vom zufall

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delta : 0.12 – Henry erzählte, er habe vor einigen Wochen eine Karton­schachtel erworben für 80 Cent. Zuhause habe er im Inneren der Schachtel einhun­dert­und­zwölf Schwarz­weiß­fo­to­gra­fien entdeckt, Foto­gra­fien einer Zeit um das Jahr 1965 herum. Menschen, die auf diesen Foto­gra­fien zu sehen sind, tragen Schuh­werk jener Jahre, Mäntel, Hüte. Auch Auto­mo­bile, die da und dort im Hinter­grund zu sehen sind, verweisen auf die Mitte eines Jahr­zehntes, als Henry selbst geboren worden war. Er habe die Bilder nun digi­ta­li­siert und würde sie in wenigen Tagen auf einer Webseite veröf­fent­li­chen mit der Bitte, sich bei ihm zu melden, sobald man sich selbst auf einer der Foto­gra­fien entde­cken würde. Ich wollte wissen, warum er so handele. Henry antwor­tete, er habe das Gefühl, diese Aufnahmen könnten viel­leicht fehlen, irgend­je­mandem, einem Album, einer Geschichte viel­leicht. Ja, selbst­ver­ständ­lich sei ihm bewusst, dass nur durch einen Zufall seine Seite von genau jenen Menschen besucht werden würde, die sich wieder erkennen könnten, es gehe ihm rein um die Möglich­keit, dass sich dieser Zufall ereignen könne, er habe im Grunde die Möglich­keit eines Zufalles geschaffen. Eine der Foto­gra­fien soll ein hölzernes Feuer­wehr­auto zeigen, das von Kinder­hand geführt über einen Teppich fährt. In dem Teppich sei ein Loch, das ihn an ein Brand­loch erin­nert habe. Eine weitere Aufnahme zeige eine Gardine, die sich im Wind zu bewegen scheine, im Hinter­grund etwas Himmel, Wolken und ein Flug­zeug. Und diese alte Frau, die auf einer Park­bank sitzt, sie wird, sagte Henry, viel­leicht oder sehr sicher nicht mehr unter den Lebenden sein. Sie hält einen Foto­ap­parat, es könnte sich um eine Leica handeln in ihren Händen. Die alte Frau lacht, es ist Sommer, sie lacht wie jene andere, etwas jüngere Frau, die auf einem stei­nigen Weg breit­beinig steht, ein Fuß ist zur Seite geknickt, auch sie hält eine Kamera, ein Leica viel­leicht, ihn ihren Händen. – stop

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javier

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alpha

~ : malcolm
to : louis
subject : JAVIER IAN
date : april 1 13 10.12 p.m.

Nach wie vor bewegt sich Frankie sehr langsam den Hudson River entlang. Es geht nur wenige hundert Meter am Tag voran. Frankie, als ob er ein Ziel verfolgte, kennt nur eine Rich­tung: südwärts. Der Verkehr auf der 12th Avenue ist grau­en­voll gefähr­lich bei Tag und bei Nacht. In den ersten Stunden, da das Eich­hörn­chen den Central Park verlassen hatte, mochten wir kaum glauben, dass es über­leben würde. Aber er ist schnell und er scheint zu wissen, dass ihm die Straßen der Stadt zum Verhängnis werden könnten. Wir bemühen uns Frankie zu schützen, wo und wie auch immer wir können. Erfolglos haben wir nahe Manhattan Cruise Terminal einen Hotdog-Verkäufer gebeten, Frankie nicht weiter zu füttern. Wir wissen jetzt, dass er Gurken­scheiben und Zwie­beln bevor­zugt. Von Mitte Februar bis in die erste März­woche hinein war kaum eine Bewe­gung Fran­kies zu verzeichnen gewesen. Wir haben sein Verhalten zunächst mit den groß­zü­gigen Spenden des alten Mannes aus Puerto Rico begründet. Als aber Javier Ian einige Tage mit seinem fahrenden Stand nicht erschienen war, bemerkten wir, dass Frankie Kreuz­fahrt­schiffe beob­ach­tete. Es waren die MS Aida, die MS Carnival Miracle, die MS Freedom of the Seas, die pracht­voll beleuchtet an den Piers fest­ge­macht hatten. Frankie hockte auf einer jungen Eibe, immer auf dem selben Ast, Stunde um Stunde. Es ist nicht möglich zu verstehen, was ihn an dem Blick auf den Fluss und auf die riesigen Schiffe fesselte, er schien kaum zu schlafen und er duldete uns in seiner Nähe, wir kamen so nah an ihn heran, dass wir ihn beinahe zu berühren vermochten. Am 6. März brach Frankie wieder auf. Er schien nach uns zu sehen, ob wir ihm folgen. Und tatsäch­lich wartete er, wenn wir uns zur Probe versteckten in einer der Straßen, die zum Fluss führen. Die Nächte sind nach wie vor kalt, aber ohne Frost. Unser Frankie ist kräftig, ist stark über den Winter gekommen. Wir befinden uns Höhe 41. Straße. Es ist Montag, der 1. April 2013, früher Abend. – Aller­beste Grüße sendet Mal­colm / code­wort : medu­sen­kopf­auge

empfangen am
1.04.2013
2034 zeichen

malcolm to louis »

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ameisengesellschaft lh – 1232

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MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN – 1232 [ linepi­thema humile ] Posi­tion 42°27’N 14°0’O nahe Pescara / Folgende Objekte wurden von 18.00 – 18.55 Uhr MESZ über das südwest­liche Wendel­portal ins Waren­haus einge­führt : acht­und­zwanzig trockene Flie­gen­torsi mitt­lerer Größe [ je ohne Kopf ], zwei­und­fünfzig Baum­stämme [ à 12 Gramm ], acht Raupen in Grün, drei­und­dreissig Raupen in Orange, fünf Insek­ten­flügel [ vermut­lich die dreier Zitro­nen­falter ], acht Streich­holz­köpfe [ à ca. 2 Gramm ], sechs Fliegen der Gattung Cyclor­rhapha [ Deckel­schlüpfer ] in vollem Saft, sonnen­ge­trock­nete Rosen­blätter [ ca. 150 Gramm aus vergan­genem Jahr ], drei Schne­cken­häuser [ je ohne Schnecke ], drei gelähmte Schne­cken [ je ohne Haus ], 7252 Ameisen anlie­gender Staaten [ betäubt oder tran­chiert ], zwei Elephan­ten­käfer [ blau­tür­kise ], drei Aasku­geln eines Pillen­dre­hers, wenig später der Pillen­dreher selbst, sechs Wild­bienen, eine Karne­vals­krone [ Mattel X7892 – Barbie Glam ] 5.6 Gramm. – stop

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amsterdam

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sierra : 7.05 – Immer wieder wundere ich mich darüber, wie ein Bild, eine Vorstel­lung, eine Idee, ohne mein Zutun, ohne dass ich also den Eindruck haben würde, Arbeit verrichtet zu haben, weitere Bilder erzeugt, Geschichten, Filme, Zeit­räume von Abwe­sen­heit. Ich erin­nere mich, in einem dieser Räume kürz­lich in Amsterdam gewesen zu sein, während ich zur selben Zeit im Zug durch südliche Land­schaft reiste. Ich hatte das Bild eines Lädchens vor Augen, in welchem in einer Pfanne mensch­liche Ohren geröstet wurden. Es roch sehr gut nach gebra­tenem Fleisch und natür­lich frage ich mich, woher ich diese Vorstel­lung genommen habe. Menschen standen bis auf die Straße hinaus, warteten geduldig bis sie an der Reihe waren, eine Portion der gerös­teten Ohren in einer Papier­tüte entgegen zu nehmen. 100 Gramm kosteten 72 engli­sche Pfund, viel­leicht war es deshalb, in Anbe­tracht des Preises, so still im Laden, man hörte nur ein Zischen, sobald aus einem Schau­fel­chen eine weitere Portion Ohren in die Pfanne fiel. Aber draußen auf der Straße war Tumult entstanden. Während die einen sich über den enormen Preis der Ohren beschwerten, waren andere sehr deut­lich gegen den Verkauf mensch­li­cher Ohren über­haupt einge­stellt. Das sind gezüch­tete Organe, sagten sie, sie waren nie an einem mensch­li­chen Kopf befes­tigt. Andere hingegen empörten sich darüber, dass es doch verrückt sei, für etwas, das niemals echt gewesen war, eine derart exzel­lente Summe Geldes pro Gramm bezahlen zu müssen. Die einen wie die anderen schienen mir Recht zu haben. Fenster gingen zu Bruch, berit­tene Polizei fegte über eine Brücke. Und wie ich in dieser Weise in einem Zug sitzend einen Film erlebte aus dem Nichts, beob­ach­tete mich ein Freund. Ich bemerkte ihn nicht. Als ich ihm später erzählte, was ich erlebt hatte, sagte er, er habe indessen, in der Beob­ach­tung meiner Person, nicht den geringsten Laut gehört. – stop

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eine funkuhr

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sierra : 7.01 – Wenige Stunden nachdem mein Vater im April des vergan­genen Jahres gestorben war, über­reichte mir meine Mutter eine Uhr. Sie sagte, ich, der älteste Sohn der Familie, solle sie tragen. Viel­leicht meinte sie, ich solle die Uhr meines Vaters bewahren und damit die Zeit meines Vaters behüten. Ja, genau so könnte das gewesen sein, denn die kleinen und die großen Uhren der Menschen, die gestorben sind, bleiben nicht sofort stehen, auch die Uhr meines Vaters, die ich in diesem Moment an meinem linken Unterarm trage, zeigt uner­müd­lich weiter die vorrü­ckende Zeit. Sie knis­tert, wenn ich sie an mein Ohr lege. Das Geräusch ist so leise, dass ich nicht sagen kann, ob das Werk der Uhr knis­tert oder mein Ohr in der Begeg­nung mit dem kühlen Gehäuse. Viele Tage und Wochen lang habe ich die Uhr meines Vaters nicht getragen, sie ruhte auf meinem Schreib­tisch. Manchmal, indem ich sie beob­ach­tete, hatte ich den Eindruck, sie warte. Immer wieder einmal hob ich sie in die Luft, um die genaue, die wirk­liche Zeit ange­zeigt zu bekommen. Bei der Uhr meines Vaters handelt es sich nämlich um eine Funkuhr, die zu jeder Zeit auf die Sekunde genau die allge­mein gültige Zeit anzu­zeigen vermag. Ihr Ziffer­blatt ist über­sicht­lich gestaltet, ein großer Kreis für Halb­ta­ges­zeit und kleiner Kreis in der unteren Hälfte, in dem der Sekun­den­zeiger sich um Minu­ten­zeit fort­be­wegt. Diese Uhr und ihre drei Zeiger ist nun meine Uhr. Am vergan­genen Sonntag setzte ich mich mit ihr auf mein Sofa. Es war kurz vor zwei Uhr zur Nacht­zeit. Um genau zwei Uhr beschleu­nigte der Minu­ten­zeiger wie von Geis­ter­hand, drehte sich sehr schnell einmal im Kreis herum, dann war Sommer geworden, ein selt­samer Moment, weil ich für einen Augen­blick den Eindruck hatte, mein Vater selbst bewegte den Zeiger der Uhr, die seine letzte gewesen ist, weil er auf mich und meine Zeit achtet. – Gestern habe ich mir einen Hut gekauft. – stop

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aleppo

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charlie : 20.05 – Als Kind konnte ich an Geräu­schen der Luft unter­scheiden, ob ich einer singenden Amsel lauschte oder einer Meise, einer Lerche, einem Rotkehl­chen. Ich hörte nun, die Kinder von Aleppo sollen in der Lage sein, sehr genau zu unter­scheiden, um welche Art Muni­tion es sich handelt, die nachts ihre Betten erschüt­tert, welche Flug­zeug­gat­tungen sich am Himmel befinden, das Kaliber deto­nie­render Granaten zu erraten. – stop

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elisabeth

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hima­laya : 6.10 – Im Winter des vergan­genen Jahres, an einem windig kalten Tag, besuchte ich in Brooklyn einen alten Herrn, Mr. Tomas­zweska und seine Frau Elisa­beth. Sie wohnen nahe der Clark Street in einem sechs­stö­ckigen Haus mit Blick auf die Upper Bay von New York. Ich hatte den alten Mann während einer Fahrt auf einem Fähr­schiff zufällig kennen­ge­lernt. Er beob­ach­tete wie ich Fahr­gäste foto­gra­fierte, die ihre Namen heim­lich in die hölzernen Sitz­bänke des Schiffes ritzten. Er sprach mich freund­lich an, wollte mir einen Schriftzug zeigen, den er selbst drei Jahr­zehnte zuvor an Ort und Stelle in der glei­chen Weise wie die beob­ach­teten Passa­giere einge­tragen hatte. Stolz war der alte Mann gewesen. Wir führten ein kurzes Gespräch über die New Yorker Hafen­be­hörde, Eisen­bahnen und Flug­zeuge, weiß der Himmel, wie darauf gekommen waren. Als wir das Schiff verließen lud Mr. Tomas­zweska mich ein, einmal zu ihm zu kommen, darum stieg ich nur wenige Tage später in den sechsten Stock des schmalen Hauses auf den Höhen Brook­lyns. Die Tür zur Wohnung stand offen, warme Luft kam mir entgegen, die nach süßem Teig duftete, nach Zimt und Früchten. Die Räume hinter der Tür waren verdun­kelt. Ich hatte sogleich den Eindruck, dass ich viel­leicht träumte oder verrückt geworden sein könnte, weil in diesem Halb­dunkel an den Wänden, auch auf dem Boden, Lampen, Dioden­lichter, glühten. Modell­ei­sen­bahn­züge fuhren auf schmalen Geleisen herum. Ich höre noch jetzt das leise Pfeifen einer Dampf­lo­ko­mo­tive, das meinen Besuch beglei­tete. Es war eine rasende Zeit, Stunden des Stau­nens, da in der Wohnung des alten Herrn eine sehr beson­dere Modell­an­lage gastierte, ja, ich sollte sagen, dass die Wohnung selbst zur Anlage gehörte, wie der Himmel zur wirk­li­chen Welt. Alle Züge fuhren auto­ma­tisch von einem Computer gesteuert, die Luft über den Geleisen roch scharf nach Zinn. Wir spra­chen indessen nicht viel, Mr. Tomas­zweska und ich, sondern schauten dem Leben auf dem Boden in aller Stille zu. An einem Fenster, dessen Vorhänge zuge­zogen waren, saß Mr. Tomaszweska’s Frau Elisa­beth. Sie beach­tete mich nicht, starrte viel­mehr lächelnd auf eine kleine Klappe, die in die Wand des Hauses einge­lassen war. Manchmal öffnete sich die Klappe und ich konnte für Momente das Meer erkennen, das an diesem Tag von grün­grauer Farbe gewesen war, wunder­bare Augen­blicke, denn immer dann, wenn das Meer in dem kleinen Fenster erschien, lachte die alte Frau mit glocken­heller Stimme auf, um kurz darauf wieder zu erstarren. Einmal setzte sich Mr. Tomas­zweska neben seine Frau und fütterte sie mit warmem Oran­gen­ku­chen, den er selbst geba­cken hatte. Und wie wir uns wieder auf den Boden setzten, um ein Modell des Orient­ex­press durch die Zimmer der Wohnung kreisen zu sehen, erzählt der alte Mann, dass sie gemeinsam hier oben sehr glück­lich seien. Er könne mit seiner Frau zwar nicht mehr spre­chen, er könne sie nur noch strei­cheln, was sie irgendwie verstehen würde oder sich erin­nern an die Sprache seiner Hände. Verstehst Du, sagte er, sie vergisst immer sofort, alles vergisst sie, auch wer ich bin, aber sie vergisst niemals nach den kleinen Engeln zu sehen, die uns besu­chen, sie kommen dort durch die Klappe, siehst Du, schau genau hin, es ist schon ein Wunder, sagte der alte Mann, wie schön sie lacht, mein junges Mädchen, nicht wahr, mein junges Mädchen. – stop

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atlantikleuchter lH-XL-78

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MELDUNG. Atlan­tik­leuchter lH-XL-78 : mobiles Habitat für 12 Exem­plare Angler­pracht­fisch Anten­na­rius striatus AS-UY [ männ­lich ] : je 2.08 Watt Lumi­nes­zenz : 2 Liter Schwimm­raum : Voll­man­tel­pan­zer­ver­gla­sung : Gewicht [ ohne Atlantik ] – 12.2 kg : Befeue­rung – 3 g Zwerg­gar­nele Neocari­dina var red LT-BN88 [ a 24 h ] : auto­ma­ti­scher Druck­aus­gleich [ 105 atm / Tag : 5 atm / Nacht ] : Abde­ckung proto­plas­ti­scher Strah­lung durch Haut­schirm [ natür­lich ] – trans­pa­rent [ Inid-Code 12564865–38 ] – stop / für meinen Vater


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eine libelle

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hima­laya : 6.51 – Im Columbus Park sitzen Männer im Kreis um einen Stein und spielen mit Karten, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Vom East River her, der nah ist, das Gespräch der Schiffe. In den blatt­losen Bäumen kauern kalte Vögel, äußerst langsam öffnen und schließen sie ihre Augen, Häut­chen, hell wie von Milch. Bin auf dem Weg, Mr. Fefei in seiner Werk­statt Pell Street 8 zu besu­chen. Trage die Uhr meines Vaters in der rechten Hosen­ta­sche, halte sie fest, halte sie fest. In der Werk­statt ist es dunkel. Eine alte Frau, tief gebückt, führt mich durch den schmalen Raum. Vorsichtig, sehr vorsichtig, als würde sie nie wieder vom Boden kommen, wenn sie einmal stürzen sollte, geht sie durch die stickige Luft dahin. Ein Lungen­hummer kreuzt schep­pernd unseren Weg. Mr. Fefei sitzt hinter einer Werk­bank im Roll­stuhl, einem uralten Ding mit Rädern, die so groß sind wie der alte Mann selbst. Ich werde eine Vier­tel­stunde in seiner Nähe verbringen, ich werde ihm erzählen von der Uhr meines Vaters, dass sie nicht stehen­ge­blieben ist seit er starb, dass ich mir wünschte, sie würde niemals stehen­bleiben, die Zeit meines Vaters. Wie, Mr. Fefei, werde ich fragen, könnte es möglich sein, die Batte­rien der Uhr zur wech­seln, ohne sie anhalten zu müssen? Ich werde sehen, wie die zier­liche Hand des alten Mannes über den Tisch wandert, um nach der Uhr zu greifen, wie er die Uhr wiegen und wie er sie betrachten wird von allen Seiten her, wie er ein Hörrohr an das Gehäuse legen, wie er nicken, wie er lachen wird. Seine Frau wird mir einen Tee servieren, einen grünen Tee, einen sehr grünen damp­fenden Tee, den ich sicher nicht vertragen und doch trinken werde, während sich Mr. Fefei wieder mit seiner Libelle beschäf­tigt. Vorsichtig nähert er sich dem Gesicht des wilden Tieres, das zu einem zitternden Röhr­chen gefes­selt vor ihm liegt, mit einer Pinzette. Alles das wird gleich geschehen, in wenigen Minuten ist wieder Abend geworden. Alte Männer sitzen im Kreis um einen Stein und spielen Karten, die ich noch nie gesehen habe. Vom East River her, der nah ist, höre ich das Gespräche Schiffe. In den blatt­losen Bäumen kauern kalte Vögel, äußerst langsam öffnen und schließen sie ihre Augen, Häut­chen, hell wie von Milch. – stop

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uhrwerk

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olimambo : 22.03 – Noch immer ohne Antwort: ~ Exis­tieren stei­nerne Uhrwerke, die aufziehbar sind? Welche Gesteine präzise würden als Uhrwerk­fe­dern dienen? Wie schwer oder leicht würden stei­nerne Uhrwerke sein? Wären diese Uhren trag­bare Uhren? Wären sie genau? Könnte ein Mensch sie mit der Kraft seines Körpers bewegen? – stop

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von der freiheit der maria

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victor : 6.28 – Jeden Samstag kam Maria ins Café Gazette. Wenn Mitt­woch war konnte man sie im Heming­ways besu­chen, einem herun­ter­ge­kom­menen Laden in der Nähe des Haupt­bahn­hofes. Montags saß sie in der Bar-Celona. An Diens­tagen und Frei­tagen war sie mal da und mal dort, und am Donnerstag ging sie ins Kino. Es war immer dasselbe, die kleine Frau, deren Alter niemand zu bestimmen wusste, kam herein, setzte sich an irgend­einen freien Tisch, oder wartete so lange im Stehen bis ein Tisch frei­ge­worden war, um sofort mit ihrer Arbeit zu beginnen. Sie bedeckte den Tisch, an dem sie Platz genommen hatte, mit weißen Papieren in unter­schied­li­chen Größen, holte aus einem Koffer­wagen, der ihr stän­diger Begleiter war, kräf­tige Filz­stifte und begann zu malen. Wer sie einmal genau beob­achtet hatte, wird viel­leicht bemerkt haben, dass sie bei Eintritt in das Café oder die Bar, mit einem scheuen Blick alle anwe­senden Menschen wahr­ge­nommen oder in sich aufge­nommen hatte, um sie nun zu porträ­tieren, einen Menschen nach dem anderen Menschen, auch dann, wenn sie den Ort längst verlassen hatten. Maria malte langsam, sie malte wie ein Kind, manchmal biss sie sich auf die Zunge. Sie war eine sehr stille, eine stumme Frau, und ihr Gesicht vom Leben ohne Obdach gezeichnet. Sie hatte einen Buckel, der mit den Jahren zu wachsen schien und sie immer weiter gegen den Boden drängte. Viele Menschen kannten sie. Viel­leicht kann man sagen, dass es sich bei Maria um eine Ikone der Stadt handelte, sie lachte niemals, aber alle Menschen auf ihren Bildern lachten. Alle sahen sie aus wie Maria, ihre Gesichter genau genommen, Augen, Nase, Mund, aber die Haare waren andere Haare, auch die Farben der Hemden, Pull­over, Krawatten, Blusen, waren genau jener Sekun­den­wirk­lich­keit entnommen, da Maria von der Straße herein­ge­kommen war. Ja, sie malte langsam, und wenn es einmal sehr still war, konnte man die Geräu­sche ihrer Werk­zeuge deut­lich hören. Sobald Maria alle Menschen portrai­tiert hatte, erhob sie sich und ging von Tisch zu Tisch, um ihre kleinen, wert­vollen Male­reien zu verkaufen. Sie verlangte nie mehr als 1 Deut­sche Mark. Im Laufe der Jahre kaufte ich immer wieder einmal eines ihrer Bilder, also mich und Maria, mal mit kurzen, mal mit längeren Haaren. Da war der Sommer der weißen Hemden und dort der Sommer der blauen Hemden. Einmal, es war Winter gewesen, trugen wir einen Hut. – stop

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dhaka

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MELDUNG. Dhaka, Laibagh Road No 358, 6. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 1115 [ Marmor, Carrara : 8.16 Gramm ] voll­endet. – stop

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i love you

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romeo : 15.18 – Am See im Palmen­garten. Erste milde Stunden. Abend­segler jagen durch die Dämme­rung. Für einen Moment der Eindruck, es könnte sich bei den Schatten der Flie­gen­jäger um kleine, spie­lende Engel handeln. Auf der Bank neben mir ruht mein Film­te­lefon, gerade eben erscheint der Feuer­ball einer deto­nie­renden Bombe in der Stadt Boston nahe einer Mara­thon­strecke. Wenn ich den Kanal wech­sele, Skate­board­fahrer, die über Haus­dä­cher springen auf der Insel Santorin, ein Mädchen mit Zahn­spange träl­lert: I love you, i love you! Bald dunkle Rauch­pilze über der Stadt Aleppo. Auf einer Straße liegt der Körper einer Frau, der sich noch bewegt, obwohl sie unbe­dingt tot sein müsste, so furchtbar die Verlet­zungen, die ihr zuge­fügt worden sind. Ich spiele den Film immer wieder ab, warum? Als es dunkel wird über dem Wasser, Stille. Man hört in der Licht­lo­sig­keit nichts vom Jagen der Tiere, wenn man sie nicht sieht. Wenige Stunden später wird Wladimir Putin sagen, bei dem Anschlag in Boston handele es sich um ein barba­ri­sches Verbre­chen. – stop

ein leises pfeifen

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bamako : 2.25 – Eine kurdi­sche Freundin alevi­ti­schen Glau­bens erzählte mir eine Geschichte, die eigent­lich keine Geschichte ist, sondern ein Bericht, weil sie persön­lich mehr­fach erleben musste, wie ihre Tochter eine Freundin mit nach Hause brachte, eine junge Kurdin sunni­ti­schen Glau­bens, die zwar mit der Tochter Zeit verbringen, aber nicht mit der Familie essen wollte, weil sie fürch­tete, viel­leicht vergiftet zu werden. Ich beob­ach­tete einen tiefen Schmerz in den Augen meiner Freundin während sie erzählte, und auch Zorn und Enttäu­schung. Sie erklärte: Das sind die Eltern, die ihre Kinder impfen. Wir Aleviten sind gefähr­liche Leute, verstehst Du, wir sind lebens­ge­fähr­liche Leute. Ich fürchte, das alles geht ein Leben lang nicht mehr aus den armen Kinder­seelen raus! – Es ist jetzt 0 Uhr und 55 Minuten. Nicht wahr, das ist eine wirk­lich merk­wür­dige Bege­ben­heit, die ich in dieser Nacht notiere, um sie nicht zu vergessen. Über­haupt vergesse ich zur Zeit recht viel. Vor einigen Tagen, während ich mit einer weiteren Freundin tele­fo­nierte, machte ich eine kurze Pause, um Kaffee zu kochen. Ich bat meine Freundin in der Leitung zu bleiben und stand also in der Küche und erhitzte das Wasser, als eine Taube auf dem Fens­ter­brett landete. Immer, wenn ich eine Taube sehe, denke ich an Wolf­gang Koeppen. Ich habe Wolf­gang Koeppen einmal in München in einem Kino beob­achtet, einen gebückt gehenden, alten Mann mit Brille, der sich sehr langsam bewegte. Niemand schien ihn erkannt zu haben, worüber ich mich damals wunderte. Ich erin­nere mich genau, ich wunderte mich viele Tage lang und über­legte, ob ich Wolf­gang Koeppen nicht einen Brief schreiben sollte, um ihm zu erzählen, dass ich ihn gesehen habe im Kino und dass ich mich darüber sehr freute. Plötz­lich hörte ich vom Tisch her, auf dem mein Telefon lag, ein leises Pfeifen. Das Pfeifen kam tatsäch­lich aus dem kleinen Apparat heraus. Als ich das Telefon anhob, wurde das Pfeifen lauter und lauter, und meine Freundin erzählte nur Sekunden später, sie habe nicht mehr daran geglaubt, dass ich sie noch hören würde oder mich an sie erin­nern. Sie habe meine Schritte deut­lich gehört, außerdem soll ich mit mir selbst gespro­chen haben. – stop

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silent sentry

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echo : 2.55 – Wird es viel­leicht bald einmal möglich sein, mensch­liche Körper, präzise formu­liert, die Ober­fläche mensch­li­cher Körper, derart zu gestalten, dass sie in unbe­klei­detem Zustand von aktiven Radar­tech­no­lo­gien nicht zu erfassen sind, Menschen­ge­stalten demzu­folge, die in der Begeg­nung weder Licht, noch Geräu­sche emit­tieren? Welcher Art wäre die Licht­spur einer Bewe­gung ihres Körper­raumes durch eine perzep­ti­bele Menschen­menge? Und wären diese selt­samen Menschen in ihren eigenen Augen über­haupt noch sichtbar? Würden sie sich selbst even­tuell noch wahr­nehmen durch die Konzen­tra­tion auf eine Vorstel­lung: Hier, vor mir auf dem Tisch, das weiss ich, weil ich ihn dorthin abge­legt habe, ruht mein Arm, so würde er sich in meinen Augen darstellen, wenn er für mich sichtbar wäre. All diese Fragen. – stop

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paris

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sierra : 5.25 – In der Morgen­däm­me­rung komme ich an, es ist die Stadt Paris gewesen, Gare de l’Est. Im Zug hatte eine Frau von mons­trösen Ausmaßen neben mir Platz genommen, presste mich gegen eine Wand des Abteiles, ich konnte kaum atmen, und wie ich den Bahnhof verlasse, folgt sie mir. Ich gehe west­wärts Rich­tung Mont­par­nasse. Plötz­lich sitze ich in einem Café, in dem alle Gegen­stände von Holz sind. Der Boden, die Wände, Stühle, Tische, auch die Teller, Servi­etten, Tassen und die Blumen in ihren hölzernen Gefäßen, das Wasser der Vasen, der Kaffee, selbst die Frau, am Nach­bar­tisch, die sich freund­lich nach einer Ziga­rette erkun­digt, scheint zu größeren Teilen aus Holz zu bestehen, Hals, Stirn, Wangen, Arme und Hände, eines ihrer Augen. Auf dem Tisch vor mir sitzt eine Ameise. Sie bewegt sich kaum. Ich weiß, dass sie zu mir gehört, ich habe sie gekauft. Der Mann, der mir die Ameise verkaufte, steht auf der Straße vor dem Café und spricht mit jener Frau, die mir folgt. Er trägt einen Hut, eine Melone, die Frau scheint weiterhin zu wachsen. Beide schauen in meine Rich­tung, sie lachen. Dann kommt der Mann zurück. Er schüttet eine Hand­voll Sulta­ninen auf den Tisch, sagt, dass ich die Früchte in Scheiben zerlegen solle, weil Ameisen, gerade diese Ameise, die zu meinem Eigentum geworden ist, Sulta­ninen bevor­zugt verzehren würden. Das kleine Tier ist sehr kostbar. Es ist eine Ameise, die ihr Leben heim­lich mit Samuel Beckett geteilt haben soll, ich habe das schrift­lich, eine Ameise mit einem wunder­vollen Gehirn, sie ist sehr alt, verfügt über Ohren und spricht mit den Fühlern. Ich weiß nicht, wie ich die Ameise trans­por­tieren soll, deshalb wache ich auf und wundere mich, weil ich kein Licht sehe. Aber ich spüre die Schritte einer Ameise auf meinem Bauch. Sie läuft kreuz und quer, bald sitzt sie unter­halb meines linken Auges. Das Tier scheint zu warten. – stop

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miranda

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india : 5.45 – Bei leichtem Regen gestern im Park einen älteren Herrn beob­achtet. Er arbei­tete an einem Buch, das ich zunächst nicht bemerkte, weil der Herr auf einer Bank saß im Schatten eines Regen­schirmes. Als ich neben ihm Platz genommen hatte, konnte ich erkennen wie der Mann tatsäch­lich Zeichen in einem Buch notierte, das nicht größer gewesen war als eine Streich­holz­schachtel. Neben ihm lag ein weiteres Buch, Philip Roths Roman Ever­yman. Der Mann schien das eine Buch hand­schrift­lich in das andere Buch zu über­tragen. Er notierte mit einem Blei­stift, den er nach jedem geschrie­benen Zeichen spitzte. Rotkehl­chen hüpften zu seinen Füßen herum, pickten das leichte, hauch­dünne Holz, das aus der Spit­zer­ma­schine fiel, vom Boden und trugen es fort ins nahe Unter­holz. Ein Vergrö­ße­rungs­glas, eine Lupe, klemmte im linken Auge des Herrn, deshalb vermut­lich machte er den Eindruck, Schmerzen zu haben. Manchmal biss er sich auf die Zunge. Wenn ich mich nicht irre, dann hatte der Mann bereits etwa 100 Seiten des Romanes trans­fe­riert. Ich sah ihm bald eine Stunde zu, ohne ein Wort mit ihm zu wech­seln. Fried­lichste Stim­mung. Auf dem See draußen hüpften Karpfen aus dem Wasser, schwere Körper. Ein paar Ameisen trieben auf einem Blatt an uns vorbei. Ich hätte mich gerne unter­halten, weil mir in den vergan­genen Tagen unheim­lich zumute gewesen ist, während ich Fern­seh­bilder aus der Stadt Boston beob­ach­tete. Der alte, schrei­bende Mann aber war so vertieft in seine Arbeit, dass er meine Gegen­wart schnell vergessen zu haben schien. Ich stellte mir vor, dass er in dieser Arbeit gefangen oder geborgen viel­leicht über­haupt nicht wahr­ge­nommen hatte, was in Boston geschehen war. Viel­leicht wusste er noch nicht einmal vom Krieg in Syrien oder von der Entde­ckung des Higgs-Teil­chens. Als es dunkel wurde, setzte sich der alte Mann eine Stirn­lampe auf den Kopf. Für einen Moment leuch­tete er mir ins Gesicht, um sofort in seiner Arbeit fort­zu­fahren. – stop

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mr. charles brown

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sierra : 6.28 – Mitten in der Nacht entdecke ich, dass Charles Brown tatsäch­lich exis­tierte. Er war Engländer gewesen, sammelte Uhren und trug diese Uhren am eigenen Körper. Nicht etwa eine Uhr nach der anderen Uhr, wie man meinen möchte, viel­mehr einige Uhren oder sehr viele Uhren zur glei­chen Zeit. Ich bin natür­lich äußerst begeis­tert, öffne zunächst das Fenster, lass frische Luft in die Wohnung, kehre vor den Bild­schirm zurück, er ist immer doch da, Mr. Charles Brown oder ein Mann, der vorgab, Mr. Charles Brown gewesen zu sein, ein Mann, der Uhren sammelte, der Uhren beob­ach­tete. Er soll Uhren an seinen Fingern getragen haben, Uhren am Revers, Uhren in der Gestalt von Manschet­ten­knöpfen. Ich stelle mir vor, dass ein feines Zeit­rau­schen von ihm ausge­gangen sein muss. Ist es nicht wunderbar, stun­den­lang an ein Geräusch wie dieses Rauschen der Zeit zu denken? – 3 Uhr und 10 Minuten. Ich habe heute nichts weiter zu tun, als wach zu bleiben bis es hell werden wird. – stop / ps. Bemerkt zunächst bei Peter Glaser, Sekunden später auf Modern Mechanix

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 316 hupende Rüssel­rosen, nahe South Sand­wich Island gesichtet. Man wandert in west­li­cher Rich­tung. – stop
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vögel

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~ : oe som
to : louis
subject : VOEGEL
date : april 24 13 2.05 p.m.

Ich hörte wie Noe mit Vögeln sprach. Eine Stunde lang war seine knis­ternde Stimme zu vernehmen. Er flüs­terte: Hallo, hier ist Noe, seht ihr mich? Schaut her, was für ein Wunder!  Aber dann, sobald sich die Vögel von ihm entfernten, wurde seine Stimme laut, sein Ausdruck nach­drück­lich. Er versuchte sich bemerkbar zu machen, als ob er hoffte, sie würden ihn mit sich nehmen. Niemand kann seine Stimme hören, nur wir können Noes Stimme hören! Gegen drei Uhr habe ich Taucher Noe ange­spro­chen, um ihn fest­zu­halten, um ihn daran zu erin­nern, dass wir noch bei ihm sind. Noe, sagte ich, Noe, hör zu! Ich erwarte, dass Du mir erzählst, was Du siehst! – Da sind Vögel, antwor­tete Noe, sehr große Vögel, Vögel wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Wir wollen davon schweigen! – Der Morgen kam glück­li­cher­weise rasch, Martin machte sich unver­züg­lich auf den Weg in die Tiefe, noch drei oder vier Stunden und er wird Noe errei­chen. Unser Taucher indessen war einge­schlafen. Mehr­fach habe ich versucht, ihn zu wecken. Ich sagte: Noe, wie geht es Dir? Erzähl mir, was sind das für Vögel, die Du siehst? Keine Antwort. Stille von der Tiefe her, nichts als Noes langsam schla­gendes Herz. Gegen den Mittag zu vermerkte Noe plötz­lich, wir hätten ihm schon lange Zeit eine Brille verspro­chen. Ich meine, fuhr Noe fort, dass ich ein Recht auf eine Brille habe, wenn ich schon lese, stun­den­lang aus Büchern lese, die ich weder wählte noch wünschte. Meine Augen schmerzen, Ihr solltet mich herauf­holen und mir eine Brille verpassen. Das sagte Noe noch vor wenigen Minuten. Es klang wie eine Drohung. – stop. – Mitt­woch, 24. April 2013. Taucher Noe seit 781 Tagen unter Wasser. – stop. Tiefe 828 Fuß. – stop. Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
24.04.2013
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polaroidqualle

monroe

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alpha : 6.26 – Ich wünsch mir zum Geburtstag ein kleines Tier, eine Libelle nämlich von der Größe einer Hand, sie wird mich fortan im Leben begleiten. Wenn ich morgens die Augen öffne, soll sie bereits vor mir auf einem Kissen ruhen, das ihr eigenes, ihr Nacht­kissen ist. Das Summen übender Flügel, ein Blick von tausend Augen, und schon sind wir hell­wach, schon auf dem Weg in die Küche. Zum Früh­stück zwei frische Zwerg­frö­sche, sie leben noch für Sekunden. Und etwas Kaffee für mich und einen Teelöffel feinsten Sumpf­was­sers für Monroe, das sollte jeden Morgen möglich sein im Winter wie im Sommer. Was für ein selten präch­tiger Vogel, mari­neblau, zitro­nen­gelb, schwarz schil­lernde Augen, feuer­rote Beine. – Guten Morgen! – stop

 ping

handtasche rot

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sierra : 6.35 – Im Haus, in dem ich manchmal wohne, exis­tierte vor langer Zeit eine alte Frau. Sie war so alt geworden, dass sie von Nächten erzählen konnte, die sie im Keller des selben Hauses verbracht hatte, weil Bomben vom Himmel fielen. Damals, als der Krieg endete, muss sie eine junge Frau gewesen sein, sie heira­tete, gebar fünf Kinder, wurde geschieden. Ihr Mann und ihre Kinder waren längst gestorben bis auf einen Sohn, der in ihrem Leben zuletzt kaum noch eine Rolle spielte, ihr einziger Enkel hatte sie ausge­raubt, sie war eine wirk­liche einsame Person. Jedes Jahr zu Silvester stellte sie kleine Marmor­ku­chen vor die Wohnungs­türen ihrer Nach­barn wie zur Erin­ne­rung, dass sie noch lebte. Ich erin­nere mich gut, der Kuchen schmeckte nach Nelken. Wenige Monate vor ihrem Tod kaufte sie noch drei Katzen und verur­sachte einen Wasser­schaden. Von diesem Zeit­punkt an wurde offen über ihren Geis­tes­zu­stand gespro­chen, man fürch­tete mit der alten Frau in die Luft zu fliegen, weil sie mit Gas kochte und mit Kohlen heizte. Noch heute scheint der Keller nach der alten Frau zu riechen, nach Öl und nach Eier­bri­ketts. Gestern nun habe ich mich wieder einmal an die alte Frau erin­nert. Ich war bei einem jungen Mann einge­laden, in dessen Wohn­zimmer auf einem Gestell von Holz eine schwere Stahltür ruhte. Diese Tür hatte sich bis vor kurzem noch im Keller aufge­halten. Es war die Tür zum Luft­schutz­bunker. In der Mitte der Tür befand sich ein Spion von gepan­zertem Glas, ein winziges Auge, durch das die Frau, von der ich erzählte, als Mädchen noch gesehen haben könnte. Immer wieder an diesem Abend betrach­tete ich jenes selt­same Auge in der Tür, das gegen die Zimmer­decke schaute. – Samstag, kurz nach 3 Uhr. Es regnet, die Luft ist hell vom Wasser. Gerade eben habe ich nach einem Text gesucht, den ich notierte an dem Tag als die alte Frau gestorben war. Der Text ging so: Die alte Frau mit der roten Hand­ta­sche ist tot. Während des Tages irgend­wann muss sie im Hospital gestorben sein. Jetzt, es ist ohne sie wieder Abend geworden, verlässt ihr Fern­seh­gerät das Haus. Ein Hin und Her auf der Straße, noch nie gese­hene, tief flie­gende Vögel. Im Haus, vom Flur her, Kampf­ge­räu­sche, auch zartes Gezeter, Verwün­schungen, Empfeh­lungen, heisere Stimmen. Der Sohn ist da und der Sohn des Sohnes, betrunken steht der blut­junge Geier auf der Straße herum und regelt den Verkehr. Wohnungs­auf­lö­sung. Nun, zu vorge­rückter Stunde, hat sich mir das Wort erschlossen. Ein Prozess der Entropie, der Verwer­tung, des Verschwin­dens. Ich sehe die Verschwun­dene, eine 89 jährige Frau in bunter Klei­dung, Steh­lampe in der Hand, das Haus verlassen. Unlängst noch war sie unter­wegs gewesen. Sie hatte bereits den Gang der Hoch­see­ma­trosen. Manchmal rastete sie im Schatten der Bäume. Sie ging spazieren, als melde sie sich an, Tag für Tag, und zurück. Niemand weiß genau wie lange sie in der Gegend, diesem Haus, dieser Wohnung lebte, sie war schon da als Bomben fielen, und noch immer, bis gestern, stolz und einsam und zu langsam für die rasende Stadt. Jawohl, sie war stolz gewesen, ließ sich nicht helfen, niemand durfte ihr Milch oder den Sand für ihre Tiere durch das Trep­pen­haus in die Wohnung tragen. Manchmal heulte das Fern­seh­gerät durch die Wand. Jetzt ist es vorbei, jetzt werden Monteure und Maler kommen. Es ist vorbei, auch für die Katzen. – stop

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ai : MEXIKO

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Die Menschen­rechts­or­ga­ni­sa­tion Artí­culo 19 hat einen anonymen Droh­brief erhalten. Die Orga­ni­sa­tion setzt sich für das Recht der freien Meinungs­äu­ße­rung ein und hat ihr Büro in der Haupt­stadt Mexiko-Stadt. / Am 19. April war ein Brief an der Haustür des Büros von Artí­culo 19 gefunden worden. Der Brief war an den Leiter der Orga­ni­sa­tion, Darío Ramírez, sowie die rest­li­chen Mitar­beiter von Artí­culo 19 gerichtet: “Kleiner verdammter Chef… Du Stri­cher hast keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast… Wollen wir mal sehen, ob dein Herz nicht auf einmal aufhört zu schlagen. Zu viel beschis­sene Frei­heit. Mal sehen, wie Macho du bist, wenn wir dich und deine kleinen Scheißer wirk­lich kalt­ge­macht haben… Wir beob­achten euch ganz genau… Ihr wisst, wer wir sind und dass wir das durch­zu­ziehen können” (Pinche jefe­sito pendejo…eres un puto que no sabes con quien te estas metiendo…A ver si con una madrisa no se te para el corazon. Mucha puta libertad verdad. A ver que ten verga eres cuando termines tu y tus putitos bien puteados…Estamos vien­dote y bien cerca…Sabes quienes somos y que si lo podemos ahcer [sic]). / Artí­culo 19 hat wegen der Drohung Anzeige bei den städ­ti­schen Behörden erstattet. Die Orga­ni­sa­tion fordert, dass die Schutz­maß­nahmen, die für Jour­na­listen und Menschen­rechts­ver­tei­diger einge­richtet wurden, auch für Darío Ramírez und die Mitglieder von Artí­culo 19 Anwen­dung finden. Die städ­ti­schen Behörden haben auf der Grund­lage einer Schutz­an­ord­nung der Menschen­rechts­kom­mis­sion von Mexiko-Stadt (Comi­sión de Derechos Humanos del Distrito Federal) Poli­zei­streifen einge­setzt. / Artí­culo 19, der Leiter und die Mitglieder der Orga­ni­sa­tion haben entschieden, ihre Arbeit, die Frei­heit der Meinungs­äu­ße­rung in Mexiko zu doku­men­tieren, zu vertei­digen und zu fördern, fort­zu­setzen. Artí­culo 19 hat viele Fälle doku­men­tiert, in denen Jour­na­lis­tInnen im ganzen Land ange­griffen und/oder bedroht werden und in denen die Behörden keine effek­tiven Unter­su­chungen durch­ge­führt und somit die Sicher­heit von Jour­na­lis­tInnen nicht sicher­ge­stellt haben.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 5. Juni 2013 hinaus, unter »> ai : urgent action

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st. john’s

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MELDUNG. St. John’s, 52 Long Pond Road, 1. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 227 [ Marmor, Carrara : 0.12 Gramm ] voll­endet. – stop

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mr. ganga datt padong

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echo : 5.15 – Nicht zum ersten Mal stellte ich mir eine Minute vor, dann eine Stunde, dann einen Tag. Ich stand auf und ging von Zimmer zu Zimmer. Ich aß eine Banane, sah aus dem Fenster, setze mich an den Schreib­tisch und stellte mir eine Woche vor, dann einen Monat, dann ein Jahr. Und wieder sah ich aus dem Fenster, verließ das Haus, spazierte, kam zurück und machte einen Plan. Ich machte ihn gründ­lich, ich formu­lierte die altbe­kannte Frage, ob es wohl möglich ist, einen Zeit­raum von 5022 Jahren zu denken, das heißt, ein Gefühl zu finden für eine bibli­sche Zeit­di­men­sion? Bald war Abend, bald war Nacht geworden und ich habe mich mit der Suche und Erfin­dung von Namen vergnügt. Wenn ich aus dem Fenster schaue, die Kronen der Bäume unter mir, in welchen Vögel schlafen, fallen mir tatsäch­lich sehr schöne Namen ein, Namen, die es verdienten, dass man die Geschichten, die hinter ihnen stehen, aufspüren wird. Über­haupt sind Namen, genau genommen, die Geräu­sche, die sie im Kopf erzeugen, sehr gut dazu geeignet, erzähl­bare Räume zu öffnen. Einer der heute Nacht gefun­denen Namen lautet so: Mr. Ganga Datt Padong. Ich bemerkte, dass ein Mann, der diesen Namen tatsäch­lich trägt, sich einmal bei mir melden könnte. Er schreibt: Mr. Louis, ich habe in die Such­ma­schine geschaut. Woher kennen Sie meinen Namen? Ich antworte: Verehrter Mr. Padong, ich habe Sie und ihren Namen erfunden, könnten wir viel­leicht Freunde werden? – Folgende Namen sind weiterhin verzeichnet: Hannah Piepen Palle Peterson Pete Maido Franz Dantzer Swet­lana Antibes Julie P. Golding Emil Dimitrov Zine Hammdai Max Busser Mergo­zile Bier­manns Sophia Wiesel­hagen Sarah Louisa Emmer Vero­nika Pigmatter Basheer Zeid Christie Lee Ewelina Zenczak Miria Irina Savedo Sam Kekkola Hoah Phat Cynette Krom­boute Larissa Todic Linea Apo Ludu Hilmer Lilli Marie Lorenz. – stop

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