dieser kleinen Fernsehmas­chine, kam eine junge Frau ins Bild, das heißt, genauer, die Kam­era­m­aschi­nen, die das Licht für meine Fernsehmas­chine einz­u­fan­gen beauf­tragt waren, hat­ten sich weit weg in Chi­na auf die Gestalt dieser jun­gen Frau aus­gerichtet und für einen kurzen Zeitraum ihres Lebens hiel­ten sie an ihr fest, an ihrem jun­gen Gesicht, das voller Trauer gewe­sen war. — Was habe ich gese­hen, was habe ich gehört? — Da war eine junge Frau, eine sehr blasse junge Frau, die in der chi­ne­sis­chen Sprache sprechend davon erzählte, dass ihr Mann, Hu Jia, ger­ade eben von einem Volks­gericht zu 3 Jahren und 6 Monat­en Haft verurteilt wor­den war, weil er sein Men­schen­recht auf freie Rede ausübend gesagt und geschrieben hat­te, die Olymp­is­chen Spiele des Jahres 2008 seien für die Men­schen­rechte in seinem Heimat­land eine Katas­tro­phe. Die junge Frau hielt ein Kind in ihren Armen, einen Säugling. Während sie sprach, bewegten sich ihre Hände in ein­er selt­samen Art und Weise vor Mund und Nase, Gesten von tiefer Trau­rigkeit und Verzwei­flung, Gesten, die ihr Gesicht vielle­icht vor den Licht­maschi­nen schützen soll­ten. Ich habe gese­hen, dass ihre Hände bebten. Dann war sie wieder weg, und auch ihr Kind.  – Fün­fzehn Uhr sieben in Lhasa, Tibet. — stop

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zoulou

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zoulou : 2.05 — Eine angenehme Nacht mit Ben­ny Good­man und seinem Orch­ester 1938 in der Carnegie Hall. | stop | I play light­ly, soft­ly singing. | stop | Regen. | stop | Nasse Fliegen, nasse Fal­ter. | stop | Habe in mein­er Küche vor dem Ofen Platz genom­men und eine Ente und die Hitze betra­chtet und über die Zeit nachgedacht, über die hohe Geschwindigkeit, in der ich arbeite. Eine neue Geschichte begin­nen, eine sehr langsam erzählte Geschichte, jeden Tag ein Zeichen. Ich beginne mit dem Zeichen : z – zoulou

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flut

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whiskey : 2.11 — Hochwass­er. Meine Woh­nung ist mit dem Boot erre­ich­bar. In den Kro­nen der Kas­tanien, gle­ich jen­seits der Fen­ster, haben sich Kör­p­er tot­er Men­schen ver­fan­gen. Gesichter, die ich kenne. Entstellt. Dun­kle Haut. An den Zim­mer­wän­den tausende Fliegen. Sobald ich mich bewege, ein Brausen der Luft. Schüsse. Zwei Kerzen noch im Schrank, drei Liter Wass­er, fünf Pfund Mac­ca­roni, eine Pack­ung schwedis­ches Knäcke­brot, Salz, Pfef­fer, Thymi­an, Ros­marin, Muskat­nuss. Das Wass­er, warm und schwarz. Ein Kon­tra­bass, dann ein Krokodil treiben vorüber. Die Luft, dumpf und scharf in der­sel­ben Sekunde. stop Keine Fotografie ist vorstell­bar, die einen leben­den Men­schen zeigt, in der nicht auch Bewe­gung enthal­ten wäre. Dage­gen jene Auf­nah­men von Men­schen, die zur Kam­er­azeit bere­its leb­los waren. Ich begeg­nete ein­er dieser Fotografien ohne Bewe­gung vor weni­gen Jahren im World­WideWeb. Sie zeigt den Leich­nam Mar­i­lyn Mon­roes wenige Stun­den nach­dem ihr Kör­p­er aufge­fun­den wor­den war. Ich habe mich an diese Auf­nahme immer wieder erin­nert, an das feuchte Haar der jun­gen toten Frau, an die Spuren der Nachzeit, die sich bere­its in ihrem Gesicht abze­ich­neten, und auch daran, dass ich heftig erschrock­en war, in die Küche stürmte und zwei Gläs­er Wass­er trank. Als ich nun vor einiger Zeit den Namen Mar­i­lyn Mon­roes in die Bild­such­abteilung der Google­mas­chine tippte, erschien genau dieses Bild an erster Stelle.
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johnny got his gun

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echo : 2.55 — Ich will heute nichts tun, als mich von dem Film John­ny got his gun erholen. Sitze im Licht der Com­put­er­mas­chine und verze­ichne mit einem Bleis­tift Wege, die meine Springspinne über den Schreibtisch spaziert, auf ein Blatt Papi­er. stop. Selt­same Fig­uren. stop. stop. Anatomisch betra­chtet, zeigt sich die Wegstrecke des olymp­is­chen Feuers als offen liegende Ner­ven­bahn ein­er Dik­tatur. — Zwei Uhr eins. Nacht in Rangen, Bur­ma. — stop

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zur welt kommen

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ulysses : 0.01 – Eine Fotografie, die zeigt, wie ich kurz nach mein­er Geburt aus­ge­se­hen habe. Ich war schon geputzt, aber noch immer zer­furcht vom lan­gen Warten unter Wass­er. Als ich mir vor weni­gen Minuten diese erste Fotografie meines Lebens in Erin­nerung rief, ist mir bewusst gewor­den, dass eines Tages ein­mal eine weit­ere Fotografie existieren wird, eine Fotografie, die die let­zte Auf­nahme gewe­sen sein wird mein­er Per­son als ein­er leben­den Per­son. Auch ist mir bewusst gewor­den, dass das ZUR WELT KOMMEN mit Ent­fal­tung zu tun haben kön­nte, und dass von Nathalie Sar­raute gle­ich­wohl eine erste Fotografie existiert haben musste in schwarz­er und in weißer Farbe, eine Fotografie, die vielle­icht noch immer existiert. — M e i n erster Schat­ten. — Ich wäre im Jahr mein­er Geburt in Farbe bere­its möglich gewe­sen
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wordpress

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nord­pol : 7.15 – Habe ich schon erzählt, dass das Licht des Tages im Zim­mer, in dem ich schlafe, als san­ftes, schat­tiges Leucht­en erscheint, orangen­far­ben zur Decke hin und in der Höhe meines Bettes in einem tiefen Blau? — Südlich­es Licht. — Das Licht ital­ienis­ch­er Mit­tagsstun­den. — Halb­wegs träu­mend immer wieder durch die Woh­nung. Ein­mal finde ich mich in der Küche wieder, wie ich um 10 Uhr zu nachtschlafend­er Zeit Kaf­fee zubere­it­ete. Auch heute ist wieder 10 Uhr gewor­den und vielle­icht schlafe ich in diesem Moment tief und fest oder hoffe, bald tief und fest zu schlafen, während dieser Text von meinem word­press — Pro­gramm freige­lassen wird.
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roman opalka

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zoulou : 2.15 – Eines Tages im Jahre 1965, vielle­icht an einem Sam­stag, vielle­icht an einem Son­ntag, ich kon­nte schon laufen und hat­te gel­ernt, mir die Schuhe zu binden, nahm Roman Opal­ka den kle­in­sten sein­er ver­füg­baren Pin­sel in die rechte Hand und malte mit titan­weißer Farbe das Zeichen 1 auf eine schwarz grundierte Lein­wand­fläche. Bevor er diese erste Zif­fer malte, fotografierte er sich selb­st. Er war ger­ade 34 Jahre alt gewor­den, und als er etwas später seine Arbeit unter­brach, — er hat­te weit­ere Zif­fern, näm­lich eine 2 und eine 3 und eine 4 auf die Lein­wand geset­zt -, fotografierte er sich erneut. Er war nun immer noch 34 Jahr alt, aber doch um Stun­den, um Zif­fern geal­tert. Auch am näch­sten und am übernäch­sten Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr wurde er älter, in dem er Zif­fern malte, die an math­e­ma­tis­ch­er Größe gewan­nen. Wenn eine Lein­wand, ein Detail ( 196 x 135 cm ), zu einem Ende gekom­men war in ein­er let­zten Zeile unten rechts, set­zte er fort auf ein­er weit­eren Lein­wand oben links, die nun eine Licht­spur heller gewor­den war, als die Grundierung des Bildes zuvor. Bald sprach er Zahl für Zahl lau­thals in die Luft, um mit sein­er Stimme auf einem Ton­band die Spur sein­er Zeichen zu doku­men­tieren. — In unser­er Zeit, heute, ja, sagen wir HEUTE, oder nein, sagen, wir mor­gen, ja, sagen wir MORGEN, wird Roman Opal­ka mit weißer Farbe auf weißen Unter­grund malen, Zif­fern, die nur noch sicht­bar sind durch die Erhe­bung des Mate­ri­als auf der Ober­fläche des Details. Der Betra­chter, stelle ich mir vor, muss das Bild von der Seite her betra­cht­en, um die Zeichen in ihren Schat­ten erken­nen zu kön­nen.
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nasa

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whiskey : 0.15 — Im botanis­chen Garten spaziert. Das angenehm ras­sel­nde Geräusch des Regens, die Luft hell vom Wass­er, das noch kalt und geruch­los ist. Stöberte in Notizbüch­ern. Ent­deck­te fol­gende Sequenz: Son­ntag. Heute ist Schwest­er Julia wieder im Dienst. Sehe zu, wie sie Marik­ki vor­sichtig wäscht. Behut­same Bewe­gun­gen, ja, sehr feine Berührun­gen, beina­he zärtlich. Sie trägt einen Mund­schutz, der sich, wenn sie lacht, wie ein Segel bläht. Sie sagt, dass Marik­ki uns hören könne, deshalb summe sie und deshalb hört Marik­ki ger­ade etwas NASA, während ich in ihrer Nähe sitze und notiere und im Cheev­er lese, heit­ere Gespräche der Apol­lo 14 Besatzung auf dem Flug vom Mond zurück. Habe bemerkt, dass ich die Luft anhalte, wenn ich sie betra­chte, dass ich jen­seits der amerikanis­chen Stim­men, die links und rechts ihres zier­lichen Kopfes wis­pernd durch die Häute der gepol­sterten Ohrhör­er drin­gen, nach weit­eren, beruhi­gen­den Geräuschen suche. 18. Juni 2006
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sandor marai

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india : 10.14 — Lange Zeit der Ein­druck, dass in meinem Leben nur weit ent­fer­nte Wesen ster­ben, Wesen beispiel­sweise, die Madras bewohnen, Wesen ohne Nieren. Dann, von einem Tag zum anderen, endet meine Kind­heit. Erin­nerte mich an eine Notiz des 84 jähri­gen ungarischen Dichters San­dor Marai. ”In der Nacht urplöt­zlich die Gewis­sheit, dass ich sterblich bin — nicht die Möglichkeit, son­dern die Tat­sache. Es war nicht beängsti­gend. — Und einige Tage später, am 31. Okto­ber des sel­ben Jahres: Das Ster­ben begin­nt damit, dass man es nicht mehr für unmöglich hält zu ster­ben. 84 Jahre lang habe ich es niemals für möglich gehal­ten, und ich hat­te recht. – Efl Uhr fün­fundzwanzig in Suni, West­dar­fur. — stop
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amplitude

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gink­go : 18.15 — Ver­gan­gene Nacht sechs Stun­den Schlaf aufgeze­ich­net. Selt­same Span­nung, während ich die Datei in das Ton­bear­beitung­spro­gramm lade, um nach Auss­chlä­gen zu suchen. Zunächst das Hupen eines Auto­mo­bils, eine heftige Ampli­tude. Nach ein­er weit­eren Stunde der Abdruck ein­er Feuer­wehrsirene. Kurz darauf das Rascheln der Bettdecke. Gegen 3 Uhr das Geräusch ein­er Tür. Kann mich nicht erin­nern, spaziert zu sein. — stop
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Port-au-Prince

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himalaya : 1.05 — Auf Haiti, ein­er Insel, essen Men­schen, sobald sie ein Gefühl des Hungers ver­spüren, Plätzchen, das heißt, sie essen son­nengetrock­nete Scheiben von Lehm, der mit Mager­ine und ein­er Hand voll Salz in Met­allfässern ver­rührt wor­den ist. Kurz darauf haben die Men­schen Schmerzen, aber keinen Hunger für drei Stun­den. Wenn sie auf die Straße gehen, um der Welt von ihrem Hunger, der bald wiederkom­men wird, und ihren Schmerzen im Bauch zu erzählen, wer­den sie von Sol­dat­en der UN und Polizis­ten ihres Lan­des erschossen. stop.  Von meinem Fernse­hbild­schirm abgenom­men. stop. Zwanzig Uhr zwölf Minuten in Port-au-Prince, Haiti.

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marlene

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ulysses : 8.15 — Drei Wochen zurück schrieb ich einen Brief an Y. Ich schrieb fol­gen­den Satz : Hast Du schon ein­mal Deine Hände aus der Luft betra­chtet? Heute erre­icht mich seine Antwort : Apol­lo. Apol­lo. stop. Begeis­tert etwas Zeit in Sid­ney Lumets Ver­dict ver­bracht. Ein her­rlich spie­len­der New­man. Feine, knis­ternde Glas­geräusche, als würde der Film in jedem näch­sten Moment in tausend Stücke zer­sprin­gen. Kurz darauf nähert sich Max­i­m­il­ian Schell in Paris Mar­lene Diet­rich. Ihre Stimme aus dem Off, die von dort ein wenig so klingt, als würde sie ein Glas Cognac getrunk­en haben oder zwei. Eine sin­gende Stimme. Eine Stimme, die singt und spricht zur gle­ichen Zeit. Ein­mal will Max­i­m­il­ian Schell ihr eine männliche Frage stellen. Mar­lene Diet­rich : Was isn das?

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gedankenechse

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echo : 0.25 — Seit Jahren, mit Vergnü­gen, beobachte ich einen Gedanken, der sich nicht bewegt, kein Buch­staben­ze­ichen des Gedankens rührt sich von der Stelle. Manch­mal denke ich, der Gedanke bewegt sich heim­lich, während ich andere Gedanken denke

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polarlicht

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himalaya : 0.02 — In einem Reise­bericht notiert Lud­wig Hohl : 8 Uhr 30. Meer. — Meer leer. stop. Beobach­tungszeit = Belich­tungszeit. stop. In der ver­gan­genen Nacht wieder den Traum vom Mann gemacht, der vor einem Aquar­i­um sitzt und einen Schwarm dunkel­blauer Fis­che betra­chtet. Als ich hinzu­trat, hörte ich, dass der Mann mit leis­er Stimme Zahlen flüsterte. Ich fragte ihn, was er denn berech­nen würde, und der Mann antwortete, dass er die Fis­che zäh­le, dass er sich nicht sich­er sei, ob es sich bei dem Schwarm blauer Fis­che, um einen Schwarm aus 1556 oder aus 1557 Einzelper­so­n­en han­dele. stop. Ist das wilde Spiel der Polar­lichter am Him­mel aus ein­er Tiefe von 70 Metern unter der Meere­sober­fläche vor Neu­fund­land noch zu erken­nen?

doppelhelix

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nord­pol : 0.01 — Eine Fotografie, die James Wat­son und Fran­cis Crick vor ihrem Mod­ell ein­er DNA-Dop­pel­he­lix zeigt. Der Ein­druck, Wat­son würde einen an der Zim­merdecke lungern­den Trompe­tenkäfer betra­cht­en, dessen Gat­tung zum Zeit­punkt der Auf­nahme sich bere­its abzuze­ich­nen begin­nt.

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Vielle­icht sollte ich sagen, dass Trompe­tenkäfer rein pneu­ma­tis­che Arbeit­er sind, während Posaunenkäfer sowohl pneu­ma­tis­che als auch mech­a­nis­che Ver­fahren der Ton­erzeu­gung in sich vere­ini­gen. Drum­mer knallen elek­trisch. Bassis­ten ver­fü­gen über einen Kör­p­er von ungewöhn­lich­er Länge, über ein Gehäuse, welch­es von fein­sten Lamel­len­knochen aus­ge­bildet sein wird. Ger­ade diese wohlk­lin­gen­den Wesen wer­den eines Tages mit Zigar­ren leicht zu ver­wech­seln sein. Das Erstaunliche an musizieren­den Käfer­we­sen ist, dass sie den Musik­er sowohl, als auch ein Instru­ment, das von Men­schen erfun­den wurde, mit sich führen, dass sie also sym­bi­o­tis­che Wesen sind.
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flaubert

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marim­ba

~ : louis
to : Mr. gus­tave flaubert
sub­ject : MEMPHIS

Verehrter Mr. Flaubert, gestern, am späten Nach­mit­tag, knis­terte ein fein­er Regen ans Dachfen­ster meines Zim­mers und ich habe mich auf den Rück­en gelegt und ihr ägyp­tis­ches Reise­tage­buch geöffnet, eine sehr feine Arbeit, detail­liert, das Abschied­nehmen, ihre voraus­reisenden Kof­fer. Während Sie ger­ade an Bord der Can­ja Mem­phis passierten, bin ich eingeschlafen, vielle­icht weil ich müde war von ein­er viel zu kurzen Nacht. Als ich wieder wach wurde, knis­terte der Regen noch immer gegen das Fen­ster, und ich erin­nerte mich, ihnen erzählen zu wollen, dass ich seit vorgestern, 15 Uhr mit­teleu­ropäis­ch­er Som­merzeit, Augen­paare samm­le, die meine elek­trische Seite besuchen. Ver­mut­lich wer­den Sie mich für einen selt­samen Vogel hal­ten, weil ich Augen paar­weise zäh­le, ihre Exis­tenz und woher sie kom­men und welche Brillen sie tra­gen und die Zeit messe, die sie mit meinen Wörtern ver­bracht­en. Gestern Abend um 22 Uhr 17 Minuten und 11 Sekun­den hat­te ich Besuch aus Shang­hai. In großer Ent­fer­nung lurten also ein paar Augen, ver­weil­ten, kaum zu glauben, sechs Sekun­den auf meinen Zeilen, dann waren sie wieder weg. Ich habe mir gedacht, dass diese hasti­gen Augen vielle­icht meine Schriftze­ichen nicht entz­if­fern kon­nten, dass sie deshalb nur zwei oder drei Atemzüge lang bei mir ver­weil­ten. Ja, lieber Flaubert, das kön­nte sein, nein, ich hoffe, dass es so gewe­sen ist. Später Abend schon wieder. Werde jet­zt weit­er lesen in Ihrer ägyp­tis­chen Reise, während die Augen­zählmas­chine arbeit­et, ohne dass ich mich auch nur ein­mal für sie bewe­gen müsste. Ihr Louis, mit allerbesten Grüßen.

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