atolle

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delta : 6.58 — Gegen 2 Uhr heute Nacht fol­gende Beobach­tung. Wenn ich um die Wort­gruppe schw­eres Wass­er ein Verze­ich­nis leichtsin­niger Assozi­a­tio­nen lege, ver­schwindet der Begriff in der Gestalt eines Atolls. Ob nicht vielle­icht Erin­nerung in dieser Form organ­isiert sein kön­nte? Gedankenkreise um unterge­gan­gene ursprüngliche Land­schaften. — stop

ping

advent

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delta : 20.08 – Son­ntag. stop. 1. Advent. stop. Ich kön­nte das Wort Schnee schreiben. stop. Wie viel Zeit verge­ht, ehe ich das Wort Schnee zu Ende geschrieben haben werde? stop. Ein­hun­dert Schneezeit­en. stop. Wie viele Schneezeit­en machen einen Tag? — stop

schnee

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alpha

~ : mal­colm
to : louis
sub­ject : SCHNEE
date : dec 2 12 0.15 p.m.

Über Nacht ist Schnee gefall­en. Ein har­ter, böiger Wind fegt vom East Riv­er her durch die Straßen in den Park. Wir sind die ersten Spaziergänger heute Mor­gen. Es ist beina­he still in der Däm­merung. Wei­thin sehen wir hin­ter uns unsere eigene Spur auf dem Weg, den wir nord­wärts gehen. Immer wieder bleiben wir ste­hen, um nach Frankie zu sehen. Er scheint sich wohlzufühlen, man kön­nte sagen, dass es sich bei diesem Eich­hörnchen um einen Schnee­tauch­er han­deln kön­nte. Für Minuten ist nichts von ihm zu sehen, aber dann plöt­zlich sein Kopf, der aus dem Schnee ragt, er schüt­telt sich, seine Ohren beben, ja, Frankie scheint glück­lich zu sein in dieser neuen weißen Welt. Auch Möwen sind in den Cen­tral Park gekom­men. Sie hock­en auf Sitzbänken und Mauern, ich glaube, sie haben es auf Zwerge wie Frankie abge­se­hen, denkbar, dass sie den Schnee als Gewäss­er betra­cht­en und jene Tiere, die sich für einen kurzen Moment an der Ober­fläche zeigen, für Fis­che, die sie jagen müssen. Es sind große Vögel, gelbe Augen, riesige Schnä­bel, die uns heute Mor­gen tat­säch­lich Sorge bere­it­en, sie kön­nten Frankie erlegen und mit ihm aufs Meer hin­aus­fliegen, mit all seinen Sen­soren, die uns dann nicht weit­er­helfen wer­den. Wann wer­den Sie uns besuchen, Mr. Louis? Wir hof­fen noch in diesem Win­ter! Ein­mal Frankie mit eige­nen Augen betra­cht­en, nicht wahr! Schnell ist er gewor­den. In der kom­menden Woche wollen wir zum ersten Mal erproben, ob wir in der Lage sind, ihn mit unser­er Fern­s­teuerung bee­in­flussen zu kön­nen. Wir haben vor, Frankie in Kreisen durch den Park laufen zu lassen. – Allerbeste Grüße sendet ihn Mal­colm / code­wort : hillarys­tep

emp­fan­gen am
03.12.2012
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mal­colm to louis »

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schildkröte

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nord­pol : 6.55 — Ich hörte eine Geschichte, die von ein­er Frau und einem Haus erzählt, das sich in ein­er alten nord­griechis­chen Stadt befind­et. Es ist ein stat­tlich­es, stein­ernes Haus, die Böden des Haus­es sind von Holz wie die Trep­pen und Türen. Ein hochbe­tagter Oliven­baum ste­ht unweit des Haus­es. Manch­mal sitzen dort Sper­linge und pfeifen. Im Win­ter kann man Wölfe hören, wenn man die Fen­ster des Haus­es öffnet. Hin und wieder kom­men Schlangen zu Besuch und Eidech­sen und Ameisen und Schild­kröten, ja, es gibt sehr viele Schild­kröten im Garten des Haus­es, aber nicht im Win­ter, in keinem Win­ter, soweit Men­schen zurück­denken kön­nen, hat irgend­je­mand Schild­kröten in der Nähe des Haus­es, im Garten oder in der Stadt gese­hen. In dem stein­er­nen Haus also wohnt eine Frau. Sie wohnt seit weni­gen Wochen allein, weil ihre Mut­ter gestor­ben ist. Über zehn Jahre lag die uralte Mut­ter in ihrem Bett und wurde von ihrer Tochter, die gle­ich­wohl eine ältere Frau ist, gepflegt. Das ist so üblich in Griechen­land, dass sich die jün­geren Men­schen um die älteren Men­schen küm­mern, auch wenn sie selb­st schon alte Men­schen gewor­den sind. Als nun die Mut­ter der alten Frau starb, war es plöt­zlich sehr still im Haus. Es war so still, dass die Frau glaubte, ihre Mut­ter noch zu hören. Nachts ver­nahm sie den Wind, aber der Wind war draußen gewe­sen hin­ter den Fen­stern, und sie hörte das Dach, wie es flüsterte. Manch­mal schloss die alte Frau ihre Augen in der Dunkel­heit und schlief ein. Es war immer das­selbe, sie hörte im Schlaf die Stimme ihrer Mut­ter, wie sie nach ihr rief, und ihren Atmen und wie ein Glas zu Boden stürzte und wie die Bettdecke gewen­det wurde. Davon wurde sie immerzu wach, und sie hörte schar­rende Geräusche von der Treppe her, und wieder den Wind. Das ging Wochen so, kaum eine Nacht kon­nte die alte Frau schlafen, weil sie meinte, ihre Mut­ter zu hören. Ein­mal vor weni­gen Tagen, nach­dem sie wieder ein­mal wachge­wor­den war, ver­ließ die alte Frau nachts ihr Bett. Sie stieg die Treppe hinab in die Küche. Wie sie das Licht anschal­tete sah sie inmit­ten der Küche eine sehr kleine, junge Schild­kröte sitzen. Gestern erst soll Schnee gefall­en sein. — stop

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passagen

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sier­ra : 22.01 — Wieder das Glück, denken und aufzuschreiben zu kön­nen mit eige­nen Hän­den, was ich dachte oder was ich denke. Nachtluft von hellen Schat­ten, als hätte das Wass­er ein Gedächt­nis von Licht. — stop

nachtgecko

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alpha : 2.28 — Das Muse­um der Nachthäuser befind­et sich am Shore Boule­vard nördlich der Hell Gates Bridge befind­et, die den New York­er Stadt­teil Queens über den East Riv­er hin­weg mit Randilis Island verbindet. Ich weiß nicht, ob das Muse­um noch immer existiert, es war oder ist ein recht kleines Haus, rote Back­steine, ein Schorn­stein, der an einen Fab­rikschlot erin­nert, ein Garten, in dem ver­wit­terte Apfel­bäume ste­hen, und der Fluss so nah, dass man ihn riechen kon­nte. Während eines Spazier­ganges, zufäl­lig, ent­deck­te ich dieses Muse­um, von dem ich nie zuvor hörte. Es war ein später Nach­mit­tag, ich musste etwas warten, weil das Muse­um nicht vor Ein­bruch der Däm­merung öff­nen würde, ein Muse­um für Nacht­men­schen eben, die in Nachthäusern wohnen, welche erfun­den wor­den waren, um Nacht­men­schen art­gerecht­es Wohnen zu ermöglichen. Als das Muse­um dann endlich öffnete, war ich schon etwas müde gewor­den, und weil ich der einzige Besuch­er gewe­sen, führte mich ein junger Mann per­sön­lich herum. Er war sehr geduldig, wartete, wenn ich wie wild in mein Notizbuch notierte, weil er span­nende Geschicht­en erzählte von jenen merk­würdi­gen Gegen­stän­den, die in den Vit­ri­nen des Muse­ums ver­sam­melt waren. Von einem dieser Gegen­stände will ich kurz bericht­en, von einem met­al­lenen Wesen, das mich an eine Kreuzung von Gecko und Spinne erin­nerte. Das ver­rostete Ding war von der Größe eines Schuhkar­tons. An je ein­er Seite des Objekt saßen Beine fest, die über Saugnäpfe ver­fügten, eine Kam­era thronte obe­nauf wie ein Reit­er. Der junge Mann erzählte, dass es sich bei diesem Gerät um ein Instru­ment der Vertei­di­gung han­delte, aus ein­er Zeit, da Nacht­men­schen mit Tag­men­schen noch unter ein und dem­sel­ben Haus­dach wohn­ten. Das kleine Tier saß in der Vit­rine in ein­er Hal­tung als würde er sich duck­en, als würde es jed­erzeit wieder eine Wand besteigen wollen. Das war näm­lich seine vornehme Auf­gabe gewe­sen, Zim­mer­wände zu besteigen in der Nacht, sich an Zim­merdeck­en zu heften und mit kleinen oder größeren Ham­mer­w­erkzeu­gen Klopf- oder Schlag­geräusche zu erzeu­gen, um Tag­men­schen aus dem Schlaf zu holen, die ihrer­seits wenige Stun­den zuvor noch durch ihre erbar­mungs­los harten Schritte den Erfind­er der Geck­o­mas­chine, einen Nachtar­beit­er, aus seinen Träu­men geris­sen haben mocht­en. Es war, sagte der junge Mann, immer so gewe­sen damals in dieser schreck­lichen Zeit, dass sich Tag­men­schen sich­er fühlten vor Nacht­men­schen, die unter ihnen lebten, die mit Schrit­ten Zim­merdeck­en ihrer Woh­nung niemals erre­icht­en. Aus und fini! - stop

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paleochora

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MELDUNG. Heimtück­isch wurde Karl L., 28, Trinker, bere­its in der Nacht zum Fre­itag an einem Strand nahe Pale­o­cho­ra [ Kre­ta ] von ein­er zweit­en Flasche Gin getötet. — stop

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tod in peking

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tan­go : 0.25 — Ich war ein­mal dabei wie Ted­dy seine Kam­era in den Park spazieren führte, an einem kalten, win­ter­lichen Tag, es hat­te geschneit. In den Hän­den des stat­tlichen run­den Mannes sah der Fotoap­pa­rat, der einen Com­put­er enthielt, klein aus, zer­brech­lich. Unen­twegt berichtete sein stolz­er Besitzer von den Möglichkeit­en der Fotografie, die diese Kam­era in Zukun­ft für ihn eröff­nen würde. Es war eine Art Liebes­beziehung, die ich damals beobachtete, Ted­dy und seine kleine Licht­fang­mas­chine, wie er mit seinem drit­ten Auge den Schnee betastete, wie er mir erzählte, dass man Schnee eigentlich nicht fotografieren könne. Das war vor vier oder fünf Jahren gewe­sen. Sei­ther sind Ted­dy und seine Kam­era weit herum gekom­men in der Welt, vor allem reis­ten sie nach Peking, ver­bracht­en dort mehrere Monate im Jahr, wan­derten durch die große Stadt auf der Suche nach Augen­blick­en, die Ted­dy sam­melte. Es war ein Fotografieren wie ein Gespräch, auch ein Selb­st­ge­spräch gegen die Ver­loren­heit, gegen die Angst vielle­icht ein­mal wieder in den Alko­hol zurück­z­u­fall­en, jedes Bild ein Beweis für die eigene Exis­tenz. Eine sein­er Fotografien aus dem Som­mer 2012 zeigt zwei Jun­gen, wie sie dem riesi­gen, run­den Mann mit dem kleinen Fotoap­pa­rat begeg­neten. Der eine Junge scheint zu staunen, der andere will die rechte, seitwärts aus­gestreck­te Hand des Fotografen berühren. Es ist eine typ­is­che Fotografie, das Werk eines Kün­stlers, der manch­mal in Europa anrief, weil er sich ein­sam fühlte in irgen­deinem Hotel der chi­ne­sis­chen Prov­inz bei Eis und Schnee. Auch in Peking hat­te er Fre­unde, gute, wirk­liche Fre­unde, in sein­er kleinen Woh­nung dort wohn­ten eine junge Stu­dentin und ihre Mut­ter. Vor weni­gen Tagen erre­ichte mich nun die Nachricht seines Todes, für den es zu diesem Zeit­punkt keine Erk­lärung gibt. Auf Face­book notierte er noch: Bitte beachte, dass ich prinzip­iell keine Nachricht­en schreibe oder beant­worte. Ver­wende bitte immer meine Mail-Adresse, um mich zu erre­ichen. Per Mail bin ich stets zu erre­ichen. – Lieber Ted­dy, ich werde das sofort ver­suchen. — stop

wanderameisen

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echo : 0.55 — Es kön­nte eventuell eine sehr span­nende Auf­gabe sein, sich ein­mal sel­tene, nie zuvor gehörte Geräusche vorzustellen. Das Geräusch, zum Beispiel, auss­chwär­mender Wan­der­ameisen. Welch­es Geräusch wür­den zwei­hun­dert hun­grige Eich­hörnchen erzeu­gen, die über eine tiefge­frorene Wiese galop­pieren? — stop

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eine sprechende maschine

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reming­ton : 6.52 — Vor weni­gen Tagen hat­te ich von der Ent­deck­ung eines Muse­ums der Nachthäuser erzählt, das sich am Shore Boule­vard nördlich der Hell Gates Bridge befind­et, die den Stadt­teil Queens über den East Riv­er hin­weg mit Randilis Island verbindet. Es ist noch immer ein recht kleines Haus, rote Back­steine, ein Schorn­stein, der an einen Fab­rikschlot erin­nert, ein Garten, in dem ver­wit­terte Apfel­bäume ste­hen, der Fluss so nah, dass man ihn riechen kann. Heute liegt der Garten tief ver­schneit. Ich ste­he unter einem der Apfel­bäume, die ohne Blät­ter sind. Dieser Baum trägt seine Som­mer­früchte so, als ob er sie fes­thal­ten würde, sie sind etwas klein­er gewor­den, voller Fal­ten, aber sie leucht­en rot und sie duften. Der junge Mann, der mich bere­its ein­mal durch das Muse­um geführt hat­te, kommt in diesem Moment auf mich zu. Er freut sich, dass ich wiedergekom­men bin. Eine Weile ste­hen wir uns gegenüber, es ist zum Erbar­men kalt, wir treten von einem Bein aufs andere, während der junge Mann eine Zigarette raucht, dann ist es fast dunkel und wir treten wieder in das Muse­um ein. Er will mir eine kleine Mas­chine zeigen, die im ersten Stock seit vie­len Jahren in ein­er weit­eren Vit­rine sitzt. Auf den ersten Blick scheint es sich um eine ähn­liche Appa­ratur zu han­deln, wie jene von der ich berichtete. Ein Gecko von Met­all, der in der Lage ist, sich zum Zwecke protestieren­der Kom­mu­nika­tion Wände hin­auf an die Decke eines Zim­mers zu begeben, um sich dort festzusaugen. Aber anstatt eines oder mehrerer Schla­gin­stru­mente, mit welchen gegen die Decke getrom­melt wer­den kön­nte, ver­fügt dieses kleine Wesen über einen Laut­sprech­er, der wie ein Mund gestal­tet ist, und deshalb her­vor­ra­gend geeignet zu sein scheint, heftige Geräusche des Sprechens zu erzeu­gen. Bei dieser Appa­ratur, sagt der junge Angestellte, han­delt es sich um den ersten Deck­en­sprech­er der Geschichte, ein äußerst sin­nvolles Gerät. Er fordert mich auf, näher zu treten. Sehen Sie genau hin, sehen Sie, er ist ver­beult! Tat­säch­lich war der kleine eis­erne Gecko von zahlre­ichen Schlä­gen so ver­let­zt, dass er vielle­icht kaum noch in der Lage gewe­sen war, sein­er Auf­gabe nachzukom­men. Denkbar ist, dass er in ein­er Nacht der Tag­men­schen der­art wirkungsvoll gear­beit­et haben kön­nte, dass man ihn fan­gen wollte, weshalb man in die Woh­nung des Nacht­men­schen einge­brochen war, um ihn zum Schweigen zu brin­gen. Als man das ram­ponierte Gerät viele Jahre später öffnete, ent­deck­te man eine Ton­band­spule, auf welch­er Lit­er­atur von Bedeu­tung fest­ge­hal­ten war. Ein Bruch­stück der his­torischen Auf­nahme war noch vorhan­den gewe­sen, und jet­zt, in dieser Nacht, spielt mir der junge Mann vor, was der Appa­rat gesprochen hat­te. Eine äußerst laute schep­pernde Stimme ist zu vernehmen: Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Kör­pers aus dem Bett hin­auskom­men, aber dieser untere Teil, den er übri­gens noch nicht gese­hen hat­te und von dem er sich keine rechte Vorstel­lung machen kon­nte, erwies sich als zu schw­er beweglich; es ging so langsam; und als er schließlich, fast wild gewor­den, mit gesam­melter Kraft, ohne Rück­sicht sich vor­wärts stieß, hat­te er die Rich­tung falsch gewählt, schlug an dem unteren Bettp­fos­ten heftig an, und der bren­nende Schmerz, den er emp­fand, belehrte ihn, dass ger­ade der untere Teil augen­blick­lich vielle­icht der empfind­lich­ste war. — Hier endet die Spule, ums sofort wieder von vorne zu begin­nen. — stop

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mululela

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bamako : 3.05 — Habe in den ver­gan­genen Wochen ver­schiedene Wörter­büch­er unter­sucht, ins­beson­dere jene Samm­lun­gen, die im Hin­ter­grund zahlre­ich­er Texte­d­i­toren heim­liche Arbeit ver­richt­en. Es ist so, dass auf der Ebene der Sprachen, Nacht­men­schen in einem Wort existieren, aber nicht Tag­men­schen. Das Wort Tag­men­sch wird sofort als nichtko­r­rek­tes Wort aus­gewiesen. Es scheint demzu­folge für am Tage lebende Men­schen möglich zu sein, andere, näm­lich Men­schen, die über­wiegend in der Nachtzeit existieren, mit einem Wort zu kennze­ich­nen, während hinge­gen Nacht­men­schen nicht möglich ist, jene Men­schen, die die Nacht ver­schlafen, mit einem ein­deuti­gen Wort zu beze­ich­nen. Das ist aus mein­er Sicht zunächst selt­sam, eine Übung, die sich ver­mut­lich bald ändern wird, indem sich Leben­sarten und Arbeitswel­ten der Men­schen immer fort verdicht­en. — Flughafen. Leichter Schneefall. Es ist kurz vor drei Uhr. Eine riesige Antonow-Mas­chine rollt über das Flugfeld. Kein Laut zu hören vom Ungetüm, das doch fliegen kann. Weni­gen Minuten zuvor erzählte mir Mul­ulela, 24, Trainee aus Kamerun, dass sich das Leben in Deutsch­land doch sehr vom Leben in Afri­ka unter­schei­de. In ihrem Dorf, zum Beispiel, spaziere sie ein­fach los, wenn sie an jeman­den denken würde, um diesen Men­schen sofort zu besuchen. In Deutsch­land müsse man zunächst tele­fonieren, fra­gen, sich ankündi­gen. Über­haupt müsse man hier für alles, aber auch wirk­lich alles bezahlen, nur das Wass­er in den Trinkbrun­nen scheine kosten­los zu sein und die Luft zum atmen. Ganz sich­er sei sie sich in dieser Sache aber nicht! — stop

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polaroidcafe

die schrift meines vaters

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nord­pol : 7.05 — Dass mein Vater älter wurde und müde, war sein­er Schrift deut­lich anzuse­hen. Die Buch­staben wur­den klein­er, manche standen senkrecht, andere neigten sich ein­er unsicht­baren Lin­ie zu, auf der sie sich wortweise vor­wärts bewegten. Ich kön­nte sagen, die Schrift meines Vaters wirk­te so, als wäre ein Sturm seitwärts über sie hin­wegge­fahren, zerzaust, und doch waren alle notwendi­gen Buch­staben für jedes der Wörter, die mein Vater geschrieben hat­te, geset­zt. Er notierte zulet­zt gerne mit Hil­fe der Tas­tatur sein­er Com­put­er­mas­chine, das war nicht so anstren­gend, er ver­mochte die Größe der Zeichen zu vari­ieren, so dass er sehen kon­nte, was er ger­ade auf den Bild­schirm brachte. Ein­mal musste mein Vater einen Brief unterze­ich­nen, es war ein Okto­bertag, mein Vater wartete lange Zeit vor dem Papi­er, das auf dem Tisch vor ihm ruhte, hielt den Stift, den man ihm gere­icht hat­te, in der Hand, betra­chtete diesen Stift, drehte ihn zwis­chen den Fin­gern, er zögerte den Moment hin­aus, da er mit der Aufze­ich­nung seines Namens begin­nen würde. In diesem Moment ahnte ich, dass mein Vater seinen Namen malen würde, dass seine nicht­be­wusste Sig­natur, die ein Leben lang gültig gewe­sen war, nicht länger zu existieren schien, oder dass er unter den Augen eines Beobachters sich nicht länger traute, seine ure­igene Sig­natur auszuführen. Ja, mein Vater fürchtete sich, weil der Wind der verge­hen­den Zeit seine Schrift erfasste. Sie war ein­mal eine akku­rate Schrift gewe­sen, eine Schrift wie gedruckt, sie notierte kom­plizierte math­e­ma­tis­che Formeln, ohne je ihre Fas­sung auf den Papieren zu ver­lieren. Als Junge beschloss ich, diese Geheim­schrift der Zahlen und Wörter zu entschlüs­seln, bis sie noch vor meinem Vater selb­st zu ver­schwinden begann. Zurück­ge­blieben sind nun seine Stifte in ein­er Schublade: Kugelschreiber, Füllfeder­hal­ter, Bleis­tifte, Bunts­tifte, auch ein Werkzeug, mit dem man in weiss­er Farbe notieren kann, vielle­icht um zu kor­rigieren, vielle­icht um Nicht­sicht­bares auf das Papi­er zu set­zen. — stop

ping

vor den kapverden

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delta : 6.58 — Vor zwei Jahren ein­mal meldete sich mein Vater am Tele­fon, er wollte mir einige Gedanken über­mit­teln. Ich hat­te ihn gefragt, ob es Tief­seeele­fan­ten in physikalis­ch­er Hin­sicht möglich sei, Atem­luft über kilo­me­ter­lange Rüs­sel in die Tiefe zu leit­en. Mein Vater sendete mehrere Vari­anten ein­er Lösung dieses Prob­lems, unter anderem dachte er darüber nach, dass die Luft gegen den steigen­den Druck des Wass­er ver­mut­lich in einem Kam­mer­sys­tem in kleineren Por­tio­nen nach unten gedrückt wer­den kön­nte. Das leuchtete mir ein, ich war sehr zufrieden mit dieser Vorstel­lung eines Luft­trans­portwe­sens. In der ver­gan­genen Nacht habe ich mich an die Vorstel­lun­gen meines Vaters erin­nert, in ein­er Nacht, da ich Mel­dung erhielt, man habe vor den Kapver­den Tief­seeele­fan­ten gesichtet. Wieder ein Fis­cher­boot, wie es sich in ein­er leicht­en Meer­esströ­mung dreht. Schweigende Män­ner. Lam­p­en­licht, das über das Wass­er springt. Die Män­ner betra­cht­en auch in diesen Minuten der Nacht schnaubende Rüs­sel­spitzen ein­er riesi­gen Herde Tief­seeele­fan­ten, die sich vielle­icht ger­ade eben auf den Weg begeben, den Atlantik zu durch­queren, geräuschvoll atmende, sich liebkosende samt­fleis­chige Knit­terblüten. — Leichter, küh­ler Regen. – stop

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mondstimme

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char­lie : 20.32 — Eine bewe­gende Geschichte erzählte Alexan­der Gerst, Astro­naut der ESA, er wird im Jahr 2014 auf der Inter­na­tionalen Raum­sta­tion ISS forschen und arbeit­en. Sein Groß­vater sei ein begeis­tert­er Funker gewe­sen. Er habe in einem Keller­raum, der brummte und summte, eine Funksta­tion betrieben, Knöpfe, Schal­ter, Anten­nen, ein faszinieren­der Ort. Ein­mal habe sein Groß­vater eine sein­er Anten­nen zum Mond hin aus­gerichtet und der kleine Junge habe kurz darauf in das Mikrophon gesprochen. Zweiein­halb Sekun­den später seien Frag­mente sein­er Nachricht, reflek­tiert von der Mon­dober­fläche, zurück­gekehrt. Der Astro­naut erin­nert sich sein­er Begeis­terung als er begriff, dass Teile sein­er Per­son ger­ade eben in Berührung mit dem Mond gewe­sen waren. — stop

polaroidwalker

schneeechsen

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ulysses : 6.55 — Im Traum spaziere ich die win­ter­liche Küste der Stat­en Island Insel ent­lang. Sandi­ger Boden, Strand, der unter meinen Füßen knis­tert. Es ist sehr kalt, der Schnee in der Nähe des Wassers geschmolzen, lan­dein­wärts aber türmt er sich, Wehen, die Kiefern­bäume, die ganze Häuser ver­schluck­en. An mein­er Seite wan­dert eine alte, hochgewach­sene Frau. Sie erzählt in rasender Geschwindigkeit eine Geschichte, die ich nicht wirk­lich wahrnehmen kann, weil ich ihre Sprache nicht ver­ste­he. Aber das scheint die alte Frau nicht weit­er zu küm­mern, vielle­icht erzählt sie nur deshalb unen­twegt vor sich her, damit ich ihre Stimme hören kann und sie in der Dunkel­heit nicht ver­liere. Tat­säch­lich ist fast licht­lose Nacht, nur ein hal­ber Mond und ein paar größere Schiffe weit draußen, die in Rich­tung des offe­nen Atlantiks fahren. Ich erin­nere mich, dass die alte Frau eine Pelzmütze und einen Pelz­man­tel trägt, som­mer­liche Schuhe, Sports­chuhe, und kein­er­lei Strümpfe. Um sie herum flitzen Eidech­sen, sie scheinen ihr zu fol­gen, weiss sind sie wie der Schnee, aus dem sie gekom­men sind. Wenn ich mich bücke kom­men sie neugierig näher, Ich kann sie aufheben, ich kann sie zer­brechen, sie tra­gen schneeweisse Zun­gen in ihren kleinen Mün­dern und sie fauchen und tauen, sobald ich sie in meine Hosen­tasche stecke. In diesem Moment meine ich, die alte Frau mit einem Namen ange­sprochen zu haben, an den ich mich nicht erin­nern kann. Ein­mal bleibt sie ste­hen, kauert sich auf den Boden, singt leise eine Melodie vor sich hin, der Faden ihrer Stimme wird sicht­bar in der frosti­gen Luft. Jet­zt hebt sie Steine aus dem Sand, schichtet sie übere­inan­der, so dass sie Türme bilden, die sich in der Dunkel­heit wie Wächter­we­sen, wie Mah­nende benehmen. Ein hell beleuchtetes Fährschiff fährt dicht am Ufer ent­lang. Ich sehe Men­schen, die tanzen. Das Schiff wird von weit­eren Men­schen gezo­gen, die im eiskalten Wass­er schwim­men. — stop

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nachtbäume

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nord­pol : 6.55 — Ein müdes Kind mit gerötetem Gesicht gestern Abend im Zug. Das Kind beobachtet mich wie ich auf mein­er Schreib­mas­chine notiere. Sehr aufmerk­sam schaut es zu, große Augen, die selb­st nicht müde zu sein scheinen. Meine Fin­ger sind zunächst schnell, bald wer­den sie langsamer unter diesem Blick, vielle­icht weil ich an meine Hände zu denken beginne. Plöt­zlich erkundigt sich das Kind: Was schreib­st Du? Ich antworte, ohne zu zögern: Ich schreibe von den Nacht­bäu­men. Was ist das, fragt das Kind. Nacht­bäume sind Bäume, die in der Nacht wach sind und am Tag schlafen. Kann man sie sehen, will das Kind wis­sen. In diesem Moment begeg­nen sich unsere Blicke in der gle­ichen Frage. Ich habe keine Antwort und das Kind schliesst seine Augen und schläft von ein­er Sekunde zu anderen Sekunde ein. — stop

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eine alte frau

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delta : 7.28 — Eine alte Frau in den Schuhen eines Mannes. Sie ist klein, sie geht gebückt. Der Mann, zu dem früher ein­mal die Schuhe der alten, gebückt gehen­den Frau gehörten, muss ein Mann von stat­tlich­er Größe gewe­sen sein. Sie kann ihre Füße nicht vom Boden heben, ohne den schützen­den Raum der riesi­gen Schuhe zu ver­lassen. Deshalb geht sie in ein­er Weise, als sie würde auf Skiern laufen. Links in der Hand trägt sie einen Stock, auf den sie sich stützt, sobald sie ein­mal ste­hen bleibt. Sie trägt einen grauen Win­ter­man­tel, graue Hosen, einen grauen Schal. Auch ihr Haar ist von grauer Farbe. Eigentlich fällt sie kaum auf in der Men­schen­menge, weil sie zier­lich ist und ohne Laut. Sie wan­dert in ihren Schneeschuhen über den Cen­tral­bahn­hof von Mülleimer zu Mülleimer, um jew­eils in die Tiefe der Behäl­ter­schlünde zu spähen. Ich frage mich, was sie suchen kön­nte, vielle­icht Flaschen oder ein Brot oder den Rest eines Apfels. Ich kenne die Erschei­n­ung dieser Frau, ich kenne sie seit Jahren. Sie ist ein Leicht­gewicht, wenn ich sie mit den schw­eren, den voll­ständig ver­mummten Gestal­ten der New York­er Straßen in Beziehung set­ze. Als ich sie zum ersten Mal wahrgenom­men habe, dachte ich: Diese Frau kön­nte meine Mut­ter sein, was ist geschehen? Damals sah die alte Frau sehr krank aus und schmutzig und sie roch sehr streng. Ihre Augen waren gel­blich ver­färbt, daran erin­nere ich mich genau, ich über­legte, ob sie vielle­icht bald ster­ben wird. Das war vor zwei oder drei Jahren gewe­sen. Wie ich sie heute wieder sehe, die alte Frau in den Schuhen eines Mannes, denke ich, sie ist wie eine Fig­ur, die immer irgend­wo in Bahn­höfen anwe­send ist, die immer wieder über eine dieser Reise­büh­nen schre­it­et, ohne je weit­erz­u­fahren, diese Wege von Mülleimer zu Mülleimer und wieder zurück auf der Suche nach etwas Nahrung oder Pfand. An diesem Abend über­hole ich sie, wende und bücke mich, so dass ich ihr nahekomme. Sie hält an, schaut mir in die Augen. Ihre Haut ist weich und weiss und ihre Pupillen sind klar. Ich sage: Entschuldigen Sie bitte. Darf ich ihnen etwas geben? In dem Moment da sie mir eine Hand ent­ge­gen streckt, sagt sie mit der Stimme eines Mäd­chens so hell: Danke, warum? — stop

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vom vergessen

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delta : 6.58 — Ich übe mich seit eini­gen Stun­den darin, mir vorzustellen, was geschehen würde, wenn in meinem Gehirn ein Prozess langsamer Entleerung ein­set­zen würde. Jedes Wort, das ich demzu­folge laut for­mulierte, würde zum weit­eren Denken, aber nicht länger für mein Sprechen zur Ver­fü­gung ste­hen. Nach ein­er Minute bere­its würde ich mich für eine unbes­timmte Zeit, ohne Artikel zu ver­ständi­gen haben. Und weil ich vielle­icht sagen würde, — ich fürchte mich, es ist selt­sam, helfen sie mir bitte! -, wären sofort zehn weit­ere Begriffe ver­loren, die für die Kom­mu­nika­tion eines Hil­fe­suchen­den in der Not kost­bar oder unverzicht­bar sind. Ich sehe mich, wie ich ver­suche das Wort BITTE auf ein Stück Papi­er aufzu­tra­gen. Aber auch das ist unmöglich gewor­den, jedes der in die Luft entwich­enen Wörter lässt sich nicht nur nicht sprechen, son­dern auch nicht schreiben. Ich würde also, um nicht ganz ver­loren zu gehen, ver­s­tum­men, ich würde ver­suchen, so wenig wie möglich zu sprechen, um jedes der Wörter, die noch möglich sind, aufzube­wahren bis sie ein let­ztes Mal in je einem beson­deren Moment vor­ge­tra­gen wer­den kön­nten. Das Wort KOLIBRI, das Wort KONTRABASS, das Wort SCHREIBMASCHINE. Vielle­icht würde ich über­haupt nie wieder sprechen, son­dern nur noch schreiben. Ich wäre ein Men­sch, der ein­er­seits sprechen kön­nte, ander­er­seits aber doch ver­s­tum­men müsste. Selt­same Sache. — stop

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buenos aires

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MELDUNG. Angesichts ein­er im Sand vor­liegen­den Brosche von Nilpfer­d­dung und schillern­den Fliegen­rück­en, wurde Julio L. bere­its am Son­ntag, 16. Dezem­ber, gegen 16 Uhr bei schön­stem Son­nen­licht im Zool­o­gis­chen Garten zu Buenos Aires von Eleonore B. das Jawort erteilt. Am Kunst­werk, am Glück, haben mit­gewirkt: 57 Tiere der Gat­tung Cal­liphori­dae in him­mel­blauer Panzerung, 15 Rüs­selkäfer von grün­gold­en­er Beleuch­tung, 1 Pil­len­dreher, schwarz. — stop

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teegedanken

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nord­pol

~ : oe som
to : louis
sub­ject : TEEGEDANKEN
date : dec 21 12 11.05 p.m.

Einige Tage und Nächte haben wir alle gemein­sam in der Werk­statt zuge­bracht. Noe kon­nte uns hören in der Tiefe, wir hat­ten unsere Mikro­phone nicht aus­geschal­tet, um ihn teil­haben zu lassen an unserem Leben. Jet­zt, lieber Louis, jet­zt da der heilige Abend näher kommt, wird Noe melan­cholisch. Er fragte wieder nach seinen Eltern, ob seine Mut­ter und sein Vater noch lebten. Was sollen wir antworten? Was nur, ver­dammt, sollen wir antworten? Nichts als die Wahrheit? Wir wis­sen es nicht! Und so tun wir unser Bestes, Noe aufzuheit­ern. Ben­ny Good­man spielt von der Kon­serve: Live at Carnegiehall. Noe liebt Ben­ny Good­man seit Kind­heit­sta­gen. Weit­er­hin haben wir Noe in eine leichte, beruhi­gende Schwingung ver­set­zt, er pen­delt jet­zt unter dem Schiff mit ein­er Ampli­tude von 20 Metern nach links und nach rechts. Indessen ahnt Noe nicht, was hier oben bei uns vor sich geht. Es ist näm­lich so, dass wir unserem Tauch­er eine Über­raschung bere­it­en wer­den. Eric, unser Mas­chin­ist, hat­te die Idee, einen Wei­h­nachts­baum für Noe zu kon­stru­ieren, die Anmu­tung eines Wei­h­nachts­baumes genauer, der geeignet ist, in die Tiefe gelassen zu wer­den. Wir haben uns Mühe gegeben, der Baum ist hüb­sch gewor­den, drei Meter hoch, ein Gebilde aus Met­all, das über einen Stamm und Äste ver­fügt. Da und dort haben wir Unter­wasser­fack­eln befes­tigt, die wir von der Ferne zün­den wer­den. Ein beson­der­er Abend, lieber Louis, ste­ht bevor! Ob wir das Licht erken­nen wer­den an der Ober­fläche des Meeres? Was wird Noe sagen? Und wie wer­den die Fis­che, die großen und die kleinen Raub­fis­che reagieren? — Es ist jet­zt Fre­itag und spät. Ein Duft von Zimt, Gewürznelken und Kaf­fee strömt durch das Schiff. Am Mon­tag wer­den wir uns ein paar junge Süßwasser­welse brat­en. Es geht alles also einen guten Weg. Vor Stun­den noch zitierte Tauch­er Noe aus dem Gedächt­nis einen weisen Satz, den der Philosoph Gui­do Ceronet­ti in seinen Teegedanken notierte. Noe sagte: Wenn ich wie ein Ver­lier­er leben kön­nte, wäre ich es etwas weniger. — In diesem Sinne, lieber Louis : Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
22.12.2012
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josephine auf dem bildschirm

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echo : 15.07 — Gestern Abend habe ich zum ersten Mal mit Josephine, ein­er alten Dame, die in Brook­lyn wohnt, ein Gespräch über Skype geführt. Ich weiss nicht genau wie lange Zeit ich benötigte, sie davon zu überzeu­gen, dass das Tele­fonieren mit­tels eines Com­put­ers nicht gefährlich sei, vielmehr angenehm, weil man einan­der sehen könne, wen­ngle­ich etwas in der Zeit verzögert. Ich glaube, es waren Monate gewe­sen. Ich musste ihr zulet­zt hoch und heilig ver­sprechen, keine Fotografien von ihrem Abbild zu machen, oder nur dann, wenn sie mir das Fotografieren aus­drück­lich ges­tat­ten würde. — Früher Nach­mit­tag in Brook­lyn, die Sonne schien noch, genau die Sonne, die bei mir längst unterge­gan­gen war. Josephine hat­te eine Lese­brille aufge­set­zt, ihr rotes Haar schim­merte im hellen Licht, das von den Fen­stern her auf sie fiel. Aber das Zim­mer, in dem sie saß, lag im Schat­ten. Ich kon­nte eine Lampe erken­nen, die neben jen­em Schreibtisch stand, vor dem Josephine Platz genom­men hat­te, um genau in diesem Moment mein Gesicht auf einem Bild­schirm zu betra­cht­en. Wir waren uns schon ein­mal per­sön­lich begeg­net, aber nicht in dieser Weise, ich kon­nte sehen, dass sie sich geschminkt hat­te und ein wenig nervös war, ver­mut­lich deshalb, weil sie nicht wie üblich im Gespräch mit ihrem Tele­fon auf und ab laufen kon­nte. Wie geht es Ihnen, erkundigte sie sich. Ich antwortete, dass es mir gut gehen würde, eine leichte Erkäl­tung vielle­icht, nichts Ern­stes. Es soll kalt wer­den in den kom­menden Tagen, sagte Josephine. Sie sprach langsam, über­legt, wie immer, wenn sie in deutsch­er Sprache for­mulierte, und sie lachte und stand kurz darauf vor dem Com­put­er auf, so dass sie für mich unsicht­bar wurde. Sie fragte, ob ich sie noch hören könne, das Bild, das ich auf dem Schirm meines Com­put­ers sehen kon­nte, wack­elte jet­zt, weil sich der Com­put­er der alten Dame selb­st zu bewe­gen schien. Tat­säch­lich hat­te sie ihr Net­book vom Tisch gehoben und war mit ihm zum Fen­ster gelaufen, hat­te die kleine Mas­chine auf das Fen­ster­sims gestellt, so dass ich einen Aus­blick hat­te auf die Brook­lyn Heights Prom­e­nade, auf das dun­stige Meer, es war ein wun­der­bar­er Moment gewe­sen. Ich kon­nte Men­schen erken­nen, die unter Regen­schir­men spazierten, es schien windig zu sein, Kinder spiel­ten im Garten des Haus­es, unter dessen Dach Josephine seit Jahrzehn­ten lebt, Laub wirbelte herum, ein paar Läufer kreuzten durch das Bild, am Pier 5 ankerten zwei Schlep­per. Es war ein beina­he ver­trauter Aus­blick gewe­sen. Und wieder wack­elte das Bild und das Meer ver­schwand und Josephine wurde erneut sicht­bar. Kön­nen Sie mich sehen, wollte sie wis­sen, kön­nen Sie mich wirk­lich sehen? — stop

josephine

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roosevelt island

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MELDUNG. Seit heute Mor­gen, 4 Uhr mit­teleu­ropäis­ch­er Win­terzeit, ver­weigern fol­gende Kiemen­men­schen Nahrung jed­wed­er Art: Mr. und Mrs. Kekko­la [ NYC, 897 Lex­ing­ton Avenue ], Mr. und Mrs. Allis­ter [ NYC, 1223 2nd Avenue ], sowie Mr. und Mrs. Lei­bowitz [ NYC, 308 West 74th Street ]. Man fände keinen Ausweg, als entsch­ieden­sten Protest gegen Umsiedelung nach Roo­sevelt Island. — stop

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josephine besucht chelsea

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ulysses : 15.07 — Ich erin­nere mich an einen Tag im Mai des Jahres 2010, als Josephine und ich durch den Cen­tral Park spazierten. Es war ein warmer Tag gewe­sen, ein Tag, an dem Waschbären ihre Ver­stecke im Unter­holz flüchteten, um den Som­mer zu begrüßen. Nie zuvor hat­te ich per­sön­lich Waschbären gese­hen, und auch an diesem Tag hat­te ich kaum Zeit, sie zu beobacht­en, weil die betagte Dame an mein­er Seite süd­wärts drängte. Gut gelaunt schien sie ihr Alter nicht im min­desten zu spüren, und so fol­gten wir der 8th Avenue Rich­tung South Fer­ry, passierten die Port Author­i­ty Bussta­tion, das zen­trale Post­amt und die Penn Sta­tion, um nahe des Joyce-The­aters in die 18th Straße einzu­biegen. Beina­he zwei Stun­den waren wir bis dor­thin unter­wegs gewe­sen, es däm­merte bere­its. Vor dem Haus 264 West blieb Josephine ste­hen. Sie holte ihr Tele­fon aus der Hand­tasche und meldete mit lauter Stimme, dass sie bere­its unten vor dem Haus ste­hen würde und abge­holt zu wer­den wün­sche! Ein Herr, in etwa dem­sel­ben Alter, in dem sich Josephine befand, öffnete uns kurz darauf die Tür. Er war mit einem Haus­man­tel bek­lei­det, der in einem tiefen Blau leuchtete, hat­te kein­er­lei Haar auf dem Kopf und trug Turn­schuhe. Ich erin­nere mich, dass ich mich wun­derte über seine sehr großen Füße, denn der Mann, den mir Josephine mit dem Namen Valentin vorstellte, war eher zier­lich, wenn nicht klein ger­at­en. Während wir eine enge Treppe in den sech­sten Stock hin­auf­stiegen, dachte ich an diese Schuhe und auch daran, ob ich selb­st in ihnen über­haupt laufen kön­nte. Bald trat­en wir durch eine schmale Tür, hin­ter der sich ein Raum von uner­warteter Größe befand, ein Saal vielmehr, mit ein­er hohen Decke und einem gut gepflegten Boden von Holz, der nach Orangen duftete. Link­er Hand öffnete sich ein Fen­ster, das die gesamte Bre­ite des Raumes füllte, mit einem großar­ti­gen Aus­blick auf Chelsea, auf Dachgärten, Anten­nen und Satel­liten­wälder, ich glaubte, vor ein­er Stadt ohne Straßen zu ste­hen. Und da war nun dieser alte Mann in seinem blauen Haus­man­tel, der uns bat auf einem Sofa Platz zu nehmen, welch­es das einzige Möbel­stück gewe­sen war, das ich in dem Raum ent­deck­en kon­nte. Ein paar Wasser­flaschen rei­ht­en sich an ein­er der Wände, die von Back­stein waren, von hellem Rot, und an diesen Wän­den waren nun Papiere, Fotokopi­en von Buch­seit­en genauer, akku­rat aneinan­der gerei­ht, so dass sie die Wände des Saales bedeck­ten. Josephine schien sehr berührt zu sein von diesem Anblick. Sie saß mit durchge­drück­tem Rück­en auf dem Sofa und bewun­derte das Werk ihres Fre­un­des, der uns zu diesem Zeit­punkt bere­its vergessen zu haben schien. Er stand vor ein­er der Buch­seit­en und las. Es han­delte sich um ein Papi­er des 1. Band der Entdeck­ungsreisen nach Tahi­ti und in die Süd­see von Georg Forster in englis­ch­er Über­set­zung. Und wie wir den alten Mann beobachteten, erzählte mir Josephine, dass er das mit jedem der Büch­er machen würde, die er lesen wolle, er würde sie ent­fal­ten, ihre Zeichen­lin­ie sicht­bar machen, er lese immer im Ste­hen, er sei ein Wan­der­er. — stop

josephine

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PRÄPARIERSAAL : feuerherz

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nord­pol : 7.07 — In der ver­gan­genen Nacht habe ich in meinen Verze­ich­nis­sen nach einem E-Mail­brief gesucht, den mir eine junge Frau, Lid­wien, vor eini­gen Jahren notiert hat­te. Ich kon­nte den Brief nicht find­en, keine mein­er Such­maschi­nen, weil ich den Brief verse­hentlich ohne Namen abgelegt hat­te. Ich erin­nere mich noch gut an Lid­wien. Sie war eine zier­liche, fre­undliche und ziel­be­wusste Per­son, die mit einem leicht franzö­sis­chen Akzent for­mulierte. Ich hat­te sie ein­mal beobachtet wie sie im Prä­pari­er­saal mit ihren Hän­den in einem Säckchen wühlte, um kurz darauf innezuhal­ten und die Augen zu schließen. In dem Säckchen, das von schwarzem, lich­tun­durch­läs­sigem Stoff gewe­sen war, befan­den sich Knochen ein­er Hand. Es war die Auf­gabe Lid­wiens gewe­sen, unter den Knochen einen bes­timmten Knochen zu find­en und durch reines Tas­ten ein­deutig zu iden­ti­fizieren. Ich beobachtete die junge Frau, wie sie während ihrer Suche in dem strahlend hellen Licht des Saales ste­hend die Augen schloss, als ob sie in dieser Weise mit ihren Fin­ger­spitzen in der Dunkel­heit des Säckchens bess­er sehen kön­nte. Ein Gespräch fol­gte über Bilder, die der Saal in Lid­wiens Geist erzeugte. Kurz darauf erhielt ich einen Brief, in dem sie ihre Gedanken präzisierte. Genau diesen Brief suchte ich verge­blich, dann erin­nerte ich mich an den Titel eines Films, von dem die junge Frau berichtete hat­te, und schon war der Brief in meinen Archiv­en aufzus­püren gewe­sen. Lid­wien notierte unter anderem fol­gen­des: Wis­sen Sie, auf die Frage, ob die Bilder aus dem Saal in meinen All­t­ag hinüber gleit­en, kann ich mit einem total aufrichti­gen NEIN antworten. Ich habe über­legt, wie das über­haupt sein kann, da muss ein Fil­ter sein und ich finde diesen Fil­ter in meinem Gehirn wirk­lich faszinierend. Neulich habe ich ein Inter­view mit ein­er ehe­ma­li­gen Kinder­sol­datin aus dem Sudan gese­hen, die eine Biogra­phie mit dem Titel FEUERHERZ geschrieben hat­te. Drama­tis­che Dinge muss sie erlebt und für uns nahezu unvorstell­bare Bilder gese­hen haben. Auf die Frage, wie sie mit diesen grausamen Bildern umging, antwortete sie: Ich habe diese Bilder nicht beson­ders ver­ar­beit­et, denn ES WAR UNSER ALLTAG UND WIR WAREN ES NICHT ANDERS GEWOHNT. Ich habe diese Aus­sage mit meinen Erfahrun­gen in Beziehung geset­zt. Von dem Moment an, da ich die Prä­pari­er­hallen regelmäßig betrete und viele Stun­den des Tages darin ver­bringe, wer­den all die toten Kör­p­er, all die Prä­parate, die man auf unge­wohnte und selt­same Weise mit den eige­nen Hän­den bewirkt, ja ger­ade zu erschafft, und der beißende Geruch des For­ma­lins, zu meinem All­t­ag. In diesem Alltäglichen, in der Rou­tine, ver­lieren men­schliche Emo­tio­nen und die dazuge­höri­gen Bilder an Gewicht und Polar­ität : Aus lei­den­schaftlich­er Liebe wird Fre­und­schaft und Zusam­men­halt, und aus Angst und Furcht wird Fatal­is­mus und Gelassen­heit. – Und deshalb bleiben meine Bilder im Saal und ich lasse sie dort, wenn ich nach Hause zu mein­er Fam­i­lie gehe. — stop

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fox­trott : 15.07 — Die Such­mas­chine, von der ich gestern noch träumte am hel­l­licht­en Tag, war so groß wie eine Stre­ich­holzschachtel. Sie hock­te auf meinem Sofa und rührte sich nicht. Indem ich sie betra­chtete, wirk­te sie zunächst so, als wäre sie völ­lig unbe­weglich, denn es waren an dem Such­maschi­nen­we­sen keine Beine zu erken­nen, dafür an jed­er Seit­en­fläche ein kleines Auge, mit dem es sog­ar zwinkern kon­nte. Seine Haut ähnelte der Haut eines jun­gen Ele­fan­ten, es hat­te jedoch keine Ohren und auch keine Arme oder Hände, tat­säch­lich wirk­te das Wesen in diesem Moment als kön­nte es sich nicht von der Stelle bewe­gen. Welch ein Irrtum! Das Wesen kon­nte ganz anders, es kon­nte sich zum Beispiel von meinem Sofa erheben und durch die Luft fahren wie ein Bal­lon. Dazu holte es tief Luft, wurde größer und immer größer, bis es in etwa dop­pelt so groß gewor­den war wie zuvor. In dieser neuen Gestalt flog die kleine Such­mas­chine in Rich­tung meines Bücher­re­gals davon. Es war nun in diesem Flug kein Geräusch zu hören, völ­lig laut­los schwebte sie durch mein Zim­mer, wurde von einem Luftzug kurz aus der Bahn gewor­fen, fing sich wieder und ich rief ihr noch zu : Lamel­leniris! Es war erstaunlich. Es war ein kleines Wun­der. Das Wort schien sie zu beschle­u­ni­gen, sie erre­ichte rasch mein Regal und flog nun von links nach rechts die Rei­he der Buchrück­en ent­lang, hielt vor jedem der Büch­er ein­mal kurz an, und sie machte den Ein­druck, als ob sie sich in jedem dieser Momente tat­säch­lich mit dem Buch selb­st beschäftigte, in das Buch hinein­sah oder von seinem Duft kostete, wie auch immer. Nach eini­gen Flü­gen auf und ab, hielt sie vor einem der Büch­er an, es han­delte es sich um eine kleine Geschichte der Fotografie, die von Peter Nadas aufgeschrieben wor­den war. Nun wird man nicht glauben, was dann zu sehen war. Die kleine Such­mas­chine machte sich an dem Buch zu schaf­fen, sie schien über unsicht­bare Werkzeuge zu ver­fü­gen, ein Buch in den Griff zu bekom­men. Und das Buch pari­erte, es ließ sich aus dem Regal­fach lösen und flog nun mit mit der kleinen Mas­chine, die sich unter das Buch begeben hat­te, durch den Raum zu mir zurück, um in mein­er Nähe san­ft zu lan­den. Behut­sam set­zte sie sich neben das Buch, das sie für mich her­beige­holt hat­te und bedeutete mir mit stillem Nach­druck: Schau her, hier ist das Buch, in dem das Wort Lamel­leniris enthal­ten ist. Und so waren wir immer­hin schon einen Schritt weit­er als noch zuvor. — stop

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