flugstunde

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lima : 3.02 – Gestern, Son­ntag, um 10 Uhr und 42 Minuten MESZ, bin ich zu einem Vogel­we­sen gewor­den, weil mir eine Nordlän­derin schrieb, ich sei genau das, ein Vogel, ein Nachtvo­gel präzise. — Wie nun sind die Bedin­gun­gen, zunächst in meinen Zim­mern herum oder auf der Straße vor dem Haus auf und abfliegen zu kön­nen?

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regenzeit

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alpha : 3.18 – Ich kön­nte das Wort Regen schreiben. stop. Wie viel Zeit verge­ht, ehe ich das Wort Regen zu Ende geschrieben haben werde? stop. Ein­hun­dert Regen­zeit­en. stop. Wie viele Regen­zeit­en machen einen Tag? — stop.

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mollusken

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marim­ba : 5.12 — Ich zählte Wolken, ein, zwei, drei. Ich lag auf dem Rück­en in einem Kinder­wa­gen, der rollte, und ord­nete Kissen und Ras­seln und einen Him­mel, der nah war, sehr nah, zum Greifen nah war er gewe­sen, weil ich noch nicht ste­hen und laufen kon­nte, so wie ich wollte. Kaum kon­nte ich laufen, zählte ich Sch­neck­en. Ich zählte die Sch­neck­en im Wald, in dem ich spazierte, ich zählte die roten, die nack­ten, die gel­ben, die blauen Sch­neck­en­mol­lusken, ich zählte bis zehn, dann lernte ich hun­dert und zählte solange ich ging ohne Summe, vor­sichtig, weil ich noch klein war und die Sch­neck­en so groß wie meine Schuhe. Dann lag ich wach, ich war ver­liebt und kon­nte nicht schlafen und hörte den Regen gegen die Fen­ster pras­seln. Jet­zt zählte ich Regen, das Wass­er. Ich lernte, wohl weil ich ver­liebt gewe­sen war, dass es einen Regen gibt, der gezählt wer­den kann, und einen anderen Regen, den ich als Rauschen hörte, einen Regen, der zu schnell ist, um je von einem Men­schen berech­net zu wer­den. – Es ist jet­zt kurz vor halb sechs. Habe die Knochen der Hand studiert. Noch immer keine Däm­merung. Bald Win­ter.

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geraldine : island

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echo

~ : geral­dine
to : louis
sub­ject : ISLAND

Lieber Mr. Louis, wie geht es Ihnen? Ich hoffe gut. Schreiben Sie mir ein­mal auf, wie es Ihnen geht, weil ich oft an sie denke. Gestern sind wir an Island vor­beige­fahren. Ich war sehr schwach und kon­nte nicht an Deck. Ich habe durch das Bul­lauge mein­er Kajüte geschaut. Eine dun­kle Küste, die immer wieder ein­mal kurz aus dem Nebel tauchte. Aber jet­zt sitze ich wieder an Deck. Erst kam der Dok­tor, dann kam Vater und hat mich hin­aufge­tra­gen. Heute ist die Luft klar und kalt. Man kann das Ende des Meeres nicht erken­nen, ich meine, man kann nicht sehen, wo es aufhört kurz vor dem Him­mel. Sehr selt­sam. Ich suche den Hor­i­zont und manch­mal, wenn ich glaube, dass ich ihn erkan­nt habe, ist alles unscharf gewor­den. Vielle­icht liegt das auch an den Schmerzen, die ich habe und dass mir oft die Kraft fehlt, meine Augen noch offen zu hal­ten. Ich habe für Vater ein wenig die Möwen gefüt­tert und wir haben gelacht und ich habe wieder ein­mal gese­hen, wie groß seine Füße doch sind. Als er mich allein gelassen hat­te, habe ich das Brot für die Möwen auf den Boden vor mich hinge­wor­fen, weil ich nicht die Kraft habe, das Brot in die Luft zu wer­fen. Kann kaum noch den Bleis­tift hal­ten. Eis schwimmt im Wass­er. — Ihre Geral­dine

notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufge­fan­gen am 6.9.2008
20.16 MESZ

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yanuk : stille

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marim­ba

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : STILLE
date : sept 7 08 10.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, in der ver­gan­genen Nacht sind selt­same Dinge geschehen. Ich hat­te auf Höhe 258 mein Zelt aufgeschla­gen, weil es gereg­net, nein, weil es sehr stark gereg­net hat­te gestern Nach­mit­tag. Die Bäume tropften und ich ahnte, dass nachts noch ein­mal Regen fall­en würde, so feucht war die Luft gewor­den. Ich legte mich also in mein Zelt, hörte dem Sin­gen der Nachtaffen zu und irgend­wann schlief ich ein. Als ich erwachte war es noch immer dunkel. Ich kon­nte nichts hören, keinen Laut, es war so still, als hätte ich meine Ohren ver­loren. Ja, für einen Moment dachte ich, dass das Hörver­mö­gen der Lebe­we­sen vielle­icht nur eine Idee gewe­sen war, eine poet­is­che Eigen­schaft ohne die Möglichkeit ein­er Ver­wirk­lichung, und doch hörte ich Stille, ich hörte, dass ich nichts hörte, nichts von Außen her, also Stille von Außen, aber ein rhyth­mis­ches Geräusch von Innen, ver­mut­lich die Bewe­gung meines Blutes. Ich ver­ließ das Zelt und hörte noch immer nichts als mein Herz, das etwas schneller schlug. Eine Wolke kle­in­ster Fliegen tanzte um meine Klet­ter­later­ne, zwei Geck­os saßen an einem Stamm in ihrer Nähe und angel­ten sich die schön­sten Exem­plare her­aus. Ich hat­te ihnen gestern bere­its bei ihrer beque­men Arbeit zuge­se­hen, und ich erin­nerte mich, dass der Dschun­gel um mich herum geknis­tert hat­te und dass die Affen ein unen­twegtes Gespräch führten über große Dis­tanz. Jet­zt, wie zur Prü­fung, berührte ich meine Ohren, sie waren noch da, bei­de Muscheln. Indem ich an der linken Muschel zog, drehte sich etwas herum in meinem Ohr, es krachte und ich hat­te den fes­ten Ein­druck, besucht wor­den zu sein. Und auch rechts drehte man sich in meinem Ohr, sobald ich daran zog, zur Seite, aber dann wieder Stille bei­der­seits. Ich legte mich ins Zelt zurück und über­legte, ob ich vielle­icht in Gefahr sein kön­nte, ob man vielle­icht mein Gehirn betreten wollte, und weil es so schön still war, bin ich eingeschlafen. Ich schlief sehr lange, war schon hell als ich erwachte, und der Dschun­gel knis­terte und wis­perte um mich her, und ich hörte die Affen des Tages und das Rufen der Nashorn­vögel und lag eine Weile so da, froh wieder hören zu kön­nen. Wie jeden Mor­gen saßen prachtvolle Käfer und Fal­ter und Fliegen an den Wän­den meines Zeltes. Und alle tat­en sie so, als hät­ten sie mit meinen Ohren nicht das Min­deste zu tun. stop. Yanuk

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0.52 UTC
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kongo

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india : 5.55 — Sobald ich einen Satz selt­samer Dinge gedacht habe, freu ich mich, kann dann nicht bleiben, springe auf, wenn ich sitze, oder springe in die Luft, wenn ich bere­its auf meinen Beinen ges­tanden habe. Vielle­icht würde ich lächeln, wenn ich mich selb­st bei der Arbeit beobacht­en kön­nte. Ich sollte ein­mal einen Nacht­film drehen, wie ich nachts durch die Woh­nung hüpfe. Oder in ein­er U-Bahn in die Luft springe. Oder im Schlaf ein Rad schlage, weil ich sehr gerne im Schlaf selt­same Dinge vor­bere­ite für Sätze im Wachen. – Ein ganz anderes, selt­sames Ding, das ich nicht erfun­den habe, ist das Fol­gende. Ich hörte, im Kon­go sollen seit dem Jahre 1998 vier Mil­lio­nen Men­schen in einem Bürg­erkrieg getötet wor­den sein. Sie wur­den von der Cholera aus­getrock­net, star­ben an seel­is­chen Qualen, weil sie Frauen waren, die man verge­waltigte, Macheten tren­nten sie von ihren Hän­den, Armen, Beinen, oder sie wur­den ganz ein­fach nur erschossen, ohne dass darüber in unseren Fernse­hgeräten gesprochen wurde. Angesichts dieser merk­würdi­gen Vorstel­lung habe ich über­legt, dass ich vielle­icht ler­nen sollte, den Schat­ten nicht gesende­ter Bilder wahrzunehmen. Ich kön­nte mich also hin­ter einen Bild­schirm set­zen und würde, das ist denkbar, einen genaueren Blick auf die Welt da draußen haben, als würde ich von vorne betra­cht­en, was darge­boten wird.

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mimikri

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tan­go : 5.58 — Wieder Pseu­do­nyme gesucht, gefun­den, gesam­melt. Feine Namen, Namen, die in keinem Verze­ich­nis der Such­maschi­nen­welt enthal­ten sind. Es ist so, als wür­den Men­schen, die einen dieser Namen tra­gen, nicht existieren, weswe­gen ich die Namen jen­er nicht existieren­den Men­schen auf einen Zettel notierte. Dann ging ich spazieren. Ich spazierte am See um die Ecke unter Kas­tanien­bäu­men und las die Namen laut vor mich hin, und als ich nach weni­gen Minuten das Geräusch der ersten fal­l­en­den Kas­tanie dieses Herb­stes hörte, wusste ich, wie ich for­t­an heißen werde. Also ging ich wieder nach Hause und legte den Namen vor mich auf den Schreibtisch. Ein guter Name, dachte ich, ein her­vor­ra­gend guter Name für eine ern­ste Geschichte, aber auch für heit­ere Dinge. — stop. -

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sirius

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kil­i­mand­scharo : 0.28 — Gegen Mit­ter­nacht ste­he ich im Arbeit­sz­im­mer, hebe bei­de Arme, mache Flügel, weil ich darüber nach­denke, wie es wäre, gewicht­los zu sein. Ich habe mir vorgestellt, dass man vielle­icht ein­mal auf die Idee kom­men wird, Men­schen zu erfind­en, die ohne Knochen sind, weil sie Knochen nicht benöti­gen, weil sie ohne jede Schwere im Wel­traum existieren auf großer Fahrt. Diese Men­schen wür­den von ein­er kräfti­gen Haut begren­zt, legten sich vielle­icht in waben­för­mi­gen Struk­turen zur Ruhe, wären falt­bar und weich wie Medusen. Wenn sich zwei dieser Medusen­men­schen in einem schw­erelosen Raum begeg­neten, wür­den sie sich in ein­er Zartheit umschme­icheln, die uns Knochen­men­schen grund­sät­zlich fremd ist, weil wir in der Begeg­nung, auch in der Liebe, gewohnt sind auf Wider­stände stoßen zu wollen, auf Gegen­wehr, auf eine Fes­tigkeit, die wir benöti­gen, um sagen zu kön­nen, das bin ich und das bist Du. Ist das nicht ein beza­ubern­der Film, wie sich nahe des Sir­iussternes zwei uralte Medusen­we­sen durch einen Tan­go atmen, wie sie ver­liebt ihre pulsieren­den, ihre licht­durch­läs­si­gen Lun­gen betra­cht­en? Wie kön­nten diese Wesen bek­lei­de­ten sein, welche Büch­er wür­den sie lesen, welche Musik würde sie in glück­liche Schwingung ver­set­zen, was wer­den sie essen, was wer­den sie trinken, was wer­den sie ein­mal von mir denken, wenn sie lesen, was ich heute Nacht bere­its für sie aufgeschrieben habe?

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hibiscilli

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marim­ba : 3.02 — An einem stür­mis­chen Abend den wun­der­baren Film Augen­lied beobachtet. Ein Mann, der blind gewor­den ist, sitzt in einem beina­he dun­klen Zim­mer. Das spär­liche Licht, ein Licht nur für uns. Das Zim­mer, war das dunkel­ste Zim­mer mit Licht, das ich je gese­hen habe. Etwas später erzählt ein weit­er­er Mann, seine Frau habe zu ihm gesagt, das Schlimm­ste sei, dass sie, nach­dem er blind gewor­den war, unsicht­bar gewor­den sei für alle Zeit. — 3 Uhr und eine Minute.

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wasser

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echo : 2.15 — Seit Stun­den die Fen­ster weit geöffnet, und obwohl ich einen Pullover tra­gen muss, um nicht zu frieren, halte ich die Nacht da draußen für eine Som­mer­nacht. Es ist jet­zt zwei Uhr und fün­fzehn Minuten. Soeben habe ich Joseph Brod­skys feinsin­niges Venedig Buch Ufer der Ver­lore­nen auf den Tisch gelegt, um eine Pass­sage daraus abzuschreiben. Als ich die Tas­tatur in eine gün­stige Posi­tion rück­te, sehe ich ger­ade noch, wie meine Springspinne zwis­chen zwei Tas­ten ver­schwindet, weshalb ich zunächst nicht wagte, auch nur ein Zeichen einzugeben, um sie nicht vielle­icht zu ver­let­zen oder gar zu töten. Habe das kleine weiße Klavier dann über dem Schreibtisch herumge­dreht und etwas geschüt­telt und wenn ich mich nicht täusche, ist mein Fre­und unter dieser uner­warteten Bewe­gung her­aus­ge­fall­en. Natür­lich bin ich mir nicht ganz sich­er, — die Spinne ist sehr schnell, und deshalb schreibe ich diese und die fol­gen­den Zeilen sehr behut­sam, in ein­er Weise, sagen wir, die Joseph Brod­skys genauer Beobach­tung und seinem präzisen Aus­druck angemessen ist. Über den Geruch schreibt er das Fol­gende: Ein Geruch ist schließlich auch eine Ver­let­zung des Sauer­stof­f­gle­ichgewichts, ein Ein­bruch ander­er Ele­mente – Methan? Kohlen­stoff? Schwe­fel? Stick­stoff? Je nach Inten­sität dieser Beimis­chung erhältst Du einen Duft, einen Geruch, einen Ges­tank. Es ist eine Frage von Molekülen, und Glück, so nehme ich an, ist der Augen­blick, wenn Du die Ele­mente dein­er eige­nen Zusam­menset­zung im freien Raum gewahrst. Davon gab es eine beträchtliche Anzahl da draußen, im Zus­tand totaler Frei­heit, und ich spürte, dass ich in der kalten Luft in mein eigenes Selb­st­por­trait hin­aus­trat.

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nahgespräch

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india : 3.30 — Das schön­ste Glück in ein­er Welt, jen­seits der virtuellen Welt, wenn es zwei Men­schen möglich ist, sich zu sehen, zu berühren, zu umar­men, sobald sie miteinan­der sprechen und denken und lachen oder trauern oder stre­it­en oder miteinan­der schweigen.

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kokons

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bamako : 0.08 — Ein­mal saß ich in einem Hos­pi­tal am Bett eines kranken Kindes. Ich las diesem kleinen, blassen Wesen aus einem Buch vor, und während ich mit ruhiger Stimme las, oder vor­gab zu lesen, spürte ich, wie ich von ungewöhn­lich hellen Augen betra­chtet wurde. Vielle­icht weil das Kind um die Gefahr wusste, die ihm dro­hte, hat­te das Kind der­art helle Augen. Und so flo­gen wir gemein­sam durch eine Geschichte heller Augen, durch eine Geschichte, die von einem Mann erzählte, der auf dem Atlantik von weißen Walen in ein­er Seenotret­tungsin­sel durch das Wass­er gezo­gen wurde. Man kön­nte sagen, die Wale sorgten sich um das Leben dieses Mann, sie fin­gen ihm Fis­che und sie zogen ihn aus ein­er ein­samen Gegend des Meeres an einen Ort, den Schiff­fahrt­slin­ien kreuzten. Was das Kind vielle­icht nicht ein­mal ahnte, das Buch, das auf meinen Knien ruhte, erzählte tat­säch­lich davon, wie man Java­code pro­gram­miert. Und doch war dort im Buch eine Geschichte, weil ich immer wieder ein­mal umblät­terte, während ich für das Kind Satz für Satz aus der Luft erfand. Von Zeit zu Zeit, ich erin­nere mich noch genau, lachte das Kind, so dass ich heute sagen kann, dass es sich bei diesem Buch um ein gelun­ge­nes Nacht­buch mit Licht gehan­delt haben musste. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Habe einen Buch­staben­knoten in meinem Kopf.

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luftdruck

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romeo : 14.05 — Weshalb lässt sich heute der Buch­stabe k nur so schw­er schreiben? Auch die Zeichen o und l sind kaum zu notieren. Als ob meine Fin­ger die Luft­säulen spürten, die auf ihnen las­ten.

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ein gelungenes gespräch

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echo : 15.12 – Das Mäd­chen ste­ht im Zug neben meinem Kof­fer, der sie über­ragt. Ger­ade noch hat sie den Him­mel betra­chtet. Der Him­mel bewegt sich heute schneller als son­st. Aber jet­zt sieht sie mich an, lächelt, sagt, sie heiße Nadine. Das ist ein sehr schön­er Name, antworte ich, wie alt bist Du denn, Nadine? Rasch schaut das Mäd­chen zu sein­er Mut­ter hin, schaut nach, ob alles in Ord­nung ist. Dann hebt sie die linke Hand und dort einen Fin­ger und noch einen Fin­ger und noch einen Fin­ger, ihre zweite Hand kommt hinzu und ein weit­er­er Fin­ger, so dass Nadine bald schon 7 Jahre alt gewor­den ist. Als sie den acht­en Fin­ger hebt, hält das Mäd­chen inne. Sie sieht jet­zt sehr unglück­lich aus, vielle­icht weil sie bemerkt, dass sie weit­er zählen kann, als die Zeit in Jahren, die sie bere­its lebt. Ja, sie sieht mich an und ich erkenne an ihren Augen, dass sie gle­ich weinen wird. Also hebe ich bei­de Hände und zeige mit meinen Fin­gern die Zahl 8. Kurz darauf kni­et ein Fin­ger nieder und ich zeige die Zahl 7, und Nadine macht meine Bewe­gung nach, und weil sie bere­its ein sehr wach­es Kind gewor­den ist, sinken zwei weit­ere Fin­ger und ich mache es ihr gle­ich und wir lassen bei­de unsere recht­en Hände sinken. Nadine wird fünf, dann vier, dann drei. Als Nadine zwei Jahre alt gewor­den ist, bemerkt sie, dies­mal mit Trotz im Gesicht, dass etwas nicht stimmt, weil noch immer drei, nicht zwei mein­er Fin­ger aufrecht zu sehen sind, und sie betra­chtet den Him­mel, der sich schneller bewegt als son­st, und sie betra­chtet mein Gesicht und zunächst die Augen, dann den Mund ihrer Mut­ter und jet­zt bewegt sie ihre Hand und sie sagt, nein, soviel, und zeigt mir das Ergeb­nis ihrer Arbeit und lächelt und leuchtet, nein, glüht vor Glück, als auch ich meinen vierten Fin­ger in Bewe­gung set­ze.

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von den verkäufern der nachtbücher

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ulysses : 17.25 — Heute Nach­mit­tag wollte ich ein Nacht­buch kaufen. Ich spazierte deshalb über die Cen­tral­sta­tion gegen 16 Uhr im Zitro­nen­licht mit mein­er Filmkam­era. Ich ging sehr langsam, schaute über schat­tige Bahn­steige, schaute genau dor­thin, wo die Verkäufer der Nacht­büch­er manch­mal sicht­bar wer­den. Man kann die Verkäufer der Nacht­büch­er immer nur dann erken­nen, wenn man an eine eigene Geschichte denkt, an eine Geschichte, die man einem anderen Men­schen erzählen kön­nte, zum Beispiel, um diesen Men­schen glück­lich zu machen oder um ihm die Zeit­not zu vertreiben, wenn er nicht sofort glück­lich wer­den kann. Also dachte ich an Bil­ly, den Ken­taur, wie er sich freute, weil er auf einem Raubzug im Gebirge ein Tele­fon­verze­ich­nis der Stadt Chica­go fand nahe eines rauchen­den Jagdfis­cher­lagers. Ich musste dann nicht lange weit­er gehen. Auf Bahn­steig 15 war ger­ade ein Zug aus Ams­ter­dam eingetrof­fen, dort saß auf ein­er Bank ein Nacht­buch­händler und lachte, als ich mich neben ihn set­zte. Bil­ly, sagte er, Du denkst wieder an Bil­ly. Das ist gut, mein Lieber, das wird eine feine Geschichte wer­den. Haben wir einen Wun­sch? Und schon war er wieder ver­schwun­den und ich spazierte weit­er und jet­zt ist früher Abend und ich sitze auf meinem Sofa, ein Buch für die Nacht liegt neben mir, und warte, dass es dunkel wird, um die Geschichte eines fer­nen Men­schen zu lesen, die mir die Zeit­not vertreiben wird. Ich weiß jet­zt, dass die Händler der Nacht­büch­er wed­er für eine Fotografie noch für einen Film zur Aufze­ich­nung geeignet sind. Sie haben ihr ganz beson­deres Licht.

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anleitung zum glücklichsein

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gink­go : 18.25 — Am let­zen Tag des Sep­tem­bers unterm Regen­schirm spaziert. Zunächst reg­nete es Regen­sand, dann Regen­reis, dann reg­nete es kleine Frösche. Für einen kurzen Moment dachte ich daran, in einem Film angekom­men zu sein, der von Lou­siana han­delt. Das war ein feines Gefühl unterm klin­gen­den Schirm am Ufer des Mis­sis­sip­pi zu stehn und den Fröschen zu lauschen, die auf ihrer let­zten Reise vom Him­mel erstaunliche, pfeifende Geräusche von sich gaben. Als ich so im Froschre­gen am großen Fluss stand, erin­nerte ich mich an einen kleinen Text, den ich im ver­gan­genen Jahr bere­its geschrieben habe. Und sofort wusste ich, dass ich diesen Text, sobald ich wieder zu Hause angekom­men sein würde, noch ein­mal lesen sollte. Es ist noch immer ein beruhi­gen­der Text, ein Text, der mich berührt. Deshalb will ich diesen kleinen Text, eine Anleitung zum Glück­lich­sein, noch ein­mal für Sie wieder­holen: “Man ver­lasse das Haus. Sorgfältig alle Bewe­gun­gen des Verkehrs beach­t­end, gehe man solange durch die Stadt bis man auf eine Buch­hand­lung trifft. Dort kaufe man : Cor­tazar, Julio – Geschicht­en der Cronopi­en und Famen. Dann gehe man spazieren, trage den schmalen Band durch die Straßen, bis man einen Park erre­icht wenn Som­mer, oder ein Cafe, wenn Win­ter ist. Man nehme Platz und lese. Über den Umgang mit Ameisen beispiel­sweise, oder wie wun­der­bar angenehm es ist, ein Spin­nen­bein postal­isch an einen Außen­min­is­ter aufzugeben. Oder man lasse sich im Uhre­naufziehen oder im Trep­pen­steigen unter­weisen. Jet­zt bere­its wird man eine leichte Wärme spüren, die aus der Gegend des Bauch­es nach oben und unten in Arme und Beine auswan­dert. Also lese man weit­er, lausche jenen angenehmen Geräuschen im Kopf, — diesem sagen wir: Jed­er­mann wird schon ein­mal beobachtet haben, dass sich der Boden häu­fig fal­tet, dergestalt, dass ein Teil im recht­en Winkel zur Bodenebene ansteigt und der darauf fol­gende Teil sich par­al­lel zu dieser Ebene befind­et, um ein­er neuen Senkrechte Platz zu machen. Oder jen­em: Trep­pen steigt man von vorn, da sie sich von hin­ten oder von der Seite her als außeror­dentlich unbe­quem erweisen. It works.”
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