flamingo

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alpha : 2.25 – Seit einigen Wochen der Verdacht, dass sich Wörter meiner parti­cles-Sphäre genau so verhalten als wären sie unge­bän­digte Lebe­wesen, sie tun nämlich in heim­li­cher Weise was sie wollen, fügen sich zum Beispiel selbst Buch­staben hinzu oder lassen Buch­staben, die für ihre spezi­elle Exis­tenz unver­zichtbar sind, verschwinden. Andere Wörter lassen Buch­staben kreisen, einen Buch­staben um einen anderen Buch­staben. Kaum habe ich nach langer Arbeit in der Nacht die Augen zuge­macht, geht das alles los. Und wenn ich dann wach geworden bin und betrachte, was ich nachts notierte, mein Gott, denke ich, aus Wetter ist Watte geworden, aus Miete Mut, aus Regen­schirmen Schirme von Schnee. Gerade eben habe ich das Wort Möwe in einem Text beob­achtet, den ich vor Monaten notierte. Ich hatte dieses Wort schon lange im Auge. Eine Stunde betrach­tete ich das Wort, ohne dass es sich verän­derte. Kaum aber war ich für eine Minute aus dem Raum getreten, um in die Küche zu gehen, wurde aus der Möwe eine Mive, das kann ich so genau sagen, weil ich, als ich an den Schreib­tisch zurück­kehrte, gerade noch sehen konnte, wie aus dem Wort Mive wieder das Wort Möwe wurde. Eine selt­same Sache. Auch ganze Wörter scheinen durch den Text­raum wie durch Zeit zu reisen. Im Juli 2008 fabri­zierte ich eine kleine Geschichte, die davon erzählt, warum ich nachts manchmal im Dunklen sitze. Genau diesen Text scheint das Wort Flamingo beson­ders ange­nehm zu finden, weswegen es immer wieder erscheinen will im Text an Stelle der Fliegen, die Teefliegen sind. Schauen Sie selbst, Sie müssen nur lange genug Beob­achter oder Beob­ach­terin sein, dann werden Sie schon sehen: Heut Nacht sitz ich im Dunkeln, weil ich heraus­zu­finden wünsche, ob Libellen auch in licht­leeren Räumen fliegen, schweben, jagen. Als ich gestern, das sollten Sie wissen, gegen den Mittag zu erwachte, balan­cierte eine Libelle, mari­neblau, auf dem Rand einer Karaffe Tee, die ich neben meinem Bett abge­stellt hatte, schaute mir beim Aufwa­chen zu und naschte, solange ich nur ein Auge bewegte, indem sie rhyth­misch mit einer sehr langen Zunge bis auf den Grund des zimt­far­benen Gewäs­sers tauchte. Viel­leicht jagte sie nach Fischen oder Larven oder kleinen Fliegen, nach Teefliegen, kochend­heiß, die kühler geworden sein mochten während ich schlief. Oder aber sie hatte endlich Geschmack gefunden auch an süßen Dingen des Lebens, weshalb ich kurz vor Mitter­nacht einen Löffel Honig erhitzte und auf die Fens­ter­bank tropfen ließ, um dann sofort das Licht zu löschen. Und so warte ich nun bereits seit drei Stunden und höre selt­same Geräu­sche, von Menschen viel­leicht oder anderen wilden Tieren. – stop – Zwei Uhr und fünf­und­zwanzig Minuten. Wahr­schein­lich ist auch heute, während ich schlief wieder alles in Bewe­gung gewesen. – stop

polaroidvoegel

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nordpol : 22.01 – Stelle mir ein Buch vor, das rund ist, ein Buch, dessen Seiten so gebunden sind, dass sie einen Zylinder ergeben. Man könnte Geschichten in diesem Buch derart anordnen, dass sie, wie in einem Gewässer Strö­mungen, kaum merk­lich inein­ander fließen, sagen wir fünf­tau­send kleinste Geschichten auf 2500 Seiten, geschrieben ohne Absatz und ohne eine Seiten­an­gabe. Man steigt irgendwo zu und liest und wird man bald meinen, schon einmal da und dort gewesen zu sein. – stop

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nachtameise

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~ : sam
to : Mr. louis
subject : WANDERAMEISE

Mein lieber Freund Louis, es gibt Neues zu berichten. Ich bin nämlich umge­zogen, von einer Wohnung in eine andere Wohnung, beide befinden sich in demselben Haus. Jahre­lang, wie Du weißt, lebte ich im 3. Stock, jetzt schaue ich vom 25. Stock­werk auf die Straße hinunter. Die Menschen sind noch kleiner geworden, ihre Stimmen nicht länger zu hören. Ich wohne unter dem Dach. Manchmal liege ich rück­lings auf dem Boden und denke, dass es hier ganz wunderbar ist, weil ich nie wieder von Schritten geweckt werde, wenn ich schlafe. Natür­lich ist der Aufstieg beschwer­lich, kein Liftzug nach wie vor, aber die Luft scheint hell zu sein, auch nachts, weil sie so gut riecht, nach Seeluft, ja, nach Seeluft. Vor wenigen Stunden öffnete ich das Fenster nach Süden hin und fütterte Möwen mit Brot, seither umkreisen sie lauernd das Haus. Die Wohnung nebenan scheint leer zu stehen, von unten ist leise Klavier­musik zu hören, nichts weiter. Es ist über­haupt sehr still hier oben. Während ich nachts, eine Wander­ameise, meine Bücher und Papiere nach oben schleppte, war ich keiner Menschen­seele begegnet. Aber ich hörte Stimmen, nicht von den Türen, von irgendwo her, als wären Menschen in den Stufen, dem Holz des Trep­pen­ge­län­ders, den Wänden des alten Hauses gefangen. In den höheren Stock­werken befinden sich Brief­kästen mit schweren, eisernen Deckeln, in welche man Botschaften abwerfen kann. Natür­lich bin ich nicht sicher, ob sie noch funk­tio­nieren. Ich habe zur Probe eine Nach­richt folgenden Inhaltes an mich selbst abge­schickt: Etwas Selt­sames ist geschehen. Bin gestern Abend einge­schlafen, obwohl ich in einem äußerst span­nenden Buch geblät­tert hatte. Viel­leicht war’s die schwere, warme Luft oder eine schlaf­lose Nacht der vergan­genen Jahre, die rasch noch nach­ge­holt werden musste. So oder so schlum­merte ich eine Stunde tief und fest im Gras und wäre vermut­lich bis zum frühen Morgen hin in dieser Weise anwe­send und abwe­send zur glei­chen Zeit auf dem Boden gelegen, wenn ich nicht sanft von einer nacht­wan­dernden Ameise geweckt worden wäre. Kaum hatte ich die Augen geöffnet, war ich schon mit einer Frage beschäf­tigt, die ich erst wenige Stunden zuvor entdeckt hatte, mit der Frage nämlich, wie Tief­see­ele­fanten hören, was sie mitein­ander spre­chen, da doch die Sprech­ge­räu­sche ihrer Rüssel sehr weit von ihren Ohren entfernt jenseits der Wasser­ober­fläche zur Welt kommen und rasch in alle Himmels­rich­tungen verschwinden. Eine diffi­zile Frage, eine Frage, auf die ich bisher viel­leicht deshalb keine Antwort gefunden habe, weil ich eine Antwort nur im Schlaf finden kann, wenn mein Gehirn machen darf, was es will. – Dein Sam. Guten Morgen! – stop

gesendet am
17.03.2013
8.15 pm
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polaroidmusiker

konzert für posaune

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lima : 2.12 – Vor wenigen Stunden, am späten Nach­mittag, wurden in der Cham­bers Street 155, dritter Stock, zwei Sauer­stoff­fla­schen für den Trans­port in Rich­tung der Lexington Avenue vorbe­reitet. Es handelte sich um zwei schlanke, metal­lene Behälter von je 12 Kilo­gramm Gewicht. Sie schim­merten sehr schön im Licht der tief stehenden Sonne, die durch die Fenster eines exqui­siten Ladens strahlte, in dem man Zubehör für Taucher und andere Wasser­men­schen erwerben kann, seefeste Bücher, schwe­bende Stühle und Tische, Kiemen­vögel, Pracht­schne­cken, Leucht­mol­lusken und viele weitere Gegen­stände, die man sich viel­leicht wünschen wird, wenn man es mit einer dauer­haften Exis­tenz im oder unter dem Wasser zu tun haben würde. Nun waren an den Sauer­stoff bewah­renden Behäl­tern je zwei beson­dere Vorrich­tungen zu vermerken, Propeller oder etwas ähnli­ches, die sich zur Probe mit einem hellen Sausen so schnell drehten, dass man sie in der Luft nicht sehen, aber spüren konnte. Vier Ange­stellte des kleinen Ladens prüften sehr sorg­fältig eine halbe Stunde lang die Funk­ti­ons­tüch­tig­keit der Appa­ra­turen, dann montierten sie zwei metal­lene Schläuche, an welchen sich Mund­stücke befanden, die den Mund­stü­cken der Trom­peten ähnelten. Denkbar, dass jene beob­ach­teten Sauer­stoff­fla­schen durch das Wasser schweben werden, während man etwas Luft von ihnen nippen könnte. Meine beson­dere Aufmerk­sam­keit aber galt einem Zettel, der dem Trans­port beigefügt worden war. Dort war vermerkt, dass die Behälter am späten Abend mittels eines Taxis­trans­fers an Mrs. Sünja Täppinnen ausge­lie­fert werden sollten, wohn­haft in der Lexington Avenue 1285, wie bereits erwähnt, 14. Etage. Ursäch­lich für die Bestel­lung könnte ein Unter­was­ser­jazz­kon­zert gewesen sein, das genau in diesen Minuten, da ich meine Nach­richt notiere, zur Auffüh­rung kommen wird. Es ist nun alles, auch wirk­lich alles möglich, was man sich denken kann in dieser schönen Winter­nacht. – stop

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lissabon

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sierra : 6.52 – Eines der letzten bewegten Bilder, die ich von meinem Vater in Erin­ne­rung habe, zeigt ihn, wie er in seinem Arbeits­zimmer am Computer arbeitet. Auf dem Bild­schirm sind dutzende Programm­fenster geöffnet. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungslos in seinem Sessel. Manchmal tastet eine Hand durch die Luft, greift unsi­cher nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wieder auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zeiger über den Bild­schirm fahren. Ein weiteres Programm­fenster öffnet sich. Ein kleines Mädchen fährt in diesem Fenster auf einem Fahrrad über einen sandigen Weg. Sie bewegt sich in Schlan­gen­li­nien dahin, lacht hoch zur Kamera, die rück­wärts durch die Luft zu fliegen scheint. Es ist ein heiterer Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorne ab. Aber dann öffnet sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fenster, das den heiteren Film verdeckt. Eine Foto­grafie, Mutter nahe Lissabon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Computer sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schuhe. Auch meine Mutter trägt Turn­schuhe. Ich fragte mich, wer diese Aufnahme machte, und komme nicht darauf. Ein Schatten ist zu erkennen, der Schatten eines Foto­grafen viel­leicht. In diesem Moment ruft die Frau, die auf der Foto­grafie zu sehen ist, von unten, vom Wohn­zimmer her, dass das Mittag­essen bald fertig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fenster, die er im Laufe des Vormit­tages geöffnet hatte, wieder zu schließen. Nein, alles muss aufge­räumt werden. Mein Vater steht nicht einfach auf, um sich sofort unsi­cheren Schrittes auf die Treppe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zeiger auf dem Bild­schirm den Rahmen der Programm­fenster nähert. Er scheint das Symbol für das Schließen der Fenster zu suchen, aber das Symbol ist nicht zu entde­cken, nicht zu erkennen. Der Zeiger irrt auf dem Bild­schirm herum, Fenster drängen sich in den Vorder­grund und verschwinden wieder. Dann kommt Mutter herbei, sie ruft zärt­lich: Komm, komm, das Essen ist fertig. Schritte auf der Treppe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwit­schern der Vögel vom Garten her. Im Zimmer auf dem Schreib­tisch ist der Computer längst einge­schlafen. – stop

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zwergseerosen

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sierra : 6.38 – Vor Kurzem noch habe ich nicht gewusst, dass Lampen­me­dusen bevor­zugt Zwerg­see­rosen zu sich nehmen. Eigent­lich müsste ich sagen, dass Lampen­me­dusen ihrer Aufgabe der Licht­er­zeu­gung nur dann nach­zu­kommen in der Lage sind, wenn sie einige Gramm einer bestimmten Zwerg­see­ro­sen­gat­tung aufge­nommen haben. Diese Zwerg­see­rosen nun sind wunder­bare Wesen, die man mit bloßem mensch­li­chen Auge nicht wahr­zu­nehmen vermag. Sobald sie aber häufig sind, also gehäuft, sagen wir zehn­tau­send Zwerg­see­rosen in nächster Nähe zuein­ander, sehen wir eine rötliche Wolke, die sich in der Form einer flachen Linse sehr wohl zu fühlen scheint. Unter einem Mikro­skop betrachtet sind an jeder Zwerg­see­rose wunder­volle Blüten von roter Farbe zu erkennen, die sich langsam um die eigene Achse drehen, weswegen Zwerg­see­rosen durch das Wasser wandernde Geschöpfe sind, schwe­bende, oder genauer, tauchende Blumen. Sie sollen zart nach Hummer­fleisch schme­cken, jedoch nicht genießbar sein, weil auch dann, wenn Menschen sie verkosten, eben jene Menschen in der Art der Lampen­me­dusen zu leuchten beginnen, ihre Haut und ihre Haare, dann fallen sie um und hören auf zu atmen. Einer, der das nicht glauben wollte, wurde gestern auf hoher See bestattet. Ein selt­samer Anblick, wie man berichtet, ein blaues Leuchten mit Armen, Beinen und einem Kopf, das langsam in der Tiefe verschwand. – Es ist schon weit nach Mitter­nacht, also Nach­mittag geworden. Ich spaziere leise durch meine Wohnung, weil ich niemanden wecken möchte. Unter mir schlafen Menschen. Das ist immer wieder eine selt­same Vorstel­lung, dass sie sehr nah sind, nur durch etwas Holz und Bast und Stein von mir getrennt. Man kann in dieser Weise Jahre wohnen, ohne zu wissen, wen genau man atmen oder spazieren hört. Einer der Menschen unter mir, scheint im Schlaf zu spre­chen. Wenn er zu spre­chen beginnt, höre ich das Geräusch einer Tür, dann hört er auf zu spre­chen. Für eine Weile ist es still. Es gibt viel zu erzählen im Schlaf. – stop

polaroidblumen

al rafeed

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MELDUNG. Junge Engel, Schule zu St. Nazaire, sind kommende Nacht von 1 bis 3 Uhr bei leichter Flie­gerei über den Golan­höhen nahe Al Rafeed anzu­treffen. Eintritt frei. – stop

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von nachthüten

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echo : 6.48 – Es war das erste Mal, dass ich ein Hutge­schäft betreten habe. Es roch sehr gut, es roch nach feinen Stoffen und nach Leder, es roch eigent­lich eher nach einem Schuh­ge­schäft als nach einem Geschäft für Hüte. Der Mann hinter dem Tresen trug natür­lich selbst einen Hut auf dem Kopf. Als ich mich näherte war er gerade in ein Gespräch vertieft mit einem Herrn, der sich Hüte vorführen ließ. Er schien über sehr viel Geld zu verfügen, weil er jeden Hut, der ihm gefiel, unver­züg­lich kaufte. Ein Turm von Hutschach­teln, so hoch wie der Mann selbst, hatte sich neben ihm gebildet. Der Turm wurde von einem Ange­stellten des Ladens fest­ge­halten, damit er nicht stürzte. Ein weiterer junger Mann klet­terte auf einer Leiter hinter dem Tresen vor einem Regal herum, das aus einem früheren Jahr­hun­dert zu kommen schien, das heißt, das Regal war übrig geblieben, während andere Gegen­stände derselben Zeit längst verschwunden waren. Einige Minuten nahm keiner der Menschen, die sich in dem Laden befanden, Notiz von mir, und so konnte ich diese kleine Geschichte beob­achten, auch den Ausfüh­rungen lauschen, mit welchen der Mann, der Hüte kaufte, sein Verhalten begrün­dete. Obwohl auf seinem Kopf noch sehr viel Haar zu entde­cken war, schien der Mann sich bereits jetzt Gedanken darüber zu machen, wie lange er über sein Haar noch verfügen würde. Er schien damit zu rechnen, dass er bald kein einziges oder nur räudiges Haar auf dem Kopf tragen würde, darunter bloße Haut, nichts also als seinen Kopf, was für ihn nicht akzep­tabel sein konnte. Er wollte nun vorsorg­lich Hüte wie Frisuren besitzen, wollte nichts anderes, als mächtig sein über seine Zukunft, vorbe­reitet, sagen wir. Selbst noch nachts, stellte er sich vor, sollte ein Hut seinen Kopf bede­cken, weswegen er nach Nacht­hüten fragte, aber so etwas gibt es nicht, oder noch nicht, Mützen ja, aber nicht Hüte, nicht Nacht­hüte, was seltsam ist, nicht wahr, dass es alles Mögliche gibt auf dieser Welt, aber keine Hüte, die reine Nacht­hüte sind. Seit ich das Hutge­schäft vor Stunden verlassen habe, denke ich darüber nach, was einen Nachthut genau genommen ausma­chen würde, was ihn von anderen Hüten unter­scheiden würde. Es müsste vermut­lich sehr weich sein, das könnte sein. Sehr viel weiter bin ich in meinen Über­le­gungen bislang nicht gekommen. Es ist jetzt kurz nach drei Uhr. Schnee­wolken nähern sich von Nord­osten her. – stop

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gramm

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nordpol : 2.28 – Das Wort Pauken­höhle in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Pauken­höhle denke. Wie viel Gramm? – stop

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kairo

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india : 7.00 – Weder darf ich ihren Namen verraten, noch in welcher Stadt sie wohnt oder für wen sie arbeitet. Alles andere darf ich erwähnen, dass sie wirkt, als sei sie einem Fellini-Film entkommen, zum Beispiel. Sie trägt blaue Turn­schuhe, helle Seiden­strümpfe und einen grauen, kurzen Mantel mit einem Pelz­kragen, der nicht echt ist oder doch, ich kann es nicht sagen. Wenn sie auf ihren langen, äußerst dünnen Beinen vor mir steht, über­ragt sie mich um einen halben Kopf, kann somit meinen Scheitel betrachten, was nie geschieht, weil sie mir stets auf oder in die Augen schaut, wenn wir mitein­ander spre­chen. Auch dann nämlich schaut sie mir in die Augen, wenn ich ihren Blick nicht erwi­dere, weil ich gerade irgend­einen anderen Ort ihrer Erschei­nung besich­tige. An ihrem Hals sitzt ein grün­gelber Schmet­ter­ling, der zu einem Tattoo gehört, das längst ihren halben Körper bede­cken soll. Ich habe einmal einen flüch­tigen Eindruck des Haut­ge­mäldes erhalten, als sie mir ihren Bauch zeigte. Ich war begeis­tert, aber auch ein wenig erschro­cken gewesen, ich konnte ihre Rippen sehen, so dünn ist sie, so zerbrech­lich, dass man sie als eine Hunger­künst­lerin bezeichnen könnte, eine, die gerade so wenig isst, dass sie daran nicht stirbt. Über­haupt, ja, über­haupt das Leben, es ist nicht leicht, das sagt sie mit einer Stimme, die tief ist. Ihr Mund ist ein kleiner Mund, ihre Augen sind grau, ihr Haar reicht bis fast zu den Knie­kehlen herab. Jeder Mann, aber auch alle Frauen drehen sich nach ihr um, wenn sie erscheint und wieder verschwindet. Unlängst hatte sie einen sehr kleinen Koffer gepackt und war mit ihm nach Kairo geflogen. Ich fragte, ob sie sich nicht gefürchtet habe. Nein, antwor­tete sie, es sei ihr nicht so wichtig am Leben zu bleiben, weil sie eigent­lich nicht sehr gerne lebe, das sei schon immer so gewesen, weswegen sie nur ungern trinken und essen würde. Um ein Schäl­chen Hafer­flo­cken zu sich nehmen zu können, muss ein halber Tag vergehen. Das ist für ein Schäl­chen Hafer­flo­cken eine lange Zeit. Sie lacht jetzt. Wenn doch die Männer nicht immer dasselbe wollten, na, Du weißt! Der Künstler, der ihr das Haut­ge­mälde fertigte, habe ihr gesagt, dass er sich fürchtet über ihren blanken Rippen mit der Nadel zu arbeiten. Wieder lacht sie, ein wärmendes Geräusch. – stop

polaroidnachtvogel

ryūnosuke akutagawa

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charlie : 5.05 – Nach der mögli­chen Exis­tenz von Drohnen im New Yorker Luft­raum gefragt, soll der Bürger­meister der Stadt geant­wortet haben, dass man solche Entwick­lungen nicht aufhalten könne. „Wir werden mehr Sicht­bar­keit und weniger Privat­sphäre haben”. Es sei keine Frage, ob er selbst das gut oder schlecht finde. Das sei beängs­ti­gend, aber er sehe letzt­lich kaum einen Unter­schied zwischen einer Drohne in der Luft und einer Kamera auf einem Gebäude. – In diesem Moment, es ist kurz nach drei Uhr, verlässt die Vorstel­lung eines Posau­nisten, der früh­mor­gens an Bord der Fähre MS John F. Kennedy spie­lend einen neuen Morgen begrüßt, während er von einem summenden Flug­ob­jekt in der Größe einer Manda­rine umrundet wird, ihren poeti­schen Raum. – stop. – Minus 5 Grad Celsius. – stop. – Weit unter mir, auf einer Stra­ßen­la­terne sitzt eine Amsel. Ich nehme an, dass sie mich sehen kann. Aber es ist noch zu kalt oder zu früh, um zu singen. Ich habe eine halbe Stunde lang in der Beob­ach­tung des kleinen dunklen Vogel­schat­tens mein Gedächtnis trai­niert, indem ich versuchte, den Namen eines japa­ni­schen Dich­ters zu lernen, der seit dem 24. Juli 1927 nicht mehr am Leben ist. Er heißt Ryūno­suke Akutagawa. Jetzt ist es kurz vor vier. Nichts weiter. – stop

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drohne 12

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kili­man­dscharo : 2.28 – Zwölf­hun­dertstes Hotel­zimmer – sei mir gegrüßt! Sei mir gegrüßt mit mäßig gutem Bett, Spie­gel­schrank, Kommode, wacke­ligem Schreib­tisch; mit rosa Nacht­tisch­lampe, abge­schabtem Teppich, Wasser­ka­raffe, Brief­pa­pier, Koffer­ständer. Sei gegrüßt, Heimat seit einer halben Stunde, Heimat für zwei, drei oder vier­zehn Tage -: Wirst Du mir freund­lich gesinnt sein? Werde ich bei Dir ausruhen dürfen? – Ich lese Klaus Mann. Seit bald sechs Stunden lese ich in einem Buch, das seine Texte versam­melt, eine Auswahl. Ich habe das Buch bereits vom ersten bis zum letzten Satz gelesen. Nun, indem ich wieder von vorne beginnen werde, zu einem Zeit­punkt, da ich nicht weiß, wie lange es dauern wird, bis ich mich wieder bewegen werden kann, habe ich beschlossen, das Buch abzu­schreiben, weil das Buch abzu­schreiben längere Zeit in Anspruch nehmen wird, als das Buch zu lesen. Ich muss mich nämlich beschäf­tigen, um meine innere Ruhe nicht zu verlieren, weil ich Grund habe, äußerst beun­ru­higt zu sein. Es war gegen 8 Uhr abends, gerade Dämme­rung, als ich vor dem Fenster im 22. Stock eine Bewe­gung bemerkte. Ich hatte gerade fünf Seiten des Buches gelesen, als ich den Blick auf das Fenster rich­tete. Ich bemerkte eine Drohne, ein kleines Flug­ob­jekt, das zu mir herein­spähte. Sie ist immer doch da. Sie filmt mich, wie ich hier auf meinem Sofa sitze. Ich habe den Verdacht, dass sie mögli­cher­weise eine oder zwei Waffen auf mich richtet, weswegen ich so tue, als würde ich sie nicht sehen. Und doch traue ich mich nicht, mich zu erheben, obwohl ich sehr durstig bin und hungrig. Kaum will ich einen Fuß auf den Boden stellen, kommt die Drohne so nah an das Fenster meines Zimmers heran, dass ich meine, sie würde die Scheibe berühren. Ich weiß, dass man mich betrachtet, verdammt, wer auch immer Ihr seid, ich weiß, dass Ihr mich betrachtet. Ich sage Euch, ich erkläre hiermit, ich werde Euch keinen Gefallen tun, ich werde Euch nicht reizen, ich werde Euch keinen Anlass geben, auf mich zu feuern. Ich bin ganz ruhig, ich bin gelassen, Klaus Mann ist bei mir, ich lese, ich schreibe. Es ist kurz nach zwei Uhr. Fangen wir noch einmal von vorne an: Ich weiß nicht, wohin ich fahre. Ich fahre irgend­wohin. Ich trage meinen Hand­koffer, ein paar Bücher, den Regen­mantel. – stop

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ameisengeschichte

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india : 6.15 – Die müde Stimme eines Freundes gestern Abend auf dem Anruf­be­ant­worter. Ich hatte um einen Rückruf gebeten, der Rückruf kam bald. Er meldete, er sei gerade auf dem Land in seinem Haus und kämpfe mit Ameisen. In den darauf folgenden Minuten hatten wir mehr­fach kürzere Verbin­dungen, die je nur Sekunden dauerten. Das waren Verbin­dungen einer Art gewesen, die man viel­leicht von früher her kennt, Stör­ge­räu­sche, Wort­fetzen, Stimmen von sehr weit her, geheim­nis­voll. Nach einigen Minuten war dann endlich eine stabile Verbin­dung erreicht. Ich hörte einen Bericht jener Vorgänge, die sich fern, im Rheingau, in einem kleinen Haus, das sich in der Nähe eines Waldes befindet, abspielten. Möbel wurden verrückt, in Mauer­spalten geleuchtet, Dielen ange­hoben, um das Nest der Amei­sen­tiere, die wieder einmal in das Haus einge­wan­dert waren, aufzu­spüren. Zu diesem Zeit­punkt hatte ich noch immer die Vorstel­lung eines Kampfes, der mit den Werk­zeugen der Uhrma­cher gefochten wurde, Lupen, Pinzetten, dazu feinste Netze, Nadeln, Honig­tropfen. Rasch wurde deut­lich, dass ich mich in Dimen­sionen der Vorstel­lung bewegte, die mit der Wirk­lich­keit meines Freundes nichts zu tun hatten, mein Freund kämpfte mit Schau­feln, mit Besen, mit Giften, mit Feuer, mit Wasser. Er sagte, er habe einzelne Tiere bereits vor Wochen wahr­ge­nommen, sie aber zunächst nicht ernst genommen. Ich stellte mir vor, wie sie nun überall sind, ein Haus, das von Ameisen geflutet wird, ein Haus, das eine Haut von Amei­sen­kör­pern trägt. Sie sollen als Staats­wesen ohne beson­dere Intel­li­genz sein. Sie bemerken nicht, dass man sie bekämpft, sie werden weniger, aber sie hören nicht auf, sie flüchten nicht, gerade deshalb sind sie viel­leicht nicht zu bezwingen. Und wieder die Frage, nehmen wir einmal an ein Volk von Wander­ameisen näherte sich, was würde ich hören? Viel­leicht ein gut sicht­bares Geräusch? – stop

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seegras

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sierra : 5.22 – Im Traum hatte ich an jeder Hand unge­fähr einhun­dert Finger. Meine geträumten Finger, jeder für sich, waren sehr dünn. Ich wollte mit meiner linken Hand zählen wie viele Finger sich an meiner rechten Hand exakt befanden. Ich legte deshalb die rechte Hand auf den Tisch und näherte mich mit der linken, aber ich konnte keinen Finger meiner linken Hand exakt mit meinen Gedanken finden, um mittels eines weiteren linken Fingers, die Finger meiner rechten Hand für Zählung zu sortieren. Auch die Finger der rechten Hand ließen sich nicht anspre­chen, sie machten was sie wollten, sie bewegten sich unter meinem Atem wie Seegras in Strö­mung nahe Ufer. – stop

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