manhattan : 22. etage

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delta : 0.52 — In der Nähe des Him­mels zu wohnen, das ist schon eine selt­same Sache. Während ich gestern Mor­gen ein Bad genom­men habe, ver­suchte ich mir vorzustellen, dass sich unter mir weit­ere 21 Bade­wan­nen befind­en kön­nten, und dass sich genau in diesem Moment 21 Per­so­n­en unter mir sich in der­sel­ben Sit­u­a­tion, näm­lich in der Bade­wanne aufhal­ten wer­den, vielle­icht sin­gen, Radio hören, in der Zeitung lesen, oder einen Kaf­fee trinken. Ich komme, genaugenom­men, mit­tels mein­er Phan­tasie noch in die Etage unter mir, weit­er komme ich nicht. Ich bin außer­stande mir vorzustellen, wie hoch ich doch sitze, in der Flughöhe der Möwen, ich höre den Wind um die Fen­ster stre­ichen, ich glaube, es ist denkbar, dass ich der einzige Men­sch in diesem Hause bin, der sich Gedanken macht um das Baden oder das Schlafen oder Spazieren in dieser Höhe. — stop

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east village : gehschläfer

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marim­ba : 0.18 — So, stell ich mir vor, kön­nte das sein. Es ist Abend gewor­den, Zeit das Büro zu ver­lassen. Man tritt vor das Gebäude, in dem man seine Tage fris­tet, set­zt sich ein elek­trisches Häubchen auf den Kopf und schon schließt man die Augen und schläft und geht in dieser Weise schlafend auf Wegen nach Hause, die für schlafende Men­schen vorge­se­hen sind. Nie­mand würde je auf die Idee kom­men, einen schlafend­en Pendler zu weck­en. Drei Stun­den, sagen wir, im Tief­schlaf schre­it­et man die 5th Avenue down­town, biegt bald in die 23. Straße ein, fol­gt ihr, weiß der Him­mel wovon man ger­ade träumt, bis zur 1st Avenue, um kurz darauf in der 20. Straße zu lan­den, Haus No 431, dort wird man geweckt und find­et sich im Aufzug wieder, wie frisch gebadet im Kopf, um eine Nacht reich­er gewor­den, zu feiern, zu lieben, mit Kindern zu spie­len. Am näch­sten Mor­gen macht man sich wieder auf den Weg, set­zt sich sein Häubchen, und auch die Kinder set­zen sich ihre Häubchen auf den Kopf, und so weit­er und so fort. Irgend­wo sollte eine zen­trale Sta­tion existieren, die Schlaf und Schritte jen­er schlum­mern­den Men­schen steuert. — stop

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midtown : library

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alpha : 0.22 — Im Laden der New York Pub­lic Library ent­decke ich einen Brief, den Emi­lie Dick­in­sons im Jahre 1852 an Susan Gilbert notierte. Weit­er­hin Briefe des Schrift­stellers H.D.Lawrence an Ernest Week­ly, Jack Lon­dons an Anna Strun­sky, sowie Mark Twains an Enid Joce­lyn Agnew. Diese Briefe kosten in ein­er Samm­lung 50 $. Sie sind auf Tis­chtüch­ern fest­ge­hal­ten, feine, helle Stoffe, Han­dar­beit: Made in India. Selt­same Sache. — stop

harlem : artist südwärts

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char­lie : 0.06 — Kurz nach 8 Uhr abends betritt ein hochgewach­sen­er, schön­er Mann den Sub­way­wag­on, in dem ich sitze. Er trägt eine rote Hose, die schillert, Turn­schuhe von schwarz­er Farbe, einen Gür­tel von Schlangen­haut, davon abge­se­hen scheint der Mann unbek­lei­det zu sein, die schwarze Haut seines Oberkör­pers glänzt, auch die Haut seines Kopfes, auf dem sich kein­er­lei Haar befind­et. Er kommt also here­in, Höhe 168. Straße, geschmei­dig, vol­lzieht einen Hand­standüber­schlag und hängt sich, Kopf nach unten, an eine der Hal­tes­tangen, die sich in den Wag­ons der Lin­ie C befind­en. Eine leichte, schaukel­nde Bewe­gung, ich kön­nte sagen, eine Bewe­gung der Ruhe vor dem Sturm, die Augen geschlossen, gle­ich wer­den sich die Arme des Mannes über das Gestänge des Wag­ons bewe­gen, er wird den Reise­be­häl­ter, der von zahlre­ichen Men­schen bewohnt, durch den Unter­grund der Insel Man­hat­tan rat­tert und schep­pert, durchmessen, ohne den Boden mit seinen Füssen zu berühren, laut­los, bebende Muskeln, Arme, Rück­en, Bauch, indem sich ein Arm des Mannes von der Stange löst, wird er an den Schwin­gen ein­er Hand gegen den Süden fliegen, um einen weit­eren Hand­vo­gel nach sich zu ziehen, bald mit Hand No 3 und Hand No 4, die bei­de Schuhe tra­gen, nach offe­nen Räu­men zie­len, um Fahrt aufzunehmen, ein segel­nder Kör­p­er, mal gestreckt, dann wieder zu einem Ball gewor­den, der sich um eine der senkrecht­en Stan­gen windet, die das Dach des Zuges zu hal­ten scheinen, ein Hut indessen, der mal da mal dort unter den Nasen der Staunen­den vorüber kommt, gle­ich ist es soweit, 166. Straße, noch eine, noch eine halbe Sekunde. — stop

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manhattan : canal street

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tan­go : 10.15 — Ich habe einen merk­würdi­gen Kon­duk­teur der Sub­way mit Taucher­brille beobachtet. Der Mann war auf der N-Lin­ie von Brook­lyn her kom­mend in die Canal Street einge­fahren. Ein dur­chaus sel­tener Anblick. Sein schmaler Kopf, der aus einem der mit­tleren Wag­ons des Zuges ragte, im Fahrtwind wehen­des, schlo­hweißes Haar, und eben seine Brille, deren Scheibe Augen und Nase unwirk­lich ver­größerte. Für einen Moment hat­te ich den Ein­druck, die Taucher­brille des Mannes sei mit Wass­er gefüllt. Ich wollte den Mann fotografieren, aber das Licht der Sta­tion war spär­lich und der Mann schaukelte ohne Pause seinen Kopf hin und her wie ein alter, müder Ele­fant, ver­mut­lich weil er sich um einen umfassenden Blick der Ereignisse auf dem Bahn­steig bemühte. Es ist nun denkbar, dass ich eine Per­son beobachtet habe, die fest mit dem Führerhaus des Zuges verwach­sen war, denn der Mann fügte sich har­monisch in das Bild, das ich mir seit jeher von wirk­lichen Zugführern mache, Men­schen, die auf Zugstän­den geboren wer­den, Men­schen, die auf Zügen fahrend ihre Kind­heit ver­brin­gen, Men­schen, die let­ztlich ihren per­sön­lichen Zug zur Lebzeit niemals ver­lassen. — stop

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upper west side : broadway

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delta : 8.05 — Das Haus am River­side Dri­ve, in dem Uwe John­son lebte und arbeit­ete. Pfade, die Uwe John­son spaziert haben kön­nte. Eine Sub­way Sta­tion, 96. Straße, uralte, dun­kle Bäume. Das Regen­licht über dem Hud­son. Wasser­tanks, die auf Däch­ern wach­sen. Auf dem Broad­way torkelt eine Ampel. Kleine, schwarze, schweigsame Män­ner in grü­nen Uni­for­men der Frei­heitsstat­ue verteilen Ein­ladun­gen zur Schiff­fahrt. Eine Kutsche weißer Pferde, dampfende Nüstern, klap­pert in Rich­tung Cen­tral Park. Es ist Mon­tag, oder Dien­stag oder Son­ntag. Eine Frau, sie tele­foniert in ein­er Sprache, die ich noch nie zuvor hörte. Ein Mann mit Kühlschrank wartet am Straßen­rand. Schnelle, scheue Blicke. — stop

chelsea : ein stunde

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echo : 0.28 — In der 22. Straße West existiert ein klein­er Laden für Lam­pi­ons und andere papierene Licht­be­häl­ter. Wenn man den Laden betritt meint man sofort, sich selb­st in einem Lam­pi­on zu befind­en, weil Wände, wie sie in Häusern üblich sind, dort nicht zu existieren scheinen, nur Licht und eben Papiere in allen erden­klichen For­men. Ein Ort von Stille, die Luft duftet feinst nach der Wärme tausender Lam­p­en, die im Inneren der Lam­pi­ons sta­tion­ieren. Men­schen sind zunächst nicht zu sehen, weil sich jene Men­schen, die zum Laden gehören, wed­er bewe­gen noch sich über Sprache äußern, vielle­icht deshalb, weil sie in den Laden ein­tre­tende Men­schen nicht stören wollen im Bestaunen leuch­t­en­der Krokodile, Schw­ert­fis­che, Zep­pe­line. Es ist nun tat­säch­lich möglich, diese ver­bor­ge­nen Per­so­n­en in Bewe­gung zu ver­set­zen, in dem man sie bemerkt, sagen wir, mit einem Blick berührt. Genau in diesem Moment ein­er Berührung treten sie aus dem Licht her­aus in den Raum, eine zier­liche Frau und ein zier­lich­er Mann, sie wer­den ver­mut­lich schon sehr lange Zeit ver­heiratet sein, so wie sie sich benehmen, glück­liche, fre­undliche Men­schen. Alle ihre Waren im Übri­gen beschriften sie noch von Hand, zwei Monde von blauer Farbe zu je 1 Dol­lar 48 Cent. Im Schaufen­ster find­et sich fol­gen­des Schild: Täglich von Mon­tag bis Son­ntag 25 Stun­den geöffnet. — stop

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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 208, Luft­fahrt — 1287, Auto­mo­bile — 86734], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 5, 19. Jahrhun­dert – 106, 20. Jahrhun­dert – 437 , 21. Jahrhun­dert — 722 ], phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 215, gelöscht : 188 ], Kas­si­ber Type SOS Homs / Syr­ia [ 18455 ], Öle [ 0.5 Ton­nen ], Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 14, Kniege­lenke – 18, Hüftkugeln – 235, Brillen – 876 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 276, Größen 38 — 45 : 2187 ], Kühlschränke [ 18 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 15, mit Tauch­er – 3 ], Engel­szun­gen [ 886 ] | stop |

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manhattan : zuccotti park

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marim­ba : 17.55 — Die fol­gende Geschichte, oder Teile dieser Geschichte, haben sich in meinem Leben nicht ger­ade so ereignet, wie ich sie erzählen werde. Ich habe sie mir aus­gedacht, das heißt, die Geschichte, die von ein­er Pizze­ria berichtet, ist mir einge­fall­en, als ich tat­säch­lich genau diese erzählte Pizze­ria besuchte in der Green­wich Street nahe dem Zuc­cot­ti Park. Ich war einige Stun­den in der Fähre zwis­chen Man­hat­tan und Stat­en Island gepen­delt, hat­te Geräusche aufgenom­men, fotografiert und über Gerüche notiert. Ich saß nun auf einem Hock­er am Fen­ster des kleinen ital­ienis­chen Ladens in der Wärme, aß und trank und schaute auf den Zaun, hin­ter dem sich unmit­tel­bar das Gelände des World Trade Cen­ters befind­et. Ich ver­suchte mir vorzustellen, wie dieser Ort den Ein­sturz der riesi­gen Gebäude über­ste­hen kon­nte, was in diesen Räu­men geschehen war in den Minuten der Katas­tro­phe. Fen­ster kön­nten geborsten, Tisch und Stüh­le vom Luft­druck der Staub­wolke durch den Raum geschleud­ert wor­den sein. Vielle­icht hat­ten sich Men­schen bis hier­her geflüchtet, vielle­icht waren sie ver­let­zt, vielle­icht waren sie an dieser Stelle gestor­ben, erstickt, erschla­gen oder ver­bran­nt. Der kleine Laden jeden­falls hat­te sich gut erholt. Kein­er­lei Spur von der Hölle, die sich in näch­ster Nähe ent­fal­tet hat­te. Auch der Mann hin­ter dem Tre­sen wirk­te kräftig und gesund, obwohl der Lärm der gewalti­gen Baustelle hin­ter dem Zaun an seinen Ner­ven gez­er­rt haben musste. Ich über­legte, ob er Augen­zeuge gewe­sen sein kön­nte, beobachtete ihn ein Weile, und als er sich ein­mal näherte, fragte ich ihn. Der Mann musterte mich mit einem schnellen Blick, ohne zu antworten. Bald stand er wieder hin­ter seinem Tre­sen, so als wäre nichts geschehen, keine Gegen­frage, kein Ver­such, in der Zeit zurück­zukom­men. Ich kon­nte in diesem Moment nicht ein­mal sagen, ob ich tat­säch­lich gefragt oder mir die Frage nur vorgenom­men hat­te, auch ob der Mann solange geschwiegen hat­te, bis ich mich der Türe näherte, um auf die Straße zu treten, kon­nte ich nicht mit Sicher­heit behaupten. Seine Stimme in diesem Moment: It was hor­ri­ble! Dann wieder das Rat­tern der Motorschrauber. Im Park, im berühmten Zuc­cot­ti Park, eine hand­voll Men­schen von Polizis­ten umringt. Keine Zelte, keine Möwen, aber Tauben, Tauben, Tauben. — stop

midtown manhattan : dschu dschumm

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ulysses : 0.25 — Was ich hörte gegen Mit­ter­nacht von unsicht­baren Musik­ern auf unterirdis­ch­er Pas­sage vom Bryant Park zur 5th Avenue etwa so in Worten: dschu dschumm dschu dschumm tschi­ka tschi­ka tschic­ka dschu dschumm dschu dschumm yeah dschu dschumm dschu dschumm babibad­um dschu dschumm dschu dschumm dschu dschumm arrri­ba dschu dschumm dschu dschumm yeah bad­umm bad­umm bad­umm tschi­ka tschi­ka tschic­ka dschu dschumm dschu dschumm tschi­ka tschi­ka dschu dschumm dschu dschumm yeah dschu dschumm dschu dschumm babibad­um dschu dschumm dschu dschumm dschu dschumm dschu dschumm dschu dschumm yeah. — Sam­stag. — stop
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upper new york bay : elefanten

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nord­pol : 11.10 — Im Traum fol­gte mir ein Mann stun­den­lang als wäre er mein eigen­er Schat­ten. Dieser Schat­ten führte drei junge Ele­fan­ten hin­ter sich her, dampfende Geschöpfe, die ohne Pause hupten. Das wäre für sich genom­men eine noch eher heit­ere Geschichte gewe­sen, wenn der Dampf der Ele­fan­ten nicht bedeutet haben würde, dass es sich um gebratene Ele­fan­ten­tiere han­delte, gekocht bis auf die Knochen. Teile ihrer Bäuche waren bere­its ver­loren gegan­gen, auch von ihren Ohren waren kaum nen­nenswerte Reste übrig gewe­sen. Ich dachte mir noch, dass sie vielle­icht hupten, weil sie unter Schmerzen lit­ten, da hat­te ich bere­its einen Löf­fel in der Hand. – stop. Während ein­er Fahrt mit der Stat­en Island Fähre eine Frau, die mit sehr hoher Geschwindigkeit Pla­ton auf einem iPad las. Das wirk­te genau so, als würde sie den Text mit ihren Augen fotografieren. Nach wie vor auf der Suche nach einem Wort, das den Moment beschreiben kön­nte, in dem Regen auf die Ober­fläche des Meeres trifft, nach einem Geräuschwort für das Ver­schwinden. — stop
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hell’s kitchen : ballroom

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alpha : 20.02 — Die Port Author­i­ty Bussta­tion Höhe 42. Straße soll die größte Bussta­tion der Vere­inigten Staat­en sein, 7200 Auto­mo­bile ver­lassen oder erre­ichen an einem durch­schnit­tlichen Tag das Gebäude in der Nähe des Hud­son Rivers. Ich sollte ein­mal von hier aus nach Mex­i­co fahren oder rauf nach Alas­ka oder Neu­fund­land, ein Ort der Kof­fer, der Ruck­säcke. Ich habe Men­schen beobachtet, die aus einem anderen Jahrhun­dert kom­mend hier eingetrof­fen zu sein scheinen, Frauen mit Röck­en bis zum Boden, Män­ner in Knicker­bock­er­ho­sen, Golf­schuhen, hellen Som­mer­jack­en inmit­ten des Win­ters in einem sich langsam drehen­den Wirbel von Kör­pern. Im Erdgeschoss des Gebäudes befind­et sich in einem Gehäuse von Glas und Stahl eine Mas­chine, die mit Bil­lard­kugeln spielt, eine Skulp­tur des Kün­stlers George Rhoads. Man kann sie wei­thin hören, klin­gel­nde, rat­ternde Geräusche, und das Glück der Kinder beobacht­en, die mit ihren Augen den Kugeln fol­gen, welche von der Schw­erkraft in Bah­nen gegen den Boden gezo­gen wer­den. Ein Wesen, das bei Tag und bei Nacht arbeit­et, indem ein Aufzug, von einem kleinen Elek­tro­mo­tor angetrieben, jene stein­harten Bälle in die Höhe hebt, um sie bald wieder loszu­lassen in ein Labyrinth möglich­er Bah­nen. Es ist ein wenig so, als würde die Mas­chine sprechen oder sin­gen oder spie­len, selb­stvergessen, heit­er, leicht. Ich muss mich nicht wun­dern, ein­mal waren alle Kugeln, weiß der Him­mel warum, aus ihren Bah­nen gesprun­gen, und ich hat­te den Ein­druck, die ver­s­tummte Mas­chine sei aus dem Leben gegan­gen. Ger­ade eben, es ist Mon­tagabend gewor­den, fällt mir ein, dass ein Fre­und unlängst erzählte, dass er sehr trau­rig sei, weil seine Groß­mut­ter im unge­fähren Alter von 105 Jahren in Afri­ka gestor­ben sei. Sie habe noch eine Wüsten­sprache gesprochen, die ohne Zeichen gewe­sen war für Papiere, Holz, Stein, Erde. — stop

upper new york bay : eine minute auf der samuel I. newhouse

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ulysses : 17.58 — Stat­en Island Fähre gegen 15 Uhr. Eine Frau und ein Mann, die tief­schlafend Seite an Seite sitzen und doch auf eine selt­same Weise miteinan­der zu sprechen scheinen. Sie tra­gen bei­de keine Zähne, vielle­icht weil sie mor­gens vergessens haben sie sich gegen­seit­ig in den Mund zu leg­en. Ihre Schläfen, eine linke und eine rechte Schläfe, zueinan­der gelehnt. Lid­er, alabaster­far­ben, durch­sichtig beina­he, hier, an der Bewe­gung der Augäpfel, ist zu erken­nen, dass sie kom­mu­nizieren. Eine Hand des Mannes ruht, gle­ich­wohl schlafend, auf dem Bauch der Frau. Draußen, hin­ter Salzfen­stern, die Wasser­fahne eines Feuer­lösch­bootes. Und Möwen, schwere Möwen, die das Schiff betra­cht­en, als hät­ten sie es noch nie zuvor gese­hen. Gle­ich wer­den die Schlafend­en sich erheben. Sie wer­den, als ob sie in ihrem Inneren über eine geheime San­duhr ver­fügten, ihre Augen öff­nen und sich bug­wärts auf den Weg machen, Sekun­den nur ehe eine Laut­sprech­er­stimme sie zum Ver­lassen der Fähre auf­fordern wird. — Leichter Regen. — stop
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central park : grammophon

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fox­trott : 0.15 — Im Cen­tral Park zur Mit­tagszeit ein betender Mann, Moslem, Rikschafahrer, der Höhe 61. Straße unter ein­er mächti­gen, weitverzweigten Ulme kni­et, vielle­icht unter einem jen­er Bäume, deren Set­zlinge im Jahr 2008 nach Ore­gon geschickt wur­den, um sie dort groß zu ziehen und wieder nach Man­hat­tan zurück­zu­holen. Das kla­gende Sin­gen der Kinder­schaukeln. Ein Eich­hörnchen het­zt über eine Wiese. Bald kauert das Tier in der Nähe des betenden Mannes, scheint ihn zu beobacht­en. Ich kön­nte jet­zt warten, bis der Mann mit seinem Gebet fer­tig gewor­den ist. Ich kön­nte mich zu ihm in seine Rikscha set­zen. Wir kön­nten gemein­sam durch den Park fahren. Ich kön­nte ihm eine Geschichte erzählen. Ich kön­nte erzählen, dass ich ger­ade eben noch in einem Café hörte, wie eine junge, lustige Mut­ter von ihrer Absicht berichtete, ihren Sohn, der noch nicht geboren wor­den ist, mit dem Namen “Gram­mophon” zu verse­hen. Das ist eine wirk­lich aufre­gende Geschichte, die ich tat­säch­lich sofort erzählen sollte. Ich sollte den jun­gen Mann weit­er­hin fra­gen, ob er mir vielle­icht erk­lären wolle, weshalb es lebens­ge­fährlich für mich sein kön­nte, wenn ich mich fra­gend über Mohammed, den Propheten, äußern würde. Vielle­icht würde der junge Mann brem­sen, vielle­icht sich unverzüglich von seinem Fahrrad schwin­gen. Wir wür­den uns auf eine Bank set­zen und Geschicht­en erzählen von Gram­mo­pho­nen, von Propheten und wie es ist, im Win­ter Rikscha zu fahren. Und vielle­icht würde ich ihm dann noch vom Schnee erzählen, den ich als Kind aus der Luft gefan­gen habe. Ja, so kön­nten wir das machen, sofort, gle­ich wenn der betende Mann sich erheben wird. — stop

grand central terminal : ein kleine lokomotive

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ulysses : 0.22 — Wann war es, dass ich zum ersten Mal ent­deck­te, dass das Fahren in der Sub­way eine her­vor­ra­gende Hand­lung darstellt, meinen ver­let­zten Arm zu trainieren? Eine halbe Stunde in dieser Sache mit der Lin­ie A süd­wärts nach Brook­lyn unter­wegs, dann wieder nord­wärts unter der Lex­ing­ton Avenue rauf nach Harlem. Kein­er der mit mir reisenden Men­schen wird bemerken, was ich da tue. Ich ste­he in der Nähe ein­er Tür und halte mich ein­armig an ein­er Hal­tes­tange fest. So fliege ich durch Tun­nels, werde gebremst, beschle­u­nigt, rase durch Kur­ven der Fin­ster­n­is, die es in sich haben, segle über Brück­en, schauk­le unter dem East Riv­er von ein­er Insel zur anderen Insel. Längst würde ich, wenn ich nicht mit mein­er bal­ancieren­den Extrem­ität dem Zug ver­bun­den wäre, umge­fall­en sein, würde durch die Zugabteile taumeln auf der Suche nach Gle­ichgewicht, würde über Bürg­ern der Stadt zu liegen kom­men, kein schön­er Anblick, nein ganz sich­er nicht. Ein Hin­und­her unter der Haut als wür­den meine Muskeln, Knochen, Sehnen, selb­st bere­its zum Zug gehören, wohltuende, auch schmerzhafte Bewe­gun­gen, Befreiung. stop. Im Regen durch Chi­na­town. Wieder das Geräusch der Spazier­stöcke alter Män­ner, die sich in ihren Revieren bewe­gen, ich höre sie, weil ich sie sehe, Einzel­gänger, klein, gebückt. In einem Laden unter dem Grand Cen­tral Ter­mi­nal, es ist Abend gewor­den, eine Miniatur des Bahn­hofes selb­st, in dem eine Loko­mo­tive ihre Kreise zieht. Dort wiederum eine weit­ere Miniatur des Bahn­hofes, in der eine Loko­mo­tive kreist, so klein, dass man sie einat­men kön­nte. — stop
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broadway : verschwinden

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nord­pol : 20.18 — Manch­mal, während ich spaziere, sehe ich etwas, und dann sehe ich wieder nichts für län­gere Zeit. Wenn ich etwas wirk­lich sehe, also erkenne, kann ich es for­mulieren. Ich sehe demzu­folge mit Wörtern. Wenn ich ohne Wörter sehe, habe ich das Gefühl, dass ich sehe und vergesse in ein und dem sel­ben Moment. Ich vergesse Ampeln, Taxis, Türste­her, Zebras­treifen, die Gesichter wartender Men­schen, Aus­la­gen teuer­er oder bil­liger Läden, Nepp, Perück­en, die Nahrung in den Hän­den der Gehen­den, Wörter aus dem Gewirr der Stim­men, Gespräche, den Him­mel über mir, Bäume, das Licht in den Pfützen, fünf Blocks den Broad­way nord­wärts, und schon habe ich meine Füße und kurz darauf mich ins­ge­samt vergessen. – stop
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south ferry : ein mann

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delta : 0.32 — Im Wass­er das Wühlen der Schrauben, die sich der Fahrt des Schiffes ent­ge­gen­stem­men. Dann Ruhe, Stille, eine ausat­mende Bewe­gung, indem sich die Fähre dem Lande nähert, glei­t­ende Fahrt. Fan­gar­men ein­er Gotte­san­be­terin ähn­lich, lauern Gang­ways in den Schat­ten der Hafen­ter­mi­nals. Ein Matrose ste­ht dort, sehr gefährlich, hoch über schäu­men­dem Wass­er. Es ist das let­zte Schiff sein­er Schicht, dreißig Fähren hat er an diesem Tag schon in der Annäherung gese­hen. Am Bug ste­hen Men­schen, sie wer­den größer, er kann Gesichter erken­nen, ihren Atem in der kalten Luft. Manche fotografieren. Andere ver­suchen in der Menge einen Platz zu erre­ichen, von dem aus sie unverzüglich loslaufen wer­den, ein klein­er Vor­sprung, ein oder zwei Minuten Zeit. Das Schiff kommt von der Seite her, von rechts, es schrammt an schw­eren Holzpfählen ent­lang, sie geben nach unter dem Gewicht des mächti­gen Kör­pers, ein Ächzen, die reisenden Men­schen suchen Halt in dieser Sekunde, dann, in ein­er san­ften Bewe­gung dreht sich das Schiff, kommt näher, schmiegt sich an, so dass keine Hand, nicht die kle­in­ste, zwis­chen Schiff und Steg gelegt wer­den kön­nte. Das ist der Moment, da der wartende Mann den Weg in die Stadt freigeben, das ist der Moment, da er den war­men Geruch der Men­schen wahrnehmen kann. Ein Tier kommt auf ihn zu, es ist eine Schlange, die drei oder vier Minuten sein­er Zeit an ihm vorüberziehen wird. Ger­ade war sie noch schweigsam, jet­zt spricht sie, sie spricht an ihrem Kopf und auch von ihren Seit­en her. Und da ist ein offen­er Blick, den der Mann vielle­icht wahrnehmen kann, mein Blick, ein Blick, der sich um ihn küm­mert, der sich auf den Land­ma­trosen vor­bere­it­et hat­te, der ein­sam­meln will jede einzelne sein­er Bewe­gun­gen, um sie später ein­mal wieder­holen zu kön­nen. — stop

lenox hill : vertikal

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zoulou : 20.25 — Es ist jedes Mal ein aufre­gen­der Moment, wenn sich die Kabine des Aufzuges vom 22. Stock­w­erk aus nach unten zu bewe­gen begin­nt. Ich werde etwas größer für ein oder zwei Sekun­den, ich kann das im Spiegel, der die Rück­wand meines Reise­be­häl­ters voll­ständig bedeckt, genau erken­nen, ich werde etwas größer, oder ich ver­liere den Boden unter den Füßen, es ist ein wirk­lich­er Moment des Fal­l­ens, ein Raum der Zeit, der bere­its vorüber ist, ehe man ihn mit Wortbe­deu­tung aus­ge­sprochen haben mag: Sekunde. Aber dann steh ich schon wieder fest auf dem Boden, bin so groß wie zuvor, ein Irrtum natür­lich, nicht die Größe, aber dass ich sicheren Boden unter meinen Schuhen haben würde, weil ich doch abwärts rase, was ich am wan­dern­den Licht der Zahlen­rei­he, die sich neben der Kabi­nen­türe befind­et, erkenne. Außer­dem knis­tern meine Ohren und ich habe den Ein­druck, dass auch mit meinen Augen etwas anders gewor­den sein kön­nte, ein Dra­ma vielle­icht, das sich hier ger­ade zu ent­fal­ten begin­nt. Vor vier Wochen noch hat­te ich ein­mal im Aufzug einen Spazier­gang unter­nom­men, rasch, wie ein Tier in seinem Käfig hin und her, ich wollte mich sehen, wie ich im Fall­en zu gehen ver­mag, ein lustiger Anblick, nehme ich an, weil ich kurz darauf den Ein­druck hat­te, der kleine Wächter im Foy­er habe ein iro­nis­ches Lächeln im Gesicht getra­gen, vielle­icht weil er mich beobachtet hat­te mit­tels ein­er Kam­era, die sich in ein­er der oberen Winkel der Kabine befind­et. Selt­sam ist, man wird schein­bar nicht klein­er, wenn man das Erdgeschoss erre­icht, obwohl man doch sehr schnell langsamer wird, ges­taucht, meine ich, gepresst und diese Dinge. Ich habe weit­er­hin beobachtet, dass ich, indem ich den Aufzug ver­lasse, je eine leichte Linkskurve nehme, die so nicht geplant ist. Meine Sch­neck­engänge, meine Labyrinthe im Kopf, daran kön­nte es liegen. — stop
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manhattan transfer : ein wölkchen asche

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ulysses : 23.57 — Am späten Abend, die Luft war von selt­samer Milde, auf dem Prom­e­naden­deck des Fährschiffs Spir­it of Amer­i­ca der ersten Seebestat­tung meines Lebens beige­wohnt. Ein heim­lich­er Vor­gang, dessen Beobach­tung nur deshalb möglich gewe­sen war, weil mich der junge Mann und die junge Frau, die vom Bug des Schiffes her gekom­men waren, in den Nachtschat­ten nicht wahrgenom­men hat­ten. Sie standen für einige Minuten still in mein­er Nähe, sahen auf das Wass­er herab, das dunkel gewe­sen war, hiel­ten sich an den Hän­den und sprachen sehr leise. Sie sprachen so, als wür­den sie beten. Ein helles Wölkchen von Asche stieg in der Luft. Die junge Frau fasste in ihre Man­teltasche, sie warf ein Stück Papi­er in die Tiefe, dann Blu­men, Blüten, eine hand­voll Blüten die junge Frau, und eine hand­voll Blüten der junge Mann. Dann gin­gen sie langsam fort in die Rich­tung, aus der sie gekom­men waren. — stop

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delta : 0.08 — Eine kleine Geschichte habe ich rasch noch zu erzählen. Sie ver­fügt über kaum Hand­lung, eine Geschichte, die sich im Grunde Tag für Tag auf einem Fährschiff der Stat­en Island Fähren­flotte wieder­holen kön­nte. Auf diesem Schiff, das den Namen John F. Kennedys trägt, befind­et sich in der Mitte des Bridgedecks hin­ter einem Tre­sen ein kleines Ladengeschäft, das der Ver­sorgung der Reisenden dient, ein Ort, der leuchtet und blinkt, ein Ort, der nach Pop­corn duftet, nach Kaf­fee, nach gebraten­em Schinken und nach weit­eren Sub­stanzen, die ich bis­lang nicht iden­ti­fizieren kon­nte. Obst, Schoko­lade, Cook­ies, Bon­bons, auch Straßen­pläne Man­hat­tans, Feuerzeuge, Coca Cola, Zuck­er­wass­er in ver­schieden­sten Far­ben, Nüsse, geröstete Man­deln, was ich wäh­le, was ich wün­sche bekomme ich von einem Mann aus­ge­händigt, der sein­er Erschei­n­ung nach in Mex­i­co oder Nicaragua geboren wor­den sein kön­nte. Sein stois­ch­er Aus­druck ist mir sofort aufge­fall­en, lange Zeit habe ich ihn beobachtet, dieses Gesicht, das wirk­te, als würde es eine aus Tropen­holz geschnitzte, eine auf das Sorgfältig­ste bemalte Maske tra­gen, darin Augen, dun­kle, schim­mernde Knöpfe. Die Stimme des Mannes, die sich dort irgend­wo befind­en muss, habe ich bish­er nie gehört. Und ich habe nie gese­hen, dass er sich von seinem Platz fort­be­wegte, er ste­ht senkrecht hin­ter sein­er Ware, ein Mon­u­ment, das über sehr schnelle, sehr lange Arme ver­fügt, ja, es sind die Arme, das einzige was sich an diesem Mann bewegt sind seine Arme, diese Arme sind Hand­lung, sie sind eine Geschichte, sie sind erstaunlich, weil sie in der Geschwindigkeit der Chamäleonzun­gen nach Waren greifen. Ein­mal habe ich einen der Fotoap­pa­rat gekauft, die der Mann in seinem Sor­ti­ment für Touris­ten bere­i­thält. Der Appa­rat kostete sechs Dol­lar und der Film 8 Dol­lar. Das ist ein wirk­lich alt­modis­ch­er Film, ein­er, den man, um seine Bilder betra­cht­en zu kön­nen, entwick­eln muss. Ich habe den Mann nun mit genau diesem Fotoap­pa­rat fotografiert. Ich glaube, der Mann freute sich über meine Geste. Er schien unter der Maske seines Gesicht­es zu lächeln. Vielle­icht ahnte er zu diesem Zeit­punkt, dass ich ein­mal nach­se­hen werde, ob er lächelte, ein Geschenk für die Zukun­ft. Ende der Geschichte. — stop

physik

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alpha : 22.58 — Ist mein kleines Gehirn in den ver­gan­genen Wochen leichter oder ist es vielle­icht schw­er­er gewor­den. Wie viel Gramm? — stop

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roosevelt Island

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char­lie : 3.05 — Wie, zum Teufel, kommt dieser merk­würdi­ge Traum in meinen Kopf? War im Cen­tral Park auf der Suche nach einem großar­ti­gen Jaz­zposaunis­ten, nach Fred Wes­ley gewe­sen, verir­rte ich mich, spazierte plöt­zlich auf Roo­sevelt Island herum. Ich bin mir nicht ganz sich­er, aber ich glaube sehr fest daran, dass es sich um Roo­sevelt Island gehan­delt haben musste, weil ich mit ein­er Art Luft­gondel, ein­er Seil­bahn angekom­men war. Wahrhaftig eine herun­tergekommene Gegend, zer­fal­l­ene Gebäude, Müll, und Straßen, die teil­weise unter Wass­er standen. Ich wartete in einem Keller­lokal, auch hier Wass­er in Kniehöhe, hun­derte Tis­che. Man kon­nte in diesem Lokal vom Men­schen essen. Wenn man sich, nach Besich­ti­gung der Karte, entsch­ieden hat­te, kam ein Men­sch her­bei, von dem man pro­bieren kon­nte. Da waren Arm­men­schen mit köstlich schmeck­enden Armen, und da waren Bauch­men­schen mit köstlich schmeck­enden Bäuchen. Manche dieser Per­so­n­en sahen recht schreck­lich aus, weil bere­its häu­figer von ihnen abge­bis­sen wor­den war. Ich werde das jet­zt nicht weit­er aus­führen. Es ist Mon­tag. – stop

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meteoriten

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MELDUNG. Von Mete­oriten durch­schla­gen: Kioskdach, Via Mar­coni 5, 6 Uhr 08, 2 Gramm. Markise, Via dei Gia­r­di­ni, 5. Etage, 6 Uhr 9, 0.6 Gramm. Motorhaube, Cit­ta Vec­chia 2, 6 Uhr 10, 0.7 Gramm. Zu Sterz­ing, auch Vip­iteno. Alle Feuers­brün­ste sind gelöscht. — stop

PRÄPARIERSAAL : schwärme

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tan­go : 1.16 — Gestern, Punkt 10 Uhr abends, habe ich meine anatomis­che Ton­band­mas­chine wieder ange­wor­fen. Ich hörte eine Auf­nahme, die ich mit der Beschrif­tung No 87 verse­hen hat­te. Lei­der kon­nte ich mich nicht erin­nern, wo das Doku­ment aufgenom­men wor­den sein kön­nte, weil ich ver­säumte, Zeit und Ort des Gesprächs, sowie den Namen der sprechen­den Per­son zu notieren. Eine Frauen­stimme war zu hören und das Zwitsch­ern von Vögeln. Die Stimme sprach sehr schnell, als ob sie den Vögeln nacheifern wollte. Mehrfach musste ich die Auf­nahme in einem ersten Durch­gang anhal­ten und wieder­holen, um ver­ste­hen oder erah­nen zu kön­nen, was die Stimme gesagt hat­te. Ich habe ihr einen pro­vi­sorischen Namen gegeben. Melanie erzählt: > Es ist eine aufre­gende Zeit. Da sind Schwärme von Gedanken, Geräuschen, Bildern, Gerüchen in meinem Kopf. Ich kann sie jed­erzeit her­vor­holen. Manch­mal kom­men sie von selb­st. Unge­fragt. Vielle­icht darum, weil ich etwas Beson­deres erlebe. Oft habe ich schon den Ver­such unter­nom­men, von meinen Erfahrun­gen zu bericht­en. Ich habe das Gespräch gesucht, Sie ver­ste­hen, ich bin stolz, der Auf­gabe gewach­sen zu sein. Deshalb erzäh­le ich mit Begeis­terung. Ich habe zum Beispiel davon erzählt, dass ich sehr gerne an Muskeln prä­pariere. Ich habe von der luzi­den, perl­mut­t­far­be­nen Haut berichtet, die Muskeln umgibt. Ich habe von der Befriedi­gung erzählt, die ich empfinde, wenn ich einen Muskel voll­ständig freigelegt habe, wenn ich den Muskel begreifen kon­nte, seinen Ursprung und seinen Ansatz erken­nen. Ich habe, während ich erzählte, mit meinen Hän­den voraus­gear­beit­et, habe mit meinen Hän­den auf dem Tisch Bewe­gun­gen aus­ge­führt, als wartete dort eine Struk­tur, die ich noch rasch prä­pari­eren sollte. Han­dar­beit, sagte ich, wenn du eine gute Ärztin sein willst, musst du zunächst eine gute Handw­erk­erin sein. Wenn du nicht Hand anle­gen willst an einen Men­schen, ist alle Mühe nicht wert. Eine Pro­fes­sorin erk­lärte ein­mal: Seien Sie neugierig. Ver­fol­gen Sie die Struk­turen weit­er bis zu ihrem Ende. Glauben Sie nichts, prüfen Sie, ob das, was in den Anatomiebüch­ern ste­ht, wirk­lich stimmt. Sehen Sie nach und sie wer­den mit Struk­turen belohnt. — Ja, es ist aufre­gend. Eine Assis­tentin notierte eine wun­der­bare Geschichte für mich. Das war an dem Tag gewe­sen, als Gehirne ent­nom­men wor­den waren. Da sei eine Kol­le­gin durch den Saal auf sie zugekom­men und habe ihr ein Gehirn in die Hände gelegt. Sie wollte ihr eine erste Erfahrung schenken, und sie wollte in diesem bedeu­ten­den Moment an ihrer Seite sein. Das Gehirn, ihr erstes Gehirn, sei uner­wartet schw­er gewe­sen. Sie erin­nerte sich gut an ihre Sorge, sie kön­nte das Gehirn fall­en lassen. Sie habe in diesem Augen­blick daran gedacht, dass sie eine ganz Welt in Hän­den halte, Träume eines Lebens, Bilder, Sätze, Wörter, Wörter, die nie wieder erre­ich­bar sein wer­den. – stop

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