verständigung

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romeo : 6.18 — Im Gespräch mit ein­er jun­gen Mus­li­ma. Aus heit­erem Him­mel erzählt sie von ihrem Haar, das seit 25 Jahren vor den Blick­en fremder Män­ner geschützt unter einem Kopf­tuch ver­bor­gen liegt. Mein Erstaunen zunächst, dass ich mit den Ohren erfahren darf, was ich mit den Augen nicht wahrnehmen kann. Ich ver­mag Dein Haar mit den Ohren zu betra­cht­en! Antwort: Alles, was Du in Dein­er Vorstel­lung mit den Ohren siehst, hast Du niemals wirk­lich gese­hen! Sie lacht jet­zt, set­zt hinzu: Aber den Ima­men würde nicht gefall­en, was wir hier erzählen. — stop
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lampion

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marim­ba : 2.27 — Man kön­nte vielle­icht sagen, dass es sich bei der Gat­tung der Lam­pi­onkäfer um Geschöpfe han­delt, die bevorzugt nach innen aus­gedacht wor­den sind, weshalb man an ihrer äußeren Gestalt sparsam zu wirken wün­schte. Man machte ihnen Flügel, sehr kleine, kaum noch sicht­bare Flügel, die kurze Streck­en des Luftreisens ges­tat­ten, sparte dage­gen an Beinen, ver­gaß Augen und Füh­ler, auch Ohren sind an ihrem vol­lkom­men run­den Kör­p­er bis­lang nicht zu ent­deck­en gewe­sen. Nie­mand kön­nte zu diesem Zeit­punkt also ern­sthaft behaupten, an welch­er Stelle nun genau der Kopf, also das Vorne des Käfer­we­sens zu find­en sein kön­nte. Meis­tens liegen sie demzu­folge bewe­gungs­los auf dem Boden herum, schlafen vielle­icht oder träu­men. Man kann sie dann leicht überse­hen, weil sie sehr klein sind und fast licht­los auf den ersten Blick. Unerkan­nt haben sie in dieser beschei­de­nen Weise bis vor kurzem in den Wäldern des Kar­wen­del­ge­birges nahe der Baum­gren­ze gelebt, bis ein Stein­samm­ler ihr Geheim­nis unlängst ent­deck­te, in dem er sich mit einem sehr feinen Bohrer ins Innere eines der Käfer­kör­p­er vorar­beit­ete. Lange Stun­den des Wartens, des Küh­lens, des Ban­gens, dann spähte der junge Forsch­er in eine voll­ständig unbekan­nte Welt. Sei­ther fehlt ihm jede Sprache. Die Augen weit geöffnet, scheint er zu suchen, nach Sätzen vielle­icht, nach Wörtern, nach angemesse­nen Geräuschen der Bewun­derung, der Anerken­nung. — Was bleibt noch zu bemerken? — Sie sum­men wie die Bienen, sobald sie fliegen.

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lufträume

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nord­pol : 15.52 — Authen­tisch scheinen Men­schen­fig­uren auf Papieren dann gewor­den zu sein, wenn sie in ihren Lufträu­men han­deln, wie Men­schen des wirk­lichen Lebens, wenn sie also jen­seits der Wörter denken, was sie wollen. — stop
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PRÄPARIERSAAL : whiteout

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nord­pol : 22.28 – An einem Mor­gen, da es heftig schneite, erzählt Sil­ja im Prä­pari­er­saal von ein­er Erschei­n­ung, die bei ihr zu Hause, in Schwe­den auf dem Lande, zur alltäglichen Erfahrung wer­den kann. Wenn das Schneelicht unter Wolken den Hor­i­zont ver­birgt, wenn der Ort, an dem man sich befind­et, gren­zen­los zu sein scheint: Das große Weiß. Auch im Prä­pari­er­saal, hell beleuchtet, habe sie immer wieder beobachtet, ihre eigene Posi­tion in Raum und Zeit für Momente zu ver­lieren: > Es ist so hell in diesem Saal, dass ich manch­mal meine Posi­tion in Raum und Zeit für Sekun­den zu ver­lieren scheine, Schneelicht, ein Licht, das ich von Schwe­den her kenne, das große Weiß, das den Hor­i­zont ver­birgt. Ich prä­pariere an dem Kör­p­er ein­er Frau. Ich glaube, sie ist mir ver­traut gewor­den. Wenn ich mor­gens zu ihr komme habe ich den Ein­druck, sie bere­its lange Zeit zu ken­nen. Sie scheint sehr geduldig zu sein. Ich weiß nicht, ob Sie das ver­ste­hen. Manch­mal habe ich das Gefühl, dass diese tote Frau auf uns wartet. Ich hat­te in den ersten Tagen des Prä­pari­erkurs­es die Vorstel­lung, sie würde uns zuhören oder schlafen und träu­men. Und wir bewe­gen uns also behut­sam, als wären wir sehr junge Eltern, die ein uraltes Kind behüten. Ist das nicht selt­sam? Ich habe immer wieder die Empfind­ung von Ruhe, von Stille, von Schlaf. Ich über­legte was wäre, wenn wir den Kör­p­er dieser alten Frau nicht unter­suchen, nicht zer­legen wür­den, son­dern nur sehr sorgfältig pfle­gen. Wir wür­den dann viele Jahre, Tag für Tag und Mor­gen für Mor­gen, in den Saal kom­men und sie umsor­gen, damit sie uns nicht zer­fällt. Wir wür­den sie vor dem Licht der Sonne schützen, vor Pilzen, und wir wür­den sie befeucht­en, wir wür­den sie davor bewahren, zu Staub zu wer­den. Irgend­wann wäre sie dann jünger als wir selb­st, ich meine, ihre Erschei­n­ung. Ich finde manch­mal sehr merk­würdig, dass ich so etwas denke. — stop
mikroskop

zimmer 202

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sier­ra : 18.15 — Ich kann ohne Geräusche nicht schlafen. Ich ver­ste­he die Leute nicht, die ein ruhiges Zim­mer wollen. Ich will ja nicht ster­ben, ich will ja nur schlafen. Ich mag men­schliche Geräusche. Lieber Press­lufthäm­mer, als totale Stille. Ich kann auch zu Hause stun­den­lang auf Kurzwelle irgen­deine Fremd­sprache hören, so als Back­ground. Das ist mit auch ein Grund dafür, dass ich viel in Eisen­bah­nen geschrieben habe, weil ich Geräusche brauche. Ich muss einen Rhyth­mus hören. — Peter Bich­sel in der 58. Minute des Doku­men­tarfilms Zim­mer 202 : Peter Bich­sel in Paris
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schneebrille

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alpha : 22.03 — Aus der Luft, aus dem Nichts her­aus, Gedanken, von Sekun­den­räu­men her, die sich unmit­tel­bar vor dem Zeit­punkt ihrer Wahrnehmung befind­en. Ob es über­haupt möglich sein kann, einen Gedanken erfind­end zu kon­stru­ieren? Das Wort S c h n e e b r i l l e in diesem Moment, vielle­icht deshalb, weil ich vor Stun­den notierte: Win­ter­pen­delfahrt auf Stat­en Island Fer­ry. stop. Oberes Deck. stop. Feste Schuhe. stop. Pennsta­tion ab: 7.49 am. stop. Mon­tauk an: 10.52 am. stop. Strandspazier­gang. — stop
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PRÄPARIERSAAL : passagenbilder

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gink­go : 20.55 — In der Pas­sage von Wach­sein zu Schlaf. Als würde dort jed­er Schutz ver­loren gehen, Nach­bilder, leblose Gesichter des Prä­pari­er­saales, geschwol­lene Hände, aufge­fal­tete Leder­haut, getrock­nete Herzen, zer­broch­ene Gehirne, Milch­glasaugen ohne Blick. Der Ein­druck von Nichtwirk­lichkeit, obwohl ich ahne, dass ich noch nicht träume. — stop

PRÄPARIERSAAL : heitere träume

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india : 22.03 — Gestern kam der schöne Kopf ein­er Fre­undin auf acht winzi­gen Füßen über den Boden meines Arbeit­sz­im­mers spaziert. Sie rez­i­tierte in rasender Geschwindigkeit einen Text Dju­na Barnes mit lach­gasheller Stimme. Nichts ist noch selb­stver­ständlich. Weshalb träume ich nur sel­ten, und wenn, dann heit­ere Geschicht­en vom Zer­gliedern men­schlich­er Kör­p­er? — Vor langer Zeit bere­its notiert. stop. In der Antwort noch keinen Schritt weit­ergekom­men. — stop
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geflogen

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sier­ra : 5.03 — Fol­gen­des habe ich mir vorgestellt in einem Abendzug gestern von ein­er Minute zur anderen, Vögel näm­lich, die über einen som­mer­lichen Him­mel ras­ten, einan­der lock­ende, Hak­en schla­gende Kün­stler, manche flo­gen weite Streck­en auf dem Rück­en dicht über den Boden hin. Das war ein Vogel­him­mel wild blühen­der Wiesen, Bienengeschosse, schwebende Brummkreiselpilze. Unter einem Baum kauerten ein paar Kinder, die schraubten an fauchen­den Taubenköpfen herum, eine Geschichte fein­ster Werkzeuge, jawohl, eine Geschichte auch elek­trisch knis­tern­der Plati­nen, die unter jen­er vorgestell­ten Wiese ver­bor­gen lagen. Ich ruhte dann bald selb­st auf dem funk­enden Boden und meinte noch das Sin­gen der Knochen­sä­gen hin­ter meinen Ohren zu hören. Dann auf und davon, senkrecht in Spi­ralen eines Ungeübten gegen die Wolken. — Heute ist Dien­stag. Duke Elling­ton wartet. Guten Mor­gen!

adresse insuffisante

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tan­go : 3.03 — Luft­post­briefe, feine, leichte Wesen, kehren in diesen Tagen aus Japan nach Europa zurück. Sie tra­gen einen Stem­pelzug: Adresse insuff­isante. Selt­sam ist, erzählt ein Fre­und, der mehrfach Briefe dieser Art in Hän­den gehal­ten hat­te, dass Namen, Orte, Straßen der Empfänger, Brief für Brief mit­tels schräg geführter Striche geze­ich­net wor­den sind. Es sind immer drei dieser Lin­ien par­al­lel zueinan­der auf das Papi­er über die Schrift geset­zt, als wollte man in dieser Weise zur Ansicht brin­gen, dass dort nichts mehr zu find­en ist, keine Stadt, kein Dorf, keine Straße, kein Haus, kein Name, auch keine Hände, den Brief zu öff­nen, keine Augen, den Brief zu lesen. stop — Vier Uhr fün­fzehn, Däm­merung in Damaskus, Syrien. — stop
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herzgeschichte

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hibiskus : 0.05 — Zu ein­er Zeit, als meine Mut­ter noch für mich atmete, bewegte sich zum ersten Mal mein Herz. Bald wurd ich geboren und lernte zu schweigen, zu sitzen, zu ste­hen und meine Schuhe zu binden, mit Krei­de auf eine Tafel zu schreiben und  zu lesen, und während ich diese feinen Dinge lernte, schlug immer­fort mein Herz. Auch am Tag, als ich sieben Jahre alt wurde, schlug mein Herz so unbe­merkt, wie an allen anderen Tagen zuvor, und ich freute mich, weil ich an diesem Tag ein Schachspiel über­re­icht bekam. Der kleine Junge, der mir dieses Schachspiel schenk­te, war nicht zu meinem Fest für Fre­unde gekom­men, stattdessen kam seine Mut­ter. Sie war blass, nein durch­sichtig, sie erzählte, ihr Sohn könne nicht kom­men, weil sein Herz sehr schwach gewor­den sei. Kurze Zeit später starb der Junge, der beina­he mein Fre­und gewor­den wäre, an dieser Nachricht. An jen­em Abend, am Abend meines kleinen Festes aber lebte der kleine Junge noch, und ich dachte an ihn und über­legte, was die Worte ein schwach­es Herz vielle­icht bedeuteten. Ich lag also auf dem Bett und hat­te eine Hand auf die Brust gelegt und spürte den Bewe­gun­gen meines Herzens nach. Mit geschlosse­nen Augen, ich erin­nere mich genau, kon­nte ich Erschüt­terun­gen fühlen, eine selt­same Erfahrung. Sehr lange lag ich so rück­lings auf dem Bett und dachte, dass mein Herz ein starkes Herz zu sein schien, aber als ich meine Hand zur Seite legte, war mir für einen kurzen Moment, als ob mein Herz ste­hen geblieben war, weil ich seine Bewe­gun­gen nicht länger spüren kon­nte. Als ich erwachte, wun­derte ich mich, dass ich noch immer lebte, obwohl ich mein Herz vergessen hat­te während der Nacht. Und jet­zt, da ich diese kleine Geschichte notiere, denke ich, dass ich damals vielle­icht, an jen­em Abend genau, damit begonnen habe, mich zu wun­dern. Auch heute noch, um viele Jahre älter, wun­dere ich mich über mein Herz, oder ich wun­dere mich über Straßen­bah­nen, dass sie existieren. Ja, sehr gerne wun­dere ich mich über Straßen­bah­nen.

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herzgegend

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echo : 0.05 — Selt­sam, dass Men­schen, sobald sie an ihr Herz denken, seine anatomis­che Gegend sofort berühren wollen.

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jelena bonner

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sier­ra : 22.58 — Das erste elek­trische Buch, das ich für ein Kin­dle-Lesegerät zum Preis von 99 Cent erwer­ben kon­nte, wurde vor ein­er Vier­tel­stunde in weniger als zehn Sekun­den von einem unbekan­nten Ort her mit­tels eines Wellen­fadens auf meinen Com­put­er über­tra­gen. Franz Kafkas gesam­melte Werke, Romane, Briefe, Erzäh­lun­gen, Apho­ris­men, 19374 Seit­en­po­si­tio­nen, eine merk­würdi­ge Erfahrung. Das Buch ist ein­er­seits anwe­send, ander­er­seits ohne Gewicht, es ist nicht sicht­bar, oder nur je eine Seite, ein Blatt. — Jele­na Bon­ner ist im Alter von 88 Jahren in Boston gestor­ben. — stop

PRÄPARIERSAAL : ismene

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sier­ra : 18.02 — Abend. Die Fen­ster geöffnet, es reg­net, für einen Moment ist Herb­st gewor­den. Höre ein Inter­view, das ich mit Ismene, ein­er Medi­zin­stu­dentin, in München führte. Sie erzählt mit ruhiger Stimme fol­gende Geschichte: > Wie wir ange­fan­gen haben? Ich erin­nere mich gut. Ich hat­te kaum geschlafen. Endlich sollte es los­ge­hen. Als ich dann im Prä­pari­er­saal vor dem Tisch stand, war ich erst ein­mal irri­tiert vom Anblick des Leich­nams. Ich glaube, alle meine Kol­legin­nen und Kol­le­gen waren irri­tiert gewe­sen, min­destens waren sie beein­druckt. Wenn man unsich­er ist, schaut man nach, was die anderen tun. Und wenn die Blicke einan­der begeg­nen, lächelt man. Ich habe diese erste Sit­u­a­tion vor dem Tisch als sehr authen­tisch emp­fun­den, als ehrlich und unmit­tel­bar. Wir hat­ten nur unsere Augen, unsere Hände, also unseren Tastsinn, ein Skalpell und eine Pinzette, um den Kör­p­er, der uns zur Ver­fü­gung gestellt war, zu unter­suchen. Natür­lich arbeit­eten wir auch mit unserem Gehörsinn. Wir waren acht Leute an jedem der 52 Tis­che, und wir disku­tierten, was wir gese­hen haben. An diesem ersten Tag aber waren wir eher still gewe­sen. Ich glaube, jed­er von uns musste zunächst ein­mal mit sich selb­st zurechtkom­men. Das waren ja sehr kräftige Ein­drücke. Ich habe mir, um mich vor dem schar­fen Geruch zu schützen, ein Tuch in die Brust­tasche gesteckt, das ich in Euka­lyp­tusöl getaucht hat­te. Und da war nun diese alte Frau gewe­sen. Sie lag völ­lig unbek­lei­det auf dem Tisch vor uns. Ich habe gewusst, dass dieser Moment kom­men würde, aber man kann sich auf den Augen­blick ein­er ersten Begeg­nung dieser Art nicht wirk­lich vor­bere­it­en. Vielle­icht hat­ten wir deshalb mit hoher, zupack­ender Geschwindigkeit die rote Decke und das weiße Tuch, die den Leich­nam vor Aus­trock­nung schützen, ange­hoben, weil wir unser­er Unsicher­heit Aktiv­ität ent­ge­genset­zen woll­ten. Ich war sehr bewegt und ich war unruhig und ich schämte mich für meinen sach­lichen Blick, der das Gewicht der alten Dame schätzte und ihre Größe. Sie lag rück­lings auf dem Tisch. Ihre Beine und Arme waren aus­gestreckt. Wenn sie noch am Leben gewe­sen wäre, würde sie ver­mut­lich ver­sucht haben, sich zu schützen. Sie hätte ihre kleinen, flachen Brüste mit Hän­den bedeckt und ihre Scham, und sie hätte vielle­icht irgen­deine abwehrende Geste unter­nom­men. Ich sehe ihr Gesicht, ihre geschlosse­nen Augen noch sehr genau vor mir. Ein feines Gesicht. Das For­ma­lin hat­te ihr kaum zuge­set­zt, an ihrem Kör­p­er war keine weit­ere Narbe zu find­en als ein Schnitt an der Innen­seite des linken Ober­schenkels, der von ein­er Kanüle der Prä­para­toren verur­sacht wor­den war. Und wenn ich jet­zt sage, dass sie sehr echt aus­sah, sehr wirk­lich, ver­let­zlich, dann komme ich der Ursache mein­er Irri­ta­tion vielle­icht näher. Ver­ste­hen Sie, die alte Dame war mir ähn­lich. Ich bemerk­te eine Frau, eine Frau, die nur durch ein wenig Zeit von mir getren­nt war. Ich sah eine Per­son und ich fürchtete, sie in ihrer Ruhe zu stören, und deshalb sprach ich leise. Auch meine jun­gen Fre­unde am Tisch sprachen sehr leise, zurück­hal­tend, behut­sam. Ich sah, dass ihre Hände in den Latex­hand­schuhen schwitzten und auch, dass sie ein wenig zit­terten, während sie arbeit­eten. Die Hände der alten Dame wirk­ten, als hätte sie zu lange gebadet. Das waren sehr feine Hände. Sie hat­te zulet­zt noch ihre Fin­gernägel bemalt in einem hellen Rot. Sie hat­te sich noch geschmückt. Sie wollte schön sein! Immerzu musste ich ihre Hände betra­cht­en. — stop

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mann mit stäbchen

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india : 21.02 — Ich habe einen Mann mit ein­er erstaunlichen Vor­rich­tung betra­chtet. Dieser Mann war ganz sich­er weit über 70 Jahre alt, trug trotz großer Hitze einen schäbi­gen Win­ter­man­tel, Turn­schuhe, einen zer­schrammten Ruck­sack vor der Brust, außer­dem Leder­hand­schuhe, schmutzige Teile, eine Brille mit rand­losen, run­den Gläsern, und eben ein fil­igranes Stäbchen, einen Spazier­stock genauer, mit dem er über den Boden tastete. Dieser Stock nun war kein gewöhn­lich­er, vielmehr ein höchst merk­würdi­ger Stock. Er war von hellem Met­all und kon­nte mit­tels klein­er, im Inneren des Stock­es befes­tigter Elek­tro­mo­toren, ein und aus­ge­fahren wer­den, eine Art Teleskop­stock, außer­dem leicht und blitzblank, so dass sich die Stadt und der Him­mel über ihr in ihm spiegel­ten. An der Spitze des Stock­es ein­er­seits war ein rundlich­er Vor­satz befes­tigt, am ent­ge­genge­set­zten Ende entka­men einem Knauf zwei Kabel, die mit Hörg­eräten ver­bun­den waren, die der alte Mann in sein Ohren trug. Diese Beobach­tun­gen, die ich machte, als ich die Madi­son Avenue süd­wärts spazierte, führten zunächst zu der Ver­mu­tung, der alte Mann belausche den Boden, weil ich die Ver­stärkung an der Spitze seines Stock­es, zunächst für ein Mikrophon gehal­ten habe. Dann aber blieb der alte Mann Höhe 42nd Straße nahe der Bor­d­steinkante ste­hen. Er tastete im Rinnstein, eine Hand führte den Stock, die andere bewegte sich in der Tasche seines Man­tels. Indem ich eben­falls ste­hen­blieb und mich dem alten Mann zuwen­dete, verkürzte sich plöt­zlich mit­tels ein­er geschmei­di­gen Bewe­gung der Stock des Mannes soweit, dass der alte Mann einen hal­ben Dol­lar von seinem Ende pflück­en kon­nte, ohne in die Knie gehen zu müssen. — Ende der Geschichte. Don­ner­stag. Es ist Abend, die Luft kühl vom Regen. Eine Fliege tastet über den Bild­schirm mein­er Schreib­mas­chine, der Him­mel blitzt, die Seen sind voll, das Schilf neigt sich dem Boden zu. — stop

ein auge auf dem tisch

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echo : 22.02 — Ich stelle mir vor, wie das wäre, wenn ich über ein beson­deres Auge ver­fügte, ein Auge näm­lich, das ich meinem Kopf ent­nehmen und vor mich hin auf den Tisch able­gen kön­nte, ein leben­des Auge, ein Auge, mit­tels dem ich ein­er­seits von meinem Kopf aus fröh­lich in die Welt hin­auss­chauen würde, ander­er­seits ihm Frei­heit des Raumes gewähren, ohne dass es sofort Schaden nehmen sollte, ein Augen­we­sen demzu­folge, ein Augen­tier, mit einem selb­st­ständi­gen Gehirn, mit einem Magen, Blut­ge­fäßen, Ohren ( ich bin mir nicht sich­er ), einem Mund und einem Ver­dau­ungsap­pa­rat, alles sehr klein und feinst gewirkt, eine Per­sön­lichkeit von 7.5 Gramm Gewicht, die mich gern von einem Tisch her betra­cht­en würde, diesen Mann mit fehlen­dem Auge, was nicht wirk­lich der Fall ist, weil das Auge, das fehlt, eigentlich anwe­send ist, aber nicht dort, wo man es erwartet unweit der Nase, son­dern längst auf dem Tisch. Stellt sich nun die Frage, was so ein Auge zu sich nehmen wollte, wie man es füt­tert, was und wie viel an einem der Leben­stage eines unab­hängi­gen Augengeschöpfes getrunk­en wer­den sollte, und was in Etwa geschehen würde, wenn sich das Auge in ein weit­eres Auge vernar­rt? — stop

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PRÄPARIERSAAL : ein helles herz

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bamako : 2.58 – Beobachtete im Prä­pari­er­saal kurz vor acht Uhr mor­gens eine Assis­tentin, indem sie sich mit­tels eines Skalpells und ein­er Pinzette in die Tiefe eines Lun­gen­flügels vorar­beit­ete. Feine, zupfende Hand­be­we­gun­gen ein­er Uhrma­cherin. Ein met­al­len­er Ton, sobald die Assis­tentin etwas Gewebe am Rand ein­er Schale von ihren Werkzeu­gen streifte. Wort­los stand die junge Frau am Tisch, schein­bar ohne sich an mein­er Gegen­wart zu stören. Nach eini­gen Minuten dann schob sie das Lun­gen­prä­parat zur Seite und wen­dete sich einem Herzen zu, das in unmit­tel­bar­er Nähe eines weit­eren Lun­gen­flügels auf einem Blech schaukelte, als sei es noch von eigen­er Kraft in Bewe­gung. Das war ein kräftiges Herz gewe­sen, ich erin­nere mich noch gut, über das Gewicht in meinen Hän­den ges­taunt zu haben. Ich hat­te das Prä­parat vom Tisch gehoben und hielt es in der Schale mein­er Hände fest, um die Arbeit der Assis­tentin zu erle­ichtern. Das Herz ist schw­er, sagte ich. Ein mächtiger Muskel, antwortete die Frau, ja, ein mächtiges Herz, fest und dunkel, das Herz eines Läufers. Oder ein Kün­stler­herz vielle­icht. Schweigen jet­zt. Sie trom­melte mit ihren Werkzeu­gen auf den hölz­er­nen Rand des Tis­ches. Meines wird wohl etwas klein­er sein, set­zte ich vor­sichtig hinzu, ein helles Herz, das Herz eines Vogels, sagen wir. Du kannst also fliegen, bemerk­te die junge Frau und lachte, das ist eine gute Geschichte! — Wie sie für den Bruchteil ein­er Sekunde ihr Gehirn mit einem Lid bedeck­te.  Fin. – stop

the empress of weehawken

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echo : 20.07 — Früher ein­mal, sobald ich spazieren ging oder auf eine Reise, zur Arbeit, ins The­ater oder son­st wohin, nie ver­ließ ich das Haus, ohne eines mein­er zer­schlis­se­nen Unter­wegs­büch­er mit mir zu führen. Wenn ich ein­mal doch kein Buch in der Hand oder Hosen­tasche bei mir hat­te, sofort das Gefühl, unbek­lei­det oder von Leere umgeben zu sein. Als ob ich einen immer­währen­den Ausweg in mein­er Nähe wis­sen wollte, ein Zim­mer von Wörtern, in das ich mich jed­erzeit, manch­mal nur für Minuten, zurückziehen kon­nte. Da waren also Büch­er von Mal­colm Lowry, Ken­z­aburo Oe, Tru­man Capote, Friederike Mayröck­er, Wal­ter Ben­jamin, Janet Frame, Georg C. Licht­en­berg, Hein­rich von Kleist, Moni­ka Maron, Alexan­der Kluge, Bohoumil Hra­bal, Johann Peter Hebel, Patri­cia High­smith, Elias Canet­ti, Peter Weiss, Hans Mag­nus Enzens­berg­er. Irgend­wann, weiß der Teufel warum, hörte ich auf damit. Sei­ther trage ich meine Straßen­büch­er nicht mehr in der Hand, ich trage meine Straßen­büch­er auf dem Rück­en. Gestern ist ein weit­eres hinzugekom­men, eines von Irene Dis­che. Das Buch ist 257 Gramm schw­er am Mor­gen, o,5 Gramm leichter als am Abend. Selt­sam. Ich habe keine Erk­lärung für dieses Ver­hal­ten. — stop

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