steinuhren

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delta : 0.01 — Wieder die Fra­gen: Existieren stein­erne Uhrw­erke, die aufziehbar sind? Welche Gesteine präzise wür­den als Uhrw­erk­fed­ern dienen? Wie schw­er oder leicht wür­den stein­erne Uhrw­erke sein? Wären diese Uhren trag­bare Uhren? Wären sie genau? Kön­nte ein Men­sch sie mit der Kraft seines Kör­pers bewe­gen? — stop

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ferry tales

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echo : 0.05 — Vielle­icht ist das so, dass sich die Seele eines Ortes auf Wörter überträgt, wenn diese Wörter an dem Ort, von dem sie erzählen, geschrieben wer­den in ein­er län­geren Zeit der Beobach­tung. Ich sehe, höre, schmecke, füh­le, was ich nicht erfind­en kann. Oder ich erfinde, was ich nur an diesem Ort arbei­t­end zu erfind­en ver­mag. Ja, so kön­nte das sein.  — stop
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romeo : 0.32 — Ich erin­nere mich, vor einem Jahr, an einem Som­mer­abend, saß mein Vater auf einem Stuhl in seinem Garten. Vor ihm stand ein klein­er Tisch und auf diesem Tisch eine Flasche Wass­er mit einem Drehver­schluss. Ich glaubte, dass mein Vater mich nicht bemerk­te. Er schien mit der Flasche zu sprechen. Er beugte sich vor, hielt die Flasche mit der einen Hand fest, während er mit der anderen Hand an ihrem Ver­schluss drehte. Aber die Flasche war nicht leicht festzuhal­ten gewe­sen, ver­mut­lich deshalb, weil sich die Feuchte der Luft auf ihr niedergeschla­gen hat­te. Also lehnte sich mein Vater wieder auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich nehme an, er wird eingeschlafen sein. Als er wieder erwachte, war ich noch immer da und auch die Flasche stand noch auf dem Tisch. Mein Vater beugte sich vor, nahm die Flasche und drehte an ihrem Ver­schluss. Erneut schien er sich mit der Flasche zu unter­hal­ten, ohne aber die richti­gen Worte zu find­en, weil die Flasche sich noch immer dage­gen wehrte, geöffnet zu wer­den. Also lehnte sich mein Vater erneut zurück, er schüt­telte den Kopf. In diesem Moment schwebte eine Libelle über den Tisch. Sie betra­chtete meinen Vater, set­zte sich auf den Ver­schluss der Flasche und fal­tete ihre Flügel. Ein Moment der Stille, des Friedens. Ein paar Zikaden waren zu hören, son­st nichts. Mein Vater war bald wieder eingeschlafen, es wurde dunkel und die Libelle ver­schwand. Als er erwachte, saß ich vor ihm. Ich hat­te die Flasche für ihn geöffnet und ein Glas mit Wass­er gefüllt. Mein Vater erzählte, dass er sich gewun­dert habe, warum er die Flasche nicht öff­nen kon­nte, er habe sie doch selb­st zuge­dreht. — stop

die stimme meines Vaters

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ulysses : 22.18 — Im Som­mer des Jahres 2007, während ich ger­ade an mein­er Birdy­mas­chine arbeit­ete, tele­fonierte ich mit meinem Vater. Es war eine warme Zeit gewe­sen, die Fen­ster im weit ent­fer­n­ten Arbeit­sz­im­mer standen offen. Ich hörte über eine Tele­fon­leitung, die ver­mut­lich durch den Wel­traum führte, Vögel im Garten pfeifen. Und da war noch etwas anderes, da waren Funkgeräusche und der Gesang der Wale und ein Raspeln, das Stim­mgeräusch Birdys. Ich erin­nere mich, mein Vater beobachtete in jen­em Som­mer Birdy täglich stun­den­lang vor seinem Com­put­er sitzend. Sobald er einen Fehler bemerk­te, meldete er den Fehler unverzüglich an mich weit­er. Er nahm in dieser zeitlichen Nähe Instru­mente der kleinen Erzählmas­chine wahr, die ich ger­ade erst in Betrieb genom­men hat­te. Von jed­er Ent­deck­ung berichtete er in ein­er Weise, als ob er der erste Men­sch gewe­sen sei, der sie zu Gesicht bekom­men hat­te, aufgeregt, kom­men­tierend, fra­gend. Ein san­fter Gedanke an einem Tag, da ich seit weni­gen Stun­den weiß, dass ich die Stimme meines Vaters nie wieder hören werde. — stop
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stift

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echo : 5.01 — Ich hat­te vor weni­gen Tagen einen angenehmen Traum. Wenn ich kön­nte, würde ich diesen Traum gern wieder­holen. Deshalb habe ich den Traum in ein Notizbuch notiert, und zwar mit der Hand, damit ich das Schreiben mit einem wirk­lichen Bleis­tift nicht ver­lerne. Es existieren näm­lich Bleis­tifte in mein­er Arbeit­sat­mo­sphäre, die sich auf Bild­schir­men befind­en, die nicht wirk­liche Bleis­tifte sind, son­dern dig­i­tale Fig­uren, die man niemals spitzen muss. Mit diesen dig­i­tal­en Wesen kann in Notizbüch­er geschrieben wer­den, die gle­ich­wohl nicht wirk­lich sind. Auch die Schrift, die man erzeugt, ist nicht wirk­lich Schrift, son­dern Malerei, ein gemaltes e, ein gemaltes m, ein gemaltes z. Ich hat­te also einen Traum, der mir gefiel. Der Traum befind­et sich hand­schriftlich niedergelegt in einem Notizbuch, das unter meinem Kopfkissen liegt. Mehr kann ich im Moment nicht tun, als vor dem Schlaf im Notizbuch zu lesen und zu hof­fen, dass der Traum wieder zu Besuch kom­men wird. — stop
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das licht eines nahenden todes

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char­lie : 15.14 — Wie ein nahen­der Tod in den Bewe­gun­gen der Men­schen auf Hos­pi­talfluren, in Gesprächen, Nachricht­en, Tele­fonat­en, auch in den Blick­en pfle­gen­der Schwest­ern und behan­del­nder Ärztin­nen nach und nach erscheint. Das Licht des kom­menden Endes wird sicht­bar im Leis­er­w­er­den der Stimme des Ster­ben­den, ein Mund, der sich öffnet wie der Mund eines jun­gen Vogels, nach Luft suchend, nach etwas Wass­er, Tee, Aprikose. Let­zte zärtliche Berührun­gen, die Küh­le der Glieder, wan­dernde Far­ben der Haut, liebevolle Sätze von Dank, Kla­gen, Weinen, Gebete. Ja, das Licht eines nahen­den Todes erscheint nach und nach unaufhalt­sam wie das Licht der Far­ben auf ein­er Polaroid­fo­tografie erscheint. — stop

trillerpfeife

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alpha : 8.25 — Vor einem Jahr im Früh­ling, während eines Spazier­ganges, erzählte eine Fre­undin vom Tod ihres Vaters. Dass sie sich lange Zeit vor­bere­it­et habe. Ihn manch­mal betra­chtete, als sei er schon nicht mehr anwe­send, eine Vorstel­lung, eine Erin­nerung. Sie habe ihn dann berührt, um sich zu ori­en­tieren. In den let­zten Jahren seines Lebens habe ihr Vater vor allem geschlafen. Er kon­nte die Berge vor seinem Fen­ster nicht mehr sehen, obwohl er noch gute Augen hat­te, eine Bewe­gung, als würde er seinen Blick nach innen richt­en. Als dann der Vater tat­säch­lich gestor­ben war, sei nichts so gewe­sen wie sie es sich aus­ge­malt hat­te. Man könne sich, sagte sie, nicht vor­bere­it­en, es sei ein sehr merk­würdi­ges Gefühl, ein Pas­sagenge­fühl, wie auf ein­er wilden Schaukel fliegend. – Die Schuhe meines Vaters an diesem Mor­gen. Der Ses­sel, in dem er saß. Sein Fotoap­pa­rat. Seine Com­put­er­mas­chine. Sein Radio. Seine Brille. Die Trillerpfeife, mit welch­er er uns um Hil­fe rufen kon­nte. Seine Uhr. — stop
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apollo

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ulysses : 0.05 — Im Alter von drei Jahren liege ich auf warmem Land, das atmet. Bald fliege ich durch die Luft, schwebe über dem Bauch meines Vaters und lache, weil ich gek­itzelt werde. Meine Stimme, meine kindliche Stimme. Und da sind eine hölz­erne Eisen­bahn, das Licht der Dio­den, dampfend­es Zinn, Lochkarten ein­er Com­put­er­mas­chine und die Geheimnisse der Alge­brabüch­er, die der Junge von sechs Jahren noch nicht entz­if­fern kann. Aber Forsch­er, wie der Vater, will er schon wer­den, weshalb er die Schneespuren der Amseln, der Finken, der Drosseln in ein Schul­heft notiert. Zu jen­er Zeit drifteten Men­schen bere­its in Gem­i­nikapseln durch den Wel­traum, um das Stern­reisen zu üben. Nur einen Augen­blick später waren sie schon auf dem Mond gelandet, in ein­er Nacht, ein­er beson­deren Nacht, in der ersten Nacht, da der Junge von seinem Vater zu ein­er Stunde geweckt wurde, als noch wirk­lich Nacht war und nicht schon hal­ber Mor­gen. Die zwei Män­ner, der kleine und der große Mann, saßen vor einem Fernse­hgerät auf einem weichen Tep­pich und schaut­en einen schwarzweißen Mond an und lauscht­en den Stim­men der Astro­naut­en. Man sprach dort nicht Englisch auf dem Mond, man sprach Amerikanisch und immer nur einen Satz, dann piep­ste es, und auch der Vater piep­ste aufgeregt, als sei er wieder zu einem Kind gewor­den, als sei Wei­h­nacht­en, als habe er ger­ade eben ein neues Teilchen im Atom ent­deckt. In jen­er Nacht, in genau der sel­ben beson­deren Nacht, saß zur gle­ichen Minuten­stunde irgend­wo im Süden der Dichter Giuseppe Ungaret­ti vor einem Fernse­hgerät in einem Ses­sel und deutete in Rich­tung des Geschehens fern auf dem Tra­ban­ten auf der Bild­schirm­scheibe, auf einen Astro­naut­en, wie er ger­ade aus der Lan­de­fähre klet­tert, oder habe ich da etwas in meinem Kopf ver­schoben? Sich­er ist, auf jen­em Fernse­hgerät, vor dem Ungaret­ti Platz genom­men hat­te, waren drei weit­ere, kleinere Appa­rate abgestellt. Alle zeigten sie dieselbe Szene. Echtzeit. Giuseppe Ungaret­ti war begeis­tert, wie wir begeis­tert waren. Ja, so ist das gewe­sen, wie heute, viele Jahre später. – stop
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uhrwesen

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fox­trott : 0.05 — In der linken Hand halte ich Ilja Trojanow’s Roman Eis­tau fest, an der recht­en Hand sitzt die Küh­le der Uhr meines Vaters. Ich habe sie zur Probe angelegt. Vor zwei Wochen war sie noch an sein­er Hand gewe­sen. Es ist erstaunlich, die Uhr geht noch immer auf die Sekunde genau, wie seit vie­len Jahren schon. Immer dann, wenn ich sie betra­chte, meine ich, die Zeit als ein eigensin­niges Wesen zu sehen, die Zeit meines Vaters, die sich ohne ihn fort­set­zt. Ich gehe mit den Augen durch das Zim­mer spazieren. An den Wän­den Bilder, die Lebende und Tote zeigen. Und dieser Regen. Sand­warm und müde. — stop

perlboote

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india : 0.02 — Auf der Suche nach Behäl­terkon­struk­tio­nen, in welchen Perl­boote der Gat­tung Nau­tilus durch eine große Stadt trans­portiert wer­den kön­nten, ohne dass die Meer­estiere Schaden nehmen wür­den, auf eine Web­site gestoßen, die unter dem Namen Louis Benett fol­gende Zeichen­folge ver­merkt: mem­ber since mon­day, 30 jan­u­ary 2012 20.00 / last online > nev­er logged in / pro­file views : 158 – stop. Selt­same Geschichte. Die Spur eines über­aus vor­sichti­gen Ver­hal­tens vielle­icht, ein Zögern. – Mit­ter­nacht. stop. — Ben­ny Good­man. — stop

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nachtbienen

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himalaya : 0.01 — Mor­gens höre ich wie das Radio angeschal­tet wird unten im Wohnz­im­mer, unten in der Küche. Eine Stimme erzählt von Pablo Neru­da. Die Stimme wird immer wieder von Musik unter­brochen, von fein­er indi­an­is­ch­er Musik. Das sind Geräusche wie früher, Geräusche in der Stille der ver­gan­genen Tage, wohltuend, eine Verbindung zur Welt, die sich fort­set­zt, unwirk­lich noch. Im Garten blühen Tulpen, rot, gelb, blau, orange. Man müsste ein­mal Blu­men erfind­en, die nachts ihre Blüten öff­nen und leucht­en, Nacht­bi­enen, Nachtli­bellen, Nachtwe­spen, Nachthum­meln. — stop

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am telefon

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romeo : 0.03 — Ich hat­te vorgestern mit einem Amt tele­foniert. Ich saß auf einem Stuhl und verze­ich­nete in einem Notizblock, welche Papiere das Amt benötigt, um entschei­den zu kön­nen, was nun von amtlich­er Seite her zu tun ist, nach­dem mein Vater nicht mehr lebt. Ich hörte die Stimme ein­er jun­gen Frau, sie sagte: Haben sie schon eine Ster­beurkunde erhal­ten? Wenn sie eine Ster­beurkunde erhal­ten haben, senden sie uns das Doku­ment bitte zu, damit wir nachvol­lziehen kön­nen, dass ihr Vater gestor­ben ist. Solange wir ihre Urkunde nicht erhal­ten haben, ver­ste­hen sie, ist ihr Vater den Fak­ten nach noch am Leben. Ich schick­te ein leis­es Lachen durchs Tele­fon, ein leis­es Lachen kehrte von der anderen Seite her zurück. Gestern nun tele­fonierte ich wiederum mit der jun­gen Frau vom Amt. Ich teilte ihr mit, dass ich das Doku­ment zu ihr hin abgeschickt haben würde. Ein sehr selt­samer Moment. Ich war, während ich tele­fonierte, wieder ein­mal in der Lage gewe­sen, meinen Vater zu sehen, wie er vor­sichtig, Schritt um Schritt, die Treppe herun­terkommt. Ich presste den Tele­fon­ap­pa­rat an mein recht­es Ohr, mit dem linken Ohr erwartete ich, dass die Stimme meines Vaters in der näch­sten Sekunde hör­bar wer­den würde. — stop

luftsterne

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echo : 0.02 — Im Reisep­a­ss meines Vaters befind­en sich seit weni­gen Stun­den ges­tanzte Stern­for­men von Luft, durch die man hin­durch­se­hen kann. Dinge wer­den leichter, Men­schen wer­den schw­er­er. Vielle­icht ist das so, dass ich in der Trauer nicht allein Abschied nehme von einem Men­schen, der gestor­ben ist, son­dern auch von sein­er Welt, ein­er Welt, in der dieser Men­sch mit anderen Men­schen viele Jahre lebte. Ich muss mich selb­st neu erfind­en. – stop

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luftzungen

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nord­pol

~ : louis
to : daisy und vio­let hilton
sub­ject : LUFTZUNGEN

Liebe Daisy, liebe Vio­let! Was für ein stür­mis­ch­er Mor­gen hier bei uns in Mit­teleu­ropa. Wet­ter, wie ich es mir wün­sche in diesen Tagen. Eiskörn­er pfeifen durch die Luft, Wolk­endäm­merung. Ich ver­mute, Ihr werdet bemerkt haben, mein Vater ist gestor­ben. Drei Stun­den war ich noch an seinem Bett gewe­sen, habe von Bildern eines nahen Sees berichtet, den ich vom Zim­mer des Hos­pi­tals aus sehen kon­nte. Ein Schaufel­rad­dampfer fuhr hin und her, der Wind schrieb mit Luftzun­gen schim­mernde Spuren ins Wass­er, Möwen segel­ten über den Ufer­bäu­men. Wie mein Vater gestor­ben ist, war es noch hell, die Sonne nicht unterge­gan­gen, weiß der Him­mel, ob er sie zu erken­nen ver­mochte, sein Blick war ein Blick, wie ich meinte, der schon nach innen sich richtete. Wenn ich Euch sage, es ist nicht wirk­lich begreif­bar, nicht wirk­lich fühlbar, dass ein geliebter Men­sch nie wieder neben uns am Tisch sitzen wird, werdet Ihr vielle­icht ver­ste­hen, wovon ich spreche. Dieses Niewieder macht einen Ein­druck von Unwirk­lichkeit, von Unwirk­samkeit, als würde man ver­suchen, eine Trompete vom Schall­bech­er her zu bespie­len. Und doch, nach und nach werde ich ruhiger, ich schlafe gut, träume selt­same Geschicht­en. Ja, so ist das, liebe Daisy, liebe Vio­let. Was machen die Sim­mons? Ist alles ok? Ahoi – Euer Louis — stop

gesendet am
22.04.2012
7.05 MEZ
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louis to daisy and vio­let »

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windrad

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bamako : 8.05 — Auf mein­er let­zten Ruh­estätte kön­nt ein­mal ein Win­drad stehn. Das Rad würde, in dem es sich drehte, Strom erzeu­gen. Mit­tels eines Kabels würde dieser Strom zu ein­er Bat­terie unter die Erde geführt. Sobald nun durch kräftige Winde aus­re­ichende Men­gen von Strom gesam­melt sein wer­den, würde sich ein Musik­ab­spiel­gerät in Bewe­gung set­zen, um etwas Char­lie Park­er oder Ben­ny Good­man zu spie­len. Eine reizende Vorstel­lung. Ob man vom Musikgeräusch etwas vernehmen kön­nte an der Erdober­fläche? Wie wür­den Eich­hörnchen reagieren? Ob sie sich vielle­icht um die Musik, die aus dem Boden kommt, ver­sam­meln wer­den? All diese Fra­gen. — stop

fliegende brillen

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alpha : 17.03 – Heu­te Mor­gen, war noch dun­kel im Haus, hör­te ich ein sir­ren­des Geräusch. Das Geräusch näher­te sich über die Trep­pe abwärts. Zunächst war nichts zu sehen, dann aber eine der Bril­len mei­ner Mut­ter, die seit dem Vor­abend über zar­te Roto­ren ver­fü­gen, wel­che in der Lage sind, Bril­len­kon­struk­tio­nen bis hin zu einem Gewicht von 80 Gramm in die Luft zu heben, sie vor­wärts zu bewe­gen oder rück­wärts durch Räu­me oder den Gar­ten. Lang­sam durch­quer­te die Bril­le den Raum, kreis­te ein­mal um mei­nen Kopf, und lan­de­te schließ­li­ch san­ft auf dem Ess­ti­sch in der Nähe des Stuh­les, auf dem mei­ne Mut­ter sitzt, sobald sie ihr Früh­stück zu sich neh­men möch­te. Über drei Bril­len ver­fügt mei­ne Mut­ter, und jede die­ser Bril­len kann nun flie­gen. Eine Bril­le wur­de im Dach­ge­schoss sta­tio­niert, eine wei­te­re Bril­le im Erd­ge­schoss, die drit­te zu ebe­ner Erde. Wenn nun Mor­gen wird, zu ein­er Zeit, da fast alle Men­schen noch schla­fen, erwa­chen vor den Vögeln bere­its die Bril­len mei­ner Mut­ter. Sie begin­nen zu blin­ken, Dio­den in gel­ber Far­be, Zei­chen, dass sie sich mit­tels Funk­si­gna­len ori­en­tie­ren. Bald flie­gen sie los, die Dach­ge­schoss­bril­le ins Dach­ge­schoss, die Bril­le der ers­ten Eta­ge in die ers­te Eta­ge, die Bril­le des Erd­ge­schos­ses ins Erd­ge­schoss. Das Suchen hat nun ein Ende, alles wird gut! – stop

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manhattan

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MELDUNG. Man­hat­tan, Lex­ing­ton Avenue 822, 28. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 1552 [ Mar­mor, Car­rara : 6.07 Gramm ] vol­len­det. — stop
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radio

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char­lie : 0.15 — Er habe, erzählte mein Vater, kurz nach dem Krieg ein Radio gebaut, einen Kurzwellen­empfänger, um die Sender der amerikanis­chen Befreiungsarmee emp­fan­gen zu kön­nen. Er hoffte Ben­ny Good­man hören zu kön­nen, Gene Kru­pa, Glenn Miller, Duke Elling­ton, alle jene großar­ti­gen Musik­er. An diese Geschichte erin­nerte ich mich, während ich gestern durch den war­men Tag spazierte, Spin­nen seil­ten von den Bäu­men, Spechte mit roten Köpfen segel­ten über die Wege am Fluss, Dio­den, Wider­stände, der Geruch von Zinn, das Glim­men ein­er Lötkol­ben­spitze. Plöt­zlich die Vorstel­lung, mein Vater kön­nte in den Stun­den meines Spazier­ganges irgend­wo da oben jen­seits der Baumkro­nen in einem hellen Zim­mer sitzen, auf einem weißem Stuhl an einem weißen Tisch. Wie er sich nach vorne beugt, wie er ein Radio kon­stru­iert, einen sen­si­blen Detek­tor, um unsere dies­seit­i­gen Stim­men wahrnehmen zu kön­nen. Dampf stieg auf, ein heller, dün­ner Faden. Kaum hun­dert Meter war ich weit­ergekom­men, da war aus der Vorstel­lung eines Radios die Hoff­nung eines Funkgerätes gewor­den. — stop

subnautilus aquarius

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himalaya : 0.05 — Nach viel­stündi­ger, konzen­tri­ert­er Arbeit ist die Erfind­ung ein­er weit­eren Gat­tung schaukel­nder Perl­boote endlich denkbar gewor­den. Sub­nau­tilus aquar­ius, Geschöpf reinen Wun­sches. Wesentliche Merk­male kurz notiert: Perl­boote der Gat­tung Sub­nau­tilus aquar­ius leben auss­chließlich in Süss­wasserumge­bung, vornehm­lich in flachen Gewässern, das heißt, in Gewässern bis fünf Meter Tiefe. Tem­per­a­turen jen­seits 30° Cel­sius (doch unter 40° Cel­sius) sind Voraus­set­zung, um höheres Alter erre­ichen zu kön­nen. Größe in Reife: 150 mm. Gassteuerung sowohl auf-, als auch abwärts. Äußere Hülle: Arag­o­nit. Innere Hülle: Perl­mutt. Fan­garme: 120. Perl­boote der Gat­tung Sub­nau­tilus aquar­ius gebi­eten weit­er­hin über die Fähigkeit, Licht zu erzeu­gen in vielfälti­gen Far­ben. Algen (5 bis 8 Gramm pro Tag), aber auch Schup­pen men­schlich­er Haut, wer­den bevorzugt aus dem Wass­er genom­men. Man kann hören. — stop

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von den glücksgeräuschen der froschvögel

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ulysses : 4.18 — Früher Mor­gen. Wind­stille. Licht noch schwach. Die Luft ist kühl gewor­den über die Nacht. Vor dem Teich im Garten die Spuren mein­er Füße im Gras. Am Ufer des kleinen Sees ruht ein Molch, äußerst langsam geht sein Herz­schlag, da muss doch ein Geräusch zu hören sein. Ich erin­nere mich, gestern wurde die Ent­deck­ung ein neues Teilchens im Atom bekan­nt­gegeben. Das Teilchen trägt den Namen: Xi_b^*0. Hätte ich von sein­er Ent­deck­ung nicht gele­sen, wäre ich in der Beobach­tung mein­er Hand, die auf meinem Knie ruht, nicht so aufmerk­sam wie an diesem frühen Mor­gen. Ich frage mich, wie viele Teilchen der Beze­ich­nung Xi_b^*0 sich in mein­er halb­schlafend­en Hand wohl befind­en mögen, wie alt sie sind und woher sie vielle­icht gekom­men waren. Es ist still am Mor­gen heute. Die Amseln schlafen noch. Ein Wasser­läufer über­quert den Teich. In diesem Moment bemerke ich ein bal­lonar­tiges Wesen, das hoch über mir am Him­mel schwebt. Es nähert sich langsam, in dem es tiefer kommt. Das Wesen ist hell, es ist weiß, es ver­fügt über Flügel, die sich sehr schnell bewe­gen, Füh­ler­au­gen, wie die Augen der Lun­gen­sch­neck­en, es ist ein Vogel. Der Vogel scheint den See unter ihm aufmerk­sam zu betra­cht­en. Jet­zt öffnet sich sein Bauch an erd­na­her Stelle, ein Mund spitzt seine fahlrosa Lip­pen, Beu­tel fall­en her­aus aus diesem Mund, sie schla­gen hohe Wellen im Teich. Der Molch ver­schwindet im Gras, Wasser­läufer, die bewe­gungs­los an Seerosen­blattspitzen däm­merten, flitzen auf und davon. Jene Beutelchen, das kann ich von mein­er Posi­tion aus gut erken­nen, die aus dem Vogel her­aus­ge­fall­en sind, haben sich geöffnet, Kaulquap­pen, tausende, schwär­men nach allen Rich­tun­gen aus. Noch immer schwebt der Vogel über mir über dem See über der Wiese. Ein faszinieren­des Geräusch ist von seinem Kör­p­er her zu vernehmen, ein Hupen, das Trompe­tengeräusch eines Zwergele­fan­ten. Es ist nun denkbar, dass ich als erster Men­sch die Glücks­geräusche der Froschvögel wahrgenom­men habe. — stop

für meine Mut­ter, 
für meinen Vater

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ameisengesellschaft ln — 788

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MELDUNG. Ameisen­ge­sellschaft LN — 788 [ lasius niger ] : Posi­tion 48°21’N 07°01’O : Fol­gende Objek­te wur­den von 18.00 — 18.55 Uhr MESZ über das südöstliche Wen­del­por­tal ins Waren­haus einge­führt : sechs trock­ene Fliegen­tor­si mit­tlerer Größe [ je ohne Kopf ], achtzehn Baum­stämme [ à 5 Gramm ], elf Rau­pen in Grün, zweiundzwanzig Rau­pen in Orange, zwei Insek­ten­flügel [ ver­mut­lich die eines Zitro­nen­fal­ters ], drei Stre­ich­holzköpfe [ à 2 Gramm ], vier Fliegen der Gat­tung Cal­liphori­dae in vollem Saft, son­nengetrock­nete Rosen­blät­ter [ ca. 100 Gramm ], sechs Sch­neck­en­häuser [ je ohne Sch­necke ], drei gelähmte Sch­neck­en [ je ohne Haus ], 1162 Ameisen anliegen­der Staat­en [ betäubt oder tranchiert ], acht Rüs­selkäfer [ blautürkise ], die Aaskugel eines Pil­len­drehers, wenig später der Pil­len­dreher selb­st, eine Wild­bi­ene, ein Mod­ell­flugzeu­greifen [ Spaceshut­tle Dis­cov­ery ] 12 Gramm. — stop

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