atolle

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delta : 6.58 – Gegen 2 Uhr heute Nacht folgende Beob­ach­tung. Wenn ich um die Wort­gruppe schweres Wasser ein Verzeichnis leicht­sin­niger Asso­zia­tionen lege, verschwindet der Begriff in der Gestalt eines Atolls. Ob nicht viel­leicht Erin­ne­rung in dieser Form orga­ni­siert sein könnte? Gedan­ken­kreise um unter­ge­gan­gene ursprüng­liche Land­schaften. – stop

ping

advent

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delta : 20.08 – Sonntag. stop. 1. Advent. stop. Ich könnte das Wort Schnee schreiben. stop. Wie viel Zeit vergeht, ehe ich das Wort Schnee zu Ende geschrieben haben werde? stop. Einhun­dert Schnee­zeiten. stop. Wie viele Schnee­zeiten machen einen Tag? – stop

schnee

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alpha

~ : malcolm
to : louis
subject : SCHNEE
date : dec 2 12 0.15 p.m.

Über Nacht ist Schnee gefallen. Ein harter, böiger Wind fegt vom East River her durch die Straßen in den Park. Wir sind die ersten Spazier­gänger heute Morgen. Es ist beinahe still in der Dämme­rung. Weithin sehen wir hinter uns unsere eigene Spur auf dem Weg, den wir nord­wärts gehen. Immer wieder bleiben wir stehen, um nach Frankie zu sehen. Er scheint sich wohl­zu­fühlen, man könnte sagen, dass es sich bei diesem Eich­hörn­chen um einen Schnee­tau­cher handeln könnte. Für Minuten ist nichts von ihm zu sehen, aber dann plötz­lich sein Kopf, der aus dem Schnee ragt, er schüt­telt sich, seine Ohren beben, ja, Frankie scheint glück­lich zu sein in dieser neuen weißen Welt. Auch Möwen sind in den Central Park gekommen. Sie hocken auf Sitz­bänken und Mauern, ich glaube, sie haben es auf Zwerge wie Frankie abge­sehen, denkbar, dass sie den Schnee als Gewässer betrachten und jene Tiere, die sich für einen kurzen Moment an der Ober­fläche zeigen, für Fische, die sie jagen müssen. Es sind große Vögel, gelbe Augen, riesige Schnäbel, die uns heute Morgen tatsäch­lich Sorge bereiten, sie könnten Frankie erlegen und mit ihm aufs Meer hinaus­fliegen, mit all seinen Sensoren, die uns dann nicht weiter­helfen werden. Wann werden Sie uns besu­chen, Mr. Louis? Wir hoffen noch in diesem Winter! Einmal Frankie mit eigenen Augen betrachten, nicht wahr! Schnell ist er geworden. In der kommenden Woche wollen wir zum ersten Mal erproben, ob wir in der Lage sind, ihn mit unserer Fern­steue­rung beein­flussen zu können. Wir haben vor, Frankie in Kreisen durch den Park laufen zu lassen. – Aller­beste Grüße sendet ihn Malcolm / code­wort : hilla­rystep

empfangen am
03.12.2012
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malcolm to louis »

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schildkröte

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nordpol : 6.55 – Ich hörte eine Geschichte, die von einer Frau und einem Haus erzählt, das sich in einer alten nord­grie­chi­schen Stadt befindet. Es ist ein statt­li­ches, stei­nernes Haus, die Böden des Hauses sind von Holz wie die Treppen und Türen. Ein hoch­be­tagter Oliven­baum steht unweit des Hauses. Manchmal sitzen dort Sper­linge und pfeifen. Im Winter kann man Wölfe hören, wenn man die Fenster des Hauses öffnet. Hin und wieder kommen Schlangen zu Besuch und Eidechsen und Ameisen und Schild­kröten, ja, es gibt sehr viele Schild­kröten im Garten des Hauses, aber nicht im Winter, in keinem Winter, soweit Menschen zurück­denken können, hat irgend­je­mand Schild­kröten in der Nähe des Hauses, im Garten oder in der Stadt gesehen. In dem stei­nernen Haus also wohnt eine Frau. Sie wohnt seit wenigen Wochen allein, weil ihre Mutter gestorben ist. Über zehn Jahre lag die uralte Mutter in ihrem Bett und wurde von ihrer Tochter, die gleich­wohl eine ältere Frau ist, gepflegt. Das ist so üblich in Grie­chen­land, dass sich die jüngeren Menschen um die älteren Menschen kümmern, auch wenn sie selbst schon alte Menschen geworden sind. Als nun die Mutter der alten Frau starb, war es plötz­lich sehr still im Haus. Es war so still, dass die Frau glaubte, ihre Mutter noch zu hören. Nachts vernahm sie den Wind, aber der Wind war draußen gewesen hinter den Fens­tern, und sie hörte das Dach, wie es flüs­terte. Manchmal schloss die alte Frau ihre Augen in der Dunkel­heit und schlief ein. Es war immer dasselbe, sie hörte im Schlaf die Stimme ihrer Mutter, wie sie nach ihr rief, und ihren Atmen und wie ein Glas zu Boden stürzte und wie die Bett­decke gewendet wurde. Davon wurde sie immerzu wach, und sie hörte schar­rende Geräu­sche von der Treppe her, und wieder den Wind. Das ging Wochen so, kaum eine Nacht konnte die alte Frau schlafen, weil sie meinte, ihre Mutter zu hören. Einmal vor wenigen Tagen, nachdem sie wieder einmal wach­ge­worden war, verließ die alte Frau nachts ihr Bett. Sie stieg die Treppe hinab in die Küche. Wie sie das Licht anschal­tete sah sie inmitten der Küche eine sehr kleine, junge Schild­kröte sitzen. Gestern erst soll Schnee gefallen sein. – stop

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passagen

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sierra : 22.01 – Wieder das Glück, denken und aufzu­schreiben zu können mit eigenen Händen, was ich dachte oder was ich denke. Nacht­luft von hellen Schatten, als hätte das Wasser ein Gedächtnis von Licht. – stop

nachtgecko

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alpha : 2.28 – Das Museum der Nacht­häuser befindet sich am Shore Boule­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge befindet, die den New Yorker Stadt­teil Queens über den East River hinweg mit Randilis Island verbindet. Ich weiß nicht, ob das Museum noch immer exis­tiert, es war oder ist ein recht kleines Haus, rote Back­steine, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Garten, in dem verwit­terte Apfel­bäume stehen, und der Fluss so nah, dass man ihn riechen konnte. Während eines Spazier­ganges, zufällig, entdeckte ich dieses Museum, von dem ich nie zuvor hörte. Es war ein später Nach­mittag, ich musste etwas warten, weil das Museum nicht vor Einbruch der Dämme­rung öffnen würde, ein Museum für Nacht­men­schen eben, die in Nacht­häu­sern wohnen, welche erfunden worden waren, um Nacht­men­schen artge­rechtes Wohnen zu ermög­li­chen. Als das Museum dann endlich öffnete, war ich schon etwas müde geworden, und weil ich der einzige Besu­cher gewesen, führte mich ein junger Mann persön­lich herum. Er war sehr geduldig, wartete, wenn ich wie wild in mein Notiz­buch notierte, weil er span­nende Geschichten erzählte von jenen merk­wür­digen Gegen­ständen, die in den Vitrinen des Museums versam­melt waren. Von einem dieser Gegen­stände will ich kurz berichten, von einem metal­lenen Wesen, das mich an eine Kreu­zung von Gecko und Spinne erin­nerte. Das verros­tete Ding war von der Größe eines Schuh­kar­tons. An je einer Seite des Objekt saßen Beine fest, die über Saug­näpfe verfügten, eine Kamera thronte obenauf wie ein Reiter. Der junge Mann erzählte, dass es sich bei diesem Gerät um ein Instru­ment der Vertei­di­gung handelte, aus einer Zeit, da Nacht­men­schen mit Tagmen­schen noch unter ein und demselben Haus­dach wohnten. Das kleine Tier saß in der Vitrine in einer Haltung als würde er sich ducken, als würde es jeder­zeit wieder eine Wand besteigen wollen. Das war nämlich seine vornehme Aufgabe gewesen, Zimmer­wände zu besteigen in der Nacht, sich an Zimmer­de­cken zu heften und mit kleinen oder größeren Hammer­werk­zeugen Klopf- oder Schlag­ge­räu­sche zu erzeugen, um Tagmen­schen aus dem Schlaf zu holen, die ihrer­seits wenige Stunden zuvor noch durch ihre erbar­mungslos harten Schritte den Erfinder der Geck­o­ma­schine, einen Nacht­ar­beiter, aus seinen Träumen gerissen haben mochten. Es war, sagte der junge Mann, immer so gewesen damals in dieser schreck­li­chen Zeit, dass sich Tagmen­schen sicher fühlten vor Nacht­men­schen, die unter ihnen lebten, die mit Schritten Zimmer­de­cken ihrer Wohnung niemals erreichten. Aus und fini! - stop

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paleochora

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MELDUNG. Heim­tü­ckisch wurde Karl L., 28, Trinker, bereits in der Nacht zum Freitag an einem Strand nahe Paleo­chora [ Kreta ] von einer zweiten Flasche Gin getötet. – stop

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tod in peking

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tango : 0.25 – Ich war einmal dabei wie Teddy seine Kamera in den Park spazieren führte, an einem kalten, winter­li­chen Tag, es hatte geschneit. In den Händen des statt­li­chen runden Mannes sah der Foto­ap­parat, der einen Computer enthielt, klein aus, zerbrech­lich. Unent­wegt berich­tete sein stolzer Besitzer von den Möglich­keiten der Foto­grafie, die diese Kamera in Zukunft für ihn eröffnen würde. Es war eine Art Liebes­be­zie­hung, die ich damals beob­ach­tete, Teddy und seine kleine Licht­fang­ma­schine, wie er mit seinem dritten Auge den Schnee betas­tete, wie er mir erzählte, dass man Schnee eigent­lich nicht foto­gra­fieren könne. Das war vor vier oder fünf Jahren gewesen. Seither sind Teddy und seine Kamera weit herum gekommen in der Welt, vor allem reisten sie nach Peking, verbrachten dort mehrere Monate im Jahr, wanderten durch die große Stadt auf der Suche nach Augen­bli­cken, die Teddy sammelte. Es war ein Foto­gra­fieren wie ein Gespräch, auch ein Selbst­ge­spräch gegen die Verlo­ren­heit, gegen die Angst viel­leicht einmal wieder in den Alkohol zurück­zu­fallen, jedes Bild ein Beweis für die eigene Exis­tenz. Eine seiner Foto­gra­fien aus dem Sommer 2012 zeigt zwei Jungen, wie sie dem riesigen, runden Mann mit dem kleinen Foto­ap­parat begeg­neten. Der eine Junge scheint zu staunen, der andere will die rechte, seit­wärts ausge­streckte Hand des Foto­grafen berühren. Es ist eine typi­sche Foto­grafie, das Werk eines Künst­lers, der manchmal in Europa anrief, weil er sich einsam fühlte in irgend­einem Hotel der chine­si­schen Provinz bei Eis und Schnee. Auch in Peking hatte er Freunde, gute, wirk­liche Freunde, in seiner kleinen Wohnung dort wohnten eine junge Studentin und ihre Mutter. Vor wenigen Tagen erreichte mich nun die Nach­richt seines Todes, für den es zu diesem Zeit­punkt keine Erklä­rung gibt. Auf Face­book notierte er noch: Bitte beachte, dass ich prin­zi­piell keine Nach­richten schreibe oder beant­worte. Verwende bitte immer meine Mail-Adresse, um mich zu errei­chen. Per Mail bin ich stets zu errei­chen. – Lieber Teddy, ich werde das sofort versu­chen. – stop

wanderameisen

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echo : 0.55 – Es könnte even­tuell eine sehr span­nende Aufgabe sein, sich einmal seltene, nie zuvor gehörte Geräu­sche vorzu­stellen. Das Geräusch, zum Beispiel, ausschwär­mender Wander­ameisen. Welches Geräusch würden zwei­hun­dert hung­rige Eich­hörn­chen erzeugen, die über eine tief­ge­fro­rene Wiese galop­pieren? – stop

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eine sprechende maschine

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remington : 6.52 – Vor wenigen Tagen hatte ich von der Entde­ckung eines Museums der Nacht­häuser erzählt, das sich am Shore Boule­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge befindet, die den Stadt­teil Queens über den East River hinweg mit Randilis Island verbindet. Es ist noch immer ein recht kleines Haus, rote Back­steine, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Garten, in dem verwit­terte Apfel­bäume stehen, der Fluss so nah, dass man ihn riechen kann. Heute liegt der Garten tief verschneit. Ich stehe unter einem der Apfel­bäume, die ohne Blätter sind. Dieser Baum trägt seine Sommer­früchte so, als ob er sie fest­halten würde, sie sind etwas kleiner geworden, voller Falten, aber sie leuchten rot und sie duften. Der junge Mann, der mich bereits einmal durch das Museum geführt hatte, kommt in diesem Moment auf mich zu. Er freut sich, dass ich wieder­ge­kommen bin. Eine Weile stehen wir uns gegen­über, es ist zum Erbarmen kalt, wir treten von einem Bein aufs andere, während der junge Mann eine Ziga­rette raucht, dann ist es fast dunkel und wir treten wieder in das Museum ein. Er will mir eine kleine Maschine zeigen, die im ersten Stock seit vielen Jahren in einer weiteren Vitrine sitzt. Auf den ersten Blick scheint es sich um eine ähnliche Appa­ratur zu handeln, wie jene von der ich berich­tete. Ein Gecko von Metall, der in der Lage ist, sich zum Zwecke protes­tie­render Kommu­ni­ka­tion Wände hinauf an die Decke eines Zimmers zu begeben, um sich dort fest­zu­saugen. Aber anstatt eines oder mehrerer Schlag­in­stru­mente, mit welchen gegen die Decke getrom­melt werden könnte, verfügt dieses kleine Wesen über einen Laut­spre­cher, der wie ein Mund gestaltet ist, und deshalb hervor­ra­gend geeignet zu sein scheint, heftige Geräu­sche des Spre­chens zu erzeugen. Bei dieser Appa­ratur, sagt der junge Ange­stellte, handelt es sich um den ersten Decken­spre­cher der Geschichte, ein äußerst sinn­volles Gerät. Er fordert mich auf, näher zu treten. Sehen Sie genau hin, sehen Sie, er ist verbeult! Tatsäch­lich war der kleine eiserne Gecko von zahl­rei­chen Schlägen so verletzt, dass er viel­leicht kaum noch in der Lage gewesen war, seiner Aufgabe nach­zu­kommen. Denkbar ist, dass er in einer Nacht der Tagmen­schen derart wirkungs­voll gear­beitet haben könnte, dass man ihn fangen wollte, weshalb man in die Wohnung des Nacht­men­schen einge­bro­chen war, um ihn zum Schweigen zu bringen. Als man das rampo­nierte Gerät viele Jahre später öffnete, entdeckte man eine Tonband­spule, auf welcher Lite­ratur von Bedeu­tung fest­ge­halten war. Ein Bruch­stück der histo­ri­schen Aufnahme war noch vorhanden gewesen, und jetzt, in dieser Nacht, spielt mir der junge Mann vor, was der Apparat gespro­chen hatte. Eine äußerst laute schep­pernde Stimme ist zu vernehmen: Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett hinaus­kommen, aber dieser untere Teil, den er übri­gens noch nicht gesehen hatte und von dem er sich keine rechte Vorstel­lung machen konnte, erwies sich als zu schwer beweg­lich; es ging so langsam; und als er schließ­lich, fast wild geworden, mit gesam­melter Kraft, ohne Rück­sicht sich vorwärts stieß, hatte er die Rich­tung falsch gewählt, schlug an dem unteren Bett­pfosten heftig an, und der bren­nende Schmerz, den er empfand, belehrte ihn, dass gerade der untere Teil augen­blick­lich viel­leicht der empfind­lichste war. – Hier endet die Spule, ums sofort wieder von vorne zu beginnen. – stop

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mululela

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bamako : 3.05 – Habe in den vergan­genen Wochen verschie­dene Wörter­bü­cher unter­sucht, insbe­son­dere jene Samm­lungen, die im Hinter­grund zahl­rei­cher Text­edi­toren heim­liche Arbeit verrichten. Es ist so, dass auf der Ebene der Spra­chen, Nacht­men­schen in einem Wort exis­tieren, aber nicht Tagmen­schen. Das Wort Tagmensch wird sofort als nicht­kor­rektes Wort ausge­wiesen. Es scheint demzu­folge für am Tage lebende Menschen möglich zu sein, andere, nämlich Menschen, die über­wie­gend in der Nacht­zeit exis­tieren, mit einem Wort zu kenn­zeichnen, während hingegen Nacht­men­schen nicht möglich ist, jene Menschen, die die Nacht verschlafen, mit einem eindeu­tigen Wort zu bezeichnen. Das ist aus meiner Sicht zunächst seltsam, eine Übung, die sich vermut­lich bald ändern wird, indem sich Lebens­arten und Arbeits­welten der Menschen immer fort verdichten. – Flug­hafen. Leichter Schnee­fall. Es ist kurz vor drei Uhr. Eine riesige Antonow-Maschine rollt über das Flug­feld. Kein Laut zu hören vom Ungetüm, das doch fliegen kann. Wenigen Minuten zuvor erzählte mir Mulu­lela, 24, Trainee aus Kamerun, dass sich das Leben in Deutsch­land doch sehr vom Leben in Afrika unter­scheide. In ihrem Dorf, zum Beispiel, spaziere sie einfach los, wenn sie an jemanden denken würde, um diesen Menschen sofort zu besu­chen. In Deutsch­land müsse man zunächst tele­fo­nieren, fragen, sich ankün­digen. Über­haupt müsse man hier für alles, aber auch wirk­lich alles bezahlen, nur das Wasser in den Trink­brunnen scheine kostenlos zu sein und die Luft zum atmen. Ganz sicher sei sie sich in dieser Sache aber nicht! – stop

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die schrift meines vaters

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nordpol : 7.05 – Dass mein Vater älter wurde und müde, war seiner Schrift deut­lich anzu­sehen. Die Buch­staben wurden kleiner, manche standen senk­recht, andere neigten sich einer unsicht­baren Linie zu, auf der sie sich wort­weise vorwärts bewegten. Ich könnte sagen, die Schrift meines Vaters wirkte so, als wäre ein Sturm seit­wärts über sie hinweg­ge­fahren, zerzaust, und doch waren alle notwen­digen Buch­staben für jedes der Wörter, die mein Vater geschrieben hatte, gesetzt. Er notierte zuletzt gerne mit Hilfe der Tastatur seiner Compu­ter­ma­schine, das war nicht so anstren­gend, er vermochte die Größe der Zeichen zu vari­ieren, so dass er sehen konnte, was er gerade auf den Bild­schirm brachte. Einmal musste mein Vater einen Brief unter­zeichnen, es war ein Okto­bertag, mein Vater wartete lange Zeit vor dem Papier, das auf dem Tisch vor ihm ruhte, hielt den Stift, den man ihm gereicht hatte, in der Hand, betrach­tete diesen Stift, drehte ihn zwischen den Fingern, er zögerte den Moment hinaus, da er mit der Aufzeich­nung seines Namens beginnen würde. In diesem Moment ahnte ich, dass mein Vater seinen Namen malen würde, dass seine nicht­be­wusste Signatur, die ein Leben lang gültig gewesen war, nicht länger zu exis­tieren schien, oder dass er unter den Augen eines Beob­ach­ters sich nicht länger traute, seine urei­gene Signatur auszu­führen. Ja, mein Vater fürch­tete sich, weil der Wind der verge­henden Zeit seine Schrift erfasste. Sie war einmal eine akku­rate Schrift gewesen, eine Schrift wie gedruckt, sie notierte kompli­zierte mathe­ma­ti­sche Formeln, ohne je ihre Fassung auf den Papieren zu verlieren. Als Junge beschloss ich, diese Geheim­schrift der Zahlen und Wörter zu entschlüs­seln, bis sie noch vor meinem Vater selbst zu verschwinden begann. Zurück­ge­blieben sind nun seine Stifte in einer Schub­lade: Kugel­schreiber, Füll­fe­der­halter, Blei­stifte, Bunt­stifte, auch ein Werk­zeug, mit dem man in weisser Farbe notieren kann, viel­leicht um zu korri­gieren, viel­leicht um Nicht­sicht­bares auf das Papier zu setzen. – stop

ping

vor den kapverden

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delta : 6.58 – Vor zwei Jahren einmal meldete sich mein Vater am Telefon, er wollte mir einige Gedanken über­mit­teln. Ich hatte ihn gefragt, ob es Tief­see­ele­fanten in physi­ka­li­scher Hinsicht möglich sei, Atem­luft über kilo­me­ter­lange Rüssel in die Tiefe zu leiten. Mein Vater sendete mehrere Vari­anten einer Lösung dieses Problems, unter anderem dachte er darüber nach, dass die Luft gegen den stei­genden Druck des Wasser vermut­lich in einem Kammer­system in klei­neren Portionen nach unten gedrückt werden könnte. Das leuch­tete mir ein, ich war sehr zufrieden mit dieser Vorstel­lung eines Luft­trans­port­we­sens. In der vergan­genen Nacht habe ich mich an die Vorstel­lungen meines Vaters erin­nert, in einer Nacht, da ich Meldung erhielt, man habe vor den Kapverden Tief­see­ele­fanten gesichtet. Wieder ein Fischer­boot, wie es sich in einer leichten Meeres­strö­mung dreht. Schwei­gende Männer. Lampen­licht, das über das Wasser springt. Die Männer betrachten auch in diesen Minuten der Nacht schnau­bende Rüssel­spitzen einer riesigen Herde Tief­see­ele­fanten, die sich viel­leicht gerade eben auf den Weg begeben, den Atlantik zu durch­queren, geräusch­voll atmende, sich lieb­ko­sende samt­flei­schige Knit­ter­blüten. – Leichter, kühler Regen. – stop

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mondstimme

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charlie : 20.32 – Eine bewe­gende Geschichte erzählte Alex­ander Gerst, Astro­naut der ESA, er wird im Jahr 2014 auf der Inter­na­tio­nalen Raum­sta­tion ISS forschen und arbeiten. Sein Groß­vater sei ein begeis­terter Funker gewesen. Er habe in einem Keller­raum, der brummte und summte, eine Funk­sta­tion betrieben, Knöpfe, Schalter, Antennen, ein faszi­nie­render Ort. Einmal habe sein Groß­vater eine seiner Antennen zum Mond hin ausge­richtet und der kleine Junge habe kurz darauf in das Mikro­phon gespro­chen. Zwei­ein­halb Sekunden später seien Frag­mente seiner Nach­richt, reflek­tiert von der Mond­ober­fläche, zurück­ge­kehrt. Der Astro­naut erin­nert sich seiner Begeis­te­rung als er begriff, dass Teile seiner Person gerade eben in Berüh­rung mit dem Mond gewesen waren. – stop

polaroidwalker

schneeechsen

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ulysses : 6.55 – Im Traum spaziere ich die winter­liche Küste der Staten Island Insel entlang. Sandiger Boden, Strand, der unter meinen Füßen knis­tert. Es ist sehr kalt, der Schnee in der Nähe des Wassers geschmolzen, land­ein­wärts aber türmt er sich, Wehen, die Kiefern­bäume, die ganze Häuser verschlu­cken. An meiner Seite wandert eine alte, hoch­ge­wach­sene Frau. Sie erzählt in rasender Geschwin­dig­keit eine Geschichte, die ich nicht wirk­lich wahr­nehmen kann, weil ich ihre Sprache nicht verstehe. Aber das scheint die alte Frau nicht weiter zu kümmern, viel­leicht erzählt sie nur deshalb unent­wegt vor sich her, damit ich ihre Stimme hören kann und sie in der Dunkel­heit nicht verliere. Tatsäch­lich ist fast licht­lose Nacht, nur ein halber Mond und ein paar größere Schiffe weit draußen, die in Rich­tung des offenen Atlan­tiks fahren. Ich erin­nere mich, dass die alte Frau eine Pelz­mütze und einen Pelz­mantel trägt, sommer­liche Schuhe, Sport­schuhe, und keinerlei Strümpfe. Um sie herum flitzen Eidechsen, sie scheinen ihr zu folgen, weiss sind sie wie der Schnee, aus dem sie gekommen sind. Wenn ich mich bücke kommen sie neugierig näher, Ich kann sie aufheben, ich kann sie zerbre­chen, sie tragen schnee­weisse Zungen in ihren kleinen Mündern und sie fauchen und tauen, sobald ich sie in meine Hosen­ta­sche stecke. In diesem Moment meine ich, die alte Frau mit einem Namen ange­spro­chen zu haben, an den ich mich nicht erin­nern kann. Einmal bleibt sie stehen, kauert sich auf den Boden, singt leise eine Melodie vor sich hin, der Faden ihrer Stimme wird sichtbar in der fros­tigen Luft. Jetzt hebt sie Steine aus dem Sand, schichtet sie über­ein­ander, so dass sie Türme bilden, die sich in der Dunkel­heit wie Wäch­ter­wesen, wie Mahnende benehmen. Ein hell beleuch­tetes Fähr­schiff fährt dicht am Ufer entlang. Ich sehe Menschen, die tanzen. Das Schiff wird von weiteren Menschen gezogen, die im eiskalten Wasser schwimmen. – stop

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nachtbäume

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nordpol : 6.55 – Ein müdes Kind mit gerö­tetem Gesicht gestern Abend im Zug. Das Kind beob­achtet mich wie ich auf meiner Schreib­ma­schine notiere. Sehr aufmerksam schaut es zu, große Augen, die selbst nicht müde zu sein scheinen. Meine Finger sind zunächst schnell, bald werden sie lang­samer unter diesem Blick, viel­leicht weil ich an meine Hände zu denken beginne. Plötz­lich erkun­digt sich das Kind: Was schreibst Du? Ich antworte, ohne zu zögern: Ich schreibe von den Nacht­bäumen. Was ist das, fragt das Kind. Nacht­bäume sind Bäume, die in der Nacht wach sind und am Tag schlafen. Kann man sie sehen, will das Kind wissen. In diesem Moment begegnen sich unsere Blicke in der glei­chen Frage. Ich habe keine Antwort und das Kind schliesst seine Augen und schläft von einer Sekunde zu anderen Sekunde ein. – stop

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eine alte frau

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delta : 7.28 – Eine alte Frau in den Schuhen eines Mannes. Sie ist klein, sie geht gebückt. Der Mann, zu dem früher einmal die Schuhe der alten, gebückt gehenden Frau gehörten, muss ein Mann von statt­li­cher Größe gewesen sein. Sie kann ihre Füße nicht vom Boden heben, ohne den schüt­zenden Raum der riesigen Schuhe zu verlassen. Deshalb geht sie in einer Weise, als sie würde auf Skiern laufen. Links in der Hand trägt sie einen Stock, auf den sie sich stützt, sobald sie einmal stehen bleibt. Sie trägt einen grauen Winter­mantel, graue Hosen, einen grauen Schal. Auch ihr Haar ist von grauer Farbe. Eigent­lich fällt sie kaum auf in der Menschen­menge, weil sie zier­lich ist und ohne Laut. Sie wandert in ihren Schnee­schuhen über den Central­bahnhof von Müll­eimer zu Müll­eimer, um jeweils in die Tiefe der Behäl­ter­schlünde zu spähen. Ich frage mich, was sie suchen könnte, viel­leicht Flaschen oder ein Brot oder den Rest eines Apfels. Ich kenne die Erschei­nung dieser Frau, ich kenne sie seit Jahren. Sie ist ein Leicht­ge­wicht, wenn ich sie mit den schweren, den voll­ständig vermummten Gestalten der New Yorker Straßen in Bezie­hung setze. Als ich sie zum ersten Mal wahr­ge­nommen habe, dachte ich: Diese Frau könnte meine Mutter sein, was ist geschehen? Damals sah die alte Frau sehr krank aus und schmutzig und sie roch sehr streng. Ihre Augen waren gelb­lich verfärbt, daran erin­nere ich mich genau, ich über­legte, ob sie viel­leicht bald sterben wird. Das war vor zwei oder drei Jahren gewesen. Wie ich sie heute wieder sehe, die alte Frau in den Schuhen eines Mannes, denke ich, sie ist wie eine Figur, die immer irgendwo in Bahn­höfen anwe­send ist, die immer wieder über eine dieser Reise­bühnen schreitet, ohne je weiter­zu­fahren, diese Wege von Müll­eimer zu Müll­eimer und wieder zurück auf der Suche nach etwas Nahrung oder Pfand. An diesem Abend über­hole ich sie, wende und bücke mich, so dass ich ihr nahe­komme. Sie hält an, schaut mir in die Augen. Ihre Haut ist weich und weiss und ihre Pupillen sind klar. Ich sage: Entschul­digen Sie bitte. Darf ich ihnen etwas geben? In dem Moment da sie mir eine Hand entgegen streckt, sagt sie mit der Stimme eines Mädchens so hell: Danke, warum? – stop

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vom vergessen

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delta : 6.58 – Ich übe mich seit einigen Stunden darin, mir vorzu­stellen, was geschehen würde, wenn in meinem Gehirn ein Prozess lang­samer Entlee­rung einsetzen würde. Jedes Wort, das ich demzu­folge laut formu­lierte, würde zum weiteren Denken, aber nicht länger für mein Spre­chen zur Verfü­gung stehen. Nach einer Minute bereits würde ich mich für eine unbe­stimmte Zeit, ohne Artikel zu verstän­digen haben. Und weil ich viel­leicht sagen würde, – ich fürchte mich, es ist seltsam, helfen sie mir bitte! -, wären sofort zehn weitere Begriffe verloren, die für die Kommu­ni­ka­tion eines Hilfe­su­chenden in der Not kostbar oder unver­zichtbar sind. Ich sehe mich, wie ich versuche das Wort BITTE auf ein Stück Papier aufzu­tragen. Aber auch das ist unmög­lich geworden, jedes der in die Luft entwi­chenen Wörter lässt sich nicht nur nicht spre­chen, sondern auch nicht schreiben. Ich würde also, um nicht ganz verloren zu gehen, verstummen, ich würde versu­chen, so wenig wie möglich zu spre­chen, um jedes der Wörter, die noch möglich sind, aufzu­be­wahren bis sie ein letztes Mal in je einem beson­deren Moment vorge­tragen werden könnten. Das Wort KOLIBRI, das Wort KONTRABASS, das Wort SCHREIBMASCHINE. Viel­leicht würde ich über­haupt nie wieder spre­chen, sondern nur noch schreiben. Ich wäre ein Mensch, der einer­seits spre­chen könnte, ande­rer­seits aber doch verstummen müsste. Selt­same Sache. – stop

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buenos aires

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MELDUNG. Ange­sichts einer im Sand vorlie­genden Brosche von Nilpferd­dung und schil­lernden Flie­gen­rü­cken, wurde Julio L. bereits am Sonntag, 16. Dezember, gegen 16 Uhr bei schönstem Sonnen­licht im Zoolo­gi­schen Garten zu Buenos Aires von Eleo­nore B. das Jawort erteilt. Am Kunst­werk, am Glück, haben mitge­wirkt: 57 Tiere der Gattung Calli­pho­ridae in himmel­blauer Panze­rung, 15 Rüssel­käfer von grün­gol­dener Beleuch­tung, 1 Pillen­dreher, schwarz. – stop

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teegedanken

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nordpol

~ : oe som
to : louis
subject : TEEGEDANKEN
date : dec 21 12 11.05 p.m.

Einige Tage und Nächte haben wir alle gemeinsam in der Werk­statt zuge­bracht. Noe konnte uns hören in der Tiefe, wir hatten unsere Mikro­phone nicht ausge­schaltet, um ihn teil­haben zu lassen an unserem Leben. Jetzt, lieber Louis, jetzt da der heilige Abend näher kommt, wird Noe melan­cho­lisch. Er fragte wieder nach seinen Eltern, ob seine Mutter und sein Vater noch lebten. Was sollen wir antworten? Was nur, verdammt, sollen wir antworten? Nichts als die Wahr­heit? Wir wissen es nicht! Und so tun wir unser Bestes, Noe aufzu­hei­tern. Benny Goodman spielt von der Konserve: Live at Carne­gie­hall. Noe liebt Benny Goodman seit Kind­heits­tagen. Weiterhin haben wir Noe in eine leichte, beru­hi­gende Schwin­gung versetzt, er pendelt jetzt unter dem Schiff mit einer Ampli­tude von 20 Metern nach links und nach rechts. Indessen ahnt Noe nicht, was hier oben bei uns vor sich geht. Es ist nämlich so, dass wir unserem Taucher eine Über­ra­schung bereiten werden. Eric, unser Maschi­nist, hatte die Idee, einen Weih­nachts­baum für Noe zu konstru­ieren, die Anmu­tung eines Weih­nachts­baumes genauer, der geeignet ist, in die Tiefe gelassen zu werden. Wir haben uns Mühe gegeben, der Baum ist hübsch geworden, drei Meter hoch, ein Gebilde aus Metall, das über einen Stamm und Äste verfügt. Da und dort haben wir Unter­was­ser­f­a­ckeln befes­tigt, die wir von der Ferne zünden werden. Ein beson­derer Abend, lieber Louis, steht bevor! Ob wir das Licht erkennen werden an der Ober­fläche des Meeres? Was wird Noe sagen? Und wie werden die Fische, die großen und die kleinen Raub­fi­sche reagieren? – Es ist jetzt Freitag und spät. Ein Duft von Zimt, Gewürz­nelken und Kaffee strömt durch das Schiff. Am Montag werden wir uns ein paar junge Süßwas­ser­welse braten. Es geht alles also einen guten Weg. Vor Stunden noch zitierte Taucher Noe aus dem Gedächtnis einen weisen Satz, den der Philo­soph Guido Cero­netti in seinen Teege­danken notierte. Noe sagte: Wenn ich wie ein Verlierer leben könnte, wäre ich es etwas weniger. – In diesem Sinne, lieber Louis : Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
22.12.2012
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polaroidschirme

josephine auf dem bildschirm

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echo : 15.07 – Gestern Abend habe ich zum ersten Mal mit Jose­phine, einer alten Dame, die in Brooklyn wohnt, ein Gespräch über Skype geführt. Ich weiss nicht genau wie lange Zeit ich benö­tigte, sie davon zu über­zeugen, dass das Tele­fo­nieren mittels eines Compu­ters nicht gefähr­lich sei, viel­mehr ange­nehm, weil man einander sehen könne, wenn­gleich etwas in der Zeit verzö­gert. Ich glaube, es waren Monate gewesen. Ich musste ihr zuletzt hoch und heilig verspre­chen, keine Foto­gra­fien von ihrem Abbild zu machen, oder nur dann, wenn sie mir das Foto­gra­fieren ausdrück­lich gestatten würde. – Früher Nach­mittag in Brooklyn, die Sonne schien noch, genau die Sonne, die bei mir längst unter­ge­gangen war. Jose­phine hatte eine Lese­brille aufge­setzt, ihr rotes Haar schim­merte im hellen Licht, das von den Fens­tern her auf sie fiel. Aber das Zimmer, in dem sie saß, lag im Schatten. Ich konnte eine Lampe erkennen, die neben jenem Schreib­tisch stand, vor dem Jose­phine Platz genommen hatte, um genau in diesem Moment mein Gesicht auf einem Bild­schirm zu betrachten. Wir waren uns schon einmal persön­lich begegnet, aber nicht in dieser Weise, ich konnte sehen, dass sie sich geschminkt hatte und ein wenig nervös war, vermut­lich deshalb, weil sie nicht wie üblich im Gespräch mit ihrem Telefon auf und ab laufen konnte. Wie geht es Ihnen, erkun­digte sie sich. Ich antwor­tete, dass es mir gut gehen würde, eine leichte Erkäl­tung viel­leicht, nichts Ernstes. Es soll kalt werden in den kommenden Tagen, sagte Jose­phine. Sie sprach langsam, über­legt, wie immer, wenn sie in deut­scher Sprache formu­lierte, und sie lachte und stand kurz darauf vor dem Computer auf, so dass sie für mich unsichtbar wurde. Sie fragte, ob ich sie noch hören könne, das Bild, das ich auf dem Schirm meines Compu­ters sehen konnte, wackelte jetzt, weil sich der Computer der alten Dame selbst zu bewegen schien. Tatsäch­lich hatte sie ihr Netbook vom Tisch gehoben und war mit ihm zum Fenster gelaufen, hatte die kleine Maschine auf das Fens­ter­sims gestellt, so dass ich einen Ausblick hatte auf die Brooklyn Heights Prome­nade, auf das duns­tige Meer, es war ein wunder­barer Moment gewesen. Ich konnte Menschen erkennen, die unter Regen­schirmen spazierten, es schien windig zu sein, Kinder spielten im Garten des Hauses, unter dessen Dach Jose­phine seit Jahr­zehnten lebt, Laub wirbelte herum, ein paar Läufer kreuzten durch das Bild, am Pier 5 ankerten zwei Schlepper. Es war ein beinahe vertrauter Ausblick gewesen. Und wieder wackelte das Bild und das Meer verschwand und Jose­phine wurde erneut sichtbar. Können Sie mich sehen, wollte sie wissen, können Sie mich wirk­lich sehen? – stop

jose­phine

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roosevelt island

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MELDUNG. Seit heute Morgen, 4 Uhr mittel­eu­ro­päi­scher Winter­zeit, verwei­gern folgende Kiemen­men­schen Nahrung jedweder Art: Mr. und Mrs. Kekkola [ NYC, 897 Lexington Avenue ], Mr. und Mrs. Allister [ NYC, 1223 2nd Avenue ], sowie Mr. und Mrs. Leibo­witz [ NYC, 308 West 74th Street ]. Man fände keinen Ausweg, als entschie­densten Protest gegen Umsie­de­lung nach Roose­velt Island. – stop

polaroidfluechtling

josephine besucht chelsea

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ulysses : 15.07 – Ich erin­nere mich an einen Tag im Mai des Jahres 2010, als Jose­phine und ich durch den Central Park spazierten. Es war ein warmer Tag gewesen, ein Tag, an dem Wasch­bären ihre Verstecke im Unter­holz flüch­teten, um den Sommer zu begrüßen. Nie zuvor hatte ich persön­lich Wasch­bären gesehen, und auch an diesem Tag hatte ich kaum Zeit, sie zu beob­achten, weil die betagte Dame an meiner Seite südwärts drängte. Gut gelaunt schien sie ihr Alter nicht im mindesten zu spüren, und so folgten wir der 8th Avenue Rich­tung South Ferry, passierten die Port Autho­rity Bussta­tion, das zentrale Postamt und die Penn Station, um nahe des Joyce-Thea­ters in die 18th Straße einzu­biegen. Beinahe zwei Stunden waren wir bis dorthin unter­wegs gewesen, es dämmerte bereits. Vor dem Haus 264 West blieb Jose­phine stehen. Sie holte ihr Telefon aus der Hand­ta­sche und meldete mit lauter Stimme, dass sie bereits unten vor dem Haus stehen würde und abge­holt zu werden wünsche! Ein Herr, in etwa demselben Alter, in dem sich Jose­phine befand, öffnete uns kurz darauf die Tür. Er war mit einem Haus­mantel bekleidet, der in einem tiefen Blau leuch­tete, hatte keinerlei Haar auf dem Kopf und trug Turn­schuhe. Ich erin­nere mich, dass ich mich wunderte über seine sehr großen Füße, denn der Mann, den mir Jose­phine mit dem Namen Valentin vorstellte, war eher zier­lich, wenn nicht klein geraten. Während wir eine enge Treppe in den sechsten Stock hinauf­stiegen, dachte ich an diese Schuhe und auch daran, ob ich selbst in ihnen über­haupt laufen könnte. Bald traten wir durch eine schmale Tür, hinter der sich ein Raum von uner­war­teter Größe befand, ein Saal viel­mehr, mit einer hohen Decke und einem gut gepflegten Boden von Holz, der nach Orangen duftete. Linker Hand öffnete sich ein Fenster, das die gesamte Breite des Raumes füllte, mit einem groß­ar­tigen Ausblick auf Chelsea, auf Dach­gärten, Antennen und Satel­li­ten­wälder, ich glaubte, vor einer Stadt ohne Straßen zu stehen. Und da war nun dieser alte Mann in seinem blauen Haus­mantel, der uns bat auf einem Sofa Platz zu nehmen, welches das einzige Möbel­stück gewesen war, das ich in dem Raum entde­cken konnte. Ein paar Wasser­fla­schen reihten sich an einer der Wände, die von Back­stein waren, von hellem Rot, und an diesen Wänden waren nun Papiere, Foto­ko­pien von Buch­seiten genauer, akkurat anein­ander gereiht, so dass sie die Wände des Saales bedeckten. Jose­phine schien sehr berührt zu sein von diesem Anblick. Sie saß mit durch­ge­drücktem Rücken auf dem Sofa und bewun­derte das Werk ihres Freundes, der uns zu diesem Zeit­punkt bereits vergessen zu haben schien. Er stand vor einer der Buch­seiten und las. Es handelte sich um ein Papier des 1. Band der Entde­ckungs­reisen nach Tahiti und in die Südsee von Georg Forster in engli­scher Über­set­zung. Und wie wir den alten Mann beob­ach­teten, erzählte mir Jose­phine, dass er das mit jedem der Bücher machen würde, die er lesen wolle, er würde sie entfalten, ihre Zeichen­linie sichtbar machen, er lese immer im Stehen, er sei ein Wanderer. – stop

jose­phine

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PRÄPARIERSAAL : feuerherz

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nordpol : 7.07 – In der vergan­genen Nacht habe ich in meinen Verzeich­nissen nach einem E-Mail­brief gesucht, den mir eine junge Frau, Lidwien, vor einigen Jahren notiert hatte. Ich konnte den Brief nicht finden, keine meiner Such­ma­schinen, weil ich den Brief verse­hent­lich ohne Namen abge­legt hatte. Ich erin­nere mich noch gut an Lidwien. Sie war eine zier­liche, freund­liche und ziel­be­wusste Person, die mit einem leicht fran­zö­si­schen Akzent formu­lierte. Ich hatte sie einmal beob­achtet wie sie im Präpa­rier­saal mit ihren Händen in einem Säck­chen wühlte, um kurz darauf inne­zu­halten und die Augen zu schließen. In dem Säck­chen, das von schwarzem, licht­un­durch­läs­sigem Stoff gewesen war, befanden sich Knochen einer Hand. Es war die Aufgabe Lidwiens gewesen, unter den Knochen einen bestimmten Knochen zu finden und durch reines Tasten eindeutig zu iden­ti­fi­zieren. Ich beob­ach­tete die junge Frau, wie sie während ihrer Suche in dem strah­lend hellen Licht des Saales stehend die Augen schloss, als ob sie in dieser Weise mit ihren Finger­spitzen in der Dunkel­heit des Säck­chens besser sehen könnte. Ein Gespräch folgte über Bilder, die der Saal in Lidwiens Geist erzeugte. Kurz darauf erhielt ich einen Brief, in dem sie ihre Gedanken präzi­sierte. Genau diesen Brief suchte ich vergeb­lich, dann erin­nerte ich mich an den Titel eines Films, von dem die junge Frau berich­tete hatte, und schon war der Brief in meinen Archiven aufzu­spüren gewesen. Lidwien notierte unter anderem folgendes: Wissen Sie, auf die Frage, ob die Bilder aus dem Saal in meinen Alltag hinüber gleiten, kann ich mit einem total aufrich­tigen NEIN antworten. Ich habe über­legt, wie das über­haupt sein kann, da muss ein Filter sein und ich finde diesen Filter in meinem Gehirn wirk­lich faszi­nie­rend. Neulich habe ich ein Inter­view mit einer ehema­ligen Kinder­sol­datin aus dem Sudan gesehen, die eine Biogra­phie mit dem Titel FEUERHERZ geschrieben hatte. Drama­ti­sche Dinge muss sie erlebt und für uns nahezu unvor­stell­bare Bilder gesehen haben. Auf die Frage, wie sie mit diesen grau­samen Bildern umging, antwor­tete sie: Ich habe diese Bilder nicht beson­ders verar­beitet, denn ES WAR UNSER ALLTAG UND WIR WAREN ES NICHT ANDERS GEWOHNT. Ich habe diese Aussage mit meinen Erfah­rungen in Bezie­hung gesetzt. Von dem Moment an, da ich die Präpa­rier­hallen regel­mäßig betrete und viele Stunden des Tages darin verbringe, werden all die toten Körper, all die Präpa­rate, die man auf unge­wohnte und selt­same Weise mit den eigenen Händen bewirkt, ja gerade zu erschafft, und der beißende Geruch des Forma­lins, zu meinem Alltag. In diesem Alltäg­li­chen, in der Routine, verlieren mensch­liche Emotionen und die dazu­ge­hö­rigen Bilder an Gewicht und Pola­rität : Aus leiden­schaft­li­cher Liebe wird Freund­schaft und Zusam­men­halt, und aus Angst und Furcht wird Fata­lismus und Gelas­sen­heit. – Und deshalb bleiben meine Bilder im Saal und ich lasse sie dort, wenn ich nach Hause zu meiner Familie gehe. – stop

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foxtrott : 15.07 – Die Such­ma­schine, von der ich gestern noch träumte am hell­lichten Tag, war so groß wie eine Streich­holz­schachtel. Sie hockte auf meinem Sofa und rührte sich nicht. Indem ich sie betrach­tete, wirkte sie zunächst so, als wäre sie völlig unbe­weg­lich, denn es waren an dem Such­ma­schi­nen­wesen keine Beine zu erkennen, dafür an jeder Seiten­fläche ein kleines Auge, mit dem es sogar zwin­kern konnte. Seine Haut ähnelte der Haut eines jungen Elefanten, es hatte jedoch keine Ohren und auch keine Arme oder Hände, tatsäch­lich wirkte das Wesen in diesem Moment als könnte es sich nicht von der Stelle bewegen. Welch ein Irrtum! Das Wesen konnte ganz anders, es konnte sich zum Beispiel von meinem Sofa erheben und durch die Luft fahren wie ein Ballon. Dazu holte es tief Luft, wurde größer und immer größer, bis es in etwa doppelt so groß geworden war wie zuvor. In dieser neuen Gestalt flog die kleine Such­ma­schine in Rich­tung meines Bücher­re­gals davon. Es war nun in diesem Flug kein Geräusch zu hören, völlig lautlos schwebte sie durch mein Zimmer, wurde von einem Luftzug kurz aus der Bahn geworfen, fing sich wieder und ich rief ihr noch zu : Lamel­leniris! Es war erstaun­lich. Es war ein kleines Wunder. Das Wort schien sie zu beschleu­nigen, sie erreichte rasch mein Regal und flog nun von links nach rechts die Reihe der Buch­rü­cken entlang, hielt vor jedem der Bücher einmal kurz an, und sie machte den Eindruck, als ob sie sich in jedem dieser Momente tatsäch­lich mit dem Buch selbst beschäf­tigte, in das Buch hineinsah oder von seinem Duft kostete, wie auch immer. Nach einigen Flügen auf und ab, hielt sie vor einem der Bücher an, es handelte es sich um eine kleine Geschichte der Foto­grafie, die von Peter Nadas aufge­schrieben worden war. Nun wird man nicht glauben, was dann zu sehen war. Die kleine Such­ma­schine machte sich an dem Buch zu schaffen, sie schien über unsicht­bare Werk­zeuge zu verfügen, ein Buch in den Griff zu bekommen. Und das Buch parierte, es ließ sich aus dem Regal­fach lösen und flog nun mit mit der kleinen Maschine, die sich unter das Buch begeben hatte, durch den Raum zu mir zurück, um in meiner Nähe sanft zu landen. Behutsam setzte sie sich neben das Buch, das sie für mich herbei­ge­holt hatte und bedeu­tete mir mit stillem Nach­druck: Schau her, hier ist das Buch, in dem das Wort Lamel­leniris enthalten ist. Und so waren wir immerhin schon einen Schritt weiter als noch zuvor. – stop

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