lakritze

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MELDUNG. Ein halbes Pfund Lakritze bei Macy’s [ 151 West 34th Strasse, NY ], damit in der Tüte ist Odile, eine Rose, zwan­zi­gelf voller Glück über die Straße gegangen. – stop

ping

uhrenwesen

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sierra : 6.33 – Im Traum saß ich einmal in einem Zug in nächster Nähe eines Mannes und wunderte mich, weil ich ein merk­wür­diges, ein sandig wisperndes Geräusch vernahm, das von dem Mann auszu­gehen schien. Er schlief tief und fest, erwachte auch dann nicht, als ich mich über ihn beugte und in eine der Taschen seines Mantels spähte. Die Tasche war gefüllt mit Armband­uhren. Als ich eine der Uhren heraus­nahm, ruhte sie warm in meiner Hand. Ich legte ein Ohr an den Körper der Uhr und hörte das Herz der Uhr leise schlagen und eine sehr helle Stimme noch, die Sekunden zählte. – stop
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josephine auf der si mary murray

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tango : 6.34 – Ist das nicht eine wunder­bare Vorstel­lung, wie sich Jose­phine an einem warmen Sams­tag­vor­mittag auf den Weg macht nach New Jersey, um das Wrack der MS Mary Murray zu besich­tigen? Wie sie ein Taxi ordert. Wie der Fahrer erzählt, dass er noch nie eine so weite Fahrt unter­nommen habe im Auftrag. Eigent­lich dürfe er mit seinem Wagen die Stadt nicht verlassen. Also steigen sie in Jose­phines Auto um, einen uralten Buick, der seit über einem Jahr­zehnt nicht aus der Garage bewegt worden war. Sie nehmen die Verra­zano-Narrows Bridge südwärts. Jose­phine raucht schon lange nicht mehr, aber heute macht sie eine Ausnahme, eine. Ihr dünnes weißes Haar, das im Wind flat­tert, fängt sie mit wendigen Fingern wieder ein. Sie trägt Turn­schuhe und ein oran­ge­far­benes sommer­li­ches Kleid. Die Haut ihrer Beine, Arme, Schul­tern ist hell wie ihr Haar. Eine Stunde rauschen sie wortlos auf dem New Jersey Turn­pike dahin. Nahe Free­holf halten sie an. Gleich neben dem Highway bewegt sich ein Fluss, dunkles, müdes Wasser, langsam. Am Ufer wartet ein junger, bärtiger Mann in einem Paddel­boot von leuch­tend roter Farbe. Wie Jose­phine sich in diesem Augen­blick wünscht, foto­gra­fiert zu werden, wie sie sich in das Boot setzt, wie sie ihren Strohhut mit beiden Händen zurecht­rückt, dann fahren sie los unter mäch­tigen Brücken hindurch in Rich­tung des Rarit­an­flusses. Möwen stehen im brackigen Wasser. Es ist fast still, nur das Geräusch des Paddels, ein paar Fliegen brummen durch die Luft. Einmal nähert sich ein Hubschrauber der Küsten­wache, dreht wieder ab. Und plötz­lich ist sie zu sehen, eine Fata Morgana in der Land­schaft, das ausran­gierte gewal­tige Fähr­schiff der Staten Island Flotte, die MS Mary Murray. Schlag­seite steu­er­bords ruht sie in einem Bett von Schilf, Libellen schießen hin und her, blaue und grüne riesige Tiere. Wie sich Jose­phine und der junge Mann dem Schiffs­wrack vorsichtig nähern. Wie der junge Mann eine Leiter am Rumpf des Schiffes befes­tigt. Wir sehen der alten Dame zu, wie sie vorsichtig Sprosse um Sprosse erklimmt. Ihr behut­samer Gang über das Deck, das sich neigt. Jetzt, da die Farben vom Schiffs­körper fallen, von Stürmen und Regen gepeitscht, von der Sonne gebrannt, kann man das hölzerne Herz der alten Flot­ten­dame erkennen, Käfer und Ameisen spazieren über die Sitz­bänke der Prome­nade. Jose­phine muss nicht lange suchen, im Schatten einer Ulme, die sich über das Schiff zu beugen scheint, eine Sitz­bank, hier genau, ja, hier genau muss die Schrift ihrer Schwester Geral­dine zu entde­cken sein, ein Satz nur, den das kleine Mädchen im Jahr 1952 an einem Sommer­nach­mittag auf dem Weg von Manhattan nach Staten Island in das Holz der Bank geritzt hatte, während ihre Zwil­lings­schwester Char­lotte sie vor Entde­ckung schützte. Wie Jose­phines zitternde Finger in diesem Augen­blick über die Vertie­fung der Zeichen fahren. – stop

jose­phine

ping

lufträume

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bamako : 6.30 – Der Stuhl meines Vaters im Zimmer vor den Bäumen. Sobald ich mich setze, spüre ich seine Gegen­wart als wäre er gerade erst aufge­standen, um kurz in ein anderes Zimmer zu gehen. Genau dieser Ort, ja, dieser Raum, so viele Jahre so viele Stunden lang hatte mein Vater an dieser Stelle verbracht, dass er nur sehr langsam weichen kann in der Wahr­neh­mung seines Sohnes. Da ist seine Schub­lade, sein Licht­mess­gerät, sein Brief­öffner, sein Radier­gummi, sein Blei­stift, seine Lupe, sein Foto­ap­parat. Und das hier ist seine Aussicht auf den winter­li­chen Garten, auf den Compu­ter­bild­schirm, auf die Tastatur seiner Schreib­ma­schine, auf seine Lampe, die noch immer warmes Licht ins Zimmer sendet, Licht, das mein Vater sich wünschte. Es ist eine selt­same Erfah­rung, dass sich mit den Spuren eines Menschen spür­bare Gegen­wart verbindet. Das Geräusch einer Zeitung, die raschelt. Eine Tür, die sich öffnet. Vor wenigen Tagen noch hörte ich meine Mutter davon erzählen, wie sehr ihr mein Vater fehle. Und weil die Worte nicht ausreichten, dieses Fehlen zu beschreiben, machte sie eine sehnende Geste, als würde sie einen unsicht­baren Mann umarmen, einen Raum, der nur noch Erin­ne­rung ist, einen Raum, der weder mit Händen noch Lippen berührt werden kann. – stop
polaroidunterwasserblume

tod in peking 2

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india : 0.28 – Es ist noch nicht lange her, es war im Dezember gewesen, als ich einen Text notierte, der vom Tod eines Freundes erzählte. Ich hatte damals noch keine wirk­liche Erklä­rung, weswegen das Leben meines Freundes endete, aber eine Vermu­tung, eine Befürch­tung. Ich notierte so: “Ich war einmal dabei wie Teddy seine Kamera in den Park spazieren führte, an einem kalten, winter­li­chen Tag, es hatte geschneit. In den Händen des statt­li­chen runden Mannes sah der Foto­ap­parat, der einen Computer enthielt, klein aus, zerbrech­lich. Unent­wegt berich­tete sein stolzer Besitzer von den Möglich­keiten der Foto­grafie, die diese Kamera in Zukunft für ihn eröffnen würde. Es war eine Art Liebes­be­zie­hung, die ich damals beob­ach­tete, Teddy und seine kleine Licht­fang­ma­schine, wie er mit seinem dritten Auge den Schnee betas­tete, wie er mir erzählte, dass man Schnee eigent­lich nicht foto­gra­fieren könne. Das war vor vier oder fünf Jahren gewesen. Seither sind Teddy und seine Kamera weit herum gekommen in der Welt, vor allem reisten sie nach Peking, verbrachten dort mehrere Monate im Jahr, wanderten durch die große Stadt auf der Suche nach Augen­bli­cken, die Teddy sammelte. Es war ein Foto­gra­fieren wie ein Gespräch, auch ein Selbst­ge­spräch gegen die Verlo­ren­heit, gegen die Angst viel­leicht einmal wieder in den Alkohol zurück­zu­fallen, jedes Bild ein Beweis für die eigene Exis­tenz. Eine seiner Foto­gra­fien aus dem Sommer 2012 zeigt zwei Jungen, wie sie dem riesigen, runden Mann mit dem kleinen Foto­ap­parat begeg­neten. Der eine Junge scheint zu staunen, der andere will die rechte, seit­wärts ausge­streckte Hand des Foto­grafen berühren. Es ist eine typi­sche Foto­grafie, das Werk eines Künst­lers, der manchmal in Europa anrief, weil er sich einsam fühlte in irgend­einem Hotel der chine­si­schen Provinz bei Eis und Schnee. Auch in Peking hatte er Freunde, gute, wirk­liche Freunde, in seiner kleinen Wohnung dort wohnten eine junge Studentin und ihre Mutter. Vor wenigen Tagen erreichte mich nun die Nach­richt seines Todes, für den es zu diesem Zeit­punkt keine Erklä­rung gibt. Auf Face­book notierte er noch: Bitte beachte, dass ich prin­zi­piell keine Nach­richten schreibe oder beant­worte. Verwende bitte immer meine Mail-Adresse, um mich zu errei­chen. Per Mail bin ich stets zu errei­chen.” – Nun habe ich eben genau durch eine E-Mail erfahren, woran Teddy gestorben ist. Eine chine­si­sche Freundin Teddys schrieb: Hallo! Ich bin Li Bin. Erin­nerst du dich an mich, die gute chine­si­sche Freundin von Teddy. Es tut mir so Leid, dass Teddy am 22. November in Peking gestorben ist, weil er zu viel Alkohol getrunken hat. Als ich die Nach­richt gehört habe, fand ich mich sehr über­rascht. Eigent­lich hatte ich mich mit Teddy verab­redet, am 22. November nach Peking zu fahren und seine Foto­aus­stel­lung zu besu­chen. Aber noch vor der Abfahrt haben andere Freunde mich ange­rufen, dass Teddy schon gestorben ist. Soviel ich weiß, hat er nicht für lange Zeit Alkohol getrunken, aber sehr viel. Deswegen war er schon einmal im Kran­ken­haus in Peking. Damals war es schon sehr schlimm, trotzdem hat er nicht aufge­hört, zu trinken. Andere Freunde haben erzählt, er hatte früher die Krank­heit, die Abhän­gig­keit vom Alkohol. Aber Teddy hat mit mir das nie bespro­chen. So warten wir jetzt auf das Ergebnis der Polizei. – stop
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koffer

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echo : 0.28 – Die Vorstel­lung, man könnte viel­leicht bald einmal Gegen­stände mit geeig­neten Appa­ra­turen betasten und durch­leuchten, um sie Molekül für Molekül in den Spei­cher eines Compu­ters abzu­legen. Ich könnte nun die Gegen­stände meiner Zimmer, all die Lampen, Bücher, Stühle, Tische, Kakteen, Teller, Kissen, Löffel, Tassen unter den Arm nehmen, alle zur glei­chen Zeit, um sie an einen anderen Ort zu trans­fe­rieren, von einem Stock­werk in ein anderes Stock­werk, oder von einer Stadt in eine andere Stadt. Dort könnte ich sie auspa­cken, das heißt, ich könnte sie mit geeig­neten Appa­ra­turen aus Mole­külen der Luft wieder­erstehen zu lassen, ein Prozess, der so präzise funk­tio­nieren müsste, dass selbst hand­schrift­liche Notizen, die sich in meinen Büchern befinden, nicht verloren sein werden. Nehmen wir einmal an, ich würde nun selbst, ob mit oder ohne Absicht, in meiner Compu­ter­ma­schine landen, dann könnte man mich, das heißt genauer, meine Infor­ma­tion als E-Mail verschi­cken, Augen, Hände, Ohren, auch meine Erin­ne­rungen, meine Wünsche, meine Hoff­nungen, selbst die Erin­ne­rung an diese kleine Geschichte hier, wie ich sie gerade erzählte. – Guten Morgen! Es ist Montag. Die Luft duftet nach Schnee. – stop
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matrjoschka

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romeo : 6.28 – Seit meiner Kind­heit besitze ich eine Puppe von Holz. Ich habe sie unter dem Namen Babuschka kennen­ge­lernt. Dieser Name war so lange gültig gewesen, bis mir eine russi­sche Bekannte erzählte, dass es sich eigent­lich um eine Matrjosch­ka­puppe handeln würde. Man kann diese Puppe öffnen, indem man an ihr dreht, bis sie sich an ihrem Bauch derart entzweit, dass sie tatsäch­lich aus zwei Teilen mit exakt geschnit­tenen Rändern besteht, einem unteren Teil mit Füssen, die in Farbe auf das helle Holz aufge­tragen sind, und einem oberen Teil mit einem gezeich­neten Kopf. Mit dieser Tren­nung geht die Gestalt der Puppe jedoch nicht wirk­lich verloren, weil sie in einer kleiner gewor­denen Ausgabe, die sich in der größeren Puppen­form versteckte, weiterhin vorliegt. Sie verfügt über das gleiche Gesicht, wie ihre Hülle, über einen etwas klei­neren Mund, und gleich­falls gerö­tete Wangen und klei­nere Augen, und sie drückt in dieser Erschei­nung nichts anderes aus als: Ich bin nur eine Hülle, ich trage mein eigent­li­ches Inneres in mir, mein Wesen, öffne mich! Und so weiter und so fort. Gestern nun habe ich einen Brief gelesen, in dem von der Gattung der Babusch­ka­puppen die Rede war. Ich hatte den Brief noch nicht zu Ende studiert, da stand ich auf und ging zum Regal, nahm meine Puppe seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder in die Hand und öffnete sie. Tatsäch­lich habe ich sofort ein inten­sives Gefühl wahr­ge­nommen, eine Empfin­dung meiner Kind­heit, zugleich in der Zeit weit entfernt und nah und vertraut. Hier der Brief, der mir meine Puppe von Holz in Erin­ne­rung gerufen hatte. Miriam erzählt von Erfah­rungen des Präpa­rier­saales: Zuerst also haben wir die Haut entfernt und dann das Fett. Das war wie ein zweiter Mantel gewesen, und dann kamen die Muskeln dran, und plötz­lich war der Bauch offen. Bis dahin habe ich immer an diese Babusch­ka­puppen gedacht. Die werden ja auch immer kleiner, wenn man eine aufge­macht hat und danach die nächste. Aber dann waren auf dem Tisch plötz­lich nur noch Arme und Beine und ein Kopf, der aus zwei Teilen bestand. Ich weiß noch, wie ich am Ende des Tages alles so hinge­legt habe, als wäre der Rumpf noch da, so eine Ordnung habe ich versucht. Das sah also aus wie ein Strich­männ­chen. Aber eben ohne Bauch. Ich erin­nere mich in diesem Moment sehr gut an eine merk­wür­dige Geschichte aus der Anfangs­zeit des Kurses. Ich war schon sehr früh am Morgen im Präpa­rier­saal des Insti­tutes. Ich hatte schlecht geschlafen wegen einer leichten Grippe, und so war ich eine der ersten Studen­tinnen gewesen, die an diesem Tag die Arbeit an ihrem Leichnam aufge­nommen haben. Ich präpa­rierte an einem der Arme, eine recht kompli­zierte Ange­le­gen­heit war das gewesen, und ich dachte immer wieder, dass meine Hand nicht ruhig genug wäre, um eine so feine Aufgabe auszu­führen. Ich fluchte also ein wenig vor mich hin und dann entschul­digte ich mich plötz­lich. Ganz im Ernst. Ich entschul­digte mich bei dem Leichnam für meine unfreund­li­chen Worte. Ich höre das jetzt noch. Ich höre mich sagen: Sorry! Und ich sage Dir, ich habe mich gut gefühlt. Ich habe, nachdem mir bewusst geworden war, dass ich zur Leiche gespro­chen hatte, noch ein wenig so weiter­ge­macht. Eine Unter­hal­tung war das natür­lich nicht. Ein Monolog. One way! Aber gut. – stop

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gough island

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 187 hupende Rüssel­rosen, nahe Gough Island gesichtet. Man wandert in südwest­li­cher Rich­tung. – stop
ping

dublin, chamber street

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MELDUNG. Trotz behörd­li­chen Verbotes wird am kommenden Abend im Horsy weiteres Kampf­trinken voll­zogen. Gefochten werden schwere Benzine ab 20 Uhr 45. Mit Toten darf gerechnet werden. Cham­bers St., 22. Eintritt frei. – stop
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amsterdam avenue

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nordpol

~ : malcolm
to : louis
subject : AMSTERDAM AVENUE
date : jan 18 13 0.12 a.m.

Gestern, in den frühen Morgen­stunden, meldete Allison, sie habe Frankie verloren. Kein Signal, keine Bewe­gung. Sie war sehr aufge­regt gewesen, hatte sich auf ihr Fahrrad gesetzt und einige Runden durch den Park gedreht, ehe sie uns alar­mierte. Es ist seltsam, wir haben nie daran gedacht, dass das Eich­hörn­chen Frankie den Central Park ohne unsere Erlaubnis je verlassen könnte. Zunächst glaubten wir, Frankie sei viel­leicht von einem Wasch­bären oder einem streu­nenden Hund oder einem Luchs gefangen worden. Auch haben wir daran gedacht, dass auf ihn geschossen worden sein könnte. Aber das würde nicht erklären, weshalb Fran­kies Sender nicht länger funk­tio­nierten. Es war einzig denkbar, dass Frankie in das Reser­voir gefallen sein könnte, viel­leicht, obwohl ein hervor­ra­gender Schwimmer, hatte ihn die Kälte des Wassers getötet. Aber dann meldete Henry, er habe wieder ein Signal und zwar in der 59. Straße Ecke Amsterdam Avenue. Ich vermu­tete, dass irgend­je­mand Frankie gefangen haben könnte, was kaum vorstellbar war, so schnell sich das kleine Tier zu bewegen vermag, mit seinem Körper und auch mittels seiner Gedanken. Es ist jetzt früher Nach­mittag. Ein eisiger Wind bläst von Westen her durch die Straßen. Und wenn ich nun erzähle, dass wir Frankie lebend in Frei­heit entdeckten, werden Sie das viel­leicht kaum glauben. Er sitzt in unserer unmit­tel­baren Nähe auf dem Dach eines Zeitungs­ki­oskes und nascht aus einer Tüte, ich meine, Frankie hat ein paar Nüsse erbeutet. Er wirkt gesund, der Lärm der Straße scheint ihn nicht weiter zu berühren. Ich glaube, er hat uns bemerkt, scheint viel­leicht zufrieden zu sein, unsere vertrauten Erschei­nungen zu sehen. Wir kommen sehr nah an ihn heran. Was sollen wir tun? Sollen wir den Versuch unter­nehmen, Frankie einzu­fangen, oder sollen wir abwarten, was geschehen wird? Allison speku­liert, Frankie könnte sich plan­voll in Rich­tung des Hudson River Parks bewegen. Melden Sie sich bitte, melden Sie sich so bald wie möglich! – Aller­beste Grüße sendet ihn Malcolm / code­wort : india­ner­trom­pete

empfangen am
18.01.2013
2035 zeichen

malcolm to louis »

polaroidmilli

schallplatte

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delta : 3.58 – Ich stellte mir eine Schall­platte vor, eine Schall­platte von 200 Metern Durch­messer, eine Tonspur von 100 Jahren Dauer. Was könnte auf dieser Schall­platte verzeichnet sein? Die Geräu­sche einer Lich­tung des Amazonas Regen­waldes viel­leicht? Oder eine mensch­liche Stimme, alle jene Wörter eines Lebens, auch in Träumen gespro­chene Wörter. Das Schreien eines Kindes. Das Selbst­ge­spräch einer uralten Frau? – stop

ping

wenedikt jerofejew : die reise nach petuschki

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sierra : 22.01 – 22.01 – Unter den Büchern, die bei mir wohnen, findet sich eines, das von einem großen russi­schen Erzähler geschrieben wurde, von Wene­dikt Jerofejew, der nicht mehr unter uns Lebenden weilt, Alkohol hat ihn umge­bracht oder er sich selbst oder wie auch immer. Sein Buch berichtet die Reise eines Trin­kers vom Kursker Bahnhof zu Moskau nach Petuschki, einem russi­schen Städt­chen draußen in der Weite. Eine Höllen­fahrt, ein Buch, das ich niemals aufgeben werde, ein Gespräch mit Engeln: Warum hast Du alles ausge­trunken, Wenja! – Von Zeit zu Zeit trag ich das Bänd­chen in meinen Händen, schau hinein, lese Wörter und Sätze, aber ich habe die Geschichte nie bis zu ihrem letzten Satz gelesen, kann nicht genau sagen, warum das so ist. Viel­leicht wünsche ich insge­heim, dass das Buch kein Ende finden möge. Es ist ein kein sehr umfang­rei­ches Buch, nein, nein, 170 Seiten, und sein Rücken zerschlissen, so dass ich manchmal näher­treten und nach ihm suchen muss. Gele­gent­lich, als Wene­dikt Jerofejew noch unter uns war, hatte ich mir vorge­stellt, wie ich ihn einmal besu­chen würde, wie ich vor seinem hölzernen Haus auf einer Treppe sitzend warte, wie er auf mich zu kommt, wie ich seine Hand nehme, wie ich das zitternde Feuer seiner Lebens­hölle spüre, wie ich zu ihm sage: Wenja, mein lieber Wenja, lies mir vor! Und wie wir dann auf einer Treppe in der Sonne sitzen, Fliegen tanzen über unseren Köpfen, seine Stimme: Louis, hör zu! – Alle sagen, – der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein einziges Mal gesehen. Wie viele Male schon habe ich im Rausch oder danach mit brum­mendem Schädel Moskau durch­quert, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, aufs Gera­te­wohl, von einem Ende zum anderen, aber den Kreml habe ich kein einziges Mal gesehen. – stop

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von den regenschirmtieren

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india : 2.05 – Gestern ist etwas Merk­wür­diges passiert. Ich hatte einem Bekannten, den ich lange Zeit nicht gesehen habe, eine E-mail gesendet. Kaum war die kleine elek­tri­sche Botschaft auf den Weg gebracht, kam eine Antwort zurück. Ich war sehr erstaunt gewesen, ich hatte ange­nommen, dass sich mein Bekannter viel Zeit nehmen würde, mir zu antworten, immerhin war ich etwas nach­lässig, zöger­lich darin, ihm zu schreiben. Ich hatte sogar einmal das Gefühl, er könnte viel­leicht längst nicht mehr am Leben sein, weiss der Teufel warum. Die Antwort, die ich erhielt, war folgende gewesen: Guten Tag! Ich habe Deine Nach­richt erhalten, bin gerade in Tasma­nien, ich werde so bald wie möglich antworten. Um Dir die Zeit bis dahin zu vertreiben, schicke ich Dir eine Geschichte, die Dir viel­leicht Freude bereiten wird. Es handelt sich um eine Traum­ge­schichte, die davon erzählt, dass ich wieder einmal von Regen­schirm­tieren träumte. Die Luft im Traum war hell vom Wasser, und ich wunderte mich, wie ich in dieser Weise, beide Hände frei, durch die Stadt gehen konnte, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spazierte. Als ich an einer Ampel warten musste, betrach­tete ich meinen Regen­schirm genauer und staunte, weil ich nie zuvor eine Erfin­dung dieser Art zu Gesicht bekommen hatte. Ich konnte dunkle Haut erkennen, die zwischen bleich schim­mernden Knochen aufge­spannt war, Haut von der Art der  Flug­haut eines Abend­seg­lers. Sie war durch­blutet und so dünn, dass die Rinn­sale des abflie­ßenden Regens deut­lich zu sehen waren. In jener Minute, da ich meinen Schirm betrach­tete, hatte ich den Eindruck, er würde sich mit einem weiteren Schirm unter­halten, der sich in nächster Nähe befand. Er vollzog leicht schau­kelnde Bewe­gungen in einem Rhythmus, der dem Rhythmus des Nach­bar­schirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es war kurz nach Mitter­nacht. Es regnet noch immer. – stop

polaroidkind

linie 12 : 2 uhr und 25 minuten

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echo : 3.08 – In dieser Nacht fahren funken­sprü­hende Stra­ßen­bahnen durch die Stadt, uralte Modelle, und die Luft duftet pelzig nach Zinn und Eisen unter Strom­ab­neh­mern, welche über Leitungen raspeln, deren gefro­rene Wasser­mäntel im Licht der Laternen schim­mern. Dieses Feuer, mal blau, mal schrill und gleis­send hell, mal in den milden Farben der Kerzen­flammen. Erschei­nungen, als würde Lava aus Adern dringen, die über Straßen gespannt. In den Wagons der Trams stehen Männer. Sie tragen Hand­schuhe und lederne Schürzen, warum? – stop

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emilia nabokov no2

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delta : 6.36 – Ich hatte ein Gespräch mit einem Freund, der seit vielen Jahren in digi­talen Räumen arbeitet, beinahe könnte ich sagen, ich hatte ein Gespräch mit einem Freund, der seit vielen Jahren in digi­talen Räumen zu exis­tieren scheint. Zahl­reiche seiner Arbeiten verbinden sich mit Arbeiten anderer Menschen, weil man auf ihn verweist, weil man auf ihn wartet, auf Texte, auch auf Bilder, Filme, Geräu­sche, die er aufnimmt, sobald er etwas Inter­es­santes zu hören meint. Mit jeder Minute der verge­henden Zeit wächst sein elek­tri­scher Schatten. Er macht das ähnlich wie eine New Yorker Foto­grafin, die stun­den­lang durch die Stadt spaziert und mit einem iPhone all das foto­gra­fiert, was ihr ins Auge fällt. Manchmal sind es hunderte Foto­gra­fien an einem einzigen Tag, die nur Sekunden nach Aufnahme von ihrem Foto­ap­parat, mit dem sie gleich­wohl tele­fo­nieren kann, an das Flickr – Medium gesendet werden. Mein Freund erzählte, dass er den Eindruck habe, die junge foto­gra­fie­rende Frau in Echt­zeit zu beob­achten, ihr im Grunde so nah gekommen zu sein, dass er kurz vor Weih­nachten fürch­tete, etwas Ernst­haftes könnte ihr wider­fahren sein, weil drei Tage in Folge keine Foto­grafie gesendet wurde. Am vierten Tag erkun­digte er sich mittels einer E-Mail, die er an Flickr sendete, ob es der schweig­samen Foto­grafin gut gehe, er mache sich Gedanken oder Sorgen. Man muss das wissen, mein Freund hatte der Foto­grafin nie zuvor geschrieben, kannte nicht einmal ihren wirk­li­chen Namen, sondern nur ein Pseud­onym: Emilia Nabokov No2. Ein halbe Stunde, nachdem die E-Mail gesendet worden war, erschien, als habe ihm die spazie­rende Künst­lerin zur Beru­hi­gung geant­wortet, eine Foto­grafie ohne Titel. Diese Foto­grafie erzählte davon, dass sich Emilia Nabokov No2 vermut­lich nicht in New York aufhielt, sondern in Montauk, weil auf der Foto­grafie ein Leucht­turm auf einem verschneiten Hügel zu sehen war, der eindeutig zur kleinen Stadt Montauk an der nord­öst­li­chen Spitze Long Islands gehörte. Im Hinter­grund das Meer, und vorne, ob nun mit Absicht oder nicht, ein Fuß in einem Gummi­stiefel von knall­roter Farbe. – stop

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ohrtrompete

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echo : 6.27 – Das Wort Ohrtrom­pete in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Ohrtrom­pete denke. Wie viel Gramm? – stop

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PRÄPARIERSAAL : nachthörnchen

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nordpol : 5.15 – Seit zwei Stunden sitzt ein Eich­hörn­chen auf meinem Fens­ter­brett. Es ist mitten in der Nacht und so kalt, dass ich den Atem des kleinen Tieres, das um diese Uhrzeit eigent­lich tief schlafen sollte, in der Dunkel­heit zu erkennen vermag. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich nicht viel­leicht täusche. Es ist denkbar, dass ich mir das Eich­hörn­chen nur vorstelle. Und wie ich über die Möglich­keit der Täuschung nach­denke, bemerke ich, dass die Vorstel­lung eines Eich­hörn­chens mittels weit geöff­neter Augen tatsäch­lich gelingen kann und zwar je für ein oder zwei Sekunden in einem Bild, das pulsiert, das in der dritten Sekunde schon wieder verloren ist und zunächst dann wieder erscheint, wenn ich das Wort Eich­hörn­chen denke oder Eich­hörn­chen­schweif. Ich muss das weiter beob­achten. Wenn ich nun die Notizen Michaels aus dem Präpa­rier­saal, die vor mir auf dem Tisch liegen, betrachte, weiß ich, dass sie keine Täuschung sind, weil ich das Papier, auf dem sie sich befinden, berühren, vom Tisch heben, falten und wieder entfalten kann, und damit gleich­wohl Michaels Zeichen, die keinerlei pulsie­render Bewe­gung unter­worfen sind. Er schreibt: Ich beob­achte, dass ich meinen leben­digen Körper mit dem toten Gewebe vor mir auf dem Tisch vergleiche. Ich lege Nerven, Muskeln und Gefäße einer Hand frei, bestaune die Fein­heit der Gestal­tung, über­lege wie exakt das Zusam­men­spiel dieser anato­mi­schen Struk­turen doch funk­tio­nieren muss, damit ein Mensch Klavier spielen, greifen, einen anderen Menschen strei­cheln kann, wie umfas­send die Inner­va­tion der Haut, um Wärme, Kälte, verschie­dene Ober­flä­chen erfühlen, ertasten zu können. Immer wieder pendelt mein Blick zwischen meiner leben­digen und der toten Hand hin und her. Ich bewege meine Finger, einmal schnell, dann wieder langsam, ich schreibe, ich notiere, was ich zu lernen habe, bis zur nächsten Prüfung am Tisch, und beob­achte mich in diesen Momenten des Schrei­bens. Abends treffen wir uns in der Biblio­thek hier gleich um die Ecke und lernen gemeinsam. Vor allem vor den Testaten werden die Nächte lang. Ich kann zum Glück gut schlafen. Unsere Assis­tentin ist eine junge Ärztin, die noch nicht vergessen hat, wie es für sie selbst gewesen war im Saal. Sie ist immer sehr warm und freund­lich zu uns. Aber natür­lich achtet sie streng auf die Einhal­tung der Regeln, kein Handy, kein Kaugummi im Mund, ange­mes­sene Klei­dung. Manchmal versam­melt sie uns und wir proben am Tisch stehend das nahende Testat, es gibt eigent­lich kaum einen Tag, da wir nicht von ihr befragt werden, das erhöht natür­lich unsere Aufmerk­sam­keit und Konzen­tra­tion enorm. Einmal erzählte sie uns eine Geschichte, die mich sehr berührte. Sie sagte, ihre Mutter sei sehr stolz, dass sie eine Ärztin geworden ist. Sie habe ihr einge­schärft: Was Du gelernt hast, kann Dir niemand mehr nehmen. Aber natür­lich, als wir die feinen Blut­ge­fässe betrach­teten, die unser Gehirn mit Sauer­stoff versorgen, wurde mir bewusst, dass wir doch auch zerbrech­lich sind, dass unser Leben sehr plötz­lich zu Ende gehen kann. Im Moment will ich daran aber nicht denken. Ich bin froh hier sein zu dürfen, ich habe lange darauf gewartet. Manchmal gehe ich durch den Saal spazieren. Wenn ich Lungen­flügel betrachte, oder Herzen, oder Kehl­köpfe, Lage und Verlauf einzelner Struk­turen, dann erkenne ich, dass im Allge­meinen alles das, was in dem einen Körper anzu­treffen ist, auch in dem anderen entdeckt werden wird, kein Körper jedoch ist genau wie der andere, damit werde ich in Zukunft zu jeder­zeit rechnen. – stop

polaroidtraumzeichnung

von den eisbriefen

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kili­man­dscharo : 6.28 – Für ein oder zwei Minuten war ich wild entschlossen gewesen, ein Gründer zu werden, und zwar gestern Abend um kurz nach 22 Uhr. Ich war zum Brief­kasten gelaufen, der nicht weit entfernt vom Haus, in dem ich lebe, an einer Wand befes­tigt ist. Ein Eich­hörn­chen, natür­lich, beglei­tete mich. Es war sehr kalt, und plötz­lich habe ich wahr­ge­nommen, dass ich, wenn es mir möglich wäre, gern Briefe von Eis verschi­cken würde, hauch­dünne Blätter gefro­renen Wassers, die man in kühlende Kuverts stecken und in alle Welt verschi­cken könnte. Eine wunder­bare Vorstel­lung nach­ge­rade, wie ein Mensch, dem ich einen Eisbrief gesendet habe, in der Küche vor seinem Eisschrank sitzt und meinen Brief für Sekunden studiert, um ihn dann rasch wieder in die Kälte zurück­zu­legen, damit er nicht verschwindet in der warmen Luft. Ich sollte also bald einmal jene beson­deren Eispa­piere, ihre Fabriken und Läden erfinden, und Kuverts, und Brief­kästen, die wie Kühl­schränke funk­tio­nieren. Wo man die Briefe sortiert, in einem Postamt, würde man in tief­ge­kühlten Räumen arbeiten, und alle diese Auto­mo­bile, nicht wahr, die vereiste Brief­ware über das Land beför­dern. Ein Unter­nehmen dieser Art, wäre eine wirk­liche Heraus­for­de­rung, eine gute und sehr verrückte Sache, so dachte ich am gest­rigen Abend. Kaum war ich wieder in meine Wohnung zurück­ge­kehrt, war aus der Grün­der­zeit bereits eine Erfin­der­zeit geworden. Und wie ich in diesem Augen­blick voller Freude im polaren Zimmer vor meinem Schreib­tisch sitze, damp­fender Atem, Stift in der Hand, Stift, der mit kaum noch hörbaren Pfeifen Zeichen in schim­mernde Eispa­pier­bögen fräst. Ich schreibe: Mein Lieber Theodor, ich wollte Dir schon lange einmal einen Eisbrief notieren. Hier nun, wie verspro­chen, ist er endlich bei Dir ange­kommen. Ich hoffe, Du hast es schön kühl bei Dir. Wenn nicht, dann ist es sicher schon zu spät und Du kannst nicht lesen, was ich Dir aufge­schrieben habe, dass ich nämlich den Wunsch habe, bald einmal zwei oder drei Tage zu schweigen, um den Kopf­stimmen stummer Menschen nach­zu­spüren. Ich könnte mich kurz vor Beginn meiner Stille verab­schieden von Freunden: Bin tele­fo­nisch nicht erreichbar! Oder einen Notiz­block besorgen, um Fragen für den Alltag zu verzeichnen, sagen wir so: Führen sie in ihrem Sorti­ment Hörge­räte für Engel­wesen finger­groß? Eine Kärt­chen­samm­lung zu erwar­tender Wieder­ho­lungs­sätze weiterhin: Habe vorüber­ge­hend mein Tonver­mögen verloren! – Es ist eine ange­nehme Nacht, lieber Theodor. Ich erin­nerte einen Satz René Chars, den er in seiner Gedicht­samm­lung “Lob einer Verdäch­tigen” notierte. Er schreibt, es gebe nur zwei Umgangs­arten mit dem Leben: entweder man träume es oder man erfülle es. In beiden Fällen sei man rich­tungslos unter dem Sturz des Tages, und grob behan­delt, Seiden­herz mit Herz ohne Sturm­glocke. Dein Louis, ganz herz­lich! – stop

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ein anderes zimmer

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tango : 6.30 – Wieder die Frage, wie lange Zeit ich bereits über Augen verfüge? Wann genau schal­tete sich die Über­tra­gung des Lichts für mich ein? Exis­tieren noch Erin­ne­rungen an diesen ersten Moment, Erin­ne­rung von Farbe, Schatten, Bewe­gung? Welches Geräusch war erste das Geräusch gewesen, das ich hörte? Ein Herz­po­chen, ein Rauschen viel­leicht, oder ein Stan­dard von Benny Goodman, Musik in aller­nächste Nähe, und doch wie aus einem anderen Zimmer kommend? – stop

polaroidvogelflug

ghadames basin

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MELDUNG. Bakte­rien der Gattung Chlorobi D-7635B [methan­zeh­rende Vari­ante], haben kurz nach Mitter­nacht subkutan ein liby­sches Ölfeld nahe Ghadames Basin über­fallen. Man frisst sich gegen mittel­mee­ri­sche Küste zu. – stop

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kabinen

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tango : 2.28 – Gestern hatte ich einen merk­wür­digen Traum. In diesem Traum wurde über das Haus, in dem ich lebe, ein Büro­turm von enormen Ausmaßen errichtet. Das Gebäude ruhte auf Stelzen, wir lebten darunter in einer Schat­ten­welt, selbst die Nacht war verdun­kelt. Weil man die Häuser der Wohn­men­schen nicht abreißen durfte, wurden senk­recht in den Erdboden zu den Subway – Stationen hin, Röhren von Glas getrieben, in welchen mittels trans­pa­renten Einper­so­nen­ka­binen Ange­stellte ihre Büros erreichten. Eine dieser Röhren führte durch das Zimmer, in dem ich zu schlafen versuchte. Stunde um Stunde reisten nun Menschen durch mein Zimmer, aufwärts und abwärts, manche grüssten freund­lich, manche waren verlegen, einige schliefen. – stop

ping

nummer 6

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tango : 3.56 – An einem Sommertag gehe ich mit Tom spazieren. Er ist ein ziem­lich großer, junger Mann, schlaksig, der, während er von seinen Erleb­nissen im Präpa­rier­saal erzählt, immer wieder einmal einen Stein oder ein Stück Holz vom Boden hebt, um es in den Fluss zu werfen. Da ist nämlich ein Fluss, Tom wollte am Fluss spazieren, ich ahne weshalb. Er scheint, indem er Steine wirft, genauer denken zu können. Hin und wieder läuft er in den Wald, der unseren Weg begleitet und bleibt für einige Minuten verschwunden. Er spricht sehr schnell, ich kann kaum folgen, er will mir deshalb noch einige Gedanken notieren, damit ich sie ausdru­cken kann. Wenige Tage nach unserem Spazier­gang kommt tatsäch­lich eine E-Mail, eine sehr präzise Form der Beob­ach­tung. Tom: > Ich versuche jetzt näher heran­zu­gehen. Noch haben wir den 1. Tag. Wir haben mit der Präpa­ra­tion des Körpers begonnen. Wir haben die Körper auf den Tischen inspi­ziert, wir haben ein Leichen­pro­to­koll ange­fer­tigt, Haut­schnitte gesetzt. Sie sehen, wie wir uns über unsere Arbeits­ti­sche beugen. Vier von uns befinden sich auf der einen, vier auf der anderen Seite des Tisches. Jedem von uns wurde eine Posi­tion am Präparat zuge­ordnet. Ich habe die Nummer 6. Also arbeite ich zu diesem Zeit­punkt in der Höhe der Brust. Wenn ich den Blick hebe, sehe ich Katha­rina. Von den Leichen steigt ein Dunst auf, den man nicht sehen kann, aber zu spüren bekommt. Unsere Augen sind gerötet. Das ist eine Situa­tion, an die wir uns zunächst noch zu gewöhnen haben. Skal­pelle, Pinzetten, Hände sind nur wenige Zenti­meter vonein­ander entfernt. Wir könnten uns verletzen, deshalb halten wir unsere Werk­zeuge, als würden wir Blei­stifte führen. Wir zeichnen auf sehr engen Bahnen. Wir beginnen in der regio praes­ter­nalis. Dort haben die Haut­schnitte des Assis­tenten Zugang erzeugt, dort können wir die Haut mit unseren Pinzetten aufnehmen und etwas vom Körper heben. Eine erste unsi­chere Bewe­gung. Wir spannen die Haut. Wir schneiden von der subcutis in Rich­tung der gespannten Haut, arbeiten von innen nach außen, arbeiten von medial nach lateral. Haben wir gespro­chen? Ich kann mich nicht erin­nern. Aber ich sehe, dass ich meine Hand bereits auf die Brust des Toten gestützt habe. Ich spüre die Erschüt­te­rungen, die durch die Bewe­gungen meiner Freunde in dem Körper hervor­ge­rufen werden. Wenn ich mich aufrichte, um meinen Rücken zu entspannen, erkenne ich die Fort­schritte meiner Arbeit. Ich habe ein Stück der Haut so weit vom Körper gelöst, dass ich es zurück­klappen kann. Woran habe ich gedacht in dieser ersten Stunde der Arbeit? Habe ich daran gedacht, dass ich begonnen habe, einen Leichnam zu zerglie­dern? Ich weiß es nicht! Aber ich kann Ihnen sagen, dass es nicht leicht ist, ein Skal­pell zu führen, als würde man damit schreiben. Ich kann Ihnen versi­chern, man geht nicht in die Tiefe, wenn man Haut präpa­riert. Man packt einen Körper aus. Eine wahre Gedulds­probe. Zenti­meter um Zenti­meter arbeitet man sich über die Ober­fläche des Körpers voran. Erstaun­lich, wie nah wir dem Leichnam nach zwei Stunden bereits gekommen sind. – stop

polaroidwerkstatt

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