manus

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hima­laya : 0.05 – Die Wahr­neh­mung, dass jene Hand auf dem Tisch, die ich als meine Hand erkenne, schon immer in meiner Nähe gewesen ist. Feinste Spuren der Zeit, wie von einer leichten Brise auf die Haut geworfen. – In New York soll ein 71 jähriger Mensch zu 150 Jahren Gefängnis verur­teilt worden sein. Selt­same Geschichte. – stop

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luftteilchen

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romeo : 6.02 – Wie mich das begeis­tert, Details einer Geschichte nach­zu­denken, feinsten Teil­chen einer Wirk­lich­keit, die später einmal unsichtbar sein werden in der Zeichen­linie auf Papieren, nur für mich wahr­nehmbar im Moment der Erfin­dung. Ein Duft. Ein Geräusch. Die Farbe der Wolken über einer Land­schaft. Oder eine Bewe­gung. Die Bewe­gung einer Hand, eines Mundes, einer Schrift. Das Murmeln einer Stimme im Schlaf. Gestern habe ich darüber nach­ge­dacht, welcher Art ein Geschenk sein könnte, das ich mit mir nehmen würde, wenn ich ein befreun­detes Ehepaar besuchte in seiner wohl­ge­stal­teten Wohnung, die eine mensch­liche Wohnung ist, aber eben voll­ständig mit Wasser gefüllt. Ich dachte, dass ich ihnen eine Schmuck­schnecke zum Geschenk machen sollte, ein ganz beson­deres Exem­plar von der Größe einer Hand, das nun über die Wände der unter­see­ischen Behau­sung gleiten und musi­zieren würde, warme, leise pfei­fende Geräu­sche. Diese freund­liche Molluske könnte von innen her blau beleuchtet sein, so weit lässt sich das gut denken. Wie aber verpacke ich mein Geschenk, ja, wie zum Teufel lassen sich 2 Pfund Süßwas­ser­schnecke artge­recht verschnüren?

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fernsehmaschine

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tango : 22.08 – Bilder von der Fern­seh­ma­schine, die einem Alptraum entkommen. Das Meer reißt mensch­li­ches Leben an sich, eine gewal­tige, flüs­sige Faust, die auf schwan­kendes Land nieder­geht. Atomare Höllen­hitze in zerbrech­li­chen Gefäßen. Ein kleiner Junge steht unter Nadel­bäumen, erho­bene Hände, vor einer erwach­senen Person, die einen Schutz­anzug trägt. Der Astro­naut misst, ob das Kind gefähr­lich geworden ist. Uralte Menschen ruhen in der kalten Luft auf Bahren in Decken gewi­ckelt dicht über dem Boden, Neuge­bo­rene in ihren letzten Lebens­tagen, die mit wild gewor­denen Augen den Himmel betasten. Von Stunde zu Stunde zählen Kommen­ta­toren in den Spra­chen dieser Welt Geis­ter­zahlen, Tote, Vermisste, Verletzte. Da ist ein brau­sendes Geräusch, schwarzes Wasser, das Autos, Schiffe, Häuser durch enge Straßen land­ein­wärts drückt, Hupen, blechernes Krachen, keine mensch­li­chen Stimmen. Am Strand dann aber ein Mann, der zu einer Kamera spricht. Er sagt, er glaube, sich in einem Horror­film zu befinden, er wisse nicht, ob er träume. Mit einem festen Griff reißt er an der Haut seines Gesichtes. Das Unsicht­bare schon anwe­send. Weit draußen auf dem offenen pazi­fi­schen Ozean treibt ein weiterer Mann. Er steht auf dem Dach seines eigenen Hauses.

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existenz

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hima­laya : 3.38 – Von allen inten­siven Lebens­mo­menten war einer der Schönsten jener gewesen, als mich ein Mensch, der mir sehr nahe ist, wieder­erkannte. Ein Blitz war ihm nachts in den Kopf gefahren, hatte Bedeu­tungen der Gegen­stände und Orte und Menschen derart umge­schrieben, dass er nicht mehr sagen konnte, wo er sich gerade befand, dass er einen Baum für eine Birne halten wollte, einen Fern­seh­ap­parat für den Mond, und mich persön­lich für einen wild­fremden Menschen, eine Person, deren Namen und deren Gesicht er nie zuvor gesehen haben wollte. Ein Blick, sehr fremd, sehr kalt. Ein Blick, der nach langen Wochen des Wartens nach­denk­lich wurde, der wieder wärmen konnte, weil er sich der Vertraut­heit seines Gegen­übers zu erin­nern schien. Wie ich in der Zeit der Verlo­ren­heit mit meiner Stimme lockte, mit Geschichten, die wir gemeinsam erlebten, kleinen Alltags­ver­bre­chen, Foto­gra­fien, Musik. Ich bin kein Anderer! Und wie der suchenden Nach­denk­lich­keit Erin­ne­rung folgte, ein Licht, Iris­brennen, das meinen Namen noch vor Mund und Stimme formu­lierte. Und wie ich nach langer Abwe­sen­heit von einer Minute zur anderen im gemein­samen Augen­raum wieder zu exis­tieren begann, davon wird einmal zu erzählen sein. stop. Heute ist Montag. stop. Leichter Regen. stop. Drei Uhr zwei­und­fünfzig in Bengasi, Libyen. – stop

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zivilisation

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romeo : 5.51 – Ein schwer­ge­wich­tiger Mann unlängst am Ende der Nacht während einer Stra­ßen­bahn­fahrt. Drückt mich samt Schreib­ma­schine zur Seite. Ein harter, zunächst schwei­gender Körper, fahles Gesicht. Dann luft­pres­sende Stimme. Ich sei einer, der in der 1. Klasse reisen sollte. Unter­drückte, massive Gewalt­be­reit­schaft, die bei leisester Provo­ka­tion hemmungslos auszu­bre­chen droht. Enormer Hass aus sehr kleinen Augen. Ein Moment, da ich glaube, dem Bösen höchst­per­sön­lich zu begegnen. Der massige Mann folgt mir an diesem Früh­lings­morgen klarer Luft über die Straße. Das Singen der Amseln in den Bäumen. Der glühende Wunsch in meinem Kopf, die Gestalt hinter mir mittels eines Skal­pells sorg­fältig in sehr kleine Teile zu zerlegen. Ein Hauch nur, so fein die Haut der Zivi­li­sa­tion, die mich im Innern schützt. – Erneut endende Nacht. Ein Reporter stand gerade noch vor mir auf einem Dach in Tokio. Er sagte, diese Situa­tion, morgens zu erwa­chen und zu bemerken, dass wieder ein Kern­re­aktor explo­diert ist, sei surreal. – Man müsste, denke ich, auf der Stelle Käfer­wesen erfinden, die sich rasch vermehren, Milli­arden Käfer Stunde um Stunde, Wesen, die sich unver­züg­lich auf die Jagd nach kleinsten Teil­chen in der Atmo­sphäre machen würden, um sie zu verspeisen, weil das ihre Bestim­mung ist, ihre Leiden­schaft, das Jagen, das Fangen und das Segeln auf strah­lenden Flügeln weit aufs Meer hinaus.

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prypjat

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echo : 5.57 – Die Stadt Prypjat an einem sonnigen Apriltag des Jahres 1986. Duns­tige Haut lag über farbigen Bildern des Films, spie­lende Kinder vor Häuser­blocks, ein Karus­sell, ein Riesenrad, flanie­rende Bürge­rinnen und Bürger, Alltag, Frieden. Manche der Menschen trugen Taschen, andere hielten ihre Söhne und Töchter an der Hand, ein Dreirad glaubte ich gesehen zu haben, Bäume von hellem Grün, und den Himmel, wolkenlos. Aber da war noch etwas anderes gewesen, etwas Unheim­li­ches, da waren Punkte, Kreise, helle Erschei­nungen, in Bruch­teilen rasender Zeit tauchten sie auf und waren sofort wieder verschwunden. So rasch und so uner­wartet traten sie aus der Bewe­gung des Filmes hervor, dass ein mensch­li­cher Betrachter nicht sicher sein konnte, ob die Erschei­nung, die er gerade wahr­ge­nommen hatte, tatsäch­lich zu sehen oder nicht ein Irrtum seines Gehirns gewesen war, helle Schirme, pelzig, weich. Dieses blit­zende Licht, das ich vor einigen Jahren beob­ach­tete, zeigte Verlet­zungen des bild­tra­genden Mate­rials an, Verhee­rungen, die durch strah­lende Teil­chen des bren­nenden Graphit­re­ak­tors zu Tscher­nobyl verur­sacht wurden, Teil­chen­spur­licht, deshalb so unheim­lich, so tragisch, weil dieses Licht in den Augen des Film­be­trach­ters von einer späteren Wirk­lich­keit aus wahr­ge­nommen werden konnte, nicht aber von jenen Menschen, die sich in der Wirk­lich­keit der Aufnahme vor der Kamera bewegten durch einen lebens­ge­fähr­li­chen Tag, den sie für einen glück­li­chen Tag ihres Lebens gehalten haben mochten, weil niemand sie vor der unsicht­baren Bedro­hung, die sich in der Atmo­sphäre befand, warnte. – Ich muss meine Erin­ne­rung sofort über­prüfen.

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atomare zeichnung

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tango : 15.57 – Die Menschen­zeich­nung Tscher­no­byls voll­zieht sich in Tausenden von Jahren. Wie lange Zeit wird die Foto­grafie hinter diesem Verweis noch zu sehen sein?

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alesund

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romeo : 22.58 – Plötz­lich bin ich in Alesund am Meer. Meine Arme liegen traum­wärts auf einem Tisch von Holz. Bäume wachsen auf ihrer Haut, Regen­wälder, dicht. Wenn ich mich mit einem Ohr nähere, hör ich das Brüllen der Affen, das Singen der Vögel. Blaues, ewiges Licht. Die Erde steht still. Ein schnee­weißes Schiff gleitet geräuschlos am Pier vorüber. Eisberge schau­keln am Hori­zont. Wenn ich sie betrachte, schlafe ich auf der Stelle ein.

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moskitoeintagsfliegen no.2

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sierra : 5.24 – Bald einmal, ich wieder­hole, mensch­liche Wesen von 20000 Jahren Lebens­er­war­tung gestalten, Hüter der Pluto­ni­um­werke, memo­rie­rende Beob­achter, flüs­ternde Spre­cher durch Räume der Zeit, die noch nicht vorstellbar sind, weil wir sie weder fühlen noch träumen, weil unsere Herzen durch die Atom­zeit rasend schlagen wie die Herzen der Moski­to­ein­tags­fliegen.

flugübung

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india : 20.58 – Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich aufstehen und mich sofort vom Erdboden lösen könnte. Eine merk­wür­dige Idee. Machte mich unver­züg­lich an die Arbeit, malte mir aus, wie ich durch den Raum schweben würde, zum Beispiel auch auf dem Kopf, die Schuhe zur Decke hin. Ich spürte leichten Schwindel, als wär ich betrunken. Schwebte so ein paar Minuten im Raum herum und wie ich zurück­komme, liegt mein Kopf, als hätte ich mir den Hals verbogen, auf der linken Schulter. – Ob es wohl möglich ist, an diesem Donners­tag­abend bei hoher Geschwin­dig­keit die Wände meiner Zimmer zu begehen? – stop
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agota

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sierra

~ : oe som
to : louis
subject : AGOTA
date : mar 25 11 6.15 p.m.

Kurz vor sechs Uhr abends, das Wasser ruhig. Taucher Noe wohlauf in 820 Fuß Tiefe. Er liest Agota Kris­tofs Erzäh­lung Die Analpha­betin nun schon zum fünften Mal in Folge mit einer Begeis­te­rung, die wir in den vergan­genen Jahren so noch nicht wahr­ge­nommen haben. Seine Stimme scheint heller geworden zu sein, seit wir seinen Taucher­anzug von Koral­len­ge­wächsen befreiten. Nach wie vor verwei­gert er jedes Gespräch über seine eigene Person. Niemand kann sagen, ob Noe wirk­lich versteht, was er mit lauter Stimme liest: Am Anfang gab es nur eine einzige Sprache. Die Objekte, die Dinge, die Gefühle, die Farben, die Träume, die Briefe, die Bücher, die Zeitungen, waren diese Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es noch eine andere Sprache geben könne, dass ein Mensch ein Wort spre­chen könne, das ich nicht verstehe. In der Küche meiner Mutter, in der Schule meines Vaters, in Onkel Gezas Kirche, auf den Straßen, in den Häusern des Dorfes und auch in der Stadt meiner Groß­el­tern spra­chen alle dieselbe Sprache, und nie war die Rede von einer anderen. – Boote verletzter Menschen passieren unser Schiff, Scha­luppen, sie kommen von Süden her, schwei­gende, frie­rende Passa­giere. Dein OE

gesendet am
25.03.2011
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oe som to louis »

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helle augen

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echo : 17.12 – Eine alte Frau, zarte, gebeugte Erschei­nung, die sich in der Nähe eines Geld­au­to­maten in deut­scher Sprache bei mir meldet. Sie will wissen, wie es mir geht, erzählt, dass ihr das Gehen schwer falle, dass sie ihr Leben lang eine Hand­ta­sche mit sich getragen habe. Nun aber der Stock, dieser verdammte Stock. Dann kommt sie zur Sache. Merk­würdig helle Augen. Sie fragt in engli­scher Sprache, ob ich viel­leicht etwas Geld für sie in meiner Mantel­ta­sche finde könne. Ja, sie spricht diesen einen Satz in engli­scher Sprache, als würde nicht sie, sondern eine ganz andere Frau um etwas Unter­stüt­zung zum Weiter­leben bitten.

luftgespräch

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echo : 8.18 – Ich spazierte in einer Stadt selt­samer Menschen. Diese Menschen waren Wesen ohne Augen in ihrem Gesicht, weswegen ich sie nicht begrüßen konnte, was ich natür­lich schon deshalb versuchte, weil ich heraus­finden wollte, ob diese Menschen, die sich in engen Straßen fort­be­wegten, ohne je anein­an­der­zu­stoßen, even­tuell über geheime Augen verfügten, sehr kleine Augen in den Nasen­flü­geln, sagen wir, oder ihren Wangen, feinste Facetten. Als ich einmal den Himmel über mir betrach­tete, bemerkte ich wegwei­sende Sätze auf Schil­dern und Pfeile und Spiegel, so dass ich mich selbst betrachten konnte, meinen in den Nacken gewor­fenen Kopf. In einer Bahn­hofs­halle ruhten wartende Reisende auf Bänken. Sie lagen so zuein­ander, dass ihre Schä­del­dä­cher sich fast berührten. Manche schliefen, andere unter­hielten sich. Je ein Auge dort pro Kopf von feinem Haar umgeben. Aus der Ferne betrachtet sah das ganz so aus, als würden die Liegenden Selbst­ge­spräche führen oder mit der Luft. Dann wach. – stop. – Montag. Acht Uhr zwei­und­zwanzig Minuten in Bengasi, Libyen. – stop
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