im pullmanwagon

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jul­li­et : 17.03 — Traum von einem Fer­n­reisewag­on für Schwärme sehr klein­er Engelper­so­n­en. Dieser Fer­n­reisewag­on war ein Pull­man­wa­gen gewe­sen, him­mel­blau. Sitze, Bänke, Kof­fer­abla­gen waren voll­ständig ent­fer­nt, an den Wän­den Pfeilze­ichen, die die Fahrrich­tung des Zuges definierten. Der Wagen fuhr langsam dahin. Kleinere, sehr fest gewirk­te Dampf­wolken flo­gen im Wag­on genau in Reisegeschwindigkeit voran, so dass ich sie betra­cht­en kon­nte aus näch­ster Nähe. Auch die Engel flo­gen präzise in der Geschwindigkeit des Zuges. Es waren einige Hun­dert Engel in der Größe von Kolib­ris. Ich glaube, sie führten Gespräche, während sie so flo­gen mit ruhi­gen gle­ich­mäßi­gen Bewe­gun­gen ihrer Flügel wie Schwäne. Ein Rauschen, sehr hell, war in der Luft. Manche der kleinen Wesen tru­gen Fliegermützen. Ein­mal fiel Regen aus den Wolken im Zug. — stop

ping

koffer unsichtbar

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echo : 0.03 — Mein Vater war ein Lieb­haber tech­nis­ch­er Mess­geräte. Er notierte mit ihrer Hil­fe Dauer und Kraft des Son­nen­lichts beispiel­sweise, das auf den Balkon über seinem Garten strahlte. Die Tem­per­a­turen der Luft wur­den eben­so reg­istri­ert, wie die Menge des Regens, der in den war­men Monat­en des Jahres vom Him­mel fiel. Selb­st die Bewe­gun­gen der Gold­fis­che im nahen Teich wur­den verze­ich­net, Erschüt­terun­gen des Erd­bo­dens, Tem­per­a­turen der Prozes­soren sein­er Com­put­er­mas­chine. Es ist merk­würdig, beina­he täglich gehe ich zur Zeit auf die Suche, weil wieder irgen­deine dieser Mes­s­ap­pa­ra­turen einen piepsenden Ton von sich gibt, als ob mein Vater mit­tels sein­er Maschi­nen noch zu mir sprechen würde. Indessen habe ich seit zwei Tagen Ken­nt­nis von ein­er Fotografie, die mich neben meinem ster­ben­den Vater zeigt. Ich sitze auf einem Stuhl, mein Vater liegt in einem Bett. Es ist ein Bild, das ich zunächst kaum anzuse­hen wagte. Ich habe tat­säch­lich eine Hand vor Augen gehal­ten und zwis­chen meinen Fin­gern her­vorge­späht. Jet­zt ist mir warm, wenn ich das Bild betra­chte. Die Fotografie zeigt einen friedlichen Moment meines Lebens. Etwas geschieht, wovor ich mich lange Zeit gefürchtet habe. Weinen und Lachen fal­ten sich wie Hände sich fal­ten. Mut­ter irrt zwis­chen Haus und Fried­hof hin und her, als würde sie irgen­deine unsicht­bare Ware in gle­ich­falls unsicht­baren Kof­fern tra­gen. — stop

nachtstimmen : julija tymoschenko chen guangcheng

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tan­go : 3.08 — Gegen 2 Uhr in der Nacht werde ich wach. Regen, schw­er, schlägt gegen das Fen­ster im Dach. Ein Sturm, unmöglich, der nicht angekündigt war in den Nachricht­en­lin­ien, die ich ver­folge. Stim­men kom­men aus der Fernsehmas­chine, bericht­en von der umstrit­te­nen Poli­tik­erin Juli­ja Tymoschenko, von der Willkür, die in näch­ster Nähe in einem europäis­chen Land herrscht. Und da ist dieser mutige Mann zu Peking, er trägt den Namen Chen Guangcheng. Wie lange Zeit wer­den wir noch von ihm und sein­er Fam­i­lie hören? stop Die Namen­losen? stop — Dieser Sturm heute Nacht, unmöglich, ein Gewit­ter, küh­le Luft, sie scheint im Kreis zu fahren. Wie ich am Fen­ster ste­he und schaue, plöt­zlich das Bedürf­nis, zum Fried­hof zu laufen und einen Regen­schirm über das Grab meines Vaters zu hal­ten. – stop

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seelenkästchen

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zoulou : 0.02 — Ich bal­anciere das Kreuz, das aus Eisen gedreht wurde, im Zug zwis­chen den Hän­den. Sehr schöne weiße Berge am Hor­i­zont, ent­lang der Strecke blühen Apfel­bäume. Der Mann, der sich das Kreuz anse­hen will, ist Kün­stler. Er arbeit­et auss­chließlich an Kreuzen. Das Kreuz meines Vaters soll kost­bar, soll über 200 Jahre alt sein, wird er bald erzählen, wir haben es in Südtirol auf einem Schut­tberg gefun­den. In der Halle flack­ern offene Feuer. Es ist still. Ein paar Fliegen sind im war­men Licht in der Luft zu erken­nen und die Hand des Schmiedes, klein und weich. Sie fährt die feinen Schmuck­lin­ien des Kreuzes ent­lang, da und dort fehlen Spitzen. Jede der fehlen­den Spitzen wird geschätzt, wie sie wohl aus­ge­se­hen haben mag und was sie vielle­icht kosten wird. Es ist nicht das Mate­r­i­al, sagt der Mann, es ist heutzu­tage die Zeit, ver­ste­hen Sie, die Arbeit­szeit. Er öffnet behut­sam die Tür eines Gehäus­es, das sich im Zen­trum des Kreuzes befind­et. Jet­zt schließt er es wieder, tritt einen Schritt zur Seite und erkundigt sich, ob ich den wisse, dass dieses Gehäuse, ein soge­nan­ntes See­lenkästchen sei, ein Ort, an dem sich die Seele eines ver­stor­be­nen Men­schen aus­ruhen könne, bis sie weit­er him­mel­wärts auf­steigen würde. Eine wun­der­volle Erfind­ung. Es ist für mich die erste Begeg­nung mit ein­er Form, die eine konkrete Vorstel­lung der Größe ein­er Men­schenseele sofort entste­hen lässt. Ich sage zu dem Mann, der dicht neben mir ste­ht, dass sie doch kleine Wesen sind, die See­len der Men­schen. Und dann geh ich wieder. Es ist schon hal­ber Nach­mit­tag. – stop

ping

apnoe

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tan­go : 0.01 — Auf einem Pas­sagier­lin­ien­schiff gestern Nach­mit­tag, während ein­er Über­querung des Starn­berg­er Sees, im Selb­stver­such zunächst 1 Minute und 28 Sekun­den, kurz darauf 1 Minute und 52 Sekun­den die Luft ange­hal­ten. Tat­säch­lich wieder der Ein­druck, dass meine Augen in dieser Übung des Nich­tat­mens größer wer­den. — stop

tiefsee : 38. etage

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himalaya : 0.08 — Heftige Gewit­ter. Regengeräusche auf dem Dach. Gehe auf und ab und lese oder sitze im Ses­sel, der sich nord­wärts zu bewe­gen scheint. Auf meinem Sekretär, wenige Meter ent­fer­nt, leuchtet das Dis­play eines han­dlichen Com­put­ers. Hun­dert­tausende Wörter und ihre Über­set­zun­gen befind­en sich im kleinen Kas­ten. Run­ning lus­ter. Gegen drei Uhr die Lek­türe Pete L. Munki’s Roman Nau­tilus wieder aufgenom­men. Eine sich äußerst langsam vor­wärts erzäh­lende Bewe­gung. Die Geschichte eines Mannes, der einen Kof­fer in den 38. Stock eines Wohn­haus­es wuchtet. Alle Aufzüge des Haus­es sind seit Tagen aus­ge­fall­en. Es ist Sam­stag. Hochsom­mer. Lex­ing­ton Avenue Ecke 58. Straße. Im Kof­fer des Mannes ein Glas­be­häl­ter, in welchem zwei lebende Tief­seefis­che sitzen. Folge eine Stunde lang dem Gespräch des Kof­fer­trägers mit sich selb­st. Ein leis­es Buch, ein Buch wie geflüstert. — stop

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sleep

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oli­mam­bo : 0.02 — Nehmen wir ein­mal an, es existierten Assis­ten­ten für müde, für erschöpfte Men­schen, Müdigkeit­sas­sis­ten­ten, die man zur Hil­fe holen kön­nte, wenn man so müde gewor­den ist, dass man nicht ein­mal mehr eine Tasse Kaf­fee vom Tisch heben kön­nte, obwohl noch sehr viel zu tun ist, zum Beispiel, einen Auf­satz zu Ende zu schreiben, eine Rede zu hal­ten, eine Oper­a­tion in einem Brustko­rb durchzuführen oder mit dem Auto durch eine Stadt zu fahren. Wie viel müsste ich pro Stunde bezahlen für einen Assis­ten­ten, der mich dem Schlaf fern­hal­ten würde, war­nen bei Gefahr, der mir die Funk­tion­sweise ein­er Kaf­feemas­chine erk­lären kön­nte, wenn ich zu müde sein sollte, mich an das Leben mein­er Kaf­feemas­chine noch zu erin­nern. Es ist dur­chaus denkbar, dass Tele­fone bere­its existieren, die ich anrufen kön­nte, einen Müdigkeit­sas­sis­ten­ten oder eine Müdigkeit­sas­sis­tentin her­beizu­holen. Wür­den sie rechtzeit­ig bei mir ein­tr­e­f­fen? Wie lange kön­nten sie bleiben? Was essen, was trinken sie bevorzugt? – Kurz nach Mit­ter­nacht. — stop

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schirmsamenwölkchen

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echo : 0.03 — Ich träume zur Zeit von Blu­men. Sie liegen in Bergen herum, Blüten­berge, solche Blu­men. Gestern, das habe ich nicht geträumt, war ich auf dem Fried­hof und habe das Grab meines Vaters besucht. Ich hat­te einen Zoll­stock bei mir, um eine Vorstel­lung aus der Luft zu holen, die Vorstel­lung eines Win­drades, das ich ein­mal für meinen Vater bauen werde. Viele Men­schen waren auf dem Fried­hof unter­wegs, manche tru­gen Gießkan­nen, andere Windlichter oder Blu­men in kleinen Töpfen, Horn­veilchen, Ringel-blu­men, Ver­giss­mein­nicht. Es war ein ganz nor­maler Tag gewe­sen. Ich glaubte, beobacht­en zu kön­nen, dass manche der Men­schen sich noch nicht ganz sich­er fühlten in der neuen Umge­bung ihres Lebens, andere begrüßten einan­der, wink­ten sich über die Rei­hen der Gräber hin zu. Einige kni­eten, wühlten mit bloßen Hän­den in der dun­klen Erde. Eine Frau, sie war von zwer­gen­haftem Wuchs, über­querte eine Wiese voller Löwen­zahn. Unter ihren Füßen stiegen Schirm­samen­wölkchen auf. Sie ging so langsam, das heißt, mit der­art kleinen Schrit­ten, dass sie sich zunächst kaum zu bewe­gen schien. Ihr Gesicht war dem Boden zuge­wandt, weil sich ihr Rück­en, wohl unter der Wirkung der Zeit, gekrümmt hat­te. Als sie das Grab erre­ichte, das zu ihr gehörte, war dort ein eben­so klein­er, gebück­ter Baum zu erken­nen, ein Baum, der die Gestalt der alten Frau nachzuah­men schien. — Ob vielle­icht Kak­teen existieren, die im Nor­den, die auch im Win­ter blühen und gedei­hen? — stop

five dollars

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romeo : 0.05 — In ein­er Sub­way Sta­tion unter dem Times Square kauerte im Feb­ru­ar ein dunkel­häutiger Mann, der seine Hände so schnell über eine Bat­terie von Eimern bewegte, dass sie kaum noch wahrnehm­bar waren, Schat­ten in der Luft, Unschär­fen. Der Mann war etwa 50 Jahre alt, Drum­mer, ein Per­cus­sion­ist von Bedeu­tung. Hun­derte Men­schen umringten ihn, klatscht­en, tanzten, san­gen zu seinen wilden Rhyth­men. Auf dem Boden vor dem Mann aus­ge­bre­it­et lag ein Tuch der New York­er Met­ro­pol­i­tan Trans­porta­tion Author­i­ty, Arts for Tran­sit, Muny, ein Zeichen, das ihn als einen von der Stadt geschützten Kün­stler auswies. Dieser zier­liche Schlagzeuger nun ist mir nicht allein sein­er Kun­st wegen in Erin­nerung geblieben, son­dern auch deshalb, weil er eine sehr wirkungsvolle Meth­ode ent­deckt hat­te, Geld einzunehmen. Sobald näm­lich ein­er der Zuhör­er seine Fotokam­era auf ihn richtete, unter­brach er sein Spiel, deutete mit einem Fin­ger auf den Appa­rat und rief: 5 Dol­lars. Man kann sich das vielle­icht vorstellen, diese Stille, die von ein­er Sekunde zur anderen Sekunde herrschte, wie der Fotografierende vom Pub­likum mah­nend ins Auge genom­men wurde, wenn die Zahlung nicht unverzüglich erfol­gte. Indessen war auch eine Flucht mit Kam­era für die ver­sam­melte Gemein­schaft der Genießen­den nicht wirk­lich nüt­zlich, weil selb­st dann, wenn ein­er der ange­sproch­enen Räu­ber mit seinem dig­i­tal­en Bild in der Auf­nah­men­mas­chine flüchtete, spielte der Schlagzeuger nicht weit­er. Er hielt solange inne, bis ein weit­er­er, ein Zuhör­er ohne Kam­era vielle­icht, die offene Rech­nung des Ver­schwun­de­nen bezahlte. Ein kleines Wun­der, eine Art Geld ansaugen­der Pumpe, die einen Unter­druck mit­tels aus­bleiben­dem Geräusches erzeugte. It works. — stop

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siatista mittags

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tan­go : 0.02 — Man erzählt, aus Verzwei­flung über die poli­tis­che Lage seines Lan­des, andere meinen, weil er im hohen Alter noch hungern musste, soll sich gestern, gegen 14 Uhr mit­teleu­ropäis­ch­er Zeit, ein alter Mann auf dem Mark­t­platz der malerischen Stadt Siatista, demzu­folge in ein­er nördlichen Prov­inz Griechen­lands, erschossen haben. Er habe ein Stur­mgewehr für seinen let­zten Schuss ver­wen­det, eine Waffe, die seit dem Jahre 1944 im Keller seines Eltern­haus­es in Ölpa­pi­er gewick­elt lagerte. Beina­he wäre das Gewehr, einst Stolz des jun­gen Mannes im Kampf gegen deutsche Faschis­ten, für immer in Vergessen­heit ger­at­en. Im Detail war zu erfahren, die Kugel habe zunächst den Unterkiefer des alten Mannes durch­schla­gen, sei von dort aus in das Gehirn vorge­drun­gen und habe den Kopf über das linke Auge wieder ver­lassen. Bruchteile ein­er Sekunde später tötete das Pro­jek­til eine Fliege, die sich kurz zuvor auf den Weg süd­west­wärts gemacht hat­te, um sich zulet­zt in den Ast eines Salzbaumes zu bohren. Ist das nun eine Geschichte oder eine Nachricht. — stop

libellen

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sier­ra : 0.02 — Dass ich gut denken und erfind­en kann, sobald ich Libellen beobachte. Das ist möglicher­weise so, weil Libellen sich in der Art und Weise der Gedanken selb­st bewe­gen. Sie scheinen lange Zeit still in der Luft zu ste­hen und sind doch am Leben, was man daran erken­nen kann, dass sie nicht zu Boden fall­en. Etwas Zeit verge­ht, wie immer. Und plöt­zlich haben sich die feinen Libel­len­raubtiere weit­er­be­wegt. Sie sind von ein­er Sekunde zur näch­sten Sekunde an einem anderen Ort angekom­men. Genau so scheint es mit Gedanken zu sein. Sie sprin­gen weit­er und machen neue Gedanken, ohne dass der Weg von da nach dort sicht­bar oder spür­bar gewor­den wäre. — stop

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zezito lopes

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india : 0.05 —  Während Zug­fahrt nach ein­er Textstelle in Pete L. Munkis Roman Nau­tilus gesucht, die ich vor eini­gen Tagen markiert hat­te, um sie bei Gele­gen­heit noch ein­mal lesen zu kön­nen. Der Erzäh­ler der Geschichte, ein junger Mann namens Zez­i­to Lopes, ruhte im 10. Stock eines Haus­es in der Lex­ing­ton Avenue auf ein­er Trep­pen­stufe. Früher Nach­mit­tag. Ein schw­er­er Behäl­ter von gepanz­ertem Glas, in dem sich zwei Mol­lusken­fis­che der Gat­tung Nau­tilus befan­den, stand neben dem wartenden Mann auf dem Boden. Ich erin­nere mich, dass der junge Mann, er war ein gut trainiert­er Träger, sich kurz darauf erhob, um an ein­er der Woh­nungstüren, die auf den Flur führten, zu klin­geln und nach einem Glas Wass­er zu fra­gen. Unverzüglich wurde geöffnet, ein Gespräch entwick­elte sich, in dessen Folge Zez­i­to Lopes sich bück­te, seinen gepanz­erten Behäl­ter in die Hände nahm und mit ihm in der Woh­nung ver­schwand. So weit so gut. Als ich nun aber das Buch im Zug öffnete, kon­nte ich die markierte Textstelle nicht find­en. Sofort der Gedanke, ich hätte möglicher­weise phan­tasiert, eine dur­chaus beun­ruhi­gende Vorstel­lung. Nicht min­der beun­ruhi­gend scheint mir in diesem Moment der Gedanke zu sein, das Buch selb­st kön­nte sich verän­dert haben, weit­er- oder umgeschrieben wor­den sein, obwohl sich das Buch, auch nachts, immer in mein­er Nähe aufge­hal­ten hat­te. Eine Nacht leichter Ver­wirrung. Das Beste ist, ein­fach weit­er zu machen. — stop

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letzte stimme

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echo : 0.02 — Ich kann mich an die Stimme meines Vaters noch erin­nern, nicht allein an die Stimme meines Vaters vor Jahren, son­dern an die let­zte Stimme meines Vaters. Ich hör sie deut­lich. Ich frage mich, ob sie ein­mal in meinem Kopf ver­loren gehen kön­nte, ver­schwinden, weil ich sie von dort aus nicht aufnehmen kann, nicht über­tra­gen auf einen Daten­träger wie sie spricht. Was ist zu tun? — stop

rund um das müllnerhorn

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sier­ra : 0.02 — Den hal­ben Abend mit der Über­legung zuge­bracht, was ein mod­ern­er Ken­taur, ein Ken­taur unser­er Tage, der in der Gegend um das Müll­ner­horn in einem Laub­wald unter Buchen, Eichen und Lin­den­bäu­men leben kön­nte, zum Früh­stück gerne zu sich nehmen würde. Wie im Flug ist die Zeit ver­gan­gen, ein Zus­tand leichter Selb­stvergessen­heit. Ich habe mir zunächst Dunkel­heit vorgestellt, Däm­merung, dann, in diesem glim­menden Licht des nahen­den Tages, die Umrisse eines Ken­taur von zier­lich­er Gestalt, wie er noch schlafend seitlich auf etwas Moos gebet­tet liegt und träumt. Kaum sicht­bare Atmung, die Hände, lose gefal­tet, ruhen auf der Brust, ein Auge leicht geöffnet, peitschende Bewe­gung der weißhaari­gen Spitze seines Schwanzes. Von einem ersten Son­nen­strahl berührt, set­zt er sich auf, reibt sich das Fell, kurz darauf eine schwungvolle Bewe­gung und schon ste­ht der Ken­taur auf seinen vier Beinen. Ein wun­der­bar blauer Him­mel über ihm, ein Him­mel, den man sofort für ein gestürztes Meer hal­ten kön­nte, ein Meer ohne Wind, ruhig, da und dort eine Wolke von Fisch. Jet­zt liegt der Ken­taur wieder seitlich auf dem Boden, seinen schö­nen Kopf auf eine Hand gestützt, nascht er von einem Häufchen Beeren, blät­tert in einem ram­ponierten Tele­fon­buch der Stadt Chica­go, liest den ein oder anderen Namen laut vor sich hin, ein­mal eine Him­beere, dann wieder einen Namen. Ja, ich ahnte, Ken­tau­ren bevorzu­gen vielle­icht wilde Wald­him­beeren zum Früh­stück. Und nun, es ist kurz nach Mit­ter­nacht, stellt sich die Frage, ob es Ken­tau­ren möglich ist, Bäume zu besteigen? — stop

für h.d.

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sprengung — dentrobatus granulifer

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MELDUNG. Zu Liss­abon, im Teatro Nacional de São Car­los, wer­den am kom­menden Son­ntagabend, 20. Mai 2012, zwei junge Frösche der Gat­tuung den­tro­ba­tus gran­ulif­er öffentlich zur Spren­gung gebracht. Zün­dung des männlichen Tieres um 20 Uhr, Zün­dung des weib­lichen Tieres um 20 Uhr 30. Die Vorstel­lung ist ausverkauft. — stop

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frau mit löffel

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india : 5.28 — Ein­mal machte ich einen Aus­flug zu ein­er Tante, die seit über zehn Jahren in einem Heim lebt, weil sie sehr alt ist und außer­dem nicht mehr denken kann. Der Flieder blühte, die Luft duftete, meine Tante saß mit anderen alten Frauen an einem Tisch und schlief oder gab vor zu schlafen. Ihr Gesicht war schmal, ihre Augen­lid­er durch­sichtig gewor­den, Augen waren unter dieser Haut, blau, grau, rosa, eine Gis­cht heller Far­ben. Ich drück­te meine Stirn gegen die Stirn mein­er Tante und nan­nte meinen Namen. Ich sagte, dass ich hier sei, sie zu besuchen und dass der Flieder im Park blühen würde. Ich sprach sehr leise, um die Frauen, die in unser­er Nähe saßen, nicht zu stören. Sie schliefen ein­er­seits, andere betra­chteten mich inter­essiert, so wie man Vögel betra­chtet oder Blu­men. Es ist schon selt­sam, dass ich immer dann, wenn ich glaube, dass ich nicht sich­er sein kann, ob man mir zuhört, damit beginne, eine Geschichte zu erzählen in der Hoff­nung, die Geschichte würde jen­seits der Stille vielle­icht doch noch Gehör find­en. Ich erzählte mein­er Tante von ein­er Wan­derung, die ich unlängst in den Bergen unter­nom­men hat­te, und dass ich auf ein­er Bank in ein­tausend Meter Höhe ein Tele­fon­buch der Stadt Chica­go gefun­den habe, das noch les­bar gewe­sen war und wie ich den Ein­druck hat­te, dass ich aus den Wäldern her­aus beobachtet würde. Ich erzählte von Leberblüm­chen und vom glasklaren Wass­er der Bäche und vom Schnee, der in der Sonne knis­terte. Dohlen waren in der Luft, wun­der­volle Wolken­malerei am Him­mel, Sala­man­der schaukel­ten über den schmalen Fußweg, der aufwärts führte. So erzählte ich, und während ich erzählte eine halbe Stunde lang, schien meine Tante zu schlafen oder zuzuhören, wie immer, wenn ich sie besuche. Ihr Mund stand etwas offen und ich kon­nte sehen wie ihr Bauch sich hob und senk­te unter ihrer Bluse. Am Tisch gle­ich gegenüber wartete eine andere alte Frau, sie trug weißes Haar auf dem Kopf,  Haar so weiß wie Schreib­maschi­nen­pa­pi­er. Vor ihr stand ein Teller mit Erb­sen. Die alte Frau hielt einen Löf­fel in der Hand. Dieser Löf­fel schwebte während der lan­gen Zeit, die ich erzählte, etwa einen Zen­time­ter hoch in der Luft über ihrem Teller. In dieser Hal­tung schlief die alte Frau oder lauschte. — stop

 

polaroidgebirge

ein inspektor der stille

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sier­ra : 16.05 — Seit eini­gen Tagen spaziert ein drahtiger Herr von klein­er Gestalt in meinem Kopf herum. Er ist so deut­lich zu sehen, dass ich meinen kön­nte, ich würde ihn ein­mal per­sön­lich gese­hen haben, eine Fig­ur, die durch die Stadt New York irrt auf der Suche nach Lär­mquellen, die so beschaf­fen sind, dass man ihnen mit pro­fes­sionellen Mit­teln zu Leibe rück­en kön­nte, Hupen, zum Beispiel, oder Pfeifgeräusche jed­er Art, Klap­pern, Kreis­chen, verz­er­rte Radios­tim­men, Sire­nen, alle diesen ver­rück­ten Töne, die nicht eigentlich begrün­det sind, weil sie ihre Ursprünge, ihre Notwendigkeit vielle­icht längst ver­loren haben im Lauf der Zeit, der Jahre, der Jahrzehnte. Ich erin­nere mich in diesem Moment, da ich von mein­er Vorstel­lung erzäh­le, an einen schrillen Ton in der Sub­way Sta­tion Lex­ing­ton Avenue / 63. Straße nahe der Zugangss­chleusen. Dieser Ton war ein irri­tieren­des Ereig­nis der Luft. Ich hat­te bald her­aus­ge­fun­den woher das Geräusch genau kam, näm­lich von ein­er Klin­gel mech­a­nis­ch­er Art, die über dem Häuschen der Sta­tionsvorste­herin befes­tigt war. Diese Klin­gel schien dort schon lange Zeit instal­liert zu sein, Kabel, von grünem Stoff umman­telt, die zu ihr führten, waren von ein­er Schicht öli­gen Staubes bedeckt. Äußerst selt­sam an jen­em Mor­gen war gewe­sen, dass ich der einzige Men­sch zu sein schien, der sich für das Geräusch inter­essierte, wed­er die Zugreisenden, noch die Tauben, die auf dem Bahn­steig lungerten, wur­den von dem Geräusch der Klin­gel berührt. Auch die Sta­tionsvorste­herin war nicht im min­desten an dem schril­len­den Geräusch inter­essiert, das in unregelmäßi­gen Abstän­den ertönte. Ich kon­nte keinen Grund, auch keinen Code in ihm erken­nen, das Geräusch war da, es war ein Geräusch für sich, ein Geräusch wie ein Lebe­we­sen, dessen Exis­tenz nicht ange­tastet wer­den sollte. Wenn da nun nicht jen­er Herr gewe­sen wäre, der sich der Klin­gel näherte. Er stand ganz still, notierte in sein Notizheft, tele­fonierte, dann wartete er. Kaum eine Vier­tel­stunde verg­ing, als einem U-Bah­n­wag­gon der Lin­ie 5 zwei junge Män­ner entstiegen. Sie waren in Over­alls von gel­ber Farbe gehüllt. Unverzüglich näherten sie sich der Klin­gel. Der eine Mann fal­tete seine Hände im Schoss, der andere stieg auf zur Klin­gel und durchtren­nte mit einem muti­gen Schnitt die Leitung, etwas Ölstaub rieselte zu Boden, und diese Stille, ein Faden von Stille. — stop

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leuchtfeuer

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echo : 8.01 — Die Wieder­hol­ung ein­er Nachtzeit vor weni­gen Stun­den noch. Regen. Das Geräusch des Wassers, ein Geräusch des Bodens, der Stämme, der Däch­er, der Regen­rin­nen. Vielle­icht, weil in ihm Zeit enthal­ten ist, Tropfen für Tropfen zu ein­er regelmäßi­gen Bewe­gung, höre ich dieses Geräusch als ein beruhi­gen­des Geräusch. Oder auch deshalb, weil ich das Wesen der Kiemen­men­schen in mir trage, weil ich von Men­schen­woh­nun­gen erzäh­le, die unter Wass­er ste­hen. An diesem kühlen Mor­gen ist etwas Wesentlich­es festzuhal­ten, ein angenehmes Wort, das Wort Leucht­feuer. Und dass ich von Kranichen träumte, ja träumte, selb­st ein Kranich unter Kranichen zu sein. Wir flo­gen eine Küste ent­lang. Ich erin­nere mich, dass ich durstig gewe­sen war, weil viel Sonne vom Him­mel bran­nte. Die Kraniche bemerk­ten bald, dass mich die Hitze quälte. Sie sucht­en nach meinem Schn­abel, um mich mit Wass­er zu füt­tern. Aber ich hat­te keinen Schn­abel, son­dern einen men­schlichen Mund, weshalb sie bald auf­gaben, mich füt­tern zu wollen. Stattdessen näherte sich ein­er nach dem anderen, um nachzuse­hen, welch selt­samer Vogel mit ihnen nach Nor­den flog. — stop

zeitjazz

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sier­ra : 3.32 — An ein­er anderen Stelle habe ich bere­its von meinem Wun­sch erzählt, man möge auf mein­er let­zten Ruh­estätte ein­mal ein Win­drad erricht­en. Ich hat­te notiert, das Rad, indem es rotierte, kön­nte Strom erzeu­gen. Mit­tels eines Kabels würde dieser Strom zu ein­er Bat­terie unter die Erde geführt und ein Musik­ab­spiel­gerät in Bewe­gung geset­zt, um etwas Char­lie Park­er oder Ben­ny Good­man zu spie­len. Eine faszinierende Vorstel­lung immer noch, eine Idee, die mich in Gedanken jedes Mal gegen einen Zeitraum führt, der nicht ganz ein­fach vorzustellen ist, weil ich in ihm nicht wirk­lich vorkom­men werde, es sein denn als eine Per­son, die man zu den Toten zählt. Man wird vielle­icht irgend­wann ein­mal sagen, dieser hier, der dort unter Erde liegt, war ein­er, der zur Leben­szeit die Idee ver­fol­gte, ein Win­drad auf seinem Grab zu erricht­en. Sein Name ist Louis gewe­sen, er kon­nte sich vorstellen wie das Win­drad sich drehen wird und Strom erzeu­gen, aber er kon­nte sich nicht wirk­lich vorstellen, wie es sein wird, in der Nähe dieses Win­drades ohne Leben zu sein. Ger­ade fällt mir ein, dass ich ein­mal hörte, es werde vielle­icht bald möglich sein, das Wis­sen, das Bewusst­sein, das Wesen ein­er Per­son in das dig­i­tale Gehirn eines Com­put­ers zu über­tra­gen. Demzu­folge ist denkbar gewor­den, neben organ­is­chen Bestandteilen eines Ver­stor­be­nen sein Bewusst­sein beizuset­zen und mit­tels eines Win­drades mit Strom zu ver­sor­gen. Wenn nun Wind­stille herrschte, würde das Bewusst­sein schlafen, und wenn es stür­misch gewor­den ist da draußen, da oben im Herb­st, beispiel­sweise, würde es im rasenden Denken verge­hen vor Glück. – Es ist kurz nach drei Uhr. Auto­mo­bile der Polizei schle­ichen in Kolon­nen mit Blaulicht durch die Straße in der ich wohne. — stop

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posaune

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india : 0.28 — Ich habe vor weni­gen Minuten mit­tels eines Film­doku­ments den Posaunis­ten Fred Wes­ley solange beobachtet, bis ich der fes­ten Überzeu­gung sein kon­nte, die Posaune habe auf Fred Wes­leys Schul­ter wie ein Tier Platz genom­men, sie habe den kor­pu­len­ten, alten Her­rn sozusagen okkupiert, um auf ihm Musik zu machen. Funky! Funky! Mit Fred Wes­ley ist das so: Er bewegt sich geschmei­dig und ele­gant, er scheint zu tanzen, selb­st dann noch, wenn er reg­los, wie schein­bar ange­hal­ten, vor einem Mikrophon ver­har­rt. Seit Monat­en habe ich den Ver­dacht, dass der alte Posaunist außergewöhn­lich lange Zeit die Luft anzuhal­ten ver­mag. Ich werde deshalb sofort, in dieser Nacht noch, eine E-Mail ver­fassen und mich erkundi­gen, ob ich mit mein­er Ver­mu­tung Recht haben kön­nte. Sehr geehrter Mr. Wes­ley, so vielle­icht sollte ich begin­nen, es ist Mit­ter­nacht in Europa. Ich heiße Louis, und ich wüsste gerne, wo Sie sich ger­ade befind­en, weil ich ein Gespräch mit Ihnen zu führen wün­sche über das Anhal­ten der Luft und diese Dinge, die einem Posaunis­ten, wie sie ein­er sind, vielle­icht außeror­dentlich gut gelin­gen. Gestern auf dem Weg von einem Zim­mer in ein anderes Zim­mer, wäre ich um Haares­bre­ite umge­fall­en, weil mir schwindelig wurde, weil ich kurz zuvor eine Minute und eine halbe Minute nicht geat­met hat­te. Ich frage mich, ob ich vielle­icht etwas falsch gemacht haben kön­nte. Wie trainiere ich am besten und was sind sin­nvolle Ziele, die ein Men­sch in diesem Sport erre­ichen kann, ohne sein Leben aufs Spiel zu set­zen? Soll ich mir eine Posaune kaufen? Wie auch immer, verehrter Mr. Wes­ley, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir recht bald antworten wür­den, damit ich in meinen Übun­gen fort­fahren kann. Ihr Louis — stop

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rosen

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echo : 5.26 — Ich erin­nere mich an einen Mann, den ich im Feb­ru­ar in Man­hat­tan beobachtet hat­te, wie er durch Sub­way Sta­tio­nen wan­derte. Er sah ein wenig aus wie Art Gar­funkel in jün­geren Jahren, trug einen hellen Anzug, um den Hals war ein rot­er Schal gewick­elt, außer­dem hielt er einen Strauß unsicht­bar­er Rosen im Arm. Diese nicht sicht­baren, aber sehr wohl existieren­den Rosen nun, ver­schenk­te er an Frauen, die auf Züge warteten. Wenn er sich ein­er Frau genähert hat­te, machte er eine leichte Ver­beu­gung und ent­nahm kurz darauf mit der recht­en Hand aus der Rosen­wiege seines linken Armes eine Blume. Er hielt sie mit drei Fin­gern vor­sichtig fest, um sie in ein­er weit­eren, tief­er­en Ver­beu­gung zu über­re­ichen. Dann set­zte er seinen Weg fort, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Manch­mal ver­zog er sein Gesicht, ver­mut­lich weil er sich an ein­er der Rosendor­nen gestochen hat­te, aber bald lachte er wieder und machte eine fröh­liche Miene. Für einen Beobachter wie mich war das eine aufre­gende Geschichte. Deshalb fol­gte ich dem Mann an einem sehr kalten Vor­mit­tag in einen Zug, der in südlich­er Rich­tung fuhr. Als der Rosenkava­lier näm­lich das Ende des Bahn­steiges erre­icht hat­te, stieg er in den näch­st­besten Wag­on, set­zte sich dort auf eine Bank und wartete darauf, an der näch­sten Sta­tion wieder aussteigen zu kön­nen. Friedlich saß er unter den Fahrgästen, zupfte immer wieder ein­mal an seinen Rosen herum, ord­nete die Wick­lung seines Schales, dann stieg er aus und machte sich wiederum auf den Weg über den Bahn­steig, um dort ver­sam­melte Frauen zu begrüßen, und zwar jede Frau ohne Aus­nahme, sofern sie nicht vor ihm flüchteten oder vor­gaben blind zu sein. Manche der Frauen lacht­en und bedank­ten sich, viele schienen den Mann zu ken­nen. Eine feine, berührende Erfahrung, ins­beson­dere deshalb, weil ich dem Mann nahe kom­men kon­nte, ohne dass er je auf mich reagiert hätte. — Existieren eventuell unsicht­bare Vasen in Queens, Brook­lyn, Harlem, der Bronx? — stop

wolfgang herrndorf : arbeit und struktur

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himalaya : 6.52 — Ich weiß nicht wie viel ich zitieren darf. Aber ich will das zitieren, auf­be­wahren, fes­thal­ten, ver­weisen. Wolf­gang Her­rn­dorf zählt in seinem Blog Arbeit und Struk­tur Monate. Im April notiert er von Essaouira aus: 26.4. 11:46 Drei oder vier asyn­chrone Muezzins. Auf der Hotel­dachter­rasse in praller Sonne sitzend und arbei­t­end, über­rascht mich die Mel­dung vom Tod ein­er Brief­fre­undin aus Freiburg. Ihre Erst­di­ag­nose war im Dezem­ber 2010, nach jed­er von drei Oper­a­tio­nen wuchs das Glioblas­tom sofort weit­er. Im Gegen­satz zu mir machte sie sich große Hoff­nun­gen, klam­merte sich an neue Mit­tel und suchte in Stu­di­en reinzukom­men. Vor zwei Monat­en mailte sie: Tamox­ifen scheint zu wirken, neuer Herd löst sich auf, alte, bestrahlte Stelle unverän­dert. Vor fünf Tagen starb sie. / Eine Fre­undin von ihr schreibt, sie sei zulet­zt rund um die Uhr betreut wor­den, selb­st zum Tip­pen zu schwach. Der Ver­such, sie mit den Mit­teln der Pal­lia­tivmedi­zin in einen sta­bilen Zus­tand zu brin­gen, hat­te wenig Erfolg. Auch im Hos­piz kam sie nicht zur Ruhe und schrie die Nacht durch vor Angst. Die offen­sichtliche Kraft, die zum Schreien vorhan­den war, habe, so die Fre­undin weit­er, im krassen Gegen­satz zum geschwächt­en Gesamtzu­s­tand ges­tanden. Die Ärzte kon­nten sie nur beruhi­gen, indem sie sie kom­plett sedierten. Sie hat die durch­schnit­tliche Lebenser­wartung von siebzehn Monat­en knapp ver­fehlt, in der ungün­sti­gen MGMT–Gruppe gehörte sie noch zu den glück­licheren 15 Prozent. / Unten in der Hotel­lob­by finde ich Per und Lars, an denen ich mich fes­thal­ten kann zum Glück. / 26.4. 18:46 Hin­ter den anderen her durch die Med­i­na auf der Suche nach dem nördlichen Strand und der Fab­rik, in der Per seine Schat­ullen her­stellen läßt. Das Gewim­mel der vor sich hin kre­pel­nden Men­schen, die aus Müll und Abwass­er gemacht­en Straßen, der Ges­tank, das Geschrei, der Schmutz alles Lebendi­gen lassen mich umkehren. Sofort ver­laufe ich mich. Zweimal renne ich die ver­stopfte Haupt­straße hoch und runter, bis ich endlich die mit einem Stadt­tor markierte Abzwei­gung zum Hotel gefun­den habe. / Dann Bade­hose, dann Spazier­gang zum leer und befreiend vorgestell­ten, aber ver­müll­ten und von Quads zer­fet­zen südlichen Strand, der vor zwei Jahren noch schön gewe­sen war. Ich gehe so weit ich kann und über den Fluß und zurück, um wenig­stens erschöpft zu sein für den Abend. Ich ver­suche, mir eine Vorstel­lung davon zu machen, was es bedeutet, eine Nacht durchzuschreien vor Angst. Ich kön­nte nicht ein­mal sagen, ob es Empathie ist oder Selb­st­mitleid. Ich denke nicht nach. / Auf dem Weg zum Ital­iener ver­liere ich erneut die Ori­en­tierung und bin froh, als ich endlich im Bett liege und der Muezzin zum hun­dert­sten Gebet des Tages ruft. Ein großer, mächtiger, tödlich­er Gott, der so anhal­tend bebetet wer­den muß. [tbc] > Impres­sum

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tahiti

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oli­mam­bo : 5.08 — In der ver­gan­genen Nacht habe ich das Rufreg­is­ter meines Tele­fons bear­beit­et. Zwei Num­mern oder Per­so­n­en wur­den gelöscht. Das war kurz vor 1 Uhr gewe­sen. Ich hat­te mir eine See­barbe gebrat­en, und während ich nun ein­er­seits den Fisch beobachtete, wie er in der Pfanne dampfte, betastete ich ander­seits das Tele­fon mit bei­den Hän­den. Der Appa­rat piep­ste indem ich die Num­mern löschte und ich hat­te im Moment des Löschens das Gefühl, leichter gewor­den zu sein. Dann legte ich das Tele­fon auf einen Tisch und betra­chtete es. Ich erin­nere mich, dass ich daran dachte, mit genau diesem Tele­fon, hin und wieder meinen Vater angerufen zu haben. Und ich dachte noch dazu, dass das nun nicht mehr möglich sein wird. Wenn ich früher ein­mal vor hat­te meinen Vater anzu­rufen, öffnete ich das Menü der Anrufliste und navigierte bis ich den Ein­trag ELTERN erre­ichte. Hin und wieder war mein Vater sofort am Tele­fon, meis­tens aber war meine Mut­ter schneller gewe­sen. Ich sagte, Hal­lo, hier ist Louis, wie geht es Euch? Oh, ja, bei uns reg­net es auch. Nein, ich kon­nte gut schlafen trotz der Hitze. Ich hat­te die Fen­ster geöffnet während ich arbeit­ete, die Luft riecht heute wieder so gut nach Steinen. Ein paar nasse Fal­ter sitzen auf der Fen­ster­bank und zit­tern um die Wette. In der ver­gan­genen Nacht reg­nete es nicht, aber die Fen­ster waren wieder geöffnet und die Fal­ter segel­ten durch die Luft. Ich kön­nte vielle­icht noch etwas Ver­rück­tes unternehmen, ich kön­nte ein wenig in Georg Forster Reise nach Tahi­ti und in die Süd­see lesen. Das machen wir jet­zt. 5 Uhr und zwei Minuten. Mittwoch. – stop
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kamele

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echo : 0.02 — Im Traum kon­nt ich mein eigenes Herz sehen. Ich war durch­sichtig gewor­den, Haut, Fleisch, Knochen. Sass an einem Tisch. Warum auf dem Tisch eine kleine Eisen­bahn im Kreis fuhr, kann ich nicht sagen. Die Loko­mo­tive dampfte. Eine Karawane durch­sichtiger Kamele wan­derte kreuz und quer. Alles das Kleine war von der Farbe des Schnees. Ich erwachte. Dun­kle, zornige Gewit­ter­wolken zogen unter glück­lichen, weißen Cumu­lus­wolken über der Stadt. — Man sieht es den Bäu­men am Mor­gen nicht an, aber sie schlafen. — stop

möwen

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echo : 4.12 — Lese in Louis Kekkola’s Eis­buch Das Wal­fischorch­ester. Es ist jet­zt kurz nach vier Uhr, Däm­merung, Vögel pfeifen. In diesem Moment trage ich Hand­schuhe. Ich habe mein Ton­bandgerät angeschal­tet und spreche leise, in dem ich das zer­brech­liche Buch­we­sen in Hän­den halte. Kaum habe ich eine Seite abge­tastet, schließe ich den Kühlschrank, gehe in der Woh­nung spazieren und lasse mir alles durch den Kopf gehen. Dann kehre ich zurück und lese mit dampfen­d­em Atem weit­er. Höre in diesen Minuten das Tick­en des Weck­ers, der mir 15 Sekun­den Zeit erteilt, um das Buch der ungestü­men war­men Luft mein­er Woh­nung auszuset­zen. Auf Seite 87 ent­decke ich Louis Kekkola’s Notiz über das Leben der Möwen an nordis­chen Strän­den. Er habe, schreibt er, in seinem Leben noch nie eine Möwe berührt. Das ist erstaunlich, ich glaube, es existieren nur wenige Men­schen, die je eine Möwe mit ihren Hän­den berührten. Auch ich habe noch nie eine Möwe mit meinen Hän­den berührt. Ich kön­nte das ändern, ich sollte ans Meer fahren. — stop
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handohren

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sier­ra

~ : oe som
to : louis
sub­ject : HANDOHREN
date : may 27 12 3.05 a.m.

Lieber Louis, Mit­ter­nacht ist längst vorüber. Ich bin ruhig, aber ich kann nicht schlafen. Seit Tagen geht das so mit mir, dass ich die Augen schließe und doch wach liege, zumin­d­est nicht wirk­lich auf die andere Seite gelange. Ich spüre wie sich das Schiff auf und ab bewegt, manch­mal erhebe ich mich und gehe spazieren an Deck, oder ich besuche Lin, die sich für den Monat Mai in Nachtschicht befind­et. Seit drei Tra­gen sitzt sie in der Werk­statt an der Über­tra­gung des Romans Mol­loy von Samuel Beck­ett. Ich darf ihr zuse­hen, wie sie Zeichen für Zeichen aus dem papiere­nen Buch kopiert, eine geschmei­di­ge Bewe­gung, sie schreibt ohne ihren Blick auf den Stift zu richt­en. Jedes Wort, das sie in Angriff nimmt, wird zunächst in den Raum geflüstert: Wachtelkönig. Als ob sie eine Anweisung geben würde, als ob ihre schreibende Hand über geheime Ohren ver­fügte. Ich wün­schte mir, ich kön­nte ihre Hände ein­mal einge­hend unter­suchen, einen Bericht schreiben über die Ent­deck­ung der Han­dohren kurz nach Mit­ter­nacht auf einem Schiff vor Neu­fund­land. Eigentlich, lieber Louis, wollte ich Dir von meinem ersten Besuch bei Noe in der Tiefe bericht­en, was ich dort gese­hen habe, seine Augen wie sie meine Augen betra­chteten durch das Panz­er­glas. Ich denke, ich bin noch nicht so weit. Ich werde Dir aus­führlich notieren sobald ich ein­mal eine Nacht durchgeschlafen habe. Es ist möglich, dass ich das Tauchen nicht ver­trage oder Noe’s hellen Blick vielle­icht, der mich ver­fol­gt, ich gebe das zu, Noe’s Blick ver­fol­gt mich. Manch­mal denke ich, dass nicht richtig ist, was wir tun. Gute Nacht! Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
27.05.2012
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karawane

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delta : 0.02 — Auf dem Broad­way wan­derte eine Karawane men­schlich­er Träger süd­wärts. Ich fol­gte dieser merk­würdi­gen Erschei­n­ung von der 30. bis zur 8. Straße an einem windi­gen Tag. Die Sonne leuchtete tief vom Hud­son her, Staub war in der Luft, die Män­ner, die sich sehr langsam bewegten, hus­teten und niesten. Sie waren alle sehr ordentlich gek­lei­det, Anzüge von dunkel­grauer Farbe und Krawat­ten in unter­schiedlich­er Musterung. Außer­dem tru­gen sie fin­ger­bre­ite Schilder über ihren Herzen von japanis­chen Schriftze­ichen beset­zt. Ich erin­nere mich, dass ich mich wun­derte, weil die Män­ner nicht miteinan­der sprachen. Sie bilde­ten eine lin­ien­för­mige Ein­heit, ein­er der Träger führte diese Lin­ie an, er war sozusagen ihr Kopf. Sobald dieser Mann nun eine Kreuzung erre­ichte, blieb er ste­hen und wartete, bis die Ampel der Kreuzung zunächst rot wurde und dann wieder grün. Ein Mann stand jet­zt exakt hin­ter dem anderen, in dem sie sehr geschickt ihren Bal­last auf ihren Köpfen bal­ancierten, jed­er Träger einen Kar­ton. Indessen schien die Karawane der grauen Män­ner jenen Men­schen, die mit oder gegen ihre Laufrich­tung über die Straßen eil­ten, nicht beson­ders aufz­u­fall­en. Für einen Moment hat­te ich die Idee, sie wären vielle­icht unsicht­bar, genauer, sie wären nur für mich sicht­bar gewe­sen, rein­er Unsinn natür­lich, weil der Raum, den die Karawane auf Gehwe­gen und Straße ein­genom­men hat­te, respek­tiert wurde. Etwa drei Kilo­me­ter liefen sie so ruck­weise süd­wärts dahin, um dann in der 8. Straße in einem Back­stein­haus zu ver­schwinden. Ende der Geschichte ein­er Beobach­tung. Es ist Mon­tag. In den Kas­tanien vor dem Fen­ster das Sum­men der Nacht­bi­enen. – stop
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mumbai

picping

MELDUNG. Mum­bai, Road Num­ber One, 16. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 277 [ Mar­mor, Car­rara : 1.12 Gramm ] vol­len­det. — stop

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pseudonym no 5

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ulysses : 6.05 — Gestern war das Wet­ter schön, ich suchte spazierend im Park nach einem Namen für mein Pseu­do­nym No 5. Sobald ich glaubte, einen geeigneten Namen gefun­den zu haben, sagte ich ihn laut vor mich hin, ich sagte zum Beispiel: Felix May­er Kekko­la. Als Nach­mit­tag gewor­den war gefiel mir dieser Name noch immer, ich hat­te Lil­li M. Mur­phy bere­its ver­wor­fen, auch Kas­par Joe Wei­de­mann und weit­ere Namen waren gründlich vergessen. Ich notierte den gewählten Namen Felix May­er Kekko­la in mein Notizbuch und ging nach Hause. Es ist selt­sam, ich war mit meinem neuen Namen an der Seite stark unruhig bis in den Abend hinein. Ich kon­nte mir diese Unruhe zunächst nicht erk­lären, dann hat­te ich die Idee, dass ich nach­se­hen sollte, ob der Name Felix May­er Kekko­la vielle­icht im Inter­net schon län­gere Zeit existiert, ein Men­sch also, der genau so heißt, oder ein Men­sch, der diesen Namen ver­wen­det, um sich zu ver­ber­gen und zu veröf­fentlichen in ein und dem sel­ben Moment. Mehrfach prüfte ich mit Such­maschi­nen die Exis­tenz ein­er Spur. Kein Ergeb­nis für “Felix May­er Kekko­la” war zu find­en. Ich kön­nte nun also erstens annehmen, dass ein Men­sch, der diesen Namen trägt, nicht existiert, was sich­er nur sehr vor­sichtig for­muliert wer­den darf. Zweit­ens kön­nte ich jenen feinen Namen nun für mich beset­zen, okkupieren sozusagen nach bestem Wis­sen und Gewis­sen, was in dieser Sekunde genau so geschieht, indem ich meinen Text in die dig­i­tale Sphäre sende. — stop

atem

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tan­go : 6.52 — In der ver­gan­genen Nacht von 2 bis 3 Uhr habe ich mir eine Pas­sage der Kleinen Erin­nerun­gen José Saramago’s laut vorge­le­sen, und zwar in der Art und Weise langsamen Ausat­mens. Das ist fol­gen­der­maßen vorzustellen: Ich fasste das erste Wort der ersten Zeile des kleinen Textes ins Auge, schöpfte Luft so tief ich kon­nte und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manch­mal frage ich mich, ob bes­timmte Erin­nerun­gen wirk­lich meine eige­nen sind oder vielle­icht eher fremde, in denen ich unbe­wusst mit­ge­spielt habe. Ich las solange ich kon­nte, ich las ohne zu atmen, ich las bis ich alle Luft ver­loren hat­te. Im ersten Ver­such kam ich 11 Zeilen weit. Das war natür­lich nicht befriedi­gend. Also set­zte ich noch ein­mal von vorne an, ich hat­te eine entspan­nte Posi­tion des Sitzens ein­genom­men und füllte meine Brust mit Luft und begann zu sprechen. Dies­mal las ich mit leis­er Stimme wie geflüstert. Ich kam exakt 1 Zeile, also 55 Zeichen weit­er. Kurz darauf war zu beobacht­en gewe­sen, wie ich mich rück­lings auf mein Sofa legte und densel­ben Text noch ein­mal hauchte. Das liegende atem­lose Lesen ermöglichte nun eine weit­ere Zeile a 55 Zeichen. Ich machte also kleine Fortschritte in dieser Kun­st des Lesens, ich ver­mochte bald die Zeile 14 des kleinen Textes zu erre­ichen in einem Zus­tand, da ich Wort für Wort noch mit­denken kon­nte. Nach ein­er Stunde des Übens hörte ich für diese Nacht auf, um in der kom­menden Nachtzeit fortz­u­fahren. – stop
ping

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