robert walser

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marimba

~ : oe som
to : louis
subject : KORALLEN
date : jul 31 12 4.37 p.m.

Seit 552 Tagen nun befindet sich Taucher Noe vor Neufund­land in 820 Fuß Tiefe von einem eisernen Anzug umfangen. Es ist ein Wunder wie gut sich Noe hält. Jeden Morgen, wenn ich unseren Funk­raum betrete, lausch ich in die Tiefe, freu mich, wenn ich Noes lesende Stimme oder seinen Atem höre. Während meines Besu­ches vor Kurzem im Mai, habe ich Koral­len­ge­wächse von seinem Gehäuse entfernt, Schne­cken und andere kleine Tiere, die sich dort fest­ge­setzt hatten. Ich beob­ach­tete Noe sehr genau, seinen Blick, seine Augen hinter der gepan­zerten Scheibe. Wie er sich doch über meinen Besuch gefreut hatte, gemeinsam schau­kelten wir durchs Meer viel­leicht einhun­dert Meter eines Weges in ewiger Dämme­rung auf und ab. Ich hielt mich fest an seinen Anzug gepresst. Kurz vor meiner Rück­kehr an die Wasser­ober­fläche fragte ich Noe, ob er noch eine Weile aushalten würde, dieser Blick, lieber Louis, dieser Blick. Manchmal denke ich bei mir, wir sollten aufhören, wir sollten ihn zurück­holen. Aber immer dann, wenn wir Noe in Bewe­gung setzen, wenn wir ihn anheben wollen, beginnt er zu protes­tieren, ein selt­sames Geräusch, das ich so nie zuvor vernommen habe. Aus dem heutigen Tag ist ein äußerst ange­nehmer Sommertag geworden. Das Meer voll­ständig ohne Bewe­gung. Flie­gen­schwärme stehen dicht über dem Wasser. Wir haben keine Vorstel­lung, woher sie kommen und wohin sie wollen. Noe liest mir sanfter Stimme seit fünf Stunden aus einem weiteren Unter­was­ser­buch, Robert Walsers Geschichten, das wir vor einer Woche fertig stellen konnten: Es gibt Vormit­tage in Schus­ter­werk­stätten, Vormit­tage in Straßen und Vormit­tage auf den Bergen, und letz­tere mögen so ziem­lich das Schönste auf der Welt sein, aber ein Bank­haus­vor­mittag gibt entschieden noch mehr her. – Ahoi! Bis bald einmal wieder Dein OE SOM

gesendet am
31.07.2012
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kühle augen

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nordpol : 6.32 – Gestern am späten Abend wohnte ich via Internet einer Hinrich­tung bei. Fünf Männer wurden erschossen und zwar in Aleppo auf offener Straße. Es waren Rebellen, die das Feuer auf Gefan­gene eröff­neten. Sie riefen: Gott ist groß! Gott ist groß! Als die Personen, es sollen Ange­hö­rige einer berüch­tigten, mordenden und folternden, regie­rungs­treuen Miliz gewesen sein, längst tot gewesen waren, wurde noch immer auf sie geschossen, als wollte man die Körper vor der Haus­wand zu Staub zerlegen, den der Wind mit sich fort tragen könnte. Rechts neben dem gerade erwähnten Film­do­ku­ment von zwei Minuten Länge, war die Exis­tenz weiterer Filme in Vorschau zu sehen, darunter der Bericht eines nord­ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­sen­ders über die chir­ur­gi­sche Rekon­struk­tion eines schwer verletzten Gesichtes. Ein Kanni­bale hatte im Staate Loui­siana Nase, Mund und Augen eines Mannes verspeist. Der arme Mann war kurz darauf noch am Leben gewesen und wurde nun von zwei Schwes­tern behutsam über den Flur eines Kran­ken­hauses geführt. Auch diesen Film habe ich mit kühlen Augen betrachtet. Dann war Mitter­nacht vorüber und ich spazierte ein wenig durchs Viertel. Katzen waren unter­wegs, die mit ihren Schein­wer­fern nach mir leuch­teten. Im Park um die Ecke wurden Feigen und Datteln gebraten. Ein süss­milder Nebel­duft hing in der Luft. Ich saß eine halbe Stunde auf einer Bank und beob­ach­tete Bäume, ob sie viel­leicht nacht­wärts arbeiten, der ein oder andere. – stop

buenos aires

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olimambo : 6.42 – 6.42 – Ich stelle mir eine Maschine vor, die fliegen kann, eine kleine Maschine, nicht größer als eine Murmel in Kinder­hand. Zarteste Rädchen und Schrauben und Gewinde sind in ihrem Innern zu finden, Batte­rien von der Größe eines Berg­schne­cken­her­zens weiterhin, sowie eine äußerst fili­grane Funk­an­tenne, ein Linsen­auge und Mikro­phone oder Ohren, die in der Nähe des Auges derart montiert worden sind, dass sie in der Lage sein könnten, eben genau jene Geräu­sche aufzu­zeichnen, die sich vor dem Auge des Flug­we­sens einmal abspielen werden. Viel­leicht darf ich verraten, dass es vornehme Aufgabe der Maschine sein wird, zu schauen und eben zu fliegen. Man fliegt mittels Propel­lern, die sich so schnell bewegen, dass kein mensch­li­ches Auge sie wahr­nehmen kann. Ein helles Summen oder Pfeifen ist in der Luft, und ich dachte, man könnte sich viel­leicht an Moskito­f­liegen erin­nert fühlen, sobald sich eine der kleinen Maschinen näherte, obgleich sie niemals stechen, nur Licht­proben nehmen. Darüber hinaus gehend stellte ich mir Läden vor, die sich wie Stütz­punkte für Flug­ma­schinen benehmen, Maga­zine, die überall in unserer Welt exis­tieren werden. Für drei oder vier Dollar die Stunde könnte ich mir von meinem Computer aus ein flie­gendes Auge leihen, um an einem schönen Sommer­abend, im November zum Beispiel, in Buenos Aires durch die Luft zu spazieren. – stop

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lichtprobe

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hima­laya : 3.10 – Ein Minu­ten­aus­schnitt aus der fürch­ter­li­chen Wirk­lich­keit eines Bürger­krieges. Im Film­do­ku­ment, das ich vor zwei Tagen beob­achtet habe, sind in der syri­schen Stadt Aleppo Männer zu sehen, sehr junge, beinahe kind­lich wirkende und etwas ältere Männer, sie erschießen weitere Männer, die teil­weise kaum noch bekleidet waren und offen­sicht­lich von Schlägen verletzt. In einer Art Rausch, so nehme ich das aus großer Entfer­nung wahr, wurde getötet, aufge­nommen von Handy­ka­meras. Kurz darauf waren diese Hand­lungen auf Server­ma­schinen geladen und sind seither von jedem Ort dieser Welt, der über einen Inter­net­zu­gang verfügt, für unbe­stimmte Zeit abrufbar. Man kann den einen oder anderen der schie­ßenden Männer für Sekunden ebenso gut erkennen wie jene Männer, die durch Schüsse getötet wurden. Hunderte, wenn nicht tausende dieser Doku­mente liegen vor. Was wird mit diesen Doku­menten geschehen? Werden Sie bereits gesi­chert? In dieser Minute viel­leicht? Und vom wem und in welcher Absicht? – stop

stimmen zu st. georg

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echo : 0.28 – Ein Spazier­gang über den alten Münchner Friedhof St. Georg. Ich stand vor Liesl Karl­stadts Grab, plötz­lich hörte ich ihre Stimme, die von irgendwo her aus den Kasta­ni­en­bäumen in nächster Nähe zu kommen schien. Oran­gen­far­bene Blüten, Fuchs­köpfen ähnlich, lungerten auf dem kleinen Karl­stadt­hügel. Blaue Fühler­käfer hetzten über sandigen Boden. Wald­bienen, Mooshum­meln, Raupen­fliegen, es sirrte und brummte in allen mögli­chen Tönen. Auf dem Gedenk­stein für Rainer Werner Fass­binder hockte ein Mari­en­käfer von Holz, der Schirm eines Fächer­ahorns spen­dete Schatten. Auch an Fass­bin­ders Stimme konnte ich mich sofort erin­nern, ohne einen konkreten Satz aus seinem Munde zu vernehmen. Es war ganz so, als würden die Stimme in meinem Kopf eine Stimme simu­lieren. Erich Kästner aller­dings war mir entweder abhanden gekommen oder ich habe seine Stimme tatsäch­lich noch nie in meinem Leben gehört. Aber den Sedl­mayr, Walter, erin­nerte ich unver­züg­lich und auch die ange­nehm warme Stimme Bernd Eichin­gers, der so plötz­lich gestorben war. Sommer­fäden schwebten durch die Luft. Das Rascheln der Eich­hörn­chen unterm Efeu. Über mir ein blau­grauer, blit­zender Himmel. Es duftete nach Zimt, warum? Irgendwo in meinem Kopf, ich spürte das genau, muss eine Erin­ne­rung an die Stimme Oskar Maria Grafs zu finden sein. Und wenn ich nun noch zwei oder drei Stunden auf meinem Sofa sitze und lausche in dieser stillen Nacht, wird sie viel­leicht hörbar werden. – stop

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zeit

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india : 0.05 – Saß an einem Sommertag mit meinem Vater am Ufer eines Sees. Mein Vater trug helle Hosen, ein weißes Hemd, Turn­schuhe und Hosen­träger. Immer wieder erhob er sich, ging über­le­gend auf und ab, weil ich ihm Fragen stellte, viele, schwie­rige Fragen. An eine dieser Fragen kann ich mich noch gut erin­nern. Ich wollte wissen, ob es grund­sätz­lich möglich sei, die Dauer jenes Momentes mathe­ma­tisch in einer Formel darzu­stellen, in welchem ein Tropfen, der von einem Wasser­spiel gegen den Himmel geworfen wird, in der Luft verharrt, ohne sich weiter aufwärts oder schon abwärts zu bewegen, also ohne Schwere ist. Leider kann ich mich an die Antwort meines Vaters nicht erin­nern, aber an eine Geschichte, die mein Vater an genau jenem Tag der Wasser­tropfen erzählte. Diese Geschichte handelte von mir selbst. Sie soll sich ereignet haben, als ich noch sehr jung und klein gewesen war. Ich werde sie morgen erzählen, weil sich gerade ein groß­ar­tiges Gewitter ereignet. – stop

engelware

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nordpol : 6.50 – Fangen wir noch einmal von vorne an. stop. Jener warme Sommertag. stop. Mein Vater trägt helle Hosen, ein weißes Hemd, Turn­schuhe, Hosen­träger. Immer wieder erhebt er sich, geht über­le­gend auf und ab, weil ich ihm Fragen stelle, viele, schwie­rige Fragen. An eine dieser Fragen kann ich mich noch gut erin­nern. Ich wollte wissen, ob es grund­sätz­lich möglich sei, die Dauer eines Momentes mathe­ma­tisch in einer Formel darzu­stellen, in welchem ein Tropfen, der von einem Wasser­spiel gegen den Himmel geworfen wird, in der Luft verharrt, ohne sich weiter aufwärts oder schon abwärts zu bewegen, also ohne Schwere ist. Leider kann ich mich an die Antwort meines Vaters nicht erin­nern, aber an eine Geschichte, die mein Vater an genau jenem Tag der Wasser­tropfen erzählte. Diese Geschichte handelte von mir selbst. Sie soll sich ereignet haben, als ich noch sehr jung und klein gewesen war. Ich konnte damals schon laufen und spre­chen, das wohl, und ich wusste, dass Weih­nachts­feste sich wieder­holen, dass zur heiligen Nacht Geschenke unter einem Baum zu finden sind, und dass diese Geschenke von Engeln herbei­ge­bracht werden. Der Geschichte meines Vaters zur Folge kauerte ich an einem Dezem­bertag mehrere Stunden vor einem Fenster zum Garten. Schnee war gefallen und es schneite immer weiter ohne Unter­bre­chung. Meine Eltern beob­ach­teten mich genau, sie wunderten sich, weil ich mich kaum bewegte und weil ich in meiner Obser­va­tion der Schnee­land­schaft keine Pausen machte. Nach einer gewissen Zeit kam mein Vater zu mir. Er fragte, was ich da tue, ob ich viel­leicht etwas beson­deres entdeckt haben würde. Ich antwor­tete, dass ich auf das Erscheinen eines Engels warten würde. Wie ich denn darauf komme, dass ich gerade an diesem Tag oder über­haupt je einen Engel sehen könne, wollte mein Vater wissen. Ich erklärte, dass ich hörte, jene Geschenke, die bald unter unserem Weih­nachts­baum liegen würden, sei von Engeln gelie­ferte Ware, ich könne also sicher sein, dass Engel den Luft­raum vor dem Fenster zum Wohn­zimmer in Stun­den­zeit passieren würden, ich müsste nur lange genug warten, um die Erschei­nung eines oder mehrerer Engel beob­achten zu können. Eine Weile, erzählte mein Vater, habe er sich dann neben mich gesetzt, zwei gedul­dige Beob­achter des Schnees, Schulter an Schulter. – stop

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mumbai

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MELDUNG. Mumbai, Road Number One, 16. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 618 [ Marmor, Carrara : 5.08 Gramm ] voll­endet. – stop

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nachtfalter

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alpha : 0.25 – Kurz nach Mitter­nacht stürzte ein Falter auf meinen Schreib­tisch. Ich hatte die Fenster geöffnet, kühle und doch würzige, feuchte Luft von draußen und eben der Falter, der plötz­lich vor mir auf dem Rücken lag und sich nicht mehr rührte, als wäre er während seines Nacht­fluges tief und fest einge­schlafen. Und da war nun eine selt­same Frage. Wie wecke ich einen schla­fenden Falter, ohne ihn in Angst und Schre­cken zu versetzen? Ich könnte mit meinem Atem etwas Wind erzeugen oder aber ich könnte nach einem feinen Pinsel suchen. Ich könnte ande­rer­seits so tun, als wäre der Falter nicht wirk­lich. Ich muss das nicht sofort entscheiden. stop. Coleman Hawkins Quintet South. – stop

shakespears garden

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lima

~ : malcolm
to : louis
subject : BALCONY
date : aug 11 12 10.08 p.m.

Seit Tagen bereits sehen wir Frankie in stän­diger Bewe­gung. Das Eich­hörn­chen scheint zu einer Persön­lich­keit geworden zu sein, die ohne jeden Schlaf auszu­kommen vermag. Wir haben das so nicht erwartet. In den vergan­genen Tagen und Nächten wanderte Frankie 180 Meilen durch den Central Park. Wir dachten zunächst, dass Frankie’s Unruhe sich entfaltet haben könnte, weil es regnete. Aber Frankie läuft noch immer und es hat schon lange aufge­hört. Der Himmel an diesem Abend ist wolklenlos. Wir befinden uns nahe der Base­ball­felder Höhe 61. Straße. Es ist denkbar, dass es gleich rauf bis zur 68. Straße gehen wird ohne Pause, eine Frage der Zeit bis wir aufgeben müssen, weil wir das Ende unserer Kräfte erreicht haben werden. Entweder wir bekommen bald eine Ablö­sung oder es ist Schluss! Manchmal fragen wir uns, warum das notwendig ist, ein Wesen zu beob­achten, das über einen Sender verfügt, den wir jeder­zeit anpeilen könnten, um das Gespenst wieder­zu­finden. Nein, es ist nicht immer leicht zu verstehen, was hier vor sich geht. Gestern, Freitag, haben wir von 2 bis 4 Uhr folgende Posi­tionen hinter uns gelassen > Turtle Pond : Great Lawn Soft­ball Field : Bridge No 24 : East 96th Street Play­ground : North Meadow : Harlem Meer : Glen Span Arch : Seneca Village Site : Shake­spears Garden : Balcony Bridge. Ihr Malcolm – stop / code­wort : ligu­rien

empfangen am
11.08.2012
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schimpansen

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ulysses : 2.18 – Im Traum an Vaters Grab. Hatte von der Ankunft des 200 Jahre alte Kreuzes erfahren, das wir Schmieden zur Restau­ra­tion über­geben haben. Als ich mich der Grab­stelle nähere entdecke ich Mutter, die mit zwei wilden Männern disku­tiert, sie knien in der Nähe des Grabes auf dem Boden. Beide tragen schwere Schürzen von Leder und sind behaart und ihre Ohren glühen und dampfen in der feuchten Luft. Mutter will wissen, warum die Schmiede das Kreuz, das sie anlie­ferten, derart tief in den Boden versenkten, dass nur noch seine vergol­dete Spitze zu sehen ist. Die Männer lachen fröh­lich. Das sei in Afrika so üblich, antworten sie, weil wilde Tiere bevor­zugt an Kreuzen dieser histo­ri­schen Sorte ihr Fell reiben würden, und zwar so lange, bis von dem Kreuz Vaters bald nichts mehr übrig sei. Immer wieder deuten sie in den Baum, der den Grab­hügel über­schattet. Die Eiche blüht wie ein Kirsch­baum. Schim­pansen sitzen in der Krone und flet­schen ihre Zähne. Mutter indessen beginnt das Kreuz mit bloßen Händen wieder auszu­graben. – stop

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schrödingers katze

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nordpol : 5.18 – Wie Sorge nach und nach leise ein Haus betritt, in welchem Menschen leben, die alt geworden sind. Sie erscheint als ein Tier, das nicht sichtbar ist, feinstes Gewebe in Bewe­gungen der Haus­be­wohner, in der Art wie sie mitein­ander spre­chen oder wovon sie nicht spre­chen. Vater, der an seinem Tisch sitzt im Wohn­zimmer. Sein leicht geneigter Kopf. Und dieser Blick, spre­chendes Licht. Bin ich nicht viel­leicht viel zu langsam geworden? Kann ich noch wirk­lich verstehen, was ihr mir zu sagen habt? Wer bin ich über­haupt? Bin ich noch der, für den Ihr mich haltet? Was erzählt ihr Euch über mich? Habt Ihr Geheim­nisse vor mir, die mich betreffen? Ich bin so müde, wie kann man nur so müde sein, wie kann man nur immerzu so gerne schlafen. – Die Hand meines Vaters, die nicht mehr schreiben kann, nicht mehr so wie früher schreiben, diese kleinen genau kalku­lierten Zeichen auf begrenzter Fläche der Papiere. Und dieser Computer, der macht was er will. Und all diese Bücher, die noch einmal zu lesen sind, über den Urknall, solche Bücher, über Ägypten, über das Leben, Schrö­din­gers Katze. – stop

abschnitt neufundland

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Abschnitt Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 1001, Luft­fahrt – 755, Auto­mo­bile – 40231], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 6, 19. Jahr­hun­dert – 321, 20. Jahr­hun­dert – 886 , 21. Jahr­hun­dert – 77 ], physical memo­ries [ bespielt – 386, gelöscht : 6 ], Winter­fliegen LH77 [ Skelett­teile : 5 ], Öle [ 0.3 Tonnen ], Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 8, Knie­ge­lenke – 32, Hüft­ku­geln – 22, Brillen – 761 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 175, Größen 38 – 45 : 2351 ], Kühl­schränke [ 57 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 3, mit Taucher – 18 ], Engels­zungen [ 5 ] | stop |

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PRÄPARIERSAAL : verwandlung

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alpha : 1.55 – Mein Tonband­gerät wird viel­leicht bald aufhören zu exis­tieren. Ein Knis­tern ist zu vernehmen, sobald sich die Motoren der Maschine in Bewe­gung setzen. Wenn ich sie schüt­tele, scheint etwas in ihr herum­zu­fallen, weshalb ich sie in dieser Nacht öffnen werde, um nach­zu­sehen, ob ich etwas tun kann, um ihren Verfall aufzu­halten. Es ist jetzt 1 Uhr 32 Minuten. Noch drehen sich die Räder der Maschine. Gerade eben erzählte Yolande aus Kamerun von ihrer Erfah­rung der Verwand­lung in der Umge­bung anato­mi­scher Arbeit : > Ich habe schon am ersten Abend gespürt, dass sich in meinem Leben etwas verän­dern würde. Ich kann mich, wie ich schon sagte, nicht sehr gut an meinen ersten Tag im Präpa­rier­saal­saal erin­nern. Als ich nachts vor dem Spiegel stand, waren meine Augen gerötet. Das machte mir Sorgen. Ich konnte nicht einschlafen und darum bin ich im Zimmer auf und abge­laufen. Und plötz­lich hatte ich ein ganz starkes Gefühl von Leben­dig­sein in mir. Ich hatte das Gefühl, dass diese alltäg­li­chen, kleinen Schwie­rig­keiten unter Menschen, unbe­deu­tend sind. Alles völlig unwichtig. Ich habe dann sehr gut geschlafen. – Wenn ich von meiner Erfah­rung des Präpa­rier­kurses erzähle, reagieren die Menschen mit respekt­vollem Staunen. Ihre Augen werden groß und immer größer, je mehr sie erfahren. Sie meinen sehr häufig, dass sie das selbst niemals aushalten würden. Dann erzähle ich gern von meinen Freunden am Tisch. Ich habe als sehr wert­voll empfunden, in einem Team arbeiten zu können. Wir machten dieselben Erfah­rungen und hatten ein gemein­sames Ziel: das Erlernen der Struk­turen des mensch­li­chen Körpers. Außerdem fand ich sehr ange­nehm mit den Händen arbeiten zu können, ich konnte die Materie anfassen, Muskeln und Nerven und Blut­ge­fäße. Wir waren alle weiß gekleidet, viel­leicht fühlten wir uns deshalb wie in einer anderen Haut. In dem Moment, da ich meinen weißen Kittel anzog und meine Hand­schuhe, hatte ich das Gefühl mich zu verwan­deln. Auch dann, wenn ich mir nur ausmalte, wie ich meine Hand­schuhe über­streifte, verwan­delte ich mich auf der Stelle. – stop

fingersträußchen

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delta : 6.22 – Über Nacht war alles wieder nach­ge­wachsen. Meine Hände blühten. Ich machte mich auf den Weg südwärts durch Manhattan zu den Fähren hin. Am Tresen einer Schiffs­kan­tine wartete bereits Mr. Melrose, über­reichte mir einen Becher Kakao. Als  er meine blühenden Hände entdeckte, fütterte er mich höchst­per­sön­lich mittels eines Teelöf­fels. Schenkte ihm zum Dank einen meiner Finger, machte mich dann auf meinen tägli­chen Weg über das Hurri­ka­ne­deck, sprach all die wartenden Pend­ler­men­schen freund­lich an, zeigte ihnen meine Hände, die als solche nicht zu erkennen waren, weil sie Finger­sträußen ähnelten. Man muss sich das vorstellen, an jeder Hand trug ich 20 bis 30 Finger­ex­em­plare, die meisten waren Mittel­finger, Daumen waren keine darunter. Sobald ich an einem der Finger zog, löste er sich, so dass ich ihn weiter­rei­chen konnte. Für jeden Finger bekam ich 5 Dollar. Ich erin­nere mich nicht, je Schmerz empfunden oder geblutet zu haben. Viel­mehr empfand ich Vergnügen, Freude, Lust. – Dieser Traum wurde so oder ähnlich geträumt kurz vor vier Uhr in der vergan­genen Nacht. – stop

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lissabon

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nordpol : 2.01 – MELDUNG. Infolge nächt­li­chen Blitz­schlags haben zwei präch­tige Barsche [ hibis­kusrot : 16 cm : Tansania ] unter 12 jungen Suma­trabarben [ krei­de­bleich : 4 cm : Indo­ne­sien ] im städ­ti­schen Aqua­rium zu Rabat für immer aufge­räumt. Nahe Lissabon, beinahe zeit­gleich, sind Menschen [ 15 Personen ] von hell­blauer Haut wie aus dem Nichts heraus an Land gekommen. Man ist fiebrig, aber freund­lich wie immer. – stop

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recuerdo

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nordpol : 2.38 – Eine sanfte Inter­pre­ta­tion des Gedichtes Recuerdo von Edna St. Vincent Millay entdeckt: Rebecca Luker und Jeff Blumen­krantz live at the Zipper Factory ( New York / Hells Kitt­chen ) 2005, Jahr­zehnte zuvor spricht die Urhe­berin des Gedichtes selbst. > WE were very tired, we were very merry­ / We had gone back and forth all night on the ferry. / It was bare and bright, and smelled like a stable­ / But we looked into a fire, we leaned across a table, / We lay on a hill-top under­neath the moon; / And the whistles kept blowing, and the dawn came soon. // We were very tired, we were very merry­ / We had gone back and forth all night on the ferry; / And you ate an apple, and I ate a pear, / From a dozen of each we had bought some­where; / And the sky went wan, and the wind came cold, / And the sun rose drip­ping, a bucketful of gold. // We were very tired, we were very merry, / We had gone back and forth all night on the ferry. / We hailed, “Good morrow, mother!” to a shawl-covered head, / And bought a morning paper, which neither of us read; / And she wept, “God bless you!” for the apples and pears, / And we gave her all our money but our subway fares.- stop / film­quellen: jeff blumen­krantz & mellow cricket – you tube

roman opalka

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lima : 0.05 – Sobald ich mich in meiner Wohnung aufhalte, begegne ich mehr­fach täglich einer Foto­grafie, die Roman Opalka bei der Arbeit zeigt. Manchmal bleibe ich vor ihr stehen und freu mich über das Projekt der Zahlen, dem der Künstler bis an sein Lebens­ende folgte. Ich notierte: Eines Tages im Jahre 1965, viel­leicht an einem Samstag, viel­leicht an einem Sonntag, ich konnte schon laufen und hatte gelernt, mir die Schuhe zu binden, nahm Roman Opalka den kleinsten seiner verfüg­baren Pinsel in die rechte Hand und malte mit titan­weißer Farbe das Zeichen 1 auf eine schwarz grun­dierte Lein­wand­fläche. Bevor er diese erste Ziffer malte, foto­gra­fierte er sich selbst. Er war gerade 34 Jahre alt geworden, und als er etwas später seine Arbeit unter­brach, – er hatte weitere Ziffern, nämlich eine 2 und eine 3 und eine 4 auf die Lein­wand gesetzt -, foto­gra­fierte er sich erneut. Er war nun immer noch 34 Jahr alt, aber doch um Stunden, um Ziffern geal­tert. Auch am nächsten und am über­nächsten Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr wurde er älter, in dem er Ziffern malte, die an mathe­ma­ti­scher Größe gewannen. Wenn eine Lein­wand, ein Detail ( 196 x 135 cm ), zu einem Ende gekommen war in einer letzten Zeile unten rechts, setzte er fort auf einer weiteren Lein­wand oben links, die nun eine Licht­spur heller geworden war, als die Grun­die­rung des Bildes zuvor. Bald sprach er Zahl für Zahl laut­hals in die Luft, um mit seiner Stimme auf einem Tonband die Spur seiner Zeichen zu doku­men­tieren. – In unserer Zeit, heute, ja, sagen wir HEUTE, oder nein, sagen, wir morgen, ja, sagen wir MORGEN, wird Roman Opalka mit weißer Farbe auf weißen Unter­grund malen, Ziffern, die nur noch sichtbar sind durch die Erhe­bung des Mate­rials auf der Ober­fläche des Details. Der Betrachter, stelle ich mir vor, muss das Bild von der Seite her betrachten, um die Zeichen in ihren Schatten erkennen zu können. – Am 6. August 2011 ist der Maler Roman Opalka in Rom gestorben. Seine letzte auf eine Lein­wand gesetzte Ziffer war folgende gewesen: 5607249. – stop

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samia yusuf omar

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alpha : 0.03 – Nach­rich­ten­agen­turen meldeten gestern, Montag 20. August 2012, die soma­li­sche Sprin­terin Samia Yusuf Omar sei im Alter von 21 Jahren auf dem Weg nach London zu olym­pi­schen Spielen ertrunken. Sie reiste auf einem Flücht­lings­schiff von Libyen aus nord­wärts. Die Havarie des Bootes soll sich im Kanal von Sizi­lien nahe der Insel Malta bereits Anfang April ereignet haben. Einzige Vertre­terin ihres Heimat­landes während der olym­pi­schen Spiele 2008 in Peking, hatte sich Samia Yusuf Omar allein auf den gefähr­li­chen Weg nach Europa begeben. – stop

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summenlicht

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hima­laya : 3.15 – Über meinem Schreib­tisch brennt seit einer Stunde ein warmes Licht, elek­tri­sches Feuer, welches einem Glas­kolben entkommt, in dem sich weitere klei­nere Glas­kolben befinden. Diese klei­neren, unsicht­baren Glas­kolben erzeugen das eigent­liche Licht, das als Summen­licht durch das milchige Glas zu mir in den Raum entkommt. Ich dachte gerade eben noch, als ich eine Konstruk­ti­ons­zeich­nung meiner neuesten Leucht­birne betrach­tete, dass sie Licht­beeren enthält, Licht­kir­schen genauer. Auf einem weiteren Zettel war das schöne Wort Lumen verzeichnet, außerdem der Hinweis, ich könnte meine Lampe 12000 Male ein und wieder ausschalten, ohne dass mein neues Licht daran zu Grunde gehen würde. Noch viel erstaun­li­cher war mir vorge­kommen, dass der Licht­körper, den ich erworben hatte, 25 Jahre leuchten wird. Eine erstaun­liche Aussage. Sie ist in einer Weise verzeichnet, als wäre ihre Grund­lage Erfah­rung. Ich habe mir gedacht, dass man viel­leicht eine Möglich­keit gefunden haben könnte, die Zeit für Unter­su­chungen des Lichts derart zu beschleu­nigen, dass aus 25 Menschen­jahren 2 Lampen­mo­nate werden. Ich bekomme das noch nicht voll­ständig in meinen Kopf, insbe­son­dere den Gedanken nicht, dass ich nach meiner ersten schönen Lampen­birne zu meiner Lebzeit höchst­wahr­schein­lich nur noch eine weitere Frucht dieser Art für gute Sicht über meinem Schreib­tisch erwerben werde. – stop

august august

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alpha : 1.02 – Der 23. August. Gewit­ter­chen plus­tern sich überm Haus. Bin ein unruhig, weil ich mich einem beson­deren Tag nähere. Ich habe für diesen beson­deren Tag in meinem digi­talen Kalender vor beinahe fünf Jahren folgenden Satz vermerkt: Truman kehrt zurück! Noch drei Nächte, dann ist es soweit, Truman wird zurück­ge­kehrt sein und mir viel­leicht auf eine Frage antworten, die ich ihm gestellt hatte. Ein Particle aus dem Sommer des Jahres 2007 erzählt davon: > Früher Abend. Sehr heiße Luft. Ich wünsche zu wissen, ob Geschöpfe, die über 5 Bein­paare verfügen, noch als Käfer anzu­sehen sind. Also schreibe ich einem Freund eine E-Mail. Kaum habe ich meine Frage notiert, abge­schickt und mich erhoben, um etwas die Beine zu vertreten, kommt mit einem Ping­ge­räusch seine Antwort: Bin zurück > Sonntag, 26. August 2012. Haben Sie eine gute Zeit. Truman. – Es ist jetzt beinahe 5 Jahre später. Und wieder die Frage: Habe ich diese Geschichte erfunden? – stop

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PRÄPARIERSAAL : schlafgänger

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charlie : 6.54 – Otto Lili­en­thal soll als junger Mann ein Schlaf­gänger gewesen sein wie mein Vater. Ich erin­nere mich, dass er einmal erzählte, er habe während früher Forschungs­zeit sein Bett mit einem „leichten Mädchen“ geteilt. Nachts schlief er auf ihrem Lager, tags sie auf dem Lager meines Vaters. Eine merk­wür­dige Vorstel­lung. Sie sind sich, wenn ich mich nicht irre, persön­lich nie begegnet sein, aber ihren Gerü­chen, Wärme, einem Körper­ab­druck, Haar. – Kurz vor Sonnen­auf­gang. Gerade eben lese ich einen E-Mail­brief June’s, 22. Sie schil­dert in lako­ni­scher Weise ihre Erfah­rung eines Präpa­rier­saales: > Der Tag des ersten Testates: Nervo­sität, Übel­keit, bestanden! Glücks­ge­fühle, ab nach Hause, schlafen! Jetzt alles tun außer lernen. Oh, es ist schon spät, verdammt, was muss ich morgen eigent­lich machen? Das werd ich in der S-Bahn schon noch heraus­finden. Dann der erste Tag des neuen Abschnitts: Arm oder doch der Kopf? Was muss ich eigent­lich tun? Ich hätte mir das gestern doch noch ansehen sollen, meine Assis­tentin wird mir schon helfen, erst mal das Fett abtragen, da kann ich nicht viel falsch machen. Was muss ich eigent­lich finden? Ach, das finde ich morgen auch noch! Endlich nach Hause! – Der 2. Tag: Was habe ich heute zu unter­nehmen? Verdammt, warum meint mein Assis­tent, dass es nicht gut ist, dass ich diesen kleinen Haut­nerv noch nicht gefunden habe. Feier­abend! – Der 3. Tag: Nacht­ar­beit, müde! – Der 4. Tag. Ich bin schon wieder nicht vorbe­reitet, ich hatte so viel nach­zu­holen, bald ist wieder Testat und ich kann noch nicht einmal mein eigenes anato­mi­sches Gebiet erklären. – 5. Tag, zwei Tage vor dem zweiten Testat: Panik! Ich hab über­haupt keine Ahnung. Ich muss noch so viel lernen, dass das alles niemals in meinen Kopf gehen wird. Ich habe zwar schon sehr viel gelernt, aber ich habe alles, was ich lernte, schon wieder vergessen. – 6. Tag, letzter Tag vor dem Testat: Ich glaube, mein Präpa­rier­ge­biet kann ich jetzt inwendig und auswendig, aber ich habe keine Ahnung vom Bein! Wenn ich über das Bein gefragt werde, dann falle ich durch! Ich muss noch drin­gend das Bein lernen! Nein, das lern ich jetzt nicht mehr. Mut zur Lücke. Nacht! – stop

tamanrasset

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MELDUNG. Junge Engel, Schule zu St. Nazaire, sind kommende Nacht von 2 bis 3 Uhr bei leichter Flie­gerei über den Dünen nahe Taman­rasset anzu­treffen. Eintritt frei. – stop

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elefantenohrtier dx-18

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tango : 2.55 – Bei jenem Wesen, das mir heute Abend auf dem Schreib­tisch vorliegt, handelt es sich zunächst um das Ohr eines afri­ka­ni­schen Elefanten, welches in meiner Wohnung bereits seit einigen Stunden gegen­wärtig ist, während ich den dazu­ge­hö­rigen Elefanten ebenso dauer­haft nicht zu finden vermag. An jener Stelle des Ohres, die übli­cher­weise ein Elefan­ten­körper einnehmen würde, ist statt­dessen eine Kreatur anzu­treffen, nicht größer als ein Zwerg­bä­ren­maki von 30 Gramm Gewicht, riesige gelbe Augen, aber kein Schwanz, keine Füße, keine Beine, keine Hände, keine Arme. Das Wesen lebt. Man kann es füttern. Ich vermute, es wird an diesem Abend viel­leicht erkältet sein, weil sein Atem pfeift. Ich habe vor wenigen Minuten noch versucht, mein eigenes kleines Ohr in die Nähe des Torsos zu bewegen, um viel­leicht Herz­schläge vernehmen zu können. Unver­züg­lich wurde ich gebissen, das Tier fauchte wie ein kleiner Tiger. Sobald ich dagegen das Elefan­tenohr, das über meinem Schreib­tisch ausge­breitet liegt, mit meinen Händen berühre, scheint das Wesen zufrieden zu sein, schnurrt und maunzt. Gleich­wohl ist gestattet, das Ohr mitsamt des kleinen Tieres vom Tisch anzu­heben, dann baumelt es dicht über dem Boden, was ihm Freude bereitet. Ich habe den Verdacht, es könnte sich bei dieser neuar­tigen anato­mi­schen Anord­nung insge­samt um eine gut durch­blu­tete Struktur handeln, die mit Vorsatz herge­stellt wurde, damit man sich in kühlen Nächten darunter legen kann. Ich werde dieser Spur nach­gehen. Man frisst bevor­zugt Krabben. Rosa Zapfen­zunge. – stop

ping

am arm

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romeo : 5.25 – Ich hatte ein Gebiet meines linken Unter­armes nah des Ellbo­gen­ge­lenkes von Haut befreit. Arbei­tete mich bis in 1 Zenti­meter Tiefe voran, ohne das Bewusst­sein zu verlieren. Mein Arm lag indessen flach auf dem Tisch. Beob­ach­tete meine rechte Hand wie sie mittels einer Pinzette Wurzeln fili­graner Bäume in die Vertie­fung senkte. Diese Bäume waren nicht höher als 3 Zenti­meter, Ahorn war darunter, Buchen, Eichen, Erlen. Spürte, wie sie sich in meinem Körper voran­tas­teten. Ich wachte auf. Es war fünf Uhr in der Früh. Stare, groß wie Ameisen, ein ganzer Schwarm, geis­terte durchs Zimmer. – stop

polaroidlily

lichtpelze

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delta

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : LICHTPELZE

Ich habe Euch, liebe Daisy, liebe Violet, folgendes zu berichten. Es schneit heute Nacht, weil es schneien muss. Licht­pelze, kaum Wind, sie schau­keln an meinem Fenster aus dem Nebel­dunkel kommend vorbei. Ich glaube, ich habe Euch schon erzählt, dass ich mir vor Wochen eine kleine Maschine vorge­stellt habe, die fliegen kann. Diese vorge­stellte Maschine ist nun eine tatsäch­lich sehr kleine Maschine geworden, nicht größer als eine Murmel in Kinder­hand. Zarteste Rädchen und Schrauben und Gewinde sind in ihrem Innern zu finden, Batte­rien von der Größe eines Berg­schne­cken­her­zens weiterhin, sowie eine äußerst fili­grane Funk­an­tenne, ein Linsen­auge und Mikro­phone oder Ohren, die in der Nähe des Auges derart montiert worden sind, dass sie in der Lage sein könnten, Geräu­sche aufzu­zeichnen. In wenigen Minuten, wenn ich meinen Brief an Euch aufge­geben haben werde, solltet Ihr mir zusehen, wie ich das Fenster öffnen und mein flie­gendes Auge auf seine erste Reise schi­cken werde. Ich habe mir einen Flug südwärts vorge­nommen. Zunächst abwärts 24 Stock­werke, dann die 72. Straße ostwärts bis hin zur Lexington Avenue, wir werden ihr bis zum Ende folgen. Am Gram­ercy Park biegen wir in Rich­tung Third Avenue ab, spazieren schwe­bend weiter, nehmen die Bowery, Saint James Place und kurz darauf die Brooklyn Bridge. Einige Stunden werden sicher vergehen, ehe wir nach 15 Meilen Brighton Beach erreicht haben werden, ein Aben­teuer. Welche Höhe wird eine geeig­nete Reise­höhe sein? Was werden die Vögel auf der großen Brücke unter­nehmen, sobald sie uns erkennen? Ich habe meine Fern­steue­rung bereits in der Hand. Es ist jetzt 7 Uhr und 55 Minuten. Ich fliege durch eine von Schnee und dichtem Nebel fast unsicht­bare Stadt. – Ahoi! Euer Louis

gesendet am
29.08.2012
2.01 MESZ
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louis to daisy and violet »

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von den ohrenvögeln

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marimba : 18.15 – Will eine Bemer­kung über Ohren­vögel notieren. Ich entdeckte sie gestern während eines Spazier­gangs. Ohren­vögel kommen ohne Ausnahme paar­weise vor. Haut von hellem Leder, Haut, die man als Beob­achter oder als Besitzer eines Ohren­vo­gelpär­chens weithin über­bli­cken kann, weil sie völlig nackt sind, abge­sehen von ihren Flügeln, dort exis­tieren Federn, so feine Federn, dass man sie, wüsste man es nicht besser, für Pelz halten könnte, Feder­pelze in gelb und rot und blau, kräf­tige Farben, die eigen­ar­tigste Muster bilden, so indi­vi­duell wie die Finger­ab­drücke an den Händen mensch­li­cher Wesen. Ohren­vögel sind von eher kleiner Gestalt, sind etwa so groß wie ein Fingerhut, und verfügen über Schna­belatt­rappen, die den Schnä­beln der Koli­bris ähnlich sind. Über­haupt wird man sich als Betrachter der Ohren­vögel oft an genau diese Gattung kleinster Luft­wesen erin­nert fühlen. Das sehr Beson­dere an ihrer Exis­tenz ist jedoch, dass sie den Körpern jener Menschen, die sie bewohnen, eng verbunden sind. Genauer gesagt, würden sie ohne diese Verbin­dung über­haupt nicht exis­tieren, eine blau­häu­tige Nabel­schnur so fein wie ein Faden Zwirn schließt sie an die Ohren der Menschen an, je ein Vogel links und ein Vogel rechts des Halses. Blut fließt von da nach dort, weswegen Ohren­vögel weder trinken noch essen, also auch nicht jagen oder sammeln. Man könnte viel­leicht sagen, dass sie nur zum Vergnügen leben, zur Zierde und Freude auch jener Menschen, die sie begleiten. Wenn sie nicht Stunde um Stunde unter den Ohren ihrer Besitzer schau­keln und schlafen, fliegen sie sehr gern in der näheren Umge­bung herum. Weit kommen sie selbst­ver­ständ­lich nicht, aber weit genug immerhin, um einander begegnen zu können, der eine Vogel zu Besuch auf der Hals­seite des Anderen, man sitzt dann gemeinsam auf einer Schulter und schaut auf die große Welt hinaus. Oder man trifft sich heim­lich hoch oben auf dem Kopf des bewohnten Menschen, eine vertraute Welt, zur gegen­sei­tigen Pflege und zum Gespräch. Ihre Stimmen sind so hell, dass mensch­liche Ohren nicht in der Lage sind, sie zu vernehmen. Nichts weiter. – stop
ping

gedankengang

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alpha : 6.38 – Ich gehe ein paar Schritte nach links, dann gehe ich ein paar Schritte nach rechts. Sobald ich gehe, denke ich in einer anderen Art und Weise, als würde ich noch sitzen. Ich habe schon viel nach­ge­dacht während ich ging. Und ich habe schon viel vergessen während ich ging. Wenn ich gehe, kommen die Gedanken aus der Luft und verschwinden wieder in die Luft. Wenn ich sitze, kommen die Gedanken aus meinen Händen. Sobald ich einmal nicht schreibe, ruhen meine Hände auf den Tasten der Schreib­ma­schine und warten. Sie warten darauf, dass eine Stimme in meinem Kopf diktiert, was zu schreiben ist. Ich könnte viel­leicht sagen, dass meine Hände darauf warten, mein Gedächtnis zu entlasten. Was ich mit meinen Händen in die Tastatur der Maschine schreibe, habe ich gedacht, aber ich habe, was ich schrieb nicht gelernt, nicht gespei­chert, weil ich weiß, dass ich wieder­kommen und lesen könnte, was ich notierte. Selt­same Dinge. Ich denke manchmal selt­same Dinge zum zweiten oder dritten Mal. Gerade eben habe ich wahr­ge­nommen, dass es nicht möglich ist, zwei Zeichen zur selben Zeit auf meiner Schreib­ma­schine zu schreiben, immer ist ein Zeichen um Bruch­teile von Sekunden schneller als das andere Zeichen. Wenn ich selt­same Dinge gedacht habe, freue ich mich. Wenn ich mich freue, kann ich nicht bleiben, wo ich bin. Die Freude ist ein Gefühl, das mich in Bewe­gung versetzt. Ich springe auf, wenn ich saß, oder ich springe in die Luft, wenn ich bereits auf meinen Beinen stand. Dann gehe ich ein paar Schritte nach links, dann gehe ich ein paar Schritte nach rechts. Sobald ich gehe, denke ich in einer anderen Art und Weise, als würde ich noch sitzen. – stop

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