verschwinden

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tango : 18.57 – Was hätte ich zu unter­nehmen, wenn ich wüsste, dass ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen mit dem Gedanken spielte, mich so rasch wie möglich ums Leben zu bringen. Wie viele Spuren meines Aufent­halts­ortes sind in dieser Text­linie zu finden, so dass man die Posi­tionen, die ich bewohne, iden­ti­fi­zieren könnte. Weiß man von meinen Freunden? Welche Verzeich­nisse im Internet müsste ich von Hinweisen befreien, wen inständig bitten, kein Wort über mich zu verlieren? Wie also unsichtbar werden, nach und nach einer sein, der nie exis­tierte? Ich könnte mich bewegen, reisen bis ich ein armer Hund geworden bin. Könnte dann inne­halten, könnte so tun, als habe ich geträumt, meine perfo­rierte Seele, oder selbst noch zum Jäger werden.

tuttle

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echo : 20.08 – Besuch von Mr. Tuttle zur unmög­lichsten Zeit gegen 10 Uhr vormit­tags. Saß, nacht­müde Augen, vorm Bild­schirm und hörte, wie der Monteur mit Pumpen­ma­schinen, Schrau­ben­schlüs­seln, Rohr­zangen an meinen Wasser­lei­tungen in der Küche hantierte. Das waren Geräu­sche eines Kampfes, nicht Geräu­sche einer Rekon­struk­tion, Bohrungen wurden ins Erdin­nere voran­ge­trieben, Wände zu benach­barten Wohnungen einge­rissen, hartes Wasser strahlte Bilder­rahmen in alle Winde. Einmal kam Mr. Tuttle in das Zimmer, in dem ich das Ende seines Besu­ches erwar­tete. Zaghaftes Klopfen, seine erstaun­lich helle Stimme, ob er mich spre­chen könne, stand bald neben meinen Papieren mit erhitztem Gesicht, staubig, ein Hüne, er müsse jetzt an die Heizung. Dann wieder Hiebe von sonorem Klang, über­legte, was in meiner nächsten Nähe geschah, welche Arbeit präzise die Erschüt­te­rung meiner Schreib­ma­schine, meiner ganzen Person bewirken könnte. Ein Löschzug passierte die Straße vor dem Fenster. Vom Dach des Hauses gegen­über stürzte ein Schnee­brett in die Tiefe. Irgend­etwas flat­terte pfei­fend um meinen Kopf herum. Ein Punkt verharrte über der Boden­linie ·

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luftauster 1

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echo : 16.32 – Nach zwei Jahren der Beob­ach­tung vermag ich noch immer nicht zu sagen, ob ich im Zustand des Träu­mens über einen Geruch­sinn verfüge oder nicht. – stop
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wikileakshydra

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nordpol : 17.58 – Hörte im Radio vor wenigen Minuten eine merk­wür­dige Geschichte. Man erzählte, durch New Jersey sollen seit Wochen Vorort­züge mit Abteilen von Stille in Rich­tung Manhattan fahren: Tele­fone und Spiel­dosen jeder Art verboten. Das könnte Gerücht, Erfin­dung, von Wünschen geträumt gewesen sein. Mit eigenen Augen dagegen habe ich beob­achtet, wie im Super­markt gleich um die Ecke, Zwerg­kak­teen Mützen von rotem Stoff aufge­setzt worden sind. Bärte rauschen, weiße Bärte, mittels Nadeln sind sie an den Leib der Pflanzen gena­gelt. Auch dass es regnet, hier in meiner nächsten Nähe, das ist ganz sicher der Fall, so sicher der Fall wie das Wachstum einer weiteren elek­tri­schen Hydra im Prozess der Selbst­be­haup­tung. Gestern Abend, mittel­eu­ro­päi­sche Zeit, verfügte sie über 208, kurz nach Mitter­nacht über 355 und weitere 12 Stunden später über 507 einander glei­chende Köpfe. – Da war noch dieser alte Mann auf einem Basar zu Marra­kesch. Wie er vor einer 40 Jahre alten Schreib­ma­schine sitzt und Liebes­briefe notiert gegen eine kleine Gebühr für Menschen, die nie gelernt haben, zu schreiben, zu lesen. – stop

holly

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delta : 6.58 – Im Traum mit Jürg Feder­spiel auf Fähr­schiffen zwischen Manhattan und Staten Island hin und her unter­wegs. Sobald wir eines der beiden Ufer erreichten, verließen wir unser Schiff, um sofort das nächste Schiff in die Gegen­rich­tung zu besteigen. Wir machten das so selbst­ver­ständ­lich, als hätten wir nie etwas anderes an diesem Ort getan. Jedes Mal mussten wir eine Schleuse passieren, wir zogen dann unsere Schuhe und unsere Gürtel aus und setzten bedeu­tungs­volle Gesichter auf, indem wir an schwer bewaff­neten Poli­zisten vorüber­gingen. Bald schon standen wir wieder bugseits, Nasen im Fahrt­wind, Schulter an Schulter, und Herr Feder­spiel wieder­holte seine Lieb­lings­ge­schichte, eine kurze Erzäh­lung, die von den Augen der Frei­heits­statue berich­tete. Das seien ohne Zweifel die Augen jener Menschen, die übers Meer gekommen waren, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Riesige Möwen­ma­schinen beglei­teten das Schiff, sie jagten nach Foto­ap­pa­raten und anderen glit­zernden Dingen. Kaum hatten wir ein Ufer erreicht, war der Dichter zu Ende gekommen und die Geschichte vergessen, weswegen sie unver­züg­lich erin­nert werden musste. Und so fuhren wir weiter und immer weiter hin und her. Auch Holly war da. Ich konnte ihren Rücken sehen und ihren Hut, der sich auf dem Kopf langsam drehte. – stop
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karusellfahrt

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zoulou : 6.12 – Seit Jahren bereits wünsch ich mir ein beson­deres Buch, eines, das meine Gedanken verzeichnen würde, sobald ich spazieren gehe. Hand­lich müsst es sein und leicht und geräuschlos schreiben. Viel­leicht wäre es möglich, diese kleine Gedan­ken­schreib­ma­schine so zu program­mieren, dass sie jene Gedanken, die neue Gedanken sind, zu unter­scheiden vermag von allen weiteren Gedanken, von Gedanken, die sich wieder und wieder denken wollen, von krei­senden Gedanken, von Karus­sell­fahrt­ge­danken. Derart ausge­stattet, würde die Notiz­ma­schine ein Verzeichnis anlegen einer­seits für die Versamm­lung neuester, sagen wir, ursprüng­li­cher Gedanken, und bald ein zweites Verzeichnis, in dem Gedanken und ihre Wieder­ho­lung archi­viert sein würden. Eine höchst inter­es­sante Affäre, zu beob­achten, wie sich das Wachstum, das Größen­ver­hältnis der Verzeich­nisse zu einander benehmen würde in der verge­henden Zeit. – stop

traumspurräume

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marimba : 1.01 – Von Pass­wör­tern geschützte Netz­werk­räume, die ich früh­mor­gens mit der Stra­ßen­bahn durch­reiste: empore88 mail­ter­minal hotspot­cen­tral cgof­fice milano­mi­lano floor­NOtwo 3localseven mobi­lee­leven elysium gekko8. So zeitig war’s gewesen, dass ich dachte, diese feinen Namen könnten Traum­spuren schla­fender Menschen codieren. Mit welcher Zeichen­folge würde ich meine eigene Traum­sphäre verhüllen? stop. – Das Notieren wieder im Stehen, weil das Stehen sich in der Nähe des Gehens befindet, das Sitzen aber in der Nähe des Liegens, also des Schla­fens. Ist das Schreiben viel­leicht eine Arbeit des Fangens, eine Arbeit des Jagens, des Zerle­gens, dann des Vernä­hens? stop. – Können Regen­käfer hören?
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lufteisschrift

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romeo : 2.18 – Ein Eisbuch besitzen, ein Eisbuch lesen, eines jener schim­mernden, kühlen, uralten Bücher, die knis­tern, sobald sie aus ihrem Schnee­schuber gleiten. Wie man sie für Sekunden liebe­voll betrachtet, ihre polare Dichte bewun­dert, wie man sie dreht und wendet, wie man einen scheuen Blick auf die Texturen ihrer Gaszei­chen wirft. Bald sitzt man in einer U-Bahn, den leise summenden Eisbuch­rei­se­koffer auf dem Schoß, man sieht sich um, man bemerkt die begeis­terten Blicke der Fahr­gäste, wie sie flüs­tern: Seht, dort ist einer, der ein Eisbuch besitzt! Schaut, dieser glück­liche Mensch, gleich wird er lesen in seinem Buch. Was dort wohl hinein­ge­schrieben sein mag? Man sollte sich fürchten, man wird seinen Eisbuch­rei­se­koffer viel­leicht etwas fester umarmen und man wird mit einem wilden, mit einem entschlos­senen Blick, ein gieriges Auge nach dem anderen gegen den Boden zwingen, solange man noch nicht ange­kommen ist in den fros­tigen Zimmern und Hallen der Eisma­ga­zine, wo man sich auf Eisstühlen vor Eisti­sche setzen kann. Hier endlich ist Zeit, unterm Pelz wird nicht gefroren, hier sitzt man mit weiteren Eisbuch­be­sit­zern vertraut. Man erzählt sich die neuesten arkti­schen Tief­see­eis­ge­schichten, auch jene verlo­renen Geschichten, die aus purer Unacht­sam­keit im Laufe eines Tages, einer Woche zu Wasser geworden sind: Haben sie schon gehört? Nein! Haben sie nicht? Und doch ist keine Zeit für alle diese Dinge. Es ist immer die erste Seite, die zu öffnen man fürchtet, sie könnte zerbre­chen. Aber dann kommt man schnell voran. Man liest von uner­hörten Gestalten, und könnte doch niemals sagen, von wem nur diese feine Luft­eis­schrift erfunden worden ist. – Guten Morgen. Heute ist Mitt­woch.

schwebende

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delta : 18.30 – Abend. stop. Schnee­wehen klet­tern an Fens­tern. stop. Denkbar ist, dass in Polar­re­gionen Menschen exis­tieren, deren Füße niemals den Boden der Erde berührten. stop
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schneeloop

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echo : 20.08 – Die Vertraut­heit seltener Geräu­sche. stop. Der Schnee knurrt, knus­tert, gurpt, lurpt, gurrt, gnurzt, murrt, drumbt unter den Schuhen. stop. Und Nachts. stop. Der Schnee girrt, lirpt, knirrt, knirzt, knit­tert, knat­tert, knis­tert unter den Schuhen. – stop

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herr auf bahnsteig

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echo : 6.28 – Ein älterer Herr abends spät auf dem Bahn­steig einer Metro­sta­tion. Der Mann ist offen­sicht­lich glück­lich. Gerade noch, vor wenigen Minuten, passierte er mit einem Koffer in der linken Hand eine Bild­schirm­wand, las im lang­samen Gehen einen Text, der eine halbe Minute zuvor dort erschien. Dieser Text, eine Meldung, berichtet von Forschungs­er­geb­nissen eines nord­ame­ri­ka­ni­schen Insti­tutes, man habe nämlich heraus­ge­funden, dass die Inten­sität der Gefühle mit dem wach­senden Alter eines Menschen steigen würde, man könne sich mit 60 Jahren am Besten in eine andere Person hinein­ver­setzen, gleich­wohl schwie­rigen Zeiten etwas Gutes abge­winnen. Wie er diesen Text nun liest, wird der alte Mann lang­samer, hält schliess­lich an, wendet sich dem Licht des Bild­schirmes zu, setzt den Koffer neben sich auf den Boden ab. Leicht nach vorne gebeugt steht er da, ein Schatten, eine Silhou­ette, die sich auch dann nicht bewegt, als die Nach­richt, die von der Natur, vom elek­tri­schen Wesen des alten Mannes persön­lich erzählt, verschwindet und statt­dessen ein Wetter­be­richt ( Eis und Schnee), eine Reise­emp­feh­lung ( Ägypten ), sowie aktu­elle Devi­sen­kurse ( Dollar stei­gend ) erscheinen. Der alte Mann wartet, er wartet zwei oder drei Minuten, bis der Text, den er studierte, wieder­kehrt. Weitere Minuten vergehen, dann nimmt der alte Mann seinen Koffer vom Boden, dreht sich auf dem Absatz herum, sieht mich an, er lächelt und geht weiter. Eine Frau nähert sich in diesem Moment, da ich notiere, dem Luft­raum vor dem Bild­schirm. Sie trägt einen läng­li­chen Edel­papp­karton, in dem sich, einer Zeich­nung folgend, ein Weih­nachts­baum ( Tanne ) befinden soll. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte. Guten Morgen!

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sierra : 6.55 – Verlo­rene Namen aus heiterem Himmel. Stunden beun­ru­hi­gender Nach­rich­ten­te­le­fone. Weiche, kühle Pulse, als sei Schnee auf Seele gefallen. – stop

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