lakritze

picping

MELDUNG. Ein halbes Pfund Lakritze bei Macy’s [ 151 West 34th Strasse, NY ], damit in der Tüte ist Odile, eine Rose, zwanzigelf voller Glück über die Straße gegan­gen. — stop

ping

uhrenwesen

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sier­ra : 6.33 — Im Traum saß ich ein­mal in einem Zug in näch­ster Nähe eines Mannes und wun­derte mich, weil ich ein merk­würdi­ges, ein sandig wis­pern­des Geräusch ver­nahm, das von dem Mann auszuge­hen schien. Er schlief tief und fest, erwachte auch dann nicht, als ich mich über ihn beugte und in eine der Taschen seines Man­tels spähte. Die Tasche war gefüllt mit Arm­ban­duhren. Als ich eine der Uhren her­aus­nahm, ruhte sie warm in mein­er Hand. Ich legte ein Ohr an den Kör­p­er der Uhr und hörte das Herz der Uhr leise schla­gen und eine sehr helle Stimme noch, die Sekun­den zählte. — stop
polaroid28

josephine auf der si mary murray

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tan­go : 6.34 — Ist das nicht eine wun­der­bare Vorstel­lung, wie sich Josephine an einem war­men Sam­stagvor­mit­tag auf den Weg macht nach New Jer­sey, um das Wrack der MS Mary Mur­ray zu besichti­gen? Wie sie ein Taxi ordert. Wie der Fahrer erzählt, dass er noch nie eine so weite Fahrt unter­nom­men habe im Auf­trag. Eigentlich dürfe er mit seinem Wagen die Stadt nicht ver­lassen. Also steigen sie in Josephines Auto um, einen ural­ten Buick, der seit über einem Jahrzehnt nicht aus der Garage bewegt wor­den war. Sie nehmen die Ver­razano-Nar­rows Bridge süd­wärts. Josephine raucht schon lange nicht mehr, aber heute macht sie eine Aus­nahme, eine. Ihr dünnes weißes Haar, das im Wind flat­tert, fängt sie mit wendi­gen Fin­gern wieder ein. Sie trägt Turn­schuhe und ein orange­far­benes som­mer­lich­es Kleid. Die Haut ihrer Beine, Arme, Schul­tern ist hell wie ihr Haar. Eine Stunde rauschen sie wort­los auf dem New Jer­sey Turn­pike dahin. Nahe Free­holf hal­ten sie an. Gle­ich neben dem High­way bewegt sich ein Fluss, dun­kles, müdes Wass­er, langsam. Am Ufer wartet ein junger, bär­tiger Mann in einem Pad­del­boot von leuch­t­end rot­er Farbe. Wie Josephine sich in diesem Augen­blick wün­scht, fotografiert zu wer­den, wie sie sich in das Boot set­zt, wie sie ihren Stro­hhut mit bei­den Hän­den zurechtrückt, dann fahren sie los unter mächti­gen Brück­en hin­durch in Rich­tung des Rar­i­tan­flusses. Möwen ste­hen im brack­i­gen Wass­er. Es ist fast still, nur das Geräusch des Pad­dels, ein paar Fliegen brum­men durch die Luft. Ein­mal nähert sich ein Hub­schrauber der Küstenwache, dreht wieder ab. Und plöt­zlich ist sie zu sehen, eine Fata Mor­gana in der Land­schaft, das aus­rang­ierte gewaltige Fährschiff der Stat­en Island Flotte, die MS Mary Mur­ray. Schlag­seite steuer­bor­ds ruht sie in einem Bett von Schilf, Libellen schießen hin und her, blaue und grüne riesige Tiere. Wie sich Josephine und der junge Mann dem Schiff­swrack vor­sichtig näh­ern. Wie der junge Mann eine Leit­er am Rumpf des Schiffes befes­tigt. Wir sehen der alten Dame zu, wie sie vor­sichtig Sprosse um Sprosse erk­limmt. Ihr behut­samer Gang über das Deck, das sich neigt. Jet­zt, da die Far­ben vom Schiff­skör­p­er fall­en, von Stür­men und Regen gepeitscht, von der Sonne gebran­nt, kann man das hölz­erne Herz der alten Flot­ten­dame erken­nen, Käfer und Ameisen spazieren über die Sitzbänke der Prom­e­nade. Josephine muss nicht lange suchen, im Schat­ten ein­er Ulme, die sich über das Schiff zu beu­gen scheint, eine Sitzbank, hier genau, ja, hier genau muss die Schrift ihrer Schwest­er Geral­dine zu ent­deck­en sein, ein Satz nur, den das kleine Mäd­chen im Jahr 1952 an einem Som­mer­nach­mit­tag auf dem Weg von Man­hat­tan nach Stat­en Island in das Holz der Bank ger­itzt hat­te, während ihre Zwill­ingss­chwest­er Char­lotte sie vor Ent­deck­ung schützte. Wie Josephines zit­ternde Fin­ger in diesem Augen­blick über die Ver­tiefung der Zeichen fahren. — stop

josephine

ping

lufträume

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bamako : 6.30 — Der Stuhl meines Vaters im Zim­mer vor den Bäu­men. Sobald ich mich set­ze, spüre ich seine Gegen­wart als wäre er ger­ade erst aufge­s­tanden, um kurz in ein anderes Zim­mer zu gehen. Genau dieser Ort, ja, dieser Raum, so viele Jahre so viele Stun­den lang hat­te mein Vater an dieser Stelle ver­bracht, dass er nur sehr langsam weichen kann in der Wahrnehmung seines Sohnes. Da ist seine Schublade, sein Lichtmess­gerät, sein Brieföffn­er, sein Radier­gum­mi, sein Bleis­tift, seine Lupe, sein Fotoap­pa­rat. Und das hier ist seine Aus­sicht auf den win­ter­lichen Garten, auf den Com­put­er­bild­schirm, auf die Tas­tatur sein­er Schreib­mas­chine, auf seine Lampe, die noch immer warmes Licht ins Zim­mer sendet, Licht, das mein Vater sich wün­schte. Es ist eine selt­same Erfahrung, dass sich mit den Spuren eines Men­schen spür­bare Gegen­wart verbindet. Das Geräusch ein­er Zeitung, die raschelt. Eine Tür, die sich öffnet. Vor weni­gen Tagen noch hörte ich meine Mut­ter davon erzählen, wie sehr ihr mein Vater fehle. Und weil die Worte nicht aus­re­icht­en, dieses Fehlen zu beschreiben, machte sie eine sehnende Geste, als würde sie einen unsicht­baren Mann umar­men, einen Raum, der nur noch Erin­nerung ist, einen Raum, der wed­er mit Hän­den noch Lip­pen berührt wer­den kann. — stop
polaroidunterwasserblume

tod in peking 2

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india : 0.28 — Es ist noch nicht lange her, es war im Dezem­ber gewe­sen, als ich einen Text notierte, der vom Tod eines Fre­un­des erzählte. Ich hat­te damals noch keine wirk­liche Erk­lärung, weswe­gen das Leben meines Fre­un­des endete, aber eine Ver­mu­tung, eine Befürch­tung. Ich notierte so: “Ich war ein­mal dabei wie Ted­dy seine Kam­era in den Park spazieren führte, an einem kalten, win­ter­lichen Tag, es hat­te geschneit. In den Hän­den des stat­tlichen run­den Mannes sah der Fotoap­pa­rat, der einen Com­put­er enthielt, klein aus, zer­brech­lich. Unen­twegt berichtete sein stolz­er Besitzer von den Möglichkeit­en der Fotografie, die diese Kam­era in Zukun­ft für ihn eröff­nen würde. Es war eine Art Liebes­beziehung, die ich damals beobachtete, Ted­dy und seine kleine Licht­fang­mas­chine, wie er mit seinem drit­ten Auge den Schnee betastete, wie er mir erzählte, dass man Schnee eigentlich nicht fotografieren könne. Das war vor vier oder fünf Jahren gewe­sen. Sei­ther sind Ted­dy und seine Kam­era weit herum gekom­men in der Welt, vor allem reis­ten sie nach Peking, ver­bracht­en dort mehrere Monate im Jahr, wan­derten durch die große Stadt auf der Suche nach Augen­blick­en, die Ted­dy sam­melte. Es war ein Fotografieren wie ein Gespräch, auch ein Selb­st­ge­spräch gegen die Ver­loren­heit, gegen die Angst vielle­icht ein­mal wieder in den Alko­hol zurück­z­u­fall­en, jedes Bild ein Beweis für die eigene Exis­tenz. Eine sein­er Fotografien aus dem Som­mer 2012 zeigt zwei Jun­gen, wie sie dem riesi­gen, run­den Mann mit dem kleinen Fotoap­pa­rat begeg­neten. Der eine Junge scheint zu staunen, der andere will die rechte, seitwärts aus­gestreck­te Hand des Fotografen berühren. Es ist eine typ­is­che Fotografie, das Werk eines Kün­stlers, der manch­mal in Europa anrief, weil er sich ein­sam fühlte in irgen­deinem Hotel der chi­ne­sis­chen Prov­inz bei Eis und Schnee. Auch in Peking hat­te er Fre­unde, gute, wirk­liche Fre­unde, in sein­er kleinen Woh­nung dort wohn­ten eine junge Stu­dentin und ihre Mut­ter. Vor weni­gen Tagen erre­ichte mich nun die Nachricht seines Todes, für den es zu diesem Zeit­punkt keine Erk­lärung gibt. Auf Face­book notierte er noch: Bitte beachte, dass ich prinzip­iell keine Nachricht­en schreibe oder beant­worte. Ver­wende bitte immer meine Mail-Adresse, um mich zu erre­ichen. Per Mail bin ich stets zu erre­ichen.” – Nun habe ich eben genau durch eine E-Mail erfahren, woran Ted­dy gestor­ben ist. Eine chi­ne­sis­che Fre­undin Ted­dys schrieb: Hal­lo! Ich bin Li Bin. Erin­nerst du dich an mich, die gute chi­ne­sis­che Fre­undin von Ted­dy. Es tut mir so Leid, dass Ted­dy am 22. Novem­ber in Peking gestor­ben ist, weil er zu viel Alko­hol getrunk­en hat. Als ich die Nachricht gehört habe, fand ich mich sehr über­rascht. Eigentlich hat­te ich mich mit Ted­dy verabre­det, am 22. Novem­ber nach Peking zu fahren und seine Fotoausstel­lung zu besuchen. Aber noch vor der Abfahrt haben andere Fre­unde mich angerufen, dass Ted­dy schon gestor­ben ist. Soviel ich weiß, hat er nicht für lange Zeit Alko­hol getrunk­en, aber sehr viel. Deswe­gen war er schon ein­mal im Kranken­haus in Peking. Damals war es schon sehr schlimm, trotz­dem hat er nicht aufge­hört, zu trinken. Andere Fre­unde haben erzählt, er hat­te früher die Krankheit, die Abhängigkeit vom Alko­hol. Aber Ted­dy hat mit mir das nie besprochen. So warten wir jet­zt auf das Ergeb­nis der Polizei. — stop
ping

koffer

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echo : 0.28 — Die Vorstel­lung, man kön­nte vielle­icht bald ein­mal Gegen­stände mit geeigneten Appa­ra­turen betas­ten und durch­leucht­en, um sie Molekül für Molekül in den Spe­ich­er eines Com­put­ers abzule­gen. Ich kön­nte nun die Gegen­stände mein­er Zim­mer, all die Lam­p­en, Büch­er, Stüh­le, Tis­che, Kak­teen, Teller, Kissen, Löf­fel, Tassen unter den Arm nehmen, alle zur gle­ichen Zeit, um sie an einen anderen Ort zu trans­ferieren, von einem Stock­w­erk in ein anderes Stock­w­erk, oder von ein­er Stadt in eine andere Stadt. Dort kön­nte ich sie aus­pack­en, das heißt, ich kön­nte sie mit geeigneten Appa­ra­turen aus Molekülen der Luft wieder­erste­hen zu lassen, ein Prozess, der so präzise funk­tion­ieren müsste, dass selb­st hand­schriftliche Noti­zen, die sich in meinen Büch­ern befind­en, nicht ver­loren sein wer­den. Nehmen wir ein­mal an, ich würde nun selb­st, ob mit oder ohne Absicht, in mein­er Com­put­er­mas­chine lan­den, dann kön­nte man mich, das heißt genauer, meine Infor­ma­tion als E-Mail ver­schick­en, Augen, Hände, Ohren, auch meine Erin­nerun­gen, meine Wün­sche, meine Hoff­nun­gen, selb­st die Erin­nerung an diese kleine Geschichte hier, wie ich sie ger­ade erzählte. — Guten Mor­gen! Es ist Mon­tag. Die Luft duftet nach Schnee. — stop
ping

matrjoschka

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romeo : 6.28 — Seit mein­er Kind­heit besitze ich eine Puppe von Holz. Ich habe sie unter dem Namen Babusch­ka ken­nen­gel­ernt. Dieser Name war so lange gültig gewe­sen, bis mir eine rus­sis­che Bekan­nte erzählte, dass es sich eigentlich um eine Matr­joschka­puppe han­deln würde. Man kann diese Puppe öff­nen, indem man an ihr dreht, bis sie sich an ihrem Bauch der­art entzweit, dass sie tat­säch­lich aus zwei Teilen mit exakt geschnit­te­nen Rän­dern beste­ht, einem unteren Teil mit Füssen, die in Farbe auf das helle Holz aufge­tra­gen sind, und einem oberen Teil mit einem geze­ich­neten Kopf. Mit dieser Tren­nung geht die Gestalt der Puppe jedoch nicht wirk­lich ver­loren, weil sie in ein­er klein­er gewor­de­nen Aus­gabe, die sich in der größeren Pup­pen­form ver­steck­te, weit­er­hin vor­liegt. Sie ver­fügt über das gle­iche Gesicht, wie ihre Hülle, über einen etwas kleineren Mund, und gle­ich­falls gerötete Wan­gen und kleinere Augen, und sie drückt in dieser Erschei­n­ung nichts anderes aus als: Ich bin nur eine Hülle, ich trage mein eigentlich­es Inneres in mir, mein Wesen, öffne mich! Und so weit­er und so fort. Gestern nun habe ich einen Brief gele­sen, in dem von der Gat­tung der Babuschka­pup­pen die Rede war. Ich hat­te den Brief noch nicht zu Ende studiert, da stand ich auf und ging zum Regal, nahm meine Puppe seit vie­len Jahren zum ersten Mal wieder in die Hand und öffnete sie. Tat­säch­lich habe ich sofort ein inten­sives Gefühl wahrgenom­men, eine Empfind­ung mein­er Kind­heit, zugle­ich in der Zeit weit ent­fer­nt und nah und ver­traut. Hier der Brief, der mir meine Puppe von Holz in Erin­nerung gerufen hat­te. Miri­am erzählt von Erfahrun­gen des Prä­pari­er­saales: Zuerst also haben wir die Haut ent­fer­nt und dann das Fett. Das war wie ein zweit­er Man­tel gewe­sen, und dann kamen die Muskeln dran, und plöt­zlich war der Bauch offen. Bis dahin habe ich immer an diese Babuschka­pup­pen gedacht. Die wer­den ja auch immer klein­er, wenn man eine aufgemacht hat und danach die näch­ste. Aber dann waren auf dem Tisch plöt­zlich nur noch Arme und Beine und ein Kopf, der aus zwei Teilen bestand. Ich weiß noch, wie ich am Ende des Tages alles so hin­gelegt habe, als wäre der Rumpf noch da, so eine Ord­nung habe ich ver­sucht. Das sah also aus wie ein Strich­män­nchen. Aber eben ohne Bauch. Ich erin­nere mich in diesem Moment sehr gut an eine merk­würdi­ge Geschichte aus der Anfangszeit des Kurs­es. Ich war schon sehr früh am Mor­gen im Prä­pari­er­saal des Insti­tutes. Ich hat­te schlecht geschlafen wegen ein­er leicht­en Grippe, und so war ich eine der ersten Stu­dentin­nen gewe­sen, die an diesem Tag die Arbeit an ihrem Leich­nam aufgenom­men haben. Ich prä­pari­erte an einem der Arme, eine recht kom­plizierte Angele­gen­heit war das gewe­sen, und ich dachte immer wieder, dass meine Hand nicht ruhig genug wäre, um eine so feine Auf­gabe auszuführen. Ich fluchte also ein wenig vor mich hin und dann entschuldigte ich mich plöt­zlich. Ganz im Ernst. Ich entschuldigte mich bei dem Leich­nam für meine unfre­undlichen Worte. Ich höre das jet­zt noch. Ich höre mich sagen: Sor­ry! Und ich sage Dir, ich habe mich gut gefühlt. Ich habe, nach­dem mir bewusst gewor­den war, dass ich zur Leiche gesprochen hat­te, noch ein wenig so weit­ergemacht. Eine Unter­hal­tung war das natür­lich nicht. Ein Monolog. One way! Aber gut. — stop

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gough island

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MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 187 hupende Rüs­sel­rosen, nahe Gough Island gesichtet. Man wan­dert in süd­west­lich­er Rich­tung. — stop
ping

dublin, chamber street

picping

MELDUNG. Trotz behördlichen Ver­botes wird am kom­menden Abend im Horsy weit­eres Kampftrinken vol­l­zo­gen. Gefocht­en wer­den schwere Ben­zine ab 20 Uhr 45. Mit Toten darf gerech­net wer­den. Cham­bers St., 22. Ein­tritt frei. — stop
ping

amsterdam avenue

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nord­pol

~ : mal­colm
to : louis
sub­ject : AMSTERDAM AVENUE
date : jan 18 13 0.12 a.m.

Gestern, in den frühen Mor­gen­stun­den, meldete Alli­son, sie habe Frankie ver­loren. Kein Sig­nal, keine Bewe­gung. Sie war sehr aufgeregt gewe­sen, hat­te sich auf ihr Fahrrad geset­zt und einige Run­den durch den Park gedreht, ehe sie uns alarmierte. Es ist selt­sam, wir haben nie daran gedacht, dass das Eich­hörnchen Frankie den Cen­tral Park ohne unsere Erlaub­nis je ver­lassen kön­nte. Zunächst glaubten wir, Frankie sei vielle­icht von einem Waschbären oder einem stre­unen­den Hund oder einem Luchs gefan­gen wor­den. Auch haben wir daran gedacht, dass auf ihn geschossen wor­den sein kön­nte. Aber das würde nicht erk­lären, weshalb Frankies Sender nicht länger funk­tion­ierten. Es war einzig denkbar, dass Frankie in das Reser­voir gefall­en sein kön­nte, vielle­icht, obwohl ein her­vor­ra­gen­der Schwim­mer, hat­te ihn die Kälte des Wassers getötet. Aber dann meldete Hen­ry, er habe wieder ein Sig­nal und zwar in der 59. Straße Ecke Ams­ter­dam Avenue. Ich ver­mutete, dass irgend­je­mand Frankie gefan­gen haben kön­nte, was kaum vorstell­bar war, so schnell sich das kleine Tier zu bewe­gen ver­mag, mit seinem Kör­p­er und auch mit­tels sein­er Gedanken. Es ist jet­zt früher Nach­mit­tag. Ein eisiger Wind bläst von West­en her durch die Straßen. Und wenn ich nun erzäh­le, dass wir Frankie lebend in Frei­heit ent­deck­ten, wer­den Sie das vielle­icht kaum glauben. Er sitzt in unser­er unmit­tel­baren Nähe auf dem Dach eines Zeitungskioskes und nascht aus ein­er Tüte, ich meine, Frankie hat ein paar Nüsse erbeutet. Er wirkt gesund, der Lärm der Straße scheint ihn nicht weit­er zu berühren. Ich glaube, er hat uns bemerkt, scheint vielle­icht zufrieden zu sein, unsere ver­traut­en Erschei­n­un­gen zu sehen. Wir kom­men sehr nah an ihn her­an. Was sollen wir tun? Sollen wir den Ver­such unternehmen, Frankie einz­u­fan­gen, oder sollen wir abwarten, was geschehen wird? Alli­son spekuliert, Frankie kön­nte sich plan­voll in Rich­tung des Hud­son Riv­er Parks bewe­gen. Melden Sie sich bitte, melden Sie sich so bald wie möglich! — Allerbeste Grüße sendet ihn Mal­colm / code­wort : indi­an­ertrompete

emp­fan­gen am
18.01.2013
2035 zeichen

mal­colm to louis »

polaroidmilli

schallplatte

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delta : 3.58 — Ich stellte mir eine Schallplat­te vor, eine Schallplat­te von 200 Metern Durchmess­er, eine Ton­spur von 100 Jahren Dauer. Was kön­nte auf dieser Schallplat­te verze­ich­net sein? Die Geräusche ein­er Lich­tung des Ama­zonas Regen­waldes vielle­icht? Oder eine men­schliche Stimme, alle jene Wörter eines Lebens, auch in Träu­men gesproch­ene Wörter. Das Schreien eines Kindes. Das Selb­st­ge­spräch ein­er ural­ten Frau? — stop

ping

wenedikt jerofejew : die reise nach petuschki

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sier­ra : 22.01 — 22.01 – Unter den Büch­ern, die bei mir wohnen, find­et sich eines, das von einem großen rus­sis­chen Erzäh­ler geschrieben wurde, von Wenedikt Jero­fe­jew, der nicht mehr unter uns Leben­den weilt, Alko­hol hat ihn umge­bracht oder er sich selb­st oder wie auch immer. Sein Buch berichtet die Reise eines Trinkers vom Kursker Bahn­hof zu Moskau nach Petusch­ki, einem rus­sis­chen Städtchen draußen in der Weite. Eine Höl­len­fahrt, ein Buch, das ich niemals aufgeben werde, ein Gespräch mit Engeln: Warum hast Du alles aus­getrunk­en, Wen­ja! – Von Zeit zu Zeit trag ich das Bänd­chen in meinen Hän­den, schau hinein, lese Wörter und Sätze, aber ich habe die Geschichte nie bis zu ihrem let­zten Satz gele­sen, kann nicht genau sagen, warum das so ist. Vielle­icht wün­sche ich ins­ge­heim, dass das Buch kein Ende find­en möge. Es ist ein kein sehr umfan­gre­ich­es Buch, nein, nein, 170 Seit­en, und sein Rück­en zer­schlis­sen, so dass ich manch­mal nähertreten und nach ihm suchen muss. Gele­gentlich, als Wenedikt Jero­fe­jew noch unter uns war, hat­te ich mir vorgestellt, wie ich ihn ein­mal besuchen würde, wie ich vor seinem hölz­er­nen Haus auf ein­er Treppe sitzend warte, wie er auf mich zu kommt, wie ich seine Hand nehme, wie ich das zit­ternde Feuer sein­er Leben­shölle spüre, wie ich zu ihm sage: Wen­ja, mein lieber Wen­ja, lies mir vor! Und wie wir dann auf ein­er Treppe in der Sonne sitzen, Fliegen tanzen über unseren Köpfen, seine Stimme: Louis, hör zu! – Alle sagen, – der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selb­st habe ich ihn kein einziges Mal gese­hen. Wie viele Male schon habe ich im Rausch oder danach mit brum­men­dem Schädel Moskau durch­quert, von Nor­den nach Süden, von West­en nach Osten, aufs Ger­ate­wohl, von einem Ende zum anderen, aber den Kreml habe ich kein einziges Mal gese­hen. — stop

ping

von den regenschirmtieren

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india : 2.05 – Gestern ist etwas Merk­würdi­ges passiert. Ich hat­te einem Bekan­nten, den ich lange Zeit nicht gese­hen habe, eine E-mail gesendet. Kaum war die kleine elek­trische Botschaft auf den Weg gebracht, kam eine Antwort zurück. Ich war sehr erstaunt gewe­sen, ich hat­te angenom­men, dass sich mein Bekan­nter viel Zeit nehmen würde, mir zu antworten, immer­hin war ich etwas nach­läs­sig, zöger­lich darin, ihm zu schreiben. Ich hat­te sog­ar ein­mal das Gefühl, er kön­nte vielle­icht längst nicht mehr am Leben sein, weiss der Teufel warum. Die Antwort, die ich erhielt, war fol­gende gewe­sen: Guten Tag! Ich habe Deine Nachricht erhal­ten, bin ger­ade in Tas­man­ien, ich werde so bald wie möglich antworten. Um Dir die Zeit bis dahin zu vertreiben, schicke ich Dir eine Geschichte, die Dir vielle­icht Freude bere­it­en wird. Es han­delt sich um eine Traumgeschichte, die davon erzählt, dass ich wieder ein­mal von Regen­schirmtieren träumte. Die Luft im Traum war hell vom Wass­er, und ich wun­derte mich, wie ich in dieser Weise, bei­de Hände frei, durch die Stadt gehen kon­nte, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spazierte. Als ich an ein­er Ampel warten musste, betra­chtete ich meinen Regen­schirm genauer und staunte, weil ich nie zuvor eine Erfind­ung dieser Art zu Gesicht bekom­men hat­te. Ich kon­nte dun­kle Haut erken­nen, die zwis­chen ble­ich schim­mern­den Knochen aufges­pan­nt war, Haut von der Art der  Flughaut eines Abend­seglers. Sie war durch­blutet und so dünn, dass die Rinnsale des abfließen­den Regens deut­lich zu sehen waren. In jen­er Minute, da ich meinen Schirm betra­chtete, hat­te ich den Ein­druck, er würde sich mit einem weit­eren Schirm unter­hal­ten, der sich in näch­ster Nähe befand. Er vol­l­zog leicht schaukel­nde Bewe­gun­gen in einem Rhyth­mus, der dem Rhyth­mus des Nach­barschirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es war kurz nach Mit­ter­nacht. Es reg­net noch immer. — stop

polaroidkind

linie 12 : 2 uhr und 25 minuten

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echo : 3.08 — In dieser Nacht fahren funken­sprühende Straßen­bah­nen durch die Stadt, uralte Mod­elle, und die Luft duftet pelzig nach Zinn und Eisen unter Stromab­nehmern, welche über Leitun­gen raspeln, deren gefrorene Wasser­män­tel im Licht der Lat­er­nen schim­mern. Dieses Feuer, mal blau, mal schrill und gleis­send hell, mal in den milden Far­ben der Kerzen­flam­men. Erschei­n­un­gen, als würde Lava aus Adern drin­gen, die über Straßen ges­pan­nt. In den Wag­ons der Trams ste­hen Män­ner. Sie tra­gen Hand­schuhe und led­erne Schürzen, warum? — stop

ping

emilia nabokov no2

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delta : 6.36 — Ich hat­te ein Gespräch mit einem Fre­und, der seit vie­len Jahren in dig­i­tal­en Räu­men arbeit­et, beina­he kön­nte ich sagen, ich hat­te ein Gespräch mit einem Fre­und, der seit vie­len Jahren in dig­i­tal­en Räu­men zu existieren scheint. Zahlre­iche sein­er Arbeit­en verbinden sich mit Arbeit­en ander­er Men­schen, weil man auf ihn ver­weist, weil man auf ihn wartet, auf Texte, auch auf Bilder, Filme, Geräusche, die er aufn­immt, sobald er etwas Inter­es­santes zu hören meint. Mit jed­er Minute der verge­hen­den Zeit wächst sein elek­trisch­er Schat­ten. Er macht das ähn­lich wie eine New York­er Fotografin, die stun­den­lang durch die Stadt spaziert und mit einem iPhone all das fotografiert, was ihr ins Auge fällt. Manch­mal sind es hun­derte Fotografien an einem einzi­gen Tag, die nur Sekun­den nach Auf­nahme von ihrem Fotoap­pa­rat, mit dem sie gle­ich­wohl tele­fonieren kann, an das Flickr — Medi­um gesendet wer­den. Mein Fre­und erzählte, dass er den Ein­druck habe, die junge fotografierende Frau in Echtzeit zu beobacht­en, ihr im Grunde so nah gekom­men zu sein, dass er kurz vor Wei­h­nacht­en fürchtete, etwas Ern­sthaftes kön­nte ihr wider­fahren sein, weil drei Tage in Folge keine Fotografie gesendet wurde. Am vierten Tag erkundigte er sich mit­tels ein­er E-Mail, die er an Flickr sendete, ob es der schweigsamen Fotografin gut gehe, er mache sich Gedanken oder Sor­gen. Man muss das wis­sen, mein Fre­und hat­te der Fotografin nie zuvor geschrieben, kan­nte nicht ein­mal ihren wirk­lichen Namen, son­dern nur ein Pseu­do­nym: Emil­ia Nabokov No2. Ein halbe Stunde, nach­dem die E-Mail gesendet wor­den war, erschien, als habe ihm die spazierende Kün­st­lerin zur Beruhi­gung geant­wortet, eine Fotografie ohne Titel. Diese Fotografie erzählte davon, dass sich Emil­ia Nabokov No2 ver­mut­lich nicht in New York aufhielt, son­dern in Mon­tauk, weil auf der Fotografie ein Leucht­turm auf einem ver­schneit­en Hügel zu sehen war, der ein­deutig zur kleinen Stadt Mon­tauk an der nordöstlichen Spitze Long Islands gehörte. Im Hin­ter­grund das Meer, und vorne, ob nun mit Absicht oder nicht, ein Fuß in einem Gum­mistiefel von knall­rot­er Farbe. — stop

ping

PRÄPARIERSAAL : nachthörnchen

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nord­pol : 5.15 — Seit zwei Stun­den sitzt ein Eich­hörnchen auf meinem Fen­ster­brett. Es ist mit­ten in der Nacht und so kalt, dass ich den Atem des kleinen Tieres, das um diese Uhrzeit eigentlich tief schlafen sollte, in der Dunkel­heit zu erken­nen ver­mag. Ich bin mir nicht sich­er, ob ich mich nicht vielle­icht täusche. Es ist denkbar, dass ich mir das Eich­hörnchen nur vorstelle. Und wie ich über die Möglichkeit der Täuschung nach­denke, bemerke ich, dass die Vorstel­lung eines Eich­hörnchens mit­tels weit geöffneter Augen tat­säch­lich gelin­gen kann und zwar je für ein oder zwei Sekun­den in einem Bild, das pulsiert, das in der drit­ten Sekunde schon wieder ver­loren ist und zunächst dann wieder erscheint, wenn ich das Wort Eich­hörnchen denke oder Eich­hörnchen­schweif. Ich muss das weit­er beobacht­en. Wenn ich nun die Noti­zen Michaels aus dem Prä­pari­er­saal, die vor mir auf dem Tisch liegen, betra­chte, weiß ich, dass sie keine Täuschung sind, weil ich das Papi­er, auf dem sie sich befind­en, berühren, vom Tisch heben, fal­ten und wieder ent­fal­ten kann, und damit gle­ich­wohl Michaels Zeichen, die kein­er­lei pulsieren­der Bewe­gung unter­wor­fen sind. Er schreibt: Ich beobachte, dass ich meinen lebendi­gen Kör­p­er mit dem toten Gewebe vor mir auf dem Tisch ver­gle­iche. Ich lege Ner­ven, Muskeln und Gefäße ein­er Hand frei, bestaune die Fein­heit der Gestal­tung, über­lege wie exakt das Zusam­men­spiel dieser anatomis­chen Struk­turen doch funk­tion­ieren muss, damit ein Men­sch Klavier spie­len, greifen, einen anderen Men­schen stre­icheln kann, wie umfassend die Inner­va­tion der Haut, um Wärme, Kälte, ver­schiedene Ober­flächen erfühlen, ertas­ten zu kön­nen. Immer wieder pen­delt mein Blick zwis­chen mein­er lebendi­gen und der toten Hand hin und her. Ich bewege meine Fin­ger, ein­mal schnell, dann wieder langsam, ich schreibe, ich notiere, was ich zu ler­nen habe, bis zur näch­sten Prü­fung am Tisch, und beobachte mich in diesen Momenten des Schreibens. Abends tre­f­fen wir uns in der Bib­lio­thek hier gle­ich um die Ecke und ler­nen gemein­sam. Vor allem vor den Tes­tat­en wer­den die Nächte lang. Ich kann zum Glück gut schlafen. Unsere Assis­tentin ist eine junge Ärztin, die noch nicht vergessen hat, wie es für sie selb­st gewe­sen war im Saal. Sie ist immer sehr warm und fre­undlich zu uns. Aber natür­lich achtet sie streng auf die Ein­hal­tung der Regeln, kein Handy, kein Kau­gum­mi im Mund, angemessene Klei­dung. Manch­mal ver­sam­melt sie uns und wir proben am Tisch ste­hend das nahende Tes­tat, es gibt eigentlich kaum einen Tag, da wir nicht von ihr befragt wer­den, das erhöht natür­lich unsere Aufmerk­samkeit und Konzen­tra­tion enorm. Ein­mal erzählte sie uns eine Geschichte, die mich sehr berührte. Sie sagte, ihre Mut­ter sei sehr stolz, dass sie eine Ärztin gewor­den ist. Sie habe ihr eingeschärft: Was Du gel­ernt hast, kann Dir nie­mand mehr nehmen. Aber natür­lich, als wir die feinen Blut­ge­fässe betra­chteten, die unser Gehirn mit Sauer­stoff ver­sor­gen, wurde mir bewusst, dass wir doch auch zer­brech­lich sind, dass unser Leben sehr plöt­zlich zu Ende gehen kann. Im Moment will ich daran aber nicht denken. Ich bin froh hier sein zu dür­fen, ich habe lange darauf gewartet. Manch­mal gehe ich durch den Saal spazieren. Wenn ich Lun­gen­flügel betra­chte, oder Herzen, oder Kehlköpfe, Lage und Ver­lauf einzel­ner Struk­turen, dann erkenne ich, dass im All­ge­meinen alles das, was in dem einen Kör­p­er anzutr­e­f­fen ist, auch in dem anderen ent­deckt wer­den wird, kein Kör­p­er jedoch ist genau wie der andere, damit werde ich in Zukun­ft zu jed­erzeit rech­nen. — stop

polaroidtraumzeichnung

von den eisbriefen

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kil­i­mand­scharo : 6.28 — Für ein oder zwei Minuten war ich wild entschlossen gewe­sen, ein Grün­der zu wer­den, und zwar gestern Abend um kurz nach 22 Uhr. Ich war zum Briefkas­ten gelaufen, der nicht weit ent­fer­nt vom Haus, in dem ich lebe, an ein­er Wand befes­tigt ist. Ein Eich­hörnchen, natür­lich, begleit­ete mich. Es war sehr kalt, und plöt­zlich habe ich wahrgenom­men, dass ich, wenn es mir möglich wäre, gern Briefe von Eis ver­schick­en würde, hauchdünne Blät­ter gefrore­nen Wassers, die man in küh­lende Kuverts steck­en und in alle Welt ver­schick­en kön­nte. Eine wun­der­bare Vorstel­lung nachger­ade, wie ein Men­sch, dem ich einen Eis­brief gesendet habe, in der Küche vor seinem Eiss­chrank sitzt und meinen Brief für Sekun­den studiert, um ihn dann rasch wieder in die Kälte zurück­zule­gen, damit er nicht ver­schwindet in der war­men Luft. Ich sollte also bald ein­mal jene beson­deren Eis­pa­piere, ihre Fab­riken und Läden erfind­en, und Kuverts, und Briefkästen, die wie Kühlschränke funk­tion­ieren. Wo man die Briefe sortiert, in einem Post­amt, würde man in tiefgekühlten Räu­men arbeit­en, und alle diese Auto­mo­bile, nicht wahr, die vereiste Briefware über das Land befördern. Ein Unternehmen dieser Art, wäre eine wirk­liche Her­aus­forderung, eine gute und sehr ver­rück­te Sache, so dachte ich am gestri­gen Abend. Kaum war ich wieder in meine Woh­nung zurück­gekehrt, war aus der Grün­derzeit bere­its eine Erfind­erzeit gewor­den. Und wie ich in diesem Augen­blick voller Freude im polaren Zim­mer vor meinem Schreibtisch sitze, dampfend­er Atem, Stift in der Hand, Stift, der mit kaum noch hör­baren Pfeifen Zeichen in schim­mernde Eis­pa­pier­bö­gen fräst. Ich schreibe: Mein Lieber Theodor, ich wollte Dir schon lange ein­mal einen Eis­brief notieren. Hier nun, wie ver­sprochen, ist er endlich bei Dir angekom­men. Ich hoffe, Du hast es schön kühl bei Dir. Wenn nicht, dann ist es sich­er schon zu spät und Du kannst nicht lesen, was ich Dir aufgeschrieben habe, dass ich näm­lich den Wun­sch habe, bald ein­mal zwei oder drei Tage zu schweigen, um den Kopf­s­tim­men stum­mer Men­schen nachzus­püren. Ich kön­nte mich kurz vor Beginn mein­er Stille ver­ab­schieden von Fre­un­den: Bin tele­fonisch nicht erre­ich­bar! Oder einen Notizblock besor­gen, um Fra­gen für den All­t­ag zu verze­ich­nen, sagen wir so: Führen sie in ihrem Sor­ti­ment Hörg­eräte für Engel­we­sen fin­ger­groß? Eine Kärtchen­samm­lung zu erwartender Wieder­hol­ungssätze weit­er­hin: Habe vorüberge­hend mein Ton­ver­mö­gen ver­loren! – Es ist eine angenehme Nacht, lieber Theodor. Ich erin­nerte einen Satz René Chars, den er in sein­er Gedicht­samm­lung “Lob ein­er Verdächti­gen” notierte. Er schreibt, es gebe nur zwei Umgangsarten mit dem Leben: entwed­er man träume es oder man erfülle es. In bei­den Fällen sei man rich­tungs­los unter dem Sturz des Tages, und grob behan­delt, Sei­den­herz mit Herz ohne Stur­m­glocke. Dein Louis, ganz her­zlich! — stop

ping

ein anderes zimmer

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tan­go : 6.30 — Wieder die Frage, wie lange Zeit ich bere­its über Augen ver­füge? Wann genau schal­tete sich die Über­tra­gung des Lichts für mich ein? Existieren noch Erin­nerun­gen an diesen ersten Moment, Erin­nerung von Farbe, Schat­ten, Bewe­gung? Welch­es Geräusch war erste das Geräusch gewe­sen, das ich hörte? Ein Herzpochen, ein Rauschen vielle­icht, oder ein Stan­dard von Ben­ny Good­man, Musik in allernäch­ste Nähe, und doch wie aus einem anderen Zim­mer kom­mend? — stop

polaroidvogelflug

ghadames basin

picping

MELDUNG. Bak­te­rien der Gat­tung Chloro­bi D-7635B [methanzehrende Vari­ante], haben kurz nach Mit­ter­nacht sub­ku­tan ein libysches Ölfeld nahe Ghadames Basin über­fall­en. Man frisst sich gegen mit­telmeerische Küste zu. — stop

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kabinen

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tan­go : 2.28 — Gestern hat­te ich einen merk­würdi­gen Traum. In diesem Traum wurde über das Haus, in dem ich lebe, ein Büro­turm von enor­men Aus­maßen errichtet. Das Gebäude ruhte auf Stelzen, wir lebten darunter in ein­er Schat­ten­welt, selb­st die Nacht war ver­dunkelt. Weil man die Häuser der Wohn­men­schen nicht abreißen durfte, wur­den senkrecht in den Erd­bo­den zu den Sub­way — Sta­tio­nen hin, Röhren von Glas getrieben, in welchen mit­tels trans­par­enten Ein­per­so­n­enk­abi­nen Angestellte ihre Büros erre­icht­en. Eine dieser Röhren führte durch das Zim­mer, in dem ich zu schlafen ver­suchte. Stunde um Stunde reis­ten nun Men­schen durch mein Zim­mer, aufwärts und abwärts, manche grüssten fre­undlich, manche waren ver­legen, einige schliefen. — stop

ping

nummer 6

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tan­go : 3.56 — An einem Som­mertag gehe ich mit Tom spazieren. Er ist ein ziem­lich großer, junger Mann, schlak­sig, der, während er von seinen Erleb­nis­sen im Prä­pari­er­saal erzählt, immer wieder ein­mal einen Stein oder ein Stück Holz vom Boden hebt, um es in den Fluss zu wer­fen. Da ist näm­lich ein Fluss, Tom wollte am Fluss spazieren, ich ahne weshalb. Er scheint, indem er Steine wirft, genauer denken zu kön­nen. Hin und wieder läuft er in den Wald, der unseren Weg begleit­et und bleibt für einige Minuten ver­schwun­den. Er spricht sehr schnell, ich kann kaum fol­gen, er will mir deshalb noch einige Gedanken notieren, damit ich sie aus­druck­en kann. Wenige Tage nach unserem Spazier­gang kommt tat­säch­lich eine E-Mail, eine sehr präzise Form der Beobach­tung. Tom: > Ich ver­suche jet­zt näher her­anzuge­hen. Noch haben wir den 1. Tag. Wir haben mit der Prä­pa­ra­tion des Kör­pers begonnen. Wir haben die Kör­p­er auf den Tis­chen inspiziert, wir haben ein Leichen­pro­tokoll ange­fer­tigt, Hautschnitte geset­zt. Sie sehen, wie wir uns über unsere Arbeit­stis­che beu­gen. Vier von uns befind­en sich auf der einen, vier auf der anderen Seite des Tis­ches. Jedem von uns wurde eine Posi­tion am Prä­parat zuge­ord­net. Ich habe die Num­mer 6. Also arbeite ich zu diesem Zeit­punkt in der Höhe der Brust. Wenn ich den Blick hebe, sehe ich Katha­ri­na. Von den Leichen steigt ein Dun­st auf, den man nicht sehen kann, aber zu spüren bekommt. Unsere Augen sind gerötet. Das ist eine Sit­u­a­tion, an die wir uns zunächst noch zu gewöh­nen haben. Skalpelle, Pinzetten, Hände sind nur wenige Zen­time­ter voneinan­der ent­fer­nt. Wir kön­nten uns ver­let­zen, deshalb hal­ten wir unsere Werkzeuge, als wür­den wir Bleis­tifte führen. Wir zeich­nen auf sehr engen Bah­nen. Wir begin­nen in der regio praester­nalis. Dort haben die Hautschnitte des Assis­ten­ten Zugang erzeugt, dort kön­nen wir die Haut mit unseren Pinzetten aufnehmen und etwas vom Kör­p­er heben. Eine erste unsichere Bewe­gung. Wir span­nen die Haut. Wir schnei­den von der sub­cutis in Rich­tung der ges­pan­nten Haut, arbeit­en von innen nach außen, arbeit­en von medi­al nach lat­er­al. Haben wir gesprochen? Ich kann mich nicht erin­nern. Aber ich sehe, dass ich meine Hand bere­its auf die Brust des Toten gestützt habe. Ich spüre die Erschüt­terun­gen, die durch die Bewe­gun­gen mein­er Fre­unde in dem Kör­p­er her­vorgerufen wer­den. Wenn ich mich aufrichte, um meinen Rück­en zu entspan­nen, erkenne ich die Fortschritte mein­er Arbeit. Ich habe ein Stück der Haut so weit vom Kör­p­er gelöst, dass ich es zurück­klap­pen kann. Woran habe ich gedacht in dieser ersten Stunde der Arbeit? Habe ich daran gedacht, dass ich begonnen habe, einen Leich­nam zu zer­gliedern? Ich weiß es nicht! Aber ich kann Ihnen sagen, dass es nicht leicht ist, ein Skalpell zu führen, als würde man damit schreiben. Ich kann Ihnen ver­sich­ern, man geht nicht in die Tiefe, wenn man Haut prä­pari­ert. Man packt einen Kör­p­er aus. Eine wahre Geduld­sprobe. Zen­time­ter um Zen­time­ter arbeit­et man sich über die Ober­fläche des Kör­pers voran. Erstaunlich, wie nah wir dem Leich­nam nach zwei Stun­den bere­its gekom­men sind. — stop

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