marina abramovic

2

alpha : 0.02 — Guten Mor­gen, heute ist Fre­itag. Ich habe mir für diesen Tag vorgenom­men, langsam zu gehen, langsam zu atmen, langsam zu schreiben. Ich werde langsam lesen und langsam sprechen, und denken werde ich so langsam wie nie zuvor. Die Empfind­ung der Zeit zur Geschmei­digkeit zu überre­den, ja, das ist vorstell­bar, weiche, warme Stun­den. — stop

vögel

2

char­lie : 2.08 — Plöt­zlich war er da, wie aus dem Nichts, der Junge heut Nacht woher zurück­gekom­men. Kni­ete auf einem Stuhl vor dem Bett, auf dem seine Mut­ter ruhte. Ein Arzt hat­te zu ihm gesprochen, erk­lärt, weshalb die Mut­ter so lange Zeit­en schlafen müsse, diesen merk­würdi­gen Schlaf, Monate, Monate, Monate. Und dass die Mut­ter nicht antworten, aber hören könne, wenn man zu ihr sprechen würde. Also erzählte der Junge sein­er Mut­ter von der Schule, vom Schnee, vom Ball­spiel, von dampfend­en Loko­mo­tiv­en sein­er Mod­elleisen­bahn. Manch­mal flüsterte er, beugte sich hin zum schlafend­en Ohr, erzählte von geheimen Din­gen. Und von den Vögeln berichtete der kleine Mann, von Vögeln, die sehr nah gle­ich hin­ter dem Fen­ster an der Brüs­tung des Balkons ihre Schnä­bel wet­zten. Vögel waren das, beson­dere Vögel, sie halfen, weit­er zu erzählen, wenn ihm nichts ein­fall­en wollte. Ein­mal hörte ich, wie er einen Vogel erfand, ein Wesen, das allein durch Wörter sekun­den­weise existierte, einen Vogel der Poe­sie. Seine glock­en­helle, aufgeregte Stimme, sein erhitztes Gesicht, seine müden Augen, seine Hände, die die Luft beschrieben.
ping

ping

ping

india : 4.18 — Wie in die Leere, die ein geliebter Men­sch im Leben hin­ter­lässt, nach und nach trös­tend erzählte Geschicht­en fließen, fein­stes Gewebe, Licht und Schat­ten, eine Stimme aus den Stim­men, Land. — stop

ping

coney island

14

bamako

~ : louis
to : daisy und vio­let hilton
sub­ject : CONEY ISLAND

Nie ver­mag ich auszu­malen, wo ihr Zwei ger­ade seid. Ja, so ist das, nein, nein, ich habe keine Ahnung, keine Vorstel­lung, liebe Daisy, liebe Vio­let, kön­nte die Welt umrun­den, zu Fuß oder auf den Rück­en der Kamele, zu kein­er Zeit würde ich Euch begeg­nen, nicht eine Sekunde, kein Blick aus dem Fen­ster eines abfahren­den Zuges, Eure lächel­nden Gesichter, Euer Winken, zwei Küsse durch die Luft, nein, nein, niemals, nicht wirk­lich, keine Ahnung habe ich, keine Vorstel­lung, und doch seid ihr nah, so nah, dass ich Euch schwebende Orte schenk­te in Gedanken, einen schweben­den Tisch, eine schwebende Schreib­mas­chine, ein schweben­des Sofa, und diesen weit­en Blick aufs wilde Meer, auf blühende Gärten, ein Lächeln. Gestern arbeit­ete ich im Park unterm Regen­schirm. Ich hat­te meine Schreib­mas­chine auf eine Hand gestellt, dort wartete sie lange Zeit. Dann schrieb ich ein Wort, aber kein weit­eres Wort. Nur Geduld, dachte ich, nur Geduld. Habt Ihr, liebe Vio­let, liebe Daisy, bemerkt, dass ich Euch Bohu­mil Hra­bals Geschichte der Katze Autitschko öffnete. Ich legte das kleine Buch neben mich auf die Bank, blät­terte und wartete, meinte, Euch rufen zu hören: Wir lesen, Louis, schneller als du denkst! — Ein großer Augen­blick meines kleinen Lebens.

gesendet am
8.06.2010
22.08 MESZ
1775 zeichen

louis to daisy and vio­let »

Top