step by step

pic

charlie : 0.02 – Meine Freude über kleine Dinge in diesen Tagen. Ich war spazieren, ich habe mein Atmen gehört. Da war der Klang der Schritte in der Stille so nah, als würde ich im eigenen Körper laufen. – stop

ping

kairobildschirm

pic

echo : 5.38 – Ich erin­nere mich, dass ich im Schlaf zu mir sagte: Das will ich nicht weiter träumen. Unver­züg­lich wurde ich wach. – Schnee ist gefallen, ein weißes Tuch liegt auf den Bürger­steigen. Das kleine Kairo­fenster flim­mert seit bald vier­zehn Stunden auf dem Bild­schirm meiner Schreib­ma­schine. Kamel­reiter prügeln auf Demons­trie­rende ein, Steine fliegen durch die Luft, Kühl­schränke von Haus­dä­chern, um Menschen zu töten. Mit der Dämme­rung kommen Barri­kaden, Ölfeu­er­fla­schen taumeln hin und her, bren­nende Autos, der hell­graue Rauch der Panzer­mo­toren, die Stimmen der Kommen­ta­toren, die Zahlen verletzter und getö­teter Menschen melden. Auf dem Platz der Befreiung wird nach Steinen gegraben. Milli­meter hohe Menschen­fi­guren schleifen liegende Milli­meter hohe Menschen­fi­guren über den Boden. Reine Mord­lust scheint ausge­bro­chen zu sein. – Es ist jetzt 5 Uhr und 30 Minuten. Seit drei Stunden wird scharf geschossen. Niemand weiß woher die Schüsse kommen. Eine junge Frau, 24, die sich auf dem Platz befindet, erzählt weinend von Menschen, die gerade eben getötet wurden. Wie das möglich sein könne, dass die Welt nicht eingreife, dass keine Hilfe komme. We will not leaving this place. Sie nennt ihren Namen.

kairobildschirm

pic

nordpol : 16.15 – Die Welt der großen Koffer, die Welt der grund­sätz­li­chen Diskurse kommt in Bewe­gung. Das Vermögen, Lesen und Schreiben zu können, die Frei­heit des Denkens, Spre­chens, Glau­bens, Brot und Zucker­preise, Korrup­tion, Selbst­be­stim­mung, die Glaub­wür­dig­keit west­li­cher Politik, west­li­cher Kultur. Auf dem Tahr­ir­platz wird getanzt, man betet, man feiert Hoch­zeit, man reicht Wasser, versorgt Wunden, bewacht den Schlaf der Schla­fenden. Bedeu­tendes geschieht. stop. Eine Welle. stop. Zuhören. stop. Lernen. stop.

ping

entfaltung

9

sierra : 22.15 – Sobald ich notiere, das ist merk­würdig, wild vor mich hin notiere, vermag ich zugleich über etwas nach­zu­denken, das mit dem, was ich notiere, scheinbar nicht in Verbin­dung steht. Es ist so, als würden die gedachten und sofort geschrie­benen Wörter oder die Bewe­gungen meiner Hände, abseits gefal­tete Gedanken öffnen, die nur in dieser Weise erreichbar sind, warum?

traumstempel

pic

alpha : 20.48 – Wieder einmal von Regen­schirm­tieren geträumt. Es ist immer derselbe oder ein ähnli­cher Traum, der in einer pendelnden Bewe­gung durch mein Leben streift. Sofort einen Text erin­nert, der sich nunmehr wie ein Traum­er­zähl­s­tempel zu verhalten scheint: Die Luft im Traum war hell vom Wasser gewesen, und ich wunderte mich, wie ich in dieser Weise, beide Hände frei, durch die Stadt gehen konnte, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spazierte. Als ich an einer Ampel warten musste, betrach­tete ich meinen Regen­schirm genauer und staunte, weil ich nie zuvor eine Erfin­dung dieser Art zu Gesicht bekommen hatte. Ich konnte dunkle Haut erkennen, die zwischen bleich schim­mernden Knochen aufge­spannt war, Haut, ja, Haut von der Art der  Flug­haut eines Abend­seg­lers. Sie war durch­blutet und so dünn, dass die Rinn­sale des abflie­ßenden Regens deut­lich zu sehen waren. In jener Minute, da ich meinen Schirm betrach­tete, hatte ich den Eindruck, er würde sich mit einem weiteren Schirm unter­halten, der sich in nächster Nähe befand. Er vollzog leicht schau­kelnde Bewe­gungen in einem Rhythmus, der dem Rhythmus des Nach­bar­schirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es regnet noch immer. – Guten Abend!

ping

luftpostbrief

pic

lima : 0.55 – Manchmal sitz ich im Zug und foto­gra­fiere mit meinem Kopf. Ich betrachte eine Frau, einen Mann, ein Kind für zwei oder drei Sekunden, und versuche mir bereits in der nächsten Minute ein Licht­bild in Erin­ne­rung zu rufen. Ich denke: blauer Schal, Hände, feine Hände, Augen blau, Augen müde, Augen glück­lich, blau und müde, Turn­schuhe, gelbe Turn­schuhe, Zeitung, was für eine Zeitung, Haar­farbe, Schnee­haut, Mund, lächelnder Mund, hörte eine fremde Sprache, was für eine Sprache könnte das gewesen sein? Ich sitze also mit einem Bild in meinem Kopf im Zug und lausche einer Stimme. Das Bild spricht. Das Bild lebt weiter. In jedem Bild, das in einem Zug aufge­nommen wird, findet sich Bewe­gung, jene Stimm­be­we­gung viel­leicht, oder bereits die Bewe­gung der Erfin­dung. Weshalb waren die Augen müde und ihr Ausdruck glück­lich? Eine Liebes­ge­schichte? Oder wars die Zeitung? Ja, was war das noch für eine Zeitung? Viel­leicht ein Irrtum, viel­leicht war die Zeitung keine Zeitung, sondern ein Brief gewesen, ein lang erwar­teter Brief, ein Brief, liebe­voll von Hand geschrieben, ein Luft­post­brief, leicht, sehr leicht, ein Brief, noch kühl vom Flug. stop. Das Geräusch des Papiers. stop. Knis­ternd. stop. Aufstehen! stop. Den Zug verlassen! stop. Mit geschlos­senen Augen! – stop

nachtbuch

pic

olimambo : 5.15 – Regel­mä­ßiges, stun­den­langes Geräusch des Regens vergan­gene Nacht. Auch dann noch, während ich Duke Ellington hörte für eine Stunde, weil ich den Regen sehen konnte im Licht der Stra­ßen­la­ternen und die Spur der Geräu­sche weiter­dachte. Man sollte einmal ein Nacht­buch notieren, das nur vom Regen handelt, ein Buch der Regen­schirme, ein Buch trie­fender Menschen, ein Buch der Schlauch­boote, ein Buch, mit dem in der Hand man übers Wasser laufen könnte. Wenn es sehr gut gelungen sein wird, würde man viel­leicht von Zeit zu Zeit den Blick von beleuch­teten Zeilen heben und sich wundern, weswegen man in einem Zimmer lesend unter einem Regen­schirm Platz genommen hat. – stop

ping

kairobildschirm

pic

sierra : 0.05 – Wie sich eine Welle vom Strand zurück­zieht, entziehen sich die Geräu­sche des Tages nacht­wärts den Straßen. Viel­leicht ist die Stunde von 2 bis 3 Uhr die Stunde der leisesten Geräu­sche, oder aber jene Stunde von 3 bis 4 Uhr, da die Herzen der Schla­fenden so vorsichtig schlagen, dass man sie zur Sicher­heit wecken möchte. – stop. – Nach­mit­ter­nacht­stunden in Kairo, Ägypten. mona­sosh via twitter for black­berry : > 2 mins away from the square. U? – Common ppl, be nice, atleast give us a chance to feel happy abt the possi­bi­lity of him step­ping down even if the battle isn’t over yet. – BREAKING: New Face­book upgrade option is called Mubarak. You click on quit and nothing happens. – enta fi helio­polis? How many r u? – chants, ever­ything is peaceful. – A group of protes­ters marched to the prese­den­tial palace in Helio­polis. All is peaceful & they r spen­ding the night there. – I am herein­front of TV buil­ding, a lot of ppl r still in Tahrir, maybe no one twee­ting :) – Ppl are chan­ting “here are the liars” while poin­ting at ppl looking at us from the TV buil­ding. – Amazing energy, ppl just seem to recycle their anger into posi­tive blasts of energy. Chants and drums & whistles all over.

kairobildschirm

pic

sierra : 6.28 – Regen, erste Milde des Jahres. Ein Freund, arabi­scher Jazz­mu­siker und stark wie ein Bär, erzählte vor wenigen Stunden, er sei versucht gewesen während der Rede Husni Muba­raks am Donners­tag­abend, sein Fern­seh­gerät zu zertrüm­mern. Kann ich nun von einem Wunder spre­chen, dass in der zurück­lie­genden Nacht in den Straßen Kairos nicht rasende Gewalt ausge­bro­chen ist? Merk­würdig der Augen­blick, als sich nach­mit­tags über den hell­blauen Himmel der riesigen Stadt ein Hubschrauber fort­be­wegte, sand­farben und so klein, dass er kaum noch sichtbar gewesen war, ein Luft­fahr­zeug, in dem sich viel­leicht ein Menschen­despot befand, von dem ich nicht sagen kann, ob er je verstehen wird, was geschehen ist. Kurz darauf das Beben des Bodens, seis­mo­gra­fisch messbar unter Tausenden tanzender Füße, die ihre Schuhe wieder tragen. Auf meinem Fern­seh­bild­schirm erweist ein General mit einer irri­tie­renden mili­tä­ri­schen Geste den Opfern des Aufstandes seine Ehre.

ping

radar

9

alpha : 0.02 – Viel­leicht sind Diszi­plinen der Arith­metik einer­seits, das leiden­schaft­liche Wünschen eines schrei­benden Erfin­ders ande­rer­seits, im Moment der Entde­ckung seiner Spur Werk­zeuge ein und derselben Hand. – stop

gebäck

pic

ginkgo : 6.05 – War bei Harrods gewesen, ein hell ausge­leuch­teter Saal. Verkäu­fe­rinnen in grünen Over­alls stapelten kunst­voll mensch­liche Arme und Beine und Köpfe auf Tische. Klare, in den Augen schmer­zende Substanz fiel von der Decke. Bald darauf Kurz­stre­cken­fahrt im U-Bahn­waggon. Ein feuchter mensch­li­cher Arm ruhte auf meinen Ober­schen­keln. Dieser Arm nun war in Zeitungs­pa­pier gewi­ckelt, seiden­weiße Substanz tropfte auf den Boden. Gleich gegen­über ein Mann und eine Frau. Das Gesicht des Mannes dampfte. Die Frau, die eine Melodie vor sich hinsummte, schälte mit einem Teelöf­fel­chen gramm­schwere Fleisch­proben aus den Wangen des Mannes, um sie entweder sofort zu verzehren oder weiteren Fahr­gästen darzu­bieten. – stop. – Montag. stop. Duke Ellington : Take the “A” Train. stop. Es ist denkbar, dass ich über das Gedächtnis eines Elefanten verfüge. – stop

ping

spindel

9

delta : 0.05 – Wieder beob­achtet, dass ich meine Ohren nicht bewegen kann, obwohl mir doch Ohren­mus­keln zur Verfü­gung stehen, geheime Spin­del­körper, sagen wir, sie tragen ernst­hafte anato­mi­sche Namen, demzu­folge ich versuchte, sie behutsam mittels der Sprache meiner Gedanken in die Pflicht zu nehmen. Bewegt Euch, sagte ich, und noch einmal und wieder und wieder einige Minuten lang, bis ich, scheinbar leicht verrückt geworden, das Gefühl für meinen Kopf zwischen den Ohren verloren habe. – stop

motel chronicles

pic

echo

~ : louis
to : Mr. Shepard
subject : MOTEL CHRONICLES

Eine Depe­sche, verehrter Mr. Shepard, an diesem frühen Morgen in Europa. Bei Ihnen da drüben in Amerika wirds gerade dunkel werden. Notiere begeis­tert, dass ich Ihre Motel Chro­ni­cles geöffnet habe. Obwohl äußerst müde gewesen, las ich eine Halb­stunde voran, ohne eine Pause einzu­legen. Ihre präzise Sprache, die leicht ist wie Bims­ge­stein, vulka­nisch, von Zeit­höhlen durch­wachsen. Ob es viel­leicht möglich ist, ihre Geschichten zu nehmen, um sie in eines der Bücher zu über­tragen, die ich erfinde für Nacht­per­sonen, oder eine Zeile nur wie diese, da das Glück fällt auf die linke Seite des Zufalls? Viel­leicht werden Sie fragen, welche Eigen­schaften ein Nacht­buch von Tagbü­chern unter­scheiden. Nun, ein Nacht­buch gebietet über wanderndes Licht in seinen Zeichen, welches müde Leser kaum merk­lich weiter­lockt. Sobald sich nämlich studie­rende Augen schließen, leuchtet das Licht im nächsten Zeichen, im nächsten Wort voraus, so dass man nicht aufhören möchte, diesem Licht durch die Zeilen zu folgen. Eine Verfüh­rung, das könnte sein, ein Appell des Buches, das in den Buch­sta­ben­sen­soren, das Augen­licht der Lesenden zu spüren vermag. Eines dieser Nacht­bü­cher könnte Ihres werden, lieber Mr. Shepard, Motel Chro­ni­cles, unsicht­bare Zeichen des Tages, Licht in der Nacht. Erwarte Ihre Antwort oder Fragen mit Freude, wie auch immer sie sich für mich darstellen werden. Mit herz­li­chen Grüßen – Ihr Louis

gesendet am
17.02.2011
4.08 MEZ
1407 zeichen

ping

von der hölle / von der hoffnung

pic

marimba : 0.55 – Sie singen wieder! Viel­leicht haben Sie nie aufge­hört. Teheran bei Nacht, Doku­ment rufender Stimmen. Auch Persian­kiwi und Fereshteh Ghazi, die für lange Zeit verstummten, senden auf Posi­tion Twitter. Der Eindruck, ein Film, der im Sommer 2009 ange­halten wurde mit extremen Mitteln staat­li­cher Gewalt, setze sich langsam erneut in Bewe­gung. stop. Das Schweigen. stop. Die Stille. stop. 18 Monate. stop. stop. / 26. juni 2009 : F. erzählt von Nächten, die er vor 30 Jahren in den Straßen und auf den Dächern über der Stadt Isfahan verbrachte. Das Rufen tausender Stimmen: Allah-o-Akbar. Wir haben das erfunden, um den Schah zu vertreiben, auch ältere Menschen konnten sich in dieser Weise bemerkbar machen. Wir kämpften für Demo­kratie, hörten BBC, um heraus­zu­finden, ob irgend­je­mand wahr­nimmt, was mit uns geschieht. Kannst Du verstehen, wie ich mich jetzt fühle? – Furchtbar wurden sie betrogen, eine Genera­tion im Exil. – Kurz nach Mitter­nacht. Fereshteh Ghazi, junge Jour­na­listin, notiert: Tonight, like past nights, the chants of “Allah-o-Akbar” were heard on roof tops of Tehran & other cities. Seit Tagen schreibt sie sich die Finger wund. Persian­kiwi aber, dessen Zeichen ich viele Stunden lang auf dem Bild­schirm erwar­tete, ist verstummt. Vorges­tern noch Zeilen auf Twitter folgende: > just in from Baha­re­stan Sq – situa­tion today is terrible – they beat the ppls like animals 3:34 PM Jun 24th I see many ppl with broken arms/legs/heads – blood ever­y­where – pepper gas like war 3:35 PM Jun 24th 
they were waiting for us – they all have guns and riot uniforms – it was like a mouse trap – ppl being shot like animals 3:53 PM Jun 24th saw 7/8 militia beating one woman with baton on ground – she had no defense nothing – sure that she is dead 3:55 PM Jun 24th so many ppl arrested – young & old – they take ppl away – we lose our group 3:59 PM Jun 24th ppl run into alleys and militia stan­ding there waiting – from 2 sides they attack ppl in middle of alleys 4:01 PM Jun 24th all shops was closed – nowhere to go – they follow ppls with heli­cop­ters – smoke and fire is ever­y­where 4:03 PM Jun 24th phone line was cut and we lost internet – getting more diffi­cult to log into net 5:05 PM Jun rumour they are tracking high use of phone lines to find internet users – must move from here now 5:09 PM Jun 24th reports of street figh­ting in Vanak Sq, Tajrish sq, Azadi Sq – now – Sea of Green – Allah Akbar 5:14 PM Jun 24th in Baha­re­stan we saw militia with axe choping ppl like meat – blood ever­y­where – like butcher – Allah Akbar – 5:16 PM Jun 24th they catch ppl with mobile – so many killed today – so many injured – Allah Akbar – they take one of us – 5:18 PM Jun 24th Lalezar Sq is same as Baha­re­stan – unbe­lev­able – ppls murdered ever­y­where – 5:19 PM Jun 24th they pull away the dead into trucks – like factory – no human can do this – we beg Allah for save us – 5:23 PM Jun 24th Ever­y­body is under arrest & cant move – Mousavi – Karroubi even rumour Khatami is in house guard – 5:28 PM Jun 24th we must go – dont know when we can get internet – they take 1 of us, they will torture and get names – now we must move fast – 5:34 PM Jun 24th thank you ppls 4 suppor­ting Sea of Green – pls remember always our martyrs – Allah Akbar – Allah Akbar – Allah Akbar 5:36 PM Jun 24th Allah – you are the creator of all and all must return to you – Allah Akbar 5:39 PM Jun 24th
ping

nachtfalter

9

alpha : 0.03 – Truman Capotes feine Geschichte Music for Chame­leons. Das Portrait einer Aris­to­kratin, die dem ameri­ka­ni­schen Schrift­steller während der 50er Jahre auf Marti­nique Gast­ge­berin gewesen war. Ich hatte die Geschichte vor langer Zeit bereits schon einmal gelesen und seither nie aus den Augen, nie aus dem Nahge­dächtnis verloren. Wie eine elegante Lady auf einem gut gestimmten Klavier eine Mozart-Sonate spielt, und wie sich Chamä­leons, von den Geräu­schen des Instru­ments ange­zogen, zu ihren Füßen versam­meln. Konnte mich gut erin­nern an Geis­ter­wesen, an rotäu­gige kleine Menschen weiß wie Kreide, an einen Garten riesiger Nacht­falter, an Pfef­fer­minztee und Absinth, an Gauguins schwarzen Spiegel. Und wie die Chamä­leons in ihren Farben, die über ihren Körper blitzten, die Musik Mozarts impro­vi­sieren, davon hatte ich begeis­tert immer und immer wieder einmal erzählt. Und dann lese ich Capotes Geschichte wieder. Da waren Nacht­falter und Menschen von krei­de­weißer Haut, und Pfef­fer­minztee und Absinth, Mozart, Gauguin, allerlei Geister, eine Lady und ihr Klavier, und natür­lich Chamä­leons, Chamä­leons in lavendel, in gelb, in lind­grün, in schar­lachrot. Ich las und wartete, wartete darauf, dass ich bald jene Stelle errei­chen würde im Text, da Farben impro­vi­sie­rend die Körper der Chamä­leons beleuch­teten. Wartete vergeb­lich. Wartete noch, als der Text schon lange Zeit zu Ende gelesen war. – Exis­tiert viel­leicht eine geheime Schreib­ma­schine in meinem Kopf, die Lektüren meines Lebens geräuschlos weiter­schreibt?

ping

bengasi

pic

nordpol : 2.17 – Was in der lybi­schen Stadt Bengasi an der südli­chen Grenze Europas demons­trie­renden Menschen in diesen Stunden geschieht, wissen wir nicht. – stop
ping

an der nachtzeitküste

9

ginkgo : 6.00 – Flug­hafen. Terminal 1. Drei Uhr und fünf­zehn Minuten. Ich stoße auf Charlie, 36, Arbeiter. Der Mann, der in Togo geboren wurde und lange Zeit dort gelebt hatte, sitzt unter schla­fenden Reise­men­schen an der Nacht­zeit­küste. Er sieht seltsam aus an dieser Stelle, ein Mann, der in seinem Leben noch nie mit einem Flug­zeug reiste, statt­dessen in Zügen, Bussen, Schiffen durch den afri­ka­ni­schen Konti­nent Rich­tung Europa geflüchtet war, ja, merk­würdig sieht Charlie aus, wie er so unter schlum­mernden Nord­ame­ri­ka­nern, Usbeken, Chilenen, Japa­nern, Neusee­län­dern sitzt. Er trägt Sicher­heits­schuhe, ein kariertes Holz­fäl­ler­hemd und Hosen von kräf­tigem Stoff, mit Katzen­augen besetzte dunkel­blaue Bein­kleider, die in jede Rich­tung reflek­tieren. Nein, unsichtbar ist Charlie, auch im Dunkeln, sicher nicht. Er macht gerade Pause, trinkt Kaffee aus einer schreiend gelben Ther­mos­kanne und genießt ein Stück­chen Brot und etwas Käse, den er aus einer Dose fischt. Sorg­fältig kaut er vor sich hin, nach­denk­lich, viel­leicht weil er sich auf ein Spiel konzen­triert, das er seit Jahren bereits an dieser Stelle wartend studiert. Charlie tippt Lotto. Charlie ist ein Meister des Lotto­spiels, Charlie spielt mit System. Er hat noch nie verloren. Er hat noch nie verloren, weil er noch nie einen wirk­li­chen Cent auf eine der Zahlen­reihen setzte, die er in seine Notiz­bü­cher notiert. Charlie ist ein beob­ach­tender Spieler, Vater von fünf Kindern, immer ein wenig müde, weil er eben ein Nacht­ar­beiter ist. Wenn ich mich neben ihn setze und ihm zusehe, wie er mit einem roten Kugel­schreiber Zahlen­ko­lonnen in seine Hefte notiert, freut er sich, macht eine kleine Pause, erkun­digt sich nach meinem Befinden, und schon schreibt er weiter, analy­siert, rechnet, sucht nach einer Formel, die seine Familie zu einer reichen Familie machen wird. Einmal frage ich Charlie, ob er noch Briefe schreiben würde an seine Eltern in Lomé. Ja, sagt Charlie, jede Woche schreibe er einen Brief an seine Eltern, die am Meer leben, am Atlantik nämlich. Ein andermal will ich wissen, warum er nicht einen Computer einsetzen würde, um viel­leicht schneller finden zu können, was er sucht. Charlie lacht, sieht mich an durch kräf­tige Gläser einer Brille, sagt, dass er wisse, wie bedeu­tend Computer seien für die Welt, in der wir leben, seine Kinder spielten mit diesen Maschinen, für ihn sei das aber nichts. Und sofort schreibt er weiter. Eine ruhige, klare Schrift. Rote Zeichen. In diesem Moment begreife ich, dass ich einer Beschwö­rung beiwohne, einem Gebet, Malerei, einer Kompo­si­tion, der allmäh­li­chen Verfer­ti­gung der Idee beim Schreiben. Hermann Burger – stop
ping

swetlana geier

9

delta : 0.03 – Ein aufre­gendes Buch, das ich gerade wieder­lese in kleinen Etappen, Wilhelm Genazinos Erzäh­lung Das Licht brennt ein Loch in den Tag. Einhun­dert­fünf­zehn Geschichten eines Mannes, der fürchtet, sein Gedächtnis zu verlieren, Geschichten, die der Mann seinen Freunden erzählt, damit sie ihm später einmal zurück­ge­geben werden könnten. Ja, so sollte man leben, so genau, dass für jeden gelebten Tag eine erzähl­bare Geschichte zu verzeichnen ist. Manche dieser Geschichten werden viel­leicht nur aus einem einzigen Satz bestehen, einem Gedanken oder einem zitie­renden Text, Wörtern wie diesen, die ich gestern, nachdem ich den faszi­nie­renden Film Die Frau mit den 5 Elefanten gesehen hatte und in seine zwölfte Minute zurück­ge­kehrt, der Über­set­zerin Swet­lana Geier von den Lippen las: Es stellt sich immer wieder heraus, und es ist ein Zeichen für einen hoch­wer­tigen Text, dass der Text sich bewegt. Und plötz­lich, man hat es vorbe­reitet und man sieht alles, und man weiß alles, aber plötz­lich ist da etwas, was man noch nie gesehen hat. Ein solcher Text ist uner­schöpf­lich. Man kann ihn eigent­lich, auch wenn man ihn über­setzt hat oder zweimal, ich hab das jetzt zweimal über­setzt, man kann ihn nicht ausschöpfen. Und das ist eben wahr­schein­lich ein Zeichen der aller­höchsten Qualität. Natür­lich, man muss lesen lernen.


ping

ping

delta : 22.12 – Das Wort Libe­ra­tion in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Libe­ra­tion denke. Wie viel Gramm?

ping

Top