rom : im museum

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delta : 10.01 – Durch Hallen, Zimmer, Flure, Säle der vati­ka­ni­schen Museen bewegen sich Menschen mit Vorsatz. Eine Versamm­lung von Menschen­gruppen genauer, die sich zwischen einem Eingang und einem Ausgang in gemein­samer Rich­tung entlang einer Linie bewegen, die sich schlän­gelt, die kurvt, die sich faltet. Köpfe, tausende Köpfe vor groß­ar­tiger Malerei, Säle mit Tier­skulp­turen, Menschen­skulp­turen, Säulen­skulp­turen. Über der sich langsam bewe­genden Menge zittern an Schirmen, Takt­stö­cken, Zeigern Wimpel aller Art, dort genau befinden sich männ­liche oder weib­liche Führer, die spre­chen, eine Art beru­hi­gendes Spre­chen, eine Bändi­gung der Besu­cher­gruppen, die wie durch­blu­tete Schiffe über einen Hafen zu lotsen sind. Man kann selt­same Dinge vernehmen, sobald man sich einer der Gruppen nähert und lauscht. Die Führer spre­chen leise in ihre Mikro­phone: Schauen Sie dorthin, sehen Sie sich das an, Augen, drei­tau­send Jahre alte Augen, sehr selten. Und jetzt gehen wir weiter! In der Sixti­ni­schen Kapelle nur wenige Minuten später exis­tieren männ­liche Personen, die für Geräusch­lo­sig­keit unter den stau­nenden müden Menschen sorgen. Sie tragen kleine Mikro­phone in der Nähe ihres Mundes, sie sagen folgendes: Psssst! Oder sie sagen: Silence, please! – stop
ping

rom : winde

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sierra : 8.52 – Leichter Luftzug von Süden, schwere Hitze. Spazierte im Colos­seum, präch­tige Ruine, Theater der Grau­sam­keit. Da muss überall noch uralter Knochen­staub im Boden verborgen sein, Mate­rialen vom Tiger, vom Fluss­pferd, von Giraffen, von Menschen. Gestern hatte der öffent­liche Dienst der Stadt gestreikt, auch die Funk­tio­näre der Arena, weswegen an diesem Tag tausende Besu­cher zusätz­lich Zutritt wünschen. Eine lange Reihe Wartender, hunderte Meter weit in der Sonne tief unten auf der Straße. Robo­ter­ma­schinen der Stra­ßen­rei­ni­gung dösen im Schatten der Pinien. Gladia­to­ren­imi­ta­toren stehen zur Foto­grafie bereit. Pfer­de­hufe klap­pern die Via di San Gregorio auf und ab. Über das Forum Romanum gleich gegen­über fegt ein Wind, der sich genau auf diesen histo­risch bedeu­tenden Bezirk zu beschränken scheint, es ist ein grabender, wirbelnder Wind, Sand­türme kreisen zwischen Mauer­resten, Stäube, die über das Meer geflogen kommen, von Afrika her, schmir­geln am alten Europa, verfangen sich in den Seiden­tü­chern der Händler, die tatsäch­lich flie­gende Händler sein könnten, weil sie viele und sich derart ähnlich sind, dass sie physi­ka­li­schen Gesetzen wider­ste­hend überall zur glei­chen Zeit erscheinen. Abends sitzt dann ein Mann wie aus heiterem Himmel mit einem Protest­tuch auf der Kuppel des Peters­doms. Unter­halb der Laterne, in über einhun­dert Meter Höhe, scheint er sich fest­ge­zurrt zu haben. Auf dem Platz bleibt er indessen von den Flaneuren unbe­merkt. Er scheint viel zu klein zu sein, zu weit entfernt er selbst und auch das Tuch, auf das er irgend­etwas notierte. Ein zitterndes Licht ist immer wieder zu sehen, eine Art Finger. Keine Morse­zei­chen. – stop

rom : katzen

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tango : 16.08 – In dem ich durch die Stadt spaziere in feuchter Luft, die Vorstel­lung schwit­zender Fliegen, Fliegen, die sich schüt­teln wie nasse Hunde, die aus irgend­einem Gewässer steigen. Seit drei Tagen streife ich den Fluss entlang, sitze und warte, dass eine der berühmten doppel­köp­figen Tiber­katzen vor meinen Augen erscheinen möge. Das Schiff, auf dem ihre Art herge­stellt worden sein soll vor wenigen Jahren, liegt noch fest vertäut nahe der Ponte Sisto, ein Schiff ohne Leben, da und dort ist es bereits rostig geworden. Über dem Achter­deck schwingt eine Glüh­birne in ihrer Fassung an einem Kabel auf und ab. Habe mehr­fach versucht, das Schiff zu errei­chen. Es ist vergeb­liche Mühe, kein Weg führt hinunter auf den letzten Absatz vor dem Fluss. Sobald ich eine Treppe betrete, die zum Schiff führen soll, komme ich an einer anderen Stelle als gewünscht wieder heraus. Auch über die Wege, die unmit­telbar das Ufer begleiten, ist das Schiff nicht zu errei­chen, man geht und geht und kommt doch niemals an. Aber ich kann das Schiff betrachten von der gegen­über­lie­genden Seite des Flusses aus. Ein grauer, wuch­tiger Körper, Karpern­bü­sche haben sind an der Reling zur Sonne hin fest­ge­setzt. Hier soll er gelebt haben, der Erfinder der Tiber­katzen. Man wollte ihn verhaften, man wollte dem Mann, der in den Blau­pausen der Schöp­fung eigene Wünsche verzeich­nete, Einhalt gebieten. Nun ist er spurlos verschwunden, aber seine Katzen­wesen sollen noch exis­tieren in der alten Stadt. Ich trage frischen Fisch in meiner Tasche. Manchmal halte ich an. Ich setzte mich ans Ufer, lasse meine Beine über dem braunen Wasser baumeln, lege einen Fisch neben mich ab und warte. Die Steine sind warm. – stop
ping

rom : bälle

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victor : 17.16 – Nah der Isola Tibe­rina befindet sich eine von Menschen­hand gefer­tigte Schwelle im Tiber­bett, die den langsam dahin reisenden Fluss zu einem reißenden Strom werden lässt. Das braungrüne Wasser ist hell geworden, blau und frisch von der einge­fan­genen Luft. Flaschen, Bälle, Hölzer werden zu Spiel­zeugen der stru­delnden Walze, die sie fängt, die sie mit sich in die Tiefe nimmt, um sie kurz darauf wieder frei­zu­lassen für Sekunden. Wenn man dort sitzt und wartet, kann man sich kaum satt sehen an jener lebens­lus­tigen Ordnung des Zufalls. Junge Menschen kauern am Ufer, schauen zu, zählen Bälle, Farben, Formen, spähen fluss­auf­wärts, ob weitere Gegen­stände sich nähern, um vom Wasser bear­beitet zu werden, bis sie sich irgend­wann einmal aufge­löst haben werden oder so leicht geworden sind, dass ein Wind­stoss sie der Umar­mung des Flusses entziehen kann. Die Wände der Tiber­fas­sung ragen hoch hinter uns auf, zehn oder zwanzig Meter, kaum Geräu­sche mensch­li­chen Lebens dringen bis hierher, Stadt und Fluss scheinen getrennt. Schwere, dunkel gefie­derte Seemöwen haben vom Meer hierher gefunden. Ruhig stehen sie am Wasser, blinken mit den Augen als wären sie Foto­ap­pa­rate. Irgendwo in nächster Nähe sollen sich Funda­mente Jahr­tau­sende alter Brücken unter der Wasser­ober­fläche befinden. Wenn man sie einmal zu Gesicht bekommen sollte, müsste der Fluss bald verschwunden sein, verdampft wie die Spatzen, deren Spezies ich bald vergessen haben werde, dass sie je exis­tierte. – stop
ping

rom

picping

MELDUNG. Rom, Borgo Vittorio 103, 4. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 756 [ Marmor, Carrara : 6.01 Gramm ] voll­endet. – stop
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rom : nachtlicht

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romeo : 17.52 – Das Geräusch der Grillen auf dem Giani­colo abends. Ich kann sie wieder hören. 82 Meter über dem Meeres­spiegel, unten die Stadt, Tras­te­vere, Gassen wie goldene Adern, Kuppel­hau­ben­lichter. Abend­segler huschen durch Flie­gen­türme, schlagen sich die Mägen voll. Es ist kurz vor zehn Uhr, Verliebte sitzen auf den Mauern vor dem Abgrund, manche rauchen, andere küssen sich. Ein paar Kioske auf Rädern, Jahr­markt­buden, schon im Halb­schlaf am Rande eines bota­ni­schen Gartens, in dem stei­nerne Köpfe wachsen. Es ist nicht sehr hell in Rom am Abend, die Stadt eher spär­lich beleuchtet. Es scheint so zu sein, dass das künst­liche Licht derart sparsam einge­setzt wird, weil das grelle Licht Häusern, Menschen, Tieren zusetzen, sie auflösen könnte, darum ein beschei­denes Licht, nicht weiß, sondern von einer warmen, gelb­li­chen Substanz. Inge­borg Bach­mann war hier gewesen, sie notierte am 18. Februar 1955 in eine ihrer römi­schen Repor­tagen: Sieht man vom Giani­colo auf Rom hinunter, vermerkt man, daß kein Fabrik­schorn­stein das Stadt­bild stört. Rom ist die einzige Haupt­stadt der west­li­chen Welt ohne Indus­trie. Und doch sind in Rom in den letzten Jahren Unter­nehmen entstanden, die eine Groß­macht im Lande bilden. Es ist die Schwarz-Weiß-Indus­trie des Films in der Cinecittà, die sich am Stadt­rand von Rom ausbreitet und heute in der Film­in­dus­trie des Westens nach Holly­wood den zweiten Platz einnimmt. – An diesem Abend ist von dem Hügel aus, auf dem ich stehe, von der Stadt gespei­cherten Lichts nichts zu erkennen. Es ist beinahe dunkel und in diesem Dunkel beleuch­tete Inseln, eine Art Dunkel wie im Kino, jenem Dunkel das Grau­töne enthält, faszi­nie­rend, ein Dunkel, das mittels Lichtes aus der Film­ma­schine kommt. – stop

rom : umberto ecco

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alpha : 22.57 – Der Mann hinter dem Tresen ist ein freund­li­cher Mann, unra­siert, akkurat gebü­geltes weißes Hemd, ein hübsches, junges Gesicht, das an den Wänden auf zahl­rei­chen Foto­gra­fien wieder­zu­finden ist, vermut­lich deshalb, weil man sich mit ihm zeigen wollte, abge­lichtet sein, sagen wir, berühmte Menschen und einfache Menschen, die ich nicht ausein­an­der­halten kann, weil ich die berühmten Menschen der Stadt Rom nicht kenne. Sie lächeln an der Seite des jungen Mannes stehend, manche scheinen viel­leicht betrunken zu sein. Aber einen der foto­gra­fierten Männer habe ich schon einmal gesehen, es handelt sich bei diesem Herrn um Umberto Ecco. Der Schrift­steller zeigt seine Zähne, er lacht in die Kamera. Umberto Ecco scheint an diesem Abend, der einem Stem­pel­auf­druck zufolge drei Jahre zurück­liegt, äußerst gut gelaunt gewesen zu sein. Viel­leicht hatte er gerade einen dieser herr­li­chen Espressos getrunken, wie ich an diesem Morgen. Es war vermut­lich Winter gewesen, Umberto Ecco trägt einen Hut und einen Mantel mit einem Pelz­kragen. Oder es war Sommer und Umberto Ecco hatte sich in der Jahres­zeit vertan. Wieder ist es sehr warm heute. Eine Ambu­lanz rast an der weit­ge­öff­neten Tür des Cafes vorbei, man kann das Geräusch der Sirenen der Not den ganzen Tag über vernehmen. Aber nachts ist es still in dieser Stadt, Rom ist eine Stadt, die schläft wie die Menschen, die sie bewohnen. Es riecht nach warmem Schinken in diesem Moment. Auf dem Display meines Foto­ap­pa­rates sind Säulen zu sehen und Durch­leuch­tungs­ma­schinen und hunderte leere Plas­tik­fla­schen, Substanzen, die man nicht mit in die große, kalte Kirche am Peters­platz nehmen darf, sie könnten explo­dieren. Ich hebe den Foto­ap­parat leicht an und foto­gra­fiere Umberto Ecco, sodass er jetzt zwei­fach im Pelz­kragen exis­tiert. Wenn ich mir nicht vorge­nommen hätte, das Pantheon zu besu­chen, ich würde gern warten, Tage, Wochen, um nach­zu­sehen, ob Umberto Ecco zurück kommen wird. Ich habe bemerkt, dass meine Ohren knis­tern wenn ich Kaffee trinke in Rom. – stop
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rom : synapsen

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marimba : 16.33 – Ich folge einer Wendel­treppe bis ich ein flaches Dach erreiche, sofort steige ich weiter. Plötz­lich befinde ich mich inner­halb der Kuppel des Doms auf einem schmalen Absatz, groß­ar­tiger Ausblick in die Tiefe. Sehr kleine Gestalten da unten vor dem zentralen Altar der Kirche, man meint sich selbst in jeder der Menschen­mi­nia­turen, die sich über den Marmor­boden langsam fort­be­wegen, erkennen zu können. Ein Poli­zist sitzt nur wenige Meter entfernt vor einem Monitor, der ein Bild zeigt, das über ein Tele­ob­jektiv aufge­nommen wird. Es könnte sein, dass der Mann jene Minia­tur­men­schen beob­achtet, die mir so ähnlich sind. Wer ist verdächtig? Wie, frage ich, müsste ich mich verhalten, um in die Andacht dieses Appa­rates genommen zu werden? Kann der Apparat viel­leicht erkennen, ob ich Fieber habe oder nicht? In diesem Moment nimmt mich der Poli­zist tatsäch­lich ins Visier seiner persön­li­chen Augen, weil er bemerkte, dass ich mich für seine Instru­mente inter­es­siere. Weiter aufwärts in der Schale, die die Kuppel formt, immer im Kreis herum eine enge Wendel­treppe, bald geh ich gebückt. Dann der Himmel und Menschen und am Hori­zont das Meer, und die Stadt in der Wärme flim­mernd. Ich erkenne, wenn ich mich ostwärts um die Kuppel­la­terne der Kirche herum­be­wege, die Straße, in welcher sich das Haus befindet, in dem ich wohne. Gewal­tige Pini­en­bäume, Synapsen, weit entfernt in den Gärten der Villa Borghese. Ein Mann hastet über den alten, großen Platz. Das Gespräch der Möwen in der Luft in nächster Nähe. – stop

ping

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marimba : 22.05 – Man wird viel­leicht nicht sofort bemerken, dass man sich in einem Jagd­ge­schehen befindet. Nein, von Jägern ist auf der Piazza Navona zunächst nichts zu sehen und nichts zu hören. Ein zauber­hafter Platz, läng­lich in der Form, drei Brunnen, eine Kirche, und Cafes, eines nach dem anderen, klei­nere Läden, in welchen wir Pasta in allen mögli­chen Formen und Farben entde­cken, Weine, Schinken, Käse. Am Abend fliegen beleuch­tete Propeller durch die Luft. Maler, welche entsetz­liche Bilder produ­zieren, erwarten ameri­ka­ni­sche Kunden, sie sitzen auf Klapp­stühlen im Licht ihrer Glüh­lampen, die sie mittels Batte­rien mit Strom versorgen. Stra­ßen­mu­si­kanten sind da noch mit ihren Bando­neons, Geigen, Kontra­bässen, und Ange­stellte der Müll­ent­sor­gung, Frauen, jüngere Frauen in wein­roten Over­alls, ihre Hände sind gepflegt, ihre Finger­nägel rot lackiert. Aber jetzt, wenn man in Rich­tung jener schwarz­häu­tigen jungen Männer blickt, die vor einem der Brunnen den Versuch unter­nehmen, ihre Arbeit zu verrichten, wird es ernst. Sie haben Hand­ta­schen in allen mögli­chen Formen auf den Boden vor sich abge­stellt, je zwei Reihen, Behälter von Prada, Picard, Chanel, Griffe derart ausge­richtet, dass man sie mit je einer Hand­be­we­gung alle­samt sofort ergreifen und flüchten kann. Eine durchaus typi­sche Geste, sind doch jene armselig wirkenden Händler der Luxus­ta­schen mehr oder weniger flüch­tende Wesen. Kaum haben sie ihre Anord­nung im Flanier­be­zirk mögli­cher Kunden sorg­fäl­tigst aufge­baut, raffen sie ihre Ware wieder zusammen und rasen in eine der Seiten­straßen davon, um nach wenigen Minuten wieder hervor­zu­kommen, wie in einem Spiel, wie aufge­zogen. Am ersten Abend meiner Beob­ach­tungen auf der Piazza Navona, waren nur Flüch­tende zu sehen, nicht aber die Jäger, eine eigen­ar­tige Situa­tion, aber schon am zweiten Abend war eine jagende Gestalt vor meinen Augen in Erschei­nung getreten. Es handelte sich um einen Haupt­mann der Cara­bi­nieri, um einen Herrn präzise mit äußerst aufrechtem Gang. Er trug weiße Streifen an seinen Hosen, und eine Uniform­jacke, tadellos, und eine Mütze, sehr amtlich, er war eine wirk­liche Zierde, ein Staats­mann, wie er so über den Platz schritt, hinter den flüch­tenden afri­ka­ni­schen Männer her, ausdau­ernd, lauernd, ein Ansitz­jäger, möchte ich sagen, einer, der an Stra­ßen­ecken wartet, um die Wieder­kehr der schwarzen Händler zu unter­binden oder um einen von ihnen einzu­fangen und an Ort und Stelle unver­züg­lich zu verspeisen. Stop. Frei­tag­abend. stop. Eine Biene über­quert zur Unzeit den Platz in südliche Rich­tung, als wär sie ein Zugvogel. – stop
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indulin

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charlie : 2.12 – Der Versuch in den vergan­genen Minuten, Farben zu erin­nern, die ich in der Sixti­ni­schen Kapelle vor zwei Wochen noch beob­achtet habe. Es ist merk­würdig, diese Farben, die doch von meinen persön­li­chen Augen aufge­nommen wurden, sind in dieser Nacht nur sehr flüchtig verfügbar. Da ist zunächst ein inten­sives BLAU, ein Wort, wie das Wort BLAU in einer Geschichte der kata­la­ni­schen Schrift­stel­lerin Mercè Rodo­reda, deren Exis­tenz mir wieder in den Sinn gekommen ist: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die weiße Rose, und ganz plötz­lich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber niemand weiß, wie es das macht. Ein Augen­blick der Zerstreut­heit und schon ist sie blau. Dieses Insekt trägt in einem Knie, mit fadigem Spei­chel fest­ge­näht, ein Päck­chen, und in diesem Päck­chen, umgeben von Eiern und von Blau – reinstes Indulin – ist der Ehemann. Dieser Ehemann schläft den ganzen Tag und bebrütet die Eier, die durch ein Loch in das Päck­chen fallen, das in dem Knie ist, woran es fest­ge­näht ist. Wenn die Stunde kommt, kriecht das Insekt der Blume ins Herz, lädt das Päck­chen ab, und die Blume, die weiß war, wird blau von oben bis unten. Sie sagen: – Oh, es ist nämlich so, daß der Ehemann, sobald er sich blumen­um­hüllt sieht, das Päck­chen aufbricht und alles von blauem Saft über­schwemmt wird und die Eier platzen und die Kleinen sofort losfliegen, jedes mit seinem Päck­chen im Knie … einver­standen. Aber das sind bloße Vermu­tungen. Die Wahr­heit ist, daß die Blume in einem Nu blau wird. Wie? Dahinter kommt man nie, und jeder­mann ist ein bißchen durch­ein­ander und verwirrt. – stop

funkstille

2

marimba

~ : malcolm
to : louis
subject : FUNKSTILLE
date : oct 17 12 8.15 p.m.

Ja, warum antworten Sie denn nicht, verdammt, wenn wir ihnen schreiben? Rom. Das ist doch kein Grund, sich nicht zu melden. Kaum auszu­denken, wenn wir das so machen würden wie Sie. Frankie haben wir jeden­falls wieder­ge­funden. Fünf Tage war er nicht zu finden gewesen, kein Signal, kein Frankie im Central Park, wie vom Erdboden verschluckt. Man stelle sich das einmal vor, wir würden Frankie’s Spur verloren haben, wenn es einmal wirk­lich ernst geworden ist. Wir dachten, die Brenn­stoff­zellen seines Senders könnten ausge­fallen sein. Es war an einem Samstag, da war Frankie plötz­lich fort, Höhe 76. Straße. Gerade noch kauerte er neben einer Eiche. Wir waren müde, glaube ich, es war Abend, wir saßen in Sicht­weite auf einer Bank, viel­leicht sind wir kurz einge­schlafen. Natür­lich haben wir sofort die Suche nach Frankie aufge­nommen. Haben jede Unter­füh­rung geprüft und jedes der Abfluss­rohre, die Frankie zum Verhängnis geworden sein könnten. Grau­en­volle Tage, wir irrten ziellos herum. Jedes Eich­hörn­chen, dem wir uns näherten, konnte Frankie gewesen sein. Das war ein Alptraum, ein ganz unge­heuere Sache, wie ähnlich sie sich doch sind. Matt wurde mehr­fach in die Hand gebissen, wir tragen jetzt Leder­hand­schuhe. Und dann kam Frankie zurück. Es war wieder Abend geworden und Frankie tauchte genau dort, wo wir ihn verloren hatten, wieder auf. Langsam kam er auf uns zu, sein Schwanz zitterte, sein fester Körper bebte, er machte den Eindruck, als wollte er uns begrüßen. So nah kam er heran, dass wir ihn berühren konnten. Ich habe mir gedacht, dass Frankie verdammt genau den Eindruck machte, als hätte er nach uns gesucht wie wir nach ihm, und dass er froh gewesen war, uns endlich gefunden zu haben. Das ist schon eine selt­same Geschichte. Gerade sitzt Frankie auf einer Bank neben uns. Er knackt Erdnüsse, die wir im schenkten. Eine Art Bestechung viel­leicht. Der Sender piepst. Alles scheint wieder in Ordnung zu sein. Ihr Malcolm – stop / code­wort : lili­en­thal

empfangen am
18.10.2012
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malcolm to louis »

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leonardo

picping

MELDUNG. Mit dem Nachtzug Leonardo da Vinci [ D57228 ] via Mailand – Zürich – Frank­furt – Hamburg in Kopen­hagen einge­troffen : Sing­zi­kaden auf Achse, ein gutes Dutzend, Gleis 24, Zentral­bahnhof. Man kommt aus Bologna, man spielt sich zur Zeit etwas Wärme unter den Panzer. – stop
polaroidstrandturm

PRÄPARIERSAAL : freihändig

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alpha : 1.45 – Spazier­gang nachts bis 1. Die Luft kalt und klar. Fort­set­zung der Audio­tran­skrip­tion. Matthias erzählt: > Die Geräu­sche des Saals sind nicht leicht zu erin­nern. Ich hatte den Eindruck, dass wir, die lebenden Menschen, nach und nach immer lauter wurden. Manchmal war es so laut, dass ich mich mit meinem Gegen­über am Tisch nicht verstän­digen konnte. Das Geräusch der Pinzetten, die gegen Metall­be­hälter geschlagen wurden, um Gewebe abzu­schüt­teln, ich glaube, das ist das Geräusch, dass ich mit dem Präpa­rier­saal als typisch verbinde. Und die plötz­lich herein­bre­chenden Laut­spre­cher­stimmen, wenn jemand eine Ansprache halten wollte. Ich bin jedes Mal fürch­ter­lich erschro­cken. Ein Erlebnis ist mir beson­ders in Erin­ne­rung geblieben. Das war an einem Tag gewesen, der sehr warm war. Die Sonne brannte durchs Fenster der Apsis. Ich schwitzte wie der Teufel und rich­tete mich immer wieder auf und spazierte herum, weil mir der Rücken schmerzte von der gebückten Haltung vor dem Tisch. Wenn ich meine Runden drehte, hatte ich meis­tens meine Hand­schuhe ausge­zogen. Das war auch jenem Tag so gewesen. Und als ich dann zurück­kehrte und meine Arbeit wieder aufge­nommen hatte, erkun­digte sich eine Kollegin am Tisch, ob ich jetzt immer – frei­händig – präpa­rieren würde. Ich bemerkte, dass ich vergessen hatte meine Hand­schuhe wieder anzu­ziehen. Das war ein Versehen. Ich habe, und das wundert mich wirk­lich, über das Wort – frei­händig – nach­ge­dacht in den folgenden Minuten. Das hörte sich so an, als würde ich in diesem Moment ohne Netz gear­beitet haben. – stop
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avignon

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MELDUNG. Haifü­si­liere, zwei oder drei Schwärme von bedeu­tender Größe, sind in den frühen Morgen­stunden bereits weit über das Rhone­delta hinaus gegen Mittel­eu­ropa vorge­rückt. Man kämpft zur Zeit kurz vor Avignon mit Kano­nen­booten der fran­zö­si­schen Marine. – stop
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leuchtstoffe

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hima­laya : 3.15 – Nehmen wir einmal an, von einem Tag zum anderen Tag würden die Haare der Menschen zu leuchten beginnen, und zwar alle Haare ohne Ausnahme in genau dem Moment, da sie einem mensch­li­chen Kopf verloren gehen auf natür­liche Weise, weil ein Haar unter anderen Haaren in die Jahre gekommen ist, oder weil ein stür­mi­scher Wind nach ihnen greift, oder gar durch Hand­lungen von liebe­voller Leiden­schaft oder von Streit oder Verzweif­lung. Natür­lich, das ist nun beinahe sicher anzu­nehmen, strahlen sie mit eher geringer Kraft, mit einer Leis­tung von einem hundertstel Watt viel­leicht, aber immerhin genau so hell, dass man sie überall in der Dunkel­heit erkennen würde, wie sie sich sammeln, wie sie über Straßen und durch Wohnungen fliegen, wie sie Nester bilden, so dass man sie sammeln könnte und bündeln zu leuch­tenden Sträußen. Über­haupt würde es viel­leicht bald nicht mehr dunkel werden, überall feiner schim­mernder Sand, der nur äußerst zöger­lich verschwinden wird. – stop

mr. blankfeins schweigen

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bamako : 6.45 – In der 37. Minute einer Film­do­ku­men­ta­tion, die von den Struk­turen der Goldman Sachs Bank erzählt, ereig­nete sich etwas sehr Merk­wür­diges. Lloyd Blank­fein, Vorstands­vor­sit­zender genau dieser Bank, wurde in einem Fern­seh­in­ter­view befragt. Ein äußerst scharf­zün­giger Redner mit heller Stimme, erkun­digte sich Mr. Blank­fine zunächst bei dem Mode­rator der Sendung, wie oft er ihn, Blank­fine, im Fern­sehen gesehen habe? Nie! Wissen Sie was. Das war vermut­lich ein Fehler. Wir müssen uns jetzt bemühen, den Leuten zu erklären was wir tun. Sofort spitzte sich die Lage zu. Der Mode­rator der Sendung, der Mr. Blank­fine unmit­telbar gegen­über saß, parierte mittels einer weiteren Frage, die der Banker so nicht erwartet haben mag. Er formu­lierte präzise: Ist es vorge­kommen, dass ihre Invest­ment-Berater einem Kunden Anlagen verkauft haben, gegen die Goldman zur selben Zeit speku­lierte? Nun geschah folgendes: Mr. Blank­fines Augen weiteten sich, er senkte seinen Blick, setzte zu einer Antwort an, ein Geräusch war zu hören, der Teil eines nicht erkenn­baren Wortes, sein Mund stand leicht offen, er schwieg, er schwieg sehr gründ­lich, sieben Sekunden lang, für eine übli­cher­weise sehr schnell spre­chende und denkende Person, die sich unter öffent­li­cher Beob­ach­tung weiß, ein bedeu­tender Zeit­raum. Ich habe diese Sentenz des Gesprä­ches mehr­fach vor und zurück gespielt, da mir Lloyd Blank­fine in jenem Moment eine außer­or­dent­lich authen­ti­sche Persön­lich­keit gewesen zu sein schien. Ein Mensch, der nach einzelnen Wörtern suchte, nach einem ange­mes­senen Gedanken in seinem Kopf, weil sich bislang dort Sätze formu­lierten, die so aufrichtig waren, dass Mr. Blank­fine sie nicht ausspre­chen durfte, um nicht für immer Schaden zu nehmen, er selbst nicht und seine Bank nicht. Ich beob­ach­tete sein Gesicht. Drei­fach war Lidschlag zu erkennen, seine Augäpfel machten den Eindruck, als würden sie wachsen unter dem Druck eines Blickes, der nicht entscheiden konnte, ob er sich nach innen oder nach außen richten sollte, während unge­heuere, vorbe­wusste Rechen­leis­tung entfes­selt war, um viel­leicht doch einen Ausweg zu finden. – stop
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eine hand

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india : 5.02 – Meine Hand am frühen Morgen, wie sie sich bewegt. Immer wieder erstaun­lich. Vor wenigen Stunden noch habe ich von der Vorstel­lung erzählt, einmal in der Art und Weise der Eidechsen einen Finger von mir werfen zu können, schmerz­frei und ohne Furcht in dem Wissen, dass jedes zur Seite gelegte Glied mir bald wieder nach­wachsen wird.  – stop

k.a.i.r.o.

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MELDUNG. Zwei bewaff­nete Beamte [ Soko K.a.i.r.o ] haben vor der Staats­oper zu Buda­pest [ linker Flügel ] einen Ägypter sicher­ge­stellt, einen fili­granen Hammer weiterhin, einen Meißel [ 0.5 Zoll Kanten­länge ], ein Hand­täsch­chen [ türkise ]. Folgende kryp­ti­sche Signa­turen wurden dem Sockel­ge­stein des Gebäudes beigebracht : 55XG32YBZ9811. Auch dieser Ägypter [ Ägypter No 5 der laufenden Woche ], 178 cm, 48 kg, mitt­leres Alter, verwei­gert jede Aussage.
 – stop
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hurricane

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charlie

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : HURRICANE

Es wird Winter, nicht wahr, liebe Daisy, liebe Violet, es wird Winter. Habe Pull­over, Mäntel, Hand­schuhe, Hüte, Schals auf mein Bett gebreitet, alles ist jetzt geprüft, ich bin gerüstet. Nicht viel ist zu erzählen zur Zeit, viel­leicht dass ich gestern am späten Abend die Lektüre eines Romans von Ray Loriga aufge­nommen habe, der von der Erfin­dung Manhat­tans handeln soll, ein ange­nehm leicht­füßig erzählter Text. Während ich las, erin­nerte ich mich an ein Gespräch, das ich mit einem Matrosen der Staten Island Fähren noch im Januar führte. Er berich­tete, wie er mit einem der Schiffe, es war die Andrew J. Barberi gewesen, den Hudson aufwärts fuhr, um das Schiff vor dem Hurrikan Irene in Sicher­heit zu bringen. Es sei eine unheim­liche Reise gewesen, Notbe­leuch­tung an Bord, Möwen waren mit strom­auf­wärts gefahren, unbe­wegt saßen sie auf den Hand­läufen der Reling, hunderte Vögel, als hätten sie das Fliegen verlernt. Ein Lotse, nicht der Kapitän, führte Kommando über das Schiff. Er selbst habe sich zum ersten Mal in seinem Leben land­ein­wärts von der Küste fort­be­wegt. Ich erin­nere mich gern an diesen kleinen Mann, der in Brooklyn groß geworden war. Manchmal trug er eine blin­kende Kopf­be­de­ckung, die den Strah­len­ringen der Frei­heits­statue nach­emp­funden worden war. Heute, an diesem Abend, wird er viel­leicht wieder unter­wegs sein mit seinem Schiff den Hudson aufwärts, es geht nun um Sandy, und es geht um Barack Obama. Ich frage mich, liebe Daisy, liebe Violet, wen, wenn ihr noch in heim­li­chen Wahl­re­gis­tern verzeichnet sein solltet, würdet Ihr wählen? Euer Louis, sehr herz­lich, wünscht eine gute Nacht!

ps. Mr. Salter hat seine Drohung nun wahr gemacht. Im Hof, verpackt in mehrere Kisten, wartet das Eisen­bahn­ab­teil eines Pull­mann­wa­gens darauf ausge­packt, und in meiner Wohnung montiert zu werden. Es ist angeb­lich möglich, dass ich mich in das Abteil setzten und dort arbeiten könnte. Land­schaften, die ich frei wählen kann, sollen an Fens­tern vorüber­ziehen. Stimmen sind zu hören, das ist sicher, Stimmen aus Nach­bar­ab­teilen, die nicht exis­tieren. Und die Bewe­gung eines wirk­li­chen Zuges unter meinen Händen. – stop

gesendet am
28.10.2012
5.16 MEZ
2145 zeichen

louis to daisy and violet »

MELDUNGEN / ENDE

im pullmannwagen

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hima­laya : 6.46 – Seit einigen Stunden sind heftige Arbeits­ge­räu­sche, – Hämmern, Bohren, Sägen -, aus dem kleinen Raum zu vernehmen, der sich neben meinem Arbeits­zimmer befindet, und Männer­stimmen, die scherzen und pfeifen. Ich will das schnell erzählen, es handelt sich um einen Vorgang der Montage, weil zwei Hand­werker damit beschäf­tigt sind, einen Eisen­bahn-reise­wagon, genauer, die Abteil­scheibe eines Zuges, zu verschrauben, die mir gestern Nach­mittag bei äußerst schlechtem Wetter in Einzel­teilen ange­lie­fert worden waren. Ich habe keinen wirk­li­chen Ausblick auf das, was dort im Einzelnen geschieht, aber ich kann das feine Leder der Sitze des alten Pull­mann­wa­gens bereits riechen, den ich mir wünschte, um darin jeder­zeit fahren und arbeiten zu können. Ein groß­ar­tiges Erlebnis soll das sein, Stunde um Stunde im histo­ri­schen Wagon zu sitzen und zu schauen und zu schreiben oder zu schlafen, das rhyth­mi­sche Geräusch der Schwellen, sommer­liche Rhein­land­schaften, die auf Bild­schirm­fens­tern vorüber­ziehen. Die Stimme eines Schaff­ners, der sich nach Fahr­karten erkun­digt, sie kommt näher, der Mann grüsst durch das Fenster der Tür in meine Rich­tung, immer wieder wird er kommen, ohne je das Abteil zu betreten, in dem ich sitze. Kinder tollen auf den Wagon­fluren herum, irgendwo schreit jemand, dass endlich Ruhe sein soll, Tanz­musik vom Nach­bar­ab­teil, Reisende vertreten sich die Beine, zeigen auf Damp­fer­schiffe draußen auf dem Fluss, auch sie sind Bild­schirm­wesen, drei­ßiger Jahre, sehr gut gemacht. Ein Kombü­sen­wä­gel­chen schep­pert vorüber, ein Bahnhof, eine Uhr, es wird dunkel und plötz­lich tief stehende Sonne über den wilden zornigen Bäumen, die geduckt in einer Schnee­land­schaft stehen, bald, in wenigen Minuten, werden wir Oslos Zentral­sta­tion errei­chen. – stop
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