flugpanther

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india : 6.02 — Auf das Grab meines Vaters fall­en Früchte eines Baumes, der schon im let­zten Jahr an Ort und Stelle ges­tanden haben muss. Da war vom Grab meines Vaters weit und bre­it noch nichts zu sehn, aber es war schon die Rede vom ihm, ganz heim­lich, in Gedanken, der Vater kön­nte ster­ben. Eich­hörnchen suchen zwis­chen Aster­n­büschen nach Eicheln, aufgeregt, der erste Schnee ist gefall­en, es ist ein Schnee, der wieder an die Zeit denken lässt, die ver­gan­gen ist und noch verge­hen wird, weshalb wir trau­rig wer­den, weil mein Vater den Schnee des let­zten Jahres noch mit seinen Augen sehen kon­nte und jet­zt nicht mehr sieht, ein Schnee ohne ihn, was wiederum ein selt­samer Gedanke ist, weil es ein­mal einen Schnee ohne uns alle geben wird, und das ein oder andere Grab, auf dem Eich­hörnchen nach Eicheln suchen oder weit­eren Nüssen. Wie sie zit­tern und beben, die Kälte, aber auch deshalb vielle­icht, weil sie so ges­pan­nt sind, so aufmerk­sam, weil Raben in den Bäu­men sitzen, die hun­grig sind, fliegende Pan­ther. Wie schnell man doch sein Leben ver­lieren kann, kaum hun­dert Jahre verge­hen und schon ist man sehr wahrschein­lich tot, eine ver­dammte Sache, das Älter­w­er­den bis man zum Ster­ben alt gewor­den ist, wenn man Glück hat, wenn man nicht vor dem Alt­sein stirbt. Wie mein Vater neben mein­er Mut­ter am Fen­ster ste­ht. Ein früher Mor­gen, ein Jan­u­ar­son­ntag. Ich zieh meinen Kof­fer über den ver­schneit­en Weg, auf dem noch keine Fußspuren zu sehen sind. 10 Stun­den später werde ich in Man­hat­tan sein. Mein Vater winkt. Ein Winken, ohne die Bewe­gung des Armes, nur seine Fin­ger winken, sie klap­pen von oben nach unten, wie damals noch in den Schat­ten­spie­len, Krokodile, Wölfe, Ele­fan­ten, stumm von den Wän­den. — stop
ping

beringer & söhne

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MELDUNG. 78 Kampf­flugzeuge der Gat­tun­gen Me BF und Hur­ri­cane Mk, — von 16.30 bis 17.30 Uhr MESZ über Farn­ham [ Hamp­shire : südlich­es Eng­land ] sowie Bridge­wa­ter [ Som­er­set : süd­west­lich­es Eng­land ] abgeschossen, — ste­hen ab sofort bei Beringer & Söhne [ Spiel­halle / Reeper­bahn 8 ] wieder zur Ver­fü­gung. — stop
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im reservat der trinkerlemure

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himalaya : 6.46 — Ich hörte, irgend­wo auf dieser Welt soll eine Stadt existieren, die über einen beson­deren Park ver­fügt, eine Natur­land­schaft, in welch­er Trinker­lemure existieren, aber­tausende beina­he unsicht­bare Per­so­n­en. Man kann sich das vielle­icht nicht vorstellen, ohne län­gere Zeit darüber nachgedacht zu haben. Wälder und Wiesen, ein Fluss, da und dort ein Berg, nicht sehr hoch, Höhlen, Hüt­ten, Schlaf­sack­trauben, die von mächti­gen Bäu­men baumeln. Man kön­nte sagen, dass es sich bei diesem Park ver­mut­lich um ein Hotel oder ein Reser­vat han­deln wird von enor­men Aus­maßen, 15 Kilo­me­ter in der Bre­ite, 20 Kilo­me­ter in der Länge. Das Are­al ist umzäunt. Tore bieten Zugang im West­en, im Nor­den, im Osten, im Süden. Dort fahren Ambu­lanzen vor oder Kranken­wa­gen­busse, um schreck­liche Gestal­ten auszu­laden, die in den großen Städten der Welt aufge­sam­melt wur­den, zer­lumpte, eitrige, zit­ternde Wesen, sie sprechen oder fluchen in Sprachen, die wir nur ahnen, wenn wir uns Mühe geben, ihnen zuzuhören, Englisch ist darunter, Rus­sisch, Chi­ne­sisch, Deutsch, Franzö­sisch, Spanisch, und viele weit­ere Sprachen mehr. Sie haben meist eine weite Reise hin­ter sich, aber jet­zt sind sie angekom­men, End­sta­tion Sehn­sucht, Kranken­schwest­ern helfen, den let­zten Weg zurück­zule­gen durch eines der Tore. Dann sind sie frei. Wir erken­nen am Hor­i­zont eine Straßen­bahn­hal­testelle. Sie liegt am Rande eines Waldes. Tat­säch­lich fahren dort aus­rang­ierte Züge der Stadt Liss­abon im Kreis herum, es geht um nichts anderes, als dass man in diesen Zügen sitzen und trinken darf soviel man will. Aus polierten Häh­nen strömt Whiskey. An jedem zweit­en Baum ist ein Fäss­chen mit Likören oder Gin oder Wod­ka zu ent­deck­en. Es riecht sehr fest in dieser Land­schaft, ger­ade dann, wenn es warm ist, Bienen und Fliegen und Libellen torkeln über wun­der­voll blühende Wiesen. Da und dort sitzen heit­ere Grup­pen voll­trunk­en­er Män­ner und Frauen in der Idylle, sie erzählen von der Heimat oder von den Delirien, die man bere­its über­lebt haben will. Manch ein­er weiss nicht mehr genau, wie sein Name gewe­sen sein kön­nte. Andere lehnen an Bäu­men, klap­perige Tote, die ungut riechen, arme Hunde. Aber wer noch lebt ist rasend vor Angst oder zufrieden, man kann sich über­all hin zur Ruhe leg­en. In dem Flüss­chen, das ich bere­its erwäh­nte, lagert flaschen­weise küh­les Bier, es scheint sog­ar der Him­mel nicht Wass­er, son­dern Wod­ka zu reg­nen, auch die Vögel alle sind betrunk­en. Aus einem Waldge­bi­et tritt eine zier­liche Frau, sie taumelt. Die Frau trägt einen Hut und ein langes weißes Kleid, so schre­it­et sie durch das hohe Gras, bückt sich nach den Blüten, es ist in der Zeit der Korn­blu­men, dieses zauber­hafte Blau. Manch­mal fällt die Frau um, sie ist dann eine Weile nicht zu sehen, aber dann erscheint ihr Hut zunächst und kurz darauf sie selb­st. Jet­zt ste­ht sie ganz still, schaukelt ein wenig hin und her, seit Stun­den frage ich mich, um wen genau es sich han­deln kön­nte. — stop

 

luftholen

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tan­go : 3.55 — Aus guten Grün­den wieder einen Selb­stver­such im Atmen oder Nich­tat­men unter­nom­men. Ich saß zur Vor­sicht auf meinem Sofa, in der linken Hand eine Uhr mit Sekun­den­zeiger, in der recht­en Hand ein Bleis­tift, mit welchem ich Striche auf ein Blatt Papi­er zeich­nete, je einen Strich für 60 Sekun­den Zeit, ohne Atem geholt zu haben. Von 2 Uhr bis 2 Uhr 30 habe ich mir nun die Berech­ti­gung für 16 Strichze­ichen dieser Bedeu­tung erar­beit­et. Demzu­folge habe ich inner­halb eines Zeitraumes von 30 Minuten 16 Minuten nicht geat­met, also von Luftre­ser­ven gelebt. Fol­gende Erfahrung: Zu Beginn jed­er Atem­pause kon­nte ich denken, was ich wollte. Aber bere­its nach 30 Sekun­den wil­lentlichen Atem­still­standes wurde aus der Weite ein Flaschen­hals. — Das Wort Luft­holen ist ein faszinieren­des Geräusch. — stop
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karawane

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echo

~ : mal­colm
to : louis
sub­ject : KARAWANE
date : nov 6 12 0.30 a.m.

Wir soll­ten vielle­icht eines der Rat­te­nungetüme fan­gen, die den Cen­tral Park seit der großen Flut bevölk­ern. In Her­den lungern sie unter Bäu­men im Feuer­laub, unzäh­lige riesige Tiere, pfeifende Sprache, wei­thin zu hören, sehr helle Töne. Eine ihrer Karawa­nen bewegte sich vor weni­gen Stun­den noch Höhe 61. Straße über ein Base­ballfeld, langsam, ein unheim­lich­er Anblick. Ver­mut­lich deshalb ver­har­rt Frankie in den Kro­nen der Bäume, aber auch dort haben wir einzelne Rat­ten­tiere gesichtet. Es ist denkbar, dass sie sich nicht wieder zurück wagen wer­den in den Unter­grund. In einem Haus an der Lex­ing­ton Avenue sollen Rat­ten in Apparte­ments des 32. Stock­w­erkes einge­drun­gen sein. Man stelle sich das ein­mal vor, man wird diesen Anblick nie wieder vergessen, wo eine Rat­te gewe­sen ist, wird sie for­t­an immer sein, wenn nicht per­sön­lich, dann als Möglichkeit, als eine Unruhe der Gedanken, der Träume. Sie steigen in den Fall­rohren aufwärts. — Es ist schon lange dunkel gewor­den, der 6. Novem­ber ange­brochen. Leichter Regen, obwohl der Him­mel wolken­los scheint. Selt­same Span­nung liegt in der Luft. – Ihr Mal­colm / code­wort : syra­cus

emp­fan­gen am
06.11.2012
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mal­colm to louis »

verona

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MELDUNG. Durch Minenkraft wur­den bei Breza 1 Kuh und 1 Baum gefällt, bei Dobrace 1 Hirte. Auf dem Mark­t­platz zu Kon­jic detonierte 1 Hand­granate rus­sis­ch­er Herkun­ft. All das bere­its gestern gegen Abend zu. 6 Hungerkün­stler europäis­ch­er Herkun­ft wer­den hinge­gen heute, Don­ner­stag, 8. Novem­ber, 1 Hungerkün­stler afrikanis­ch­er Herkun­ft zu sich nehmen. Zeit: 15 Uhr MEZ. Ort : Are­na di Verona. Nur für Erwach­sene. Ein­tritt frei. — stop

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schneebiene

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tan­go : 6.45 — In Tages­licht aus näch­ster Nähe beobachtet, han­delt es sich bei jen­er Mas­chine, die gestern Abend bei leichtem Schneefall noch auf der 5th Avenue süd­wärts durch die Luft reiste, um eine Biene, die auch bei Nacht fliegen kann, weil ihre Augen so kün­stlich sind wie ihr gesamter Flu­gap­pa­rat, ihre Wirbel­säule, ihre Beine, ihre Füh­ler, alles das ist von äußerst leichtem Met­all gewirkt, 528 Schräubchen hal­ten das kom­plizierte Wesen zusam­men, das niemals größer sein wird als ein wirk­lich­es, ein aus organ­is­chen Einzel­teilen hergestelltes Insekt. Genau genom­men ist diese Biene ein sehr klein­er Hub­schrauber, wendig, leise, ein Helikopter, der sich im Kostüm ein­er Biene befind­et, ein spähen­des Sub­jekt, eine Drohne, die man vielle­icht ein­mal bewaffnen kön­nte, um sie einzuset­zen für gute oder weniger gute Zwecke. Gestern Abend beobachtete ich nun mit höch­stem Inter­esse wie man der kleinen Mas­chine kurz vor ihrem Start ein weit­eres Gewand über­streifte, das an einen hellen Pelz erin­nerte, so dass ich lachen musste, weil ich für einen Moment glaubte, man habe die äußere Beschaf­fen­heit ein­er Biene mit der Idee eines Eis­bären gekreuzt. Kaum aus dem Fen­ster des Erfind­ers geflo­gen, war die weißge­fiederte Biene schon im dicht­en Schnee­treiben ver­schwun­den. Nun kon­nten wir glück­lich durch die Augen der Unsicht­baren die Win­ter­welt betra­cht­en, wir sahen uns selb­st in ein­er Ver­fol­gung und wir begeg­neten Men­schen, riesen­haften Gesichtern, die feucht waren, Regen­schir­men, dem Licht der Fußgänger­am­peln und Dampf­wolken, die aus dem Boden pafften, als wären sie der Atem unsicht­bar­er, unter dem Asphalt ver­bor­gen­er Riesen. stop. Däm­merung. stop Es ist Fre­itag. — Guten Mor­gen!  — stop

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handschuhbäume

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alpha : 6.45 — Im Waren­haus ent­decke ich Preise, beispiel­sweise den Preis von 1.99 für ein Paar Hand­schuhe, gestrickt. Das fün­fte Jahr in Folge ist es gekom­men, dass die Preise für Hand­schuhe fall­en. Sie scheinen inzwis­chen auf Bäu­men zu wach­sen wie Bana­nen. Auch Bana­nen wer­den immer bil­liger. An den Hand­schuh­spitzen, dort wo man einen Zeigerfin­ger hine­in­steck­en kann, entkom­men dem Gewebe Fäden. An dieser Stelle, so nehme ich an, waren sie mit ihrem Baum ver­bun­den, hier wur­den sie getren­nt vom Wind, der Schw­erkraft oder von Men­schen, die kaum etwas ver­di­enen, nur ger­ade soviel, dass sie nicht ver­hungern oder ver­dursten, weil man sie noch gebrauchen kön­nte in den näch­sten Jahren, geübte, geduldige Frauen und Män­ner. Ver­mut­lich sind Hand­schuh­bäume ganzjährig blühende Wesen, irgend­wo ist immer Win­ter. Außer­dem lassen sich Hand­schuhe gut auf­be­wahren, sie verder­ben nicht so schnell, man muss sie nicht ein­mal kühlen, nur gefräßige Tiere vertreiben. Das alles, dass Hand­schuhe von den Bäu­men kom­men, scheint noch sehr geheim zu sein. Ich habe vor weni­gen Minuten ver­sucht mit­tels der Such­mas­chine Google her­auszufind­en wo Bäume, wie ich sie mir vorstellte, wach­sen und wo man sie ihrer Früchte beraubt. –stop

polaroidstrand5

anton voyls fortgang

2

delta

~ : oe som
to : louis
sub­ject : ANTON VOYLS FORTGANG
date : nov 10 12 10.08 p.m.

Es ist gekom­men, wie ich es erwartet habe. Noe schweigt. Wir haben ihm George Perecs Roman Anton Voyls Fort­gang in die Tiefe geschickt. Es han­delt sich in unser­er Ver­such­sanord­nung um das Unter­wasser­buch No 282, ein Buch, in dem der Buch­stabe E auf 320 Seit­en nicht erscheinen wird. Kurz nach­dem Noe seine Lek­türe mit fes­ter Stimme aufgenom­men hat­te, ver­sucht­en wir vorherzuse­hen, wie lange Zeit Noe lesen würde, ehe er das voll­ständi­ge Fehlen eines bedeu­ten­den Buch­stabens im Text bemerkt haben würde. Er las etwa 10 Minuten, dann hörte er auf, seine Stimme wurde zunächst leis­er, er dehnte die Worte, sagte, dass ihm etwas merk­würdig vorkom­men würde, er könne noch nicht sagen, was genau ihm merk­würdig erscheine, er müsse nach­denken. Wir sitzen jet­zt alle vor den Laut­sprech­ern und Bild­schir­men und warten. Im Schein der Lampe, die Noe und das Buch, das er in seinen schw­eren Hän­den hält, beleuchtet, sehen wir, dass er sich langsam bewegt. Er scheint im Buch zu blät­tern. Er scheint über­haupt noch immer, nach 656 Tagen in ein­er Meer­estiefe von 820 Fuß schwebend, ein guter Beobachter zu sein, obwohl es nichts zu sehen gibt als etwas Däm­merung, wenn Tag gewor­den ist, und ein paar Fis­che, die ihn von Zeit zu Zeit besuchen. Ich nehme an, Noe wird oft an uns denken. Er hört uns zu, hört was wir sprechen, auch dann, wenn wir unter uns sind, wenn wir vergessen haben, das Mikrophon auszuschal­ten. An der Art und Weise wie wir atmen, ver­mag Noe zu unter­schei­den, ob Lin, Eric, Mar­tin, Tom, Lil­ly oder ich vor dem Mikrophon Platz genom­men haben. Ger­ade eben begin­nt er wieder zu lesen, er scheint an den Anfang des Buch­es zurück­gekehrt zu sein: In Roca­madour gabs Mundraub sog­ar am Tag: man fand dort Thun­fisch, Milch und Schokobon­bons im Kilo­pack. Und wieder schweigt Noe. Es ist später Abend. Sam­stag. Ein Frachtschiff, hell beleuchtet, lungert am Hor­i­zont. Ahoi, lieber Louis. Dein OE SOM

gesendet am
10.11.2012
1856 zeichen

oe som to louis »

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zwei kleine köpfe

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echo : 0.15 — Im Traum beobachtete ich mich selb­st in einem Prä­pari­er­saal, wie ich Haut und Knochen und Muskel­teile aus einem Behäl­ter nahm, um sie wieder zu einem Kör­p­er zu fügen, zu einem Zusam­men­hang, der an einen gewe­se­nen Men­schen erin­nern kön­nte. Ich hörte, wie ich mit mir schimpfte, weil ich nicht nähen kon­nte, was ich mir wün­schte, eine groteske Gestalt mit zwei kleinen Köpfen lag auf dem Tisch, eine Hand, es war die linke, fehlte, und Füße waren über­haupt nicht vorhan­den, dafür hat­te ich eine Kni­escheibe zuviel. Es war doch ein beun­ruhi­gen­der Anblick, ich selb­st und dieser kleine Mann, ein Prä­para­tor, der sich neben mich set­zte. Er betra­chtete meine flinken Hände, manch­mal sah ich ihn fra­gend an. Ein­mal bemerk­te er mit san­fter, gütiger Stimme, ich würde nun schon sehr lange Zeit hier sitzen, zwei­hun­dert Jahre, ich sollte doch endlich ein­mal schlafen. — stop

valletta

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MELDUNG. Zwei­hun­dert­fün­fzig junge Schwarzkopfgeier aus Maradah [ nördlich­es Afri­ka ] haben sich von 15.00 – 17.00 Uhr MEZ bei Le Sam­buc [ Camar­gue ] an Win­ter­flamin­gos und wilden Pfer­den ver­gan­gen. Man kreist zur Zeit nachtwärts über Val­let­ta und Gästen. — stop
ping

depesche aus neuseeland

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ulysses: 6.58 — Vielle­icht liegt die Fotografie, die Rahel vor zwei Tagen im Zug kurz vor dem Flughafen mit ihrem Handy von mir machte, ger­ade eben in Neusee­land auf einem Holztisch in der Küche ihres Haus­es, dunkel­grüne Wei­den, Schafe vor den Fen­stern. Ja, vielle­icht, das ist denkbar. Sich­er ist, dass diese Auf­nahme tat­säch­lich gemacht wurde, und dass ich auf ihr ver­mut­lich etwas unruhig wirken kön­nte, weil ich Rahel so viele Jahre nicht gese­hen hat­te, wie sie plöt­zlich vor mir sitzt, ein Geist sozusagen, ich glaubte, sie sei längst gestor­ben. Man hat­te mir erzählt, ein Fre­und, sie sei tot, das war plau­si­bel, so wie Rahel lebte. Von ein­er Sekunde zur anderen Sekunde war sie in dem Moment der Nachricht ihres Ablebens nach Jahren vol­lkommen­er Abwe­sen­heit, wieder zu ein­er Anwe­senden gewor­den, eine Tote nun mit einem Sta­tus. Jahre war sie ein Nichts gewe­sen, wed­er da noch dort, eine Leere. Und plöt­zlich saß sie in mein­er Gegen­wart im Zug und nan­nte mich beim Namen. Sie wun­derte sich, sie fragte: Warum siehst Du mich so selt­sam an? Ich antwortete, dass ich über­rascht sei. Liebe Rahel, sagte ich, ich kann noch nicht glauben, Dich hier zu sehen. Ja, so sprach ich zu ihr hin, ohne mich eigentlich hören zu kön­nen. Lei­der war kaum Zeit für ein Gespräch gewe­sen, ehe Rahel aus dem Zug stür­men würde, um das Nacht­flugzeug nach Sin­ga­pur noch zu erre­ichen. In dieser Zeit, die nur Minuten dauerte, erzählte sie, dass sie damals, vor vie­len Jahren, nach Neusee­land gereist und dort geblieben sei. Sie habe Europa beina­he vergessen, sie sei nur deshalb zurück­gekom­men, weil ihre Mut­ter gestor­ben war. Stolz erwäh­nte sie, dass sie zwei Töchter habe, und ich stelle mir nun vor, wie sie vielle­icht in diesem Moment, da ich meinen Text notiere, jene Fotografie gemein­sam betra­cht­en, die auf dem hölz­er­nen Tisch der Küche in Neusee­land liegt, aus­ge­druckt in schwarz­er und weißer Farbe, das Gesicht eines Mannes, der staunt, der im Grunde glaubt, zu träu­men. Gestern war dieses Bild zu mir gekom­men, durch Luft, sagen wir, Sig­nale. Ich hörte, wie mein Tele­fon ein Geräusch machte, als die Fotografie voll­ständig eingetrof­fen war. Unter dem Bild war eine kleine Notiz zu find­en. Rahel schrieb: Lieber Louis, ich freu mich sehr, Dich gese­hen zu haben. Ich glaubte, Du wärest nicht mehr unter uns. Melde mich wieder. r. — stop

ping

aleppo / gaza stadt / sderot

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nord­pol: 6.05 — Die feind­selige Weisheit alter Män­ner, die den Unfrieden beschir­men, Göt­ter, Mon­eten, Stolz, Macht. Kinder­gen­er­a­tio­nen in Wohn­häusern, in Erdlöch­ern, in Bunkern, die Höh­len­zelte bauen. Sie haben, noch ehe sie zu schreiben ler­nen, Kinder­feinde, die gle­ich­falls nicht schreiben kön­nen, die sie töten wollen. Etwas weit­er, drei oder vier Flugstun­den süd­wärts, existieren kleine Wesen von dun­kler Haut, die im Geheimen so leicht gewor­den sind, dass jed­er kräftige Wind sie mit sich in die Wüste tra­gen kön­nte. Nahe Alep­po das schneeweiße Gesicht eines Mäd­chens, das nie wieder schlafen wird. — stop

dos passos’ lesebrille

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delta : 22.01 — In dem Moment, da ich beim Augenop­tik­er meinen Wun­sch nach ein­er Lese­brille vor­ge­tra­gen hat­te, war ich etwas ver­legen gewe­sen, als ob ich plöt­zlich uralt gewor­den sei und etwas an Bedeu­tung ver­loren hätte. Ich sagte nun zu dem Mann, der hin­ter dem Tre­sen stand: Hören Sie, ich brauche eigentlich noch keine Brille. Ich sehe, glaube ich, noch sehr gut nah und fern. Aber ich möchte gerne dieses Buch hier lesen. Ich legte John Dos Pas­sos’ Roman Man­hat­tan Trans­fer auf den Tre­sen ab, genauer gesagt, Dos Pas­sos’ Roman in der deutschen Taschen­buchaus­gabe des Rowohltver­lages, ein Buch, dem sofort anzuse­hen ist, dass man Papi­er sparen wollte, eine ehren­werte Hand­lung, um Urwälder vor der Ver­nich­tung zu bewahren, das ist denkbar. Man kann sich das so vorstellen: Die Zeichen, die im Kör­p­er des Buch­es zu find­en sind, sind äußerst klein ger­at­en, alle Zeilen liegen dicht zueinan­der und span­nen sich tat­säch­lich fast voll­ständig vom linken bis zum recht­en Rand der Seite. Es ist ein dicht bedruck­tes Buch, eine beina­he dun­kle Erschei­n­ung. Kön­nen Sie mir eventuell mit ein­er passenden Brille weit­er­helfen, fragte ich den Optik­er vor­sichtig. Wis­sen Sie, wie ich bere­its erwäh­nte, ich brauche eigentlich noch keine Brille! Der Optik­er nahm also das Buch in die Hand, wog es hin und her, öffnete es, warf einen kurzen Blick auf die erste Seite des Romans und lächelte, ich sollte ihm fol­gen. Im Mag­a­zin, — es war ein sehr großes, erhe­blich­es, ja ein bedeu­ten­des Waren­lager -, führte er mich Schubladen­wände ent­lang, die bis unter die Decke reicht­en, es roch sehr gut, etwas nach Alko­hol und etwas nach feinen Motorölen. Nach ein­er Weile blieb er ste­hen und deutete auf eine der Schubladen. Dort stand, gle­ich­wohl in sehr klein­er Schrift geschrieben: Dos Pas­sos / Man­hat­tan Trans­fer. Wie er nun die Schublade öffnete, lagen dicht an dicht einige sehr schöne Lese­brillen in ver­schiede­nen Far­ben und Größen und For­men. Über Dos Pas­sos’ Bril­len­schublade war ein Fach mit der Beschrif­tung: Samuel Beck­ett / Gesam­melte Romane zu erken­nen. Gle­ich rechts davon lagerten Ulysses’ Brillen. – stop

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dampfende ohren

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alpha : 6.55 — Ich forsche gern in meinem dig­i­tal­en Analy­se­pro­gramm nach Fra­gen an Such­maschi­nen, die zu mein­er Par­ti­cle­sar­beit führten. Merk­würdi­ge, ver­rück­te, poet­is­che Sen­ten­zen sind zu find­en. In der ver­gan­genen Woche zum Beispiel fol­gende: meine schreib­mas­chine schreibt buch­staben übere­inan­der . kleine rote fliegen in der küche . käfer der auf unserem kör­p­er wohnt . lustige geschicht­en über ohren . ägyp­tis­ches frauze­ichen mit flügeln . schim­pansen im weltall . schlafende ele­fan­ten . män­ner mit kleinen köpfen . ist albert sanchez pinol ein mann . louis’ licht­geschichte. stop — Über Nacht ist es kalt gewor­den. An der Straßen­bahn­hal­testelle beobachte ich einen älteren Her­rn, aus dessen Ohren Dampf zu treten scheint. Man kön­nte sagen, es han­delt sich um den ersten rauchen­den Kopf, den ich in meinem Leben per­sön­lich gese­hen habe. Als ich näher her­an trete, erkenne ich, dass sich in den Ohren des dampfend­en Her­rn je ein Tier befand. Ich fragte, ob ich vielle­icht ein­mal genauer betra­cht­en dürfte, was dort in seinen Ohren existiert. Weil der alte Mann nichts hörte, trug ich mein Anliegen in Zeichen­sprache vor. Er schien mich zu ver­ste­hen und neigte unverzüglich seinen Kopf, so dass ich eine gute Aus­sicht hat­te auf das rechte sein­er Ohren. Tat­säch­lich waren dort Augen und Zan­gen eines Käfers zu erken­nen. Als ich mich näherte, zog sich das Wesen ein wenig in die Tiefe des Ohres zurück, das von weißem flau­mi­gen Haar beset­zt war, wie von einem kost­baren Pelz. Der dünne Faden des Käfer­atems, den ich kurz zuvor beobachtet hat­te, war nun gut zu sehen, aber ich kon­nte nicht ein­deutig iden­ti­fizieren, woher der Atem des Käfers eigentlich kam, wo der Atem, der in der kalten Luft kon­den­sierte, den Käfer­kör­p­er präzise ver­ließ. Noch ehe ich meine Frage zur Kon­struk­tion des Käfers stellen kon­nte, war der alte Herr in eine Straßen­bahn gestiegen und davonge­fahren. — Dien­stag. — stop.

schneefliegen

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nord­pol : 1.15 — Eine bis­lang unbekan­nte Fliegen­gat­tung soll unlängst in den Bergen Tibets ent­deckt wor­den sein. Es han­delt sich um Schneefliegen, die über einen außeror­dentlich feinen Pelz ver­fü­gen. Dieser Pelz nun, man würde in ihm zunächst  ein evo­lu­tionäres Hand­i­cap unter Flugtieren ver­muten, ist trotz sein­er Dichte von außeror­dentlich­er Leichtigkeit. Es wird berichtet, dass einige der Schneefliegen auf geheimen Wegen nach Europa trans­portiert wor­den sind, wo man sie einge­hend unter­suchte. Sie ver­mehren sich selb­st in gewöhn­lichen Kühlschränken bei Licht mit rasender Geschwindigkeit. Wovon sie sich ernähren ist bish­er nicht bekan­nt, aber dass man ihnen den Pelz vom Leib reißen kann mit äußerst feinen Werkzeu­gen ist sich­er. Über die Fab­rika­tion von Fliegen­pelzmän­teln wird nun ern­sthaft nachgedacht, über Fliegen­pelzmützen, Fliegen­pelzhand­schuhe und weit­ere Gegen­stände zur Wär­mung men­schlich­er Exis­tenz. — stop

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brooklyn

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MELDUNG. Brook­lyn, 201 Colum­bia Heights, 7. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 885 [ Mar­mor, Car­rara : 5.08 Gramm ] vol­len­det. — stop
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zählmarken No 1 und No 2

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sier­ra : 16.52 — Bei der Behörde für Wortver­w­er­tung meldete sich am Tele­fon eine weib­liche Stimme. Die Stimme sprach so leise, dass ich zunächst glaubte, in mein Tele­fongerät hinein­rufen zu müssen, um die Stimme auf der anderen Seite der Leitung erre­ichen zu kön­nen. Worum es denn gehe, wollte man wis­sen. Ich antwortete, dass es darum gehen würde, dass ich im Moment ver­suchte zu ver­ste­hen, wo genau ich jene kleinen Zähl­pro­gram­m­maschi­nen in meine Texte einzubauen habe, damit sie von Ihnen, von der Wort-ver­w­er­tungs­be­hörde, mit der ich ger­ade spreche, wahrgenom­men und als gültig bew­ertet wer­den kön­nten. Ein Gespräch entwick­elte sich. Das Gespräch dauerte fünf Minuten. Im Ver­laufe dieses Gespräch­es wurde meine Stimme leis­er und leis­er, die Stimme auf der anderen Seite der Leitung lauter und lauter. Jet­zt, da das Gespräch oder die Unter­hal­tung zu einem Ende gekom­men ist, meine ich fol­gen­des ver­standen zu haben: Wenn ich einen Text notiere, der eine Gedanken­be­we­gung nachvol­lzieht, darf diese Gedanken­be­we­gung nicht unter­brochen sein, also plöt­zlich das The­ma wech­seln oder den Ein­druck ver­mit­teln, als würde ein Teil der Denkbe­we­gung fehlen, also eine durch Ent­fer­nung eines Textab­schnittes kün­stliche Unter­brechung erfol­gt sein, weswe­gen es sich nicht mehr um einen Text, also um einen Gedanken han­deln würde, son­dern um einen zweit­en Text, also um einen zweit­en Gedanken, der mit ersterem Gedanken in kein­er Verbindung ste­hen würde, weshalb dieser zweite Text eine weit­ere, eine zweite Zähl­pro­gram­m­mas­chine in Form eines Codes benöti­gen würde, um als eine Ein­heit wahrgenom­men zu wer­den. Des Weit­eren ist mir deut­lich gewor­den, dass ein Gedanke nicht begeleit­et sein darf, von weit­eren Gedanken, die an etwas anderes denken, während sich der erste Gedanke im Hin­ter­grund weit­er­be­wegt, um ander­er Stelle wieder her­vorzukom­men. Ich habe nun zunächst einen kleinen Knoten im Kopf. Fünf Gramm. — stop

im parc jarry

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MELDUNG. Wie Wölfe im Rudel, laut­los, haben zwölf win­ter­feste Sumpf­schild­kröten im Parc Jar­ry zu Mon­tre­al eine Stan­dar­d­ente bejagt und so rasch unter Wass­er gezo­gen, dass wed­er Wehr noch Mel­dung erfol­gte. Nichts blieb, als eine wan­dernde Spur auf­steigen­der Luft. — stop
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georges perec

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tan­go : 22.01 — Fol­gen­des. Immer gegen 8 Uhr in der Früh brechen wir auf, Georges und ich. Wir gehn ein paar Schritte über die Rue de Jav­el, nehmen die 6er Metro durch den Süden, steigen dann um in Rich­tung Porte Dauphin, fahren mal unter, mal über der Erde im Kreis herum, bis es Abend oder noch später gewor­den ist. So kann man gut sitzen, zufrieden, durchgeschüt­telt, Seite an Seite für viele Stun­den, und Men­schen betra­cht­en, wie sie hereinkom­men, Fahrgäste, wie sie im Wag­gon Platz nehmen, wie sie beschaf­fen sind, davon leg­en wir Verze­ich­nisse an, Georges ein Verze­ich­nis, und ich ein Verze­ich­nis. Weil es aber sehr schw­er ist, ein Verze­ich­nis aller Erschei­n­un­gen eines Raumes anzule­gen, der nicht ger­ade erfun­den wird, eines Raumes, der sich fort­be­wegt, der betreten und ver­lassen wird von Men­schen im Minu­ten­takt, das Verze­ich­nis eines Raumes, dessen Fen­ster sich von Sekunde zu Sekunde neu bespie­len, weil es also unmöglich ist, das Verze­ich­nis eines wirk­lichen Raumes anzule­gen, machen wir das so : in der ersten Stunde des Reise­tages notieren wir ein Verze­ich­nis der zugestiege­nen Krawat­ten, in der zweit­en ein Verze­ich­nis der Schuhe und der Strümpfe, ein Verze­ich­nis, sagen wir, der Gehw­erkzeuge und ihrer Bek­lei­dung, dann ein Verze­ich­nis der Haar­tra­cht­en, der Taschen, der Meth­o­d­en sich im fahren­den Zug einen sicheren Stand zu ver­schaf­fen, der Gesprächs­ge­gen­stände, der Art und Weise sich zu küssen, zu stre­it­en, oder aber ein Verze­ich­nis abseit­iger Gestal­ten, ein Verze­ich­nis der Diebe, der Bet­tler, der Posaunis­ten, der Ver­wirrten ohne Ziel, je ein Verze­ich­nis der Sprachen und klein­er Geschicht­en, die wir aus der all­ge­meinen Bewe­gung zu isolieren ver­mö­gen. Von Zeit zu Zeit, während wir so fahren und notieren, höre ich neben mir ein Lachen. Wenn Georges lacht, hört sich das an, als habe er einen Vogel ver­schluckt, als lache er nur deshalb, weil er Made­moi­selle More­au wieder freilassen wolle. Dann weiß ich, Georges hat etwas gefun­den, das er mir abends in irgen­deinem Cafe, wenn wir fer­tig, wenn Papi­er und Strom zu Ende sind und unser bei­der Köpfe so voll, dass sich nichts mehr in ihnen auf­be­wahren lässt, vor­tra­gen wird, — „Auf Krawat­te gelb, zehnzwei, lebende Ameise, argen­tisch, kreuz und quer. Der Code­name Ser­vals war Lou­viers“, sagt Georges und hebt sein Glas. Fünf Gläs­er Pastis, fünf Gläs­er Wass­er, — dann sind wir wieder leicht gewor­den, und weil die Luft warm ist, weil Mai ist, nehmen wir den let­zen Über­landzug nach Nor­den oder den 11er nach Süden, dor­thin, wo die Feuer­nelken blühn, und wenn es endlich Mor­gen gewor­den ist, steigen wir um, öff­nen die Fen­ster und fahren nach West­en in unser­er Wind­mas­chine spazieren. Der Regen schlägt uns ins Gesicht und wir sehen Gewit­ter auf­steigen und Schwe­fel vom Him­mel kom­men und weißes Licht, das die Land­schaft entzün­det. So haben wir schon sehr schöne Gedanken über das Feuer gefan­gen und über das Schlagzeug in diesem gewalti­gen Raum, der über uns hängt, einem Raum, dessen zen­trales Verze­ich­nis von nicht men­schlichen Maßen ist, so dass wir bald nur schweigen und auf ent­fer­nte Men­schen schauen, auf Szenen im rasenden Vorüberkom­men, auf Filme, die in unseren hin und her has­ten­den Augen der­art kurze Filme sind, dass sie ein­er Fotografie sehr nahe kom­men, nicht mehr Film sind und noch nicht ganz unbe­wegt. Es ist ganz so, als wür­den wir an ein­er gewalti­gen Auf­nahme der Zeit vorüberkom­men, an ein­er Fotografie, deren Gegen­wart wir nicht berühren, weil wir nicht aussteigen kön­nen, ohne das Leben zu ver­lieren, weil wir zu schnell, weil wir in ein­er anderen Zeit sind. — stop / kof­fer­text

jennifer 7

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romeo : 6.25 — Gestern am späten Abend erre­ichte mich eine Email von ein­er Per­son namens Jen­nifer 7. Ich wun­derte mich, dass dieses Schreiben nicht sofort in einem Spamord­ner ver­schwun­den war, immer­hin kenne ich nie­man­den, der diesen Namen trägt. Aber ich bin nun doch sehr froh, dass mich der kleine Brief aus der Ferne erre­ichte. Er war in englis­ch­er Sprache ver­fasst, und ich sitze noch immer vor ihm und über­lege was zu tun ist, was ich notieren soll, weil das ist ganz sich­er so, dass ich Jen­nifer 7 antworten sollte, mor­gen oder über­mor­gen. Vielle­icht werde ich ihr eine Frage stellen, wo genau sie denn wohnt, in welch­er Stadt, in welchem Haus, wie das Haus beschaf­fen ist, welch­er Art Men­schen in diesem Haus wohnen Tür an Tür. Jen­nifer 7 schrieb so: Lieber Mr. Louis, ich bin sehr müde, ich habe über eine ganze Woche lang kaum geschlafen, weil ich in ein­er Miet­woh­nung lebe im 22 Stock, was noch kein Grund ist nicht zu schlafen, aber ich arbeite nachts in einem Kranken­haus und trage sehr viel Ver­ant­wor­tung und muss schlafen am Tag. Neuerd­ings kann ich nicht schlafen, weil man mich nicht schlafen lässt. Wenn es den 23. Stock nicht geben würde, dann wäre dort nichts als ein Dach, auf dem ein paar Tauben sitzen wür­den und ich kön­nte schlafen, weil Vögel leise, behut­same, kul­tivierte Tiere sind. Nun aber ist das so, dass in den 23. Stock ein Mann und eine Frau einge­zo­gen sind, Men­schen­per­so­n­en, die sich nicht küm­mern um den Lärm, den sie machen. Und so kann ich, das ist der Grund, nicht schlafen. Vorgestern war ich zum ersten Mal dort oben im 23. Stock, um mich vorzustellen. Ich habe mich gefürchtet. Der Mann war nicht zu sehen, dafür aber die Frau, sie stand auf Schuhen, mein Gott waren die wuchtig. Sie sagte, dass ich Pech haben würde, weil sie im Moment nicht arbeite, deshalb würde ich ihre Schritte hören und alles weit­ere. Pech, sagte die Frau, Pech. Und so kann ich nicht schlafen. Ich hör ihre Schritte. Stündlich lassen sie irgen­det­was fall­en auf den schö­nen hölz­er­nen Boden, oder sie schreien sich an, obwohl sie noch jung und frisch ver­heiratet sind. Das ist ein wirk­lich­es Unglück, Mr. Louis, ich bin fast schon verzweifelt und so habe ich an Sie gedacht, weil Sie doch so schöne Käfer erfind­en, die in Ohren wohnen, damit man nichts hören muss. Ob Sie mir wohl helfen, Mr. Louis! – stop

ping

erdbeben

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ulysses : 6.02 — Einen Tag lang habe mit mein­er Antwort an Jen­nifer 7 gewartet. Vor weni­gen Stun­den fol­gende kurze Email­no­tiz: Liebe Jen­nifer, ich ver­ste­he, dass Sie unruhig gewor­den sind. Bitte haben sie etwas Geduld, ich weiß um Ihr Leid, ahne, was es bedeutet, wenn man nicht schlafen kann, weil Schritte von Men­schen in näch­ster Nähe über die Decke spazieren. Man glaubt ihre Schat­ten zu sehen jen­seits der Bast­mat­ten, der Steine, der Hölz­er. Wenn es ein­mal still ist, dann wartet man in dieser Stille auf das näch­ste Geräusch, das den Schlaf zer­reißen wird, alles schon da tod­sich­er in der Zukun­ft, all das Getöse, weil man an es denkt, weil es nicht anders sein kann, jede leise Erschüt­terung des Bodens eine Erschüt­terung der Welt, Erd­beben, Tragödie. Man möchte sich erheben, man möchte sich käm­men, Hemd und Hose sind bere­its überge­wor­fen, so tritt man auf den Flur, um sich zur Beschw­erde aufwärts zu begeben. Man klopft an eine Tür. Man sieht einen Schat­ten hin­ter dem Bul­lauge des Spi­ons: BIST DU ALSO DA! Aber nie­mand öffnet die Tür. Auch nach Minuten des Wartens nicht. Und dann ist man doch noch eingeschlafen, meine liebe Jen­nifer 7, man schläft vor Erschöp­fung, man schläft mit geöffneten Augen unter dem Schwa­nen­hals. — Don­ner­stag. Leichter Regen. Es ist kalt gewor­den über Nacht. Noch immer habe ich keine Antwort auf die Frage gefun­den, weshalb Kiemen­men­schen, sobald sie schlafen oder sich küssen, Kopf nach unten in ihren Wasser­woh­nun­gen schweben. — stop

polaroidemergency

muscheln

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nord­pol : 6.36 — Ich hat­te einen lusti­gen Traum. In diesem Traum saß ich mit einem jun­gen Mann in einem Cafe. Ich erin­nere mich, dass wir uns über Char­lie Park­er unter­hiel­ten, während ich beobachtete wie sich die Ohren des jun­gen Mannes san­ft bewegten, so als wür­den sie über hun­derte Muskeln ver­fü­gen, Lebe­we­sen mit je ein­er Seele und eigen­em Willen sein. Sie ent­fal­teten sich vor meinen Augen, schirmten aus zur Größe ein­er Unter­tasse, dann wieder kehrten ihre Muschel­rän­der zueinan­der zurück, die Ohren des jun­gen Mannes wur­den zu Knospen, sie sahen jet­zt aus als wür­den sie schlafen. Aber das war noch nicht alles gewe­sen, was ich träumte. Der junge Mann hat­te näm­lich seine Ohrmuscheln bald so dicht zueinan­der gefal­tet, dass er sie in seinen Schädel ein­führen kon­nten, sie waren nun voll­ständig im Kopf ver­schwun­den. Meine Ohren schlafen, sagte der junge Mann, und lachte. Aber dann wurde er schnell wieder ernst, weil eine sein­er Ohrmuscheln sich verklemmt hat­te, während das andere Ohr bere­its aus seinem Gehör­gange­tui her­vorgekom­men war. stop. Fre­itag. stop. Die Luft riecht Schnee. stop. Nichts weit­er. — stop

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