step by step

pic

char­lie : 0.02 — Meine Freude über kleine Dinge in diesen Tagen. Ich war spazieren, ich habe mein Atmen gehört. Da war der Klang der Schritte in der Stille so nah, als würde ich im eige­nen Kör­p­er laufen. — stop

ping

kairobildschirm

pic

echo : 5.38 — Ich erin­nere mich, dass ich im Schlaf zu mir sagte: Das will ich nicht weit­er träu­men. Unverzüglich wurde ich wach. – Schnee ist gefall­en, ein weißes Tuch liegt auf den Bürg­er­steigen. Das kleine Kairo­fen­ster flim­mert seit bald vierzehn Stun­den auf dem Bild­schirm mein­er Schreib­mas­chine. Kamel­re­it­er prügeln auf Demon­stri­erende ein, Steine fliegen durch die Luft, Kühlschränke von Haus­däch­ern, um Men­schen zu töten. Mit der Däm­merung kom­men Bar­rikaden, Ölfeuer­flaschen taumeln hin und her, bren­nende Autos, der hell­graue Rauch der Panz­er­mo­toren, die Stim­men der Kom­men­ta­toren, die Zahlen ver­let­zter und getöteter Men­schen melden. Auf dem Platz der Befreiung wird nach Steinen gegraben. Mil­lime­ter hohe Men­schen­fig­uren schleifen liegende Mil­lime­ter hohe Men­schen­fig­uren über den Boden. Reine Mord­lust scheint aus­ge­brochen zu sein. – Es ist jet­zt 5 Uhr und 30 Minuten. Seit drei Stun­den wird scharf geschossen. Nie­mand weiß woher die Schüsse kom­men. Eine junge Frau, 24, die sich auf dem Platz befind­et, erzählt weinend von Men­schen, die ger­ade eben getötet wur­den. Wie das möglich sein könne, dass die Welt nicht ein­greife, dass keine Hil­fe komme. We will not leav­ing this place. Sie nen­nt ihren Namen.

kairobildschirm

pic

nord­pol : 16.15 — Die Welt der großen Kof­fer, die Welt der grund­sät­zlichen Diskurse kommt in Bewe­gung. Das Ver­mö­gen, Lesen und Schreiben zu kön­nen, die Frei­heit des Denkens, Sprechens, Glaubens, Brot und Zuck­er­preise, Kor­rup­tion, Selb­st­bes­tim­mung, die Glaub­würdigkeit west­lich­er Poli­tik, west­lich­er Kul­tur. Auf dem Tahrir­platz wird getanzt, man betet, man feiert Hochzeit, man reicht Wass­er, ver­sorgt Wun­den, bewacht den Schlaf der Schlafend­en. Bedeu­ten­des geschieht. stop. Eine Welle. stop. Zuhören. stop. Ler­nen. stop.

ping

entfaltung

9

sier­ra : 22.15 — Sobald ich notiere, das ist merk­würdig, wild vor mich hin notiere, ver­mag ich zugle­ich über etwas nachzu­denken, das mit dem, was ich notiere, schein­bar nicht in Verbindung ste­ht. Es ist so, als wür­den die gedacht­en und sofort geschriebe­nen Wörter oder die Bewe­gun­gen mein­er Hände, abseits gefal­tete Gedanken öff­nen, die nur in dieser Weise erre­ich­bar sind, warum?

traumstempel

pic

alpha : 20.48 — Wieder ein­mal von Regen­schirmtieren geträumt. Es ist immer der­selbe oder ein ähn­lich­er Traum, der in ein­er pen­del­nden Bewe­gung durch mein Leben streift. Sofort einen Text erin­nert, der sich nun­mehr wie ein Traumerzählstem­pel zu ver­hal­ten scheint: Die Luft im Traum war hell vom Wass­er gewe­sen, und ich wun­derte mich, wie ich in dieser Weise, bei­de Hände frei, durch die Stadt gehen kon­nte, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spazierte. Als ich an ein­er Ampel warten musste, betra­chtete ich meinen Regen­schirm genauer und staunte, weil ich nie zuvor eine Erfind­ung dieser Art zu Gesicht bekom­men hat­te. Ich kon­nte dun­kle Haut erken­nen, die zwis­chen ble­ich schim­mern­den Knochen aufges­pan­nt war, Haut, ja, Haut von der Art der  Flughaut eines Abend­seglers. Sie war durch­blutet und so dünn, dass die Rinnsale des abfließen­den Regens deut­lich zu sehen waren. In jen­er Minute, da ich meinen Schirm betra­chtete, hat­te ich den Ein­druck, er würde sich mit einem weit­eren Schirm unter­hal­ten, der sich in näch­ster Nähe befand. Er vol­l­zog leicht schaukel­nde Bewe­gun­gen in einem Rhyth­mus, der dem Rhyth­mus des Nach­barschirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es reg­net noch immer. – Guten Abend!

ping

luftpostbrief

pic

lima : 0.55 — Manch­mal sitz ich im Zug und fotografiere mit meinem Kopf. Ich betra­chte eine Frau, einen Mann, ein Kind für zwei oder drei Sekun­den, und ver­suche mir bere­its in der näch­sten Minute ein Licht­bild in Erin­nerung zu rufen. Ich denke: blauer Schal, Hände, feine Hände, Augen blau, Augen müde, Augen glück­lich, blau und müde, Turn­schuhe, gelbe Turn­schuhe, Zeitung, was für eine Zeitung, Haar­farbe, Schnee­haut, Mund, lächel­nder Mund, hörte eine fremde Sprache, was für eine Sprache kön­nte das gewe­sen sein? Ich sitze also mit einem Bild in meinem Kopf im Zug und lausche ein­er Stimme. Das Bild spricht. Das Bild lebt weit­er. In jedem Bild, das in einem Zug aufgenom­men wird, find­et sich Bewe­gung, jene Stimm­be­we­gung vielle­icht, oder bere­its die Bewe­gung der Erfind­ung. Weshalb waren die Augen müde und ihr Aus­druck glück­lich? Eine Liebesgeschichte? Oder wars die Zeitung? Ja, was war das noch für eine Zeitung? Vielle­icht ein Irrtum, vielle­icht war die Zeitung keine Zeitung, son­dern ein Brief gewe­sen, ein lang erwarteter Brief, ein Brief, liebevoll von Hand geschrieben, ein Luft­post­brief, leicht, sehr leicht, ein Brief, noch kühl vom Flug. stop. Das Geräusch des Papiers. stop. Knis­ternd. stop. Auf­ste­hen! stop. Den Zug ver­lassen! stop. Mit geschlosse­nen Augen! — stop

nachtbuch

pic

oli­mam­bo : 5.15 — Regelmäßiges, stun­den­langes Geräusch des Regens ver­gan­gene Nacht. Auch dann noch, während ich Duke Elling­ton hörte für eine Stunde, weil ich den Regen sehen kon­nte im Licht der Straßen­later­nen und die Spur der Geräusche wei­t­er­dachte. Man sollte ein­mal ein Nacht­buch notieren, das nur vom Regen han­delt, ein Buch der Regen­schirme, ein Buch triefend­er Men­schen, ein Buch der Schlauch­boote, ein Buch, mit dem in der Hand man übers Wass­er laufen kön­nte. Wenn es sehr gut gelun­gen sein wird, würde man vielle­icht von Zeit zu Zeit den Blick von beleuchteten Zeilen heben und sich wun­dern, weswe­gen man in einem Zim­mer lesend unter einem Regen­schirm Platz genom­men hat. – stop

ping

kairobildschirm

pic

sier­ra : 0.05 — Wie sich eine Welle vom Strand zurückzieht, entziehen sich die Geräusche des Tages nachtwärts den Straßen. Vielle­icht ist die Stunde von 2 bis 3 Uhr die Stunde der leis­es­ten Geräusche, oder aber jene Stunde von 3 bis 4 Uhr, da die Herzen der Schlafend­en so vor­sichtig schla­gen, dass man sie zur Sicher­heit weck­en möchte. — stop. — Nach­mit­ter­nacht­stun­den in Kairo, Ägypten. mona­sosh via twit­ter for black­ber­ry : > 2 mins away from the square. U? — Com­mon ppl, be nice, atleast give us a chance to feel hap­py abt the pos­si­bil­i­ty of him step­ping down even if the bat­tle isn’t over yet. — BREAKING: New Face­book upgrade option is called Mubarak. You click on quit and noth­ing hap­pens. — enta fi heliopo­lis? How many r u? — chants, every­thing is peace­ful. — A group of pro­test­ers marched to the preseden­tial palace in Heliopo­lis. All is peace­ful & they r spend­ing the night there. — I am here­in­front of TV build­ing, a lot of ppl r still in Tahrir, maybe no one tweet­ing :) — Ppl are chant­i­ng “here are the liars” while point­ing at ppl look­ing at us from the TV build­ing. — Amaz­ing ener­gy, ppl just seem to recy­cle their anger into pos­i­tive blasts of ener­gy. Chants and drums & whis­tles all over.

kairobildschirm

pic

sier­ra : 6.28 — Regen, erste Milde des Jahres. Ein Fre­und, ara­bis­ch­er Jazzmusik­er und stark wie ein Bär, erzählte vor weni­gen Stun­den, er sei ver­sucht gewe­sen während der Rede Hus­ni Mubaraks am Don­ner­stagabend, sein Fernse­hgerät zu zertrüm­mern. Kann ich nun von einem Wun­der sprechen, dass in der zurück­liegen­den Nacht in den Straßen Kairos nicht rasende Gewalt aus­ge­brochen ist? Merk­würdig der Augen­blick, als sich nach­mit­tags über den hell­blauen Him­mel der riesi­gen Stadt ein Hub­schrauber fort­be­wegte, sand­far­ben und so klein, dass er kaum noch sicht­bar gewe­sen war, ein Luft­fahrzeug, in dem sich vielle­icht ein Men­schen­despot befand, von dem ich nicht sagen kann, ob er je ver­ste­hen wird, was geschehen ist. Kurz darauf das Beben des Bodens, seis­mo­grafisch mess­bar unter Tausenden tanzen­der Füße, die ihre Schuhe wieder tra­gen. Auf meinem Fernse­hbild­schirm erweist ein Gen­er­al mit ein­er irri­tieren­den mil­itärischen Geste den Opfern des Auf­s­tandes seine Ehre.

ping

radar

9

alpha : 0.02 – Vielle­icht sind Diszi­plinen der Arith­metik ein­er­seits, das lei­den­schaftliche Wün­schen eines schreiben­den Erfind­ers ander­er­seits, im Moment der Ent­deck­ung sein­er Spur Werkzeuge ein und der­sel­ben Hand. — stop

gebäck

pic

gink­go : 6.05 — War bei Har­rods gewe­sen, ein hell aus­geleuchteter Saal. Verkäuferin­nen in grü­nen Over­alls stapel­ten kun­stvoll men­schliche Arme und Beine und Köpfe auf Tis­che. Klare, in den Augen schmerzende Sub­stanz fiel von der Decke. Bald darauf Kurzstreck­en­fahrt im U-Bah­n­wag­gon. Ein feuchter men­schlich­er Arm ruhte auf meinen Ober­schenkeln. Dieser Arm nun war in Zeitungspa­pi­er gewick­elt, sei­den­weiße Sub­stanz tropfte auf den Boden. Gle­ich gegenüber ein Mann und eine Frau. Das Gesicht des Mannes dampfte. Die Frau, die eine Melodie vor sich hin­summte, schälte mit einem Teelöf­felchen gramm­schwere Fleis­ch­proben aus den Wan­gen des Mannes, um sie entwed­er sofort zu verzehren oder weit­eren Fahrgästen darzu­bi­eten. — stop. — Mon­tag. stop. Duke Elling­ton : Take the “A” Train. stop. Es ist denkbar, dass ich über das Gedächt­nis eines Ele­fan­ten ver­füge. — stop

ping

spindel

9

delta : 0.05 — Wieder beobachtet, dass ich meine Ohren nicht bewe­gen kann, obwohl mir doch Ohren­muskeln zur Ver­fü­gung ste­hen, geheime Spin­delkör­p­er, sagen wir, sie tra­gen ern­sthafte anatomis­che Namen, demzu­folge ich ver­suchte, sie behut­sam mit­tels der Sprache mein­er Gedanken in die Pflicht zu nehmen. Bewegt Euch, sagte ich, und noch ein­mal und wieder und wieder einige Minuten lang, bis ich, schein­bar leicht ver­rückt gewor­den, das Gefühl für meinen Kopf zwis­chen den Ohren ver­loren habe. — stop

motel chronicles

pic

echo

~ : louis
to : Mr. Shep­ard
sub­ject : MOTEL CHRONICLES

Eine Depesche, verehrter Mr. Shep­ard, an diesem frühen Mor­gen in Europa. Bei Ihnen da drüben in Ameri­ka wirds ger­ade dunkel wer­den. Notiere begeis­tert, dass ich Ihre Motel Chron­i­cles geöffnet habe. Obwohl äußerst müde gewe­sen, las ich eine Halb­stunde voran, ohne eine Pause einzule­gen. Ihre präzise Sprache, die leicht ist wie Bims­gestein, vulka­nisch, von Zei­thöhlen durchwach­sen. Ob es vielle­icht möglich ist, ihre Geschicht­en zu nehmen, um sie in eines der Büch­er zu über­tra­gen, die ich erfinde für Nacht­per­so­n­en, oder eine Zeile nur wie diese, da das Glück fällt auf die linke Seite des Zufalls? Vielle­icht wer­den Sie fra­gen, welche Eigen­schaften ein Nacht­buch von Tag­büch­ern unter­schei­den. Nun, ein Nacht­buch gebi­etet über wan­dern­des Licht in seinen Zeichen, welch­es müde Leser kaum merk­lich weit­er­lockt. Sobald sich näm­lich studierende Augen schließen, leuchtet das Licht im näch­sten Zeichen, im näch­sten Wort voraus, so dass man nicht aufhören möchte, diesem Licht durch die Zeilen zu fol­gen. Eine Ver­führung, das kön­nte sein, ein Appell des Buch­es, das in den Buch­stabensen­soren, das Augen­licht der Lesenden zu spüren ver­mag. Eines dieser Nacht­büch­er kön­nte Ihres wer­den, lieber Mr. Shep­ard, Motel Chron­i­cles, unsicht­bare Zeichen des Tages, Licht in der Nacht. Erwarte Ihre Antwort oder Fra­gen mit Freude, wie auch immer sie sich für mich darstellen wer­den. Mit her­zlichen Grüßen — Ihr Louis

gesendet am
17.02.2011
4.08 MEZ
1407 zeichen

ping

von der hölle / von der hoffnung

pic

marim­ba : 0.55 — Sie sin­gen wieder! Vielle­icht haben Sie nie aufge­hört. Teheran bei Nacht, Doku­ment rufend­er Stim­men. Auch Per­sianki­wi und Fereshteh Ghazi, die für lange Zeit ver­s­tummten, senden auf Posi­tion Twit­ter. Der Ein­druck, ein Film, der im Som­mer 2009 ange­hal­ten wurde mit extremen Mit­teln staatlich­er Gewalt, set­ze sich langsam erneut in Bewe­gung. stop. Das Schweigen. stop. Die Stille. stop. 18 Monate. stop. stop. / 26. juni 2009 : F. erzählt von Nächt­en, die er vor 30 Jahren in den Straßen und auf den Däch­ern über der Stadt Isfa­han ver­brachte. Das Rufen tausender Stim­men: Allah-o-Akbar. Wir haben das erfun­den, um den Schah zu vertreiben, auch ältere Men­schen kon­nten sich in dieser Weise bemerk­bar machen. Wir kämpften für Demokratie, hörten BBC, um her­auszufind­en, ob irgend­je­mand wahrn­immt, was mit uns geschieht. Kannst Du ver­ste­hen, wie ich mich jet­zt füh­le? – Furcht­bar wur­den sie bet­ro­gen, eine Gen­er­a­tion im Exil. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Fereshteh Ghazi, junge Jour­nal­istin, notiert: Tonight, like past nights, the chants of “Allah-o-Akbar” were heard on roof tops of Tehran & oth­er cities. Seit Tagen schreibt sie sich die Fin­ger wund. Per­sianki­wi aber, dessen Zeichen ich viele Stun­den lang auf dem Bild­schirm erwartete, ist ver­s­tummt. Vorgestern noch Zeilen auf Twit­ter fol­gende: > just in from Baharestan Sq – sit­u­a­tion today is ter­ri­ble – they beat the ppls like ani­mals 3:34 PM Jun 24th I see many ppl with bro­ken arms/legs/heads – blood every­where – pep­per gas like war 3:35 PM Jun 24th 
they were wait­ing for us – they all have guns and riot uni­forms – it was like a mouse trap – ppl being shot like ani­mals 3:53 PM Jun 24th saw 7/8 mili­tia beat­ing one woman with baton on ground – she had no defense noth­ing – sure that she is dead 3:55 PM Jun 24th so many ppl arrest­ed – young & old – they take ppl away – we lose our group 3:59 PM Jun 24th ppl run into alleys and mili­tia stand­ing there wait­ing – from 2 sides they attack ppl in mid­dle of alleys 4:01 PM Jun 24th all shops was closed – nowhere to go – they fol­low ppls with heli­copters – smoke and fire is every­where 4:03 PM Jun 24th phone line was cut and we lost inter­net – get­ting more dif­fi­cult to log into net 5:05 PM Jun rumour they are track­ing high use of phone lines to find inter­net users – must move from here now 5:09 PM Jun 24th reports of street fight­ing in Vanak Sq, Tajr­ish sq, Aza­di Sq – now – Sea of Green – Allah Akbar 5:14 PM Jun 24th in Baharestan we saw mili­tia with axe chop­ing ppl like meat – blood every­where – like butch­er – Allah Akbar – 5:16 PM Jun 24th they catch ppl with mobile – so many killed today – so many injured – Allah Akbar – they take one of us – 5:18 PM Jun 24th Lalezar Sq is same as Baharestan – unbel­ev­able – ppls mur­dered every­where – 5:19 PM Jun 24th they pull away the dead into trucks – like fac­to­ry – no human can do this – we beg Allah for save us – 5:23 PM Jun 24th Every­body is under arrest & cant move – Mousavi – Kar­roubi even rumour Khata­mi is in house guard – 5:28 PM Jun 24th we must go – dont know when we can get inter­net – they take 1 of us, they will tor­ture and get names – now we must move fast – 5:34 PM Jun 24th thank you ppls 4 sup­port­ing Sea of Green – pls remem­ber always our mar­tyrs – Allah Akbar – Allah Akbar – Allah Akbar 5:36 PM Jun 24th Allah – you are the cre­ator of all and all must return to you – Allah Akbar 5:39 PM Jun 24th
ping

nachtfalter

9

alpha : 0.03 – Tru­man Capotes feine Geschichte Music for Chameleons. Das Por­trait ein­er Aris­tokratin, die dem amerikanis­chen Schrift­steller während der 50er Jahre auf Mar­tinique Gast­ge­berin gewe­sen war. Ich hat­te die Geschichte vor langer Zeit bere­its schon ein­mal gele­sen und sei­ther nie aus den Augen, nie aus dem Nahgedächt­nis ver­loren. Wie eine ele­gante Lady auf einem gut ges­timmten Klavier eine Mozart-Sonate spielt, und wie sich Chamäleons, von den Geräuschen des Instru­ments ange­zo­gen, zu ihren Füßen ver­sam­meln. Kon­nte mich gut erin­nern an Geis­ter­we­sen, an rotäugige kleine Men­schen weiß wie Krei­de, an einen Garten riesiger Nacht­fal­ter, an Pfef­fer­minz­tee und Absinth, an Gau­guins schwarzen Spiegel. Und wie die Chamäleons in ihren Far­ben, die über ihren Kör­p­er blitzten, die Musik Mozarts impro­visieren, davon hat­te ich begeis­tert immer und immer wieder ein­mal erzählt. Und dann lese ich Capotes Geschichte wieder. Da waren Nacht­fal­ter und Men­schen von krei­deweißer Haut, und Pfef­fer­minz­tee und Absinth, Mozart, Gau­guin, aller­lei Geis­ter, eine Lady und ihr Klavier, und natür­lich Chamäleons, Chamäleons in laven­del, in gelb, in lind­grün, in schar­lachrot. Ich las und wartete, wartete darauf, dass ich bald jene Stelle erre­ichen würde im Text, da Far­ben impro­visierend die Kör­p­er der Chamäleons beleuchteten. Wartete verge­blich. Wartete noch, als der Text schon lange Zeit zu Ende gele­sen war. — Existiert vielle­icht eine geheime Schreib­mas­chine in meinem Kopf, die Lek­türen meines Lebens geräusch­los weit­er­schreibt?

ping

bengasi

pic

nord­pol : 2.17 — Was in der lybis­chen Stadt Ben­gasi an der südlichen Gren­ze Europas demon­stri­eren­den Men­schen in diesen Stun­den geschieht, wis­sen wir nicht. — stop
ping

an der nachtzeitküste

9

gink­go : 6.00 – Flughafen. Ter­mi­nal 1. Drei Uhr und fün­fzehn Minuten. Ich stoße auf Char­lie, 36, Arbeit­er. Der Mann, der in Togo geboren wurde und lange Zeit dort gelebt hat­te, sitzt unter schlafend­en Reise­men­schen an der Nachtzeitküste. Er sieht selt­sam aus an dieser Stelle, ein Mann, der in seinem Leben noch nie mit einem Flugzeug reiste, stattdessen in Zügen, Bussen, Schif­f­en durch den afrikanis­chen Kon­ti­nent Rich­tung Europa geflüchtet war, ja, merk­würdig sieht Char­lie aus, wie er so unter schlum­mern­den Nor­damerikan­ern, Usbeken, Chile­nen, Japan­ern, Neuseelän­dern sitzt. Er trägt Sicher­heitss­chuhe, ein kari­ertes Holzfäller­hemd und Hosen von kräftigem Stoff, mit Katzenau­gen beset­zte dunkel­blaue Bein­klei­der, die in jede Rich­tung reflek­tieren. Nein, unsicht­bar ist Char­lie, auch im Dunkeln, sich­er nicht. Er macht ger­ade Pause, trinkt Kaf­fee aus ein­er schreiend gel­ben Ther­moskanne und genießt ein Stückchen Brot und etwas Käse, den er aus ein­er Dose fis­cht. Sorgfältig kaut er vor sich hin, nach­den­klich, vielle­icht weil er sich auf ein Spiel konzen­tri­ert, das er seit Jahren bere­its an dieser Stelle wartend studiert. Char­lie tippt Lot­to. Char­lie ist ein Meis­ter des Lot­tospiels, Char­lie spielt mit Sys­tem. Er hat noch nie ver­loren. Er hat noch nie ver­loren, weil er noch nie einen wirk­lichen Cent auf eine der Zahlen­rei­hen set­zte, die er in seine Notizbüch­er notiert. Char­lie ist ein beobach­t­en­der Spiel­er, Vater von fünf Kindern, immer ein wenig müde, weil er eben ein Nachtar­beit­er ist. Wenn ich mich neben ihn set­ze und ihm zuse­he, wie er mit einem roten Kugelschreiber Zahlenkolon­nen in seine Hefte notiert, freut er sich, macht eine kleine Pause, erkundigt sich nach meinem Befind­en, und schon schreibt er weit­er, analysiert, rech­net, sucht nach ein­er Formel, die seine Fam­i­lie zu ein­er reichen Fam­i­lie machen wird. Ein­mal frage ich Char­lie, ob er noch Briefe schreiben würde an seine Eltern in Lomé. Ja, sagt Char­lie, jede Woche schreibe er einen Brief an seine Eltern, die am Meer leben, am Atlantik näm­lich. Ein ander­mal will ich wis­sen, warum er nicht einen Com­put­er ein­set­zen würde, um vielle­icht schneller find­en zu kön­nen, was er sucht. Char­lie lacht, sieht mich an durch kräftige Gläs­er ein­er Brille, sagt, dass er wisse, wie bedeu­tend Com­put­er seien für die Welt, in der wir leben, seine Kinder spiel­ten mit diesen Maschi­nen, für ihn sei das aber nichts. Und sofort schreibt er weit­er. Eine ruhige, klare Schrift. Rote Zeichen. In diesem Moment begreife ich, dass ich ein­er Beschwörung bei­wohne, einem Gebet, Malerei, ein­er Kom­po­si­tion, der allmäh­lichen Ver­fer­ti­gung der Idee beim Schreiben. Her­mann Burg­er — stop
ping

swetlana geier

9

delta : 0.03 — Ein aufre­gen­des Buch, das ich ger­ade wieder­lese in kleinen Etap­pen, Wil­helm Genazi­nos Erzäh­lung Das Licht bren­nt ein Loch in den Tag. Ein­hun­dert­fün­fzehn Geschicht­en eines Mannes, der fürchtet, sein Gedächt­nis zu ver­lieren, Geschicht­en, die der Mann seinen Fre­un­den erzählt, damit sie ihm später ein­mal zurück­gegeben wer­den kön­nten. Ja, so sollte man leben, so genau, dass für jeden gelebten Tag eine erzählbare Geschichte zu verze­ich­nen ist. Manche dieser Geschicht­en wer­den vielle­icht nur aus einem einzi­gen Satz beste­hen, einem Gedanken oder einem zitieren­den Text, Wörtern wie diesen, die ich gestern, nach­dem ich den faszinieren­den Film Die Frau mit den 5 Ele­fan­ten gese­hen hat­te und in seine zwölfte Minute zurück­gekehrt, der Über­set­zerin Swet­lana Geier von den Lip­pen las: Es stellt sich immer wieder her­aus, und es ist ein Zeichen für einen hochw­er­ti­gen Text, dass der Text sich bewegt. Und plöt­zlich, man hat es vor­bere­it­et und man sieht alles, und man weiß alles, aber plöt­zlich ist da etwas, was man noch nie gese­hen hat. Ein solch­er Text ist uner­schöpflich. Man kann ihn eigentlich, auch wenn man ihn über­set­zt hat oder zweimal, ich hab das jet­zt zweimal über­set­zt, man kann ihn nicht auss­chöpfen. Und das ist eben wahrschein­lich ein Zeichen der aller­höch­sten Qual­ität. Natür­lich, man muss lesen ler­nen.


ping

ping

delta : 22.12 — Das Wort Lib­er­a­tion in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Lib­er­a­tion denke. Wie viel Gramm?

ping

Top