manhattan transfer

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fox­trott

~ : oe som
to : louis
sub­ject : DOS PASSOS
date : july 31 11 5.15 p.m.

Anstren­gende Tage liegen hin­ter uns, Regen, stür­mis­che Winde, schw­er­er See­gang, Pelikane kreisen hoch über dem Schiff. Vor zwei Tagen zulet­zt schick­ten wir Dos Pas­sos’ Roman Man­hat­tan Trans­fer zu Noe hin abwärts. Ein schw­eres Buch, das in vier­hun­dert Fuß Tiefe von ein­er war­men südlichen Strö­mung abgetrieben wurde, bald darauf in ein­er Pen­del­be­we­gung der­art heftig nord­wärts gezo­gen wurde, dass wir fürchteten, Noe kön­nte von dem Gewicht des Romans getrof­fen oder das Buch von der Sen­kleine in uner­gründliche Tiefen fort­geris­sen wer­den. Drei Stun­den später hielt Noe John Dos Pas­sos in Hän­den. Unser Tauch­er bemerk­te sogle­ich, dass es sich bei diesem weit­eren Unter­wasser­buch um ein beson­deres Werk han­deln musste, eine umfan­gre­iche Satzver­samm­lung, von innen her, Seite für Seite, Zeichen für Zeichen aprikosen­far­ben san­ft beleuchtet. In der sel­ben Minute, da Noe das Buch öffnete, begann er laut zu lesen. Er las drei Stun­den, dann schlief er kurz ein, um noch im Halb­schlaf befind­lich seine Lek­türe fortzuset­zen: Die Sonne ist nach Jer­sey gerückt, die Sonne ste­ht hin­ter Hobo­ken. Hüllen schnap­pen über Schreib­maschi­nen, Rol­l­laden­schreibtis­che schließen sich. Aufzüge fahren leer in die Höhe, kom­men voll­gepfropft herunter. Es ist Ebbe in der City, Flut in Flat­bush, Wood­lawn, Dyck­man Street, Sheepshead Bay, News Lots Avenue, Canar­sie. Rosa Zeitun­gen, grüne Zeitun­gen, graue Zeitun­gen. Sämtliche Börsenkurse. Sportre­sul­tate. Let­tern wirbeln über laden­müde, büromüde schlaffe Gesichter, wunde Fin­ger­spitzen, schmerzende Fußriste, muskulöse Män­ner, Gedränge im U-Bahn-Express. — Kurz vor Son­nenun­ter­gang. Das Meer sucht nach uns mit Zun­gen von Gis­cht. Ein riesiger Schwarm Makre­len nähert sich von Nor­den her, unge­heure Bewe­gung, wie eine riesige Hand fährt sie auf dem Radarschirm langsam die Küste ent­lang. Noe wün­scht eine Fotografie John Dos Pas­sos’ zu sehen. So etwas hat’s noch nie gegeben. — Ahoi! Dein OE

gesendet am
31.07.2011
1962 zeichen

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syrischer traum

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tan­go : 6.15 — Ich hat­te einen beun­ruhi­gen­den Traum. In diesem Traum wurde mit Panz­ern auf protestierende Men­schen geschossen. Pro­jek­tile, groß wie Kof­fer, flo­gen durch die Luft. Wenn sie einen Men­schen trafen, rotierten Kör­perteile gegen den Him­mel. Über­haupt bewegte sich die Welt in diesem Traum sehr langsam, die Blät­ter der Bäume, Kinder, die unter Pla­ta­nen Him­mel und Hölle spiel­ten, auch jene fliegen­den Eisenkof­fer und das Feuer, das aus den Geschützrohren der Panz­er trat, alles zur Zeitlupe verzögert. Ein­mal saß ich auf ein­er Bank. Ich hielt den Kopf eines Jun­gen in Hän­den. Durch ein furchter­re­gen­des Loch in der linken Wange des Kindes spähte ich in das tobende Gesicht eines Offiziers. Das alles war mir, noch im Traum befind­lich, sehr merk­würdig vorgekom­men, weil die sin­gende Stimme eines Kindes in näch­ster Nähe zu vernehmen gewe­sen war. — stop

ping

PRÄPARIERSAAL : kreide

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delta : 22.56 — Gewit­ter­him­mel. Abend. Moskitofis­che segeln von Zim­mer zu Zim­mer. Seit zwei Stun­den Julian, seine tiefe Ton­band­stimme. Selt­sam ist, dass ich mich an Julians Gesicht nicht erin­nern kann. Zeit und Ort der Ton­ban­dauf­nahme, ein kleines Café in Schwabing zu München, sind hinge­gen sofort erre­ich­bar. Sam­stag. Win­ter. Sobald sich die Tür des Cafés öffnete, wehte Schneewind here­in. > Wir haben zunächst das Prä­parat auf dem Tisch herumge­dreht. Aber das sagt sich so leicht. Man kann das Prä­parat nicht alleine herum­drehen. Das Prä­parat ist zu schw­er, um von ein­er Per­son auf einem schmalen Tisch herumge­dreht wer­den zu kön­nen. Wir haben das Prä­parat gemein­sam bewegt. Ein inten­siv­er Moment. Wir schwitzen. Wir hal­ten den Atem an. Das Prä­parat ist feucht. Eine Hand hält den feucht­en Kopf des Prä­parates, eine weit­ere Hand einen feucht­en Arm, Hände hal­ten feuchte, küh­le Schenkel, einen feucht­en, kühlen Rück­en, einen feucht­en, kühlen Nack­en. Wir haben noch nicht an Tiefe gewon­nen, wir haben noch keinen Schnitt geset­zt. Wir sind noch am Anfang. Wir sind noch am ersten Tag. Wir haben noch nicht darüber geschlafen. Ich sehe, wie ich ein Stück Krei­de in die Hand nehme. Ich nehme dieses Stück Krei­de in die rechte Hand. Mit der linken Hand taste ich über den Rück­en meines Prä­parates. Ich ertaste Untiefen, Knochen, feste Struk­turen, die meinen Fin­gern Ori­en­tierung bieten. Sobald ich mit der linken Hand eine Untiefe, einen Knochen­punkt ertastet habe, ziehe ich mit der recht­en Hand einen Kreis. Wenn ich mit der Krei­de den Kör­p­er berühre, gibt der Kör­p­er nach. Mein Fin­ger ist ein Werkzeug des Tas­tens, die Krei­de ein Werkzeug des Beschreibens. Ich zeichne dem Prä­parat die Form eines Herzens auf die Brust. Ich zeichne einen Magen auf den Bauch. Ich zeichne in die Tiefe eine Niere links, eine Niere rechts. Ich habe die Ver­mu­tung eines Herzens, ich habe die Ver­mu­tung eines Magens, ich habe die Ver­mu­tung ein­er Niere da und ein­er Niere dort. Das Prä­parat ist ohne Geräusch. Es ist merk­würdig, alles scheint schon sehr lange her zu sein, und doch habe ich den Ein­druck, dass kaum Zeit ver­gan­gen ist. Das Prä­parat auf dem Tisch, dieser Men­sch, ist fast ver­schwun­den. — stop

elst-pizarro

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delta : 0.03 — Vor weni­gen Tagen die Exis­tenz des erd­na­hen Kome­ten Elst-Pizarro bemerkt, eines reisenden Kör­pers, der bere­its im Jahre 1997 ent­deckt wor­den ist. Vielle­icht kön­nte es sin­nvoll sein, von diesem Vor­gang als ein­er ein­seit­ig wirk­samen Kol­li­sion zu sprechen, weil ich mich mit der Sekunde der ersten Wahrnehmung ver­formte, durch meine Begeis­terung ein­er­seits, ander­er­seits durch eine Ver­samm­lung von Fra­gen, die nun an mir zer­ren, als ver­fügten sie über eine physikalisch mess­bare Grav­i­ta­tion. – stop
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PRÄPARIERSAAL : zeppelin

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echo : 2.16 — Wall­street gestern Abend auf Fernse­hbild­schirm. Hin­ter einem Reporter, der vom abwärts streben­den Ver­hal­ten der Kurse erzählte, warteten japanis­che Men­schen. Sie wink­ten fröh­lich in die Kam­era, grüßten, fächel­ten sich Luft zu mit fleis­ch­far­be­nen Zeitungspa­pieren. Es schien warm zu sein in New York, schwül. Wäre ich jet­zt dort, dachte ich, würde ich süd­wärts laufen zur nahegele­ge­nen Hafen­sta­tion, würde mich auf das obere Deck eines der alten Fährschiffe begeben, würde bald im küh­len­den Fahrtwind sitzen, ein Coke in der linken, eine Teigtasche mit Hum­mer­fleisch in der recht­en Hand, das Ton­bandgerät in der Tasche und Mels Stimme im Kopfhörerohr, wie sie erzählt von anatomis­ch­er Zeit. — 2 Uhr und zwanzig Minuten. Regen. Blitze. Don­ner. Ger­ade eben hörte ich mich selb­st, meine eigene Stimme. Ich for­mulierte vor­sichtig eine Frage, wollte wis­sen, ob Mel sich im anatomis­chen Saal gefürchtet habe? Nein, antwortete Mel ohne zu zögern, sie habe sich nicht eine Sekunde lang vor den Toten gefürchtet. > Ich hat­te in diesen 6 Wochen keine Zeit, Angst zu haben. Ich habe mich auf meine Auf­gabe konzen­tri­ert. Ich habe mich vor Tes­tat­en ein wenig gefürchtet, und ganz am Anfang vielle­icht davor ein­mal rasch umz­u­fall­en. Nur deshalb hat­te ich wirk­lich Angst, umz­u­fall­en, das heißt nicht arbeit­en zu kön­nen, aber davon erzählte ich bere­its. Wenn ich mir das jet­zt genau über­lege, dann kann ich mich nicht erin­nern, dass im Prä­pari­er­saal über­haupt irgend jemand umge­fall­en ist. Vielle­icht musste man mal aus dem Saal gehen und sich set­zen, weil man die Nacht zuvor nur kurz geschlafen hat­te und deshalb müde war und weil die Augen bran­nten vom Formalde­hyd in der Luft. Aber umge­fall­en, ich meine, ohn­mächtig gewor­den, davon habe ich per­sön­lich nichts mit­bekom­men. Ich habe manch­mal den Ein­druck, dass ich das alles nur geträumt habe. Auch in der Zeit, als ich noch prä­pari­erte, hat­te ich hin und wieder den Ein­druck, dass dieser Saal nicht wirk­lich war. Ich kon­nte meine Ein­drücke nicht mit der Straße, über die ich nach Hause spazierte oder mit den Gesprächen der Men­schen, die ich in der U-Bahn gehört habe, in Verbindung brin­gen. Ich hat­te den Ein­druck, dass der Saal, dass die ganze Sit­u­a­tion irgend­wie frei schwebte, also ganz für sich war, isoliert. Und so reiste ich also hin und her, von da nach dort und wieder zurück, aber das war nicht schw­er gewe­sen, so hin und her zu sprin­gen. Ich habe von dem ein oder anderen mein­er Fre­unde gehört, dass sie Alp­träume gehabt hät­ten. Ich selb­st habe aber nie geträumt. Ich kann mich jeden­falls nicht daran erin­nern, geträumt zu haben. Ich glaube, ich war in irgen­dein­er Weise geschützt. Ich kann nicht genau sagen, was mich geschützt hat, vielle­icht war es die Dichte der Auf­gaben, die mir gestellt waren. Ich hat­te keine Zeit, lange über diese merk­würdi­ge Sit­u­a­tion nachzu­denken. Ich meine, ich habe nicht lange darüber nachgedacht, dass ich, Mel, hier den Kör­p­er ein­er alten Frau so lange zer­lege und betra­chte, dass er fast ver­schwun­den sein wird, wenn ich fer­tig sein werde. Ja, — es war sehr viel zu tun. Das hat es leichter gemacht.
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leben

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kil­i­mand­scharo : 6.45 — Ich lebe sehr gern. Und manch­mal kommt einem vor, dass das ganze Leben, das man hin­ter sich hat, eigentlich kein Jam­mer­tal war. Obwohl es natür­lich schlimme Punk­te gegeben hat. Aber im Großen gese­hen ist die Welt für mich eigentlich immer schön gewe­sen. Und ich hab immer gern gelebt und ich leb jet­zt auch noch sehr gern. Es hat sich die Form im Laufe der Jahrzehnte total verän­dert. Aber das Rasen und Rotieren im Kopf, das ist gle­ich geblieben. / Auf der einen Seite bin ich also lebenssüchtig kann man fast sagen, und auf der anderen Seite bin ich ein großer Melan­cho­lik­er, von mein­er Mut­ter. Aber das geht gut zusam­men. / Mit dem Schreiben kämpfe ich eigentlich gegen den Tod. Ich has­se ja den Tod. Und ich möchte alles machen nur damit ich da nicht bald hine­in­falle in diese Grube, in diese schreck­liche. — Friederike Mayröck­er in einem Film­por­trait von Lat­ja Gasser
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ameisengesellschaft ln — 768

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MELDUNG. Ameisen­ge­sellschaft LN — 769 [ lasius niger ] : Posi­tion 48°21’N 07°01’O : Fol­gende Objek­te wur­den von 20.00 — 21.00 Uhr MESZ über das südöstliche Wen­del­por­tal ins Waren­haus einge­führt : zwei trock­ene Fliegen­tor­si mit­tlerer Größe [ je ohne Kopf ], sechzehn Baum­stämme [ à 7 Gramm ], fün­fzehn Rau­pen in Grün, achtzehn Rau­pen in Orange, ein Insek­ten­flügel [ ver­mut­lich der eines Zitro­nen­fal­ters ], zwei Stre­ich­holzköpfe [ à 2 Gramm ], acht Fliegen der Gat­tung Cal­liphori­dae in vollem Saft, son­nengetrock­nete Rosen­blät­ter [ ca. 50 Gramm ], fünf Sch­neck­en­häuser [ je ohne Sch­necke ], sieben gelähmte Sch­neck­en [ je ohne Haus ], 157 Ameisen anliegen­der Staat­en [ betäubt oder tranchiert ], sechs Rüs­selkäfer [ blautürkise ], die Aaskugel eines Pil­len­drehers, wenig später der Pil­len­dreher selb­st, eine Wild­bi­ene, ein Autor­eifen [ Maserati Mis­tral ] 8 Gramm. — stop

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eine nase

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nord­pol : 22.20 — Auf einem anatomis­chen Beobach­tungskärtchen, das mit der Num­mer 572 verse­hen ist, fol­gende Notiz: Selb­stver­ständlich besitze ich eine Nase. Ich habe mich über diesen Satz, den ich hand­schriftlich mit Bleis­tift notierte, gewun­dert, weil ich mich nicht erin­nern kon­nte, in welchem Moment mir dieser Satz wichtig gewe­sen zu sein schien. Vielle­icht, denke ich in dieser Minute, wollte ich mich daran erin­nern, bei Gele­gen­heit ein­mal über die Bedeu­tung des Wortes Besitz im Zusam­men­hang des eige­nen Kör­pers nachzu­denken. — stop
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PRÄPARIERSAAL — so haben wir angefangen

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delta : 22.20 — Sobald ich mein Ton­bandgerät betra­chte, wenn ich beobachte, wie sich zier­liche Räd­chen hin­ter ein­er Scheibe bewe­gen, Lust, die kleine Mas­chine auseinan­derzunehmen, alles zu betra­cht­en und dann wieder zusam­men­zuset­zen, auch wenn vielle­icht Jahre verge­hen, bis die Zusam­men­hänge der Mas­chine wieder fehler­los hergestellt sein wer­den. An diesem Abend, da im Hin­ter­grund eine weit­ere, eine dig­i­tale Ton­band­mas­chine Joshua Red­man wieder­holt, ist alles noch in Ord­nung, unberührt, sagen wir. Tom erzählt: > Man geht also vor­sichtig los, man kommt durch eine Klapp­tür in den Saal und sieht sofort, dass da sehr viele Men­schen sind. Ich hat­te zunächst ein paar Prob­leme damit, die Knöpfe meines Kit­tels in die Fin­ger zu bekom­men, weil ich einen Atlas unter den Arm gek­lemmt hat­te und ein Paar Latex­hand­schuhe in der einen Hand und in der anderen meinen Werkzeugkas­ten, eine hölz­erne Schachtel mit Pinzetten und Skalpellen. Ich habe mir gedacht, du musst jet­zt nicht beson­ders sou­verän sein, mein Junge, son­dern zunächst ein­mal deinen Tisch find­en und deine Leute und dann wirst Du ganz ein­fach anfan­gen. Also bin ich gle­ich nach links gelaufen, weil ich wusste, dass ich in ein­er Abteilung arbeit­en werde, die links liegt, wenn man das von der Tür aus betra­chtet. Aber dann hat­ten wir natür­lich keine Ahnung, wie wir anfan­gen soll­ten. Wir standen um einen Tisch herum und haben zunächst ein­mal abge­wartet. Wir waren acht Leute. Weil wir uns noch nicht alle kan­nten, haben wir uns erst ein­mal vorgestellt. Vielle­icht bekomm ich sie grad schnell zusam­men. Da war, zum Beispiel, Mika, eine Nor­wegerin, und Michael, der mir am Tisch gle­ich gegenüber arbeit­ete, und Susan, die sich ein Tuch um ihren Kopf gebun­den hat­te, damit das Haar ihr nicht ins Gesicht fall­en kon­nte. Und da waren Zue natür­lich, eine Afrikaner­in von der Elfen­beinküste, die uns nicht immer ver­ste­hen kon­nte, weil sie die englis­che und franzö­sis­che Sprache bess­er sprechen kon­nte als die deutsche Sprache, und Ismene, eine Griechin, die uns sofort erzählt hat­te, dass sie Chirur­gin wer­den wolle. Ich erin­nere mich, Ihre Augen waren stark gerötet, vielle­icht weil ein schar­fer Geruch in der Luft hing, irgen­det­was, das die Augen reizte. Ich kon­nte diesen Geruch bere­its auf der Strasse wahrnehmen, und später, am Abend, zu Hause, hat­te ich ihn an den Hän­den. Kurzum, wir haben dann also gewartet. Ich kann nicht genau sagen, wie lange wir so gewartet haben. Das war eine selt­same Sit­u­a­tion. Wir haben uns immer wieder angelächelt. Ich glaube, wir waren alle sehr ver­legen und standen zu diesem Zeit­punkt unter ein­er großen Span­nung. Der Tisch hat­te die Num­mer 4/12. Eine rote Plane war über diesen Tisch aus­ge­bre­it­et und wir kon­nten eine Kon­tur erken­nen, eine Erhe­bung. Wir wussten, dass da ein Kör­p­er lag und dass dieser Kör­p­er eher klein sein musste, zier­lich, sagen wir. Ich hat­te die Vorstel­lung, dass dort unter der Decke eine Frau liegen kön­nte. Und ich erin­nere mich, dass ich in diesem Moment über­legte, ob das Geschlecht des Kör­pers, den ich in den kom­menden Wochen auseinan­der nehmen würde, eine Bedeu­tung für mich haben würde oder nicht. Und dann ging alles sehr schnell. Unser Coas­sis­tent kam zu uns an den Tisch und erkundigte sich, ob alles ok sei. Er hat­te die Arme vor der Brust ver­schränkt und schaute jeden einzel­nen von uns an und lachte sehr fre­undlich. Wir haben dann damit begonnen, das rote Tuch vom Tisch zu nehmen. So haben wir ange­fan­gen.
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PRÄPARIERSAAL : skalpell

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romeo : 3.05 — Ich habe das Fauchen eines Schwans gehört. Zunächst war ich mir nicht sich­er gewe­sen, ob ich mich nicht vielle­icht geir­rt haben kön­nte, ein Nachgeräusch, dachte ich, ein Schat­ten in den Ohren, wie in den Augen Nach­bilder entste­hen, weil ich am Abend wirk­lichen, fauchen­den Schwä­nen im Pal­men­garten begeg­net war. Also spulte ich das Band zurück und hörte noch ein­mal genauer hin, und da war das luftige Geräusch tat­säch­lich wieder zu hören gewe­sen in ein­er Atem­pause Emilys, deren Stimme ich im Nymphen­burg­er Schloss­park aufgeze­ich­net hat­te. Sie wollte Spazierenge­hen. Sie hat­te gesagt, sie könne sich bess­er konzen­tri­eren in Bewe­gung, vor allem bess­er schweigen, nach­denken im Gehen. Win­terzeit, Schnee lag hoch bis zu den Knien und die Schwäne faucht­en hun­grig. Emi­ly nun, so wie sie gesprochen hat­te, ohne Pausen an dieser Stelle, weil ich ihr Schweigen in den Zeichen ent­fer­nte: > Bevor ich erzäh­le, wie ich die Öff­nung des Kör­pers erlebt habe, möchte ich erwäh­nen, dass dieser erste Tag und auch der zweite Tag für mich nur schw­er zu ertra­gen gewe­sen sind. Ich war beein­druckt von der großen Zahl der Tis­che, die in den Apsi­den standen. Ganz ehrlich, ich war eingeschüchtert. Ich fühlte mich unsich­er und unbe­deu­tend und ich glaube, viele andere haben sich selb­st auch so wahrgenom­men. Man will das natür­lich nicht zeigen. Man wün­scht sich, sou­verän zu sein. Aber ich musste mich über­winden, den Kör­p­er über­haupt nur zu berühren. Da war ein Wider­stand in mir, dem ich bis heute noch nach­spüren kann Ich habe mehrere Ver­suche unter­nom­men und hat­te plöt­zlich große Angst, dass ich das über­haupt niemals kön­nte. Aber meine Fre­unde am Tisch waren sehr ver­ständ­nisvoll. Sie haben mich nicht gedrängt und auch unser Tis­chas­sis­tent nicht. Er sagte, dass das ganz nor­mal sei und dass ich mich beruhi­gen solle und ganz ruhig atmen. Ich hat­te eine irgend­wie verz­er­rte Wahrnehmung, alles war so laut um mich herum und ich bekam schlecht Luft. Ich bin dann erst ein­mal aus dem Saal geflüchtet. Eine Fre­undin hat mich begleit­et und wir sind auf dem Flur hin- und herge­laufen. Und dann wollte sie zurück und ich fol­gte. Ich erin­nere mich an den grü­nen Kit­tel unseres Assis­ten­ten. Er beugte sich ger­ade über den Kör­p­er des Toten und zog das Skalpell vom Kinn in Rich­tung des Nabels. Ich wun­derte mich, dass man gar nichts hören kon­nte. Ver­ste­hen Sie, ich kann mir heute noch nicht erk­lären, warum ich ein Geräusch erwartet habe. Man kon­nte auch keine Spuren eines Schnittes erken­nen. Dann ist etwas Merk­würdi­ges mit mir geschehen. Ich habe meine Posi­tion am Tisch wieder ein­genom­men, das heißt, ich habe mich wieder zu mein­er Gruppe gestellt. Ich habe meine Hand­schuhe ange­zo­gen, mein Skalpell aus­gepackt und meine Pinzette und dann habe ich ange­fan­gen zu arbeit­en. Ich will das so sagen, ich habe den Kör­p­er auf dem Tisch zunächst mit dem Skalpell berührt und dann mit meinen Hän­den. Ich war sehr glück­lich gewe­sen, dass ich mich über­winden kon­nte. Immer wieder ist aber das Gefühl ein­er gewis­sen Unwirk­lichkeit zurück­gekehrt, der Ein­druck an diesem Ort deplaziert zu sein, fremd oder so etwas. Sobald ich dann etwas getan habe, wenn ich gear­beit­et habe, wenn ich also prä­pari­ert habe, ging das gut mit mir. Ich glaube, ich war eine von jenen, die stets tief über das Prä­parat gebeugt waren, ich bin sehr schnell in den Saal zum Tisch gelaufen, und wenn ich fer­tig war, habe ich den Saal so rasch wie möglich wieder ver­lassen.

manhattan

picping

MELDUNG. Man­hat­tan, Lex­ing­ton Avenue 822, 28. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 857 [ Mar­mor, Car­rara : 8.06 Gramm ] vol­len­det. — stop
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tiefenschatten

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char­lie

~ : oe som
to : louis
sub­ject : SCHATTEN
date : aug 18 11 5.12 p.m.

Seit zwei Tagen bere­its keine Nachricht aus der Tiefe. Wir hören Noe’s Atem, wir verze­ich­nen das Gewicht seines Taucher­anzuges an der Winde des Schiffes. Noe ist noch bei uns, aber kein Wort zu hören von Noe. Wed­er antwortet er auf Fra­gen, noch fol­gt er unserem Wun­sch, er möge doch weit­er lesen in Tony Morrison’s Roman Jazz. Wir hat­ten das Buch am ver­gan­genen Mon­tag zu ihm in die Tiefe geschickt. Noe las noch an dem sel­ben Abend drei Stun­den, dann war er eingeschlafen. Sei­ther schweigt Noe, weshalb Miller sich vor Stun­den­zeit zur Inspek­tion auf den Weg nach unten begab. 2 Fuß in der Minute, schneller geht das nicht, schneller würde Miller das Leben kosten, wir müssen uns gedulden. Fünf Stun­den noch, dann wird Miller Noe erre­ichen, eine span­nende Sit­u­a­tion, vielle­icht wird auch Miller dann schweigen, das ist denkbar, eine beun­ruhi­gende Vorstel­lung wie unsere bei­den Tief­seemän­ner schweigend in der Düster­n­is schweben, wie sie sich vielle­icht unter­hal­ten wer­den in der Zeichen­sprache der Tauch­er. — Habe ich Dir, lieber Louis, berichtet, dass es schneite vor weni­gen Tagen? Noch nie habe ich Schnee auf offen­er See beobachtet. Seemöwen jagen dicht über die Wasser­ober­fläche hin. Es sieht so aus, als wür­den sie Flock­en fan­gen, mächtige Tiere, gelbe Schnä­bel, hell­braune Flügel. Sie wirken in etwa verklei­det, Möwen­vögel, die sich in Kostü­men junger Habichte bewe­gen, ihre schrillen Rufe, ein weit­eres Dutzend sitzt auf unserem Funk­turm, Eiszapfen haben sich gebildet, Wolken kom­men näher, berühren das Wass­er. Miller ist in diesem Moment auf fünfhun­dert Fuß Tiefe angekom­men. Unter ihm, meldet Miller, sei in der Dunkel­heit Noe zu erken­nen, das Licht sein­er Lam­p­en. Ein gewaltiger Kör­per­schat­ten soll vor ihm zu sehen sein. Ich melde mich bald wieder. Dein OE

gesendet am
18.08.2011
1796 zeichen

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time

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hibiskus : 22.25 — Wenn ich mich sehr langsam bewege, so langsam, sagen wir, wie möglich bewege, ohne umz­u­fall­en oder einzuschlafen, meine ich, ein­er Per­son nach­spüren zu kön­nen, deren Leben auf 2800 Jahre Zeit aus­gedehnt wor­den ist. Drei Pulse pro Minute an einem Tag von 840 Stun­den Dauer. Ich hörte die Wet­ter­frage ( Regen? ) eines Fre­un­des, der sich in jen­er anderen, in jen­er für Men­schen üblichen Lebens­geschwindigkeit befind­et. Ich antwortete 5 weit­ere Minuten später in einem kaum noch wahrnehm­baren Geräusch. Wie nur unbeschadet eine Straße über­queren? — stop

kandinskyraupe

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ulysses : 2.08 — Nach heftigem Gewit­ter­re­gen habe ich einen Kandin­sky ent­deckt im Park, eine nasse Raupe von so wun­der­bar­er Zeich­nung, dass ich sie in eine Stre­ich­holzschachtel set­zte und mit nach Hause genom­men habe. Sie lungert jet­zt auf meinem Schreibtisch herum. Der Ein­druck, dass sie nicht sehr begeis­tert ist, sobald ich mich mit einem Fin­ger oder meinen Augen nähere, vielle­icht wegen meines Anblicks oder weil es eigentlich dunkel sein müsste um diese Zeit, da doch Nacht gewor­den ist. Dro­hende Hal­tung, das heißt, gesenk­ter Kopf, Füh­ler der­art zu mir hin aus­gerichtet, als wären sie Hörn­er eines Stieres. Ihrem Rück­en entkom­men vier Quas­ten von gel­ber Farbe senkrecht ein­er led­er­nen Haut, die dunkel ist und zart lin­iert, wie die Hand­flächen eines Berggo­ril­las. Zarteste Fed­ern, sie blühen feuer­far­ben an den Flanken des Tieres, aber grüne, sehr kurze Beine, acht links, acht rechts. Manch­mal fällt die Kandin­skyraupe um. Sie liegt dann recht flach auf der Seite zur Sch­necken­ze­ich­nung gewor­den. Ob ich sie mit etwas Banane an mich gewöh­nen kön­nte? Oder mit Cole Porter vielle­icht? Zwei Stun­den Cole Porter, das sollte genü­gen. – stop
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tripolis : rixos

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echo : 22.28 — Beobachtete die Ent­fal­tung eines Twit­ter-Text­turmes, auf den ich gestoßen war, weil ich Mel­dun­gen des CNN — Reporters Matthew Chance fol­gte, der aus einem zen­tral gele­ge­nen Hotel zu Tripo­lis berichtete: On bright side, am with excel­lent group of jour­nal­ists at #Rixos. We are feel­ing our way around cor­ri­dors with can­dles. No pow­er. — Eine merk­würdi­ge Ver­samm­lung. Augen­zeu­gen­bericht, Speku­la­tion, Desin­for­ma­tion, Furcht, Erfind­ung, Appell fließen ineinan­der. Ich hat­te den Wun­sch, diese eige­nar­tige Lin­ie festzuhal­ten, um sie in eini­gen Tagen noch ein­mal unverän­dert besichti­gen zu kön­nen: > twit­ter tag : rixos 22.08.11 pdf
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von elefanten und ohren

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tan­go : 20.18 — Ich besuchte im Traum ein Ele­fan­ten­haus. Kein gewöhn­lich­es Ele­fan­ten­haus, vielmehr einen Ort, den eige­nar­tige Ele­fan­ten bewohn­ten. Das waren näm­lich Ele­fan­ten ohne jede Falte, sie waren so vornehm gestal­tet, als wären sie von Glas geblasen, helle Augen, die sich flink bewegten, peitschende kleine, fal­tenlose Schwänze, laut­los schwin­gende fal­tenlose Rüs­sel, riesige haar­lose Kör­p­er, grau, braun, rosa. Ich saß auf ein­er Bank in ihrer Nähe. Vögel stürmten unter dem Kup­pel­dach hin und her. Sobald sie ver­sucht­en sich auf dem Rück­en eines der Ele­fan­ten­tiere niederzu­lassen, rutscht­en sie ab und lan­de­ten auf dem Boden. Ein weit­er­er Vogel saß auf mein­er Schul­ter. Der Vogel war mit einem mein­er Ohren beschäftigt, hack­te kleinere Por­tio­nen aus der Muschel, knur­rte zufrieden vor sich hin. Sobald das Ohr, um das sich der kleine Vogel bemühte, ver­schwun­den war, holte ich aus mein­er Hosen­tasche ein neues Ohr, befes­tigte das Ohr an meinem Kopf, und schon fraß der kleine Vogel weit­er vor sich hin. Ein­mal kostete ich heim­lich von einem der Ohren, die sich in mein­er Hosen­tasche befan­den. Schmerzen hat­te ich keine.

south sandwich island

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MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 172 frierende Rüs­sel­rosen, nahe South Sand­wich Islands gesichtet. Man wan­dert in nord­west­lich­er Rich­tung. — stop
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katzenbojen

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echo : 22.58 — Stadt der Wasser­men­schen. Abend. Som­mer. Vor dem zen­tralen Bahn­hof ste­hen tausende Bürg­er plaud­ernd, rauchend, scherzend bis zu den Hälsen in den Fluten. Wass­er, beständig, auch in Kaf­fee­häusern, Woh­nun­gen, Büro­ge­bäu­den. Die Kör­p­er der Men­schen sind leichter gewor­den, sind Kör­p­er, die sich streck­en. Und schwim­mende Tauben. Und Katzen­bo­jen, lauernd. — Ob es vielle­icht ein­mal sin­nvoll sein kön­nte, Men­schen der­art zu impfen, dass sich ihre Haut unverzüglich in die Haut der Regen­bo­gen­forellen ver­wan­delte? — stop
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PRÄPARIERSAAL : nachtarbeit

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tan­go : 23.15 — Im Regen mit Ton­bandgerät unterm Schirm am See. Sam­stag. Augustkas­tanien fall­en aus den Bäu­men. Auf den Häuptern der Rot­wan­gen­schild­kröten, die sich zu meinen Füßen arg­los ver­sam­meln, als lauscht­en sie wie ich Mag­netkopf­s­tim­men, feuchte Häubchen von Ahorn­samen. Kaum ein Men­sch unter­wegs. Ich dachte für einen Moment, weiß nicht wie das gekom­men ist, dass ich an diesem Ort ohne Zeu­gen sofort den Ver­such unternehmen kön­nte, eine der Schild­kröten an ihrem Hals zu pack­en, sie aus dem Wass­er zu heben, um sie zu Hause in der Küche mit einem Meißel aufzu­machen. Auf Porzel­lan gebet­tet kurz darauf ein Rep­tilien­häufchen, rosa­far­ben, fein­ste Streifen Schild­kröten­bauch­es, dessen eigentliche Gestalt ich mir hin­ter Panz­er­häuten liegend zur Zeit nicht vorstellen kann. — 22 Uhr 58. Janine erzählt: > Ich kann mich noch gut daran erin­nern, dass ich nachts aufwachte und den haar­losen Kopf meines Fre­un­des vor mir gese­hen habe. Ich erschrak fürchter­lich. Ich saß ein paar Minuten senkrecht im Bett, dann bin ich aufge­s­tanden. Wir haben eine sehr schöne Küche. Ich habe von Zeit zu Zeit in der Küche kampiert. Ich habe dort gel­ernt und manch­mal bin ich mit dem Kopf auf dem Anatomieat­las eingeschlafen. Merk­würdig, über wie viel Kraft ich doch ver­füge. Ich war beim Tanzen, zweimal wan­dern in den Bergen, ich habe gepaukt und ich habe mit dem Skalpell gear­beit­et. Ich habe vor­mit­tags und mit­tags und Abend für Abend in der Bib­lio­thek gele­sen. Und wenn ich nachts in der Küche eingeschlafen bin, dann waren da plöt­zlich sehr scharfe Bilder in meinem Kopf. Auf­blitzende Fotografien, die über­fal­lar­tig Angst erzeugten. Der geöffnete Mund eines Toten. Sandi­ge Zun­gen. Ein hoch aufra­gen­der, dunkel­rot­er Penis. Das zerteilte und gehäutete Gesicht ein­er alten Frau. Das war nicht geträumt, ich habe diese Bilder bei vollem Bewusst­sein vor mir gese­hen. Jet­zt kom­men sie mich sel­tener besuchen.

tiefschlafende menschen

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delta : 20.16 – Manch­mal, in Zeit­en höch­ster Not, sprechen Men­schen, die wach sind, stel­lvertre­tend für jene Men­schen, die schlafen, zu Gott. Vor eini­gen Jahren ein­mal habe ich Sätze fle­hen­der Gespräche im Bit­tbuch ein­er neu­rol­o­gis­chen Klinik ent­deckt. Ich kni­ete damals, ich war selb­st verzweifelt, und las in der Hoff­nung, im Lesen vielle­icht schon eine leise Verbindung aufnehmen zu kön­nen, indem ich Gedanken der Men­schen nach­fühlte, die an der sel­ben Stelle gekni­et hat­ten wie ich. Mar­i­anne schrieb am 22. Feb­ru­ar 2004: Lieber Gott, bitte hilf mir, dass ich wieder aufwachen kann. Deine Brit­ta. Und Peter nur wenige Tage später: Gestern hat Mar­cel­la meine Hand gedrückt. Ich danke Dir, lieber Gott. Lass sie zu uns zurück­kom­men, lass sie wieder wach­w­er­den. Heute ist unsere Anna Marie 1 Jahr alt gewor­den. Seit Anna Marie lebt, schläft die Mama. Es ist genug.

ping

bonsaimenschen

picping

MELDUNG. Bon­saimen­schen, 12 Per­so­n­en jün­geren Alters a 36 cm, nahe Maradah zur Hitzeprobe eingetrof­fen. Wüsten­wan­derung [ 125 Meilen ] : Mittwoch, 28. Sep­tem­ber 2011, ab 12 Uhr mit­teleu­ropäis­ch­er Som­merzeit. Call : 00218 / 45936221 — stop

ping

staten island ferry : prozession

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nord­pol : 5.55 – Eine Geschichte ist zu erzählen an diesem Mor­gen küh­ler Luft kurz vor Sep­tem­ber. Diese Geschichte ereignete sich bere­its vorgestern, nachts, bei mir zu Hause, weil ich mich nicht entschei­den kon­nte, was ich unter vie­len Din­gen, die zu tun gewe­sen waren, zunächst erledi­gen sollte, also machte ich alles zur gle­ichen Zeit. Ich hat­te eine Enten­brust zu Morcheln und Pflau­men gelegt. Außer­dem hat­te ich mir vorgenom­men, ein weit­eres anatomis­ches Ton­band abzuhören, eine jugendliche Stimme berichtete vom Dach des Kühlschrankes aus leise vor sich, während ich kochend Fernse­hbilder eines Hur­rikans beobachtete, der sich auf die Stadt New York zube­wegte. > Wenn ich von meinen Wochen im Prä­pari­er­saal spreche, dann spreche ich gerne von mein­er Traumzeit. stop > Zu diesem Zeit­punkt, das ist festzuhal­ten, war ich nicht ganz bei der Sache gewe­sen, nicht wirk­lich in der Nähe der Gedanken, die ein junger Mann für mich aus­ge­sprochen hat­te, ander­er­seits auch nicht aus­re­ichend konzen­tri­ert auf das Geschehen jen­seits des atlantis­chen Ozeans. Ein­mal stellte ich den Ton des Fernse­hgerätes lauter, wen­dete die Brust des Vogels in der Pfanne und hörte genau in diesem Moment, der Schiffsverkehr um Man­hat­tan herum sei eingestellt, das war kurz nach Mit­ter­nacht europäis­ch­er Zeit gewe­sen. Ich meinte außer­dem gehört zu haben, man sei ger­ade damit beschäftigt, die Fähren der Stat­en Island Verbindung den Hud­son Riv­er hin­auf, in eine sichere Umge­bung zu trans­ferieren. Ein feines Bild, das sich vor meinen Augen sofort entwick­elte. Acht orange­far­bene Schiffe in ein­er Rei­he hin­tere­inan­der auf dem großen Fluss, Schiffe, die sich gewöhn­licher­weise pen­del­nd aneinan­der vor­bei bewe­gen. Ich stürmte aus der Küche, in der Hoff­nung auf dem Fernsehschirm ein Bild zu sehen, das dem ger­ade eben noch in meinem Kopf ent­wor­fe­nen Bild ähn­lich gewe­sen sein kön­nte. Anstatt ein­er Fährgeschichte, war nun jedoch vom Regen die Rede, von den Winden des Hur­rikans, die über den feucht­en Strand nahe der Stadt Ocean Pines fegten. Ein Reporter, der tropfte, ver­har­rte tapfer, Füße im Wass­er, vor ein­er Fernsehkam­era, die in größer­er Ent­fer­nung, demzu­folge sich­er, mon­tiert gewe­sen war. Er hielt ein Mikrophon in der Hand, das merk­würdig fauchende Geräusche erzeugte. Möwen, spitze gelbe Schnä­bel in den Sturm gerichtet, ver­har­rten in sein­er Nähe, sie macht­en einen zufriede­nen Ein­druck, authen­tis­che Tiere, während ich, weit­er­hin die Prozes­sion der Fährschiffe im Kopf, zurück in die Küche spazierte. Ein selt­sames Gefühl von Nichtwirk­lichkeit in der Nähe mein­er Feuer­stelle, ein großes Durcheinan­der, das ich zu sortieren ver­suchte, in dem ich bis in den frühen Mor­gen des Son­ntags hinein, auf allen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Kanälen verge­blich Beweise dafür zu find­en suchte, dass Fährschiffe der Stat­en Island Verbindung sich tat­säch­lich an diesem späten Sam­stagabend, als ich mich nicht entschei­den kon­nte, auf dem Hud­son Riv­er stro­maufwärts bewegten. — stop. — Ende der Geschichte. — stop

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