flugpanther

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india : 6.02 – Auf das Grab meines Vaters fallen Früchte eines Baumes, der schon im letzten Jahr an Ort und Stelle gestanden haben muss. Da war vom Grab meines Vaters weit und breit noch nichts zu sehn, aber es war schon die Rede vom ihm, ganz heim­lich, in Gedanken, der Vater könnte sterben. Eich­hörn­chen suchen zwischen Astern­bü­schen nach Eicheln, aufge­regt, der erste Schnee ist gefallen, es ist ein Schnee, der wieder an die Zeit denken lässt, die vergangen ist und noch vergehen wird, weshalb wir traurig werden, weil mein Vater den Schnee des letzten Jahres noch mit seinen Augen sehen konnte und jetzt nicht mehr sieht, ein Schnee ohne ihn, was wiederum ein selt­samer Gedanke ist, weil es einmal einen Schnee ohne uns alle geben wird, und das ein oder andere Grab, auf dem Eich­hörn­chen nach Eicheln suchen oder weiteren Nüssen. Wie sie zittern und beben, die Kälte, aber auch deshalb viel­leicht, weil sie so gespannt sind, so aufmerksam, weil Raben in den Bäumen sitzen, die hungrig sind, flie­gende Panther. Wie schnell man doch sein Leben verlieren kann, kaum hundert Jahre vergehen und schon ist man sehr wahr­schein­lich tot, eine verdammte Sache, das Älter­werden bis man zum Sterben alt geworden ist, wenn man Glück hat, wenn man nicht vor dem Altsein stirbt. Wie mein Vater neben meiner Mutter am Fenster steht. Ein früher Morgen, ein Janu­ar­sonntag. Ich zieh meinen Koffer über den verschneiten Weg, auf dem noch keine Fußspuren zu sehen sind. 10 Stunden später werde ich in Manhattan sein. Mein Vater winkt. Ein Winken, ohne die Bewe­gung des Armes, nur seine Finger winken, sie klappen von oben nach unten, wie damals noch in den Schat­ten­spielen, Kroko­dile, Wölfe, Elefanten, stumm von den Wänden. – stop
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beringer & söhne

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MELDUNG. 78 Kampf­flug­zeuge der Gattungen Me BF und Hurri­cane Mk, – von 16.30 bis 17.30 Uhr MESZ über Farnham [ Hamp­shire : südli­ches England ] sowie Brid­ge­water [ Somerset : südwest­li­ches England ] abge­schossen, – stehen ab sofort bei Beringer & Söhne [ Spiel­halle / Reeper­bahn 8 ] wieder zur Verfü­gung. – stop
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im reservat der trinkerlemure

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hima­laya : 6.46 – Ich hörte, irgendwo auf dieser Welt soll eine Stadt exis­tieren, die über einen beson­deren Park verfügt, eine Natur­land­schaft, in welcher Trinker­le­mure exis­tieren, aber­tau­sende beinahe unsicht­bare Personen. Man kann sich das viel­leicht nicht vorstellen, ohne längere Zeit darüber nach­ge­dacht zu haben. Wälder und Wiesen, ein Fluss, da und dort ein Berg, nicht sehr hoch, Höhlen, Hütten, Schlaf­sackt­rauben, die von mäch­tigen Bäumen baumeln. Man könnte sagen, dass es sich bei diesem Park vermut­lich um ein Hotel oder ein Reservat handeln wird von enormen Ausmaßen, 15 Kilo­meter in der Breite, 20 Kilo­meter in der Länge. Das Areal ist umzäunt. Tore bieten Zugang im Westen, im Norden, im Osten, im Süden. Dort fahren Ambu­lanzen vor oder Kran­ken­wa­gen­busse, um schreck­liche Gestalten auszu­laden, die in den großen Städten der Welt aufge­sam­melt wurden, zerlumpte, eitrige, zitternde Wesen, sie spre­chen oder fluchen in Spra­chen, die wir nur ahnen, wenn wir uns Mühe geben, ihnen zuzu­hören, Englisch ist darunter, Russisch, Chine­sisch, Deutsch, Fran­zö­sisch, Spanisch, und viele weitere Spra­chen mehr. Sie haben meist eine weite Reise hinter sich, aber jetzt sind sie ange­kommen, Endsta­tion Sehn­sucht, Kran­ken­schwes­tern helfen, den letzten Weg zurück­zu­legen durch eines der Tore. Dann sind sie frei. Wir erkennen am Hori­zont eine Stra­ßen­bahn­hal­te­stelle. Sie liegt am Rande eines Waldes. Tatsäch­lich fahren dort ausran­gierte Züge der Stadt Lissabon im Kreis herum, es geht um nichts anderes, als dass man in diesen Zügen sitzen und trinken darf soviel man will. Aus polierten Hähnen strömt Whiskey. An jedem zweiten Baum ist ein Fäss­chen mit Likören oder Gin oder Wodka zu entde­cken. Es riecht sehr fest in dieser Land­schaft, gerade dann, wenn es warm ist, Bienen und Fliegen und Libellen torkeln über wunder­voll blühende Wiesen. Da und dort sitzen heitere Gruppen voll­trun­kener Männer und Frauen in der Idylle, sie erzählen von der Heimat oder von den Deli­rien, die man bereits über­lebt haben will. Manch einer weiss nicht mehr genau, wie sein Name gewesen sein könnte. Andere lehnen an Bäumen, klap­pe­rige Tote, die ungut riechen, arme Hunde. Aber wer noch lebt ist rasend vor Angst oder zufrieden, man kann sich überall hin zur Ruhe legen. In dem Flüss­chen, das ich bereits erwähnte, lagert flaschen­weise kühles Bier, es scheint sogar der Himmel nicht Wasser, sondern Wodka zu regnen, auch die Vögel alle sind betrunken. Aus einem Wald­ge­biet tritt eine zier­liche Frau, sie taumelt. Die Frau trägt einen Hut und ein langes weißes Kleid, so schreitet sie durch das hohe Gras, bückt sich nach den Blüten, es ist in der Zeit der Korn­blumen, dieses zauber­hafte Blau. Manchmal fällt die Frau um, sie ist dann eine Weile nicht zu sehen, aber dann erscheint ihr Hut zunächst und kurz darauf sie selbst. Jetzt steht sie ganz still, schau­kelt ein wenig hin und her, seit Stunden frage ich mich, um wen genau es sich handeln könnte. – stop

 

luftholen

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tango : 3.55 – Aus guten Gründen wieder einen Selbst­ver­such im Atmen oder Nicht­atmen unter­nommen. Ich saß zur Vorsicht auf meinem Sofa, in der linken Hand eine Uhr mit Sekun­den­zeiger, in der rechten Hand ein Blei­stift, mit welchem ich Striche auf ein Blatt Papier zeich­nete, je einen Strich für 60 Sekunden Zeit, ohne Atem geholt zu haben. Von 2 Uhr bis 2 Uhr 30 habe ich mir nun die Berech­ti­gung für 16 Strich­zei­chen dieser Bedeu­tung erar­beitet. Demzu­folge habe ich inner­halb eines Zeit­raumes von 30 Minuten 16 Minuten nicht geatmet, also von Luft­re­serven gelebt. Folgende Erfah­rung: Zu Beginn jeder Atem­pause konnte ich denken, was ich wollte. Aber bereits nach 30 Sekunden willent­li­chen Atem­still­standes wurde aus der Weite ein Flaschen­hals. – Das Wort Luft­holen ist ein faszi­nie­rendes Geräusch. – stop
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karawane

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echo

~ : malcolm
to : louis
subject : KARAWANE
date : nov 6 12 0.30 a.m.

Wir sollten viel­leicht eines der Ratte­nun­ge­tüme fangen, die den Central Park seit der großen Flut bevöl­kern. In Herden lungern sie unter Bäumen im Feuer­laub, unzäh­lige riesige Tiere, pfei­fende Sprache, weithin zu hören, sehr helle Töne. Eine ihrer Kara­wanen bewegte sich vor wenigen Stunden noch Höhe 61. Straße über ein Base­ball­feld, langsam, ein unheim­li­cher Anblick. Vermut­lich deshalb verharrt Frankie in den Kronen der Bäume, aber auch dort haben wir einzelne Ratten­tiere gesichtet. Es ist denkbar, dass sie sich nicht wieder zurück wagen werden in den Unter­grund. In einem Haus an der Lexington Avenue sollen Ratten in Appar­te­ments des 32. Stock­werkes einge­drungen sein. Man stelle sich das einmal vor, man wird diesen Anblick nie wieder vergessen, wo eine Ratte gewesen ist, wird sie fortan immer sein, wenn nicht persön­lich, dann als Möglich­keit, als eine Unruhe der Gedanken, der Träume. Sie steigen in den Fall­rohren aufwärts. – Es ist schon lange dunkel geworden, der 6. November ange­bro­chen. Leichter Regen, obwohl der Himmel wolkenlos scheint. Selt­same Span­nung liegt in der Luft. – Ihr Malcolm / code­wort : syracus

empfangen am
06.11.2012
1785 zeichen

malcolm to louis »

verona

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MELDUNG. Durch Minen­kraft wurden bei Breza 1 Kuh und 1 Baum gefällt, bei Dobrace 1 Hirte. Auf dem Markt­platz zu Konjic deto­nierte 1 Hand­gra­nate russi­scher Herkunft. All das bereits gestern gegen Abend zu. 6 Hunger­künstler euro­päi­scher Herkunft werden hingegen heute, Donnerstag, 8. November, 1 Hunger­künstler afri­ka­ni­scher Herkunft zu sich nehmen. Zeit: 15 Uhr MEZ. Ort : Arena di Verona. Nur für Erwach­sene. Eintritt frei. – stop

ping

schneebiene

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tango : 6.45 – In Tages­licht aus nächster Nähe beob­achtet, handelt es sich bei jener Maschine, die gestern Abend bei leichtem Schnee­fall noch auf der 5th Avenue südwärts durch die Luft reiste, um eine Biene, die auch bei Nacht fliegen kann, weil ihre Augen so künst­lich sind wie ihr gesamter Flug­ap­parat, ihre Wirbel­säule, ihre Beine, ihre Fühler, alles das ist von äußerst leichtem Metall gewirkt, 528 Schräub­chen halten das kompli­zierte Wesen zusammen, das niemals größer sein wird als ein wirk­li­ches, ein aus orga­ni­schen Einzel­teilen herge­stelltes Insekt. Genau genommen ist diese Biene ein sehr kleiner Hubschrauber, wendig, leise, ein Heli­ko­pter, der sich im Kostüm einer Biene befindet, ein spähendes Subjekt, eine Drohne, die man viel­leicht einmal bewaffnen könnte, um sie einzu­setzen für gute oder weniger gute Zwecke. Gestern Abend beob­ach­tete ich nun mit höchstem Inter­esse wie man der kleinen Maschine kurz vor ihrem Start ein weiteres Gewand über­streifte, das an einen hellen Pelz erin­nerte, so dass ich lachen musste, weil ich für einen Moment glaubte, man habe die äußere Beschaf­fen­heit einer Biene mit der Idee eines Eisbären gekreuzt. Kaum aus dem Fenster des Erfin­ders geflogen, war die weiß­ge­fie­derte Biene schon im dichten Schnee­treiben verschwunden. Nun konnten wir glück­lich durch die Augen der Unsicht­baren die Winter­welt betrachten, wir sahen uns selbst in einer Verfol­gung und wir begeg­neten Menschen, riesen­haften Gesich­tern, die feucht waren, Regen­schirmen, dem Licht der Fußgän­ger­am­peln und Dampf­wolken, die aus dem Boden pafften, als wären sie der Atem unsicht­barer, unter dem Asphalt verbor­gener Riesen. stop. Dämme­rung. stop Es ist Freitag. – Guten Morgen!  – stop

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handschuhbäume

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alpha : 6.45 – Im Waren­haus entdecke ich Preise, beispiels­weise den Preis von 1.99 für ein Paar Hand­schuhe, gestrickt. Das fünfte Jahr in Folge ist es gekommen, dass die Preise für Hand­schuhe fallen. Sie scheinen inzwi­schen auf Bäumen zu wachsen wie Bananen. Auch Bananen werden immer billiger. An den Hand­schuh­spitzen, dort wo man einen Zeiger­finger hinein­ste­cken kann, entkommen dem Gewebe Fäden. An dieser Stelle, so nehme ich an, waren sie mit ihrem Baum verbunden, hier wurden sie getrennt vom Wind, der Schwer­kraft oder von Menschen, die kaum etwas verdienen, nur gerade soviel, dass sie nicht verhun­gern oder verdursten, weil man sie noch gebrau­chen könnte in den nächsten Jahren, geübte, gedul­dige Frauen und Männer. Vermut­lich sind Hand­schuh­bäume ganz­jährig blühende Wesen, irgendwo ist immer Winter. Außerdem lassen sich Hand­schuhe gut aufbe­wahren, sie verderben nicht so schnell, man muss sie nicht einmal kühlen, nur gefrä­ßige Tiere vertreiben. Das alles, dass Hand­schuhe von den Bäumen kommen, scheint noch sehr geheim zu sein. Ich habe vor wenigen Minuten versucht mittels der Such­ma­schine Google heraus­zu­finden wo Bäume, wie ich sie mir vorstellte, wachsen und wo man sie ihrer Früchte beraubt. –stop

polaroidstrand5

anton voyls fortgang

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delta

~ : oe som
to : louis
subject : ANTON VOYLS FORTGANG
date : nov 10 12 10.08 p.m.

Es ist gekommen, wie ich es erwartet habe. Noe schweigt. Wir haben ihm George Perecs Roman Anton Voyls Fort­gang in die Tiefe geschickt. Es handelt sich in unserer Versuchs­an­ord­nung um das Unter­was­ser­buch No 282, ein Buch, in dem der Buch­stabe E auf 320 Seiten nicht erscheinen wird. Kurz nachdem Noe seine Lektüre mit fester Stimme aufge­nommen hatte, versuchten wir vorher­zu­sehen, wie lange Zeit Noe lesen würde, ehe er das voll­stän­dige Fehlen eines bedeu­tenden Buch­sta­bens im Text bemerkt haben würde. Er las etwa 10 Minuten, dann hörte er auf, seine Stimme wurde zunächst leiser, er dehnte die Worte, sagte, dass ihm etwas merk­würdig vorkommen würde, er könne noch nicht sagen, was genau ihm merk­würdig erscheine, er müsse nach­denken. Wir sitzen jetzt alle vor den Laut­spre­chern und Bild­schirmen und warten. Im Schein der Lampe, die Noe und das Buch, das er in seinen schweren Händen hält, beleuchtet, sehen wir, dass er sich langsam bewegt. Er scheint im Buch zu blät­tern. Er scheint über­haupt noch immer, nach 656 Tagen in einer Meeres­tiefe von 820 Fuß schwe­bend, ein guter Beob­achter zu sein, obwohl es nichts zu sehen gibt als etwas Dämme­rung, wenn Tag geworden ist, und ein paar Fische, die ihn von Zeit zu Zeit besu­chen. Ich nehme an, Noe wird oft an uns denken. Er hört uns zu, hört was wir spre­chen, auch dann, wenn wir unter uns sind, wenn wir vergessen haben, das Mikro­phon auszu­schalten. An der Art und Weise wie wir atmen, vermag Noe zu unter­scheiden, ob Lin, Eric, Martin, Tom, Lilly oder ich vor dem Mikro­phon Platz genommen haben. Gerade eben beginnt er wieder zu lesen, er scheint an den Anfang des Buches zurück­ge­kehrt zu sein: In Roca­ma­dour gabs Mund­raub sogar am Tag: man fand dort Thun­fisch, Milch und Scho­ko­bon­bons im Kilo­pack. Und wieder schweigt Noe. Es ist später Abend. Samstag. Ein Fracht­schiff, hell beleuchtet, lungert am Hori­zont. Ahoi, lieber Louis. Dein OE SOM

gesendet am
10.11.2012
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oe som to louis »

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zwei kleine köpfe

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echo : 0.15 – Im Traum beob­ach­tete ich mich selbst in einem Präpa­rier­saal, wie ich Haut und Knochen und Muskel­teile aus einem Behälter nahm, um sie wieder zu einem Körper zu fügen, zu einem Zusam­men­hang, der an einen gewe­senen Menschen erin­nern könnte. Ich hörte, wie ich mit mir schimpfte, weil ich nicht nähen konnte, was ich mir wünschte, eine groteske Gestalt mit zwei kleinen Köpfen lag auf dem Tisch, eine Hand, es war die linke, fehlte, und Füße waren über­haupt nicht vorhanden, dafür hatte ich eine Knie­scheibe zuviel. Es war doch ein beun­ru­hi­gender Anblick, ich selbst und dieser kleine Mann, ein Präpa­rator, der sich neben mich setzte. Er betrach­tete meine flinken Hände, manchmal sah ich ihn fragend an. Einmal bemerkte er mit sanfter, gütiger Stimme, ich würde nun schon sehr lange Zeit hier sitzen, zwei­hun­dert Jahre, ich sollte doch endlich einmal schlafen. – stop

valletta

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MELDUNG. Zwei­hun­dert­fünfzig junge Schwarz­kopf­geier aus Maradah [ nörd­li­ches Afrika ] haben sich von 15.00 – 17.00 Uhr MEZ bei Le Sambuc [ Camargue ] an Winter­fla­mingos und wilden Pferden vergangen. Man kreist zur Zeit nacht­wärts über Valletta und Gästen. – stop
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depesche aus neuseeland

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ulysses: 6.58 – Viel­leicht liegt die Foto­grafie, die Rahel vor zwei Tagen im Zug kurz vor dem Flug­hafen mit ihrem Handy von mir machte, gerade eben in Neusee­land auf einem Holz­tisch in der Küche ihres Hauses, dunkel­grüne Weiden, Schafe vor den Fens­tern. Ja, viel­leicht, das ist denkbar. Sicher ist, dass diese Aufnahme tatsäch­lich gemacht wurde, und dass ich auf ihr vermut­lich etwas unruhig wirken könnte, weil ich Rahel so viele Jahre nicht gesehen hatte, wie sie plötz­lich vor mir sitzt, ein Geist sozu­sagen, ich glaubte, sie sei längst gestorben. Man hatte mir erzählt, ein Freund, sie sei tot, das war plau­sibel, so wie Rahel lebte. Von einer Sekunde zur anderen Sekunde war sie in dem Moment der Nach­richt ihres Able­bens nach Jahren voll­kom­mener Abwe­sen­heit, wieder zu einer Anwe­senden geworden, eine Tote nun mit einem Status. Jahre war sie ein Nichts gewesen, weder da noch dort, eine Leere. Und plötz­lich saß sie in meiner Gegen­wart im Zug und nannte mich beim Namen. Sie wunderte sich, sie fragte: Warum siehst Du mich so seltsam an? Ich antwor­tete, dass ich über­rascht sei. Liebe Rahel, sagte ich, ich kann noch nicht glauben, Dich hier zu sehen. Ja, so sprach ich zu ihr hin, ohne mich eigent­lich hören zu können. Leider war kaum Zeit für ein Gespräch gewesen, ehe Rahel aus dem Zug stürmen würde, um das Nacht­flug­zeug nach Singapur noch zu errei­chen. In dieser Zeit, die nur Minuten dauerte, erzählte sie, dass sie damals, vor vielen Jahren, nach Neusee­land gereist und dort geblieben sei. Sie habe Europa beinahe vergessen, sie sei nur deshalb zurück­ge­kommen, weil ihre Mutter gestorben war. Stolz erwähnte sie, dass sie zwei Töchter habe, und ich stelle mir nun vor, wie sie viel­leicht in diesem Moment, da ich meinen Text notiere, jene Foto­grafie gemeinsam betrachten, die auf dem hölzernen Tisch der Küche in Neusee­land liegt, ausge­druckt in schwarzer und weißer Farbe, das Gesicht eines Mannes, der staunt, der im Grunde glaubt, zu träumen. Gestern war dieses Bild zu mir gekommen, durch Luft, sagen wir, Signale. Ich hörte, wie mein Telefon ein Geräusch machte, als die Foto­grafie voll­ständig einge­troffen war. Unter dem Bild war eine kleine Notiz zu finden. Rahel schrieb: Lieber Louis, ich freu mich sehr, Dich gesehen zu haben. Ich glaubte, Du wärest nicht mehr unter uns. Melde mich wieder. r. – stop

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aleppo / gaza stadt / sderot

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nordpol: 6.05 – Die feind­se­lige Weis­heit alter Männer, die den Unfrieden beschirmen, Götter, Moneten, Stolz, Macht. Kinder­ge­nera­tionen in Wohn­häu­sern, in Erdlö­chern, in Bunkern, die Höhlen­zelte bauen. Sie haben, noch ehe sie zu schreiben lernen, Kinder­feinde, die gleich­falls nicht schreiben können, die sie töten wollen. Etwas weiter, drei oder vier Flug­stunden südwärts, exis­tieren kleine Wesen von dunkler Haut, die im Geheimen so leicht geworden sind, dass jeder kräf­tige Wind sie mit sich in die Wüste tragen könnte. Nahe Aleppo das schnee­weiße Gesicht eines Mädchens, das nie wieder schlafen wird. – stop

dos passos’ lesebrille

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delta : 22.01 – In dem Moment, da ich beim Augen­op­tiker meinen Wunsch nach einer Lese­brille vorge­tragen hatte, war ich etwas verlegen gewesen, als ob ich plötz­lich uralt geworden sei und etwas an Bedeu­tung verloren hätte. Ich sagte nun zu dem Mann, der hinter dem Tresen stand: Hören Sie, ich brauche eigent­lich noch keine Brille. Ich sehe, glaube ich, noch sehr gut nah und fern. Aber ich möchte gerne dieses Buch hier lesen. Ich legte John Dos Passos’ Roman Manhattan Transfer auf den Tresen ab, genauer gesagt, Dos Passos’ Roman in der deut­schen Taschen­buch­aus­gabe des Rowohltver­lages, ein Buch, dem sofort anzu­sehen ist, dass man Papier sparen wollte, eine ehren­werte Hand­lung, um Urwälder vor der Vernich­tung zu bewahren, das ist denkbar. Man kann sich das so vorstellen: Die Zeichen, die im Körper des Buches zu finden sind, sind äußerst klein geraten, alle Zeilen liegen dicht zuein­ander und spannen sich tatsäch­lich fast voll­ständig vom linken bis zum rechten Rand der Seite. Es ist ein dicht bedrucktes Buch, eine beinahe dunkle Erschei­nung. Können Sie mir even­tuell mit einer passenden Brille weiter­helfen, fragte ich den Optiker vorsichtig. Wissen Sie, wie ich bereits erwähnte, ich brauche eigent­lich noch keine Brille! Der Optiker nahm also das Buch in die Hand, wog es hin und her, öffnete es, warf einen kurzen Blick auf die erste Seite des Romans und lächelte, ich sollte ihm folgen. Im Magazin, – es war ein sehr großes, erheb­li­ches, ja ein bedeu­tendes Waren­lager -, führte er mich Schub­la­den­wände entlang, die bis unter die Decke reichten, es roch sehr gut, etwas nach Alkohol und etwas nach feinen Motorölen. Nach einer Weile blieb er stehen und deutete auf eine der Schub­laden. Dort stand, gleich­wohl in sehr kleiner Schrift geschrieben: Dos Passos / Manhattan Transfer. Wie er nun die Schub­lade öffnete, lagen dicht an dicht einige sehr schöne Lese­brillen in verschie­denen Farben und Größen und Formen. Über Dos Passos’ Bril­len­schub­lade war ein Fach mit der Beschrif­tung: Samuel Beckett / Gesam­melte Romane zu erkennen. Gleich rechts davon lagerten Ulysses’ Brillen. – stop

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dampfende ohren

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alpha : 6.55 – Ich forsche gern in meinem digi­talen Analy­se­pro­gramm nach Fragen an Such­ma­schinen, die zu meiner Parti­cles­ar­beit führten. Merk­wür­dige, verrückte, poeti­sche Sentenzen sind zu finden. In der vergan­genen Woche zum Beispiel folgende: meine schreib­ma­schine schreibt buch­staben über­ein­ander . kleine rote fliegen in der küche . käfer der auf unserem körper wohnt . lustige geschichten über ohren . ägyp­ti­sches frau­zei­chen mit flügeln . schim­pansen im weltall . schla­fende elefanten . männer mit kleinen köpfen . ist albert sanchez pinol ein mann . louis’ licht­ge­schichte. stop – Über Nacht ist es kalt geworden. An der Stra­ßen­bahn­hal­te­stelle beob­achte ich einen älteren Herrn, aus dessen Ohren Dampf zu treten scheint. Man könnte sagen, es handelt sich um den ersten rauchenden Kopf, den ich in meinem Leben persön­lich gesehen habe. Als ich näher heran trete, erkenne ich, dass sich in den Ohren des damp­fenden Herrn je ein Tier befand. Ich fragte, ob ich viel­leicht einmal genauer betrachten dürfte, was dort in seinen Ohren exis­tiert. Weil der alte Mann nichts hörte, trug ich mein Anliegen in Zeichen­sprache vor. Er schien mich zu verstehen und neigte unver­züg­lich seinen Kopf, so dass ich eine gute Aussicht hatte auf das rechte seiner Ohren. Tatsäch­lich waren dort Augen und Zangen eines Käfers zu erkennen. Als ich mich näherte, zog sich das Wesen ein wenig in die Tiefe des Ohres zurück, das von weißem flau­migen Haar besetzt war, wie von einem kost­baren Pelz. Der dünne Faden des Käfe­ra­tems, den ich kurz zuvor beob­achtet hatte, war nun gut zu sehen, aber ich konnte nicht eindeutig iden­ti­fi­zieren, woher der Atem des Käfers eigent­lich kam, wo der Atem, der in der kalten Luft konden­sierte, den Käfer­körper präzise verließ. Noch ehe ich meine Frage zur Konstruk­tion des Käfers stellen konnte, war der alte Herr in eine Stra­ßen­bahn gestiegen und davon­ge­fahren. – Dienstag. – stop.

schneefliegen

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nordpol : 1.15 – Eine bislang unbe­kannte Flie­gen­gat­tung soll unlängst in den Bergen Tibets entdeckt worden sein. Es handelt sich um Schnee­fliegen, die über einen außer­or­dent­lich feinen Pelz verfügen. Dieser Pelz nun, man würde in ihm zunächst  ein evolu­tio­näres Handicap unter Flug­tieren vermuten, ist trotz seiner Dichte von außer­or­dent­li­cher Leich­tig­keit. Es wird berichtet, dass einige der Schnee­fliegen auf geheimen Wegen nach Europa trans­por­tiert worden sind, wo man sie einge­hend unter­suchte. Sie vermehren sich selbst in gewöhn­li­chen Kühl­schränken bei Licht mit rasender Geschwin­dig­keit. Wovon sie sich ernähren ist bisher nicht bekannt, aber dass man ihnen den Pelz vom Leib reißen kann mit äußerst feinen Werk­zeugen ist sicher. Über die Fabri­ka­tion von Flie­gen­pelz­män­teln wird nun ernst­haft nach­ge­dacht, über Flie­gen­pelz­mützen, Flie­gen­pelz­hand­schuhe und weitere Gegen­stände zur Wärmung mensch­li­cher Exis­tenz. – stop

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brooklyn

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MELDUNG. Brooklyn, 201 Columbia Heights, 7. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 885 [ Marmor, Carrara : 5.08 Gramm ] voll­endet. – stop
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zählmarken No 1 und No 2

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sierra : 16.52 – Bei der Behörde für Wort­ver­wer­tung meldete sich am Telefon eine weib­liche Stimme. Die Stimme sprach so leise, dass ich zunächst glaubte, in mein Tele­fon­gerät hinein­rufen zu müssen, um die Stimme auf der anderen Seite der Leitung errei­chen zu können. Worum es denn gehe, wollte man wissen. Ich antwor­tete, dass es darum gehen würde, dass ich im Moment versuchte zu verstehen, wo genau ich jene kleinen Zähl­pro­gramm­ma­schinen in meine Texte einzu­bauen habe, damit sie von Ihnen, von der Wort-verwer­tungs­be­hörde, mit der ich gerade spreche, wahr­ge­nommen und als gültig bewertet werden könnten. Ein Gespräch entwi­ckelte sich. Das Gespräch dauerte fünf Minuten. Im Verlaufe dieses Gesprä­ches wurde meine Stimme leiser und leiser, die Stimme auf der anderen Seite der Leitung lauter und lauter. Jetzt, da das Gespräch oder die Unter­hal­tung zu einem Ende gekommen ist, meine ich folgendes verstanden zu haben: Wenn ich einen Text notiere, der eine Gedan­ken­be­we­gung nach­voll­zieht, darf diese Gedan­ken­be­we­gung nicht unter­bro­chen sein, also plötz­lich das Thema wech­seln oder den Eindruck vermit­teln, als würde ein Teil der Denk­be­we­gung fehlen, also eine durch Entfer­nung eines Text­ab­schnittes künst­liche Unter­bre­chung erfolgt sein, weswegen es sich nicht mehr um einen Text, also um einen Gedanken handeln würde, sondern um einen zweiten Text, also um einen zweiten Gedanken, der mit ersterem Gedanken in keiner Verbin­dung stehen würde, weshalb dieser zweite Text eine weitere, eine zweite Zähl­pro­gramm­ma­schine in Form eines Codes benö­tigen würde, um als eine Einheit wahr­ge­nommen zu werden. Des Weiteren ist mir deut­lich geworden, dass ein Gedanke nicht bege­leitet sein darf, von weiteren Gedanken, die an etwas anderes denken, während sich der erste Gedanke im Hinter­grund weiter­be­wegt, um anderer Stelle wieder hervor­zu­kommen. Ich habe nun zunächst einen kleinen Knoten im Kopf. Fünf Gramm. – stop

im parc jarry

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MELDUNG. Wie Wölfe im Rudel, lautlos, haben zwölf winter­feste Sumpf­schild­kröten im Parc Jarry zu Mont­real eine Stan­dard­ente bejagt und so rasch unter Wasser gezogen, dass weder Wehr noch Meldung erfolgte. Nichts blieb, als eine wandernde Spur aufstei­gender Luft. – stop
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georges perec

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tango : 22.01 – Folgendes. Immer gegen 8 Uhr in der Früh brechen wir auf, Georges und ich. Wir gehn ein paar Schritte über die Rue de Javel, nehmen die 6er Metro durch den Süden, steigen dann um in Rich­tung Porte Dauphin, fahren mal unter, mal über der Erde im Kreis herum, bis es Abend oder noch später geworden ist. So kann man gut sitzen, zufrieden, durch­ge­schüt­telt, Seite an Seite für viele Stunden, und Menschen betrachten, wie sie herein­kommen, Fahr­gäste, wie sie im Waggon Platz nehmen, wie sie beschaffen sind, davon legen wir Verzeich­nisse an, Georges ein Verzeichnis, und ich ein Verzeichnis. Weil es aber sehr schwer ist, ein Verzeichnis aller Erschei­nungen eines Raumes anzu­legen, der nicht gerade erfunden wird, eines Raumes, der sich fort­be­wegt, der betreten und verlassen wird von Menschen im Minu­ten­takt, das Verzeichnis eines Raumes, dessen Fenster sich von Sekunde zu Sekunde neu bespielen, weil es also unmög­lich ist, das Verzeichnis eines wirk­li­chen Raumes anzu­legen, machen wir das so : in der ersten Stunde des Reise­tages notieren wir ein Verzeichnis der zuge­stie­genen Krawatten, in der zweiten ein Verzeichnis der Schuhe und der Strümpfe, ein Verzeichnis, sagen wir, der Gehwerk­zeuge und ihrer Beklei­dung, dann ein Verzeichnis der Haar­trachten, der Taschen, der Methoden sich im fahrenden Zug einen sicheren Stand zu verschaffen, der Gesprächs­ge­gen­stände, der Art und Weise sich zu küssen, zu streiten, oder aber ein Verzeichnis absei­tiger Gestalten, ein Verzeichnis der Diebe, der Bettler, der Posau­nisten, der Verwirrten ohne Ziel, je ein Verzeichnis der Spra­chen und kleiner Geschichten, die wir aus der allge­meinen Bewe­gung zu isolieren vermögen. Von Zeit zu Zeit, während wir so fahren und notieren, höre ich neben mir ein Lachen. Wenn Georges lacht, hört sich das an, als habe er einen Vogel verschluckt, als lache er nur deshalb, weil er Made­moi­selle Moreau wieder frei­lassen wolle. Dann weiß ich, Georges hat etwas gefunden, das er mir abends in irgend­einem Cafe, wenn wir fertig, wenn Papier und Strom zu Ende sind und unser beider Köpfe so voll, dass sich nichts mehr in ihnen aufbe­wahren lässt, vortragen wird, – „Auf Krawatte gelb, zehn­zwei, lebende Ameise, argen­tisch, kreuz und quer. Der Code­name Servals war Louviers“, sagt Georges und hebt sein Glas. Fünf Gläser Pastis, fünf Gläser Wasser, – dann sind wir wieder leicht geworden, und weil die Luft warm ist, weil Mai ist, nehmen wir den letzen Über­landzug nach Norden oder den 11er nach Süden, dorthin, wo die Feuernelken blühn, und wenn es endlich Morgen geworden ist, steigen wir um, öffnen die Fenster und fahren nach Westen in unserer Wind­ma­schine spazieren. Der Regen schlägt uns ins Gesicht und wir sehen Gewitter aufsteigen und Schwefel vom Himmel kommen und weißes Licht, das die Land­schaft entzündet. So haben wir schon sehr schöne Gedanken über das Feuer gefangen und über das Schlag­zeug in diesem gewal­tigen Raum, der über uns hängt, einem Raum, dessen zentrales Verzeichnis von nicht mensch­li­chen Maßen ist, so dass wir bald nur schweigen und auf entfernte Menschen schauen, auf Szenen im rasenden Vorüber­kommen, auf Filme, die in unseren hin und her hastenden Augen derart kurze Filme sind, dass sie einer Foto­grafie sehr nahe kommen, nicht mehr Film sind und noch nicht ganz unbe­wegt. Es ist ganz so, als würden wir an einer gewal­tigen Aufnahme der Zeit vorüber­kommen, an einer Foto­grafie, deren Gegen­wart wir nicht berühren, weil wir nicht aussteigen können, ohne das Leben zu verlieren, weil wir zu schnell, weil wir in einer anderen Zeit sind. – stop / koffer­text

jennifer 7

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romeo : 6.25 – Gestern am späten Abend erreichte mich eine Email von einer Person namens Jennifer 7. Ich wunderte mich, dass dieses Schreiben nicht sofort in einem Spam­ordner verschwunden war, immerhin kenne ich niemanden, der diesen Namen trägt. Aber ich bin nun doch sehr froh, dass mich der kleine Brief aus der Ferne erreichte. Er war in engli­scher Sprache verfasst, und ich sitze noch immer vor ihm und über­lege was zu tun ist, was ich notieren soll, weil das ist ganz sicher so, dass ich Jennifer 7 antworten sollte, morgen oder über­morgen. Viel­leicht werde ich ihr eine Frage stellen, wo genau sie denn wohnt, in welcher Stadt, in welchem Haus, wie das Haus beschaffen ist, welcher Art Menschen in diesem Haus wohnen Tür an Tür. Jennifer 7 schrieb so: Lieber Mr. Louis, ich bin sehr müde, ich habe über eine ganze Woche lang kaum geschlafen, weil ich in einer Miet­woh­nung lebe im 22 Stock, was noch kein Grund ist nicht zu schlafen, aber ich arbeite nachts in einem Kran­ken­haus und trage sehr viel Verant­wor­tung und muss schlafen am Tag. Neuer­dings kann ich nicht schlafen, weil man mich nicht schlafen lässt. Wenn es den 23. Stock nicht geben würde, dann wäre dort nichts als ein Dach, auf dem ein paar Tauben sitzen würden und ich könnte schlafen, weil Vögel leise, behut­same, kulti­vierte Tiere sind. Nun aber ist das so, dass in den 23. Stock ein Mann und eine Frau einge­zogen sind, Menschen­per­sonen, die sich nicht kümmern um den Lärm, den sie machen. Und so kann ich, das ist der Grund, nicht schlafen. Vorges­tern war ich zum ersten Mal dort oben im 23. Stock, um mich vorzu­stellen. Ich habe mich gefürchtet. Der Mann war nicht zu sehen, dafür aber die Frau, sie stand auf Schuhen, mein Gott waren die wuchtig. Sie sagte, dass ich Pech haben würde, weil sie im Moment nicht arbeite, deshalb würde ich ihre Schritte hören und alles weitere. Pech, sagte die Frau, Pech. Und so kann ich nicht schlafen. Ich hör ihre Schritte. Stünd­lich lassen sie irgend­etwas fallen auf den schönen hölzernen Boden, oder sie schreien sich an, obwohl sie noch jung und frisch verhei­ratet sind. Das ist ein wirk­li­ches Unglück, Mr. Louis, ich bin fast schon verzwei­felt und so habe ich an Sie gedacht, weil Sie doch so schöne Käfer erfinden, die in Ohren wohnen, damit man nichts hören muss. Ob Sie mir wohl helfen, Mr. Louis! – stop

ping

erdbeben

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ulysses : 6.02 – Einen Tag lang habe mit meiner Antwort an Jennifer 7 gewartet. Vor wenigen Stunden folgende kurze Email­notiz: Liebe Jennifer, ich verstehe, dass Sie unruhig geworden sind. Bitte haben sie etwas Geduld, ich weiß um Ihr Leid, ahne, was es bedeutet, wenn man nicht schlafen kann, weil Schritte von Menschen in nächster Nähe über die Decke spazieren. Man glaubt ihre Schatten zu sehen jenseits der Bast­matten, der Steine, der Hölzer. Wenn es einmal still ist, dann wartet man in dieser Stille auf das nächste Geräusch, das den Schlaf zerreißen wird, alles schon da todsi­cher in der Zukunft, all das Getöse, weil man an es denkt, weil es nicht anders sein kann, jede leise Erschüt­te­rung des Bodens eine Erschüt­te­rung der Welt, Erdbeben, Tragödie. Man möchte sich erheben, man möchte sich kämmen, Hemd und Hose sind bereits über­ge­worfen, so tritt man auf den Flur, um sich zur Beschwerde aufwärts zu begeben. Man klopft an eine Tür. Man sieht einen Schatten hinter dem Bull­auge des Spions: BIST DU ALSO DA! Aber niemand öffnet die Tür. Auch nach Minuten des Wartens nicht. Und dann ist man doch noch einge­schlafen, meine liebe Jennifer 7, man schläft vor Erschöp­fung, man schläft mit geöff­neten Augen unter dem Schwa­nen­hals. – Donnerstag. Leichter Regen. Es ist kalt geworden über Nacht. Noch immer habe ich keine Antwort auf die Frage gefunden, weshalb Kiemen­men­schen, sobald sie schlafen oder sich küssen, Kopf nach unten in ihren Wasser­woh­nungen schweben. – stop

polaroidemergency

muscheln

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nordpol : 6.36 – Ich hatte einen lustigen Traum. In diesem Traum saß ich mit einem jungen Mann in einem Cafe. Ich erin­nere mich, dass wir uns über Charlie Parker unter­hielten, während ich beob­ach­tete wie sich die Ohren des jungen Mannes sanft bewegten, so als würden sie über hunderte Muskeln verfügen, Lebe­wesen mit je einer Seele und eigenem Willen sein. Sie entfal­teten sich vor meinen Augen, schirmten aus zur Größe einer Unter­tasse, dann wieder kehrten ihre Muschel­ränder zuein­ander zurück, die Ohren des jungen Mannes wurden zu Knospen, sie sahen jetzt aus als würden sie schlafen. Aber das war noch nicht alles gewesen, was ich träumte. Der junge Mann hatte nämlich seine Ohrmu­scheln bald so dicht zuein­ander gefaltet, dass er sie in seinen Schädel einführen konnten, sie waren nun voll­ständig im Kopf verschwunden. Meine Ohren schlafen, sagte der junge Mann, und lachte. Aber dann wurde er schnell wieder ernst, weil eine seiner Ohrmu­scheln sich verklemmt hatte, während das andere Ohr bereits aus seinem Gehör­gan­g­etui hervor­ge­kommen war. stop. Freitag. stop. Die Luft riecht Schnee. stop. Nichts weiter. – stop

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