transistoren

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himalaya : 0.02 — Wie würde Han­nah Arendt über das Wag­nis der Öffentlichkeit for­mulieren in unser­er Zeit, in ein­er Zeit, da Men­schen ohne jede Scheu und in gut begrün­de­ter Voraus­sicht, zutief­st ver­let­zt zu wer­den, mit Worten, Bildern, Fil­men öffentlich in intim­ste Winkel ihrer See­len leucht­en? Ein­mal, als Com­put­er noch mit­tels Tran­sis­tor­röhren rech­neten, bemerkt sie mit ihrer tiefen, rauen Stimme, das Wag­nis der Öffentlichkeit sei für eine Per­son nur möglich im Ver­trauen auf die Men­schlichkeit der Men­schen selb­st. 

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babel

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ulysses : 0.02 — Vielle­icht ist der Wun­sch, Wort für Wort eine ure­igene, eine gemein­same, eine geheime Sprache zu erfind­en, eines der kost­barsten Geschenke, das von einem Men­schen zu einem anderen Men­schen möglich ist.
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elephantisland

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echo

~ : rob salter
to : louis
sub­ject : ELEPHANTISLAND
date : june 2 09 8.58 p.m.

Kurz nach acht Uhr. Kalte, trock­ene Luft, ich notiere mit klam­men Hän­den. Um 7 Uhr heute Mor­gen haben wir bei stür­mis­ch­er See Ele­phan­tis­land erre­icht. Suche nach Miller unverzüglich aufgenom­men. Süd­west­liche Bewe­gung die Küste ent­lang. Gegen 9 Uhr erste größere Seeele­fan­ten­grup­pen gesichtet. Heftiger Schneefall. Mit­tags dann auf men­schliche Spuren gestoßen. Eine Mulde von zwei Fuß Tiefe im groben Unter­grund, hüftho­her Stein­wall nord­wärts. Im Wind­schat­ten: drei geble­ichte Wal­knochen, ein halbes Duzend fin­gerdick­er Haut­stücke, ein Kamm, zwei ros­tige Kugelschreiber, eine Blech­tasse, zwölf Pin­guin­schnä­bel, fünf Bat­te­rien, drei Klumpen ranzi­gen Fettes, Bruch­stücke eines Son­nenkollek­tors und ein­er Schreib­mas­chine. Das Werkzeug war in ein­er Weise sorgfältig demoliert, als sei eine Dampfwalze darüber hin und her gefahren. Dann weit­ere zehn Minuten die Küste ent­lang, dann auf Miller gestoßen. Der Dichter stand mit dem Rück­en zu einem Felsen hin und richtete ein Mess­er gegen einen Seeele­fan­ten. Das Tier, das sehr gewaltig vor unserem Mann in den Him­mel ragte, war nur noch zwei Armes­län­gen ent­fer­nt und scheuerte mit dem Rück­en über den Felsen. Eige­nar­tige Geräusche. Geräusche wohl der Lust. Geräusche, als habe das Tier eine ver­beulte Trompete ver­schluckt. Geräusche auch von Miller. Helle Geräusche, kreis­chende, irre Töne. Wir haben zu diesem Zeit­punkt das Fol­gende über Miller zu sagen: Unser Mann ist entkräftet und stark ver­schmutzt. Zwei Fin­ger der linken Hand sind erfroren. Kopfwärts wan­dernde Spuren von Dehy­dra­tion. Miller spricht nur einen Satz: All for noth­ing. Wir haben den Rück­weg ange­treten, indessen, bei genauer­er Betra­ch­tung unser­er Umge­bung, auf Fels­for­ma­tio­nen ent­lang der Küste Frag­mente von Zeichen­ket­ten ent­deckt. Ein­deutig Millers Hand­schrift. Brin­gen Dichter Miller jet­zt nach Hause.

einge­fan­gen
22.57 UTC
1817 Zeichen

china / mexiko

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tan­go : 0.00 — Ein Bild­schirm­saal, groß wie eine Turn­halle. Vor dem Mon­i­tor No 561 sitzt ein Mann und tippt mit seinem recht­en Zeigefin­ger Pas­sagen aus Ita­lo Calvi­nos Bänd­chen Herr Palo­mar in eine E-Mail­box: In diesem Spätherb­st gibt es in Rom etwas Ungewöhn­lich­es zu sehen, näm­lich den Him­mel voller Vögel. Zeichen um Zeichen arbeit­et sich der Mann vor­wärts. Zunächst wirft er einen Blick auf das mit link­er Hand gebändigte Buch, dann einen Blick vor­wärts ins Licht, darauf fol­gt ein weit­eres elek­trisches Zeichen, ein feines, vielle­icht von ein­er Fed­er wiedergegebenes Geräusch unter dem Rauschen tausender Fed­ern, tausender Fin­ger­w­erkzeuge, die Text erzeu­gen, Text versenden, Flüchtiges wie Rauch. — Ein­mal dort für eine Minute die Zeit anhal­ten. Lesen, was geschrieben wurde, lesen, was auf den Bild­schir­men ger­ade noch sicht­bar ist. Vielle­icht auch die Nachricht, dass der ehe­ma­lige  Vor­sitzende des chi­ne­sis­chen PEN, LIU XIABO, Mitun­terze­ich­n­er der Char­ter 2008, im Dezem­ber 2008 bere­its ver­haftet, noch immer ver­schwun­den ist. Oder eine kurze Geschichte, die von der Jour­nal­istin LYDIA CACHO RIBEIRO erzählt, deren Leben akut bedro­ht wird, weil sie in Mexiko gegen Han­del mit Frauen kämpft.

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abschnitt neufundland

picping

Abschnitt Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 224, Luft­fahrt — 2198, Auto­mo­bile — 23855], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 3, 19. Jahrhun­dert – 178, 20. Jahrhun­dert – 1215 , 21. Jahrhun­dert — 76 ], phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 218, gelöscht : 7 ], Licht­fang­maschi­nen [ H3DII-50 Has­sel­blad : 1 ], Öle [ 4.8 Ton­nen ], Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 88, Kniege­lenke – 2, Hüftkugeln – 65, Brillen – 1866 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 1227, Größen 38 — 45 : 567 ], Kühlschränke [ 210 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 7, mit Tauch­er – 28 ], Engel­szun­gen [ 22 ] — stop

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murmansk

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romeo : 0.15 — Ich war im Zug gestern Abend in Mur­man­sk gewe­sen. Am Hafen saß ich und das Eis auf san­ft sich bewe­gen­dem Meer schin­delte zu meinen Füßen. Ein ros­tiges U-Boot war da noch und junge Matrosen, sie spiel­ten mit Äpfeln und wink­ten. Indem ich so wartete und die Geräusche des Eis­es und die Stim­men der Seeleute bewun­derte, flat­terten Kolib­ris um meinen Kopf herum. Sie tru­gen winzige Pelzmützen und Pelz­jack­en und ihre Flügel brummten in der glasklaren Luft nordis­ch­er Mit­tagsstunde. Dann wachte ich auf, fuhr in ein­er Straßen­bahn spazieren, öffnete meinen Kof­fer und schon ist Mit­ter­nacht gewor­den. Ob ich vielle­icht noch immer schlafe, noch immer träume? — stop

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afrika

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nord­pol : 0.03 — Beobachtete in einem Bus ( Take five ) eine Mut­ter und ihr Kind. Zwei Män­ner von dun­kler Haut­farbe saßen gegenüber. Sie unter­hiel­ten sich. Das Kind hörte aufmerk­sam zu. Dann lacht­en die Män­ner und das Kind fragte die Mut­ter, was die Män­ner erzählten, worüber sie lacht­en. Sogle­ich lauschte die Mut­ter zu den Män­nern hin. Sie lauschte lange, sie lauschte auch mit den Augen. Es war nicht die englis­che und auch nicht die franzö­sis­che Sprache, die sie ver­nahm, es war eine selt­sam klin­gende Sprache, Klick. Klick. Die Mut­ter sagte zum Kind: Über Afri­ka. – Während ich diese Geschichte notierte, erin­nerte ich mich an einen Gedanken, den G.C.Lichtenberg bere­its um das Jahr 1778 herum for­mulierte. Er schrieb: Vorstel­lun­gen sind auch ein Leben und eine Welt. – So ist jet­zt wieder Nacht gewor­den. Ein Him­mel schön dunkel von schw­eren Wolken, gle­ich wird es Frösche reg­nen.

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nyala

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gink­go : 0.01 — Wenn ich sage: meine schlafend­en Augen, spreche ich von Augen, die ICH nie gese­hen habe.

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zoé valdés

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lima : 0.03 — Die san­fte, sin­gende Stimme Zoé Valdés. Wie sie erzählt, sie habe in Havan­na mit Fre­un­den nachts Romane kopiert, um sich­er sein zu kön­nen, kost­bare, ver­botene Texte niemals zu ver­lieren. Beson­dere Büch­er, stelle ich mir vor, die zu jed­er Zeit nur dann in ihre Tiefen les­bar, also hör­bar, also denkbar sind, indem sie von Hand auf weit­ere Papiere über­tra­gen wer­den. Abends über den Tis­chen des Hof­gartens das feine Orkan­licht der Pro­pellerkäfer. — stop

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hologramm

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echo : 12.01 — Immer wieder eine Erschei­n­ung auf Posi­tion 50°6’N 8°38’W, ein Wesen, eine Frau, die einem Infer­no entkom­men oder eine Erfind­ung sein kön­nte. Graues, staubiges, öliges Haar. Ihr von Leid geze­ich­netes Gesicht. Ihre von Schmutz star­ren­den und doch feingliedri­gen Hände. Plas­tik­tüten, die sie in gebück­ter Hal­tung geräuschvoll durch die Abteile der Abendzüge zer­rt. Ihr Blick, der berührt, der mich wahrzunehmen scheint, unendlich trau­rig, unendlich müde. Sie bet­telt nicht. Sie isst nicht. Sie trinkt nicht. Sie fährt nur Zug oder sitzt irgend­wo in den Warte­hallen des Flughafens herum und verbindet ihre entzün­de­ten Füße. Nie habe ich ihre Stimme gehört, nie sie schlafend oder betrunk­en vorge­fun­den, auch nachts um drei Uhr nicht vor den Schal­tern der Lufthansa. Sie wird geduldet. Sie kön­nte eine Mut­ter sein. Wen erwartet sie? Wohin will sie fliegen? Was ist geschehen?

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Persiankiwi

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romeo : 6.15 — Atem­los auf Twit­ter­chan­nel stun­den­lang PersianKiwi’s <140 Zeichen­botschaften aus Teheran beobachtet: I am online for few min­utes. total com­mu­ni­ca­tion black­out here. gov pan­ick­ing. very dan­ger­ous. mobile phones down. sms, out­age, face­book and all news chan­nels out. / uncon­firmed but peo­ple say­ing may killed last night. / coun­try is at stand­still. like war time. peo­ple con­fused, fright­ened. reports that mili­tia car­ry­ing live ammu­ni­tion to kill. / have seen my inbox. thank you all for sup­port. please help us by pres­sure. keep us in news please dont for­get. / peo­ple try­ing to gath­er for march. roads blocked ever­where. 
/ have no news of tehran uni dorm. rumours that many killed and remain­der arrest­ed. / i am now at a friends house. try­ing to get in to uni dorm area. all roads blocked, 
/ gov spread­ing rumous that mach can­celled. that is not true. WE MARCH AT 4pm. 
/ almost no mobile phone cov­er­age in city. land­lines work­ing but can­not access mobiles. they are fright­ened. / please tell all — march is NOT CANCELLED today. Mousavi is in dan­ger of being killed. / peo­ple say­ing that army is split. peo­ple talk­ing of coup. uncon­firmed. we need army on our side. / I am being told that many gath­er­ing at haram Imam Khome­i­ni for march. gov can­not kill us there. but roads closed. / inter­net con­nec­tion v/bad. just heard that tehran uni dorm under seige. stu­dents bar­ri­cad­ed inside. »>

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papierhimmel

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marim­ba : 6.05 — Denkbar, dass die Erfind­ung der Trompe­tenkäfer einen Prozess darstellt, der aus zehn­tausend Einzelgedanken beste­ht, die sich nicht sel­ten zärtlich wieder­holen. Habe heute Nacht ver­sucht, mich an den ersten Gedanken zu erin­nern, der ein Trompe­tenkäfergedanke gewe­sen sein kön­nte. Verge­blich! – Kurz nach sechs Uhr. Sonne an einem Him­mel von Papi­er.

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taube

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nord­pol : 0.08 — Kür­zlich im Traum im Park ein Gespräch mit ein­er Taube, geräusch­los war sie auf mein­er linken Schul­ter gelandet. Ich erkundigte mich, weshalb sie und alle ihre Tauben­fre­unde so tief, so dicht über den Boden fliegen wür­den an diesem schö­nen Som­mertag. Die Taube antwortete: Über das Licht, das aus dem Boden kommt, wis­sen wir alles. Heute viel Sonne von unten. Sie spähte dann in das Buch, das ich mir zu lesen vorgenom­men hat­te. Und weil sie sehr viel schneller las als ich, zer­rte sie ungeduldig an meinem Ohrläp­pchen, sobald sie warten wusste, bis ich endlich weit­erblät­terte. – Anatomis­che Arbeitswörter des Abends : Lobus Tem­po­ralis : Man­delk­ern : Hip­pocam­pus : Thal­a­mus. — stop

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narehet

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nord­pol : 0.12 — Der Ver­such, rück­wärts zu denken. Wie das Wort sala­man­der­links mit einem Fin­ger ins Wass­er zu schreiben. Oder das Wort teheran.

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zwitschern

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india : 22.10 — Selt­same Spur, die Twit­ter auf meinem Com­put­er schreibt. Mel­dun­gen, Sekun­den nur oder Minuten voneinan­der ent­fer­nt: > mw — boston : Just saw a mouse in the apart­ment! EEEEK!!!!!! Im get­ting a barn owl./ ky — teheran : uncon­firmed — 150 peo­ple killed last week/ mv — absud­is­tan : Ich glaube, mein Blick sagt ger­ade Vorm-Schlafengehen-möchte-ich-Blut-fließen-sehen./ sb — zürich : ich werde von men­schen regiert, mit denen ich nicht mal reden würde./ ft — teheran : Crack­down on Jour­nal­ists: Jour­nal­ists are report­ed­ly arrest­ed in Boushehr, Mashad and Rasht/ mb — berlin : kön­nt ihr mal ähm feed­back geben, ob der fee­dread­er wieder funk­tion­iert für mein blog?/ ft — teheran : Allah Akbar and Death to Dic­ta­tor cry out over Iran tonight, as in oth­er nights/ ts — münchen : “Was sollen das für Sprachen sein, die sich von Ihnen beherrschen lassen” Kurt Tucholsky/ cb — geor­gia : today is a good day to die say the cheyene/ pk — ham­burg : ich habe einen Wake­Up-Tweet in die Köpfe mein­er schlafend­en Time­line gesendet/ sl — nord­see : More videos com­ing in from Tehran. A man down and a bus in flames./ ft — teheran : for­eign embassies in Tehran opened their doors to the wound­ed & Injured/ cnn — every­where : mous­savi to pro­test­ers: ‘The coun­try belongs to you. The rev­o­lu­tion and the sys­tem is your heritage.’/ kiwi — teheran : We have a few moments to tweet with you — our friends — from a DSL con­nec­tion.

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sahara/ahorn

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himalaya : 1.28 — 1 halbe Stunde im Google­flugzeug über die Sahara auf dem Bild­schirm. Leuch­t­ende, türk­is­far­bene Flächen, aus­gedehnte, sand­far­bene Ebe­nen, und Berge, die rot sind, als wür­den an ihren Hän­gen Ahorn­haine blühen. Da und dort Spuren men­schlich­er Sied­lun­gen, gewür­felte Kerne. Pis­ten der Auto­mo­bile erscheinen in der Stärke eines Haares. Etwas Wüsten­sand, von glühen­den Winden him­mel­wärts getra­gen. Koral­len­stäube. Vipern­haut. Kamel­knochengesteine. Zeit­fer­mente. So sicht­bar, wie denkbar. — Was sehe ich noch in diesen Stun­den? — stop

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absent

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romeo : 3.15 — Küh­le Luft, leichter Regen, herb­stliche Stim­mung. Wie immer, wenn ich zer­streut bin, in einem Aben­teuer­buch gele­sen. Fol­gende Stelle in H.G. Wells’ Roman Die Insel des Dr. More­au: Mein Onkel ver­schwand auf etwa 5° südlich­er Bre­ite und 105° west­lich­er Länge aus den Augen der Men­schen, und er erschien nach elf Monat­en in der­sel­ben Gegend des Ozeans wieder. Während der Zwis­chen­zeit muss er auf irgen­deine Weise gelebt haben. In dem Moment, als ich diese Zeilen passierte, wie aus heit­erem Him­mel ein merk­würdi­ges Gefühl der Unwirk­lichkeit, als ob ich diese Nacht, das Buch, den Stuhl, auf dem ich saß, nur träumte, auch mich selb­st träumte, wie ich las, die Bilder Men­schen jagen­der Motor­rad­fahrer und die Nachricht im Kopf, ein Rat mächtiger, religiös­er Wächter habe gestern noch, am Ende ein­er anderen Nacht, bestätigt, im Iran seien drei Mil­lio­nen Stim­mzettel nicht existieren­der Wäh­ler zu verze­ich­nen. — Wohin ist diese Nachricht geflo­hen? — Wann wird sie wieder zu uns kom­men? — Wo hält sie sich auf in den Zeit­en der Abwe­sen­heit? — Wie viele Men­schen sind in den ver­gan­genen Stun­den kühlen Regens spur­los aus ihren Häusern oder aus Hos­pitälern der Stadt Teheran ver­schwun­den?

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calling card

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bal­dachin : 5.18 — Man sollte Vis­itenkarten für Träumer druck­en, feine Papiere, die akku­rat senkrecht in Cafes an ein­samen Schoko­laden­tassen lehnen. Zu lesen sind je diese Sätze: War in Patag­o­nien heut Mor­gen, Porte­mon­naie und Wasser­hahn vergessen. Bin gle­ich wieder da. Louis

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von der hölle von der hoffnung

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tan­go : 1.17 — Ein Fre­und erzählt von Nächt­en, die er vor 30 Jahren in den gefährlich gewor­de­nen Straßen und auf den Däch­ern über der Stadt Isfa­han ver­brachte. Das Rufen tausender Stim­men: Allah-o-Akbar. Wir haben das erfun­den, um den Schah zu vertreiben, auch ältere Men­schen kon­nten sich in dieser Weise bemerk­bar machen. Wir kämpften für Demokratie, hörten BBC, um her­auszufind­en, ob irgend­je­mand wahrn­immt, was mit uns geschieht. Kannst Du ver­ste­hen, wie ich mich jet­zt füh­le? — Furcht­bar wur­den sie bet­ro­gen, eine Gen­er­a­tion im Exil. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Fereshteh Ghazi, junge Jour­nal­istin, notiert: Tonight, like past nights, the chants of “Allah-o-Akbar” were heard on roof tops of Tehran & oth­er cities. Seit Tagen schreibt sie sich die Fin­ger wund. Per­sianki­wi aber, dessen Zeichen ich viele Stun­den lang auf dem Bild­schirm erwartete, ist ver­s­tummt. Vorgestern noch Zeilen auf Twit­ter fol­gende: > just in from Baharestan Sq — sit­u­a­tion today is ter­ri­ble — they beat the ppls like ani­mals 3:34 PM Jun 24th I see many ppl with bro­ken arms/legs/heads — blood every­where — pep­per gas like war 3:35 PM Jun 24th 
they were wait­ing for us — they all have guns and riot uni­forms — it was like a mouse trap — ppl being shot like ani­mals 3:53 PM Jun 24th saw 7/8 mili­tia beat­ing one woman with baton on ground — she had no defense noth­ing — sure that she is dead 3:55 PM Jun 24th so many ppl arrest­ed — young & old — they take ppl away — we lose our group 3:59 PM Jun 24th ppl run into alleys and mili­tia stand­ing there wait­ing — from 2 sides they attack ppl in mid­dle of alleys 4:01 PM Jun 24th all shops was closed — nowhere to go — they fol­low ppls with heli­copters — smoke and fire is every­where 4:03 PM Jun 24th phone line was cut and we lost inter­net — get­ting more dif­fi­cult to log into net 5:05 PM Jun rumour they are track­ing high use of phone lines to find inter­net users — must move from here now 5:09 PM Jun 24th reports of street fight­ing in Vanak Sq, Tajr­ish sq, Aza­di Sq — now — Sea of Green — Allah Akbar 5:14 PM Jun 24th in Baharestan we saw mili­tia with axe chop­ing ppl like meat — blood every­where — like butch­er — Allah Akbar — 5:16 PM Jun 24th they catch ppl with mobile — so many killed today — so many injured — Allah Akbar — they take one of us — 5:18 PM Jun 24th Lalezar Sq is same as Baharestan — unbel­ev­able — ppls mur­dered every­where — 5:19 PM Jun 24th they pull away the dead into trucks — like fac­to­ry — no human can do this — we beg Allah for save us — 5:23 PM Jun 24th Every­body is under arrest & cant move — Mousavi — Kar­roubi even rumour Khata­mi is in house guard — 5:28 PM Jun 24th we must go — dont know when we can get inter­net — they take 1 of us, they will tor­ture and get names — now we must move fast — 5:34 PM Jun 24th thank you ppls 4 sup­port­ing Sea of Green — pls remem­ber always our mar­tyrs — Allah Akbar — Allah Akbar — Allah Akbar 5:36 PM Jun 24th Allah — you are the cre­ator of all and all must return to you — Allah Akbar 5:39 PM Jun 24th — stop
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schlaftastatur

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tan­go : 0.01 — Ich träumt von grün­er Nacht, wo Schneeflock­en sich legten
 auf die Augen des Meeres gle­ich Küssen. Arthur Rim­baud
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perugia

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bamako : 0.02 — Gestern Nach­mit­tag, bei großer Hitze auf ein­er Wiese liegend, fünf Zitro­nen­fal­ter beobachtet, die sich höchst merk­würdig benah­men. Sie wirbel­ten nicht, wie üblich, spie­lend und wer­bend umeinan­der herum, ein Fal­ter vielmehr flog unter dem anderen Fal­ter dahin, als ob sie sich gegen­seit­ig Schat­ten spenden woll­ten, eine Flugschule, sagen wir, kun­stvoll in dieser Art und Weise. Einen Moment dachte ich, dass die Sonne möglicher­weise mein Gehirn so weit erwärmt haben kön­nte, dass es die Wirk­lichkeit vor meinen Augen gestal­tete, wie es ihm ger­ade passte. Aber ich hat­te doch einen Hut auf dem Kopf und ich erin­nerte mich rasch an eine Mel­dung, Segelfal­ter der Gat­tung Iph­i­clides podalir­ius 5 hät­ten sich in einem zen­tralen Park der Stadt Peru­gia in ähn­lich­er Weise ver­hal­ten, und zwar im Herb­st, noch nicht lang her. — Werde an diesem Son­ntag früh mit nachtküh­lem Kopf in den Garten mein­er Beobach­tung zurück­kehren und nach­se­hen, ob wir bei Ver­stand geblieben sind.
lizzard

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