meeresnähe

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hima­laya

~ : malcolm
to : louis
subject : MEERESNÄHE
date : july 1 12 4.12 p.m.

Wir über­mit­teln eine Notiz für Sie, der Sie viel­leicht auf Nach­richten von uns warten werden. Wir sitzen in diesem Moment mit unseren Funk­emp­fän­gern im Central Park, Höhe 87. Straße nahe Onassis­re­ser­voir. Frankie wieder in Frei­heit. Er scheint glück­lich zu sein. War an diesem Tag viel unter­wegs gewesen, umrun­dete zwei­fach den großen See, in dem er von Baum zu Baum segelte in großer Höhe. Wir folgten ihm in ange­mes­senem Abstand, unsichtbar, und hatten doch immer wieder den Eindruck, Frankie würde auf uns warten. Es ist jetzt kurz nach vier Uhr. Schwüle, knis­ternde Luft. Der Himmel so dunkel, als wäre dort über uns schon Nacht geworden. Blitze in Meeres­nähe. Frankie hockt unter einer Linde. Er schaut uns an. Leuch­tende, fieb­rige Augen. Sein kleiner musku­löser Köper bebt. Wann war es zuletzt gewesen, dass wir ein solch präch­tiges Eich­hörn­chen gesehen haben? – Ihr Malcolm. / code­wort : lepo­rello

empfangen am
1.07.2012
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eine elektrische wiese

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tango : 6.45 – Nehmen wir einmal an, irgendwo auf dieser Welt würde eine Wiese exis­tieren, die nicht eine wirk­liche Wiese ist, sondern eine Wiese künst­li­cher Gräser, künst­li­cher Blumen, künst­li­cher Tiere, eine High­tech­wiese, in welcher nicht ein einziges Gramm orga­ni­schen Mate­rials aufzu­spüren wäre. Diese Wiese verhielte sich natür­li­chen Wiesen gleich, sie würde wachsen und summen und knis­tern unter der Bewe­gung künst­li­cher Winde. Alles ist täuschend ähnlich darge­stellt, die Gras­hüpfer der Wiese, reinste fein­me­cha­ni­sche Wunder­werke, wie auch ihre Regen­würmer, Ameisen, Bienen, Farne, Moose, Blüten­kelche, die sich öffnen, wenn der Morgen graut, die sich schließen, wenn es Nacht werden soll. Ja, die Nacht über einer Wiese, wie ich sie gerade erfinde, die Tiere der Dunkel­heit, die sich in ihren Geräu­schen bemerkbar machen, das Zirpen der Grillen, das sonore Brummen der Nacht­schmet­ter­linge. Gerade eben stelle ich mir die Exis­tenz eines Herrn vor, der zu dieser Wiese gehören wird. Tief sitzt er stun­den­lang über einen Tisch gebeugt, ein Fein­me­cha­niker, der für Repa­ra­tur­ar­beiten an der Wiese in jeder Hinsicht verant­wort­lich zeichnet. Wie er sich mit Werk­zeugen der Uhrma­cher voran­ar­beitet. Seine beson­dere Brille, die auch kleinste Gegen­stände sichtbar werden lässt. Gerade eben öffnet er vorsichtig ein Glüh­würm­chen, weil es nur noch fliegen, aber nicht mehr leuchten will. All diese kleinen Schrauben, Gewinde, Schar­niere. – stop
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eine geschichte die mein vater einmal las

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nordpol : 6.46 – An einem Sonntag neulich habe ich in Texten gelesen, die ich während der vergan­genen Jahre an genau dieser Stelle sendete. Manche dieser Texte waren mir vertraut, andere wirkten als wären sie von einem Fremden geschrieben. Gemein war ihnen, dass mein Vater sie noch mit eigenen Augen gelesen haben könnte. Wie der alte Mann zu seinem Computer wandert. Wie er auf einer Treppe steht, Rede an sein linkes Bein: Beweg Dich! Einmal rief mein Vater mich an. Ein Text hatte ihm gefallen. Es ist eigen­artig, der Text, der meinem Vater gefallen hatte, erzählt heute noch immer dieselbe Geschichte und doch ist alles ganz anders geworden. Ich hatte folgendes notiert: Man stelle sich einmal vor, Papier­tier­chen exis­tierten in unserer Welt. Nicht etwa Tier­chen, die aus Papier gemacht sind oder vergleich­barer Ware, sondern tatsäch­liche Lebe­wesen, die so ausge­dacht sind, dass sie sich zu Formen versam­meln, die einer Papier­seite ähnlich sind. Weil diese Lebe­wesen, wie ich sie mir gerade male, sehr klein sein sollten, sagen wir in der Fläche so groß wie die Spitze einer Nadel, würde ein Maschi­nen­bogen von nicht weniger als zwei Millionen Indi­vi­duen nach­ge­bildet sein. Jedes Papier­tier­chen, sichtbar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikro­skops, ist nun von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier weiteren Tier­chen, die es schon immer kennt, mittels feinster Tenta­keln zu verbinden oder zu befreunden, und zwar nur mit diesen, so dass man von eindeu­tiger Ordnung spre­chen könnte, nicht von einer belie­bigen Anord­nung. Ja, jedes der kleinen Wesen für sich spricht von einem urei­genen Ort, den es niemals vergisst. Sobald alles schön zu einer Seite geordnet ist, werden mit Licht, mit einem Licht­stift genauer, Zeichen gesetzt auf das lebende Papier, indem man leichter Hand wie mit einem Füller schreibt. Wird ein schnee­weißes Tier­chen berührt vom notie­renden Licht, nimmt es sogleich die schwarze Farbe an und verbleibt von diesem Schwarz, bis es von weiterem Licht berührt werden könnte, einem Licht natür­lich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lampe das Zeichen der Nacht sofort über die Land­schaft der fili­granen Körper schreiben würde. Ich hatte, während ich diesem Gedanken noch auf einer gewöhn­li­chen Compu­ter­schreib­ma­schine folgte, die Idee, dass sie viel­leicht alle sehr schreck­haft sind, also zunächst unvoll­kommen oder wild, dass sie, zum Beispiel, wenn ein Feuer­wehr­auto in ihrer Nähe vorüber­kommen sollte, sofort ausein­ander fliegen in Panik, sich verste­cken, um jedes für sich oder in größeren Gruppen an den Wänden meiner Zimmer zu sitzen. Viel­leicht lungern sie auch auf Kaffee­tassen herum oder in den Haar­blät­tern eines Elefan­ten­fuß­baumes, ja, das ist sehr gut denkbar. Ich werde dann warten, ruhig und gelassen warten, bis sie sich wieder beru­higt haben werden und zurück­kommen, sagen wir nach einer Stunde oder zwei. Dann weiter schreiben oder lesen oder denken. Und jetzt hab ich einen Knoten im Kopf. – stop

lichtluftnetz

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india : 2.05 – Ich habe das Haus verlassen. Es ist Nacht. Der Wind raschelt in den Blät­tern der Kasta­ni­en­bäume. Gerade eben ist die letzte Stra­ßen­bahn des Abends an mir vorüber gefahren, ein leeres Gehäuse, nur der Fahrer war zu sehen gewesen. Ich sitze in einem Häus­chen einer Halte­stelle, weil ich nach einer Erschei­nung suche. Ich halte meinen kleinen Computer in der einen Hand, mit der anderen navi­giere ich den Maus­zeiger über den Bild­schirm, auf dem schon ein paar zarte, stau­bige Falter sitzen. Wenn ich die Anwei­sung gebe, Netz­werk­ver­bin­dungen anzu­zeigen, die sich in meiner Nähe befinden, ist da eine, die einen beson­deren Namen trägt: Licht­luft­netz. Dieses Netz­werk exis­tiert seit unge­fähr drei oder vier Wochen. Es ist mittels eines Pass­wortes geschützt. Irgend­je­mand muss also das Wort Licht­luft­netz als Bezeich­nung für ein neues Netz­werk einge­geben haben. Eine feine Erfin­dung. Wenn ich auf und ab gehe, kann ich sehen, dass sich die Signal­stärke des Netz­werkes verrin­gert oder vergrö­ßert, ein nicht sehr starker Sender. Ich hatte für einen Moment die Idee, dass viel­leicht über mir in den Bäumen eine Person mit einem Computer heim­lich wohnen könnte. Ich habe, man wird mich viel­leicht für verrückt erklären, gerufen: Hallo! Ist da jemand? Bisher  war mein Rufen vergeb­lich gewesen. Und so sitz ich nun ganz still und versuche, mich mit jenem Netz­werk in Verbin­dung zu setzen. Ich habe den Verdacht, dass ich bereits beob­achtet werde. Es ist eine wirk­lich schöne Nacht. So fried­lich. – stop
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bienenkönigin

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tamarin : 6.41 – Eine Urkunde exis­tiert seit einigen Wochen, die bezeugt, dass der Körper meines verstor­benen Vaters tatsäch­lich verbrannt wurde. Dort ist in groß­zü­gigen Buch­staben altdeut­scher Schrift vermerkt, wann die Verbren­nung erfolgte, Jahr, Tag, Stunde. Die Dauer des Verbren­nungs­vor­ganges wurde auf eine Minute genau ange­zeigt. Ich dachte zunächst, irgend­je­mand muss sich an einer Uhr orien­tiert haben, weil viel­leicht eine Vorschrift exis­tiert, die präzise Zeit­an­gaben erfor­dert. Nach der Verbren­nung, auch das ist nach­weisbar so geschehen, wurde ein Gefäß, in dem Atome meines Vaters enthalten waren, auf den Postweg gebracht. Das ist durchaus mögliche Methode letzter Reisen, da allein Sendungen, die lebende Tiere oder sterb­liche Über­reste von Menschen enthalten vom Trans­port auf dem Postweg ausge­schlossen sind. Ausge­nommen von dieser Vorschrift: Urnen und wirbel­lose Tiere, wie Bienen­kö­ni­ginnen und Futter­in­sekten. Selt­same Geschichte. Ich muss darüber nach­denken, obwohl ich im Moment noch nicht weiss, worüber genau und warum. – stop

langsame stunde

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ulysses : 2.12 – Schritte und Türen. Auf dem Kühl­schrank, zirpende Gläser. Der Kühl­schrank selbst, Venti­lator. Von der Straße her, Lachen. Kurz vor 1 Uhr, Stra­ßen­bahn hält, Stra­ßen­bahn setzt sich in Bewe­gung. Schritte. Türen. Schritte. Das Klopfen meiner Finger an der Stirn. Und mein Wecker, tack, tack, tack, wie er Schwellen in der Zeit verlegt. Wenn ich das Wort Atem schreibe, höre ich meine eigenen Luft­ge­räu­sche solange bis ich das Wort Atem vergesse. Und wieder Schritte. Und wieder Türen. Ich versuchte, mit meinen Augen­li­dern einen Laut zu erzeugen. Vergeb­lich. Auch meine Augen selbst, wenn ich meine Augen bewege, ohne jedes vernehm­bare Geräusch. Man stelle sich einmal vor, die Bewe­gung der Augen würde knar­zende Geräu­sche erzeugen. Von der Straße her, Lachen, Hupen. Dann Stimmen, spanisch. Rufen. Und Türen. Schritte. Auch das Licht meiner Lampen macht kein Geräusch. Fried­lich liegen meine Äpfel geräuschlos im Korb herum. Wer mich in diesem Moment beob­ach­tete, könnte sehen, wie ich einen Apfel belau­sche. Ich habe noch nie einen Apfel belauscht. Oder eine Birne. Oder einen Pfir­sich. Auch Bananen sind ohne Geräusch. Es ist denkbar, dass ich mich irre, dass ich als Kind einen Apfel belauschte. Kurz vor 2 Uhr, Stra­ßen­bahn hält, Stra­ßen­bahn setzt sich in Bewe­gung. Auf dem Kühl­schrank, zirpende Gläser. – stop
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apfelohren

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delta : 6.35 – Gestern hab ich eine lustige E-Mail empfangen. Sie war irgend­wann während ich schlief auf meinem Computer lautlos einge­troffen. Die Person, die mir geschrieben hatte, wollte wissen, wie ich vorgehe, wenn ich nachts einen Apfel oder eine Apri­kose oder Bananen belau­sche. Ich hatte zunächst einige gute Gründe auf diese Frage nicht einzu­gehen, gerade auch deshalb, weil der Absender der E-Mail, einen selt­samen Namen ange­geben hatte, dessen Exis­tenz ich über die Google – Such­ma­schine vergeb­lich zu prüfen suchte. Aber dann schien mir doch reiz­voll zu sein, dem Absender der E-Mail zu antworten. Ich notierte kurz und bündig, dass ich, wenn ich einen Apfel belau­sche, den Apfel in eine meiner Hände nehme, um ihn tatsäch­lich an eines meiner Ohren zu führen. Was man, wenn man in dieser Weise vorgeht, hören kann, ist natür­lich zunächst das Rauschen des Blutes in den eigenen Ohrge­fäßen, sonst aber nichts, abge­sehen von Geräu­schen viel­leicht, die man sich gründ­lich vorzu­stellen vermag, Geräu­schen orga­ni­schen Zerfalls zum Beispiel, einem Pfeifen, einem Sausen, oder den Beiß­ge­räu­schen eines Wurm­kie­fers in größerer Apfel­tiefe. Ich attes­tierte in einem Antwort­schreiben sehr ernst­haft, dass ein Apfel ein stilles Wesen sei, immerhin habe ich nicht nur einen, ich habe mindes­tens fünf Äpfel belauscht, Birnen, Trauben, Bananen, Pfir­siche, alle sind sie ohne tatsäch­liche Geräu­sche in den Frequenzen mensch­li­chen Hörver­mö­gens. Dafür leg ich eine Hand ins Feuer, jawohl, es ist Montag: Rasende Wolken. – stop

doppellunge

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delta

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : DOPPELLUNGE

Heute, liebe Daisy, liebe Violet, als ich im Park spazierte, hab ich an Euch gedacht. Das war nämlich so gewesen, dass ich wieder einmal übte, im Wandern die Luft anzu­halten. Ich versuchte 100 Meter weit zu kommen, langsam, sehr langsam, dann etwas schneller gehend. Es ist möglich, heute endlich ist es möglich geworden. Plötz­lich fragte ich mich, welche Wirkungen die Übung des Luft­an­hal­tens bei Euch früher einmal gezei­tigt haben könnte. Ich über­legte, ob ihr Euch über das Luft­an­halten verstän­digt haben würdet. Es ist immerhin denkbar, dass das Anhalten der Luft in Euerem Falle, bei der einen wie der anderen eine gewisse Kurz­at­mig­keit hervor­ge­rufen haben müsste. Viel­leicht werdet Ihr Euch erin­nern? Wenn ja, dann gebt mir recht bald Bescheid. Ich arbeite zur Zeit sehr hart in diesen Dingen. Vor einigen Tagen habe ich mir eine Passage der Kleinen Erin­ne­rungen José Saramago’s laut vorge­lesen, und zwar in der Art und Weise lang­samen Ausat­mens. Das ist folgen­der­maßen vorzu­stellen: Ich fasste das erste Wort der ersten Zeile des kleinen Textes ins Auge, schöpfte Luft so tief ich konnte und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manchmal frage ich mich, ob bestimmte Erin­ne­rungen wirk­lich meine eigenen sind oder viel­leicht eher fremde, in denen ich unbe­wusst mitge­spielt habe. Ich las solange ich konnte, ich las ohne zu atmen, ich las bis ich alle Luft verloren hatte. Im ersten Versuch kam ich 11 Zeilen weit. Das war natür­lich nicht befrie­di­gend. Also setzte ich noch einmal von vorne an, ich hatte eine entspannte Posi­tion des Sitzens einge­nommen und füllte meine Brust mit Luft und begann zu spre­chen. Diesmal las ich mit leiser Stimme wie geflüs­tert. Ich kam exakt 1 Zeile, also 55 Zeichen weiter. Kurz darauf war zu beob­achten gewesen, wie ich mich rück­lings auf mein Sofa legte und denselben Text noch einmal hauchte. Das liegende atem­lose Lesen ermög­lichte nun eine weitere Zeile a 55 Zeichen. Ich machte also kleine Fort­schritte in dieser Kunst des Lesens, ich vermochte bald die Zeile 14 des kleinen Textes zu errei­chen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mitdenken konnte. Nach einer Stunde des Übens hörte ich für diese Nacht auf, um in der kommenden Nacht­zeit fort­zu­fahren. – Herz­lichst grüsst euch Euer Louis. Ahoi! – stop

gesendet am
10.07.2012
22.01 MESZ
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vom rechnen

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echo : 6.57 – Als Kind beob­ach­tete ich meinen Vater manchmal wenn er schlief. Aber eigent­lich schlief mein Vater damals nie, weil ich glaubte, dass mein Vater, sobald er seine Augen schloss, zu rechnen begann. Das waren kompli­zierte Proze­duren der Algebra, weswegen mein Vater für viele Stunden seine Augen nicht wieder öffnen konnte. Er lag ganz still rech­nend auf dem Sofa im Wohn­zimmer, vor allem an Sonn­tag­nach­mit­tagen oder an Wochen­tagen abends. Meis­tens hatte er zum Rechnen seine Schuhe ausge­zogen. Ich erin­nere mich an graue oder schwarze Strümpfe, die sich ein wenig bewegten. Natür­lich rech­nete mein Vater auch dann, wenn er wieder wach geworden war. Er besaß eine Hand­com­pu­ter­ma­schine von Texas Instru­ments, die über Leucht­schrift verfügte in roter Farbe, sehr kleine Zeichen, die sich arbei­tend so schnell bewegten, dass sie unbe­wegten Kreisen ähnlich wurden. Wenn mein Vater mit dieser Maschine rech­nete, machte er sich Notizen mittels eines Blei­stiftes auf kariertes Papier. Das schien sehr viel mühsamer zu sein, als mit geschlos­senen Augen auf dem Sofa zu liegen, weil man sich in dieser Weise Notizen machen musste. Wenn ich wie mein Vater sein wollte, legte ich mich auf mein Bett und machte die Augen zu. Damals war bereits deut­lich geworden, dass ich kein guter Mathe­ma­tiker werden würde. Anstatt zu rechnen, träumte ich. Ich träumte viel­leicht davon, dass ich nicht rechnen konnte. Gestern habe ich von etwas anderem geträumt. Ich habe geträumt, wie ich die Augen­lider meines Vaters wenige Minuten nachdem er gestorben war mit zitternden Händen berührte. – stop

funkköpfe

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romeo : 6.22 – Ein kleine Geschichte habe ich rasch zu erzählen. Sie ereig­nete sich gestern Abend gegen 22 Uhr. Ich war zu diesem Zeit­punkt außer­or­dent­lich müde geworden, hatte gerade einen Brief an einen Freund geschrieben, in dem ich von neuro­chir­ur­gi­schen Konstruk­ti­ons­ar­beiten in Funk­vö­gel­köpfen berich­tete, wie ich der Einpflan­zung eines Peil­sen­ders beigewohnt hatte genauer, von der Öffnung eines Möwen­schä­dels, sowie ersten Flug­steue­rungs­ver­su­chen, Abstürzen, aber auch geglückten Flug­ma­nö­vern, Loopings, über welche sich jene erste unter den fern­ge­steu­erten Möwen selbst vermut­lich sehr gewun­dert haben dürfte. Kaum hatte ich den Brief fertig notiert, klin­gelte das Telefon. Ich wurde in meiner Konzen­tra­tion gestört, und zwar genau in dem Moment, da ich die Adress­zeile meines E-Mail­pro­gramms bear­bei­tete. Schon wars passiert, ich hatte meine E-Mail verse­hent­lich an das Büro Vladimir Putins geschickt, was nun eigent­lich von meiner Posi­tion aus nicht sehr gefähr­lich ist, aber doch unan­ge­nehm, weil ich dorthin nicht in persön­li­cher Weise schreiben wollte, weil man nicht weiß, wer bei Putin in Moskau herein­kom­mende E-Mails liest, und ob sie viel­leicht über­setzt oder weiter­ge­leitet werden. Inter­es­san­ter­weise beob­achte ich nun mittels der Live­ver­sion der Google – Analy­tics­ma­schine, dass meine Parti­cles – Texte seit Stunden von Moskau her betrachtet werden. Da ist ein ziem­lich eigen­ar­tiges Gefühl, das sich nach und nach entfaltet. Bald früher Morgen. Die Amseln vor dem Fenster pfeifen. Ich habe mir eine Enten­brust gebraten. Sie dampft sehr schön auf einem Teller vor mir auf dem Tisch. Ja, eine wirk­lich unheim­liche Geschichte ist das, die Vögel, die Köpfe, der Kreml. – stop
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westbengalen luftpostbrief

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ginkgo : 2.25 – Gestern habe ich einen selt­samen Brief von einem Freund erhalten, der sich gerade in Indien befindet. Der Brief war von seiner äußeren Gestalt her ein Stan­dard­luft­post­brief, fühlte sich aller­dings weich an, als würde ein dünnes Tuch in ihm enthalten sein. Er war zudem etwas schwerer als üblich. Als ich ihn öffnete fand ich ein hand­schrift­li­ches Schreiben vor, eine Foto­grafie und einen weiteren Brief von klei­nerem Format, mit einer Art Ventil in seiner Mitte. Mein Freund notierte am 25. Juni mit einem Blei­stift: Lieber Louis, seit zwei Wochen befinde ich mich in West­ben­galen nahe Sonada in einem kleinen Haus, das voll­ständig von Holz gemacht ist. Ich gehe haupt­säch­lich spazieren und wenn ich einmal nicht spazieren gehe, fahre ich mit dem Zug zwischen Jalpai­guri und Darjee­ling hin und her. Eine wunder­bare Zeit. Ich kenne inzwi­schen alle Zugführer persön­lich und so darf ich bei Dampf­be­span­nung vorne auf der Loko­mo­tive reisen. Du siehst mich anbei auf der Foto­grafie vor dem Kessel stehen, ja, ich bin unter den drei kleinen Männern mit den Rußge­sich­tern der in der Mitte. Ich habe Dir, lieber Louis, etwas indi­sche Eisen­bahn­luft einge­fangen. Sie ruht in den Umschlag gefüllt, der vermut­lich vor Dir auf dem Tisch liegt. Es wäre viel­leicht am besten, wenn Du einen Stroh­halm verwenden würdest, den Du mit dem Ventil verbin­dest, um dann einen tiefen Atemzug durch ein Nasen­loch zu nehmen. Aller­beste Grüße Dein L. – Es ist jetzt 2 Uhr und 30 Minuten mittel­eu­ro­päi­scher Sommers­zeit. John Coltrane LIVE: The Green Dolphin Street. – stop

cuvier island

picping

MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 225 hupende Rüssel­rosen, nahe Cuvier Island gesichtet. Man wandert in südöst­liche Rich­tung. – stop
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unterwassersprechgeräusch

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tango : 2.12 – Seit Wochen versuche ich den Klang mensch­li­cher Stimmen vorzu­stellen, wie sie sich unter der Wasser­ober­fläche arti­ku­lieren. Eine nicht ganz leichte Aufgabe, insbe­son­dere deshalb nicht, weil ich einer­seits glaube, ein authen­ti­sches Unter­was­ser­sprech­ge­räusch in meinem Kopf jeder­zeit erzeugen zu können, ande­rer­seits jedoch über keinerlei Wörter verfüge, dieses Geräusch ange­messen zu beschreiben. Es scheint ein Über­set­zungs­pro­blem vorzu­liegen, ein Raum zwischen geis­tigem Hören und dem annä­hernd korrekten Ausdruck in Sprache, der auch in dieser Nacht nicht zu über­winden ist. Ich nehme an, dass Laute, die eine weite Öffnung des Mundes erfor­dern, in der Sprache unter der Wasser­ober­fläche spre­chender Lungen­men­schen, im Laufe der Jahr­hun­derte seltener werden, Arti­ku­la­tion mittels gespitzter Lippen, pfei­fende Laute, eine Entwick­lung in diese Rich­tung, das ist denkbar. Weshalb über­haupt einmal das Spre­chen der Lungen­men­schen unter der Wasser­ober­fläche sinn­voll sein könnte, davon will ich heute nichts erzählen, viel­leicht morgen, viel­leicht kurz nach Mitter­nacht, wenn wieder Abend geworden ist. – Vier Uhr acht­zehn in Tremnseh, Syrien. – stop

raumzeitstelle

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olimambo : 6.55 – Ich habe äußerst merk­würdig geträumt. Ich meinte, im Traum mich wiederum an einen Traum erin­nert zu haben, in dem falten­lose Elefanten vorge­kommen waren. Kaum wach geworden, suchte ich nach Spuren dieses Traumes in meinen Notizen und wurde sehr bald fündig. Ich hatte tatsäch­lich am 23. August des vergan­genen Jahres von einem Traum berichtet, in dem falten­lose Elefanten in Erschei­nung traten. Als ich den kleinen Text aus dem Elefan­ten­haus damals verfasste, muss ich noch recht müde gewesen sein, weil ich seine Exis­tenz beinahe voll­ständig vergessen habe und damit eben auch jenes Elefan­ten­haus, das kein gewöhn­li­ches Elefan­ten­haus gewesen war, viel­mehr ein Ort, den sehr selt­same Elefanten bewohnten. Das waren nämlich Elefanten ohne jede Falte, sie waren so glatt als wären sie von Glas geblasen, helle Augen, die sich flink bewegten, peit­schende kleine, falten­lose Schwänze, lautlos schwin­gende falten­lose Rüssel, riesige haar­lose Körper, grau, braun, rosa. Ich saß auf einer Bank in ihrer Nähe. Vögel stürmten unter dem Kuppel­dach hin und her. Sobald sie versuchten sich auf dem Rücken eines der Elefan­ten­tiere nieder­zu­lassen, rutschten sie ab und landeten auf dem Boden. Ein weiterer Vogel saß auf meiner Schulter. Der Vogel war mit einem meiner Ohren beschäf­tigt, hackte klei­nere Portionen aus der Muschel, knurrte zufrieden vor sich hin. Sobald das Ohr, um das sich der kleine Vogel bemühte, verschwunden war, holte ich aus meiner Hosen­ta­sche ein neues Ohr, befes­tigte das Ohr an meinem Kopf, und schon fraß der kleine Vogel weiter vor sich hin. Einmal kostete ich heim­lich von einem der Ohren, die sich in meiner Hosen­ta­sche befanden. Schmerzen hatte ich keine. – Von wem habe ich das feine Wort Raum­zeit­stelle gehört? – stop
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abend : morgen

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charlie : 5.08 – Ein Ohr gegen den Himmel, das andere Ohr gegen die Erde gerichtet, liege ich in einer Wiese und höre Gräsern und sehr kleinen Tieren zu, wie sie sich auf die Nacht vorbe­reiten. Es ist früher Abend. Ich warte, dass es dunkel wird, ein Warten voller Freude, nichts ist zu tun, als der großen Welt am Himmel und der kleinen Welt unter mir zuzu­hören. Es ist seltsam, je glück­li­cher ich bin, desto beweg­li­cher kann ich denken. So beweg­lich bin ich geworden, dass ich von Zeit zu Zeit über­haupt aufhöre an irgend­etwas zu denken. Und doch bin ich niemals abwe­send, sondern hier und warte und höre den Gräsern zu und atme und halte etwas Papier fest in der Hand. 1 X schlafe ich kurz ein. Plötz­lich ist Morgen. Vögel pfeifen. Licht fällt in kleinen Paketen vom Himmel. Alle Wörter, sobald ich sie anhalte, werden zu einem Geräusch. – stop

bienengeschichte

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hima­laya : 5.52 – Die folgende Geschichte ist natür­lich eine erfun­dene Geschichte. Aber ich tue so als wäre sie nicht erfunden. Am besten beginne ich in dieser Weise: Seit zwei Wochen halte ich mich stun­den­lang unter freiem Himmel auf. Das ist deshalb so gekommen, weil ich eine Aufgabe über­nommen habe, die mir nach wie vor sehr inter­es­sant zu sein scheint. Ich beob­achte Bienen wie sie sich über eine Wiese fort­be­wegen. Deshalb liege oder knie ich oder laufe gebückt dahin, den Kopf dicht über dem Boden, was nicht immer ganz leicht ist, weil Bienen doch sehr schnelle Flieger sind. Jene Bienen­tiere, die ich beob­achte, wohnen in nächster Nähe am Saum eines Waldes, dessen präzise Posi­tion ich nicht verraten darf. Sie tragen Nummern von 1 – 100 auf ihren Rücken, was für meine Arbeit sehr bedeu­tend ist, da ich Bienen, die ohne eine Nummer sind, niemals beachte. So lautet meine Instruk­tion, Bienen ohne Nummer ist nicht zu folgen, viel­mehr ist solange Zeit am Rande der Wiese zu warten, bis eine Biene mit Kenn­zeich­nung auf der Wiese erscheint. Ich trage eine Schirm­mütze gegen die Blend­wir­kung der Sonne und eine Monokel­lupe, die vor meinem rechten Auge sitzt und mir einen präzisen Blick in die kleine Welt der Bienen in der Nähe des Bodens ermög­licht. Genau­ge­nommen ist es meine vornehme Aufgabe, eine Biene, die ich einmal in den Blick genommen habe, solange wie möglich zu begleiten auf ihrem Flug von Blüte zu Blüte. Ich bin indessen nicht einmal stumm. Ich sage zum Beispiel: Hier spricht Louis. Es ist 15 Uhr und 12 Minuten. Ich folge Biene No. 58. Wir nähern uns einer Butter­blu­men­blüte. Ja, das genau sage ich laut und deut­lich. Ich spreche in ein Funk­gerät, von dem ich weiß, dass mir in der Ferne im Seebad Brighton an der engli­schen Küste irgend­je­mand an einem anderen Funk­gerät zuhört. Ich sage: Hier spricht Louis. Biene No 58: Landung Butter­blume. OVER! Dann betrachte ich die Biene wie sie in der Blüte arbeitet und warte. Bald fliegt die Biene weiter und ich sage kurz darauf: Biene No 58: Landung Feuernelke. OVER! Ja, so mache ich das. Ich werde immer besser darin. Ich glaube, die Bienen mögen mich. Ich bin ihnen vertraut geworden. In einigen Tagen werde ich viel­leicht etwas genauer erzählen, warum ich Bienen beob­achte. Jetzt bin ich müde. Es ist Samstag. Nacht­wolken rasen über den Himmel. Was Frankie wohl gerade macht? – stop – stop
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sandbox

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echo : 22.05 – Durch einen Zufall bekomme ich einen Brief in die Hände, der mit einer bemer­kens­werten Botschaft versehen wurde. Diese Botschaft ist, ob vorge­sehen oder nicht, in Anschrift und Absen­der­an­gabe auf Vorder- und Rück­seite des Briefes enthalten. Leicht oszil­lie­rende Schrift­zei­chen weisen auf eine ältere Person hin, die mit Tinte notierte in leuch­tend blauer Farbe. ANSCHRIFT: An den britisch israe­li­ti­schen Vertreter des USA – Geheim­dienstes Ysolde de Kreis / Alster College / 99 Char­let­street / London W11CH / Great Britain. ABSENDER: Chosmo Lager 260754-L-10618 / Nato secret Truppen-Nach­rich­ten­dienst Olden­burg P3 / Neuins­ter­bur­gerweg 14 / Kiel. – Man könnte nun meinen, dass es sich bei diesem Brief um den Brief eines Verrückten handeln könnte, vor allem deshalb, weil der Brief in authen­ti­schem Auftrag gesendet zu sein scheint, ein Brief, der zu einem Irrläufer werden könnte, nicht zustellbar, aber auch ohne die Möglich­keit, seinen Absender wieder­zu­finden, weshalb jene Person, die notierte, davon ausgehen kann, dass der Brief seinen Empfänger erreichte und dass dieser nun, in der Art der Geheim­dienste, unfreund­li­cher Weise nicht antwor­tete. Eine wunder­volle, sehr wirkungs­volle Sandbox, die sich beliebig oft wieder­holen lässt und immer wieder zu dem selben, sich selbst bestä­ti­gendem Ergebnis führen wird. – Ja, so könnte das sein. Es ist Sonntag, es ist Abend. Ich sollte einmal einen oder zwei Tage in dem festen Vorsatz verbringen, mich selbst für eine Erfin­dung zu halten. – stop
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glück

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india : 6.00 – Am Flug­hafen arbeitet ein zier­li­cher Mann. Er kommt aus Indien, aus Kalkutta genauer, lebt aber schon lange Zeit hier im Exil. Europa ist gut, sagt er, nicht so anstren­gend wie meine Heimat. Er heißt Singh, so muss das sein, und steht hinter dem Tresen einer schi­cken Bar, Terminal 2. Mr. Singh arbeitet seit zehn Jahren immer nur nachts, jede Nacht, Jahr ein Jahr aus, weil ihm der kleine Laden zur Pacht gehört. Hier kann man Rauch­waren kaufen und Zeitungen in allen mögli­chen Spra­chen und Bour­bon­whiskey trinken, leise Jazz­musik im Hinter­grund kommt aus Laut­spre­chern, manche Menschen schlafen an den Tischen ein und werden niemals geweckt, der kleine Mann ist gern ein Wächter der Schla­fenden, der Gestran­deten. Wenn er die engli­sche Sprache spricht, dann hört sich das an, als würde seine Zunge auf Stelzen gehen. Deutsch kann er nicht sehr gut, muss er auch nicht, weil er am Flug­hafen arbeitet, weil hier inter­na­tio­naler Luft­raum ist, auch nachts, wenn nichts fliegt, außer im Sommer ein paar Falter, die sich in die Hallen verirrten. Menschen wie ich, sagt Mr. Singh, die nachts arbeiten und am Tag schlafen, fallen die Augen aus dem Kopf. Glauben sie mir, junger Mann, das ist schon mein fünftes oder sechstes Paar Augen, das Sie hier vor sich sehen. Mit diesen Augen, die frisch und jungend­lich zu sein scheinen, schaut er mir seit geraumer Zeit zu, wie ich meine Schreib­ma­schine bear­beite. Er scheint sehr aufmerksam und tatsäch­lich inter­es­siert zu sein. Ich erzähle ihm vom Erfinden. Dass das ein wenig wie Fliegen sei. Sobald man einmal losge­flogen ist, kann man nicht einfach wieder aufhören, das wäre eine Kata­strophe. Also, sage ich, dass ich mich sehr frei fühle, indem ich notiere. Und ich denke: Diese schönen Augen, wie sie mich sanft betrachten. Und ich erzähle weiter davon, dass ich einen Mann erfunden habe, der Bienen beob­achtet. Der Mann führe ein Funk­gerät mit sich, er melde an ein Wett­büro, das sich im Seebad Brighton an der engli­schen Küste befindet, welche Stre­cken die Bienen fliegen, darauf könne man sein Glück setzen, große Beträge, kleine Beträge. Welche Blume wird die nächste sein, die Blüte einer Mohn­blume oder die Blüte eines Löwen­zahns? Feuernelken und Berg­le­ber­blüm­chen sind selten, mit Feuernelken und Berg­le­ber­blüm­chen kann man wohl­ha­bend werden. Und wieder diese schönen Augen, wie sie mich betrachten, dunkel­gol­dene, große Augen, Augen in einem zier­li­chen Männer­ge­sicht, Augen, die Augen einer Frau sein könnten. Augen­äpfel. – stop

stimmen

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nordpol : 22.08 – Gestern habe ich bemerkt, dass ich mich für einen Moment nicht mehr an die Stimme meines Vaters erin­nern konnte. Wie ich auch suchte, ich fand sie nicht. Ich war natür­lich sehr erschro­cken gewesen. Anstatt der Stimme meines Vaters, hörte ich die Stimme des großen Erzäh­lers Isaak B. Singer, eine helle und zugleich raue Stimme, die der Stimme meines Vaters sicher ähnelte. Ich hatte vor ein oder zwei Jahren Singers Stimme in einem Filmin­ter­view gehört. Foto­gra­fien zeigen den alten Mann spazie­rend am Atlantik. Auch mein Vater war mehr­fach in Brighton Beach gewesen, wenn ich nicht irre. Plötz­lich kehrte die Erin­ne­rung an die Stimme meines Vaters zurück. Isaac B. Singers Geschichte im übrigen geht so: Kurz nach meiner Ankunft ( in Amerika ) betrat ich zum ersten mal eine Cafe­teria, ohne zu wissen was das ist. Ich hielt es für ein Restau­rant. Ich sah lauter Leute mit Tabletts und fragte mich, warum man in so einem kleinen Restau­rant so viele Kellner brauchte. Ich gab jedem, der mit einem Tablett vorbeikam, ein Zeichen. Ich hielt sie alle für Kellner und wollte etwas bestellen. Aber sie igno­rierten mich, manche lächelten auch. Und ich dachte, was für ein unwirk­li­cher Ort! Es war wie in einem Traum. Ein kleines Café mit so vielen Kell­nern, und niemand beachtet mich! Irgend­wann begriff ich dann, was eine Cafe­teria ist. Sie wurde mein zweites Zuhause. Die Cafe­te­rien wurden eine Art Zuhause für Flücht­linge aus Polen, Russ­land und anderen Ländern. Viele meiner Geschichten spielen in Cafe­te­rien, wo all diese Menschen aufein­an­der­trafen: die Normalen, die weniger Normalen und die Verrückten. Das ist also der Hinter­grund meiner Geschichten, die in Cafe­te­rien spielen. – stop
ping

bergwand

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marimba : 6.15 – In der Arbeit des Erfin­dens wie in der Arbeit des Klet­terns in einer Berg­wand, ist jede nächste Aufgabe die Wich­tigste. – stop

ein zimmer

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alpha : 6.28 – Halb­dunkel. Vor einem Fenster steht ein Bett. Das Fenster ist leicht geöffnet, Jalou­sien rippen das Licht, das spär­lich herein­kommt. Es könnte Vormittag sein oder Nach­mittag. Zufällig habe ich den Film in genau dem Moment ange­halten, als eine Fliege den aufge­nom­menen Flug­raum durch­kreuzt. Die Gestalt des Tieres ist nicht ganz scharf zu sehen, Beine, die fest an den Körper gepresst sind. Es ist die erste Fliege, die ich in dieser Haltung wahr­nehme, ein kleiner Vogel, denke ich im ersten Moment, und dass diese Fliege eigent­lich dort, wo sie sich befindet, nichts zu suchen hat. Es handelt sich bei dem abge­dun­kelten Raum um ein Hospi­tal­zimmer. Neben dem Bett steht ein Tisch dicht an einer Wand, deren Farbe blät­tert. Auf diesem Tisch kauert ein Gerät, das Kurven zeigt, Pulse, weiterhin Zahlen, Blut­druck­werte viel­leicht. Eine Karaffe mit Flüs­sig­keit ist zu sehen und ein Schul­heft, geöffnet, Schrift­zei­chen. Ich bin der arabi­schen Sprache nicht mächtig, und doch vermag ich zu erkennen, dass diese Schrift­zei­chen arabi­sche Schrift­zei­chen sind, auch weil ich weiß, dass der Film, den ich ange­halten habe, in der Stadt Tripolis aufge­nommen sein könnte. Vermut­lich wurden die Zeichen von einer jungen Frau geschrieben, die in jenem Bett liegt, auf welches das Zebra­strei­fen­licht hernie­der­fällt. Die Augen der jungen Frau sind geschlossen, ihre Haut ist weiß wie Schnee, ihr Kopf leicht nach links gerichtet oder gefallen. Ein sehr schöner Mund, das Haar von einem Kopf­tuch bedeckt. Die Ebenen unter ihren Augen erscheinen dunkel, Monde, Schat­ten­monde. Hände und Schul­tern liegen unter einer Decke verborgen, die hell ist, ein Laken. Kein Geräusch ist zu hören. Das Geräusch, das zu dem Film gehört, ist in dem Moment, da ich den Film ange­halten habe, ausge­fallen. Wenn man ein Geräusch anhält, hört man nichts. Das ist seltsam. Ich erin­nere mich, dass da ein Geräusch gewesen war, kurz bevor ich den Lauf des Filmes stoppte, Stimmen auf einem Flur und ein Rauschen, ich nehme an, vom Fenster her. Die Augen der liegenden Frau waren geöffnet gewesen, dunkle Augen, und doch hell und weit. Sie erzählte, dass sie nicht wisse, wie sie hierher gekommen sei. Man habe ihr berichtet, dass man sie in einem Auto über die Grenze brachte, aber sie wisse das nicht mit Sicher­heit, weil sie sich nicht erin­nern könne. Ihre Beine seien fort. Und ihre beiden Kinder, Mädchen, seien tot. Und ihr Bruder. Und ihre Mutter. Aber auch das wisse sie nicht genau, man habe ihr das erzählt, aber sie könne sich nicht erin­nern. Dann schloss sie die Augen. Und ich habe den Film ange­halten. Ich habe den Film ange­halten in genau dem Moment da eine Fliege das Bild kreuzte. Kein Ton. – stop
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thelonious monk

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kili­man­dscharo : 21.33 – Regen. Sonntag. Ich habe meine Mutter ange­rufen. Sie war unter­wegs gewesen, viel­leicht im Garten, viel­leicht in den Bergen. Nach 10 Sekunden schal­tete sich der Anruf­be­ant­worter an. Eine Stimme, die die Stimme meiner Mutter war, meldete vertraut: Hier ist der Anschluss von Paula und Jürgen. Ich sagte sofort meinen kleinen Spruch auf: Hallo, seid Ihr zu Hause? Wie geht es Euch? Mir geht es gut. Es regnet. Hallo! Melde mich wieder! – Seit mein Vater gestorben ist, habe ich immer wieder einmal gedacht, dass das seltsam ist, dass meine Mutter, solange sie nicht bei sich selbst anrufen wird, nicht bemerken würde, dass ihre Begrü­ßung anru­fende Freunde irri­tieren könnte. Ich über­lege, ob ich sie nicht viel­leicht bei Gele­gen­heit darauf aufmerksam machen sollte, dass wir eine weitere Tonband­auf­nahme anfer­tigen könnten. Der Eindruck unver­züg­lich, ich würde meinen Vater durch diese Hand­lung distan­zieren, einen Geist hinaus­werfen aus dem Haus, in dem er weiter­lebt in seinen Spuren, in unseren Erin­ne­rungen. Da ist sein Stuhl und da ist sein Computer. Und da sind seine Garten­schuhe, seine Schall­platten, seine Bücher und im Teich blühen Rosen, Seerosen, weiß und rosa, die von seiner Hand ins Wasser gesetzt worden waren. Hinter einer Schachtel, ich lüfte ein Geheimnis, die auf seinem Schreib­tisch ruht, habe ich eine Tril­ler­pfeife versteckt, mit deren Hilfe mein Vater in einem Notfall seine Frau rufen konnte. – Nein, ich muss davon nicht spre­chen. Es ist Sonntag. Es regnet. Thelo­nious Monk: Round Midnight – stop

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korallenbäume

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olimambo : 7.15 – Vergan­gene Nacht Fred Wesley im Traum. Wir fuhren auf einer Staten Island Fähre über die Upper Bay zu New York. Ich glaube, es war die Samuel I. Newhouse gewesen. Fred Wesley bot einen merk­wür­digen Anblick. Seine Ohren waren von dem Mate­rial einer Posaune, auch unter der Haut seiner Stirn und seiner Wangen schim­merte es bereits metallen. Er schlief so fest, dass ich ihn nicht wecken konnte. Papa­geien flat­terten auf dem Schiffs­deck herum. Sie stürzten auf jeden der Reisenden los, sobald er sich erheben wollte. Ein älterer Mann und ein Junge saßen gleich gegen­über. Der Mann, viel­leicht der Groß­vater des Jungen, ritzte Schrift­zei­chen mit einem Messer in das Holz einer Sitz­bank. Draußen über dem Meer, Dämme­rung. Ein Kano­nen­boot der US Coast Guard beglei­tete das Schiff. Ich spürte, dass aus meinem Hals Kiemen gewachsen waren, Koral­len­bäume. Ein viel­schich­tiges Pfeifen war zu hören gewesen, indem ich atmete. Davon wachte ich auf. stop. Nichts weiter. – stop

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