bagdad

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nordpol : 0.05 – In Bagdad spricht ein Reporter vor einer Fern­seh­ka­mera. Menschen, Passanten, schauen ihm über die Schulter, sie machen Victo­ry­hand­zei­chen in Rich­tung der Kamera und lachen. Im Hinter­grund kreuzt ein Cruise Missile eine Straße. Der Flug­körper kommt von rechts und fliegt nach links, er fliegt genau in Ampel­höhe und gerade so schnell, dass er nicht zu Boden fällt. Er fliegt in einer Art und Weise, als würde er sich an Verkehrs­re­geln halten. Kurze Zeit später eine Deto­na­tion, kaum hörbar, aber gut sichtbar, eine Erschüt­te­rung des Bodens, eine Erschüt­te­rung der Luft, eine Erschüt­te­rung, die auf den Körper des Kame­ra­mannes einwirkt, die sich durch den Körper des Kame­ra­mannes fort­setzt bis zur Kamera hin und die Stabi­lität des Bildes beein­flusst. Auch Hori­zont und Himmel sind erschüt­tert, wie die Menschen und ihre Victo­ry­zei­chen. stop. Würden SIE eine 500-Pfund-Bombe nach einem Menschen werfen?

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sonnenphoton

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ulysses : 0.18 – Oft schon über das Licht nach­ge­dacht. Woher das Licht kommt und was geschieht, wenn das Licht auf einen Gegen­stand oder auf die Ober­fläche eines Lebe­we­sens trifft. Was wäre, wenn ich ganz ohne das Licht auskommen müsste, wenn ich nur noch hörend oder mit meinem Tast­sinn die Welt erfahren könnte? – Einmal habe ich versucht, den Moment wahr­zu­nehmen, da die Morgen­däm­me­rung einsetzte, aber ich konnte nicht bestimmen, wann genau das erste Sonnen­photon mein Auge berührte. stop

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edmond jabès

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tango : 0.05 – Als würde Regen fallen, so mächtig die Küsse der Fliegen ins Wasser. Irr auch die Falter, die Weißen und die Roten und die Blauen. Und auch die Libellen am Himmel, alle irr von der Liebe. – Wenn der Stein durch­sichtig wird oder – genauer – wenn die Durch­sich­tig­keit Stein wird, lassen sich alle Träume der Erde lesen. Edmond Jabès

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oe

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marimba : 1.15 – Saß früh­abends am See unter blühenden Akazi­en­bäumen. Viel­leicht deshalb, weil die Akazien blühn, niesen in diesen Tagen und Nächten die Schwäne und auch die Rotwan­gen­schild­kröten niesen und alle Enten. Hör sie noch aus großer Entfer­nung, feine, helle Luft­ge­räu­sche, während ich am Schreib­tisch sitze und Kenzaburo Oe’s Roman Der Stolz der Toten beob­achte, das geschlossen vor mir liegt. Gleich werd ich das Buch öffnen und seine Zeichen zählen.
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revolver

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india : 3.26 – Das Selt­same an den Nacht­bü­chern ist, dass man sie nur nachts und nur unter freiem Himmel lesen kann. Ich war deshalb bis kurz nach Zwei im Palmen­garten am See und hörte den Spinnen zu beim Seilen, und lauschte den Panthern bei leiser Fres­serei und anderen ange­nehmen Dingen, die man so macht, wenn man bemerkt, dass man ein Panther geworden ist in einer Vorsom­mer­nacht. Dann ging ich nach Hause und legte das Nacht­buch, das von einer Chinesin erzählt, die sich wundert, dass sie eine Chinesin ist, ins Regal zu anderen Nacht­bü­chern zurück. Sitze jetzt auf dem Sofa und die Fenster sind geöffnet und ein Falter flat­tert in einer Lampion­lampe herum und notiere eine kleine wilde Geschichte. Diese Geschichte geht so: Irgend­wann, sagen wir im Sommer, sagen wir morgens. Ein Spieler steht am Fenster. Er schaut in Rich­tung des gegen­über­lie­genden Hauses. Die Sicht ist gut. Kein Nebel. Kein Dunst. Ein oder zwei Vögel, Later­nen­höhe, auf und ab. Jetzt richtet der Spieler den Revolver gegen die Schläfe. Alle Kammern der Waffe sind muni­tio­niert. Der Spieler wartet ab. Glühender Kopf. Film zurück, mal bunt, mal nicht. Bril­lanter Streifen. Verlässt ein Mann das Haus, schießt sich der Spieler eine Kugel in den Kopf. Game over. Ende. Fin. Verlässt eine Frau das Haus, hat der Spieler einen Tag gewonnen. Es ist dann ein Tag leichten Genie­ßens, ein Tag aber auch der Unruhe sobald Abend geworden ist. Jetzt schläft der Spieler. Dann wacht der Spieler auf. Wieder steht er am Fenster, wieder ist früher Morgen und wieder ist Sommer. Die Maschine lässt sich nicht anhalten, auch die Zeit nicht, – Revolver gegen Stirn. Entweicht dem Haus eine Katze, wird eine Kugel entnommen. Jede weitere Katze entnimmt der Revol­ver­trommel eine weitere Kugel. Sechs Katzen bedeuten eine Frau. Frauen und Katzen bringen Glück. Natür­lich lässt sich das unend­lich verfei­nern. Eine rote Katze erzwingt eine zweite Auffüh­rung noch an demselben Morgen. Kommt ein Nashorn aus dem Haus, hört der Spieler für immer auf zu spielen. Ein Nashorn mit drei Hörnern und der Spieler wird Priester. Wir sehen, die Bedin­gungen des Spie­lers ein Priester zu werden, sind eindeutig defi­niert. Kein Entkommen. Kein Ausweg. Ein Lieb­haber konzen­trierten Lichts. Cinema Para­diso.
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tabucchi

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tango : 1.15 – Rettete am See zur Zeit der Abend­däm­me­rung eine Raupe, die sich dem Netz einer Klam­mer­spinne näherte. Legte das kühle, weiche Tier in meine linke Hand und zählte mit dem Zeige­finger der anderen Hand sech­zehn sehr kurze Beine. Las dann weiter in Tabuc­chis Buch kleiner Miss­ver­ständ­nisse. Sehr schöne erste Sätze gefunden. Wie die Dinge so laufen. Und was sie lenkt. Ein Nichts. Manchmal beginnt es mit einem Nichts, mit einer Phrase, die sich in dieser, die sich in dieser riesigen Welt voller Phrasen, Dinge und Gesichter verliert, in einer großen Stadt wie dieser, mit ihren Plätzen, der U-Bahn, den Menschen, die aus dem Büro hasten, den Stra­ßen­bahnen.
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pullmann

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echo : 0.02 – Im Traum im Pull­mann­wagon durch eine selt­same Land­schaft gereist. Ich stand an einem Fenster. Warmer Wind fuhr mir übers Gesicht, und die Luft duftete nach Zimt und blaue Frösche schwirrten wie Vögel herum. Sie waren blind, weshalb ich hören konnte, wenn sie in den Erdboden rasten oder gegen den Zug, Geräu­sche, für die auch in dieser frühen Mainacht noch kein ange­mes­senes Wort in meinem Kopf exis­tiert. Einmal fuhr der Zug an einem Fluss entlang. An den Ufern dieses Flusses standen tausende Angel­ruten in den Boden versenkt. Maschinen bezupften die Seile der Ruten, pling : pling : pling. Sie schleu­derten Fisch um Fisch an Land, auch Menschen, ganze Menschen, oder Arme, oder Beine von Menschen. Diese Menschen zappelten, wie die Fische zappelten, und auch die Arme und Beine zappelten im Sand und schnappten vergeb­lich nach Luft.
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nachtmensch

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romeo : 0.08 – Manche Menschen, zum Beispiel, wenn ich ihnen nachts auf der Straße begegne, grüßen mich, als würden wir uns gerade im Hoch­ge­birge oder in einer anderen Wildnis befinden. Wir setzen uns dann auf die nächste Bank, tauschen ein wenig Proviant und die letzten Nach­richten aus, und fühlen einander verbunden, sagen wir, durch den Mangel an Licht. Andere Menschen wiederum fürchten sich vor mir, wie jene uralte Dame mit ihrem noch älteren Hund, sie fletscht die Zähne, sobald sie mich sieht gegen drei Uhr auf dem Ador­no­platz. Viel­leicht gehört sie bereits in den heran­rü­ckenden Morgen, ist Tagmensch, nicht Nacht­mensch, hält mich für licht­scheues Gesindel. Obwohl ich ihr längst in meiner ganzen Harm­lo­sig­keit bekannt sein müsste, doch stets dieselbe urmen­sch­lich drohende Haltung. Viel­leicht ist sie halb­wegs schon blind geworden. Oder aber ich werde vergessen, immer wieder vergessen, einmal um die eigene Achse gedreht, und schon bin ich zu weiterem taufri­schen Schre­cken geworden.
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chatraupe

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olimambo : 0.10 – Auf dem Fens­ter­brett. Schau auf die Straße hinunter und höre selt­samen Schwalben zu, wie sie pfei­fend und fres­send durch die Nacht­luft flitzen. Ange­nehme Stunde, obwohl mir gerade nichts einfällt, weil befangen von Fern­seh­bil­dern, die ich vor einer Stunde noch beob­achtet habe. Froh, dass ich das Fern­seh­gerät endlich ausschalten konnte. Und wenn ich nun vom Fenster aus ins Zimmer schaue, sehe ich einen weiteren Text, als meinen schwei­genden Text, zeilen­weise auf dem Bild­schirm meiner großen Schreib­ma­schine entstehen, ohne dass ich zur Entste­hung dieses Text etwas beitragen müsste. Der Text schreibt sich langsam schwin­gend wie eine Raupe vorwärts. Natür­lich ist dieser Text auf dem Bild­schirm kein Lebe­wesen, wie eine Raupe ein Lebwesen ist, das sterben, also aufhören könnte. Dieser Text ist das Ergebnis einer Schreib­ar­beit, die fünf­und­zwanzig oder sechs­und­zwanzig Menschen in diesem Moment in ihren Chat­pro­gramm­masken verrichten. Der Verdacht, der Text schreibt sich auch dann, wenn ich nicht anwe­send bin. – Acht Uhr zwölf in Rangen, Burma. – stop

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regenmaschine

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charlie : 0.01 – Während eines Spazier­gangs entdeckte ich unlängst im Eingangs­be­reich einer luxu­riösen Wohn­an­lage eine Regen­ma­schine. Eine Regen­ma­schine, werden Sie viel­leicht fragen, was ist denn das? Nach Beob­ach­tung, eine halbe Stunde, lässt sich Folgendes notieren. Eine Regen­ma­schine regnet je für drei Sekunden genau dorthin, wohin ein ordent­li­cher Regen, der vom Himmel kommt, nicht fallen kann, weil ihn ein Dach, beispiels­weise, daran hindert. Eine Regen­ma­schine hingegen regnet auch unter Dächern oder in Haus­ein­gängen oder in Wohnungen, und auch dann, wenn es gerade einmal nicht vom Himmel regnet, regnet sie im Takt einer Minute. Dieser Regen einer Regen­ma­schine, wie ich sie vorge­funden habe, ist also ein beson­derer Regen, ein Regen, der sich gegen Personen richtet, gegen Stra­ßen­bürger, gegen Menschen ohne eigenes Dach über dem Kopf. Orga­ni­sierter Regen, sagen wir, Regen gegen den Schlaf und diese Dinge.
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zebraspringspinne

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echo : 0.50 – Kurz nach Mitter­nacht. Gerade eben entert meine Zebra­spring­spinne den Tisch. Eigent­lich wollte ich rasch eine kleine Geschichte erzählen, von einem afri­ka­ni­schen Mann, dem ich sehr häufig begegne morgens vor der Zentral­sta­tion, einem Mann, der immer wieder betrunken ist und immer wieder nur einen Schuh trägt und eine selt­same Sprache spricht, eine Mixtur aus fran­zö­si­schen, engli­schen, deut­schen und afri­ka­ni­schen Wörtern. Aber jetzt sitzt die Spinne auf dem Tisch und der afri­ka­ni­sche Mann muss warten. Ich ahne bereits wo meine Spinne wohnt. Wieder die Frage, ob diese Spinne, dieselbe Spinne ist, mit der ich den vergan­genen Sommer verbrachte? Wie groß wird die Spinne auf meinem Schreib­tisch einmal werden, wie lange kann ich mit ihr noch befreundet sein? Ob sie sich der Gefahr bewusst ist, in der sie sich befindet? Was eigent­lich frisst diese Spinne, die meine Spinne ist, solange sie nicht flieht? – Neun Uhr zwölf in Rangen, Burma. – stop
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blutgefäss

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romeo : 0.05 – Einmal, an einem heißen Sommer­abend, habe ich eine Stadt durch­wan­dert. Sie lag bereits unterm Nacht­zep­pelin, weshalb ich nicht sofort bemerkte, dass an der Innen­seite meines linken Ober­schen­kels ein volu­mi­nöses Blut­ge­fäss aus der Fassung gesprungen war. Der selt­same Eindruck, während ich spazierte, ein kleines Tier würde mich kosend berühren. Kurz darauf notierten Fahr­gäste eines U-Bahn­wa­gons, ich würde, derart weit geöffnet, viel­leicht bald ernst­haften Schaden erleiden. Und tatsäch­lich, da war ein Schlauch von dunkel­blauem Gummi, der nahe meiner Leis­ten­ge­gend unruhig durch die Luft zappelte. Ich konnte seine Bewe­gung sehr gut erkennen, weil ich, weiß der Himmel warum, insge­samt nicht bekleidet gewesen war. Eine ältere Dame, eine Ärztin, nahm dann Platz in meiner Nähe. Mit bloßen Händen erwei­terte sie meinen Schenkel bis hin zum Knie, so dass weitere Schläuche aus dem Ober­schenkel fielen, die sie sortierte, während sie gelassen eine Melodie vor sich hin summte. Da waren Struk­turen, kein Blut, in gelber, in roter, in grüner, in blauer Farbe. Indem sie an einem der geschmei­digen Röhr­chen zog, an einem fili­granen Gefäß, nein, an einem hauch­dünnen Seilzug, sand­farben, schloss sich das linke meiner Augen gegen meinen Willen, und die Ärztin lachte und sagte, schau her, wie schön bunt Du doch bist. Wenn ich hier ein wenig ziehen werde, machst Du auch noch das rechte Auge zu. Dann wach. – Heute ist Sonntag, bald wieder Nacht. Geträumt habe ich bereits am Samstag.

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wasseruhr

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marimba : 0.01 – Träumte, mit einem Stück Holz unter Kraft­an­wen­dung einen Käfer getötet zu haben, der ein Schne­cken­haus auf dem Rücken trug, das der Käfer bewohnte, wie Einsied­ler­krebse Muschel­häuser bewohnen. Ein Beses­sener durch und durch, schlug ich auf den gepan­zerten Rücken des kleinen Tieres ein, dann sitze ich vor dem Schreib­tisch mit den Werk­zeugen der Uhrma­cher und versuche das Tier zu repa­rieren, während das Wasser in meinem Zimmer steigt. – Acht Uhr zwölf in Rangun, Burma. – stop

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italo calvino

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romeo : 4.52 – Viel­leicht kann ich, wenn ich an das Meer in den Straßen Vene­digs denke, von Wellen­be­we­gungen spre­chen, die einem sehr lang­samen Rhythmus folgen, von Halb­jah­res­wellen, von Wellen, die sich, sobald ich sie jenseits ihrer eigent­li­chen Zeit betrachte, wie Palomars Sekun­den­wellen benehmen. – Wann beginnt und wann genau endet eine Welle? Wie viele Wellen kann ein Mensch ertragen, wie viele Wellen von einer Wellenart, die Knochen und Häuser zertrüm­mert? – Dämme­rung. Stille. Nur das Geräusch der trop­fenden Bäume. Eine Nacht voll Gewitter, glim­mende Vögel irren am Himmel, Nacht­vögel ohne Füße, Vogel­wesen, die niemals landen.

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