falterherz

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lima : 5.48 – Ich erin­nere mich, im August des Jahres 2008 einen Strauß Fragen notiert zu haben. Ich wollte wissen, ob es Menschen möglich ist, einen alt und müde gewor­denen Falter am offenen Herzen solange zu operieren, bis er wieder fliegen kann? Wie also betäubt, wie beatmet man einen Falter? Mit welchen Mate­ria­lien werden geöff­nete Falter­brüste güns­ti­ger­weise wieder geschlossen? Ich habe auf diese Fragen bisher keine Antworten gefunden. Manchmal denke ich, dass das Sammeln seltener Fragen an sich ein großes Vergnügen bedeutet. Meine Falter­herz­fragen haben jeden­falls einen derart nach­hal­tigen Eindruck hinter­lassen, dass ich keinen Falter, der seither nachts zu mir zu Besuch gekommen ist, betrachten konnte, ohne sofort an die Möglich­keit einer Notope­ra­tion zu denken. – Freitag. Regen. Kühle Luft. – stop
ping

fingerknospen

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india : 6.32 – Meine Schreib­ma­schine ist ein merk­wür­diges Ding. Sie ist flach und sie verfügt über einen Bild­schirm und außerdem über einen licht­emp­find­li­chen Sensor, der ins Innere meiner Schreib­ma­schine zu melden scheint, ob Tag ist oder Nacht, ob Helle oder Dunkel. Ich habe gerade eben eine Vier­tel­stunde nach der Posi­tion dieses Sensors gesucht, zunächst mittels meiner Augen selbst, etwas später mit einer Lupe, je ohne eine beweis­kräf­tige Spur aufnehmen zu können. Es ist Samstag. Ich mag das Wort Samstag gut leiden. Gerade fällt mir ein, dass ich bald ein weiteres Jahr gelebt haben werde, ohne einen Finger verloren oder um einen Finger zuge­nommen zu haben. Oft, so auch heute, habe ich mich gefragt, wie sich ein nach­wach­sender Finger zunächst bemerkbar machen würde? Würde sich neben einem bereits exis­tie­renden Finger eine Finger­knospe bilden, die nach und nach sich zu einem voll­stän­digen Finger­glied erheben würde? Oder würde sich viel­leicht einer meiner älteren Finger in seiner Mitte teilen? Das sind sehr inter­es­sante Fragen, die viel­leicht ein wenig unheim­lich zu sein scheinen. Vor wenigen Stunden, das geht mir nicht aus dem Kopf, habe ich am Flug­hafen mit einem jungen Mann gespro­chen, der in einem Wasch­raum stand und eine sehr trau­rige Geschichte erzählte. Manchmal musste er weinen. Seine Augen röteten sich und er beugte sich rasch über das Wasch­be­cken und begann sein Gesicht mit Wasser zu benetzen. Dann rich­tete er sich auf, erzählte weiter und weinte erneut, um sich wiederum über das Wasch­be­cken zu beugen bis er so nass geworden war, dass er stehen­blieb und erzählte und weinte zur glei­chen Zeit, ohne sich noch verbergen zu wollen. – stop

polaroidunter

abschnitt neufundland

picping

Abschnitt Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 1546, Luft­fahrt – 2101, Auto­mo­bile – 62742 ], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 6, 19. Jahr­hun­dert – 23, 20. Jahr­hun­dert – 1055 , 21. Jahr­hun­dert – 732 ], physical memo­ries [ bespielt – 387, gelöscht : 5 ], Licht­fang­ma­schine [ Linhof Tech­nika II : 1 ], Öle [ 0.2 Tonnen ], Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 23, Knie­ge­lenke – 8, Hüft­ku­geln – 431, Brillen – 1186 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 354, Größen 38 – 45 : 1258 ], Kühl­schränke [ 77 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 3, mit Taucher – 88 ], Engels­zungen [ 124 ] – stop

sommernachmittag

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charlie : 6.24 – Einmal, vor ein oder zwei Jahren, saß ich einige Stunden lang an der Seite meines Vaters vor seinem Schreib­tisch. Wir sahen Notizen durch, die er seit der Studi­en­zeit auf Zetteln nieder­legte. Da waren nun Zettel aus jüngerer Zeit gewesen und Zettel, die er bereits vor 10 oder 20 Jahren notierte, Adressen, Tele­fon­num­mern, Verzeich­nisse, auch philo­so­phi­sche Bemer­kungen, Formeln, Pass­wörter. Wir versuchten gemeinsam zu unter­scheiden, was noch wichtig war und was viel­leicht zur Seite gelegt werden konnte. Mein Vater kämpfte an diesem Tag des Sortie­rens um jeden einzelnen seiner Zettel. Wenn ich das Zimmer einmal kurz verlassen hatte, um Milch oder Tee zu holen, konnte ich vom Flur her sehen, wie sich seine rechte Hand bemühte, Zettel, die wir dem Verschwinden über­eignet hatten, in die Abtei­lung UNVERZICHTBAR zurück­zu­holen, ein lustiges Spiel. Ich setzte mich bald zurück an den Tisch und wir taten beide so, als ob in der kurzen Zeit meiner Abwe­sen­heit nichts geschehen wäre. Draußen vor dem Fenster regnete es ohne Unter­bre­chung. Wir spra­chen wenig. Immerzu bewegte ich mich zu schnell. Manchmal schlief mein Vater ein. Das war an einem Sommer­nach­mittag gewesen. – stop
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fischvögel

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~ : louis
to : Madame van Lishout
subject : FISCHVÖGEL

Sehr geehrte Madame van Lishout, verzeihen Sie bitte viel­mals mein Schreiben auf elek­tri­schem Wege. Ich bin nicht sicher, ob ich Ihre korrekte Adresse erin­nere. Ein Brief auf Papier mit unter­zeich­neter Bestel­lung wurde an folgende Anschrift gesendet: M.v.L., Chal­lions 7, 4968 Malmersby, Belgium. Es geht um ein drin­gendes Geschenk, das bis zum 10. August für einen Freund fertig gestellt sein muss. Sie erin­nern sich viel­leicht, es geht um jenen Freund, der seit einem Jahr­zehnt im Wasser exis­tiert. Da die Krea­tion unter der Wasser­ober­fläche lebender Sing­vögel nicht möglich ist, – ich habe Ihre Erläu­te­rungen verstanden -, sehr wohl aber die Manu­faktur eines Fisch­pär­chens, das in Gestalt und Benehmen Sing­vö­geln ähnlich sein könnte, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie für mich ein oder zwei Entwürfe zur Verwirk­li­chung formu­lieren würden. Auch einen Käfig, der in Süßwasser längere Zeit über­dauern könnte, habe ich vor in Auftrag zu geben, schön wäre ein fili­granes Gehäuse von dunklem Holz. In der Größe sollte das Pärchen vogel­ähn­li­cher Fische die Dimen­sion der Luftzei­sige nicht über­treffen, da die Wasser­woh­nung meines Freundes eher bescheiden ausge­fallen ist. In der farb­li­chen Ausfüh­rung wünsche ich weiche pastell­far­bene Töne. Ein gewisses Leucht­ver­mögen von innen her wäre wunder­voll. Könnte dies alles möglich sein, würden Sie mich sehr glück­lich erleben. Der Gesang der kleinen Fische sollte fröh­lich, nicht allzu laut, vor allem eben heiter sein. Ich erwarte Ihre Antwort drin­gend und verbleibe hoch­ach­tungs­voll mit freund­li­chen, dank­baren Grüßen. Ihr Mr. Louis

gesendet am
5.06.2012
2.58 MEZ
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polaroidtaucher

transit

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alpha : 1.30 – Es ist still im Haus. Draußen zaust ein kühler Wind Bäume und Sträu­cher, während die Venus, ein Punkt, über den abge­dun­kelten Sonnen­ball auf dem Bild­schirm meines Compu­ters wandert. Das sind Bilder, die von der NASA gesendet werden, das beob­ach­tende Maschi­nen­auge befindet sich auf dem Mauna Kea, Hawaii. Ich habe die Sonne noch nie zuvor in dieser Weise betrachtet, Echt­zeit, in dem Sinne Echt­zeit, dass ich die Sonne betrachten kann, ohne meine Augen schließen zu müssen und in dieser Weise wahr­zu­nehmen vermag, wie sich ihre Ober­fläche tatsäch­lich bewegt. Oder irre ich mich? Alles das, was ich sehe, liegt bereits 8 Minuten in der Zeit zurück. Es ist denkbar, dass ich die Bewe­gung nur deshalb zu erkennen meine, weil ich weiß, dass diese Bewe­gung exis­tiert. Ja, es ist still im Haus. Der Regen peitscht gegen die Scheiben. Ich bin ruhig. Alles schläft. – stop

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brummkreisel DOYU 66Y

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bamako : 18.55 – Ich habe über das Problem lebender Brumm­kreisel nach­ge­dacht. Das ist nämlich so, dass ein Lebe­wesen, das einem Brumm­kreisel ähnlich sein würde, über zwei Abtei­lungen verfügen sollte, über eine der Erde verbun­dene Fuß – oder Basis­ab­tei­lung einer­seits, sowie über eine sich drehende, krei­sende Einheit ande­rer­seits, die sich in den Momenten der Karus­sell­fahrt in Frei­heit, also unab­hängig von dem geer­deten Teil des Brumm­krei­sel­wesen bewegen müsste und doch eindeutig zu ihm gehören würde. Demzu­folge würde die krei­sende Abtei­lung dieses Wunsch­we­sens nach Ende ihrer rasenden Fahrt zu sich selbst zurück­kehren, das heißt, sich mit der wartenden Fußab­tei­lung in orga­ni­schem Sinne wieder vereinen. Eigent­lich ist das insge­samt nicht schwer zu denken. Ein Gefäß, anstatt eines Kopfes, könnte auf den Schul­tern der Basis­ab­tei­lung exis­tieren, eine Fassung, in welcher sich die untere Spitze des wirbelnden Körper­teiles frei drehend bewegen würde. In diesem Gefäß sollten sich Öle befinden, die dem mensch­li­chen Liquor ähnlich sind. Nach einer Phase der Rota­tion würden sich in dieser Flüs­sig­keit Blut­ge­fäße und Nerven­bahnen, die zuvor gelöst worden waren, von unten nach oben erneut mitein­ander in Verbin­dung bringen, so dass das Wesen bald wieder zu einer voll­stän­digen Person geworden sein wird. Augen und Ohren, so stelle ich mir vor, sollten sich in der unteren Abtei­lung befinden, auch Füße zum Stehen und Wandern und alle Organe, die für einen gesunden Stoff­wechsel notwendig sind. Ja, so könnte das möglich sein, das ist denkbar, das macht Knoten im Kopf. – stop

ping

ohrentraum

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bamako : 5.55 – War im Restau­rant. Dort schritt die Zeit sehr viel schneller als übli­cher­weise voran. Jeder eintre­tende Besu­cher wurde gewarnt, unge­fähr so: Guten Abend mein Herr, wir wollen sie darauf hinweisen, dass ein Abend bei uns sie um etwa ein Jahr älter werden lässt. Tatsäch­lich flackerte im Saal das Licht aufge­regt, das waren viel­leicht Dämme­rungen, Nächte und Tage. Auch mein Herz schlug wie verrückt und das Blut zischte durch meine Blut­ge­fäße. Ich verspeiste 250 Gramm gerös­teter mensch­li­cher Ohren in einer sanften Zitro­nen­sauce. Als ich erwachte, hörte ich meine eigene Stimme, die etwas sagte, das ich nicht verstand. Ich machte Kaffee und ich notierte meinen Traum unver­züg­lich. Über die Notiz setzte ich das Wort: Ohren­traum. – stop

frankie

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echo

~ : malcolm
to : louis
subject : FRANKIE
date : june 9 12 0.05 a.m.

Samstag. Nacht. Gute Nach­richten sind zu über­mit­teln. Endlich haben wir ein Eich­hörn­chen gefangen, Central Park, Höhe 76. Straße, ein großes, graues Tier. Wir haben ihm dem Namen Frankie verpasst. In diesem Moment schläft Frankie tief und fest. Es ist kaum zu glauben, dass wir seinen kleinen runden Bauch, der sich vor unseren Augen hebt und senkt, in wenigen Stunden öffnen werden. Arme und Beine sind bereits am Tisch befes­tigt, ein Anblick, der nicht gut zu ertragen ist. Frankie wirkt hilflos, erbärm­lich, wie er hinge­streckt vor unseren Augen ruht. Als wir ihn badeten, wachte er vom Wasser auf, das er viel­leicht nicht gewöhnt ist, und zeigte seine kräf­tigen Zähne. Ich nehme an, er wird in diesem Moment weder hören, noch sehen, nur träumen oder auch nicht. Da wir nun alles auf das Sorg­fäl­tigste vorbe­reitet haben, Satel­li­ten­sender wie USB-Daten­träger liegen bereit, bitten wir um präzise anato­mi­sche Anwei­sung, in welche Tiefe wir das Mate­rial in Fran­kies Körper zu versenken haben. Wie lange Zeit sollten wir Frankie nach Opera­tion narko­ti­sieren? Wann könnten wir ihn wieder in die Frei­heit entlassen? Antworten Sie bitte rasch! Ihr Malcolm / code­wort : hibis­kus­blüte

empfangen am
9.06.2012
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malcolm to louis »

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jackson avenue

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romeo : 1.28 – New York. Subway Linie 7 Rich­tung Queens. Ein Herr mit Akten­koffer steigt Station Jackson Avenue in den Zug, setzt sich, legt seinen Koffer auf die Knie, öffnet den Koffer und entnimmt ein Gerät, das nicht sehr viel größer ist als eine Streich­holz­schachtel. Bald werden Batte­rien sichtbar, eine Versamm­lung von vier Batte­rien, 1.5 Volt, die mittels eines Gummi­bandes anein­ander befes­tigt sind. Drähte führen in die Luft, sie beben in der Bewe­gung des Zuges, werden in diesem Moment von gleich­falls bebenden Fingern des Mannes einge­fangen, mehr­fach verz­wir­belt und vorsichtig mit dem kleinen Gerät, das der Mann seinem Koffer zunächst entnommen hatte, verbunden. Ein Junge mit Gitarre schlen­dert indessen musi­zie­rend durch den Zug, breit­beinig, in der Art der Matrosen auf hoher See. Fahr­gäste in der Nähe des Mannes mit dem Akten­koffer beob­achten inter­es­siert wie der Mann aus der linken Tasche seines Jacketts eine Kurbel hebt, fili­granes Werk­zeug, Welle von Metall, hölzerner Griff. Er steckt die Kurbel in den Streich­holz­kasten und beginnt vorsichtig an ihr zu drehen. Jetzt schließt er seine Augen, kurbelt weiter. Einige Meter entfernt sitzt ein Mädchen auf einer grell­bunten Reise­toi­lette. Auch das Mädchen, während es wartet, beob­achtet den Mann und seine Kurbel­ma­schine voller Hingabe. In dieser Sekunde schließt auch das Mädchen, wie der Mann, andächtig die Augen. – stop

lopes

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delta : 0.36 – Ich stelle mir vor, wie ich bald einmal von einer längeren Reise nach Hause zurück­kommen werde. Ich öffne die Wohnungs­türe, mache Licht, ein paar Nacht­falter kommen mir durch den Flur zur Begrü­ßung entgegen. In der Küche blühen Kakteen. Im Wohn­zimmer auf dem Sofa ruht eine norwe­gi­sche Wald­katze, sie schläft. Es herrscht, obwohl Winter­zeit, eine ange­nehme Tempe­ratur in allen Räumen, eine Wärme, die von der Hitze umlie­gender Wohnungen verur­sacht ist. Ich höre Duke Ellington leise vom Radio her, das ich vergaß vor meiner Reise auszu­schalten. Ja, und da ist nun also Lopes, auf dem Rücken liegend, bewe­gungslos. Ich sage, Lopes, hallo Lopes, guten Abend, bin wieder da, werd dich gleich wecken. Schritte an der Zimmer­decke, das pfei­fende Geräusch einer Stra­ßen­bahn, die eine Kreu­zung über­quert, der Staub der Monate knis­tert auf den Lampen­birnen. Auch die Kakteen hinter dem Schreib­tisch blühen wie verspro­chen. Es ist ein wirk­lich ange­nehmer Abend. Lopes ist schmal geworden und kühl, wie ich mit einer Hand über ihren Körper fahre, fühl ich ihre Rippen­bögen unterm Fell. Nichts kann man falsch machen in diesen sanften Momenten einer Rück­kehr aus der Ferne, man macht das so, man setzt sich neben das schlum­mernde Katzen­tier, man zieht ganz sanft an einem ihrer Ohren, mal ist es das linke, mal ist es das rechte Ohr, und schon öffnen sich ihre Augen, es ist überall dasselbe Prinzip. Ich hörte von Arten, die 5 Jahre lang schlafen und warten, ohne je einmal aufzu­wa­chen, oder trinken oder essen zu müssen. Das sind Katzen, die sehr kostbar sind, Lopes dagegen ist eine eher preis­werte Vari­ante, eine Katze, die sechs Monate bei bester Gesund­heit zu schlafen vermag. Ich sitz jetzt in der Küche, ich höre wie meine Katze schnurrt. Gleich wird sie um die Ecke kommen, etwas wackelig auf den Beinen noch und völlig ahnungslos wie viel Zeit doch vergangen ist, seit ich sie in Schlaf geschaltet habe. – stop

ping

mississippi

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alpha : 6.15 – Während ich Stunde um Stunde in Stewart O’Nan’s Roman Last Night at the Lobster lese, immer wieder das Wort Missis­sippi im Kopf. Die Idee, dass das Wort Missis­sippi in der Fort­set­zung der Lektüre nach und nach alle weiteren Wörter und Gedanken ersetzten könnte. stop. In einem Wort verschwinden. – stop

ping

blitzkäfer

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marimba : 6.42 – Man erzählt, Blitz­käfer in freier Wild­bahn seien selten geworden. Einer der letzten auf dem euro­päi­schen Fest­land wohnenden Käfer dieser Gattung soll am vergan­genen Wochen­ende nahe Straß­burg entdeckt und gefangen genommen worden sein. Das Tier wurde kurz vor seiner drohenden Entla­dung in einen bota­ni­schen Sammler mittels eines isolie­renden Käfigs von Porzellan arre­tiert und befindet sich derzeit im zoolo­gi­schen Garten zu Oslo. Nun sollte man wissen, Biltz­käfer sind gefähr­liche Personen, obgleich sie zunächst eher harmlos erscheinen. Von einer hellen runden Panze­rung umgeben, verfügen sie über außer­or­dent­lich kurze kräf­tige Beine, über einen Kopf weiterhin, der an ihrem Körper kaum in Erschei­nung tritt, weil er sehr klein ist und auf dem volum­niösen Körper unmit­telbar aufsitzt, Wesen ohne Hals, die sich sehr langsam vorwärts, rück­wärts oder seit­wärts bewegen. Sobald man einen Blitz­käfer anzu­heben wünscht, wird man über­rascht seine Schwere bemerken, man kann ihn von Hand kaum von einem Unter­su­chungs­tisch bekommen, so schwer ist die Käfer­kreatur. An seinem höchsten Punkt, exakt seinen Beinen gegen­über, erhebt sich ein Stachel, der sich gegen den Himmel richtet. Von dort kommen Blitze an oder gehen von dort aus wieder in die Luft. Blitz­käfer summen. Das ist ein Geräusch, welches höchste Gefahr signa­li­siert für Leib und Leben. – stop

zerstreuung

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mari­maba : 6.36 – In einer Film­do­ku­men­ta­tion, die den Schrift­steller Jona­than Franzen fünf Tage lang während einer Lese­reise begleitet, folgende berüh­rende Szene, die sich im New Yorker Arbeits­zimmer des Autors ereignet. Jona­than Franzen hält seine Schreib­ma­schine, ein preis­wertes Dell – Note­book, vor das Objektiv der Kamera. Er deutet auf eine Stelle an der Rück­seite des Gerätes, dort soll früher einmal ein Fort­satz, eine Erhe­bung zu sehen gewesen sein. Er habe diesen Fort­satz eigen­händig abge­sägt. Es handelte sich um eine Buchse für einen Stecker. Man konnte dort das Internet einführen, also eine Verbin­dung herstellen zwischen der Schreib­ma­schine des Schrift­stel­lers und der Welt tausender Computer da draußen irgendwo. Jona­than Franzen erklärt, er habe seinen Computer bear­beitet, um der Versu­chung, sich mit dem Internet verbinden zu wollen, aus dem Weg zu gehen. Eine über­zeu­gende Tat. Im Moment, da ich diese Szene beob­achte, bemerke ich, dass die Verfüg­bar­keit von Infor­ma­tion zu jeder Zeit auch in meinem Leben ein Gefühl von Gefahr, Zerstreuung, Belie­big­keit erzeugen kann. Ich scheine in den Zeichen, Bildern, Filmen, die herein­kommen, flüssig zu werden. Dagegen ange­nehme Gefühle, wenn ich die abge­schlos­sene Welt eines Buches in Händen halte. Früher einmal, sobald ich spazieren ging oder auf eine Reise, zur Arbeit, ins Theater oder sonst wohin, verließ ich niemals das Haus, ohne eines meiner zerschlis­senen Unter­wegs­bü­cher mit mir zu nehmen. Wenn ich einmal doch kein Buch in der Hand oder Hosen­ta­sche bei mir hatte, sofort das Gefühl, unbe­kleidet oder von Leere umgeben zu sein. Als ob ich einen immer­wäh­renden Ausweg in meiner Nähe wissen wollte, ein Zimmer von Wörtern, in das ich mich jeder­zeit, manchmal nur für Minuten, zurück­ziehen konnte, um fest zu werden. Da waren also Bücher von Malcolm Lowry, Kenzaburo Oe, Truman Capote, Frie­de­rike Mayrö­cker, Walter Benjamin, Janet Frame, Georg C. Lich­ten­berg, Hein­rich von Kleist, Monika Maron, Alex­ander Kluge, Boho­umil Hrabal, Johann Peter Hebel, Patricia Highsmith, Elias Canetti, Peter Weiss, Hans Magnus Enzens­berger. Irgend­wann, weiß der Teufel warum, hörte ich auf damit. Und doch trage ich noch immer ein Buch in meiner Nähe. Ich trage meine Stra­ßen­bü­cher nicht länger in der Hand, ich trage meine Stra­ßen­bü­cher im Ruck­sack auf dem Rücken. – stop

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barfuß

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tango : 0.10 – Wieder der Eindruck, sobald ich mit der Hand Zeichen auf ein Blatt Papier notiere, keine Schuhe zu tragen. Warum?

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notvögel

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nordpol

~ : malcolm
to : louis
subject : NOTVÖGEL
date : june 16 12 0.12 a.m.

Guten Morgen, Louis! Wie gehts Ihnen? Alles in Ordnung? Eine Woche ist vergangen seit wir Frankie, das Eich­hörn­chen, operierten. Er scheint bei bester Gesund­heit. Wir haben die Krallen seiner Pfoten gestutzt, damit er sich die Narbe auf seinem Bauch nicht bald öffnen wird. Wir beob­ach­teten, dass sie ihn reizt, nicht so sehr das USB – Gerät, dessen Kontur sich unter der rosa­far­benen Haut deut­lich abzeichnet, viel­mehr ist es die rasierte Stelle insge­samt, die Frankie immer wieder betrachtet. Wir haben den Eindruck, er wundert sich in höchsten Maße. Indessen scheinen ihn jene kreis­för­migen Solar­zellen, die wir auf seiner Stirn links und rechts montierten, nicht weiter zu inter­es­sieren, auch das GPS-Funk­gerät, das wir hinter seinem linken Ohr im Leib versenkten, blieb bislang unbe­merkt. Es ist nicht viel größer als 1 Cent­münze. Heute ist also Frankie’s erster Tag in rela­tiver Frei­heit. Wir haben den kleinen Mann von seinen Käfig­fes­seln befreit, weswegen er seit Stunden aufge­regt in der Wohnung tollt. In zwei oder drei Tagen, wenn alles gut gehen wird, planen wir Frankie in der Dämme­rung eines Abends im Central Park, Höhe 87. Straße West, in die Wildnis zu entlassen. Hinsicht­lich der Entwick­lung essbarer Notvögel ist folgendes zu sagen. Zeisige, Finken, Amseln, Stare erscheinen uns nicht geeignet. Lerchen indessen sind inso­fern bereits gelungen, als sie ihrem Zucht­be­hälter voll­ständig federlos entkommen. Wir haben ihr Wachstum beschleu­nigt, sie werden nach Bestel­lung binnen dreier Tage fertig und im Geschmack Süßman­deln ähnli­cher geworden sein. Leider sind sie noch blind und taub und stumm. Natür­lich sind wir weiterhin in jeder Hinsicht um Fort­ent­wick­lung bemüht. In diesem Sinne, äußerst zuver­sicht­lich, grüßen wir Sie herz­lich. – Ihr Malcolm / code­wort : lilliput

empfangen am
16.06.2012
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postkarte nach brooklyn

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india : 0.58 – Eine Post­karte. Auf ihrer Vorder­seite war ein blühendes Mohn­blu­men­feld zu sehen, auf ihrer Rück­seite wurde in engli­scher Sprache hand­schrift­lich notiert. Abge­schickt wurde das Doku­ment aus einer nörd­li­chen Gegend Europas in Rich­tung Brooklyn, New York. Ein Mann schrieb folgendes an eine Frau namens Mary, ich über­setzte: Meine geliebte Mary, wir fahren seit einer Woche über das Land, das rot ist vom Mohn. Ich denke an Dich, während ich in die Pedale trete. Du bist nah, meine Liebste. Wir haben immer Gegen­wind, weil wir in die falsche Rich­tung fahren. Abends und auch am Tag trinken wir Wein, weil wir hier trinken können wie wir wollen, ohne uns verste­cken zu müssen. Manchmal glaube ich darum, dass Du wirk­lich da bist und dann muss ich sofort vor Schreck lang­samer fahren und am besten absteigen und mich nach Dir umsehen. Es ist wunder­voll in einem Mohn­feld zu liegen. Ich werde meine Post­karte an Dich heute Abend heim­lich aufgeben. Viel­leicht wird sie eine Über­ra­schung werden für Dich. Dein Martin – stop

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nachtmann

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charlie : 7.01 – Ich habe diesen Mann, der sich am Flug­hafen nachts in die Nähe schla­fender Menschen schleicht, schon häufiger wahr­ge­nommen. Er scheint ohne Gepäck zu sein, ist stets korrekt gekleidet, viel­leicht ein wenig nervös in seinen Bewe­gungen. Vor allem seine Füße sind voller Unruhe. Er springt auf, geht hin und her, und dann setzt er sich wieder und spricht zu den gestran­deten Menschen, die schlafen oder halb schlafen, mittels einer Stimme, die so leise ist, dass ich sie bisher noch nicht hören konnte. Nun hatte ich in der vergan­genen Nacht die Idee, dass der Mann viel­leicht in der Lage sein könnte, Traum­stimmen jener schla­fenden Personen, welchen er sich näherte, zu empfangen. Dann wäre das genau anders herum, die schla­fenden Menschen würden dem bemer­kens­werten Mann erzählen, der ihre Geis­ter­stimmen mit seiner Stimme nach­spre­chen würde. Das will ich bald einmal aufzeichnen. Werde ich nah genug heran­kommen? Welche Spra­chen werde ich hören? – stop

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koralle

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hima­laya : 6.45 – In den vergan­genen Stunden über Gestalt und Leben der Wasserengel nach­ge­dacht. Wenn ich mich mit einer Erfin­dung beschäf­tige, die von einem frisch entdeckten Wort ausge­gangen ist, öffnen sich Räume von enormer, von unbe­kannter Weite. Mit jedem Satz, den ich daraufhin notiere, werden diese Räume sichtbar und selt­sa­mer­weise enger, als ob jeder Wasserengel im Moment seiner Erfin­dung bereits über einen persön­li­chen Raum verfügte, der von den Gesetzen der Logik beschränkt wird oder von meiner Bega­bung. – Früher Morgen. Gewit­ter­himmel. Wolken spazieren über die Straße. – stop

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luftgespräch

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tango : 15.01 – Eine Notiz wieder­ge­funden, die Mr. Salter vor einigen Jahren unter dem Titel Elephan­tis­land notierte. Er schrieb folgendes: Kurz nach acht Uhr. Kalte, trockene Luft, ich notiere mit klammen Händen. Um 7 Uhr heute Morgen haben wir bei stür­mi­scher See Elephan­tis­land erreicht. Suche nach Miller unver­züg­lich aufge­nommen. Südwest­liche Bewe­gung die Küste entlang. Gegen 9 Uhr erste größere Seeele­fan­ten­gruppen gesichtet. Heftiger Schnee­fall. Mittags dann auf mensch­liche Spuren gestoßen. Eine Mulde von zwei Fuß Tiefe im groben Unter­grund, hüft­hoher Stein­wall nord­wärts. Im Wind­schatten: drei gebleichte Walkno­chen, ein halbes Dutzend finger­di­cker Haut­stücke, ein Kamm, zwei rostige Kugel­schreiber, eine Blech­tasse, zwölf Pingu­in­schnäbel, fünf Batte­rien, drei Klumpen ranzigen Fettes, Bruch­stücke eines Sonnen­kol­lek­tors und einer Schreib­ma­schine. Das Werk­zeug war in einer Weise sorg­fältig demo­liert, als sei eine Dampf­walze darüber hin und her gefahren. Dann weitere zehn Minuten die Küste entlang, dann auf Miller gestoßen. Der Dichter stand mit dem Rücken zu einem Felsen hin und rich­tete ein Messer gegen einen Seeele­fanten. Das Tier, das sehr gewaltig vor unserem Mann in den Himmel ragte, war nur noch zwei Armes­längen entfernt und scheu­erte mit dem Rücken über den Felsen. Eigen­ar­tige Geräu­sche. Geräu­sche wohl der Lust. Geräu­sche, als habe das Tier eine verbeulte Trom­pete verschluckt. Geräu­sche auch von Miller. Helle Geräu­sche, krei­schende, irre Töne. Wir haben zu diesem Zeit­punkt das Folgende über Miller zu sagen: Unser Mann ist entkräftet und stark verschmutzt. Zwei Finger der linken Hand sind erfroren. Kopf­wärts wandernde Spuren von Dehy­dra­tion. Miller spricht nur einen Satz: All for nothing. Wir haben den Rückweg ange­treten, indessen, bei genauerer Betrach­tung unserer Umge­bung, auf Fels­for­ma­tionen entlang der Küste Frag­mente von Zeichen­ketten entdeckt. Eindeutig Millers Hand­schrift. Bringen Dichter Miller jetzt nach Hause. – Mitt­woch: Ein wispernder, knat­ternder, singender, knir­sch­nender, lirr­pender, pfei­fender, sirrender Bauch. Tiere von Luft sind zu Besuch gekommen, hüpfen, springen, seilen unterm Zwerg­fell­dach. Gespräche tatsäch­lich, die ich hören kann. – stop

kamele

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alpha : 8.02 – Wartete in der Metro­sta­tion Charles Michels auf einer hölzernen Bank, hatte meine Füße in warmen Sand gesteckt. Dünen, knie­hoch, eilten von Süden nach Norden durch die Unter­grund­sta­tion, ohne dass eine Wind­be­we­gung zu spüren gewesen wäre. Da waren Kamele in der Größe mensch­li­cher Hände. Sie bewegten sich mit den Dünen und sie waren blau, von einem vornehmen Blau, ultra­marin oder etwas dunkler. Bald ließen sie sich vor mir nieder und ruhten, wie Kamele ruhen, den Kopf hoch erhoben, kauend, mal das eine Auge geschlossen, dann das andere. Wie ich sie so träu­mend betrach­tete, erin­nerte ich mich, dass ich diesen Traum schon einmal träumte. Ich ahnte, dass bald ein Zug aus dem Tunnel kommen würde, ein Zug gefüllt mit Sand, und dass ich mich erheben und in den Zug steigen und erwa­chen würde. Genau so ist es gekommen. Und jetzt sitze ich hier am Schreib­tisch und notiere diesen Traum, obwohl ich doch von der Entde­ckung der Eisbü­cher berichten wollte. – Guten Morgen!

ping

ein beamter unterirdischer musikabspielgeräte

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nordpol : 0.25 – Als der Beamte, der für das Fried­hofs­wesen zuständig ist, winkend eine Wiese über­querte, stand ich mit einem Gärtner unter einer blatt­losen Ulme. Der Mann rauchte ein Ziga­rillo. Später Nach­mittag. Flügel­tiere, golden­far­bene Gespenster, flat­terten in der Luft herum. Ich hatte gerade die Frage gestellt, ob der Baum, unter dem wir warteten, noch am Leben sei, als uns der Beamte erreichte. Er war etwas außer Atem und lachte, weil ich ein altes Eisen­kreuz in meinen Händen drehte. Er sagte sofort, dass dieses Kreuz an Ort und Stelle denkbar sei. Das können sie hier aufstellen! Also waren wir sehr zufrieden alle, wir hatten in gemein­samer Gegen­wart kaum drei­fach geatmet und schon konnten wir wieder ausein­an­der­gehen, wenn da nicht jener Baum gewesen wäre ohne Blätter, weswegen wir über das Wetter zu spre­chen begannen, über Winter­tage, die keine mehr sind. Und über Sommer­zeiten, die den Herbst­zeiten von Jahr zu Jahr ähnli­cher zu werden scheinen. Ein Eich­hörn­chen tollte über ein Grab in unserer Nähe, grub sich in die Erde, Steine flogen durch die Luft. Viel­leicht weil sich das kleine Tier gut sichtbar in die Tiefe voran­ar­bei­tete, hatte ich die Idee, meine Vorstel­lung unter­ir­di­scher Musik vorzu­tragen, die ich vor Monaten bereits einmal notierte. Und so erzählte ich, wie ich geschrieben hatte, dass nämlich auf meiner letzten Ruhe­stätte einmal ein Windrad stehn könnte. Das Rad würde, in dem es sich drehte, Strom erzeugen. Mittels eines Kabels würde dieser Strom zu einer Batterie unter die Erde geführt. Sobald nun durch kräf­tige Winde ausrei­chende Mengen von Strom gesam­melt sein werden, würde sich ein Musik­ab­spiel­gerät in Bewe­gung setzen, um etwas Charlie Parker oder Benny Goodman zu spielen. Eine reizende Vorstel­lung, sagte ich, eine Über­le­gung, die mich seit dem vergan­genen April täglich begleitet. Und wie nun der Fried­hofs­gärtner anfing zu lachen, ein Lachen, das wärmte, und wie aus dem Beamten der kleinen Stadt, ein Beamter für unter­ir­di­sche Musik zu werden begann. – stop

eisvogelsphäre

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delta : 0.10 – Eisvo­gel­wörter entdeckt. Nicht erwar­tete Viel­falt: Herkules-Eisvogel (Alcedo hercules), Kobalt-Eisvogel (Alcedo semi­tor­quata), Schil­ler­eis­vogel (Alcedo quadri­brachys), Menin­ting-Eisvogel (Alcedo menin­ting) Azur­fi­scher (Alcedo azurea), Brust­band-Eisvogel (Alcedo eury­zona), Blau­b­rust­fi­scher (Alcedo cyan­o­pecta), Silber­fi­scher (Alcedo argen­tata), Mada­gas­karzwerg­fi­scher oder Schwarz­schnabel-Zwerg­fi­scher (Alcedo vint­sioides), Hauben-Zwerg­fi­scher oder Mala­chit-Eisvogel (Alcedo cris­tata), Sao-Tomé-Zwerg­fi­scher (Alcedo thomensis), Principe-Zwerg­fi­scher (Alcedo nais), Weiß­bauch-Zwerg­fi­scher (Alcedo leuco­gaster), Türkis­fi­scher (Alcedo coeru­le­scens), Papua­fi­scher (Alcedo pusilla) – Auch selt­same Wörter in folgender Nahauf­nahme: Der Eisvogel ernährt sich von Fischen, Wasser­in­sekten und deren Larven, Klein­krebsen und Kaul­quappen. Er kann Fische bis neun Zenti­meter Länge mit einer maxi­malen Rücken­höhe von zwei Zenti­me­tern verschlingen. Bei lang­ge­streckten, dünnen Arten verschiebt sich die Höchst­grenze auf zwölf Zenti­meter Körper­länge. Die Jagd­me­thode des Eisvo­gels ist das Stoß­tau­chen. Von einer passenden Sitz­warte im oder nahe am Wasser wird der Stoß ange­setzt. Wenn er eine mögliche Beute entdeckt, stürzt er sich schräg nach unten kopf­über ins Wasser und beschleu­nigt dabei meist mit kurzen Flügel­schlägen. Die Augen bleiben beim Eintau­chen offen und werden durch das Vorziehen der Nick­haut geschützt. Ist die Wasser­ober­fläche erreicht, wird der Körper gestreckt und die Flügel eng ange­legt oder nach oben ausge­streckt. Bereits kurz vor dem Ergreifen der Beute wird mit ausge­brei­teten Flügeln und Beinen gebremst. Zur Wasser­ober­fläche steigt er zuerst mit dem Nacken, wobei er den Kopf an die Brust gepresst hält. Schließ­lich wird der Schnabel mit einem Ruck aus dem Wasser gerissen und der Vogel startet entweder sofort oder nach einer kurzen Ruhe­pause zum Rück­flug auf die Sitz­warte. Im Allge­meinen dauert ein Versuch nicht mehr als zwei bis drei Sekunden. Der Eisvogel kann aber auch aus einem kurzen Rüttel­flug tauchen, wenn ein geeig­neter Ansitz fehlt. Nicht jeder Tauch­gang ist erfolg­reich, er stößt oft daneben. Der Eisvogel benö­tigt zur Bear­bei­tung der Beute in der Regel einen dicken Ast oder eine andere, möglichst wenig schwin­gende Unter­lage. Klei­nere Beute wird mit kräf­tigem Schna­bel­d­rü­cken oft sofort verschluckt. Größere Fische werden auf den Ast zurück­ge­bracht, dort tot geschüt­telt oder auf den Ast geschlagen, im Schnabel „gewendet“ und mit dem Kopf voran verschluckt; ande­ren­falls könnten sich im Schlund die Schuppen des Fisches sträuben. Der Eisvogel schluckt seine Beute in einem Stück. Unver­dau­li­ches wie Fisch­kno­chen oder Insek­ten­reste werden etwa ein bis zwei Stunden nach der Mahl­zeit als Gewölle heraus­ge­würgt. / quelle: wiki­pedia – stop
ping

lichtpilze

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alpha : 6.55 – Noch nie habe ich aus der Sicht eines Tauchers oder eines Fisches fallenden Schnee wahr­ge­nommen. Ich stelle mir vor, dass eine Schnee­flocke wie ein urplötz­lich aus dem Nichts kommender Licht­pilz erscheinen könnte, ein Wesen, das in genau dem Moment, da ich es wahr­nehmen kann, bereits wieder verschwunden sein wird. Muss auf Winter warten. – stop

eiszimmer

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sierra : 6.52 – Vor einigen Tagen habe ich einen beson­deren Kühl­schrank in Empfang genommen, einen Behälter von enormer Größe. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass dieser Kühl­schrank, in welchem ich plane im Sommer wie auch im Winter kost­bare Eisbü­cher zu studieren, eigent­lich ein Zimmer für sich darstellt, ein gekühltes Zimmer, das wiederum in einem hölzernen Zimmer sitzt, das sich selbst in einem größeren Stadt­haus befindet. Nicht dass ich in der Lage wäre, in meinem Kühl­schrank­zimmer auf und ab zu gehen, aber es ist groß genug, um einen Stuhl in ihm unter­zu­bringen und eine Lampe und ein kleines Regal, in dem ich je zwei oder drei meiner Eisbü­cher ausstellen werde. Dort, in nächster Nähe zu Stuhl und Regal, habe ich einen weiteren klei­neren, äußerst kalten, einen sehr gut isolierten Kühl­schrank aufge­stellt, einen Kühl­schrank im Kühl­schrank sozu­sagen, der von einem Notstrom­ag­gregat mit Energie versorgt werden könnte, damit ich in den Momenten eines Strom­aus­falles ausrei­chend Zeit haben würde, jedes einzelne meiner Eisbü­cher in Sicher­heit zu bringen. Es ist nämlich eine uner­träg­liche Vorstel­lung, jene Vorstel­lung warmer Luft, wie sie meine Bücher berührt, wie sie nach und nach vor meinen Augen zu schmelzen beginnen, all die zarten Seiten von Eis, ihre Zeichen, ihre Geschichten. Seit ich denken kann, wollt ich Eisbü­cher besitzen, Eisbü­cher lesen, schim­mernde, kühle, uralte Bücher, die knis­tern, sobald sie aus ihrem Schnee­schuber gleiten. Wie man sie für Sekunden liebe­voll betrachtet, ihre polare Dichte bewun­dert, wie man sie dreht und wendet, wie man einen scheuen Blick auf die Texturen ihrer Gaszei­chen wirft. Bald sitzt man in einer U-Bahn, den leise summenden Eisbuch­rei­se­koffer auf dem Schoß, man sieht sich um, man bemerkt die begeis­terten Blicke der Fahr­gäste, wie sie flüs­tern: Seht, dort ist einer, der ein Eisbuch besitzt! Schaut, dieser glück­liche Mensch, gleich wird er lesen in seinem Buch. Was dort wohl hinein­ge­schrieben sein mag? Man sollte sich fürchten, man wird seinen Eisbuch­rei­se­koffer viel­leicht etwas fester umarmen und man wird mit einem wilden, mit einem entschlos­senen Blick, ein gieriges Auge nach dem anderen gegen den Boden zwingen, solange man noch nicht ange­kommen ist in den fros­tigen Zimmern und Hallen der Eisma­ga­zine, wo man sich auf Eisstühlen vor Eisti­sche setzen kann. Hier endlich ist Zeit, unterm Pelz wird nicht gefroren, hier sitzt man mit weiteren Eisbuch­be­sit­zern vertraut. Man erzählt sich die neuesten arkti­schen Tief­see­eis­ge­schichten, auch jene verlo­renen Geschichten, die aus purer Unacht­sam­keit im Laufe eines Tages, einer Woche zu Wasser geworden sind: Haben sie schon gehört? Nein! Haben sie nicht? Und doch ist keine Zeit für alle diese Dinge. Es ist immer die erste Seite, die zu öffnen man fürchtet, sie könnte zerbre­chen. Aber dann kommt man schnell voran. Man liest von uner­hörten Gestalten, und könnte doch niemals sagen, von wem nur diese feine Luft­eis­schrift erfunden worden ist. – stop
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cindirella

picping

MELDUNG. Erfolg­reich aus 28500 Fuß Höhe über dem pazi­fi­schen Ozean kurz vor Santa Rosa abge­worfen: Panama-Nacht­af­fen­dame Cindi­rella, 2 Jahre, fünfte Über­le­bende der Test­serie Teflon-D08 {Haut­wesen}. Man ist, der Schre­cken, noch voll­ständig ohne Sprache, aber bei vollem Bewusst­sein. – stop
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brennender vogel

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echo : 0.10 – Ich bin noch immer leicht verwirrt von dem, was vor wenigen Minuten passierte. Ein Blitz ist mögli­cher­weise in nächster Nähe einge­schlagen. Ich erin­nere mich, ich hatte meine Fenster geöffnet, es begann heftig zu regnen, dann wurde es plötz­lich still. Ich lehnte noch an der Wand meines Arbeit­zim­mers. Es roch ein wenig nach Metall, meine Zunge schmeckte nach einem Löffel von Zinn, wie früher, sobald ich ein Früh­stücksei öffnete. Wenn ich mir Mühe gebe, kann ich mit meinem linken Ohr ein leises Summen vernehmen, das even­tuell nicht außen, sondern innen in meinem Kopf sich ereignet. Rechts ist wirk­liche Stille. Aber ich kann sehen, mit beiden Augen sehen. Ein Vogel sitzt auf meinem Sofa, er scheint zu brennen, weswegen ich mich sofort auf den Weg machen werde, ein Glas Wasser zu holen. Es ist seltsam, tatsäch­lich ist die Erfah­rung der Gehör­lo­sig­keit in dieser Nacht, die Erfah­rung voll­stän­diger Abwe­sen­heit eines Teiles meines Kopfes. – stop

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