verständigung

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romeo : 6.18 – Im Gespräch mit einer jungen Muslima. Aus heiterem Himmel erzählt sie von ihrem Haar, das seit 25 Jahren vor den Blicken fremder Männer geschützt unter einem Kopf­tuch verborgen liegt. Mein Erstaunen zunächst, dass ich mit den Ohren erfahren darf, was ich mit den Augen nicht wahr­nehmen kann. Ich vermag Dein Haar mit den Ohren zu betrachten! Antwort: Alles, was Du in Deiner Vorstel­lung mit den Ohren siehst, hast Du niemals wirk­lich gesehen! Sie lacht jetzt, setzt hinzu: Aber den Imamen würde nicht gefallen, was wir hier erzählen. – stop
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lampion

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marimba : 2.27 – Man könnte viel­leicht sagen, dass es sich bei der Gattung der Lampion­käfer um Geschöpfe handelt, die bevor­zugt nach innen ausge­dacht worden sind, weshalb man an ihrer äußeren Gestalt sparsam zu wirken wünschte. Man machte ihnen Flügel, sehr kleine, kaum noch sicht­bare Flügel, die kurze Stre­cken des Luft­rei­sens gestatten, sparte dagegen an Beinen, vergaß Augen und Fühler, auch Ohren sind an ihrem voll­kommen runden Körper bislang nicht zu entde­cken gewesen. Niemand könnte zu diesem Zeit­punkt also ernst­haft behaupten, an welcher Stelle nun genau der Kopf, also das Vorne des Käfer­we­sens zu finden sein könnte. Meis­tens liegen sie demzu­folge bewe­gungslos auf dem Boden herum, schlafen viel­leicht oder träumen. Man kann sie dann leicht über­sehen, weil sie sehr klein sind und fast lichtlos auf den ersten Blick. Uner­kannt haben sie in dieser beschei­denen Weise bis vor kurzem in den Wäldern des Karwen­del­ge­birges nahe der Baum­grenze gelebt, bis ein Stein­sammler ihr Geheimnis unlängst entdeckte, in dem er sich mit einem sehr feinen Bohrer ins Innere eines der Käfer­körper vorar­bei­tete. Lange Stunden des Wartens, des Kühlens, des Bangens, dann spähte der junge Forscher in eine voll­ständig unbe­kannte Welt. Seither fehlt ihm jede Sprache. Die Augen weit geöffnet, scheint er zu suchen, nach Sätzen viel­leicht, nach Wörtern, nach ange­mes­senen Geräu­schen der Bewun­de­rung, der Aner­ken­nung. – Was bleibt noch zu bemerken? – Sie summen wie die Bienen, sobald sie fliegen.

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lufträume

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nordpol : 15.52 – Authen­tisch scheinen Menschen­fi­guren auf Papieren dann geworden zu sein, wenn sie in ihren Luft­räumen handeln, wie Menschen des wirk­li­chen Lebens, wenn sie also jenseits der Wörter denken, was sie wollen. – stop
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PRÄPARIERSAAL : whiteout

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nordpol : 22.28 – An einem Morgen, da es heftig schneite, erzählt Silja im Präpa­rier­saal von einer Erschei­nung, die bei ihr zu Hause, in Schweden auf dem Lande, zur alltäg­li­chen Erfah­rung werden kann. Wenn das Schnee­licht unter Wolken den Hori­zont verbirgt, wenn der Ort, an dem man sich befindet, gren­zenlos zu sein scheint: Das große Weiß. Auch im Präpa­rier­saal, hell beleuchtet, habe sie immer wieder beob­achtet, ihre eigene Posi­tion in Raum und Zeit für Momente zu verlieren: > Es ist so hell in diesem Saal, dass ich manchmal meine Posi­tion in Raum und Zeit für Sekunden zu verlieren scheine, Schnee­licht, ein Licht, das ich von Schweden her kenne, das große Weiß, das den Hori­zont verbirgt. Ich präpa­riere an dem Körper einer Frau. Ich glaube, sie ist mir vertraut geworden. Wenn ich morgens zu ihr komme habe ich den Eindruck, sie bereits lange Zeit zu kennen. Sie scheint sehr geduldig zu sein. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese tote Frau auf uns wartet. Ich hatte in den ersten Tagen des Präpa­rier­kurses die Vorstel­lung, sie würde uns zuhören oder schlafen und träumen. Und wir bewegen uns also behutsam, als wären wir sehr junge Eltern, die ein uraltes Kind behüten. Ist das nicht seltsam? Ich habe immer wieder die Empfin­dung von Ruhe, von Stille, von Schlaf. Ich über­legte was wäre, wenn wir den Körper dieser alten Frau nicht unter­su­chen, nicht zerlegen würden, sondern nur sehr sorg­fältig pflegen. Wir würden dann viele Jahre, Tag für Tag und Morgen für Morgen, in den Saal kommen und sie umsorgen, damit sie uns nicht zerfällt. Wir würden sie vor dem Licht der Sonne schützen, vor Pilzen, und wir würden sie befeuchten, wir würden sie davor bewahren, zu Staub zu werden. Irgend­wann wäre sie dann jünger als wir selbst, ich meine, ihre Erschei­nung. Ich finde manchmal sehr merk­würdig, dass ich so etwas denke. – stop
mikroskop

zimmer 202

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sierra : 18.15 – Ich kann ohne Geräu­sche nicht schlafen. Ich verstehe die Leute nicht, die ein ruhiges Zimmer wollen. Ich will ja nicht sterben, ich will ja nur schlafen. Ich mag mensch­liche Geräu­sche. Lieber Press­luft­hämmer, als totale Stille. Ich kann auch zu Hause stun­den­lang auf Kurz­welle irgend­eine Fremd­sprache hören, so als Back­ground. Das ist mit auch ein Grund dafür, dass ich viel in Eisen­bahnen geschrieben habe, weil ich Geräu­sche brauche. Ich muss einen Rhythmus hören. – Peter Bichsel in der 58. Minute des Doku­men­tar­films Zimmer 202 : Peter Bichsel in Paris
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schneebrille

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alpha : 22.03 – Aus der Luft, aus dem Nichts heraus, Gedanken, von Sekun­den­räumen her, die sich unmit­telbar vor dem Zeit­punkt ihrer Wahr­neh­mung befinden. Ob es über­haupt möglich sein kann, einen Gedanken erfin­dend zu konstru­ieren? Das Wort S c h n e e b r i l l e in diesem Moment, viel­leicht deshalb, weil ich vor Stunden notierte: Winter­pen­del­fahrt auf Staten Island Ferry. stop. Oberes Deck. stop. Feste Schuhe. stop. Penn­sta­tion ab: 7.49 am. stop. Montauk an: 10.52 am. stop. Strand­spa­zier­gang. – stop
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PRÄPARIERSAAL : passagenbilder

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ginkgo : 20.55 – In der Passage von Wach­sein zu Schlaf. Als würde dort jeder Schutz verloren gehen, Nach­bilder, leblose Gesichter des Präpa­rier­saales, geschwol­lene Hände, aufge­fal­tete Leder­haut, getrock­nete Herzen, zerbro­chene Gehirne, Milch­glas­augen ohne Blick. Der Eindruck von Nicht­wirk­lich­keit, obwohl ich ahne, dass ich noch nicht träume. – stop

PRÄPARIERSAAL : heitere träume

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india : 22.03 – Gestern kam der schöne Kopf einer Freundin auf acht winzigen Füßen über den Boden meines Arbeits­zim­mers spaziert. Sie rezi­tierte in rasender Geschwin­dig­keit einen Text Djuna Barnes mit lach­gas­heller Stimme. Nichts ist noch selbst­ver­ständ­lich. Weshalb träume ich nur selten, und wenn, dann heitere Geschichten vom Zerglie­dern mensch­li­cher Körper? – Vor langer Zeit bereits notiert. stop. In der Antwort noch keinen Schritt weiter­ge­kommen. – stop
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geflogen

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sierra : 5.03 – Folgendes habe ich mir vorge­stellt in einem Abendzug gestern von einer Minute zur anderen, Vögel nämlich, die über einen sommer­li­chen Himmel rasten, einander lockende, Haken schla­gende Künstler, manche flogen weite Stre­cken auf dem Rücken dicht über den Boden hin. Das war ein Vogel­himmel wild blühender Wiesen, Bienen­ge­schosse, schwe­bende Brumm­krei­sel­pilze. Unter einem Baum kauerten ein paar Kinder, die schraubten an fauchenden Tauben­köpfen herum, eine Geschichte feinster Werk­zeuge, jawohl, eine Geschichte auch elek­trisch knis­ternder Platinen, die unter jener vorge­stellten Wiese verborgen lagen. Ich ruhte dann bald selbst auf dem funkenden Boden und meinte noch das Singen der Knochen­sägen hinter meinen Ohren zu hören. Dann auf und davon, senk­recht in Spiralen eines Unge­übten gegen die Wolken. – Heute ist Dienstag. Duke Ellington wartet. Guten Morgen!

adresse insuffisante

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tango : 3.03 – Luft­post­briefe, feine, leichte Wesen, kehren in diesen Tagen aus Japan nach Europa zurück. Sie tragen einen Stem­pelzug: Adresse insuf­fi­sante. Seltsam ist, erzählt ein Freund, der mehr­fach Briefe dieser Art in Händen gehalten hatte, dass Namen, Orte, Straßen der Empfänger, Brief für Brief mittels schräg geführter Striche gezeichnet worden sind. Es sind immer drei dieser Linien parallel zuein­ander auf das Papier über die Schrift gesetzt, als wollte man in dieser Weise zur Ansicht bringen, dass dort nichts mehr zu finden ist, keine Stadt, kein Dorf, keine Straße, kein Haus, kein Name, auch keine Hände, den Brief zu öffnen, keine Augen, den Brief zu lesen. stop – Vier Uhr fünf­zehn, Dämme­rung in Damaskus, Syrien. – stop
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herzgeschichte

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hibiskus : 0.05 – Zu einer Zeit, als meine Mutter noch für mich atmete, bewegte sich zum ersten Mal mein Herz. Bald wurd ich geboren und lernte zu schweigen, zu sitzen, zu stehen und meine Schuhe zu binden, mit Kreide auf eine Tafel zu schreiben und  zu lesen, und während ich diese feinen Dinge lernte, schlug immer­fort mein Herz. Auch am Tag, als ich sieben Jahre alt wurde, schlug mein Herz so unbe­merkt, wie an allen anderen Tagen zuvor, und ich freute mich, weil ich an diesem Tag ein Schach­spiel über­reicht bekam. Der kleine Junge, der mir dieses Schach­spiel schenkte, war nicht zu meinem Fest für Freunde gekommen, statt­dessen kam seine Mutter. Sie war blass, nein durch­sichtig, sie erzählte, ihr Sohn könne nicht kommen, weil sein Herz sehr schwach geworden sei. Kurze Zeit später starb der Junge, der beinahe mein Freund geworden wäre, an dieser Nach­richt. An jenem Abend, am Abend meines kleinen Festes aber lebte der kleine Junge noch, und ich dachte an ihn und über­legte, was die Worte ein schwa­ches Herz viel­leicht bedeu­teten. Ich lag also auf dem Bett und hatte eine Hand auf die Brust gelegt und spürte den Bewe­gungen meines Herzens nach. Mit geschlos­senen Augen, ich erin­nere mich genau, konnte ich Erschüt­te­rungen fühlen, eine selt­same Erfah­rung. Sehr lange lag ich so rück­lings auf dem Bett und dachte, dass mein Herz ein starkes Herz zu sein schien, aber als ich meine Hand zur Seite legte, war mir für einen kurzen Moment, als ob mein Herz stehen geblieben war, weil ich seine Bewe­gungen nicht länger spüren konnte. Als ich erwachte, wunderte ich mich, dass ich noch immer lebte, obwohl ich mein Herz vergessen hatte während der Nacht. Und jetzt, da ich diese kleine Geschichte notiere, denke ich, dass ich damals viel­leicht, an jenem Abend genau, damit begonnen habe, mich zu wundern. Auch heute noch, um viele Jahre älter, wundere ich mich über mein Herz, oder ich wundere mich über Stra­ßen­bahnen, dass sie exis­tieren. Ja, sehr gerne wundere ich mich über Stra­ßen­bahnen.

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herzgegend

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echo : 0.05 – Seltsam, dass Menschen, sobald sie an ihr Herz denken, seine anato­mi­sche Gegend sofort berühren wollen.

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jelena bonner

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sierra : 22.58 – Das erste elek­tri­sche Buch, das ich für ein Kindle-Lese­gerät zum Preis von 99 Cent erwerben konnte, wurde vor einer Vier­tel­stunde in weniger als zehn Sekunden von einem unbe­kannten Ort her mittels eines Wellen­fa­dens auf meinen Computer über­tragen. Franz Kafkas gesam­melte Werke, Romane, Briefe, Erzäh­lungen, Apho­rismen, 19374 Seiten­po­si­tionen, eine merk­wür­dige Erfah­rung. Das Buch ist einer­seits anwe­send, ande­rer­seits ohne Gewicht, es ist nicht sichtbar, oder nur je eine Seite, ein Blatt. – Jelena Bonner ist im Alter von 88 Jahren in Boston gestorben. – stop

PRÄPARIERSAAL : ismene

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sierra : 18.02 – Abend. Die Fenster geöffnet, es regnet, für einen Moment ist Herbst geworden. Höre ein Inter­view, das ich mit Ismene, einer Medi­zin­stu­dentin, in München führte. Sie erzählt mit ruhiger Stimme folgende Geschichte: > Wie wir ange­fangen haben? Ich erin­nere mich gut. Ich hatte kaum geschlafen. Endlich sollte es losgehen. Als ich dann im Präpa­rier­saal vor dem Tisch stand, war ich erst einmal irri­tiert vom Anblick des Leich­nams. Ich glaube, alle meine Kolle­ginnen und Kollegen waren irri­tiert gewesen, mindes­tens waren sie beein­druckt. Wenn man unsi­cher ist, schaut man nach, was die anderen tun. Und wenn die Blicke einander begegnen, lächelt man. Ich habe diese erste Situa­tion vor dem Tisch als sehr authen­tisch empfunden, als ehrlich und unmit­telbar. Wir hatten nur unsere Augen, unsere Hände, also unseren Tast­sinn, ein Skal­pell und eine Pinzette, um den Körper, der uns zur Verfü­gung gestellt war, zu unter­su­chen. Natür­lich arbei­teten wir auch mit unserem Gehör­sinn. Wir waren acht Leute an jedem der 52 Tische, und wir disku­tierten, was wir gesehen haben. An diesem ersten Tag aber waren wir eher still gewesen. Ich glaube, jeder von uns musste zunächst einmal mit sich selbst zurecht­kommen. Das waren ja sehr kräf­tige Eindrücke. Ich habe mir, um mich vor dem scharfen Geruch zu schützen, ein Tuch in die Brust­ta­sche gesteckt, das ich in Euka­lyp­tusöl getaucht hatte. Und da war nun diese alte Frau gewesen. Sie lag völlig unbe­kleidet auf dem Tisch vor uns. Ich habe gewusst, dass dieser Moment kommen würde, aber man kann sich auf den Augen­blick einer ersten Begeg­nung dieser Art nicht wirk­lich vorbe­reiten. Viel­leicht hatten wir deshalb mit hoher, zupa­ckender Geschwin­dig­keit die rote Decke und das weiße Tuch, die den Leichnam vor Austrock­nung schützen, ange­hoben, weil wir unserer Unsi­cher­heit Akti­vität entge­gen­setzen wollten. Ich war sehr bewegt und ich war unruhig und ich schämte mich für meinen sach­li­chen Blick, der das Gewicht der alten Dame schätzte und ihre Größe. Sie lag rück­lings auf dem Tisch. Ihre Beine und Arme waren ausge­streckt. Wenn sie noch am Leben gewesen wäre, würde sie vermut­lich versucht haben, sich zu schützen. Sie hätte ihre kleinen, flachen Brüste mit Händen bedeckt und ihre Scham, und sie hätte viel­leicht irgend­eine abweh­rende Geste unter­nommen. Ich sehe ihr Gesicht, ihre geschlos­senen Augen noch sehr genau vor mir. Ein feines Gesicht. Das Formalin hatte ihr kaum zuge­setzt, an ihrem Körper war keine weitere Narbe zu finden als ein Schnitt an der Innen­seite des linken Ober­schen­kels, der von einer Kanüle der Präpa­ra­toren verur­sacht worden war. Und wenn ich jetzt sage, dass sie sehr echt aussah, sehr wirk­lich, verletz­lich, dann komme ich der Ursache meiner Irri­ta­tion viel­leicht näher. Verstehen Sie, die alte Dame war mir ähnlich. Ich bemerkte eine Frau, eine Frau, die nur durch ein wenig Zeit von mir getrennt war. Ich sah eine Person und ich fürch­tete, sie in ihrer Ruhe zu stören, und deshalb sprach ich leise. Auch meine jungen Freunde am Tisch spra­chen sehr leise, zurück­hal­tend, behutsam. Ich sah, dass ihre Hände in den Latex­hand­schuhen schwitzten und auch, dass sie ein wenig zitterten, während sie arbei­teten. Die Hände der alten Dame wirkten, als hätte sie zu lange gebadet. Das waren sehr feine Hände. Sie hatte zuletzt noch ihre Finger­nägel bemalt in einem hellen Rot. Sie hatte sich noch geschmückt. Sie wollte schön sein! Immerzu musste ich ihre Hände betrachten. – stop

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mann mit stäbchen

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india : 21.02 – Ich habe einen Mann mit einer erstaun­li­chen Vorrich­tung betrachtet. Dieser Mann war ganz sicher weit über 70 Jahre alt, trug trotz großer Hitze einen schä­bigen Winter­mantel, Turn­schuhe, einen zerschrammten Ruck­sack vor der Brust, außerdem Leder­hand­schuhe, schmut­zige Teile, eine Brille mit rand­losen, runden Gläsern, und eben ein fili­granes Stäb­chen, einen Spazier­stock genauer, mit dem er über den Boden tastete. Dieser Stock nun war kein gewöhn­li­cher, viel­mehr ein höchst merk­wür­diger Stock. Er war von hellem Metall und konnte mittels kleiner, im Inneren des Stockes befes­tigter Elek­tro­mo­toren, ein und ausge­fahren werden, eine Art Tele­skop­stock, außerdem leicht und blitz­blank, so dass sich die Stadt und der Himmel über ihr in ihm spie­gelten. An der Spitze des Stockes einer­seits war ein rund­li­cher Vorsatz befes­tigt, am entge­gen­ge­setzten Ende entkamen einem Knauf zwei Kabel, die mit Hörge­räten verbunden waren, die der alte Mann in sein Ohren trug. Diese Beob­ach­tungen, die ich machte, als ich die Madison Avenue südwärts spazierte, führten zunächst zu der Vermu­tung, der alte Mann belau­sche den Boden, weil ich die Verstär­kung an der Spitze seines Stockes, zunächst für ein Mikro­phon gehalten habe. Dann aber blieb der alte Mann Höhe 42nd Straße nahe der Bord­stein­kante stehen. Er tastete im Rinn­stein, eine Hand führte den Stock, die andere bewegte sich in der Tasche seines Mantels. Indem ich eben­falls stehen­blieb und mich dem alten Mann zuwen­dete, verkürzte sich plötz­lich mittels einer geschmei­digen Bewe­gung der Stock des Mannes soweit, dass der alte Mann einen halben Dollar von seinem Ende pflü­cken konnte, ohne in die Knie gehen zu müssen. – Ende der Geschichte. Donnerstag. Es ist Abend, die Luft kühl vom Regen. Eine Fliege tastet über den Bild­schirm meiner Schreib­ma­schine, der Himmel blitzt, die Seen sind voll, das Schilf neigt sich dem Boden zu. – stop

ein auge auf dem tisch

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echo : 22.02 – Ich stelle mir vor, wie das wäre, wenn ich über ein beson­deres Auge verfügte, ein Auge nämlich, das ich meinem Kopf entnehmen und vor mich hin auf den Tisch ablegen könnte, ein lebendes Auge, ein Auge, mittels dem ich einer­seits von meinem Kopf aus fröh­lich in die Welt hinaus­schauen würde, ande­rer­seits ihm Frei­heit des Raumes gewähren, ohne dass es sofort Schaden nehmen sollte, ein Augen­wesen demzu­folge, ein Augen­tier, mit einem selbst­stän­digen Gehirn, mit einem Magen, Blut­ge­fäßen, Ohren ( ich bin mir nicht sicher ), einem Mund und einem Verdau­ungs­ap­parat, alles sehr klein und feinst gewirkt, eine Persön­lich­keit von 7.5 Gramm Gewicht, die mich gern von einem Tisch her betrachten würde, diesen Mann mit fehlendem Auge, was nicht wirk­lich der Fall ist, weil das Auge, das fehlt, eigent­lich anwe­send ist, aber nicht dort, wo man es erwartet unweit der Nase, sondern längst auf dem Tisch. Stellt sich nun die Frage, was so ein Auge zu sich nehmen wollte, wie man es füttert, was und wie viel an einem der Lebens­tage eines unab­hän­gigen Augen­ge­schöpfes getrunken werden sollte, und was in Etwa geschehen würde, wenn sich das Auge in ein weiteres Auge vernarrt? – stop

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PRÄPARIERSAAL : ein helles herz

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bamako : 2.58 – Beob­ach­tete im Präpa­rier­saal kurz vor acht Uhr morgens eine Assis­tentin, indem sie sich mittels eines Skal­pells und einer Pinzette in die Tiefe eines Lungen­flü­gels vorar­bei­tete. Feine, zupfende Hand­be­we­gungen einer Uhrma­cherin. Ein metal­lener Ton, sobald die Assis­tentin etwas Gewebe am Rand einer Schale von ihren Werk­zeugen streifte. Wortlos stand die junge Frau am Tisch, scheinbar ohne sich an meiner Gegen­wart zu stören. Nach einigen Minuten dann schob sie das Lungen­prä­parat zur Seite und wendete sich einem Herzen zu, das in unmit­tel­barer Nähe eines weiteren Lungen­flü­gels auf einem Blech schau­kelte, als sei es noch von eigener Kraft in Bewe­gung. Das war ein kräf­tiges Herz gewesen, ich erin­nere mich noch gut, über das Gewicht in meinen Händen gestaunt zu haben. Ich hatte das Präparat vom Tisch gehoben und hielt es in der Schale meiner Hände fest, um die Arbeit der Assis­tentin zu erleich­tern. Das Herz ist schwer, sagte ich. Ein mäch­tiger Muskel, antwor­tete die Frau, ja, ein mäch­tiges Herz, fest und dunkel, das Herz eines Läufers. Oder ein Künst­ler­herz viel­leicht. Schweigen jetzt. Sie trom­melte mit ihren Werk­zeugen auf den hölzernen Rand des Tisches. Meines wird wohl etwas kleiner sein, setzte ich vorsichtig hinzu, ein helles Herz, das Herz eines Vogels, sagen wir. Du kannst also fliegen, bemerkte die junge Frau und lachte, das ist eine gute Geschichte! – Wie sie für den Bruch­teil einer Sekunde ihr Gehirn mit einem Lid bedeckte.  Fin. – stop

the empress of weehawken

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echo : 20.07 – Früher einmal, sobald ich spazieren ging oder auf eine Reise, zur Arbeit, ins Theater oder sonst wohin, nie verließ ich das Haus, ohne eines meiner zerschlis­senen Unter­wegs­bü­cher mit mir zu führen. Wenn ich einmal doch kein Buch in der Hand oder Hosen­ta­sche bei mir hatte, sofort das Gefühl, unbe­kleidet oder von Leere umgeben zu sein. Als ob ich einen immer­wäh­renden Ausweg in meiner Nähe wissen wollte, ein Zimmer von Wörtern, in das ich mich jeder­zeit, manchmal nur für Minuten, zurück­ziehen konnte. Da waren also Bücher von Malcolm Lowry, Kenzaburo Oe, Truman Capote, Frie­de­rike Mayrö­cker, Walter Benjamin, Janet Frame, Georg C. Lich­ten­berg, Hein­rich von Kleist, Monika Maron, Alex­ander Kluge, Boho­umil Hrabal, Johann Peter Hebel, Patricia Highsmith, Elias Canetti, Peter Weiss, Hans Magnus Enzens­berger. Irgend­wann, weiß der Teufel warum, hörte ich auf damit. Seither trage ich meine Stra­ßen­bü­cher nicht mehr in der Hand, ich trage meine Stra­ßen­bü­cher auf dem Rücken. Gestern ist ein weiteres hinzu­ge­kommen, eines von Irene Dische. Das Buch ist 257 Gramm schwer am Morgen, o,5 Gramm leichter als am Abend. Seltsam. Ich habe keine Erklä­rung für dieses Verhalten. – stop

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