steinuhren

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delta : 0.01 – Wieder die Fragen: Exis­tieren stei­nerne Uhrwerke, die aufziehbar sind? Welche Gesteine präzise würden als Uhrwerk­fe­dern dienen? Wie schwer oder leicht würden stei­nerne Uhrwerke sein? Wären diese Uhren trag­bare Uhren? Wären sie genau? Könnte ein Mensch sie mit der Kraft seines Körpers bewegen? – stop

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ferry tales

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echo : 0.05 – Viel­leicht ist das so, dass sich die Seele eines Ortes auf Wörter über­trägt, wenn diese Wörter an dem Ort, von dem sie erzählen, geschrieben werden in einer längeren Zeit der Beob­ach­tung. Ich sehe, höre, schmecke, fühle, was ich nicht erfinden kann. Oder ich erfinde, was ich nur an diesem Ort arbei­tend zu erfinden vermag. Ja, so könnte das sein.  – stop
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romeo : 0.32 – Ich erin­nere mich, vor einem Jahr, an einem Sommer­abend, saß mein Vater auf einem Stuhl in seinem Garten. Vor ihm stand ein kleiner Tisch und auf diesem Tisch eine Flasche Wasser mit einem Dreh­ver­schluss. Ich glaubte, dass mein Vater mich nicht bemerkte. Er schien mit der Flasche zu spre­chen. Er beugte sich vor, hielt die Flasche mit der einen Hand fest, während er mit der anderen Hand an ihrem Verschluss drehte. Aber die Flasche war nicht leicht fest­zu­halten gewesen, vermut­lich deshalb, weil sich die Feuchte der Luft auf ihr nieder­ge­schlagen hatte. Also lehnte sich mein Vater wieder auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich nehme an, er wird einge­schlafen sein. Als er wieder erwachte, war ich noch immer da und auch die Flasche stand noch auf dem Tisch. Mein Vater beugte sich vor, nahm die Flasche und drehte an ihrem Verschluss. Erneut schien er sich mit der Flasche zu unter­halten, ohne aber die rich­tigen Worte zu finden, weil die Flasche sich noch immer dagegen wehrte, geöffnet zu werden. Also lehnte sich mein Vater erneut zurück, er schüt­telte den Kopf. In diesem Moment schwebte eine Libelle über den Tisch. Sie betrach­tete meinen Vater, setzte sich auf den Verschluss der Flasche und faltete ihre Flügel. Ein Moment der Stille, des Frie­dens. Ein paar Zikaden waren zu hören, sonst nichts. Mein Vater war bald wieder einge­schlafen, es wurde dunkel und die Libelle verschwand. Als er erwachte, saß ich vor ihm. Ich hatte die Flasche für ihn geöffnet und ein Glas mit Wasser gefüllt. Mein Vater erzählte, dass er sich gewun­dert habe, warum er die Flasche nicht öffnen konnte, er habe sie doch selbst zuge­dreht. – stop

die stimme meines Vaters

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ulysses : 22.18 – Im Sommer des Jahres 2007, während ich gerade an meiner Birdy­ma­schine arbei­tete, tele­fo­nierte ich mit meinem Vater. Es war eine warme Zeit gewesen, die Fenster im weit entfernten Arbeits­zimmer standen offen. Ich hörte über eine Tele­fon­lei­tung, die vermut­lich durch den Welt­raum führte, Vögel im Garten pfeifen. Und da war noch etwas anderes, da waren Funk­ge­räu­sche und der Gesang der Wale und ein Raspeln, das Stimm­ge­räusch Birdys. Ich erin­nere mich, mein Vater beob­ach­tete in jenem Sommer Birdy täglich stun­den­lang vor seinem Computer sitzend. Sobald er einen Fehler bemerkte, meldete er den Fehler unver­züg­lich an mich weiter. Er nahm in dieser zeit­li­chen Nähe Instru­mente der kleinen Erzähl­ma­schine wahr, die ich gerade erst in Betrieb genommen hatte. Von jeder Entde­ckung berich­tete er in einer Weise, als ob er der erste Mensch gewesen sei, der sie zu Gesicht bekommen hatte, aufge­regt, kommen­tie­rend, fragend. Ein sanfter Gedanke an einem Tag, da ich seit wenigen Stunden weiß, dass ich die Stimme meines Vaters nie wieder hören werde. – stop
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stift

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echo : 5.01 – Ich hatte vor wenigen Tagen einen ange­nehmen Traum. Wenn ich könnte, würde ich diesen Traum gern wieder­holen. Deshalb habe ich den Traum in ein Notiz­buch notiert, und zwar mit der Hand, damit ich das Schreiben mit einem wirk­li­chen Blei­stift nicht verlerne. Es exis­tieren nämlich Blei­stifte in meiner Arbeits­at­mo­sphäre, die sich auf Bild­schirmen befinden, die nicht wirk­liche Blei­stifte sind, sondern digi­tale Figuren, die man niemals spitzen muss. Mit diesen digi­talen Wesen kann in Notiz­bü­cher geschrieben werden, die gleich­wohl nicht wirk­lich sind. Auch die Schrift, die man erzeugt, ist nicht wirk­lich Schrift, sondern Malerei, ein gemaltes e, ein gemaltes m, ein gemaltes z. Ich hatte also einen Traum, der mir gefiel. Der Traum befindet sich hand­schrift­lich nieder­ge­legt in einem Notiz­buch, das unter meinem Kopf­kissen liegt. Mehr kann ich im Moment nicht tun, als vor dem Schlaf im Notiz­buch zu lesen und zu hoffen, dass der Traum wieder zu Besuch kommen wird. – stop
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das licht eines nahenden todes

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charlie : 15.14 – Wie ein nahender Tod in den Bewe­gungen der Menschen auf Hospi­tal­fluren, in Gesprä­chen, Nach­richten, Tele­fo­naten, auch in den Blicken pfle­gender Schwes­tern und behan­delnder Ärztinnen nach und nach erscheint. Das Licht des kommenden Endes wird sichtbar im Leis­er­werden der Stimme des Ster­benden, ein Mund, der sich öffnet wie der Mund eines jungen Vogels, nach Luft suchend, nach etwas Wasser, Tee, Apri­kose. Letzte zärt­liche Berüh­rungen, die Kühle der Glieder, wandernde Farben der Haut, liebe­volle Sätze von Dank, Klagen, Weinen, Gebete. Ja, das Licht eines nahenden Todes erscheint nach und nach unauf­haltsam wie das Licht der Farben auf einer Pola­roid­fo­to­grafie erscheint. – stop

trillerpfeife

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alpha : 8.25 – Vor einem Jahr im Früh­ling, während eines Spazier­ganges, erzählte eine Freundin vom Tod ihres Vaters. Dass sie sich lange Zeit vorbe­reitet habe. Ihn manchmal betrach­tete, als sei er schon nicht mehr anwe­send, eine Vorstel­lung, eine Erin­ne­rung. Sie habe ihn dann berührt, um sich zu orien­tieren. In den letzten Jahren seines Lebens habe ihr Vater vor allem geschlafen. Er konnte die Berge vor seinem Fenster nicht mehr sehen, obwohl er noch gute Augen hatte, eine Bewe­gung, als würde er seinen Blick nach innen richten. Als dann der Vater tatsäch­lich gestorben war, sei nichts so gewesen wie sie es sich ausge­malt hatte. Man könne sich, sagte sie, nicht vorbe­reiten, es sei ein sehr merk­wür­diges Gefühl, ein Passa­gen­ge­fühl, wie auf einer wilden Schaukel flie­gend. – Die Schuhe meines Vaters an diesem Morgen. Der Sessel, in dem er saß. Sein Foto­ap­parat. Seine Compu­ter­ma­schine. Sein Radio. Seine Brille. Die Tril­ler­pfeife, mit welcher er uns um Hilfe rufen konnte. Seine Uhr. – stop
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apollo

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ulysses : 0.05 – Im Alter von drei Jahren liege ich auf warmem Land, das atmet. Bald fliege ich durch die Luft, schwebe über dem Bauch meines Vaters und lache, weil ich gekit­zelt werde. Meine Stimme, meine kind­liche Stimme. Und da sind eine hölzerne Eisen­bahn, das Licht der Dioden, damp­fendes Zinn, Loch­karten einer Compu­ter­ma­schine und die Geheim­nisse der Alge­bra­bü­cher, die der Junge von sechs Jahren noch nicht entzif­fern kann. Aber Forscher, wie der Vater, will er schon werden, weshalb er die Schnee­spuren der Amseln, der Finken, der Dros­seln in ein Schul­heft notiert. Zu jener Zeit drif­teten Menschen bereits in Gemi­ni­kap­seln durch den Welt­raum, um das Stern­reisen zu üben. Nur einen Augen­blick später waren sie schon auf dem Mond gelandet, in einer Nacht, einer beson­deren Nacht, in der ersten Nacht, da der Junge von seinem Vater zu einer Stunde geweckt wurde, als noch wirk­lich Nacht war und nicht schon halber Morgen. Die zwei Männer, der kleine und der große Mann, saßen vor einem Fern­seh­gerät auf einem weichen Teppich und schauten einen schwarz­weißen Mond an und lauschten den Stimmen der Astro­nauten. Man sprach dort nicht Englisch auf dem Mond, man sprach Ameri­ka­nisch und immer nur einen Satz, dann piepste es, und auch der Vater piepste aufge­regt, als sei er wieder zu einem Kind geworden, als sei Weih­nachten, als habe er gerade eben ein neues Teil­chen im Atom entdeckt. In jener Nacht, in genau der selben beson­deren Nacht, saß zur glei­chen Minu­ten­stunde irgendwo im Süden der Dichter Giuseppe Unga­retti vor einem Fern­seh­gerät in einem Sessel und deutete in Rich­tung des Gesche­hens fern auf dem Trabanten auf der Bild­schirm­scheibe, auf einen Astro­nauten, wie er gerade aus der Lande­fähre klet­tert, oder habe ich da etwas in meinem Kopf verschoben? Sicher ist, auf jenem Fern­seh­gerät, vor dem Unga­retti Platz genommen hatte, waren drei weitere, klei­nere Appa­rate abge­stellt. Alle zeigten sie dieselbe Szene. Echt­zeit. Giuseppe Unga­retti war begeis­tert, wie wir begeis­tert waren. Ja, so ist das gewesen, wie heute, viele Jahre später. – stop
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uhrwesen

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foxtrott : 0.05 – In der linken Hand halte ich Ilja Trojanow’s Roman Eistau fest, an der rechten Hand sitzt die Kühle der Uhr meines Vaters. Ich habe sie zur Probe ange­legt. Vor zwei Wochen war sie noch an seiner Hand gewesen. Es ist erstaun­lich, die Uhr geht noch immer auf die Sekunde genau, wie seit vielen Jahren schon. Immer dann, wenn ich sie betrachte, meine ich, die Zeit als ein eigen­sin­niges Wesen zu sehen, die Zeit meines Vaters, die sich ohne ihn fort­setzt. Ich gehe mit den Augen durch das Zimmer spazieren. An den Wänden Bilder, die Lebende und Tote zeigen. Und dieser Regen. Sand­warm und müde. – stop

perlboote

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india : 0.02 – Auf der Suche nach Behäl­ter­kon­struk­tionen, in welchen Perl­boote der Gattung Nautilus durch eine große Stadt trans­por­tiert werden könnten, ohne dass die Meeres­tiere Schaden nehmen würden, auf eine Website gestoßen, die unter dem Namen Louis Benett folgende Zeichen­folge vermerkt: member since monday, 30 january 2012 20.00 / last online > never logged in / profile views : 158 – stop. Selt­same Geschichte. Die Spur eines überaus vorsich­tigen Verhal­tens viel­leicht, ein Zögern. – Mitter­nacht. stop. – Benny Goodman. – stop

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nachtbienen

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hima­laya : 0.01 – Morgens höre ich wie das Radio ange­schaltet wird unten im Wohn­zimmer, unten in der Küche. Eine Stimme erzählt von Pablo Neruda. Die Stimme wird immer wieder von Musik unter­bro­chen, von feiner india­ni­scher Musik. Das sind Geräu­sche wie früher, Geräu­sche in der Stille der vergan­genen Tage, wohl­tuend, eine Verbin­dung zur Welt, die sich fort­setzt, unwirk­lich noch. Im Garten blühen Tulpen, rot, gelb, blau, orange. Man müsste einmal Blumen erfinden, die nachts ihre Blüten öffnen und leuchten, Nacht­bienen, Nacht­li­bellen, Nacht­wespen, Nacht­hum­meln. – stop

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am telefon

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romeo : 0.03 – Ich hatte vorges­tern mit einem Amt tele­fo­niert. Ich saß auf einem Stuhl und verzeich­nete in einem Notiz­block, welche Papiere das Amt benö­tigt, um entscheiden zu können, was nun von amtli­cher Seite her zu tun ist, nachdem mein Vater nicht mehr lebt. Ich hörte die Stimme einer jungen Frau, sie sagte: Haben sie schon eine Ster­be­ur­kunde erhalten? Wenn sie eine Ster­be­ur­kunde erhalten haben, senden sie uns das Doku­ment bitte zu, damit wir nach­voll­ziehen können, dass ihr Vater gestorben ist. Solange wir ihre Urkunde nicht erhalten haben, verstehen sie, ist ihr Vater den Fakten nach noch am Leben. Ich schickte ein leises Lachen durchs Telefon, ein leises Lachen kehrte von der anderen Seite her zurück. Gestern nun tele­fo­nierte ich wiederum mit der jungen Frau vom Amt. Ich teilte ihr mit, dass ich das Doku­ment zu ihr hin abge­schickt haben würde. Ein sehr selt­samer Moment. Ich war, während ich tele­fo­nierte, wieder einmal in der Lage gewesen, meinen Vater zu sehen, wie er vorsichtig, Schritt um Schritt, die Treppe herun­ter­kommt. Ich presste den Tele­fon­ap­parat an mein rechtes Ohr, mit dem linken Ohr erwar­tete ich, dass die Stimme meines Vaters in der nächsten Sekunde hörbar werden würde. – stop

luftsterne

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echo : 0.02 – Im Reise­pass meines Vaters befinden sich seit wenigen Stunden gestanzte Stern­formen von Luft, durch die man hindurch­sehen kann. Dinge werden leichter, Menschen werden schwerer. Viel­leicht ist das so, dass ich in der Trauer nicht allein Abschied nehme von einem Menschen, der gestorben ist, sondern auch von seiner Welt, einer Welt, in der dieser Mensch mit anderen Menschen viele Jahre lebte. Ich muss mich selbst neu erfinden. – stop

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luftzungen

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nordpol

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : LUFTZUNGEN

Liebe Daisy, liebe Violet! Was für ein stür­mi­scher Morgen hier bei uns in Mittel­eu­ropa. Wetter, wie ich es mir wünsche in diesen Tagen. Eiskörner pfeifen durch die Luft, Wolken­däm­me­rung. Ich vermute, Ihr werdet bemerkt haben, mein Vater ist gestorben. Drei Stunden war ich noch an seinem Bett gewesen, habe von Bildern eines nahen Sees berichtet, den ich vom Zimmer des Hospi­tals aus sehen konnte. Ein Schau­fel­rad­dampfer fuhr hin und her, der Wind schrieb mit Luft­zungen schim­mernde Spuren ins Wasser, Möwen segelten über den Ufer­bäumen. Wie mein Vater gestorben ist, war es noch hell, die Sonne nicht unter­ge­gangen, weiß der Himmel, ob er sie zu erkennen vermochte, sein Blick war ein Blick, wie ich meinte, der schon nach innen sich rich­tete. Wenn ich Euch sage, es ist nicht wirk­lich begreifbar, nicht wirk­lich fühlbar, dass ein geliebter Mensch nie wieder neben uns am Tisch sitzen wird, werdet Ihr viel­leicht verstehen, wovon ich spreche. Dieses Niewieder macht einen Eindruck von Unwirk­lich­keit, von Unwirk­sam­keit, als würde man versu­chen, eine Trom­pete vom Schall­be­cher her zu bespielen. Und doch, nach und nach werde ich ruhiger, ich schlafe gut, träume selt­same Geschichten. Ja, so ist das, liebe Daisy, liebe Violet. Was machen die Simmons? Ist alles ok? Ahoi – Euer Louis – stop

gesendet am
22.04.2012
7.05 MEZ
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louis to daisy and violet »

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windrad

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bamako : 8.05 – Auf meiner letzten Ruhe­stätte könnt einmal ein Windrad stehn. Das Rad würde, in dem es sich drehte, Strom erzeugen. Mittels eines Kabels würde dieser Strom zu einer Batterie unter die Erde geführt. Sobald nun durch kräf­tige Winde ausrei­chende Mengen von Strom gesam­melt sein werden, würde sich ein Musik­ab­spiel­gerät in Bewe­gung setzen, um etwas Charlie Parker oder Benny Goodman zu spielen. Eine reizende Vorstel­lung. Ob man vom Musik­ge­räusch etwas vernehmen könnte an der Erdober­fläche? Wie würden Eich­hörn­chen reagieren? Ob sie sich viel­leicht um die Musik, die aus dem Boden kommt, versam­meln werden? All diese Fragen. – stop

fliegende brillen

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alpha : 17.03 – Heu­te Mor­gen, war noch dun­kel im Haus, hör­te ich ein sir­ren­des Geräusch. Das Geräusch näher­te sich über die Trep­pe abwärts. Zunächst war nichts zu sehen, dann aber eine der Bril­len mei­ner Mut­ter, die seit dem Vor­abend über zar­te Roto­ren ver­fü­gen, wel­che in der Lage sind, Bril­len­kon­struk­tio­nen bis hin zu einem Gewicht von 80 Gramm in die Luft zu heben, sie vor­wärts zu bewe­gen oder rück­wärts durch Räu­me oder den Gar­ten. Lang­sam durch­quer­te die Bril­le den Raum, kreis­te ein­mal um mei­nen Kopf, und lan­de­te schließ­li­ch sanft auf dem Ess­ti­sch in der Nähe des Stuh­les, auf dem mei­ne Mut­ter sitzt, sobald sie ihr Früh­stück zu sich neh­men möch­te. Über drei Bril­len ver­fügt mei­ne Mut­ter, und jede die­ser Bril­len kann nun flie­gen. Eine Bril­le wur­de im Dach­ge­schoss sta­tio­niert, eine wei­te­re Bril­le im Erd­ge­schoss, die drit­te zu ebe­ner Erde. Wenn nun Mor­gen wird, zu einer Zeit, da fast alle Men­schen noch schla­fen, erwa­chen vor den Vögeln bereits die Bril­len mei­ner Mut­ter. Sie begin­nen zu blin­ken, Dioden in gel­ber Far­be, Zei­chen, dass sie sich mit­tels Funk­si­gna­len ori­en­tie­ren. Bald flie­gen sie los, die Dach­ge­schoss­bril­le ins Dach­ge­schoss, die Bril­le der ers­ten Eta­ge in die ers­te Eta­ge, die Bril­le des Erd­ge­schos­ses ins Erd­ge­schoss. Das Suchen hat nun ein Ende, alles wird gut! – stop

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manhattan

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MELDUNG. Manhattan, Lexington Avenue 822, 28. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 1552 [ Marmor, Carrara : 6.07 Gramm ] voll­endet. – stop
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radio

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charlie : 0.15 – Er habe, erzählte mein Vater, kurz nach dem Krieg ein Radio gebaut, einen Kurz­wel­len­emp­fänger, um die Sender der ameri­ka­ni­schen Befrei­ungs­armee empfangen zu können. Er hoffte Benny Goodman hören zu können, Gene Krupa, Glenn Miller, Duke Ellington, alle jene groß­ar­tigen Musiker. An diese Geschichte erin­nerte ich mich, während ich gestern durch den warmen Tag spazierte, Spinnen seilten von den Bäumen, Spechte mit roten Köpfen segelten über die Wege am Fluss, Dioden, Wider­stände, der Geruch von Zinn, das Glimmen einer Lötkol­ben­spitze. Plötz­lich die Vorstel­lung, mein Vater könnte in den Stunden meines Spazier­ganges irgendwo da oben jenseits der Baum­kronen in einem hellen Zimmer sitzen, auf einem weißem Stuhl an einem weißen Tisch. Wie er sich nach vorne beugt, wie er ein Radio konstru­iert, einen sensi­blen Detektor, um unsere dies­sei­tigen Stimmen wahr­nehmen zu können. Dampf stieg auf, ein heller, dünner Faden. Kaum hundert Meter war ich weiter­ge­kommen, da war aus der Vorstel­lung eines Radios die Hoff­nung eines Funk­ge­rätes geworden. – stop

subnautilus aquarius

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hima­laya : 0.05 – Nach viel­stün­diger, konzen­trierter Arbeit ist die Erfin­dung einer weiteren Gattung schau­kelnder Perl­boote endlich denkbar geworden. Subnau­tilus aqua­rius, Geschöpf reinen Wunsches. Wesent­liche Merk­male kurz notiert: Perl­boote der Gattung Subnau­tilus aqua­rius leben ausschließ­lich in Süss­was­ser­um­ge­bung, vornehm­lich in flachen Gewäs­sern, das heißt, in Gewäs­sern bis fünf Meter Tiefe. Tempe­ra­turen jenseits 30° Celsius (doch unter 40° Celsius) sind Voraus­set­zung, um höheres Alter errei­chen zu können. Größe in Reife: 150 mm. Gassteue­rung sowohl auf-, als auch abwärts. Äußere Hülle: Aragonit. Innere Hülle: Perl­mutt. Fang­arme: 120. Perl­boote der Gattung Subnau­tilus aqua­rius gebieten weiterhin über die Fähig­keit, Licht zu erzeugen in viel­fäl­tigen Farben. Algen (5 bis 8 Gramm pro Tag), aber auch Schuppen mensch­li­cher Haut, werden bevor­zugt aus dem Wasser genommen. Man kann hören. – stop

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von den glücksgeräuschen der froschvögel

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ulysses : 4.18 – Früher Morgen. Wind­stille. Licht noch schwach. Die Luft ist kühl geworden über die Nacht. Vor dem Teich im Garten die Spuren meiner Füße im Gras. Am Ufer des kleinen Sees ruht ein Molch, äußerst langsam geht sein Herz­schlag, da muss doch ein Geräusch zu hören sein. Ich erin­nere mich, gestern wurde die Entde­ckung ein neues Teil­chens im Atom bekannt­ge­geben. Das Teil­chen trägt den Namen: Xi_b^*0. Hätte ich von seiner Entde­ckung nicht gelesen, wäre ich in der Beob­ach­tung meiner Hand, die auf meinem Knie ruht, nicht so aufmerksam wie an diesem frühen Morgen. Ich frage mich, wie viele Teil­chen der Bezeich­nung Xi_b^*0 sich in meiner halb­schla­fenden Hand wohl befinden mögen, wie alt sie sind und woher sie viel­leicht gekommen waren. Es ist still am Morgen heute. Die Amseln schlafen noch. Ein Wasser­läufer über­quert den Teich. In diesem Moment bemerke ich ein ballon­ar­tiges Wesen, das hoch über mir am Himmel schwebt. Es nähert sich langsam, in dem es tiefer kommt. Das Wesen ist hell, es ist weiß, es verfügt über Flügel, die sich sehr schnell bewegen, Fühler­augen, wie die Augen der Lungen­schne­cken, es ist ein Vogel. Der Vogel scheint den See unter ihm aufmerksam zu betrachten. Jetzt öffnet sich sein Bauch an erdnaher Stelle, ein Mund spitzt seine fahl­rosa Lippen, Beutel fallen heraus aus diesem Mund, sie schlagen hohe Wellen im Teich. Der Molch verschwindet im Gras, Wasser­läufer, die bewe­gungslos an Seero­sen­blatt­spitzen dämmerten, flitzen auf und davon. Jene Beutel­chen, das kann ich von meiner Posi­tion aus gut erkennen, die aus dem Vogel heraus­ge­fallen sind, haben sich geöffnet, Kaul­quappen, tausende, schwärmen nach allen Rich­tungen aus. Noch immer schwebt der Vogel über mir über dem See über der Wiese. Ein faszi­nie­rendes Geräusch ist von seinem Körper her zu vernehmen, ein Hupen, das Trom­pe­ten­ge­räusch eines Zwerg­ele­fanten. Es ist nun denkbar, dass ich als erster Mensch die Glücks­ge­räu­sche der Frosch­vögel wahr­ge­nommen habe. – stop

für meine Mutter, 
für meinen Vater

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ameisengesellschaft ln – 788

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MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN – 788 [ lasius niger ] : Posi­tion 48°21’N 07°01’O : Folgende Objekte wurden von 18.00 – 18.55 Uhr MESZ über das südöst­liche Wendel­portal ins Waren­haus einge­führt : sechs trockene Flie­gen­torsi mitt­lerer Größe [ je ohne Kopf ], acht­zehn Baum­stämme [ à 5 Gramm ], elf Raupen in Grün, zwei­und­zwanzig Raupen in Orange, zwei Insek­ten­flügel [ vermut­lich die eines Zitro­nen­fal­ters ], drei Streich­holz­köpfe [ à 2 Gramm ], vier Fliegen der Gattung Calli­pho­ridae in vollem Saft, sonnen­ge­trock­nete Rosen­blätter [ ca. 100 Gramm ], sechs Schne­cken­häuser [ je ohne Schnecke ], drei gelähmte Schne­cken [ je ohne Haus ], 1162 Ameisen anlie­gender Staaten [ betäubt oder tran­chiert ], acht Rüssel­käfer [ blau­tür­kise ], die Aaskugel eines Pillen­dre­hers, wenig später der Pillen­dreher selbst, eine Wild­biene, ein Modell­flug­zeug­reifen [ Space­shuttle Disco­very ] 12 Gramm. – stop

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