polartrompete

2

ginkgo : 6.55 – Eine Käfer­ge­stalt, die glei­cher­maßen die Eigen­schaften eines Trom­pe­ten­kä­fers wie die Eigen­schaften eines Polar­kä­fers in sich verei­nigen würde, ein Käfer demzu­folge, der Trom­pe­ten­ge­räu­sche von sich zu geben in der Lage wäre einer­seits, ander­seits sich vom Licht der Sonne ernährte, von feinsten Stäuben der Luft und vom gefro­renen Wasser zu seinen Füßen. Diese Persön­lich­keit wäre das erste Wesen seiner Gattung, die antark­ti­sche Land­schaft bewohnte, ein Käfer feinster Musik. Er würde vermut­lich Geräu­sche der Eisstürme nach­emp­finden, würde sich mit Horn­füßen in den Boden stemmen, würde das erin­nerte Sausen polarer Nord­winde mit dem erin­nerten Sausen polarer Südwinde verquirlen, West und Ostor­kane darüber pfeifen, ohne je zu wissen, warum er in dieser Weise handelte. Und wenn man nun reiste? Nun, der Koffer eines Trom­pe­ten­kä­fers polaren Ursprungs sollte einer Zigar­ren­kiste ähnlich sein. Ich meine die Größe des Koffers, in deren gefüt­terter Mitte eine Vertie­fung zu finden wäre, den präzisen Körper­li­nien des Käfers folgend, so dass sich der Käfer dort einschmiegen würde, schlafen, ohne im Koffer selbst hin und her zu fallen. Nicht rot das Samt des Futte­rals, sondern weiß, nämlich von Schnee gemacht, weil es sich bei dem Reise­koffer eines Trom­pe­ten­kä­fers polaren Ursprungs nicht eigent­lich um eine Zigar­ren­schachtel handelte, viel mehr um einen Reise­kühl­schrank in der Gestalt eines hölzernen Behäl­ters für Rauch­waren in läng­li­cher Form. – Ort: Dome A. Posi­tion: 80°22’ S 77° 21’E. Tempe­ratur: – 82,5 °C. – stop

anna politkowskaja

2

tango : 7.05 – Luft, so klar und leicht, dass ich ein Wort erfunden habe oder kompo­niert oder gemalt oder wie auch immer. Wenn man das Wort wieder­finden wollte, müsste man folgendes sagen: m a n i t u l u l u m b a. Kurz darauf ein weiteres Wort entdeckt, ein Wort, das mir noch wunder­barer zu sein schien, als das erste hier genannte Wort, weswegen ich das Wort im Moment seiner Erfin­dung sofort verschenkte. – Natür­lich, bemerkt Anna Polit­kow­skaja im Jahr 2003, habe sie Gründe, Angst um ihr Leben zu haben. Ich versuche, nicht daran zu denken. – stop
ping

ein zierliches mädchen

2

echo : 7.18 – In einem Hospi­tal­pas­sa­gen­raum saß ein zier­li­ches Mädchen in einem Roll­stuhl. Ihr Gesicht war bis unter die Augen hinauf von einem Mund­schutz bedeckt, von einem gefal­teten Segel, das sich blähte im Rhythmus des Atmens. Sie hatte ihre Hände aus dem Schoß gehoben und drückte sie pulsie­rend so fest gegen­ein­ander, dass sie zitterten. Schläuche, trans­pa­rente, gewun­dene Röhren, führten von einer Sauer­stoff­fla­sche, – sie war hinter der Lehne des Roll­stuhls befes­tigt -, zur Nase des Mädchens. Wenn sie hustete war ein tiefes, feuchtes, ein brum­mendes Geräusch zu vernehmen, ein Ton, der durch die Luft rollte, ein unsicht­bares Wesen, das sich befreite, um sich irgendwo in einer Ecke des Warte­raumes zu weiteren unsicht­baren Wesen zu falteten. Hinter einem Vorhang, der eine Behand­lungs­ka­bine verdeckte, zwit­scherte ein Radio. Bald wird Schnee fallen, bald Eis auf den Straßen wachsen. Die junge Frau war müde gewesen, von einer Art der Müdig­keit, die ich selbst nie erfahren habe. Immer wieder fielen ihr die Augen zu, sie schwitzte, ihre Hände zu heben, schien ihr alle Kraft abzu­ver­langen, die zu diesem Zeit­punkt in ihr zu finden war. Einmal bemerkt sie, dass ich sie ansehe, dass ich notiere, dass ich ihre Hände beob­achte. – stop

ping

belichtung

2

romeo : 0.01 – Sobald ich einen Satz selt­samer Dinge gedacht habe, freu ich mich, kann dann nicht bleiben, springe auf, wenn ich sitze, oder in die Luft, wenn ich bereits auf meinen Beinen gestanden habe.  Ich sollte einmal einen Film drehen, wie ich durch die Wohnung hüpfe. Oder durch eine U-Bahn segele. Oder im Schlaf ein Rad schlage, weil ich sehr gern im Schlaf merk­wür­dige Dinge vorbe­reite für Sätze im Wachen. - Eine Blei­stift­spitze an ein leeres Blatt Papier gelegt, blitzt das Nochnicht­sicht­bare durch Hand und Arm in den Kopf. Alles Notieren scheint ein Vorgang der Belich­tung mittels Verdunk­lung zu sein. – stop

geborstene wangen

2

marimba : 9.28 – Sieben­hun­dert Menschen sollen vor wenigen Wochen während einer Demons­tra­tion auf dem Tahrir-Platz verletzt worden sein. Das Trauma der Versehrten, Verbren­nung, verätzte Bron­chien, steife Hände und Arme, Sprach­stö­rung, blinde Augen, zertrüm­merte Kiefer, gebors­tene Wangen, verlo­rene Erin­ne­rung. Was bedeutet, der Blick ist in dunkle Seiten­straßen der Stadt gerichtet, in Zimmer versteckter, notdürftig ausge­rüs­teter Ambu­lanzen, das Wort der Verlet­zung in diesen Zusam­men­hängen? – stop

ping

tastende fingerohren

2

alpha : 15.01 – Seit Wochen mobi­li­siert eine junge Frau meinen rechten Arm in Portionen der Zeit, die wohl­tuend sind. Eine eigen­ar­tige Erfah­rung. Als würde sich die junge Frau mit meinem Arm unter­halten in einer Sprache kompli­zierter Bewe­gung. Dehnen. Stre­cken. Drehen. Ziehen. Drücken. Kreisen. Strei­chen. Dann Phasen der Ruhe. Bald scheint sie in meinen Arm hinein­zu­hören, als ob ihre Finger über sensible Ohren verfügten, tastende Ohren, die nach Bewe­gungen meiner Sehnen, meiner Muskeln fragen. Ein feines Gehör. Eine Sprache nach­hal­tiger Argu­mente, die meine Muskeln aus ihrer Schutz­span­nung lösen. Das Gespräch der Hände, Beschwö­rung, nach­drück­lich, auch Ermun­te­rung, Ermu­ti­gung: Erin­nert Euch! – Schnee über Nacht. Sturm­wind auf den Bergen. Dohlen sind ins Tal gekommen. – stop.

ping

102 minuten

14

 

 

nordpol

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : 102 MINUTEN

Vormittag. Der Himmel sonnig, die Spitzen der Berge  weiß seit Tagen. Wenige Wochen vor meiner Reise nach New York, liebe Daisy, liebe Violet, will ich Euch berichten von einer kleinen Probe, die ich unter­nommen habe, um vorzu­prüfen, ob ich in der Lage sein werde in der großen Stadt mit meinen Unter­su­chungen der Wirk­lich­keit rasch voran­zu­kommen. Ich habe nämlich gerade einen Koffer mit allen mögli­chen Gegen­ständen gefüllt, die ich vorhabe mitzu­nehmen, ein Jackett, Pull­over, Wild­le­der­fäust­linge, einen Schal, Wander­schuhe, zwei Norwe­ger­mützen, sowie einen Schnee­schirm, der in der Lage sein sollte über meinem Kopf durch die Luft zu schweben. Des weiteren eine Schreib­ma­schine, eine elek­tri­sche Maus, zwei Foto­ap­pa­rate, ein Tonband­gerät, das gerade so groß ist, dass ich es mit einer Hand umfassen kann. Außerdem einen Reise­be­hälter, wie unlängst berichtet, für Trom­pe­ten­käfer polaren Ursprungs, Spazier­pläne, Subway­karten, Bücher für Ruhe­zeiten abends und nachts. Da wären Robert Falcon Scotts Aufzeich­nungen einer letzten Reise, Wilhem Genazinos Roman Wenn wir Tiere wären, das Buch der 102 Minuten, das mich seit Tagen fesselt, weil es auch von Holly erzählt. Kurzum, diese Gegen­stände nun waren in einem großen und einem weiteren, klei­neren Koffer aufge­hoben. Ich habe beide Reise­ob­jekte neben mich gestellt und ange­hoben für zwei Minuten. Ich sage Euch, es geht. Was machen die Simmons? Ist alles ok? Ahoi – Euer Louis

gesendet am
10.12.2011
18.30 MEZ
1433 zeichen

louis to daisy and violet »

ein erstes wort

2

nordpol : 22.15 – Ob ich mich einmal an meine kind­liche Stimme erin­nern könnte? Irgendwo in meinem Kopf sollte sie sich noch befinden, eine Spur, eine Ahnung des ersten Wortes, das ich in meinem Leben ausge­spro­chen habe. Dort, in der Ahnung genau dieses Wortes, mit der Suche beginnen. – stop

ping

selbstberührung

2

sierra : 10.01 – Ein beson­derer Tag, 14. Dezember. Ich konnte heute Morgen um kurz nach 8 Uhr mein Gesicht wieder in beide Hände nehmen, ohne sofort das Gefühl zu haben, mein verletzter Ellen­bogen würde unter Haut und Muskeln jeden Halt verlieren. Ein Moment freu­diger Begrü­ßung, als ob ich nun wieder voll­ständig wäre durch die Entde­ckung der Fähig­keit, eine bedeu­tende Region meines Körpers mittels beider Hände berühren zu können. Ich stelle fest: Bewe­gungen, die ein Leben lang selbst­ver­ständ­lich gewesen waren, werden zu Ereig­nissen. Ab sofort ist es wieder denkbar, meinen Kopf während des Lesens abzu­stützen, eine Geste, die zur Lektüre einer­seits gehört, wie eine Tasse Kaffee, wie das Buch selbst, dessen Gegen­wart ich mir ande­rer­seits hilfs­weise vorstellen könnte. – stop
ping

körpergeräusch

2

echo : 18.25 – Hatte gerade noch von einem schnar­renden Geräusch erzählt, das meinem Arm entkommt, sobald ich ihn hori­zontal bewege, um zur Geschmei­dig­keit zu über­reden. Ein Raspeln, das ich spüre und höre zur selben Zeit. Ich legte den Tele­fon­hörer zur Seite. Genau in diesem Moment war das Geräusch, von dem ich einem weit­ent­fernten Menschen berichtet hatte, wieder im Raum gewesen, als ob es sich behaupten wollte, beweisen, bestä­tigen, dass es tatsäch­lich exis­tiert. Ich über­legte, ob das Schnarren in meinem Arm vorüber­ge­hender Natur oder doch eher dauer­haft sein könnte, sagen wir, für immer, Zeit meines Lebens ein Raspeln, ein Knarzen, sehr leise, eigent­lich nur hörbar in der Stille bei Bewe­gung. Sturm vor den Fens­tern. Regen knis­tert an den Scheiben. Ich entdecke in diesen Minuten, dass ich Geräu­sche, die in meinem Körper unter der Haut sich ereignen, auch dann zu hören vermag, wenn ich sie nicht hören kann, weil sie zu leise sind in einer Regen­wind­um­ge­bung. Es knirscht die Erin­ne­rung an ein Geräusch, oder ich höre, – das ist denkbar -, das Geräusch durch meinen Körper wandern. – stop

judy

picping

MELDUNG. Erfolg­reich aus 33000 Fuß Höhe über dem pazi­fi­schen Ozean kurz vor Monterey abge­worfen: Bono­bo­dame Judy, 8 Jahre, erste Über­le­bende der Test­serie Teflon-F87 {Haut­wesen}. Man ist, der Schre­cken, noch voll­ständig ohne Bewusst­sein. – stop

ping

puma 15 gramm

9

echo : 7.05 – Abend war geworden. Wärme stieg vom Holz des Tisches auf, die Luft bewegte wie die Seiten des Buches, in dem ich las, als sich ein unbe­kanntes Wesen auf langen Beinen von Westen her kommend näherte. Eine tatsäch­lich höchst merk­wür­dige Erschei­nung war das gewesen. Irgend­je­mand hatte den Kopf eines fili­granen Tropen­vo­gels, den Körper eines Insekts und das Bewe­gungs­ver­mögen einer Raub­katze lose verschraubt und frei­ge­lassen. Geräuschlos, auf Giraf­fen­beinen, stol­zierte das Montierte nun über mein Buch hinweg, langsam, furchtlos, so dass ich alles genau betrachten konnte. Indessen schien sich das Wesen nicht im mindesten für mich, seinen Beob­achter, zu inter­es­sieren, sondern war allein um das Buch bemüht, viel­leicht deshalb, weil das Buch ange­nehm duftete. Nach einigen Minuten der Papier­un­ter­su­chung, legte sich das Tier mittels einer grazilen Sink­be­we­gung seit­wärts auf den Tisch und lag genau dort immer noch, als ich am folgenden Morgen zurück­kehrte, um weiter­zu­lesen. Ich blieb dann einige Zeit wie gebannt unter freiem Himmel sitzen und beob­ach­tete das frisch entdeckte Lebe­wesen, wie es frass, wie es ruhte, wie es badete, atmete, nach Fliegen jagte. Und weil ich nichts vergessen wollte, notierte ich, was ich sah und was ich denken konnte, zum Beispiel schrieb ich folgende Notiz: Flügel­loses Misch­wesen. stop Haut­farbe blau. stop Fleisch­fresser. stop 15 Gramm. stop Sprachlos. stop Ich arbei­tete fieber­haft. Drei Tage, drei Nächte. Einmal legte ich meinen Kopf auf den Tisch, schlief ein und träumte, wie sich der Körper des Tieres öffnete. Flügel entfal­teten sich, das Tier schwebte, schnur­rendes Geräusch, über meinem Gesicht auf und ab. stop. Schnee bis ins Tal. – stop
ping

ping

ping

sierra : 11.28 – Im Denken von Zeit zu Zeit laut und deut­lich ausge­spro­chene Wörter: Das ist ja unglaub­lich, nein, fangen wir noch einmal von vorne an, was habe ich zunächst gedacht? – Hörbare Sätze. Atolle. – Ich über­legte, wie viel Zeit von einem Gedanken zum nächsten Gedanken vergeht, und was in dieser Zeit, die ich ohne einen Gedanken zu verbringen meine, eigent­lich geschieht. Ein selt­sames Gefühl, die Vorstel­lung der Gedan­ken­stille. Eine Besich­ti­gung der Luft. Warten. Lauschen. – stop

beobachtung

2

delta : 16.38 – Wie sich die Flocken des Schnees in eigen­ar­tiger Weise benehmen, sobald ich sie aus der Nähe betrachte, je nach Dichte, Tempe­ra­turen der Luft, Wind­ver­hält­nissen, fallen sie senk­recht mit höherer Geschwin­dig­keit oder sehr langsam mit einer wiegenden, schau­kelnden Bewe­gung gegen den Erdboden zu. Ich vermute, einer einzelnen Flocke mit den Augen zu folgen, ist eine ebenso schwie­rige Aufgabe, wie einen einzelnen Fisch in einem Schwarm für Minuten im Blick zu behalten. Nie kann ich sicher sein, ob ich nicht viel­leicht bereits eine andere, eine ähnliche Schnee­flocke oder einen anderen, einen ähnli­chen Fisch ins Auge fasse. Der Sekunden-schatten eines Lidschlags. – stop

ping

Top