elefanti

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sierra : 0.01 – In der vorletzten Nacht, zwei Uhr wars schon geworden, hab ich in einem Bahnhof unter dem Frank­furter Flug­hafen Vögel entdeckt. Das Neon­licht flackerte und die Vögel, Tunnel­vögel, zwit­scherten. Kurz zuvor hatte ich noch in einem Cafe gesessen und einer Frau zuge­hört, die mir von Kala­brien erzählte, vom Haus ihrer Eltern, einem uralten Gebäude, dessen Steine seit zwei­hun­dert Jahren roten Sand der Sahara weinen. Das war ein sehr schönes Bild gewesen, und so berich­tete ich ihr von meinen Gedanken, die seit Tagen um das Wesen der Tief­see­le­fanten kreisen. Sie wollte alles ganz genau wissen, lachte immerzu, und drehte ein rotes Eisschirm­chen in ihren Händen, dass mir ganz schwin­delig wurde. Nach einer Weile unter­brach sie mich und kam näher und behaup­tete ernst­lich, dass sie als Mädchen beim Tauchen diesen Wesen, Elefanti, genau so begegnet sei, wie ich sie in Worten gezeichnet hatte, das heißt, jenen Rüsseln, die aus der dunklen Tiefe ragten. Sie sind warm, sagte sie, und weich, und wenn Du Dein Ohr an einen dieser Rüssel legen würdest, könn­test Du was hören, sag ich Dir. Aber über die Mafia wollte sie nicht spre­chen. Wir haben so schöne Land­schaften dort, und Dörfer, und das Meer, ja, das Meer. Dann war sie todmüde zur Arbeit zurück gegangen und ich wartete auf einen Zug und hörte den Tunnel­vö­geln zu und dachte, wie sonderbar das alles doch ist, ein Wunder, das ganze Leben Tag und Nacht.
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abendsegeln

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echo : 0.01 – Der Versuch, im Garten die Dämme­rung des Abends mit meinen Augen, also mit meinem Gehirn zu begreifen. Es ist wieder einmal sonderbar, ich habe einen Knoten in meinem Kopf. Immer genau dann, wenn ich sagen wollte: Schau her, vor einer Sekunde ist es ein wenig dunkler geworden, war ich mir nicht sicher, ob ich nicht irrte, weil ich das Dunk­lerwerden nicht eigent­lich gesehen, sondern viel­mehr gefühlt oder ange­nommen hatte. Einmal schloss ich meine Augen für zwei Minuten und hoffte vergeb­lich, mir das Licht­bild merken zu können, das ich zuletzt gesehen hatte. Und doch habe ich eine feine Entde­ckung gemacht. Sobald ich im Dunkeln mein Gehirn mit meinen Lidern bedecke, wird das Dunkel heller. Ich muss das im Auge behalten! – stop

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kapriole

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sierra : 6.15 – Ich erwachte, weil ich Schritte hörte, tanzende Füße in Tanz­schuhen auf Parkett. Unmög­lich, dachte ich, so etwas geht doch nicht. Ich machte Licht und hüpfte aus dem Bett. Wie ich so im geräu­migen Hotel­zimmer stand, bemerkte ich, die Geräu­sche der Schuhe kamen nicht von oben, sondern von unten her, weshalb ich eine Treppe abwärts vor verdäch­tiger Türe ener­gisch klopfte, weshalb mir geöffnet wurde, weshalb ich unver­züg­lich in ein höchst selt­sames Zimmer trat. Tisch und Stühle und Bett und weitere kommode Dinge befanden sich dort an der Decke. Ein Mann, sehr fein gekleidet, ein Tänzer im dunklen Anzug grüsste kopf­über zu mir herunter. Er sagte, ange­nehme Stimme: Guten Morgen, mein Herr! Sie sind wohl Einer, der an der Decke zu gehen vermag.
tanzende

migration

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echo : 2.05 – Welcherart würde sich das Benehmen mensch­li­cher Wesen verän­dern, wenn über Nacht ihre Augen an die Posi­tionen der Ohren, ihre Ohren an die Posi­tionen der Augen wanderten?
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tauchgang wiegend

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nordpol : 0.02 – Tief­see­ele­fanten wirk­lich zu begegnen, heißt, gegen den Grund zu reisen, dorthin, wo Herz und Gehirn, Ohren und Augen auf kräf­tigen Beinen über den Meeres­boden wandern. Viel­leicht ist man gerade in einem Boot auf dem Weg ein paar Fische zu fangen. Man vernimmt ein Schnauben zunächst, eine Begrü­ßung, eine Frage, aber schon mit dem folgenden Gedanken, wird man sich, von einem Rüssel zärt­lich in die Wiege genommen, im Wasser wieder finden. Dann gehts abwärts. Eine Tiefen­fahrt, wie keine andere je zuvor. Einhun­dert Meter Blau, jetzt schließen sich die Augen. Man träumt von Rüssel­wäl­dern, von Schwärmen glim­mender Fische, von der Kühle, vom Eis, von feurigen Augen, für die man keine Worte finden kann, so seltsam ihr Ausdruck, so geduldig, so weise, und so sonderbar die Geräu­sche der eigenen Knochen, ein Malmen, in dem man kleiner wird und kleiner. – Woher ich das alles weiß? Nun, ich bin in der vergan­genen Nacht gegen Zwei, Benny Goodman im Ohr, ins Wasser gefallen. – Ein Knis­tern, noch heute.
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automobile

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MELDUNG. Auto­mo­bile, folgende, wurden nach einem Kauf­haus­be­such zu Oslo in Martha B., 82, vorge­funden : Magen – 1 Shelby Cobra 427 S/C [ 1965 ], 1 Ford Fair­lane Sunliner [ 1956 ], Dünn­darm – 1 Dodge Dart Phoenix [ 1964 ], Dick­darm – 1 Ford Mustang [ 1965 ]. Ein Richter hatte die Durch­su­chung des Bauches zwin­gend ange­ordnet. – stop

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foxtrott : 0.02 – Es ist früher Abend, ich liege in einer Wiese, ein Ohr gegen den Himmel, das andere Ohr gegen die Erde gerichtet, und höre Gräsern und sehr kleinen Tieren zu, wie sie sich auf die Nacht vorbe­reiten. Noch etwas Zeit ist, Minu­ten­zeit, weil ich warte. Ein ange­nehmes Warten, ein Warten voller Freude. Nichts ist solange zu tun, als der großen Welt am Himmel und der kleinen Welt unter mir zuzu­hören. Man raschelt dort für mich und der Himmel schweigt, um nicht zu stören. Es ist seltsam, je glück­li­cher ich bin, desto beweg­li­cher kann ich denken. So beweg­lich bin ich geworden, dass ich von Zeit zu Zeit über­haupt aufhöre an irgend­etwas zu denken. Und doch bin ich niemals abwe­send, sondern hier und warte und höre den Gräsern zu und atme und halte etwas Papier fest in der Hand, von dem ich bald vorlesen werde. 1 x schlafe ich kurz ein. – stop

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kolibri

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romeo : 0.15 – Ein Flug­tier­chen, das auf dem Bild­schirm meiner Schreib­ma­schine kauerte. Ich näherte mich mit dem Zeiger meiner Mouse, tauchender Schatten. Kurz, als würde es den Atem anhalten, hielt das Tier­chen inne. Ich notierte: 22 Uhr und 12 Minuten. Der Besuch eines zarten, eines Licht naschenden Wesens. Wie es ein wenig bebt unter den Anschlägen dieser Zeichen, wie es die Beine ausein­ander stellt. Wie es sich behauptet, wie es mich zu betrachten scheint.

kolibri

ohrwesen

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romeo : 0.08 – Kurz nach Mitter­nacht. Leichter Regen, aber nur als Vorstel­lung, als Übung, als Suche in den Maga­zinen meines Gehörs. Plötz­lich erin­nerte ich mich, einmal heim­lich ein Ohr aus nächster Nähe beob­achtet zu haben, ein Wunder der Schöp­fung. Ich betrach­tete dieses Ohr so liebe­voll und so lange Zeit, dass ich bald etwas ganz anderes in ihm sehen wollte, als eine halbe Stunde noch zuvor, ein Wesen nämlich ganz für sich. Der Gedanke, ich könnte jeder­zeit ein schla­fendes Ohr mit meinem Blick berühren, ohne dass es davon wach werden würde, faszi­niert mich ausser­or­dent­lich. Wenn ich aber sagen würde, leise, leise: Du bist wunder­schön, dann würde das Ohr mich viel­leicht ansehen, ein noch halb­wegs träu­mendes Auge von einer Sekunde zur anderen Sekunde, und ein Mund, ein Mund, der lächelt. – Gute Nacht.
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lichtforscher

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echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
subject : TRAUMLICHT

Lieber Mr. Kekkola, ahoi! Was machen Sie denn so? Seit Tagen keine Nach­richt aus der Wildnis. Sind Sie noch am Leben oder wurden Sie bereits heim­lich von Bären gefressen? Vermut­lich haben Ihnen lüsterne Fliegen derart zuge­setzt, dass Sie kaum noch aus den Augen sehen können. Hörte, kühlende Moose, sollen helfen, dass Sie wieder in die Welt hinaus schauen und mir schreiben werden. Nach einer kleinen Reise südwärts wird nun wieder über Tief­see­ele­fanten nach­ge­dacht. Das ist schon seltsam, wenn ich Stunden an ein und dieselbe Sache denke, dann wird sie so vertraut, dass ich sie mit mir ins Bett nehmen kann, ich meine, ich träume, ich träume, mein lieber Kekkola, mit Elefanten über atlan­ti­schen Tief­see­boden zu spazieren. Erin­nere mich gerade an einen Forscher des Lichts. Wenn Du einem Problem, einer Idee, einer Spur wirk­lich nahe kommen willst, sagte mein Vater, dann musst Du so intensiv daran arbeiten, dass Du nachts im Schlaf nicht davon ablassen kannst. Das hab ich nun also gemacht. Ich betrach­tete fünf­tau­send Meter lange Rüssel und Pater­nos­ter­auf­züge, die es bei Ihnen in Amerika nicht gibt, aber bei uns in Europa, endlos dahin­fah­rende Koffer ohne Deckel, in die man einsteigen kann, einsteigen wie jene Luft, die Tief­see­ele­fanten in kleinen Paketen atmen, Meeres­winde in Beuteln von Haut. Die fahren dann perlend abwärts, ein Beutel nach dem anderen Beutel, zur Lunge hin, die riesig ist und rosa und kühl, wie das Moos, von dem ich Ihnen erzählte. Mein lieber Kekkola, was halten Sie davon? Schreiben Sie mir, sobald Sie wieder schreiben können, ja, schreiben Sie mir! Ich komm Sie sonst holen! Ihr Louis.

gesendet am
20.08.2009
5.32 MESZ
1650 zeichen

louis to jona­than
noe kekkola »

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erfindung

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delta : 17.10 – Schirm­chen von Haut, die sich in damp­fenden Nächten lindernd über lesende Augen entalten. Trans­pa­rent. Und kühl. Nach Art der Schnee­pa­piere. Iris­la­mellen. – stop.
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zeppeline

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alpha : 8.06 – Seit Tagen denke ich darüber nach, weshalb mich die Ansicht japa­ni­scher Fessel­bom­ben­bal­lone irri­tiert. Ich komm nicht dahinter. Viel­leicht einmal eine Geschichte erzählen, die von oder mit Bomben­bal­lonen handelt, eine Art fabu­lie­rende Denk­be­we­gung, die die Substanz dieser selt­samen Idee in meinem Leben wirk­li­cher, greif­barer werden lässt. Nicht also erfinden, sondern etwas Gefun­denes buch­sta­bieren, um es genauer denken oder über­haupt als etwas Eigenes spüren zu können. Gestern Abend noch erzählte ich in einem Gespräch von Zeppel­in­kä­fern, wie sie durch meine Wohnung schweben. Ich erzählte in einer Weise, dass ich eher sagen müsste, dass ich von der Erschei­nung der Zeppel­in­käfer in meinem Zimmer berich­tete, weil sie, im Februar zunächst wort­weise auf Notiz­pa­pier gesetzt, für mein Gehirn zur einer wirk­li­chen Erschei­nung geworden sind. – Eine beru­hi­gende Beob­ach­tung.
luftschiffbombe

sarajevo

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sierra : 0.01 – Ist es denkbar, dass vor einem inter­na­tio­nalen Gerichtshof, sobald Menschen von der Bela­ge­rung Sara­jevos Zeugnis ablegen, jene Wörter, die den Klang durch die Luft flie­gender oder in Körper eindrin­gender Projek­tile wieder­geben, singu­läre Wörter sind, Wörter, die nicht über­setzt werden, weil sie nicht über­setzbar sind, unmit­tel­bare, authen­ti­sche und beweis­kräf­tige Wörter der Geräu­sche eines Verbre­chens gegen die Mensch­lich­keit?
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sprechgeräusche

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ginkgo : 2.15 – Etwas Selt­sames ist geschehen. Bin gestern Abend im Garten einge­schlafen, obwohl ich in einem äusserst span­nenden Buch geblät­tert hatte. Viel­leicht wars die schwere, warme Luft oder eine schlaf­lose Nacht der vergan­genen Jahre, die rasch noch nach­ge­holt werden musste. So oder so schlum­merte ich eine Stunde tief und fest im Gras und wäre vermut­lich bis zum frühen Morgen hin in dieser Weise anwe­send und abwe­send zur glei­chen Zeit auf dem Boden gelegen, wenn ich nicht sanft von einer nacht­wan­dernden Ameise geweckt worden wäre. Kaum hatte ich die Augen geöffnet, war ich schon mit einer Frage beschäf­tigt, die ich erst wenige Stunden zuvor entdeckt hatte, mit der Frage nämlich, wie Tief­see­ele­fanten hören, was sie mitein­ander spre­chen, da doch die Sprech­ge­räu­sche ihrer Rüssel sehr weit von ihren Ohren entfernt jenseits der Wasser­ober­fläche zur Welt kommen und rasch in alle Himmels­rich­tungen verschwinden. Eine diffi­zile Frage, eine Frage, auf die ich bisher viel­leicht deshalb keine Antwort gefunden habe, weil ich eine Antwort nur im Schlaf finden kann, wenn mein Gehirn machen darf, was es will. – Fangen wir an. – stop – Drei Uhr und zwölf Minuten in Isfahan, Iran. – stop
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korrespondenz

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echo : 0.02 – Wieder wirk­liche Briefe schreiben, Briefe, die man in die Hand nehmen kann, Briefe, auf kost­bare Papiere notiert, Botschaften, die in ebenso kost­baren Couverts durch die Luft fliegen werden. Folgendes habe ich mir ausge­dacht. Ich könnte zunächst einen Blei­stift besorgen und ein wenig üben, mit der Hand Zeichen auf unsicht­baren Linien zu Wörtern zu setzen. Ein oder zwei Wochen der Probe sollten genügen. Dann nach feinen Brief­marken suchen, nach Miros und Zeppe­linen und Leucht­türmen und anderen Ikonen unserer Zeit. Ich stehe in einer Kolo­ni­al­wa­ren­hand­lung und glühe vor Begeis­te­rung, weil die Segel, die ich in Händen halte, eigent­lich nicht anwe­send sind, so leicht, so licht. – Exis­tieren even­tuell Papiere, die Korre­spon­denzen unter Kiemen­men­schen zuge­eignet sind?

calle de hernán cortéz No 7

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nordpol : 0.02 – Ich habe einen Brief geschrieben. Der Brief geht so: Liebe Mrs. Kekkola, lieber Mr. Kekkola, Ihrem Sohn geht es gut! Seine künst­li­chen Lungen arbeiten, als hätte er nie zuvor ohne sie gelebt. Jona­than wandert derzeit unter wilden Bären in nord­ame­ri­ka­ni­schen Wäldern. Leider habe ich Ihnen mitzu­teilen, dass Ihre Wohnung [Calle de Hernán Cortéz No 7, 8. Etage], die Sie, wie wir unseren Unter­lagen entnehmen, seit 75 Jahren nicht verlassen haben, undicht geworden ist. Ihr l.k. mit besten Grüßen – Kurz nachdem ich den Brief zu Ende notiert hatte, der Eindruck, dass ich mir selbst ein wenig unheim­lich werde, warum?
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atlantisches licht

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MELDUNG. Atlan­tik­leuchter Abyss DC-X-71 : mobiles Habitat für 8 Exem­plare Angler­pracht­fisch mela­no­cetus john­soni GT-AO9 [ männ­lich ] : je 0.78 Watt Lumi­nes­zenz : 5 Liter Schwimm­raum : Voll­man­tel­pan­zer­ver­gla­sung : Gewicht [ ohne Atlantik ] – 15.8 kg : Befeue­rung – 5 g Zwerg­gar­nele natho­phyllum ameri­canum GT-BC97 [ a 24 h ] : auto­ma­ti­scher Druck­aus­gleich [ 105 atm / Tag : 5 atm / Nacht ] : natür­li­cher Haut­schirm zur Abde­ckung proto­plas­ti­scher Strah­lung – trans­pa­rent [ Inid-Code 9788907–86 ] – stop

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