robert walser

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marim­ba

~ : oe som
to : louis
sub­ject : KORALLEN
date : jul 31 12 4.37 p.m.

Seit 552 Tagen nun befind­et sich Tauch­er Noe vor Neu­fund­land in 820 Fuß Tiefe von einem eis­er­nen Anzug umfan­gen. Es ist ein Wun­der wie gut sich Noe hält. Jeden Mor­gen, wenn ich unseren Funkraum betrete, lausch ich in die Tiefe, freu mich, wenn ich Noes lesende Stimme oder seinen Atem höre. Während meines Besuch­es vor Kurzem im Mai, habe ich Koral­lengewächse von seinem Gehäuse ent­fer­nt, Sch­neck­en und andere kleine Tiere, die sich dort fest­ge­set­zt hat­ten. Ich beobachtete Noe sehr genau, seinen Blick, seine Augen hin­ter der gepanz­erten Scheibe. Wie er sich doch über meinen Besuch gefreut hat­te, gemein­sam schaukel­ten wir durchs Meer vielle­icht ein­hun­dert Meter eines Weges in ewiger Däm­merung auf und ab. Ich hielt mich fest an seinen Anzug gepresst. Kurz vor mein­er Rück­kehr an die Wasser­ober­fläche fragte ich Noe, ob er noch eine Weile aushal­ten würde, dieser Blick, lieber Louis, dieser Blick. Manch­mal denke ich bei mir, wir soll­ten aufhören, wir soll­ten ihn zurück­holen. Aber immer dann, wenn wir Noe in Bewe­gung set­zen, wenn wir ihn anheben wollen, begin­nt er zu protestieren, ein selt­sames Geräusch, das ich so nie zuvor ver­nom­men habe. Aus dem heuti­gen Tag ist ein äußerst angenehmer Som­mertag gewor­den. Das Meer voll­ständig ohne Bewe­gung. Fliegen­schwärme ste­hen dicht über dem Wass­er. Wir haben keine Vorstel­lung, woher sie kom­men und wohin sie wollen. Noe liest mir san­fter Stimme seit fünf Stun­den aus einem weit­eren Unter­wasser­buch, Robert Walsers Geschicht­en, das wir vor ein­er Woche fer­tig stellen kon­nten: Es gibt Vor­mit­tage in Schus­ter­w­erk­stät­ten, Vor­mit­tage in Straßen und Vor­mit­tage auf den Bergen, und let­ztere mögen so ziem­lich das Schön­ste auf der Welt sein, aber ein Bankhausvor­mit­tag gibt entsch­ieden noch mehr her. – Ahoi! Bis bald ein­mal wieder Dein OE SOM

gesendet am
31.07.2012
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kühle augen

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nord­pol : 6.32 — Gestern am späten Abend wohnte ich via Inter­net ein­er Hin­rich­tung bei. Fünf Män­ner wur­den erschossen und zwar in Alep­po auf offen­er Straße. Es waren Rebellen, die das Feuer auf Gefan­gene eröffneten. Sie riefen: Gott ist groß! Gott ist groß! Als die Per­so­n­en, es sollen Ange­hörige ein­er berüchtigten, mor­den­den und foltern­den, regierungstreuen Miliz gewe­sen sein, längst tot gewe­sen waren, wurde noch immer auf sie geschossen, als wollte man die Kör­p­er vor der Hauswand zu Staub zer­legen, den der Wind mit sich fort tra­gen kön­nte. Rechts neben dem ger­ade erwäh­n­ten Film­doku­ment von zwei Minuten Länge, war die Exis­tenz weit­er­er Filme in Vorschau zu sehen, darunter der Bericht eines nor­damerikanis­chen Fernsehsenders über die chirur­gis­che Rekon­struk­tion eines schw­er ver­let­zten Gesicht­es. Ein Kan­ni­bale hat­te im Staate Louisiana Nase, Mund und Augen eines Mannes ver­speist. Der arme Mann war kurz darauf noch am Leben gewe­sen und wurde nun von zwei Schwest­ern behut­sam über den Flur eines Kranken­haus­es geführt. Auch diesen Film habe ich mit kühlen Augen betra­chtet. Dann war Mit­ter­nacht vorüber und ich spazierte ein wenig durchs Vier­tel. Katzen waren unter­wegs, die mit ihren Schein­wer­fern nach mir leuchteten. Im Park um die Ecke wur­den Feigen und Dat­teln gebrat­en. Ein süss­milder Nebel­duft hing in der Luft. Ich saß eine halbe Stunde auf ein­er Bank und beobachtete Bäume, ob sie vielle­icht nachtwärts arbeit­en, der ein oder andere. – stop

buenos aires

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oli­mam­bo : 6.42 — 6.42 — Ich stelle mir eine Mas­chine vor, die fliegen kann, eine kleine Mas­chine, nicht größer als eine Murmel in Kinder­hand. Zarteste Räd­chen und Schrauben und Gewinde sind in ihrem Innern zu find­en, Bat­te­rien von der Größe eines Bergsch­neck­en­herzens weit­er­hin, sowie eine äußerst fil­igrane Funkan­tenne, ein Lin­se­nauge und Mikro­phone oder Ohren, die in der Nähe des Auges der­art mon­tiert wor­den sind, dass sie in der Lage sein kön­nten, eben genau jene Geräusche aufzuze­ich­nen, die sich vor dem Auge des Flug­we­sens ein­mal abspie­len wer­den. Vielle­icht darf ich ver­rat­en, dass es vornehme Auf­gabe der Mas­chine sein wird, zu schauen und eben zu fliegen. Man fliegt mit­tels Pro­pellern, die sich so schnell bewe­gen, dass kein men­schlich­es Auge sie wahrnehmen kann. Ein helles Sum­men oder Pfeifen ist in der Luft, und ich dachte, man kön­nte sich vielle­icht an Moskitofliegen erin­nert fühlen, sobald sich eine der kleinen Maschi­nen näherte, obgle­ich sie niemals stechen, nur Licht­proben nehmen. Darüber hin­aus gehend stellte ich mir Läden vor, die sich wie Stützpunk­te für Flug­maschi­nen benehmen, Mag­a­zine, die über­all in unser­er Welt existieren wer­den. Für drei oder vier Dol­lar die Stunde kön­nte ich mir von meinem Com­put­er aus ein fliegen­des Auge lei­hen, um an einem schö­nen Som­mer­abend, im Novem­ber zum Beispiel, in Buenos Aires durch die Luft zu spazieren. – stop

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lichtprobe

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himalaya : 3.10 — Ein Minute­nauss­chnitt aus der fürchter­lichen Wirk­lichkeit eines Bürg­erkrieges. Im Film­doku­ment, das ich vor zwei Tagen beobachtet habe, sind in der syrischen Stadt Alep­po Män­ner zu sehen, sehr junge, beina­he kindlich wirk­ende und etwas ältere Män­ner, sie erschießen weit­ere Män­ner, die teil­weise kaum noch bek­lei­det waren und offen­sichtlich von Schlä­gen ver­let­zt. In ein­er Art Rausch, so nehme ich das aus großer Ent­fer­nung wahr, wurde getötet, aufgenom­men von Handykam­eras. Kurz darauf waren diese Hand­lun­gen auf Server­maschi­nen geladen und sind sei­ther von jedem Ort dieser Welt, der über einen Inter­net­zu­gang ver­fügt, für unbes­timmte Zeit abruf­bar. Man kann den einen oder anderen der schießen­den Män­ner für Sekun­den eben­so gut erken­nen wie jene Män­ner, die durch Schüsse getötet wur­den. Hun­derte, wenn nicht tausende dieser Doku­mente liegen vor. Was wird mit diesen Doku­menten geschehen? Wer­den Sie bere­its gesichert? In dieser Minute vielle­icht? Und vom wem und in welch­er Absicht? – stop

stimmen zu st. georg

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echo : 0.28 — Ein Spazier­gang über den alten Münch­n­er Fried­hof St. Georg. Ich stand vor Liesl Karl­stadts Grab, plöt­zlich hörte ich ihre Stimme, die von irgend­wo her aus den Kas­tanien­bäu­men in näch­ster Nähe zu kom­men schien. Orangen­far­bene Blüten, Fuch­sköpfen ähn­lich, lungerten auf dem kleinen Karl­stadthügel. Blaue Füh­lerkäfer het­zten über sandi­gen Boden. Wald­bi­enen, Mooshum­meln, Rau­pen­fliegen, es sir­rte und brummte in allen möglichen Tönen. Auf dem Gedenkstein für Rain­er Wern­er Fass­binder hock­te ein Marienkäfer von Holz, der Schirm eines Fächer­a­horns spendete Schat­ten. Auch an Fass­binders Stimme kon­nte ich mich sofort erin­nern, ohne einen konkreten Satz aus seinem Munde zu vernehmen. Es war ganz so, als wür­den die Stimme in meinem Kopf eine Stimme simulieren. Erich Käst­ner allerd­ings war mir entwed­er abhan­den gekom­men oder ich habe seine Stimme tat­säch­lich noch nie in meinem Leben gehört. Aber den Sedl­mayr, Wal­ter, erin­nerte ich unverzüglich und auch die angenehm warme Stimme Bernd Eichingers, der so plöt­zlich gestor­ben war. Som­mer­fä­den schwebten durch die Luft. Das Rascheln der Eich­hörnchen unterm Efeu. Über mir ein blau­grauer, blitzen­der Him­mel. Es duftete nach Zimt, warum? Irgend­wo in meinem Kopf, ich spürte das genau, muss eine Erin­nerung an die Stimme Oskar Maria Grafs zu find­en sein. Und wenn ich nun noch zwei oder drei Stun­den auf meinem Sofa sitze und lausche in dieser stillen Nacht, wird sie vielle­icht hör­bar wer­den. — stop

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zeit

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india : 0.05 — Saß an einem Som­mertag mit meinem Vater am Ufer eines Sees. Mein Vater trug helle Hosen, ein weißes Hemd, Turn­schuhe und Hosen­träger. Immer wieder erhob er sich, ging über­legend auf und ab, weil ich ihm Fra­gen stellte, viele, schwierige Fra­gen. An eine dieser Fra­gen kann ich mich noch gut erin­nern. Ich wollte wis­sen, ob es grund­sät­zlich möglich sei, die Dauer jenes Momentes math­e­ma­tisch in ein­er Formel darzustellen, in welchem ein Tropfen, der von einem Wasser­spiel gegen den Him­mel gewor­fen wird, in der Luft ver­har­rt, ohne sich weit­er aufwärts oder schon abwärts zu bewe­gen, also ohne Schwere ist. Lei­der kann ich mich an die Antwort meines Vaters nicht erin­nern, aber an eine Geschichte, die mein Vater an genau jen­em Tag der Wassertropfen erzählte. Diese Geschichte han­delte von mir selb­st. Sie soll sich ereignet haben, als ich noch sehr jung und klein gewe­sen war. Ich werde sie mor­gen erzählen, weil sich ger­ade ein großar­tiges Gewit­ter ereignet. — stop

engelware

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nord­pol : 6.50 — Fan­gen wir noch ein­mal von vorne an. stop. Jen­er warme Som­mertag. stop. Mein Vater trägt helle Hosen, ein weißes Hemd, Turn­schuhe, Hosen­träger. Immer wieder erhebt er sich, geht über­legend auf und ab, weil ich ihm Fra­gen stelle, viele, schwierige Fra­gen. An eine dieser Fra­gen kann ich mich noch gut erin­nern. Ich wollte wis­sen, ob es grund­sät­zlich möglich sei, die Dauer eines Momentes math­e­ma­tisch in ein­er Formel darzustellen, in welchem ein Tropfen, der von einem Wasser­spiel gegen den Him­mel gewor­fen wird, in der Luft ver­har­rt, ohne sich weit­er aufwärts oder schon abwärts zu bewe­gen, also ohne Schwere ist. Lei­der kann ich mich an die Antwort meines Vaters nicht erin­nern, aber an eine Geschichte, die mein Vater an genau jen­em Tag der Wassertropfen erzählte. Diese Geschichte han­delte von mir selb­st. Sie soll sich ereignet haben, als ich noch sehr jung und klein gewe­sen war. Ich kon­nte damals schon laufen und sprechen, das wohl, und ich wusste, dass Wei­h­nachts­feste sich wieder­holen, dass zur heili­gen Nacht Geschenke unter einem Baum zu find­en sind, und dass diese Geschenke von Engeln her­beige­bracht wer­den. Der Geschichte meines Vaters zur Folge kauerte ich an einem Dezem­bertag mehrere Stun­den vor einem Fen­ster zum Garten. Schnee war gefall­en und es schneite immer weit­er ohne Unter­brechung. Meine Eltern beobachteten mich genau, sie wun­derten sich, weil ich mich kaum bewegte und weil ich in mein­er Obser­va­tion der Schnee­land­schaft keine Pausen machte. Nach ein­er gewis­sen Zeit kam mein Vater zu mir. Er fragte, was ich da tue, ob ich vielle­icht etwas beson­deres ent­deckt haben würde. Ich antwortete, dass ich auf das Erscheinen eines Engels warten würde. Wie ich denn darauf komme, dass ich ger­ade an diesem Tag oder über­haupt je einen Engel sehen könne, wollte mein Vater wis­sen. Ich erk­lärte, dass ich hörte, jene Geschenke, die bald unter unserem Wei­h­nachts­baum liegen wür­den, sei von Engeln gelieferte Ware, ich könne also sich­er sein, dass Engel den Luftraum vor dem Fen­ster zum Wohnz­im­mer in Stun­den­zeit passieren wür­den, ich müsste nur lange genug warten, um die Erschei­n­ung eines oder mehrerer Engel beobacht­en zu kön­nen. Eine Weile, erzählte mein Vater, habe er sich dann neben mich geset­zt, zwei geduldige Beobachter des Schnees, Schul­ter an Schul­ter. — stop

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mumbai

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MELDUNG. Mum­bai, Road Num­ber One, 16. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 618 [ Mar­mor, Car­rara : 5.08 Gramm ] vol­len­det. — stop

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nachtfalter

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alpha : 0.25 — Kurz nach Mit­ter­nacht stürzte ein Fal­ter auf meinen Schreibtisch. Ich hat­te die Fen­ster geöffnet, küh­le und doch würzige, feuchte Luft von draußen und eben der Fal­ter, der plöt­zlich vor mir auf dem Rück­en lag und sich nicht mehr rührte, als wäre er während seines Nacht­fluges tief und fest eingeschlafen. Und da war nun eine selt­same Frage. Wie wecke ich einen schlafend­en Fal­ter, ohne ihn in Angst und Schreck­en zu ver­set­zen? Ich kön­nte mit meinem Atem etwas Wind erzeu­gen oder aber ich kön­nte nach einem feinen Pin­sel suchen. Ich kön­nte ander­er­seits so tun, als wäre der Fal­ter nicht wirk­lich. Ich muss das nicht sofort entschei­den. stop. Cole­man Hawkins Quin­tet South. — stop

shakespears garden

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lima

~ : mal­colm
to : louis
sub­ject : BALCONY
date : aug 11 12 10.08 p.m.

Seit Tagen bere­its sehen wir Frankie in ständi­ger Bewe­gung. Das Eich­hörnchen scheint zu ein­er Per­sön­lichkeit gewor­den zu sein, die ohne jeden Schlaf auszukom­men ver­mag. Wir haben das so nicht erwartet. In den ver­gan­genen Tagen und Nächt­en wan­derte Frankie 180 Meilen durch den Cen­tral Park. Wir dacht­en zunächst, dass Frankie’s Unruhe sich ent­fal­tet haben kön­nte, weil es reg­nete. Aber Frankie läuft noch immer und es hat schon lange aufge­hört. Der Him­mel an diesem Abend ist wolk­len­los. Wir befind­en uns nahe der Base­ballfelder Höhe 61. Straße. Es ist denkbar, dass es gle­ich rauf bis zur 68. Straße gehen wird ohne Pause, eine Frage der Zeit bis wir aufgeben müssen, weil wir das Ende unser­er Kräfte erre­icht haben wer­den. Entwed­er wir bekom­men bald eine Ablö­sung oder es ist Schluss! Manch­mal fra­gen wir uns, warum das notwendig ist, ein Wesen zu beobacht­en, das über einen Sender ver­fügt, den wir jed­erzeit anpeilen kön­nten, um das Gespenst wiederzufind­en. Nein, es ist nicht immer leicht zu ver­ste­hen, was hier vor sich geht. Gestern, Fre­itag, haben wir von 2 bis 4 Uhr fol­gende Posi­tio­nen hin­ter uns gelassen > Tur­tle Pond : Great Lawn Soft­ball Field : Bridge No 24 : East 96th Street Play­ground : North Mead­ow : Harlem Meer : Glen Span Arch : Seneca Vil­lage Site : Shake­spears Gar­den : Bal­cony Bridge. Ihr Mal­colm — stop / code­wort : lig­urien

emp­fan­gen am
11.08.2012
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mal­colm to louis »

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schimpansen

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ulysses : 2.18 — Im Traum an Vaters Grab. Hat­te von der Ankun­ft des 200 Jahre alte Kreuzes erfahren, das wir Schmieden zur Restau­ra­tion übergeben haben. Als ich mich der Grab­stelle nähere ent­decke ich Mut­ter, die mit zwei wilden Män­nern disku­tiert, sie knien in der Nähe des Grabes auf dem Boden. Bei­de tra­gen schwere Schürzen von Led­er und sind behaart und ihre Ohren glühen und dampfen in der feucht­en Luft. Mut­ter will wis­sen, warum die Schmiede das Kreuz, das sie anliefer­ten, der­art tief in den Boden versenk­ten, dass nur noch seine ver­gold­ete Spitze zu sehen ist. Die Män­ner lachen fröh­lich. Das sei in Afri­ka so üblich, antworten sie, weil wilde Tiere bevorzugt an Kreuzen dieser his­torischen Sorte ihr Fell reiben wür­den, und zwar so lange, bis von dem Kreuz Vaters bald nichts mehr übrig sei. Immer wieder deuten sie in den Baum, der den Grab­hügel über­schat­tet. Die Eiche blüht wie ein Kirschbaum. Schim­pansen sitzen in der Kro­ne und fletschen ihre Zähne. Mut­ter indessen begin­nt das Kreuz mit bloßen Hän­den wieder auszu­graben. — stop

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schrödingers katze

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nord­pol : 5.18 — Wie Sorge nach und nach leise ein Haus betritt, in welchem Men­schen leben, die alt gewor­den sind. Sie erscheint als ein Tier, das nicht sicht­bar ist, fein­stes Gewebe in Bewe­gun­gen der Haus­be­wohn­er, in der Art wie sie miteinan­der sprechen oder wovon sie nicht sprechen. Vater, der an seinem Tisch sitzt im Wohnz­im­mer. Sein leicht geneigter Kopf. Und dieser Blick, sprechen­des Licht. Bin ich nicht vielle­icht viel zu langsam gewor­den? Kann ich noch wirk­lich ver­ste­hen, was ihr mir zu sagen habt? Wer bin ich über­haupt? Bin ich noch der, für den Ihr mich hal­tet? Was erzählt ihr Euch über mich? Habt Ihr Geheimnisse vor mir, die mich betr­e­f­fen? Ich bin so müde, wie kann man nur so müde sein, wie kann man nur immerzu so gerne schlafen. – Die Hand meines Vaters, die nicht mehr schreiben kann, nicht mehr so wie früher schreiben, diese kleinen genau kalkulierten Zeichen auf begren­zter Fläche der Papiere. Und dieser Com­put­er, der macht was er will. Und all diese Büch­er, die noch ein­mal zu lesen sind, über den Urk­nall, solche Büch­er, über Ägypten, über das Leben, Schrödingers Katze. – stop

abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 1001, Luft­fahrt — 755, Auto­mo­bile — 40231], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 6, 19. Jahrhun­dert – 321, 20. Jahrhun­dert – 886 , 21. Jahrhun­dert — 77 ], phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 386, gelöscht : 6 ], Win­ter­fliegen LH77 [ Skelett­teile : 5 ], Öle [ 0.3 Ton­nen ], Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 8, Kniege­lenke – 32, Hüftkugeln – 22, Brillen – 761 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 175, Größen 38 — 45 : 2351 ], Kühlschränke [ 57 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 3, mit Tauch­er – 18 ], Engel­szun­gen [ 5 ] | stop |

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PRÄPARIERSAAL : verwandlung

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alpha : 1.55 — Mein Ton­bandgerät wird vielle­icht bald aufhören zu existieren. Ein Knis­tern ist zu vernehmen, sobald sich die Motoren der Mas­chine in Bewe­gung set­zen. Wenn ich sie schüt­tele, scheint etwas in ihr herumz­u­fall­en, weshalb ich sie in dieser Nacht öff­nen werde, um nachzuse­hen, ob ich etwas tun kann, um ihren Ver­fall aufzuhal­ten. Es ist jet­zt 1 Uhr 32 Minuten. Noch drehen sich die Räder der Mas­chine. Ger­ade eben erzählte Yolande aus Kamerun von ihrer Erfahrung der Ver­wand­lung in der Umge­bung anatomis­ch­er Arbeit : > Ich habe schon am ersten Abend gespürt, dass sich in meinem Leben etwas verän­dern würde. Ich kann mich, wie ich schon sagte, nicht sehr gut an meinen ersten Tag im Prä­pari­er­saal­saal erin­nern. Als ich nachts vor dem Spiegel stand, waren meine Augen gerötet. Das machte mir Sor­gen. Ich kon­nte nicht ein­schlafen und darum bin ich im Zim­mer auf und abge­laufen. Und plöt­zlich hat­te ich ein ganz starkes Gefühl von Lebendig­sein in mir. Ich hat­te das Gefühl, dass diese alltäglichen, kleinen Schwierigkeit­en unter Men­schen, unbe­deu­tend sind. Alles völ­lig unwichtig. Ich habe dann sehr gut geschlafen. — Wenn ich von mein­er Erfahrung des Prä­pari­erkurs­es erzäh­le, reagieren die Men­schen mit respek­tvollem Staunen. Ihre Augen wer­den groß und immer größer, je mehr sie erfahren. Sie meinen sehr häu­fig, dass sie das selb­st niemals aushal­ten wür­den. Dann erzäh­le ich gern von meinen Fre­un­den am Tisch. Ich habe als sehr wertvoll emp­fun­den, in einem Team arbeit­en zu kön­nen. Wir macht­en diesel­ben Erfahrun­gen und hat­ten ein gemein­sames Ziel: das Erler­nen der Struk­turen des men­schlichen Kör­pers. Außer­dem fand ich sehr angenehm mit den Hän­den arbeit­en zu kön­nen, ich kon­nte die Materie anfassen, Muskeln und Ner­ven und Blut­ge­fäße. Wir waren alle weiß gek­lei­det, vielle­icht fühlten wir uns deshalb wie in ein­er anderen Haut. In dem Moment, da ich meinen weißen Kit­tel anzog und meine Hand­schuhe, hat­te ich das Gefühl mich zu ver­wan­deln. Auch dann, wenn ich mir nur aus­malte, wie ich meine Hand­schuhe über­streifte, ver­wan­delte ich mich auf der Stelle. — stop

fingersträußchen

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delta : 6.22 — Über Nacht war alles wieder nachgewach­sen. Meine Hände blüht­en. Ich machte mich auf den Weg süd­wärts durch Man­hat­tan zu den Fähren hin. Am Tre­sen ein­er Schiff­skan­tine wartete bere­its Mr. Mel­rose, über­re­ichte mir einen Bech­er Kakao. Als  er meine blühen­den Hände ent­deck­te, füt­terte er mich höch­st­per­sön­lich mit­tels eines Teelöf­fels. Schenk­te ihm zum Dank einen mein­er Fin­ger, machte mich dann auf meinen täglichen Weg über das Hur­rikanedeck, sprach all die wartenden Pendler­men­schen fre­undlich an, zeigte ihnen meine Hände, die als solche nicht zu erken­nen waren, weil sie Fin­ger­sträußen ähnel­ten. Man muss sich das vorstellen, an jed­er Hand trug ich 20 bis 30 Fin­gerex­em­plare, die meis­ten waren Mit­telfin­ger, Dau­men waren keine darunter. Sobald ich an einem der Fin­ger zog, löste er sich, so dass ich ihn weit­er­re­ichen kon­nte. Für jeden Fin­ger bekam ich 5 Dol­lar. Ich erin­nere mich nicht, je Schmerz emp­fun­den oder geblutet zu haben. Vielmehr emp­fand ich Vergnü­gen, Freude, Lust. – Dieser Traum wurde so oder ähn­lich geträumt kurz vor vier Uhr in der ver­gan­genen Nacht. — stop

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lissabon

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nord­pol : 2.01 — MELDUNG. Infolge nächtlichen Blitzschlags haben zwei prächtige Barsche [ hibiskus­rot : 16 cm : Tansa­nia ] unter 12 jun­gen Suma­tra­bar­ben [ krei­de­ble­ich : 4 cm : Indone­sien ] im städtis­chen Aquar­i­um zu Rabat für immer aufgeräumt. Nahe Liss­abon, beina­he zeit­gle­ich, sind Men­schen [ 15 Per­so­n­en ] von hell­blauer Haut wie aus dem Nichts her­aus an Land gekom­men. Man ist fiebrig, aber fre­undlich wie immer. — stop

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recuerdo

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nord­pol : 2.38 — Eine san­fte Inter­pre­ta­tion des Gedicht­es Recuer­do von Edna St. Vin­cent Mil­lay ent­deckt: Rebec­ca Luk­er und Jeff Blu­menkrantz live at the Zip­per Fac­to­ry ( New York / Hells Kittchen ) 2005, Jahrzehnte zuvor spricht die Urhe­berin des Gedicht­es selb­st. > WE were very tired, we were very merry­ / We had gone back and forth all night on the fer­ry. / It was bare and bright, and smelled like a stable­ / But we looked into a fire, we leaned across a table, / We lay on a hill-top under­neath the moon; / And the whis­tles kept blow­ing, and the dawn came soon. // We were very tired, we were very merry­ / We had gone back and forth all night on the fer­ry; / And you ate an apple, and I ate a pear, / From a dozen of each we had bought some­where; / And the sky went wan, and the wind came cold, / And the sun rose drip­ping, a buck­et­ful of gold. // We were very tired, we were very mer­ry, / We had gone back and forth all night on the fer­ry. / We hailed, “Good mor­row, moth­er!” to a shawl-cov­ered head, / And bought a morn­ing paper, which nei­ther of us read; / And she wept, “God bless you!” for the apples and pears, / And we gave her all our mon­ey but our sub­way fares.- stop / filmquellen: jeff blu­menkrantz & mel­low crick­et — you tube

roman opalka

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lima : 0.05 — Sobald ich mich in mein­er Woh­nung aufhalte, begeg­ne ich mehrfach täglich ein­er Fotografie, die Roman Opal­ka bei der Arbeit zeigt. Manch­mal bleibe ich vor ihr ste­hen und freu mich über das Pro­jekt der Zahlen, dem der Kün­stler bis an sein Lebensende fol­gte. Ich notierte: Eines Tages im Jahre 1965, vielle­icht an einem Sam­stag, vielle­icht an einem Son­ntag, ich kon­nte schon laufen und hat­te gel­ernt, mir die Schuhe zu binden, nahm Roman Opal­ka den kle­in­sten sein­er ver­füg­baren Pin­sel in die rechte Hand und malte mit titan­weißer Farbe das Zeichen 1 auf eine schwarz grundierte Lein­wand­fläche. Bevor er diese erste Zif­fer malte, fotografierte er sich selb­st. Er war ger­ade 34 Jahre alt gewor­den, und als er etwas später seine Arbeit unter­brach, – er hat­te weit­ere Zif­fern, näm­lich eine 2 und eine 3 und eine 4 auf die Lein­wand geset­zt -, fotografierte er sich erneut. Er war nun immer noch 34 Jahr alt, aber doch um Stun­den, um Zif­fern geal­tert. Auch am näch­sten und am übernäch­sten Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr wurde er älter, in dem er Zif­fern malte, die an math­e­ma­tis­ch­er Größe gewan­nen. Wenn eine Lein­wand, ein Detail ( 196 x 135 cm ), zu einem Ende gekom­men war in ein­er let­zten Zeile unten rechts, set­zte er fort auf ein­er weit­eren Lein­wand oben links, die nun eine Licht­spur heller gewor­den war, als die Grundierung des Bildes zuvor. Bald sprach er Zahl für Zahl lau­thals in die Luft, um mit sein­er Stimme auf einem Ton­band die Spur sein­er Zeichen zu doku­men­tieren. – In unser­er Zeit, heute, ja, sagen wir HEUTE, oder nein, sagen, wir mor­gen, ja, sagen wir MORGEN, wird Roman Opal­ka mit weißer Farbe auf weißen Unter­grund malen, Zif­fern, die nur noch sicht­bar sind durch die Erhe­bung des Mate­ri­als auf der Ober­fläche des Details. Der Betra­chter, stelle ich mir vor, muss das Bild von der Seite her betra­cht­en, um die Zeichen in ihren Schat­ten erken­nen zu kön­nen. — Am 6. August 2011 ist der Maler Roman Opal­ka in Rom gestor­ben. Seine let­zte auf eine Lein­wand geset­zte Zif­fer war fol­gende gewe­sen: 5607249. — stop

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samia yusuf omar

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alpha : 0.03 — Nachricht­e­na­gen­turen melde­ten gestern, Mon­tag 20. August 2012, die soma­lis­che Sprint­erin Samia Yusuf Omar sei im Alter von 21 Jahren auf dem Weg nach Lon­don zu olymp­is­chen Spie­len ertrunk­en. Sie reiste auf einem Flüchtlingss­chiff von Libyen aus nord­wärts. Die Havarie des Bootes soll sich im Kanal von Sizilien nahe der Insel Mal­ta bere­its Anfang April ereignet haben. Einzige Vertreterin ihres Heimat­landes während der olymp­is­chen Spiele 2008 in Peking, hat­te sich Samia Yusuf Omar allein auf den gefährlichen Weg nach Europa begeben. — stop

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summenlicht

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himalaya : 3.15 — Über meinem Schreibtisch bren­nt seit ein­er Stunde ein warmes Licht, elek­trisches Feuer, welch­es einem Glaskol­ben entkommt, in dem sich weit­ere kleinere Glaskol­ben befind­en. Diese kleineren, unsicht­baren Glaskol­ben erzeu­gen das eigentliche Licht, das als Sum­men­licht durch das milchige Glas zu mir in den Raum entkommt. Ich dachte ger­ade eben noch, als ich eine Kon­struk­tion­sze­ich­nung mein­er neuesten Leucht­birne betra­chtete, dass sie Licht­beeren enthält, Lichtkirschen genauer. Auf einem weit­eren Zettel war das schöne Wort Lumen verze­ich­net, außer­dem der Hin­weis, ich kön­nte meine Lampe 12000 Male ein und wieder auss­chal­ten, ohne dass mein neues Licht daran zu Grunde gehen würde. Noch viel erstaunlich­er war mir vorgekom­men, dass der Lichtkör­p­er, den ich erwor­ben hat­te, 25 Jahre leucht­en wird. Eine erstaunliche Aus­sage. Sie ist in ein­er Weise verze­ich­net, als wäre ihre Grund­lage Erfahrung. Ich habe mir gedacht, dass man vielle­icht eine Möglichkeit gefun­den haben kön­nte, die Zeit für Unter­suchun­gen des Lichts der­art zu beschle­u­ni­gen, dass aus 25 Men­schen­jahren 2 Lam­p­en­monate wer­den. Ich bekomme das noch nicht voll­ständig in meinen Kopf, ins­beson­dere den Gedanken nicht, dass ich nach mein­er ersten schö­nen Lam­p­en­birne zu mein­er Lebzeit höchst­wahrschein­lich nur noch eine weit­ere Frucht dieser Art für gute Sicht über meinem Schreibtisch erwer­ben werde. — stop

august august

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alpha : 1.02 — Der 23. August. Gewit­terchen plus­tern sich überm Haus. Bin ein unruhig, weil ich mich einem beson­deren Tag nähere. Ich habe für diesen beson­deren Tag in meinem dig­i­tal­en Kalen­der vor beina­he fünf Jahren fol­gen­den Satz ver­merkt: Tru­man kehrt zurück! Noch drei Nächte, dann ist es soweit, Tru­man wird zurück­gekehrt sein und mir vielle­icht auf eine Frage antworten, die ich ihm gestellt hat­te. Ein Par­ti­cle aus dem Som­mer des Jahres 2007 erzählt davon: > Früher Abend. Sehr heiße Luft. Ich wün­sche zu wis­sen, ob Geschöpfe, die über 5 Bein­paare ver­fü­gen, noch als Käfer anzuse­hen sind. Also schreibe ich einem Fre­und eine E-Mail. Kaum habe ich meine Frage notiert, abgeschickt und mich erhoben, um etwas die Beine zu vertreten, kommt mit einem Ping­geräusch seine Antwort: Bin zurück > Son­ntag, 26. August 2012. Haben Sie eine gute Zeit. Tru­man. — Es ist jet­zt beina­he 5 Jahre später. Und wieder die Frage: Habe ich diese Geschichte erfun­den? — stop

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PRÄPARIERSAAL : schlafgänger

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char­lie : 6.54 — Otto Lilien­thal soll als junger Mann ein Schlafgänger gewe­sen sein wie mein Vater. Ich erin­nere mich, dass er ein­mal erzählte, er habe während früher Forschungszeit sein Bett mit einem „leicht­en Mäd­chen“ geteilt. Nachts schlief er auf ihrem Lager, tags sie auf dem Lager meines Vaters. Eine merk­würdi­ge Vorstel­lung. Sie sind sich, wenn ich mich nicht irre, per­sön­lich nie begeg­net sein, aber ihren Gerüchen, Wärme, einem Kör­per­ab­druck, Haar. — Kurz vor Son­nenauf­gang. Ger­ade eben lese ich einen E-Mail­brief June’s, 22. Sie schildert in lakonis­ch­er Weise ihre Erfahrung eines Prä­pari­er­saales: > Der Tag des ersten Tes­tates: Ner­vosität, Übelkeit, bestanden! Glücks­ge­füh­le, ab nach Hause, schlafen! Jet­zt alles tun außer ler­nen. Oh, es ist schon spät, ver­dammt, was muss ich mor­gen eigentlich machen? Das werd ich in der S-Bahn schon noch her­aus­find­en. Dann der erste Tag des neuen Abschnitts: Arm oder doch der Kopf? Was muss ich eigentlich tun? Ich hätte mir das gestern doch noch anse­hen sollen, meine Assis­tentin wird mir schon helfen, erst mal das Fett abtra­gen, da kann ich nicht viel falsch machen. Was muss ich eigentlich find­en? Ach, das finde ich mor­gen auch noch! Endlich nach Hause! – Der 2. Tag: Was habe ich heute zu unternehmen? Ver­dammt, warum meint mein Assis­tent, dass es nicht gut ist, dass ich diesen kleinen Haut­nerv noch nicht gefun­den habe. Feier­abend! — Der 3. Tag: Nachtar­beit, müde! — Der 4. Tag. Ich bin schon wieder nicht vor­bere­it­et, ich hat­te so viel nachzu­holen, bald ist wieder Tes­tat und ich kann noch nicht ein­mal mein eigenes anatomis­ches Gebi­et erk­lären. – 5. Tag, zwei Tage vor dem zweit­en Tes­tat: Panik! Ich hab über­haupt keine Ahnung. Ich muss noch so viel ler­nen, dass das alles niemals in meinen Kopf gehen wird. Ich habe zwar schon sehr viel gel­ernt, aber ich habe alles, was ich lernte, schon wieder vergessen. — 6. Tag, let­zter Tag vor dem Tes­tat: Ich glaube, mein Prä­pari­erge­bi­et kann ich jet­zt inwendig und auswendig, aber ich habe keine Ahnung vom Bein! Wenn ich über das Bein gefragt werde, dann falle ich durch! Ich muss noch drin­gend das Bein ler­nen! Nein, das lern ich jet­zt nicht mehr. Mut zur Lücke. Nacht! — stop

tamanrasset

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MELDUNG. Junge Engel, Schule zu St. Nazaire, sind kom­mende Nacht von 2 bis 3 Uhr bei leichter Fliegerei über den Dünen nahe Taman­ras­set anzutr­e­f­fen. Ein­tritt frei. — stop

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elefantenohrtier dx-18

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tan­go : 2.55 — Bei jen­em Wesen, das mir heute Abend auf dem Schreibtisch vor­liegt, han­delt es sich zunächst um das Ohr eines afrikanis­chen Ele­fan­ten, welch­es in mein­er Woh­nung bere­its seit eini­gen Stun­den gegen­wär­tig ist, während ich den dazuge­höri­gen Ele­fan­ten eben­so dauer­haft nicht zu find­en ver­mag. An jen­er Stelle des Ohres, die üblicher­weise ein Ele­fan­tenkör­p­er ein­nehmen würde, ist stattdessen eine Krea­tur anzutr­e­f­fen, nicht größer als ein Zwerg­bären­ma­ki von 30 Gramm Gewicht, riesige gelbe Augen, aber kein Schwanz, keine Füße, keine Beine, keine Hände, keine Arme. Das Wesen lebt. Man kann es füt­tern. Ich ver­mute, es wird an diesem Abend vielle­icht erkäl­tet sein, weil sein Atem pfeift. Ich habe vor weni­gen Minuten noch ver­sucht, mein eigenes kleines Ohr in die Nähe des Tor­sos zu bewe­gen, um vielle­icht Herz­schläge vernehmen zu kön­nen. Unverzüglich wurde ich gebis­sen, das Tier fauchte wie ein klein­er Tiger. Sobald ich dage­gen das Ele­fan­tenohr, das über meinem Schreibtisch aus­ge­bre­it­et liegt, mit meinen Hän­den berühre, scheint das Wesen zufrieden zu sein, schnur­rt und maun­zt. Gle­ich­wohl ist ges­tat­tet, das Ohr mit­samt des kleinen Tieres vom Tisch anzuheben, dann baumelt es dicht über dem Boden, was ihm Freude bere­it­et. Ich habe den Ver­dacht, es kön­nte sich bei dieser neuar­ti­gen anatomis­chen Anord­nung ins­ge­samt um eine gut durch­blutete Struk­tur han­deln, die mit Vor­satz hergestellt wurde, damit man sich in kühlen Nächt­en darunter leg­en kann. Ich werde dieser Spur nachge­hen. Man frisst bevorzugt Krabben. Rosa Zapfen­zunge. — stop

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am arm

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romeo : 5.25 — Ich hat­te ein Gebi­et meines linken Unter­armes nah des Ell­bo­gen­ge­lenkes von Haut befre­it. Arbeit­ete mich bis in 1 Zen­time­ter Tiefe voran, ohne das Bewusst­sein zu ver­lieren. Mein Arm lag indessen flach auf dem Tisch. Beobachtete meine rechte Hand wie sie mit­tels ein­er Pinzette Wurzeln fil­igraner Bäume in die Ver­tiefung senk­te. Diese Bäume waren nicht höher als 3 Zen­time­ter, Ahorn war darunter, Buchen, Eichen, Erlen. Spürte, wie sie sich in meinem Kör­p­er voran­tasteten. Ich wachte auf. Es war fünf Uhr in der Früh. Stare, groß wie Ameisen, ein ganz­er Schwarm, geis­terte durchs Zim­mer. — stop

polaroidlily

lichtpelze

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delta

~ : louis
to : daisy und vio­let hilton
sub­ject : LICHTPELZE

Ich habe Euch, liebe Daisy, liebe Vio­let, fol­gen­des zu bericht­en. Es schneit heute Nacht, weil es schneien muss. Licht­pelze, kaum Wind, sie schaukeln an meinem Fen­ster aus dem Nebel­dunkel kom­mend vor­bei. Ich glaube, ich habe Euch schon erzählt, dass ich mir vor Wochen eine kleine Mas­chine vorgestellt habe, die fliegen kann. Diese vorgestellte Mas­chine ist nun eine tat­säch­lich sehr kleine Mas­chine gewor­den, nicht größer als eine Murmel in Kinder­hand. Zarteste Räd­chen und Schrauben und Gewinde sind in ihrem Innern zu find­en, Bat­te­rien von der Größe eines Bergsch­neck­en­herzens weit­er­hin, sowie eine äußerst fil­igrane Funkan­tenne, ein Lin­se­nauge und Mikro­phone oder Ohren, die in der Nähe des Auges der­art mon­tiert wor­den sind, dass sie in der Lage sein kön­nten, Geräusche aufzuze­ich­nen. In weni­gen Minuten, wenn ich meinen Brief an Euch aufgegeben haben werde, soll­tet Ihr mir zuse­hen, wie ich das Fen­ster öff­nen und mein fliegen­des Auge auf seine erste Reise schick­en werde. Ich habe mir einen Flug süd­wärts vorgenom­men. Zunächst abwärts 24 Stock­w­erke, dann die 72. Straße ost­wärts bis hin zur Lex­ing­ton Avenue, wir wer­den ihr bis zum Ende fol­gen. Am Gramer­cy Park biegen wir in Rich­tung Third Avenue ab, spazieren schwebend weit­er, nehmen die Bow­ery, Saint James Place und kurz darauf die Brook­lyn Bridge. Einige Stun­den wer­den sich­er verge­hen, ehe wir nach 15 Meilen Brighton Beach erre­icht haben wer­den, ein Aben­teuer. Welche Höhe wird eine geeignete Reise­höhe sein? Was wer­den die Vögel auf der großen Brücke unternehmen, sobald sie uns erken­nen? Ich habe meine Fern­s­teuerung bere­its in der Hand. Es ist jet­zt 7 Uhr und 55 Minuten. Ich fliege durch eine von Schnee und dichtem Nebel fast unsicht­bare Stadt. – Ahoi! Euer Louis

gesendet am
29.08.2012
2.01 MESZ
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louis to daisy and vio­let »

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von den ohrenvögeln

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marim­ba : 18.15 — Will eine Bemerkung über Ohren­vögel notieren. Ich ent­deck­te sie gestern während eines Spazier­gangs. Ohren­vögel kom­men ohne Aus­nahme paar­weise vor. Haut von hellem Led­er, Haut, die man als Beobachter oder als Besitzer eines Ohren­vo­gelpärchens wei­thin überblick­en kann, weil sie völ­lig nackt sind, abge­se­hen von ihren Flügeln, dort existieren Fed­ern, so feine Fed­ern, dass man sie, wüsste man es nicht bess­er, für Pelz hal­ten kön­nte, Fed­er­pelze in gelb und rot und blau, kräftige Far­ben, die eige­nar­tig­ste Muster bilden, so indi­vidu­ell wie die Fin­ger­ab­drücke an den Hän­den men­schlich­er Wesen. Ohren­vögel sind von eher klein­er Gestalt, sind etwa so groß wie ein Fin­ger­hut, und ver­fü­gen über Schn­abelat­trap­pen, die den Schnä­beln der Kolib­ris ähn­lich sind. Über­haupt wird man sich als Betra­chter der Ohren­vögel oft an genau diese Gat­tung kle­in­ster Luftwe­sen erin­nert fühlen. Das sehr Beson­dere an ihrer Exis­tenz ist jedoch, dass sie den Kör­pern jen­er Men­schen, die sie bewohnen, eng ver­bun­den sind. Genauer gesagt, wür­den sie ohne diese Verbindung über­haupt nicht existieren, eine blauhäutige Nabelschnur so fein wie ein Faden Zwirn schließt sie an die Ohren der Men­schen an, je ein Vogel links und ein Vogel rechts des Halses. Blut fließt von da nach dort, weswe­gen Ohren­vögel wed­er trinken noch essen, also auch nicht jagen oder sam­meln. Man kön­nte vielle­icht sagen, dass sie nur zum Vergnü­gen leben, zur Zierde und Freude auch jen­er Men­schen, die sie begleit­en. Wenn sie nicht Stunde um Stunde unter den Ohren ihrer Besitzer schaukeln und schlafen, fliegen sie sehr gern in der näheren Umge­bung herum. Weit kom­men sie selb­stver­ständlich nicht, aber weit genug immer­hin, um einan­der begeg­nen zu kön­nen, der eine Vogel zu Besuch auf der Hals­seite des Anderen, man sitzt dann gemein­sam auf ein­er Schul­ter und schaut auf die große Welt hin­aus. Oder man trifft sich heim­lich hoch oben auf dem Kopf des bewohn­ten Men­schen, eine ver­traute Welt, zur gegen­seit­i­gen Pflege und zum Gespräch. Ihre Stim­men sind so hell, dass men­schliche Ohren nicht in der Lage sind, sie zu vernehmen. Nichts weit­er. – stop
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gedankengang

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alpha : 6.38 — Ich gehe ein paar Schritte nach links, dann gehe ich ein paar Schritte nach rechts. Sobald ich gehe, denke ich in ein­er anderen Art und Weise, als würde ich noch sitzen. Ich habe schon viel nachgedacht während ich ging. Und ich habe schon viel vergessen während ich ging. Wenn ich gehe, kom­men die Gedanken aus der Luft und ver­schwinden wieder in die Luft. Wenn ich sitze, kom­men die Gedanken aus meinen Hän­den. Sobald ich ein­mal nicht schreibe, ruhen meine Hände auf den Tas­ten der Schreib­mas­chine und warten. Sie warten darauf, dass eine Stimme in meinem Kopf dik­tiert, was zu schreiben ist. Ich kön­nte vielle­icht sagen, dass meine Hände darauf warten, mein Gedächt­nis zu ent­las­ten. Was ich mit meinen Hän­den in die Tas­tatur der Mas­chine schreibe, habe ich gedacht, aber ich habe, was ich schrieb nicht gel­ernt, nicht gespe­ichert, weil ich weiß, dass ich wiederkom­men und lesen kön­nte, was ich notierte. Selt­same Dinge. Ich denke manch­mal selt­same Dinge zum zweit­en oder drit­ten Mal. Ger­ade eben habe ich wahrgenom­men, dass es nicht möglich ist, zwei Zeichen zur sel­ben Zeit auf mein­er Schreib­mas­chine zu schreiben, immer ist ein Zeichen um Bruchteile von Sekun­den schneller als das andere Zeichen. Wenn ich selt­same Dinge gedacht habe, freue ich mich. Wenn ich mich freue, kann ich nicht bleiben, wo ich bin. Die Freude ist ein Gefühl, das mich in Bewe­gung ver­set­zt. Ich springe auf, wenn ich saß, oder ich springe in die Luft, wenn ich bere­its auf meinen Beinen stand. Dann gehe ich ein paar Schritte nach links, dann gehe ich ein paar Schritte nach rechts. Sobald ich gehe, denke ich in ein­er anderen Art und Weise, als würde ich noch sitzen. — stop

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