im pullmanwagon

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julliet : 17.03 – Traum von einem Fern­rei­se­wagon für Schwärme sehr kleiner Engel­per­sonen. Dieser Fern­rei­se­wagon war ein Pull­man­wagen gewesen, himmel­blau. Sitze, Bänke, Koffer­ab­lagen waren voll­ständig entfernt, an den Wänden Pfeil­zei­chen, die die Fahr­rich­tung des Zuges defi­nierten. Der Wagen fuhr langsam dahin. Klei­nere, sehr fest gewirkte Dampf­wolken flogen im Wagon genau in Reise­ge­schwin­dig­keit voran, so dass ich sie betrachten konnte aus nächster Nähe. Auch die Engel flogen präzise in der Geschwin­dig­keit des Zuges. Es waren einige Hundert Engel in der Größe von Koli­bris. Ich glaube, sie führten Gespräche, während sie so flogen mit ruhigen gleich­mä­ßigen Bewe­gungen ihrer Flügel wie Schwäne. Ein Rauschen, sehr hell, war in der Luft. Manche der kleinen Wesen trugen Flie­ger­mützen. Einmal fiel Regen aus den Wolken im Zug. – stop

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koffer unsichtbar

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echo : 0.03 – Mein Vater war ein Lieb­haber tech­ni­scher Mess­ge­räte. Er notierte mit ihrer Hilfe Dauer und Kraft des Sonnen­lichts beispiels­weise, das auf den Balkon über seinem Garten strahlte. Die Tempe­ra­turen der Luft wurden ebenso regis­triert, wie die Menge des Regens, der in den warmen Monaten des Jahres vom Himmel fiel. Selbst die Bewe­gungen der Gold­fi­sche im nahen Teich wurden verzeichnet, Erschüt­te­rungen des Erdbo­dens, Tempe­ra­turen der Prozes­soren seiner Compu­ter­ma­schine. Es ist merk­würdig, beinahe täglich gehe ich zur Zeit auf die Suche, weil wieder irgend­eine dieser Mess­ap­pa­ra­turen einen piep­senden Ton von sich gibt, als ob mein Vater mittels seiner Maschinen noch zu mir spre­chen würde. Indessen habe ich seit zwei Tagen Kenntnis von einer Foto­grafie, die mich neben meinem ster­benden Vater zeigt. Ich sitze auf einem Stuhl, mein Vater liegt in einem Bett. Es ist ein Bild, das ich zunächst kaum anzu­sehen wagte. Ich habe tatsäch­lich eine Hand vor Augen gehalten und zwischen meinen Fingern hervor­ge­späht. Jetzt ist mir warm, wenn ich das Bild betrachte. Die Foto­grafie zeigt einen fried­li­chen Moment meines Lebens. Etwas geschieht, wovor ich mich lange Zeit gefürchtet habe. Weinen und Lachen falten sich wie Hände sich falten. Mutter irrt zwischen Haus und Friedhof hin und her, als würde sie irgend­eine unsicht­bare Ware in gleich­falls unsicht­baren Koffern tragen. – stop

nachtstimmen : julija tymoschenko chen guangcheng

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tango : 3.08 – Gegen 2 Uhr in der Nacht werde ich wach. Regen, schwer, schlägt gegen das Fenster im Dach. Ein Sturm, unmög­lich, der nicht ange­kün­digt war in den Nach­rich­ten­li­nien, die ich verfolge. Stimmen kommen aus der Fern­seh­ma­schine, berichten von der umstrit­tenen Poli­ti­kerin Julija Tymo­schenko, von der Willkür, die in nächster Nähe in einem euro­päi­schen Land herrscht. Und da ist dieser mutige Mann zu Peking, er trägt den Namen Chen Guang­cheng. Wie lange Zeit werden wir noch von ihm und seiner Familie hören? stop Die Namen­losen? stop – Dieser Sturm heute Nacht, unmög­lich, ein Gewitter, kühle Luft, sie scheint im Kreis zu fahren. Wie ich am Fenster stehe und schaue, plötz­lich das Bedürfnis, zum Friedhof zu laufen und einen Regen­schirm über das Grab meines Vaters zu halten. – stop

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seelenkästchen

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zoulou : 0.02 – Ich balan­ciere das Kreuz, das aus Eisen gedreht wurde, im Zug zwischen den Händen. Sehr schöne weiße Berge am Hori­zont, entlang der Strecke blühen Apfel­bäume. Der Mann, der sich das Kreuz ansehen will, ist Künstler. Er arbeitet ausschließ­lich an Kreuzen. Das Kreuz meines Vaters soll kostbar, soll über 200 Jahre alt sein, wird er bald erzählen, wir haben es in Südtirol auf einem Schutt­berg gefunden. In der Halle flackern offene Feuer. Es ist still. Ein paar Fliegen sind im warmen Licht in der Luft zu erkennen und die Hand des Schmiedes, klein und weich. Sie fährt die feinen Schmuck­li­nien des Kreuzes entlang, da und dort fehlen Spitzen. Jede der fehlenden Spitzen wird geschätzt, wie sie wohl ausge­sehen haben mag und was sie viel­leicht kosten wird. Es ist nicht das Mate­rial, sagt der Mann, es ist heut­zu­tage die Zeit, verstehen Sie, die Arbeits­zeit. Er öffnet behutsam die Tür eines Gehäuses, das sich im Zentrum des Kreuzes befindet. Jetzt schließt er es wieder, tritt einen Schritt zur Seite und erkun­digt sich, ob ich den wisse, dass dieses Gehäuse, ein soge­nanntes Seelen­käst­chen sei, ein Ort, an dem sich die Seele eines verstor­benen Menschen ausruhen könne, bis sie weiter himmel­wärts aufsteigen würde. Eine wunder­volle Erfin­dung. Es ist für mich die erste Begeg­nung mit einer Form, die eine konkrete Vorstel­lung der Größe einer Menschen­seele sofort entstehen lässt. Ich sage zu dem Mann, der dicht neben mir steht, dass sie doch kleine Wesen sind, die Seelen der Menschen. Und dann geh ich wieder. Es ist schon halber Nach­mittag. – stop

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apnoe

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tango : 0.01 – Auf einem Passa­gier­li­ni­en­schiff gestern Nach­mittag, während einer Über­que­rung des Starn­berger Sees, im Selbst­ver­such zunächst 1 Minute und 28 Sekunden, kurz darauf 1 Minute und 52 Sekunden die Luft ange­halten. Tatsäch­lich wieder der Eindruck, dass meine Augen in dieser Übung des Nicht­at­mens größer werden. – stop

tiefsee : 38. etage

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hima­laya : 0.08 – Heftige Gewitter. Regen­ge­räu­sche auf dem Dach. Gehe auf und ab und lese oder sitze im Sessel, der sich nord­wärts zu bewegen scheint. Auf meinem Sekretär, wenige Meter entfernt, leuchtet das Display eines hand­li­chen Compu­ters. Hundert­tau­sende Wörter und ihre Über­set­zungen befinden sich im kleinen Kasten. Running luster. Gegen drei Uhr die Lektüre Pete L. Munki’s Roman Nautilus wieder aufge­nommen. Eine sich äußerst langsam vorwärts erzäh­lende Bewe­gung. Die Geschichte eines Mannes, der einen Koffer in den 38. Stock eines Wohn­hauses wuchtet. Alle Aufzüge des Hauses sind seit Tagen ausge­fallen. Es ist Samstag. Hoch­sommer. Lexington Avenue Ecke 58. Straße. Im Koffer des Mannes ein Glas­be­hälter, in welchem zwei lebende Tief­see­fi­sche sitzen. Folge eine Stunde lang dem Gespräch des Koffer­trä­gers mit sich selbst. Ein leises Buch, ein Buch wie geflüs­tert. – stop

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sleep

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olimambo : 0.02 – Nehmen wir einmal an, es exis­tierten Assis­tenten für müde, für erschöpfte Menschen, Müdig­keits­as­sis­tenten, die man zur Hilfe holen könnte, wenn man so müde geworden ist, dass man nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee vom Tisch heben könnte, obwohl noch sehr viel zu tun ist, zum Beispiel, einen Aufsatz zu Ende zu schreiben, eine Rede zu halten, eine Opera­tion in einem Brust­korb durch­zu­führen oder mit dem Auto durch eine Stadt zu fahren. Wie viel müsste ich pro Stunde bezahlen für einen Assis­tenten, der mich dem Schlaf fern­halten würde, warnen bei Gefahr, der mir die Funk­ti­ons­weise einer Kaffee­ma­schine erklären könnte, wenn ich zu müde sein sollte, mich an das Leben meiner Kaffee­ma­schine noch zu erin­nern. Es ist durchaus denkbar, dass Tele­fone bereits exis­tieren, die ich anrufen könnte, einen Müdig­keits­as­sis­tenten oder eine Müdig­keits­as­sis­tentin herbei­zu­holen. Würden sie recht­zeitig bei mir eintreffen? Wie lange könnten sie bleiben? Was essen, was trinken sie bevor­zugt? – Kurz nach Mitter­nacht. – stop

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schirmsamenwölkchen

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echo : 0.03 – Ich träume zur Zeit von Blumen. Sie liegen in Bergen herum, Blüten­berge, solche Blumen. Gestern, das habe ich nicht geträumt, war ich auf dem Friedhof und habe das Grab meines Vaters besucht. Ich hatte einen Zoll­stock bei mir, um eine Vorstel­lung aus der Luft zu holen, die Vorstel­lung eines Wind­rades, das ich einmal für meinen Vater bauen werde. Viele Menschen waren auf dem Friedhof unter­wegs, manche trugen Gieß­kannen, andere Wind­lichter oder Blumen in kleinen Töpfen, Horn­veil­chen, Ringel-blumen, Vergiss­mein­nicht. Es war ein ganz normaler Tag gewesen. Ich glaubte, beob­achten zu können, dass manche der Menschen sich noch nicht ganz sicher fühlten in der neuen Umge­bung ihres Lebens, andere begrüßten einander, winkten sich über die Reihen der Gräber hin zu. Einige knieten, wühlten mit bloßen Händen in der dunklen Erde. Eine Frau, sie war von zwer­gen­haftem Wuchs, über­querte eine Wiese voller Löwen­zahn. Unter ihren Füßen stiegen Schirm­sa­men­wölk­chen auf. Sie ging so langsam, das heißt, mit derart kleinen Schritten, dass sie sich zunächst kaum zu bewegen schien. Ihr Gesicht war dem Boden zuge­wandt, weil sich ihr Rücken, wohl unter der Wirkung der Zeit, gekrümmt hatte. Als sie das Grab erreichte, das zu ihr gehörte, war dort ein ebenso kleiner, gebückter Baum zu erkennen, ein Baum, der die Gestalt der alten Frau nach­zu­ahmen schien. – Ob viel­leicht Kakteen exis­tieren, die im Norden, die auch im Winter blühen und gedeihen? – stop

five dollars

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romeo : 0.05 – In einer Subway Station unter dem Times Square kauerte im Februar ein dunkel­häu­tiger Mann, der seine Hände so schnell über eine Batterie von Eimern bewegte, dass sie kaum noch wahr­nehmbar waren, Schatten in der Luft, Unschärfen. Der Mann war etwa 50 Jahre alt, Drummer, ein Percus­sio­nist von Bedeu­tung. Hunderte Menschen umringten ihn, klatschten, tanzten, sangen zu seinen wilden Rhythmen. Auf dem Boden vor dem Mann ausge­breitet lag ein Tuch der New Yorker Metro­po­litan Trans­por­ta­tion Autho­rity, Arts for Transit, Muny, ein Zeichen, das ihn als einen von der Stadt geschützten Künstler auswies. Dieser zier­liche Schlag­zeuger nun ist mir nicht allein seiner Kunst wegen in Erin­ne­rung geblieben, sondern auch deshalb, weil er eine sehr wirkungs­volle Methode entdeckt hatte, Geld einzu­nehmen. Sobald nämlich einer der Zuhörer seine Foto­ka­mera auf ihn rich­tete, unter­brach er sein Spiel, deutete mit einem Finger auf den Apparat und rief: 5 Dollars. Man kann sich das viel­leicht vorstellen, diese Stille, die von einer Sekunde zur anderen Sekunde herrschte, wie der Foto­gra­fie­rende vom Publikum mahnend ins Auge genommen wurde, wenn die Zahlung nicht unver­züg­lich erfolgte. Indessen war auch eine Flucht mit Kamera für die versam­melte Gemein­schaft der Genie­ßenden nicht wirk­lich nütz­lich, weil selbst dann, wenn einer der ange­spro­chenen Räuber mit seinem digi­talen Bild in der Aufnah­men­ma­schine flüch­tete, spielte der Schlag­zeuger nicht weiter. Er hielt solange inne, bis ein weiterer, ein Zuhörer ohne Kamera viel­leicht, die offene Rech­nung des Verschwun­denen bezahlte. Ein kleines Wunder, eine Art Geld ansau­gender Pumpe, die einen Unter­druck mittels ausblei­bendem Geräu­sches erzeugte. It works. – stop

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siatista mittags

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tango : 0.02 – Man erzählt, aus Verzweif­lung über die poli­ti­sche Lage seines Landes, andere meinen, weil er im hohen Alter noch hungern musste, soll sich gestern, gegen 14 Uhr mittel­eu­ro­päi­scher Zeit, ein alter Mann auf dem Markt­platz der male­ri­schen Stadt Siatista, demzu­folge in einer nörd­li­chen Provinz Grie­chen­lands, erschossen haben. Er habe ein Sturm­ge­wehr für seinen letzten Schuss verwendet, eine Waffe, die seit dem Jahre 1944 im Keller seines Eltern­hauses in Ölpa­pier gewi­ckelt lagerte. Beinahe wäre das Gewehr, einst Stolz des jungen Mannes im Kampf gegen deut­sche Faschisten, für immer in Verges­sen­heit geraten. Im Detail war zu erfahren, die Kugel habe zunächst den Unter­kiefer des alten Mannes durch­schlagen, sei von dort aus in das Gehirn vorge­drungen und habe den Kopf über das linke Auge wieder verlassen. Bruch­teile einer Sekunde später tötete das Projektil eine Fliege, die sich kurz zuvor auf den Weg südwest­wärts gemacht hatte, um sich zuletzt in den Ast eines Salz­baumes zu bohren. Ist das nun eine Geschichte oder eine Nach­richt. – stop

libellen

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sierra : 0.02 – Dass ich gut denken und erfinden kann, sobald ich Libellen beob­achte. Das ist mögli­cher­weise so, weil Libellen sich in der Art und Weise der Gedanken selbst bewegen. Sie scheinen lange Zeit still in der Luft zu stehen und sind doch am Leben, was man daran erkennen kann, dass sie nicht zu Boden fallen. Etwas Zeit vergeht, wie immer. Und plötz­lich haben sich die feinen Libel­len­raub­tiere weiter­be­wegt. Sie sind von einer Sekunde zur nächsten Sekunde an einem anderen Ort ange­kommen. Genau so scheint es mit Gedanken zu sein. Sie springen weiter und machen neue Gedanken, ohne dass der Weg von da nach dort sichtbar oder spürbar geworden wäre. – stop

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zezito lopes

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india : 0.05 –  Während Zugfahrt nach einer Text­stelle in Pete L. Munkis Roman Nautilus gesucht, die ich vor einigen Tagen markiert hatte, um sie bei Gele­gen­heit noch einmal lesen zu können. Der Erzähler der Geschichte, ein junger Mann namens Zezito Lopes, ruhte im 10. Stock eines Hauses in der Lexington Avenue auf einer Trep­pen­stufe. Früher Nach­mittag. Ein schwerer Behälter von gepan­zertem Glas, in dem sich zwei Mollus­ken­fi­sche der Gattung Nautilus befanden, stand neben dem wartenden Mann auf dem Boden. Ich erin­nere mich, dass der junge Mann, er war ein gut trai­nierter Träger, sich kurz darauf erhob, um an einer der Wohnungs­türen, die auf den Flur führten, zu klin­geln und nach einem Glas Wasser zu fragen. Unver­züg­lich wurde geöffnet, ein Gespräch entwi­ckelte sich, in dessen Folge Zezito Lopes sich bückte, seinen gepan­zerten Behälter in die Hände nahm und mit ihm in der Wohnung verschwand. So weit so gut. Als ich nun aber das Buch im Zug öffnete, konnte ich die markierte Text­stelle nicht finden. Sofort der Gedanke, ich hätte mögli­cher­weise phan­ta­siert, eine durchaus beun­ru­hi­gende Vorstel­lung. Nicht minder beun­ru­hi­gend scheint mir in diesem Moment der Gedanke zu sein, das Buch selbst könnte sich verän­dert haben, weiter- oder umge­schrieben worden sein, obwohl sich das Buch, auch nachts, immer in meiner Nähe aufge­halten hatte. Eine Nacht leichter Verwir­rung. Das Beste ist, einfach weiter zu machen. – stop

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letzte stimme

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echo : 0.02 – Ich kann mich an die Stimme meines Vaters noch erin­nern, nicht allein an die Stimme meines Vaters vor Jahren, sondern an die letzte Stimme meines Vaters. Ich hör sie deut­lich. Ich frage mich, ob sie einmal in meinem Kopf verloren gehen könnte, verschwinden, weil ich sie von dort aus nicht aufnehmen kann, nicht über­tragen auf einen Daten­träger wie sie spricht. Was ist zu tun? – stop

rund um das müllnerhorn

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sierra : 0.02 – Den halben Abend mit der Über­le­gung zuge­bracht, was ein moderner Kentaur, ein Kentaur unserer Tage, der in der Gegend um das Müll­ner­horn in einem Laub­wald unter Buchen, Eichen und Linden­bäumen leben könnte, zum Früh­stück gerne zu sich nehmen würde. Wie im Flug ist die Zeit vergangen, ein Zustand leichter Selbst­ver­ges­sen­heit. Ich habe mir zunächst Dunkel­heit vorge­stellt, Dämme­rung, dann, in diesem glim­menden Licht des nahenden Tages, die Umrisse eines Kentaur von zier­li­cher Gestalt, wie er noch schla­fend seit­lich auf etwas Moos gebettet liegt und träumt. Kaum sicht­bare Atmung, die Hände, lose gefaltet, ruhen auf der Brust, ein Auge leicht geöffnet, peit­schende Bewe­gung der weiß­haa­rigen Spitze seines Schwanzes. Von einem ersten Sonnen­strahl berührt, setzt er sich auf, reibt sich das Fell, kurz darauf eine schwung­volle Bewe­gung und schon steht der Kentaur auf seinen vier Beinen. Ein wunderbar blauer Himmel über ihm, ein Himmel, den man sofort für ein gestürztes Meer halten könnte, ein Meer ohne Wind, ruhig, da und dort eine Wolke von Fisch. Jetzt liegt der Kentaur wieder seit­lich auf dem Boden, seinen schönen Kopf auf eine Hand gestützt, nascht er von einem Häuf­chen Beeren, blät­tert in einem rampo­nierten Tele­fon­buch der Stadt Chicago, liest den ein oder anderen Namen laut vor sich hin, einmal eine Himbeere, dann wieder einen Namen. Ja, ich ahnte, Kentauren bevor­zugen viel­leicht wilde Wald­him­beeren zum Früh­stück. Und nun, es ist kurz nach Mitter­nacht, stellt sich die Frage, ob es Kentauren möglich ist, Bäume zu besteigen? – stop

für h.d.

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sprengung – dentrobatus granulifer

picping

MELDUNG. Zu Lissabon, im Teatro Nacional de São Carlos, werden am kommenden Sonn­tag­abend, 20. Mai 2012, zwei junge Frösche der Gattuung dentro­batus granu­lifer öffent­lich zur Spren­gung gebracht. Zündung des männ­li­chen Tieres um 20 Uhr, Zündung des weib­li­chen Tieres um 20 Uhr 30. Die Vorstel­lung ist ausver­kauft. – stop

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frau mit löffel

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india : 5.28 – Einmal machte ich einen Ausflug zu einer Tante, die seit über zehn Jahren in einem Heim lebt, weil sie sehr alt ist und außerdem nicht mehr denken kann. Der Flieder blühte, die Luft duftete, meine Tante saß mit anderen alten Frauen an einem Tisch und schlief oder gab vor zu schlafen. Ihr Gesicht war schmal, ihre Augen­lider durch­sichtig geworden, Augen waren unter dieser Haut, blau, grau, rosa, eine Gischt heller Farben. Ich drückte meine Stirn gegen die Stirn meiner Tante und nannte meinen Namen. Ich sagte, dass ich hier sei, sie zu besu­chen und dass der Flieder im Park blühen würde. Ich sprach sehr leise, um die Frauen, die in unserer Nähe saßen, nicht zu stören. Sie schliefen einer­seits, andere betrach­teten mich inter­es­siert, so wie man Vögel betrachtet oder Blumen. Es ist schon seltsam, dass ich immer dann, wenn ich glaube, dass ich nicht sicher sein kann, ob man mir zuhört, damit beginne, eine Geschichte zu erzählen in der Hoff­nung, die Geschichte würde jenseits der Stille viel­leicht doch noch Gehör finden. Ich erzählte meiner Tante von einer Wande­rung, die ich unlängst in den Bergen unter­nommen hatte, und dass ich auf einer Bank in eintau­send Meter Höhe ein Tele­fon­buch der Stadt Chicago gefunden habe, das noch lesbar gewesen war und wie ich den Eindruck hatte, dass ich aus den Wäldern heraus beob­achtet würde. Ich erzählte von Leber­blüm­chen und vom glas­klaren Wasser der Bäche und vom Schnee, der in der Sonne knis­terte. Dohlen waren in der Luft, wunder­volle Wolken­ma­lerei am Himmel, Sala­mander schau­kelten über den schmalen Fußweg, der aufwärts führte. So erzählte ich, und während ich erzählte eine halbe Stunde lang, schien meine Tante zu schlafen oder zuzu­hören, wie immer, wenn ich sie besuche. Ihr Mund stand etwas offen und ich konnte sehen wie ihr Bauch sich hob und senkte unter ihrer Bluse. Am Tisch gleich gegen­über wartete eine andere alte Frau, sie trug weißes Haar auf dem Kopf,  Haar so weiß wie Schreib­ma­schi­nen­pa­pier. Vor ihr stand ein Teller mit Erbsen. Die alte Frau hielt einen Löffel in der Hand. Dieser Löffel schwebte während der langen Zeit, die ich erzählte, etwa einen Zenti­meter hoch in der Luft über ihrem Teller. In dieser Haltung schlief die alte Frau oder lauschte. – stop

 

polaroidgebirge

ein inspektor der stille

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sierra : 16.05 – Seit einigen Tagen spaziert ein drah­tiger Herr von kleiner Gestalt in meinem Kopf herum. Er ist so deut­lich zu sehen, dass ich meinen könnte, ich würde ihn einmal persön­lich gesehen haben, eine Figur, die durch die Stadt New York irrt auf der Suche nach Lärm­quellen, die so beschaffen sind, dass man ihnen mit profes­sio­nellen Mitteln zu Leibe rücken könnte, Hupen, zum Beispiel, oder Pfeif­ge­räu­sche jeder Art, Klap­pern, Krei­schen, verzerrte Radio­stimmen, Sirenen, alle diesen verrückten Töne, die nicht eigent­lich begründet sind, weil sie ihre Ursprünge, ihre Notwen­dig­keit viel­leicht längst verloren haben im Lauf der Zeit, der Jahre, der Jahr­zehnte. Ich erin­nere mich in diesem Moment, da ich von meiner Vorstel­lung erzähle, an einen schrillen Ton in der Subway Station Lexington Avenue / 63. Straße nahe der Zugangs­schleusen. Dieser Ton war ein irri­tie­rendes Ereignis der Luft. Ich hatte bald heraus­ge­funden woher das Geräusch genau kam, nämlich von einer Klingel mecha­ni­scher Art, die über dem Häus­chen der Stati­ons­vor­ste­herin befes­tigt war. Diese Klingel schien dort schon lange Zeit instal­liert zu sein, Kabel, von grünem Stoff umman­telt, die zu ihr führten, waren von einer Schicht öligen Staubes bedeckt. Äußerst seltsam an jenem Morgen war gewesen, dass ich der einzige Mensch zu sein schien, der sich für das Geräusch inter­es­sierte, weder die Zugrei­senden, noch die Tauben, die auf dem Bahn­steig lungerten, wurden von dem Geräusch der Klingel berührt. Auch die Stati­ons­vor­ste­herin war nicht im mindesten an dem schril­lenden Geräusch inter­es­siert, das in unre­gel­mä­ßigen Abständen ertönte. Ich konnte keinen Grund, auch keinen Code in ihm erkennen, das Geräusch war da, es war ein Geräusch für sich, ein Geräusch wie ein Lebe­wesen, dessen Exis­tenz nicht ange­tastet werden sollte. Wenn da nun nicht jener Herr gewesen wäre, der sich der Klingel näherte. Er stand ganz still, notierte in sein Notiz­heft, tele­fo­nierte, dann wartete er. Kaum eine Vier­tel­stunde verging, als einem U-Bahn­waggon der Linie 5 zwei junge Männer entstiegen. Sie waren in Over­alls von gelber Farbe gehüllt. Unver­züg­lich näherten sie sich der Klingel. Der eine Mann faltete seine Hände im Schoss, der andere stieg auf zur Klingel und durch­trennte mit einem mutigen Schnitt die Leitung, etwas Ölstaub rieselte zu Boden, und diese Stille, ein Faden von Stille. – stop

ping

leuchtfeuer

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echo : 8.01 – Die Wieder­ho­lung einer Nacht­zeit vor wenigen Stunden noch. Regen. Das Geräusch des Wassers, ein Geräusch des Bodens, der Stämme, der Dächer, der Regen­rinnen. Viel­leicht, weil in ihm Zeit enthalten ist, Tropfen für Tropfen zu einer regel­mä­ßigen Bewe­gung, höre ich dieses Geräusch als ein beru­hi­gendes Geräusch. Oder auch deshalb, weil ich das Wesen der Kiemen­men­schen in mir trage, weil ich von Menschen­woh­nungen erzähle, die unter Wasser stehen. An diesem kühlen Morgen ist etwas Wesent­li­ches fest­zu­halten, ein ange­nehmes Wort, das Wort Leucht­feuer. Und dass ich von Krani­chen träumte, ja träumte, selbst ein Kranich unter Krani­chen zu sein. Wir flogen eine Küste entlang. Ich erin­nere mich, dass ich durstig gewesen war, weil viel Sonne vom Himmel brannte. Die Kraniche bemerkten bald, dass mich die Hitze quälte. Sie suchten nach meinem Schnabel, um mich mit Wasser zu füttern. Aber ich hatte keinen Schnabel, sondern einen mensch­li­chen Mund, weshalb sie bald aufgaben, mich füttern zu wollen. Statt­dessen näherte sich einer nach dem anderen, um nach­zu­sehen, welch selt­samer Vogel mit ihnen nach Norden flog. – stop

zeitjazz

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sierra : 3.32 – An einer anderen Stelle habe ich bereits von meinem Wunsch erzählt, man möge auf meiner letzten Ruhe­stätte einmal ein Windrad errichten. Ich hatte notiert, das Rad, indem es rotierte, könnte Strom erzeugen. Mittels eines Kabels würde dieser Strom zu einer Batterie unter die Erde geführt und ein Musik­ab­spiel­gerät in Bewe­gung gesetzt, um etwas Charlie Parker oder Benny Goodman zu spielen. Eine faszi­nie­rende Vorstel­lung immer noch, eine Idee, die mich in Gedanken jedes Mal gegen einen Zeit­raum führt, der nicht ganz einfach vorzu­stellen ist, weil ich in ihm nicht wirk­lich vorkommen werde, es sein denn als eine Person, die man zu den Toten zählt. Man wird viel­leicht irgend­wann einmal sagen, dieser hier, der dort unter Erde liegt, war einer, der zur Lebens­zeit die Idee verfolgte, ein Windrad auf seinem Grab zu errichten. Sein Name ist Louis gewesen, er konnte sich vorstellen wie das Windrad sich drehen wird und Strom erzeugen, aber er konnte sich nicht wirk­lich vorstellen, wie es sein wird, in der Nähe dieses Wind­rades ohne Leben zu sein. Gerade fällt mir ein, dass ich einmal hörte, es werde viel­leicht bald möglich sein, das Wissen, das Bewusst­sein, das Wesen einer Person in das digi­tale Gehirn eines Compu­ters zu über­tragen. Demzu­folge ist denkbar geworden, neben orga­ni­schen Bestand­teilen eines Verstor­benen sein Bewusst­sein beizu­setzen und mittels eines Wind­rades mit Strom zu versorgen. Wenn nun Wind­stille herrschte, würde das Bewusst­sein schlafen, und wenn es stür­misch geworden ist da draußen, da oben im Herbst, beispiels­weise, würde es im rasenden Denken vergehen vor Glück. – Es ist kurz nach drei Uhr. Auto­mo­bile der Polizei schlei­chen in Kolonnen mit Blau­licht durch die Straße in der ich wohne. – stop

ping

posaune

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india : 0.28 – Ich habe vor wenigen Minuten mittels eines Film­do­ku­ments den Posau­nisten Fred Wesley solange beob­achtet, bis ich der festen Über­zeu­gung sein konnte, die Posaune habe auf Fred Wesleys Schulter wie ein Tier Platz genommen, sie habe den korpu­lenten, alten Herrn sozu­sagen okku­piert, um auf ihm Musik zu machen. Funky! Funky! Mit Fred Wesley ist das so: Er bewegt sich geschmeidig und elegant, er scheint zu tanzen, selbst dann noch, wenn er reglos, wie scheinbar ange­halten, vor einem Mikro­phon verharrt. Seit Monaten habe ich den Verdacht, dass der alte Posau­nist außer­ge­wöhn­lich lange Zeit die Luft anzu­halten vermag. Ich werde deshalb sofort, in dieser Nacht noch, eine E-Mail verfassen und mich erkun­digen, ob ich mit meiner Vermu­tung Recht haben könnte. Sehr geehrter Mr. Wesley, so viel­leicht sollte ich beginnen, es ist Mitter­nacht in Europa. Ich heiße Louis, und ich wüsste gerne, wo Sie sich gerade befinden, weil ich ein Gespräch mit Ihnen zu führen wünsche über das Anhalten der Luft und diese Dinge, die einem Posau­nisten, wie sie einer sind, viel­leicht außer­or­dent­lich gut gelingen. Gestern auf dem Weg von einem Zimmer in ein anderes Zimmer, wäre ich um Haares­breite umge­fallen, weil mir schwin­delig wurde, weil ich kurz zuvor eine Minute und eine halbe Minute nicht geatmet hatte. Ich frage mich, ob ich viel­leicht etwas falsch gemacht haben könnte. Wie trai­niere ich am besten und was sind sinn­volle Ziele, die ein Mensch in diesem Sport errei­chen kann, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen? Soll ich mir eine Posaune kaufen? Wie auch immer, verehrter Mr. Wesley, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir recht bald antworten würden, damit ich in meinen Übungen fort­fahren kann. Ihr Louis – stop

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rosen

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echo : 5.26 – Ich erin­nere mich an einen Mann, den ich im Februar in Manhattan beob­achtet hatte, wie er durch Subway Stationen wanderte. Er sah ein wenig aus wie Art Garfunkel in jüngeren Jahren, trug einen hellen Anzug, um den Hals war ein roter Schal gewi­ckelt, außerdem hielt er einen Strauß unsicht­barer Rosen im Arm. Diese nicht sicht­baren, aber sehr wohl exis­tie­renden Rosen nun, verschenkte er an Frauen, die auf Züge warteten. Wenn er sich einer Frau genä­hert hatte, machte er eine leichte Verbeu­gung und entnahm kurz darauf mit der rechten Hand aus der Rosen­wiege seines linken Armes eine Blume. Er hielt sie mit drei Fingern vorsichtig fest, um sie in einer weiteren, tieferen Verbeu­gung zu über­rei­chen. Dann setzte er seinen Weg fort, ohne ein Wort gespro­chen zu haben. Manchmal verzog er sein Gesicht, vermut­lich weil er sich an einer der Rosen­dornen gesto­chen hatte, aber bald lachte er wieder und machte eine fröh­liche Miene. Für einen Beob­achter wie mich war das eine aufre­gende Geschichte. Deshalb folgte ich dem Mann an einem sehr kalten Vormittag in einen Zug, der in südli­cher Rich­tung fuhr. Als der Rosen­ka­va­lier nämlich das Ende des Bahn­steiges erreicht hatte, stieg er in den nächst­besten Wagon, setzte sich dort auf eine Bank und wartete darauf, an der nächsten Station wieder aussteigen zu können. Fried­lich saß er unter den Fahr­gästen, zupfte immer wieder einmal an seinen Rosen herum, ordnete die Wick­lung seines Schales, dann stieg er aus und machte sich wiederum auf den Weg über den Bahn­steig, um dort versam­melte Frauen zu begrüßen, und zwar jede Frau ohne Ausnahme, sofern sie nicht vor ihm flüch­teten oder vorgaben blind zu sein. Manche der Frauen lachten und bedankten sich, viele schienen den Mann zu kennen. Eine feine, berüh­rende Erfah­rung, insbe­son­dere deshalb, weil ich dem Mann nahe kommen konnte, ohne dass er je auf mich reagiert hätte. – Exis­tieren even­tuell unsicht­bare Vasen in Queens, Brooklyn, Harlem, der Bronx? – stop

wolfgang herrndorf : arbeit und struktur

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hima­laya : 6.52 – Ich weiß nicht wie viel ich zitieren darf. Aber ich will das zitieren, aufbe­wahren, fest­halten, verweisen. Wolf­gang Herrn­dorf zählt in seinem Blog Arbeit und Struktur Monate. Im April notiert er von Essaouira aus: 26.4. 11:46 Drei oder vier asyn­chrone Muez­zins. Auf der Hotel­dach­ter­rasse in praller Sonne sitzend und arbei­tend, über­rascht mich die Meldung vom Tod einer Brief­freundin aus Frei­burg. Ihre Erst­dia­gnose war im Dezember 2010, nach jeder von drei Opera­tionen wuchs das Glio­blastom sofort weiter. Im Gegen­satz zu mir machte sie sich große Hoff­nungen, klam­merte sich an neue Mittel und suchte in Studien rein­zu­kommen. Vor zwei Monaten mailte sie: Tamoxifen scheint zu wirken, neuer Herd löst sich auf, alte, bestrahlte Stelle unver­än­dert. Vor fünf Tagen starb sie. / Eine Freundin von ihr schreibt, sie sei zuletzt rund um die Uhr betreut worden, selbst zum Tippen zu schwach. Der Versuch, sie mit den Mitteln der Pallia­tiv­me­dizin in einen stabilen Zustand zu bringen, hatte wenig Erfolg. Auch im Hospiz kam sie nicht zur Ruhe und schrie die Nacht durch vor Angst. Die offen­sicht­liche Kraft, die zum Schreien vorhanden war, habe, so die Freundin weiter, im krassen Gegen­satz zum geschwächten Gesamt­zu­stand gestanden. Die Ärzte konnten sie nur beru­higen, indem sie sie komplett sedierten. Sie hat die durch­schnitt­liche Lebens­er­war­tung von sieb­zehn Monaten knapp verfehlt, in der ungüns­tigen MGMT–Gruppe gehörte sie noch zu den glück­li­cheren 15 Prozent. / Unten in der Hotel­lobby finde ich Per und Lars, an denen ich mich fest­halten kann zum Glück. / 26.4. 18:46 Hinter den anderen her durch die Medina auf der Suche nach dem nörd­li­chen Strand und der Fabrik, in der Per seine Scha­tullen herstellen läßt. Das Gewimmel der vor sich hin krepelnden Menschen, die aus Müll und Abwasser gemachten Straßen, der Gestank, das Geschrei, der Schmutz alles Leben­digen lassen mich umkehren. Sofort verlaufe ich mich. Zweimal renne ich die verstopfte Haupt­straße hoch und runter, bis ich endlich die mit einem Stadttor markierte Abzwei­gung zum Hotel gefunden habe. / Dann Bade­hose, dann Spazier­gang zum leer und befreiend vorge­stellten, aber vermüllten und von Quads zerfetzen südli­chen Strand, der vor zwei Jahren noch schön gewesen war. Ich gehe so weit ich kann und über den Fluß und zurück, um wenigs­tens erschöpft zu sein für den Abend. Ich versuche, mir eine Vorstel­lung davon zu machen, was es bedeutet, eine Nacht durch­zu­schreien vor Angst. Ich könnte nicht einmal sagen, ob es Empa­thie ist oder Selbst­mit­leid. Ich denke nicht nach. / Auf dem Weg zum Italiener verliere ich erneut die Orien­tie­rung und bin froh, als ich endlich im Bett liege und der Muezzin zum hundertsten Gebet des Tages ruft. Ein großer, mäch­tiger, tödli­cher Gott, der so anhal­tend bebetet werden muß. [tbc] > Impressum

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tahiti

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olimambo : 5.08 – In der vergan­genen Nacht habe ich das Rufre­gister meines Tele­fons bear­beitet. Zwei Nummern oder Personen wurden gelöscht. Das war kurz vor 1 Uhr gewesen. Ich hatte mir eine Seeb­arbe gebraten, und während ich nun einer­seits den Fisch beob­ach­tete, wie er in der Pfanne dampfte, betas­tete ich ander­seits das Telefon mit beiden Händen. Der Apparat piepste indem ich die Nummern löschte und ich hatte im Moment des Löschens das Gefühl, leichter geworden zu sein. Dann legte ich das Telefon auf einen Tisch und betrach­tete es. Ich erin­nere mich, dass ich daran dachte, mit genau diesem Telefon, hin und wieder meinen Vater ange­rufen zu haben. Und ich dachte noch dazu, dass das nun nicht mehr möglich sein wird. Wenn ich früher einmal vor hatte meinen Vater anzu­rufen, öffnete ich das Menü der Anruf­liste und navi­gierte bis ich den Eintrag ELTERN erreichte. Hin und wieder war mein Vater sofort am Telefon, meis­tens aber war meine Mutter schneller gewesen. Ich sagte, Hallo, hier ist Louis, wie geht es Euch? Oh, ja, bei uns regnet es auch. Nein, ich konnte gut schlafen trotz der Hitze. Ich hatte die Fenster geöffnet während ich arbei­tete, die Luft riecht heute wieder so gut nach Steinen. Ein paar nasse Falter sitzen auf der Fens­ter­bank und zittern um die Wette. In der vergan­genen Nacht regnete es nicht, aber die Fenster waren wieder geöffnet und die Falter segelten durch die Luft. Ich könnte viel­leicht noch etwas Verrücktes unter­nehmen, ich könnte ein wenig in Georg Forster Reise nach Tahiti und in die Südsee lesen. Das machen wir jetzt. 5 Uhr und zwei Minuten. Mitt­woch. – stop
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kamele

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echo : 0.02 – Im Traum konnt ich mein eigenes Herz sehen. Ich war durch­sichtig geworden, Haut, Fleisch, Knochen. Sass an einem Tisch. Warum auf dem Tisch eine kleine Eisen­bahn im Kreis fuhr, kann ich nicht sagen. Die Loko­mo­tive dampfte. Eine Kara­wane durch­sich­tiger Kamele wanderte kreuz und quer. Alles das Kleine war von der Farbe des Schnees. Ich erwachte. Dunkle, zornige Gewit­ter­wolken zogen unter glück­li­chen, weißen Cumu­lus­wolken über der Stadt. – Man sieht es den Bäumen am Morgen nicht an, aber sie schlafen. – stop

möwen

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echo : 4.12 – Lese in Louis Kekkola’s Eisbuch Das Walfisch­or­chester. Es ist jetzt kurz nach vier Uhr, Dämme­rung, Vögel pfeifen. In diesem Moment trage ich Hand­schuhe. Ich habe mein Tonband­gerät ange­schaltet und spreche leise, in dem ich das zerbrech­liche Buch­wesen in Händen halte. Kaum habe ich eine Seite abge­tastet, schließe ich den Kühl­schrank, gehe in der Wohnung spazieren und lasse mir alles durch den Kopf gehen. Dann kehre ich zurück und lese mit damp­fendem Atem weiter. Höre in diesen Minuten das Ticken des Weckers, der mir 15 Sekunden Zeit erteilt, um das Buch der unge­stümen warmen Luft meiner Wohnung auszu­setzen. Auf Seite 87 entdecke ich Louis Kekkola’s Notiz über das Leben der Möwen an nordi­schen Stränden. Er habe, schreibt er, in seinem Leben noch nie eine Möwe berührt. Das ist erstaun­lich, ich glaube, es exis­tieren nur wenige Menschen, die je eine Möwe mit ihren Händen berührten. Auch ich habe noch nie eine Möwe mit meinen Händen berührt. Ich könnte das ändern, ich sollte ans Meer fahren. – stop
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handohren

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sierra

~ : oe som
to : louis
subject : HANDOHREN
date : may 27 12 3.05 a.m.

Lieber Louis, Mitter­nacht ist längst vorüber. Ich bin ruhig, aber ich kann nicht schlafen. Seit Tagen geht das so mit mir, dass ich die Augen schließe und doch wach liege, zumin­dest nicht wirk­lich auf die andere Seite gelange. Ich spüre wie sich das Schiff auf und ab bewegt, manchmal erhebe ich mich und gehe spazieren an Deck, oder ich besuche Lin, die sich für den Monat Mai in Nacht­schicht befindet. Seit drei Tragen sitzt sie in der Werk­statt an der Über­tra­gung des Romans Molloy von Samuel Beckett. Ich darf ihr zusehen, wie sie Zeichen für Zeichen aus dem papie­renen Buch kopiert, eine geschmei­dige Bewe­gung, sie schreibt ohne ihren Blick auf den Stift zu richten. Jedes Wort, das sie in Angriff nimmt, wird zunächst in den Raum geflüs­tert: Wach­tel­könig. Als ob sie eine Anwei­sung geben würde, als ob ihre schrei­bende Hand über geheime Ohren verfügte. Ich wünschte mir, ich könnte ihre Hände einmal einge­hend unter­su­chen, einen Bericht schreiben über die Entde­ckung der Hand­ohren kurz nach Mitter­nacht auf einem Schiff vor Neufund­land. Eigent­lich, lieber Louis, wollte ich Dir von meinem ersten Besuch bei Noe in der Tiefe berichten, was ich dort gesehen habe, seine Augen wie sie meine Augen betrach­teten durch das Panzer­glas. Ich denke, ich bin noch nicht so weit. Ich werde Dir ausführ­lich notieren sobald ich einmal eine Nacht durch­ge­schlafen habe. Es ist möglich, dass ich das Tauchen nicht vertrage oder Noe’s hellen Blick viel­leicht, der mich verfolgt, ich gebe das zu, Noe’s Blick verfolgt mich. Manchmal denke ich, dass nicht richtig ist, was wir tun. Gute Nacht! Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
27.05.2012
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karawane

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delta : 0.02 – Auf dem Broadway wanderte eine Kara­wane mensch­li­cher Träger südwärts. Ich folgte dieser merk­wür­digen Erschei­nung von der 30. bis zur 8. Straße an einem windigen Tag. Die Sonne leuch­tete tief vom Hudson her, Staub war in der Luft, die Männer, die sich sehr langsam bewegten, husteten und niesten. Sie waren alle sehr ordent­lich gekleidet, Anzüge von dunkel­grauer Farbe und Krawatten in unter­schied­li­cher Muste­rung. Außerdem trugen sie finger­breite Schilder über ihren Herzen von japa­ni­schen Schrift­zei­chen besetzt. Ich erin­nere mich, dass ich mich wunderte, weil die Männer nicht mitein­ander spra­chen. Sie bildeten eine lini­en­för­mige Einheit, einer der Träger führte diese Linie an, er war sozu­sagen ihr Kopf. Sobald dieser Mann nun eine Kreu­zung erreichte, blieb er stehen und wartete, bis die Ampel der Kreu­zung zunächst rot wurde und dann wieder grün. Ein Mann stand jetzt exakt hinter dem anderen, in dem sie sehr geschickt ihren Ballast auf ihren Köpfen balan­cierten, jeder Träger einen Karton. Indessen schien die Kara­wane der grauen Männer jenen Menschen, die mit oder gegen ihre Lauf­rich­tung über die Straßen eilten, nicht beson­ders aufzu­fallen. Für einen Moment hatte ich die Idee, sie wären viel­leicht unsichtbar, genauer, sie wären nur für mich sichtbar gewesen, reiner Unsinn natür­lich, weil der Raum, den die Kara­wane auf Gehwegen und Straße einge­nommen hatte, respek­tiert wurde. Etwa drei Kilo­meter liefen sie so ruck­weise südwärts dahin, um dann in der 8. Straße in einem Back­stein­haus zu verschwinden. Ende der Geschichte einer Beob­ach­tung. Es ist Montag. In den Kasta­nien vor dem Fenster das Summen der Nacht­bienen. – stop
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mumbai

picping

MELDUNG. Mumbai, Road Number One, 16. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 277 [ Marmor, Carrara : 1.12 Gramm ] voll­endet. – stop

ping

pseudonym no 5

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ulysses : 6.05 – Gestern war das Wetter schön, ich suchte spazie­rend im Park nach einem Namen für mein Pseud­onym No 5. Sobald ich glaubte, einen geeig­neten Namen gefunden zu haben, sagte ich ihn laut vor mich hin, ich sagte zum Beispiel: Felix Mayer Kekkola. Als Nach­mittag geworden war gefiel mir dieser Name noch immer, ich hatte Lilli M. Murphy bereits verworfen, auch Kaspar Joe Weide­mann und weitere Namen waren gründ­lich vergessen. Ich notierte den gewählten Namen Felix Mayer Kekkola in mein Notiz­buch und ging nach Hause. Es ist seltsam, ich war mit meinem neuen Namen an der Seite stark unruhig bis in den Abend hinein. Ich konnte mir diese Unruhe zunächst nicht erklären, dann hatte ich die Idee, dass ich nach­sehen sollte, ob der Name Felix Mayer Kekkola viel­leicht im Internet schon längere Zeit exis­tiert, ein Mensch also, der genau so heißt, oder ein Mensch, der diesen Namen verwendet, um sich zu verbergen und zu veröf­fent­li­chen in ein und dem selben Moment. Mehr­fach prüfte ich mit Such­ma­schinen die Exis­tenz einer Spur. Kein Ergebnis für “Felix Mayer Kekkola” war zu finden. Ich könnte nun also erstens annehmen, dass ein Mensch, der diesen Namen trägt, nicht exis­tiert, was sicher nur sehr vorsichtig formu­liert werden darf. Zwei­tens könnte ich jenen feinen Namen nun für mich besetzen, okku­pieren sozu­sagen nach bestem Wissen und Gewissen, was in dieser Sekunde genau so geschieht, indem ich meinen Text in die digi­tale Sphäre sende. – stop

atem

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tango : 6.52 – In der vergan­genen Nacht von 2 bis 3 Uhr habe ich mir eine Passage der Kleinen Erin­ne­rungen José Saramago’s laut vorge­lesen, und zwar in der Art und Weise lang­samen Ausat­mens. Das ist folgen­der­maßen vorzu­stellen: Ich fasste das erste Wort der ersten Zeile des kleinen Textes ins Auge, schöpfte Luft so tief ich konnte und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manchmal frage ich mich, ob bestimmte Erin­ne­rungen wirk­lich meine eigenen sind oder viel­leicht eher fremde, in denen ich unbe­wusst mitge­spielt habe. Ich las solange ich konnte, ich las ohne zu atmen, ich las bis ich alle Luft verloren hatte. Im ersten Versuch kam ich 11 Zeilen weit. Das war natür­lich nicht befrie­di­gend. Also setzte ich noch einmal von vorne an, ich hatte eine entspannte Posi­tion des Sitzens einge­nommen und füllte meine Brust mit Luft und begann zu spre­chen. Diesmal las ich mit leiser Stimme wie geflüs­tert. Ich kam exakt 1 Zeile, also 55 Zeichen weiter. Kurz darauf war zu beob­achten gewesen, wie ich mich rück­lings auf mein Sofa legte und denselben Text noch einmal hauchte. Das liegende atem­lose Lesen ermög­lichte nun eine weitere Zeile a 55 Zeichen. Ich machte also kleine Fort­schritte in dieser Kunst des Lesens, ich vermochte bald die Zeile 14 des kleinen Textes zu errei­chen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mitdenken konnte. Nach einer Stunde des Übens hörte ich für diese Nacht auf, um in der kommenden Nacht­zeit fort­zu­fahren. – stop
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