salamander

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echo : 16.22 – Das erfin­dende Schreiben scheint ein Vorgang des Wartens zu sein. Immer wieder fällt etwas zu mir herein, ohne dass ich sagen könnte, warum gerade dieses und warum gerade jetzt. Merk­wür­dige Verschie­bungen der Sprache in der Nähe anato­mi­scher Arbeit, indem ich, beispiels­weise, von innerer Schön­heit spreche. stop. Nach­mittag. stop. Leichter Schnee­fall. stop

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man on wire

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nordpol : 2.28 – Man on wire. Wie der Artist Phil­ippe Petit sich auf einem Seil, das in der Nacht vor einem windigen Tag heim­lich zwischen den Türmen des Worldtrade Centers gespannt worden war, mit Balan­cier­stange in Händen auf den Rücken legt. Keine Film­auf­nahmen exis­tieren von jenem Moment aus nächster Nähe, aber Foto­gra­fien, die im Wissen des Windes und der Tiefe einen dehnenden, einen zerrenden Schmerz in meinem Körper erzeugen. Der Seil­tänzer wurde fest­ge­nommen und einem Psych­iater vorge­führt. stop. Schnee in Zeit­lupe. stop. Ruhe. stop. Der Luft­raum, in dem sich Phil­ippe Petit bewegte, exis­tiert weiter fort.
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kalkutta

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echo : 17.05 – Traum­wärts in Kalkutta gewesen. Spazierte unter einem Regen­schirm bis zu den Hüften hin in schil­lerndem Wasser. Büchsen und Tüten und Schuhe dümpelten um mich herum, darunter strah­lende, lachende Gesichter von Kindern, die badeten, in dem sie mit sehr hellen Stimmen zu mir spra­chen. Bald zogen sie mich mit sich fort durch enge Straßen, die hölzerne Häuser säumten. In die Wand eines dieser Häuser war ein Compu­ter­bild­schirm einge­lassen, darunter eine Tastatur mit Tasten je so groß wie eine ausge­wach­sene mensch­liche Hand. Die Kinder erzählten, jene gefan­gene Maschine sei ihre Maschine. Sie hüpften vor den Wand hin und her, in dem sie einen Text notierten, den ich nicht lesen konnte. Auch deshalb nicht lesen konnte, weil ich meine Arme und Beine beob­ach­tete, die je in eine andere Himmels­rich­tung fort­ge­tragen wurden. Eine Selbst­auf­lö­sung, die sich in Minu­ten­frist vollzog, als sei der Text der Kinder eine Beschwö­rung gewesen, die meine anato­mi­sche Gestalt sorg­fältig in klei­nere Teile zerlegte. Eines der Kinder nahm meinen Kopf mit sich nach Hause. Behutsam wurde ich getragen und voller Stolz herum­ge­zeigt. Eine gespens­ti­sche Geschichte viel­leicht, die sich ereig­nete am Montag bereits irgend­wann gegen 3 Uhr am Nach­mittag. – stop
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manhattan : eine frau verschwindet und kehrt wieder

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nordpol : 7.05 – Gestern Abend folgte ich mittels der Goog­lee­arth­ma­schine einer beson­deren Route durch das südliche Manhattan. Ich kannte diese Strecke, war dort im Spät­sommer des vergan­genen Jahres auf eigenen Füßen spaziert, war Malcolm Lowry auf der Spur gewesen, seinen enger und enger werdenden Kreisen, die den Schrift­steller ein halbes Jahr­hun­dert zuvor in das Bellevue Hospital führten, wo er sich, in höchster Not befind­lich, vom Schmerz­mantel des Alko­hols zu befreien suchte. Immer wieder hatte ich damals jene Gegend nahe des East River aufge­sucht, so dass ich eine beinahe vertraute Umge­bung in digi­taler Weise berührte. Gegen Mitter­nacht dann, ich hatte die Third Avenue gekreuzt, bog ich nach Norden ab, erreichte 30 Minuten später die 70th Straße. Da war an einer Ecke ein kleiner Laden, an den ich mich erin­nerte. Versuchte ihm näher zu kommen, zoomte heran, aber dann über­querte ich im Sprung die Straße mittels einer zarten Bewe­gung der Mouse, bewegte mich im Kreis und bemerkte in diesem Augen­blick, dass eine Frau mit Hund, die gerade noch die Straße in nächster Nähe über­quert hatte, verschwunden war, in dem ich die Kreu­zung von Osten her betrach­tete. Auch war die Straße dunkler geworden, als wäre kurz zuvor Regen gefallen oder die Dämme­rung des Abends einge­troffen. Um ein paar weitere Meter gedreht, war die Frau dann wieder da gewesen und ihr Hund, den Schwanz erhoben, und die Straße trocken. Eine Kreu­zung, so mein Eindruck, gefal­teter Zeit. Ich muss das beob­achten.

libelle

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tango : 0.02 – Wie zerbrech­lich unsere Leben sind. Der Hauch einer Ader, verschlossen, geborsten im Kopf, und schon ist Ende oder die Welt eine andere geworden. stop. Das Geschenk eines glück­li­chen, eines gelebten Tages. stop

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kaktusauge

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sierra : 0.05 – Die Beob­ach­tung, dass ich einen Satz­ge­danken, ehe der Gedanke zu einem Ende gekommen ist, in meinem Kopf nur dann anzu­halten vermag, sobald ich den Gedanken Wort für Wort voll­ziehe, also bereits so langsam denke, dass ich mitzu­schreiben in der Lage bin. stop. Sprie­ßende Blüten der Kakteen, die sich gleich Schne­cken­füh­ler­augen verhalten. stop

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im halbschlaf

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echo : 0.02 – Oder der Moment des Erwa­chens, ein Bild, das ich erin­nern, das ich buch­sta­bieren kann, jedes Geräusch in diesem Bild, das Licht, einen duftenden Wind oder Atem, eine Berüh­rung, eine Stimme, einen ersten Gedanken, eine nacht­fri­sche Sorge. Aber der Moment, da ich zu schlafen beginne, ein stummer, ein weißer Ort, ein verbor­genes Bild, das voraus­ge­gan­gene Halb­schlaf­bilder träu­mend aufzu­fressen scheint.

gehen und sitzen

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nordpol : 22.15 – Habe schon viel nach­ge­dacht und viel vergessen während ich ging. Sobald ich spaziere, kommen Gedanken scheinbar aus der Luft. Wenn ich dann sitze auf einem Stuhl vor meiner Schreib­ma­schine, springen Gedanken aus den Händen, als ob jeder Finger über ein kleines Gehirn für sich verfügte. – stop
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welle

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delta : 10.10 – Wie lange Zeit bereits verfüge ich über Augen? Wann genau schal­tete sich die Über­tra­gung des Lichts für mich ein? – stop
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silence

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romeo : 22.58 – Da waren einmal meine kleinen Augen und meine kleinen Füße, eine kleine Nase, ein kleiner Mund. Von Zeit zu Zeit, wenn ich ausruhe, wenn ich auf einem Stuhl sitze ohne einen Gedanken, der aufge­schrieben werden müsste, betrachte ich meine Hände. Meine linke Hand ruht dann an der Innen­seite meiner rechten Hand. Sie scheinen sich zu kennen. Ich vermag meine Hände zu betrachten, als wären sie nicht meine Hände, sondern die Hände einer anderen Person. Wie würde ich heute gestaltet sein, wenn ich eines Tages nicht aufge­hört haben würde zu wachsen? – stop

sekundenromane : nachts

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alpha

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : SEKUNDENROMANE : NACHTS

Für Stunden wieder versucht, zwei Buch­staben zur selben Zeit auf elek­tri­scher Schreib­ma­schine zu notieren, immer ist ein Zeichen um Bruch­teile von Sekunden schneller als das andere Zeichen auf dem Bild­schirm sichtbar geworden, niemals liegen sie über­ein­ander. – Guten Abend Ihr Zwei! Wenn Euch diese Nach­richt errei­chen wird, habe ich drei oder vier Tage bereits weiter­ge­lebt, das hoffe ich jeden­falls, bin glück­lich mit sehr wesent­li­chen Fragen beschäf­tigt, die meine Wahr­neh­mung der Zeit betreffen oder die Wahr­neh­mung einer mensch­li­chen Stimme im Schlaf, genauer, die Stimme eines schla­fenden Menschen, in dem sie hörbar wird in den Ohren eines wachenden Menschen für Sekunden, Wort­ge­räu­sche, welche sehr viel mehr als nur ein Wort in sich bergen, eine ganze Geschichte viel­leicht in jedem dieser Laute, wie sie zärt­lich aus nächster Nähe zu mir durch den dunklen Raum geflogen kommen, unver­gess­lich und doch nicht wieder­holbar, das Zirpen schnellster Erzäh­lung, Romane in Sekun­den­zeit, dann wieder Atem­züge, Meldungen des Lebens. >

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

> Ich hatte eine selt­same Idee, liebe Daisy, liebe Violet, ich über­legte, in dem ich nacht­wärts mit meiner Stirn an einem sanft­warmen, an einem träu­menden Rücken lehnend lauschte, ob ich nicht einen dieser beson­deren Laute aufzeichnen und an Euch über­mit­teln könnte, dorthin wo man viel­leicht zu spielen vermag mit der Geschwin­dig­keit der Zeit, wie sie sich bewegt, so dass Ihr mir bald einmal erzählen könntet, wovon gespro­chen wurde in dieser einen oder anderen Sekunde, an die sich die Schla­fende, nachdem sie erwachte, nicht erin­nern konnte. Und so habe ich eine kleine Samm­lung der Wort­ge­räusch­ro­mane für Euch aufge­zeichnet. Ich bitte Euch herz­lich, sie lang­samer, sie lesbar zu machen für mich. Anbei, wie verspro­chen, eine Minute gefilmter Zeit vom Laufen über den East River von Brooklyn aus nach Manhattan. Euer Louis, cucur­rucu, wünscht eine gute Nacht!

gesendet am
14.01.2011
22.08 MEZ
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louis to daisy and violet »

tapetum cellulosum lucidum /// IED EXPLOSION IN BAGHDAD (ZONE X) 2004-01-14 18:40:00 ///

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sierra : 22.01 – Knis­ternde Kälte. Dompfaffen, Rotkehl­chen, Grün­finken hängen, zwit­schernde Trauben, an Futter­bällen im Garten über Schnee. Ich hatte, in dem ich sie beob­ach­tete, die Idee, dass mir bald einmal reflek­tie­rende Zell­schichten in den Augen­höhlen wachsen könnten, tapetum cellu­losum lucidum, hinter den Glas­kör­pern hinter den Pupillen, Katzen­au­gen­häute, nicht von der Beob­ach­tung der Natur da draußen im Garten, sondern vom Lesen der Wiki­leaks – Irak – Proto­kolle : IED EXPLOSION IN BAGHDAD (ZONE X) 2004-01-14 18:40:00 – IP X REPORTED THAT A GREY X EXPLODED IN A RESIDENTIAL AREA. IPS AND X ELEMENTS WENT TO THE SITE AND FOUND THE EXPLODED CAR. X BROTHERS AND THEIR X CLAIMED THAT SOMEONE ELSE MUST HAVE PUT THE EXPLOSIVES IN THEIR CAR. IZ EOD BELIEVES AN IED WENT OFF PREMATURELY. – UPDATE: DETAINED THE X BROTHERS AND HAVE COORDINATED TO HAVE THE BOMB DOGS GO TO THE HOUSE LATER TODAY. IED TRACKING NUMBER IS X. stop. stop. 390136 Doku­mente. stop. Nehmen wir einmal an, ich versuchte Tag für Tag 100 dieser Texte zu lesen und nach­zu­fühlen, was sie bedeuten könnten, Parti­cles, die von Bomben­an­schlägen, Scharf­schützen, Enthaup­tungen, Feuer­ge­fechten, Entfüh­rungen berichten, dann würde ich längere als zehn Jahre Zeit in dieser Arbeit verbringen. Inwie­fern würde sich bald die Gestalt meines Gehirnes verän­dert haben, meine Sprache, welcherart wären die Geschichten, die ich noch erzählte?
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auf einmal

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apha : 15.18 – Letzte Bilder, ich stellte mir vor letzte Bilder eines Lebens­films, Bilder ohne dies­seits noch sprech­bare Gedanken. Eine Fliege an einer Hospi­tal­decke viel­leicht, die Iris eines Geliebten, schon von Trauer durch­kam­mert. Zwie­licht. Oder doch nur ein Geräusch. Weder hell, noch dunkel. Eine Tür, die sich öffnet. Ein Atem­zugwind. Flüs­tern. Schnee.

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stehschläfer

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sierra : 2.24 – Steh­schläfer, wie man viel­leicht meinen möchte, sind keine Vögel, Flamingos, sagen wir, nein, Steh­schläfer sind Menschen, Menschen nämlich, die sich genau so verhalten, wie das Wort, das sie bezeichnet, sie schlafen im Stehen. Das ganz Beson­dere, das Selt­same ist, dass diese Art der Steh­schläfer in meinem Leben bisher nicht vorge­kommen ist, noch vor einer halben Stunde hatte ich nicht die leiseste Ahnung ihrer Exis­tenz, aber dann war da plötz­lich dieses Wort Steh­schläfer in meinem Kopf, in dem ich nach Mitter­nacht durch die Hallen des Flug­ha­fens wanderte, müde vom Lesen, müde auch vom Denken. Dieser Frieden, der hier zu finden ist, die Ruhe der Liegenden, der Sitzenden, bald werden sie davon­fliegen nach Übersee viel­leicht, oder nach Moskau, wo man sterben kann in den Spuren eines merk­würdig versteckten Krieges, der von Zeit zu Zeit Menschen­leben zerstö­rende Funken nord­wärts schleu­dert. Dort, in diesem Frieden einer Flug­ha­fen­halle bei Nacht, muss Einer im Stehen geschlafen haben. Ich habe ihn viel­leicht aus den Augen­win­keln heraus wahr­ge­nommen, eine nicht bewusste Sekun­den­be­trach­tung, die genügte, das Wort Steh­schläfer hervor­zu­rufen. Oder ich habe das Wort Steh­schläfer gedacht, und kurz darauf einen Mann gesehen, der niemals exis­tierte.

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igoumenitsa

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MELDUNG. Fünf starke Kerle, Schäfer aus den Bergen über der grie­chi­schen Stadt Igou­me­nitsa, haben eine Schild­kröte von einhun­dert­und­fünfzig Lebens­jahren in die Stadt getragen, wo man sie durch­suchte nach Gründen für hohes Fieber unter der uralten Deckung. Folgende Ware wurde vorge­funden : 3 Geschosse – Nacken – und Kehl­schild [ Sturm­ge­wehr FG 42 Kaliber 8 x 57 IS Wehr­macht ], 6 Geschosse – zentrales Bauch – und Anal­schild [ Stan­dard­ka­ra­biner Enfield Kaliber 303 British (7,62 mm) ], 12 Geschosse – linkes Schul­ter­schild [ Maschi­nen­pis­tole Sten Kaliber 9 mm Para ], 2 Geschosse – zentrales Wirbel­säu­len­schild [ US Carbine Kaliber 30 M1 (7,62 mm kurz) ]. Ein maro­die­rendes Trüm­mer­stück im weichen Hals­be­reich erzeugte Tempe­ra­turen. – stop

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take one / 2

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echo : 3.05 – Wieder gedacht, dass die Erfin­dung der Trom­pe­ten­käfer einen Prozess darstellen könnte, der aus zehn­tau­send Einzel­ge­danken besteht, die sich nicht selten zärt­lich wieder­holen. – Kurz nach drei Uhr. Habe erneut versucht, mich an den ersten Gedanken zu erin­nern, der ein Trom­pe­ten­kä­fer­ge­danke gewesen sein könnte, wie immer vergeb­lich! Fangen wir noch einmal von vorne an: Da waren einmal meine kleinen Augen und meine kleinen Füße, eine kleine Nase, ein kleiner Mund. Von Zeit zu Zeit, wenn ich ausruhe, wenn ich auf einem Stuhl sitze ohne einen Gedanken, der aufge­schrieben werden müsste, betrachte ich meine Hände. Meine linke Hand ruht dann an der Innen­seite meiner rechten Hand. Sie scheinen sich zu kennen. Ich vermag meine Hände zu betrachten, als wären sie nicht meine Hände, sondern die Hände einer anderen Person. Wie würde ich heute gestaltet sein, wenn ich eines Tages nicht aufge­hört haben würde zu wachsen? – Vier Uhr elf in Kairo, Ägypten. Drei Uhr zwölf in Tunis, Tunisia. – stop

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kairobildschirm

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sierra : 7.12 – Acht Uhr, Frei­tag­abend. stop. Am Schreib­tisch. stop. Von Live­bil­dern des Nach­rich­ten­sen­ders Alja­zeera her sind Gewehr­schüsse zu hören. Seit Stunden bereits bewegen sich diese Bilder von der Größe einer Post­karte auf dem Schirm meiner Compu­ter­ma­schine. Jugend­liche Menschen flüchten vor Wolken von Pfef­fergas. Betende Männer knien vor einer Poli­zei­kette, schwarze Stiefel, schwarze Hosen, schwarze Hemden, schwarze Helme. Gebäude glühen in der aufkom­menden Dunkel­heit. Ein Mann­schafts­wagen der Polizei schlin­gert bren­nend durch eine Menschen­menge, über­rollt Personen, die sich in den Weg stellen. Schlä­ger­trupps in ziviler Klei­dung verprü­geln Frauen, verprü­geln Männer. Kolonnen gepan­zerter Mili­tär­fahr­zeuge rücken in das Zentrum Kairos vor, sie werden von jubelnden Bürgern der Stadt begrüßt. Man spricht davon, das National Museum werde von einem Schild mensch­li­cher Körper geschützt. Gasgra­naten segeln über einen Platz, schreiben Spuren hell­grauen Rauchs in die Luft. Auf den Straßen der Stadt Suez sollen fünf Menschen ihr Leben verloren haben. In Washington erklärt ein Spre­cher der US-Regie­rung, die Situa­tion sei fluid. In Kairo über­rei­chen junge Menschen einer Repor­terin den Körper einer Poli­zei­trä­nen­gas­gra­nate, auf dem sie den Schriftzug Made in USA entdeckten. stop. stop. Was ist das für eine Wirk­lich­keit, die mich in Bildern von Post­kar­ten­größe erreicht? Wie wirk­lich ist diese Wirk­lich­keit? Was geschieht mit mir, was mit der Wirk­lich­keit der Bilder, sobald ich meinen Computer-bild­schirm ausschalte? – stop

kurzwelle

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olimambo : 2.02 – Mittel­eu­ropa. stop. Kurz nach Mitter­nacht. stop. Nach­richten aus Kairo. stop. Frauen und Männer stehen um ein Tran­sis­tor­radio versam­melt. Man lauscht Kurz­wel­len­funk­si­gnalen, die im Raum zur Iono­sphäre hin pendelnd um den Globus wandern. Ein Mann mitt­leren Alters befindet sich unter den Radio­hö­rern. Viel kann ich über diesen Mann nicht sagen. Ich weiß, dass er deut­scher Staats­bürger ist, Moslem, in einer peri­pheren Gegend Kairos geboren. Sein Name ist Belem und seine Stimme hell. Mit dieser seltsam hellen Stimme äußerte Belem unlängst während einer unserer zufäl­ligen Begeg­nungen, wie wichtig es sei, dass Menschen sich respekt­voll verstän­digen. Belem war mit einer deut­schen Frau verhei­ratet gewesen, ihre gemein­same Geschichte endete, weil seine Frau ihm nicht dienen wollte. Aber das ist schon lange Zeit her, Belem lebt jetzt allein. Er hinkt, wenn er geht, kaum merk­lich, weshalb ich mich einmal erkun­digte, ob er viel­leicht Schmerzen habe. Wie dieser freund­liche Mann zögerte, daran erin­nere ich mich gut, und wie er dann sein Hemd nach oben zog, um die Narbe einer Schuss­wunde zu zeigen, eine helle Stelle in der dunklen Haut nahe seines Nabels, eine Wirbels­pi­rale nach innen gerichtet, mit einem sehnigen Knoten in der Tiefe zum Abschluss. Belem war von einer Poli­zei­kugel getroffen worden, seither ist das eine Bein etwas lang­samer als das andere Bein. Und das ist schon alles, viel oder wenig, was ich von Belem zu erzählen weiß in dieser Stunde kurz nach Mitter­nacht, vor einem Radio­wel­len­gerät stehend. Der kleine Kasten kracht und pfeift und knarzt und schep­pert.

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