burma

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india : 6.15 – Wann genau habe ich aufge­hört, an die Nacht­men­schen Burma’s zu denken? Und warum habe ich aufge­hört an die Nacht­men­schen Burma’s zu denken? Viel­leicht, weil das Bild­schirm­licht ausge­fallen ist? Haben die Mörder aufge­hört zu morden?

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hibiscilli

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hima­laya : 22.02 – Stellte mir vor, ich arbei­tete im Welt­raum. stop. Wort für Wort unbe­fes­tigt. stop. Denkbar, dass ich eine Erfin­dung bin. stop. Gran­diose Idee. stop. t w o b l u e f i s h e s k i s s i n g m y w i n d o w

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tian’anmen

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olimambo : 23.32 – Das Gespräch am späten Abend mit Din. Ihre leise singende Stimme. Sie sei, als die Panzer kamen, in eine Seiten­strasse geflüchtet. Wie sie ihre Augen schliesst, wie sie sagt, sie habe keine Menschen mehr gesehen nach kurzer Zeit, einige Freunde nur, die sich an die Wände der Häuser drückten. Die Hand ihrer großen Schwester. Die Luft, die auf ihrem kleinen Körper bebte. Aber Menschen­stille. Wie sie nach Wörtern sucht, nach Wörtern in deut­scher Sprache, die geeignet wären, zu beschreiben, was sie in dem Moment, da ich auf die Fort­set­zung ihrer Erzäh­lung warte, hört in ihrem Kopf. Das feine, das selt­same Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie am Ausdruck meiner Augen bemerkt, dass ich wahr­ge­nommen haben könnte, dass die Bilder, die ich wusste, tatsäch­lich geschehen waren, das Massaker auf dem großen Platz, stol­pernde Menschen, Menschen auf Bahren, zermalmte Fahr­räder, der Mann mit Einkaufs­tüten in seinen Händen auf der Para­de­straße vor einem Panzer stehend. Dann die Flucht ins häus­liche Leben zurück wie in ein Versteck, das stumme Verschwinden junger Leben für immer. Staub. Du soll­test mit Stäb­chen essen, sagt Din, das machst Du so, schau! – stop

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salto

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tango : 20.01 – Kein Lebe­wesen, das nicht über eine Sprache verfügte. Aber doch Lebe­wesen, deren Sprache ich zunächst entde­cken oder erfinden muss. – Eine Spring­spinne, die meinen Schreib­tisch bewohnt. Wie sie zwischen Blei­stiften tollt, wie sie inne­hält und mich minu­ten­lang zu beob­achten scheint. Viel­leicht schläft sie oder sonnt sich in der Wärme meiner Lampe. Wie sie sich duckt, wenn ich mich nähere, aber nicht flüchtet. Vor wenigen Minuten, während ich las, hüpfte sie von Ost nach West über das Buch hinweg. Eine Vorstel­lung viel­leicht, um meine Aufmerk­sam­keit zu gewinnen.

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hydra

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sierra : 20.34 – Eine Film­datei exis­tiert seit Jahren im Gedächtnis meiner Compu­ter­ma­schine. Ich habe diese Datei noch nie geöffnet. Sie soll Bilder enthalten, die den gewalt­samen Tod des Jour­na­listen Daniel Pearl vor laufender Kamera zeigen. Immer wieder der Gedanke, die Frage, was ich unter­nehmen, was ich fühlen, wie ich leben würde, wenn ich wüsste, dass Bilder des Todes eines von mir geliebten Menschen, seine Ernied­ri­gung, seine Verzweif­lung betrachtet werden oder betrachtet werden könnten von aber­tau­senden wilder und fremder Augen­paare. – Kann man mit einer Hydra verhan­deln?

feuerkäfer

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hima­laya : 15.01 – Mit Freude an der Entde­ckung, an der Erfin­dung leuch­tender Wörter : Pini­en­syn­apse Bobo­lino Lamel­leniris Timbuktu Posaune Pata­go­nien metro­po­litan Kirsch­wasser Kolo­ni­al­wa­ren­laden Unter­was­ser­pan­ther Kamel Kara­wane Zünd­holz Lumumba Gottes­an­be­terin Kakteen­or­chester Flaneur Neufund­land Pene­lope Stam­peria Ohrfeige Schi­rokko Himmels­leiter Hibiskus Sand­sturm Ohren­kuss Papier­licht Nashorn­vogel Ping­pong luxieren Sala­mander Depe­sche Engels­zunge Pyra­mi­den­bahn Glüh­birne Sumatra Madras Sema­pho­ring Central­sta­tion Feuer­käfer Laby­rinth Nacht­haus Ölträne Schnee­spinne Holo­lo­lunder : silenzio. – Sonntag. Leichter Regen. Wie verdammt gut die Luft heut riecht.

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sanguin nitro

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india : 11.15 – Eine Frage der Zeit noch, ehe man mensch­li­chem Blut Spreng­stoff­mittel zufügen wird. Ein Lachen der Zünder, ein Klat­schen der Hände.

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copernic

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echo : 8.27 – Ich stelle mir vor an diesem wunder­schönen Morgen unterm Regen­licht, einmal die Spuren eines Menschen zu erfinden, von dem nichts geblieben ist, als der Schatten seiner Fragen an die Meta-Such­ma­schine COPERNIC auf einem Note­book, das ihn von Geburt an beglei­tete. Können Kroko­dile hören? Eine Spur feinster Bohrungen der Luft. – Während ich diese Zeilen notierte, ist mir aufge­fallen, dass bis vor kurzem noch Menschen exis­tierten, die in der Elek­tro­sphäre nie eine Spur zeich­neten. Meine Lieb­lings­tante zum Beispiel, ein wunder­bares Geschöpf, das an Sonn­tagen immer oder an Montagen zu Besuch gekommen war. Wir nannten sie Wally. Sie hatte sehr weiche, rosige Haut und immerzu kühle Hände und war von einem Ballon Laven­del­luft umhüllt. Da war Moos, ein moos­grünes Kleid, und da war ein spin­nen­sei­diges Haar­netz ( Warum? ), und eine rußige Stirn zur Winter­zeit, und das Rascheln der Papier­tüten, das Lauch­ge­müse, das dort heraus­ragte, und kleine Geschenke, die sie uns Kindern mitbrachte, – Match­bo­xautos, Füll­fe­der­halter, Malbü­cher -, und ihre Schenkel, auf denen ich turnte, der nasse, bittere Kuss, der niemals abge­wendet werden konnte. Eine Brille, nicht wahr, saß locker auf ihrer Nase, ein Gestell von Holz, darin runde Gläser, die ich gern mit meinen Fingern berührte. Irgend­wann einmal erzählte mir jemand, die Wally sei 1919, als Räte ihre Heimat­stadt vertei­digten, im Kugel­hagel über die Münchener Gollier­straße gerobbt. Deshalb die Pistole in ihrer Tasche, deshalb das Feuer in ihren Augen. So alt ist sie jetzt geworden, die Wally, dass sie aufge­hört hat zu leben.

walli

havanna

picping

MELDUNG. Havanna, Av Salvador Allende, 2. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 758 [ Marmor, Carrara : 5 Gramm ] voll­endet. – stop
ping

licht

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india : 10.02 – Da war ein Buch vor langer Zeit, ein Buch, das Thomas Alva Edisons Leben erzählte. In diesem Buch, ich seh das noch genau vor mir, wurde das elek­tri­sche Licht erfunden. Zunächst machte man einen gläsernen Behälter, der glühte und flüssig war und heiß, denn die Männer, die an ihm arbei­teten, trugen kräf­tige Hand­schuhe, auch ihre Gesichter waren mit Tüchern verbunden. Man konnte das Glas, so flüssig war es unter dem Feuer geworden, wie heiße Scho­ko­lade von einer Tasse in eine andere gießen. Ich habe diese Zeich­nung als Junge stun­den­lang betrachtet und erzählt, was dort für mich zu sehen war. Seither ist alles Licht, vor allem dann, wenn es warm, gold­farben, ja, wenn es sichtbar ist, flüssig und von Scho­ko­lade.

teilchen5

hierjetzt

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echo : 5.15 – Sekunden, dann Minuten der Acht­sam­keit ( kurioses Wort ) : Was höre ich? Was rieche ich? Was sehe ich? Was fühle ich? Was kann ich denken? – stop

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siatista

pic

ulysses : 15.02 – Nörd­li­ches Grie­chen­land. Karge Land­schaft. Man erzählte mir von Siatista, dort sollen Wölfe leben in den Bergen, aus welchen die Steine der Häuser der kleinen Stadt geschlagen sind. Im Winter fällt Schnee und bleibt liegen. Dann kommen die Wölfe näher heran, sind zu hören in den Nächten, ihr heulendes Gespräch. Alt sind sie, uralt wie die Menschen in dieser Gegend, die sich wider­setzen, wenn ihre letzte Stunde gekommen ist, leben sie einfach weiter. Sobald ein Winter endet und die Berge blühen für eine kurze Zeit in allen Farben, die man sich nur vorstellen kann, liegt eine junge Frau auf einer Wiese herum. Diese Wiese ist weiß von den Körben der Kamille, eine Wiese, die die Gestalt der jungen Frau erin­nert, wie sie auf dem Rücken liegt, immer an derselben Stelle in den Himmel schaut und glaubt über ein Eismeer zu fliegen. Wenn man sie besu­chen, wenn man sich neben sie legen würde, könnte man Geschichten hören, die sie mit tiefer Stimme sogleich erzählen wird. Dass sie blau war zum Beispiel, ein blau­häu­tiges Kind, dass sie nicht atmen konnte in der ersten Stunde ihres Lebens, dass man sie mit Luft, anstatt mit Wasser taufte, weil man glaubte, sie werde ihre zweite Lebens­stunde nicht betreten. Dass sie sich im Alter von vier Jahren im Schnee verirrte, dass zwei Wölfinnen sie wärmten für eine Nacht, bis man sie fand. Dass sie eine Parti­sa­nen­tochter sei, dass sie mit den Schild­kröten spre­chen könne und den Schlangen, den Faltern, den Fliegen. Dann wird sie ein wenig schweigen und eine Hand voll Akazi­en­blüten reichen, sie schmeckten vorzüg­lich, man müsse sie sich auf die Zunge legen und warten, bis sie schmelzen. Jetzt liegt die junge Frau wieder auf dem Rücken zum Eismeer hin, erzählt weiter, erzählt von den langen Wegen im Winter zur Schule und dass sie ein Jahr zurück das erste Mal das Meer gesehen habe. Ein großer Frieden. Ihre Stimme, die so seltsam tief ist. Das Brummen drei­hun­dert Jahre alter Insekten. Auch Wölfe fressen weiße Blüten.

für v.s.
siatista

hilde domin

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romeo : 22.02 – Atemlos eine Kame­ra­l­uft­reise der jungen Filme­ma­cherin Anna Ditges beob­achtet. Zwei Jahre lang filmte sie ihre Begeg­nungen mit Hilde Domin. Als ich meine Fern­seh­ma­schine ausschal­tete, war ich voll Glück und Freude, und ich dachte, dass ich mich vermut­lich verliebt habe, in den Film, in die junge Filme­ma­cherin, oder nein, ich glaube, ich habe mich in Hilde Domin verliebt. Und wie ich diese Zeilen gerade schreibe, denke ich, dass Hilde Domin, sollte sie mir über die Schulter sehen, viel­leicht sagen würde: Aber das geht doch nicht, das ist unhöf­lich, so nah heran­zu­kommen. – Ich saß im Park am Nach­mittag, folgte einer Spinne, die auf Buch­seiten turnte und las in Hilde Domins Gedichten: Wer es könnte / die Welt / hoch­werfen / dass der Wind / hindurch­fährt. Ihre von der Zeit gezeich­nete Hand, die im Film genau diese Zeilen mit einem Blei­stift auf ein Blatt notierte. Wie sie sagt zur jungen Frau hinter der Kamera: Wir sehen uns gerne an, weil wir uns mögen. – stop

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ohnmacht

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tango : 20.07 – Von unmensch­li­chen, von grau­samen Dingen Tag für Tag. Und kann doch nur kaum wahr­nehmbar handeln. 

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traumwärts

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india : 0.02 – Ich notiere: Wenn ich meine linke Hand mit meiner rechten Hand berühre, durch­breche ich einen Spiegel. Wenn ich sage: meine Hand ohne Haut, habe ich in meinem Kopf ein musku­läres Bild zur Verfü­gung, das sich bewegen lässt. – Was ist heute eigent­lich für ein Tag? – Samstag viel­leicht? – Oder Sonntag? – Nacht jeden­falls. Vor den Fens­tern pfeift die Welt traum­wärts von den Bäumen. – Da war vor wenigen Minuten eine Spinne von der Größe einer Kirsche, schnee­weißer Pelz, sieben hell­blaue Augen. Sie blitzte mich an, als ich die Tür zum Eisfach meines Kühl­schranks öffnete. Ein Ausdruck tiefster Verwun­de­rung, hier wie dort, als ob wir beide nicht glauben konnten, was wir vor uns sahen.
19621

sonar

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echo : 0.50 – Walter Kempowski bemerkt in einem Gespräch, dass die wich­tigen Dinge im Leben in Sekun­den­zeit geschehen. Er habe vor sehr langer Zeit einmal von einem fahrenden Zug aus, in einem Fenster oder in einer Tür eines gleich­falls fahrenden, eines entge­gen­kom­menden Zuges, die Gesichter dreier Lager­häft­linge gesehen. Das dauerte nur eine Zehn­tel­se­kunde: Nie vergessen! – Sein großes Werk des Lauschens, Fragens, Sammelns, Sortie­rens, Konfi­gu­rie­rens: Echolot.

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abendsegler

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romeo : 2.15 – Eines Tages im Zwie­licht in großer Höhe über einer blühenden Garten­stadt auf einem Fens­ter­brett sitzen und mit einer Angel Fleder­mäuse fischen. – Sind Abend­segler genießbar? – Die kräf­tigen Muskeln ihrer Brust viel­leicht? – Oder ihre Flügel? – Während ich vorhin so saß und über­legte, welche Haltung ich einnehmen sollte, um noch stiller zu werden, um noch tiefer in die Dinge hinein hören zu können, die Einsicht, dass ich niemals einen anderen Menschen tatsäch­lich erfinden werde, als mich selbst. – Womit könnte ich beginnen? – Viel­leicht mit meinen Händen? – Die Sterne sind rund. – Zarte Finger von Licht. – stop – Kurz nach 2 Uhr. – stop – Ich beob­ach­tete meine Hände, wie sie eine Melone schälten. Indem ich eine Melone mit dem Vorsatz öffnete, meine Hände zu beob­achten, wurden meine Hände unsi­cher. Der Eindruck, als wäre diese Melone die erste Melone, die ich je geöffnet habe. – Erstaun­lich.
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amos oz

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charlie : 5.22 – Amos Oz erzählt, er habe auf seinem Schreib­tisch zwei Stifte liegen. Den einen nehme er zur Hand, wenn er seiner Regie­rung notieren wolle, sie solle zum Teufel gehen, den anderen, wenn er eine Geschichte zu schreiben wünsche. – stop
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