vom zufall

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delta : 0.12 — Hen­ry erzählte, er habe vor eini­gen Wochen eine Kar­ton­schachtel erwor­ben für 80 Cent. Zuhause habe er im Inneren der Schachtel ein­hun­der­tundzwölf Schwarzweiß­fo­tografien ent­deckt, Fotografien ein­er Zeit um das Jahr 1965 herum. Men­schen, die auf diesen Fotografien zu sehen sind, tra­gen Schuh­w­erk jen­er Jahre, Män­tel, Hüte. Auch Auto­mo­bile, die da und dort im Hin­ter­grund zu sehen sind, ver­weisen auf die Mitte eines Jahrzehntes, als Hen­ry selb­st geboren wor­den war. Er habe die Bilder nun dig­i­tal­isiert und würde sie in weni­gen Tagen auf ein­er Web­seite veröf­fentlichen mit der Bitte, sich bei ihm zu melden, sobald man sich selb­st auf ein­er der Fotografien ent­deck­en würde. Ich wollte wis­sen, warum er so han­dele. Hen­ry antwortete, er habe das Gefühl, diese Auf­nah­men kön­nten vielle­icht fehlen, irgend­je­man­dem, einem Album, ein­er Geschichte vielle­icht. Ja, selb­stver­ständlich sei ihm bewusst, dass nur durch einen Zufall seine Seite von genau jenen Men­schen besucht wer­den würde, die sich wieder erken­nen kön­nten, es gehe ihm rein um die Möglichkeit, dass sich dieser Zufall ereignen könne, er habe im Grunde die Möglichkeit eines Zufall­es geschaf­fen. Eine der Fotografien soll ein hölz­ernes Feuer­wehrauto zeigen, das von Kinder­hand geführt über einen Tep­pich fährt. In dem Tep­pich sei ein Loch, das ihn an ein Brand­loch erin­nert habe. Eine weit­ere Auf­nahme zeige eine Gar­dine, die sich im Wind zu bewe­gen scheine, im Hin­ter­grund etwas Him­mel, Wolken und ein Flugzeug. Und diese alte Frau, die auf ein­er Park­bank sitzt, sie wird, sagte Hen­ry, vielle­icht oder sehr sich­er nicht mehr unter den Leben­den sein. Sie hält einen Fotoap­pa­rat, es kön­nte sich um eine Leica han­deln in ihren Hän­den. Die alte Frau lacht, es ist Som­mer, sie lacht wie jene andere, etwas jün­gere Frau, die auf einem steini­gen Weg bre­it­beinig ste­ht, ein Fuß ist zur Seite geknickt, auch sie hält eine Kam­era, ein Leica vielle­icht, ihn ihren Hän­den. — stop

ping

javier

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alpha

~ : mal­colm
to : louis
sub­ject : JAVIER IAN
date : april 1 13 10.12 p.m.

Nach wie vor bewegt sich Frankie sehr langsam den Hud­son Riv­er ent­lang. Es geht nur wenige hun­dert Meter am Tag voran. Frankie, als ob er ein Ziel ver­fol­gte, ken­nt nur eine Rich­tung: süd­wärts. Der Verkehr auf der 12th Avenue ist grauen­voll gefährlich bei Tag und bei Nacht. In den ersten Stun­den, da das Eich­hörnchen den Cen­tral Park ver­lassen hat­te, mocht­en wir kaum glauben, dass es über­leben würde. Aber er ist schnell und er scheint zu wis­sen, dass ihm die Straßen der Stadt zum Ver­häng­nis wer­den kön­nten. Wir bemühen uns Frankie zu schützen, wo und wie auch immer wir kön­nen. Erfol­g­los haben wir nahe Man­hat­tan Cruise Ter­mi­nal einen Hot­dog-Verkäufer gebeten, Frankie nicht weit­er zu füt­tern. Wir wis­sen jet­zt, dass er Gurken­scheiben und Zwiebeln bevorzugt. Von Mitte Feb­ru­ar bis in die erste März­woche hinein war kaum eine Bewe­gung Frankies zu verze­ich­nen gewe­sen. Wir haben sein Ver­hal­ten zunächst mit den großzügi­gen Spenden des alten Mannes aus Puer­to Rico begrün­det. Als aber Javier Ian einige Tage mit seinem fahren­den Stand nicht erschienen war, bemerk­ten wir, dass Frankie Kreuz­fahrtschiffe beobachtete. Es waren die MS Aida, die MS Car­ni­val Mir­a­cle, die MS Free­dom of the Seas, die prachtvoll beleuchtet an den Piers fest­gemacht hat­ten. Frankie hock­te auf ein­er jun­gen Eibe, immer auf dem sel­ben Ast, Stunde um Stunde. Es ist nicht möglich zu ver­ste­hen, was ihn an dem Blick auf den Fluss und auf die riesi­gen Schiffe fes­selte, er schien kaum zu schlafen und er duldete uns in sein­er Nähe, wir kamen so nah an ihn her­an, dass wir ihn beina­he zu berühren ver­mocht­en. Am 6. März brach Frankie wieder auf. Er schien nach uns zu sehen, ob wir ihm fol­gen. Und tat­säch­lich wartete er, wenn wir uns zur Probe ver­steck­ten in ein­er der Straßen, die zum Fluss führen. Die Nächte sind nach wie vor kalt, aber ohne Frost. Unser Frankie ist kräftig, ist stark über den Win­ter gekom­men. Wir befind­en uns Höhe 41. Straße. Es ist Mon­tag, der 1. April 2013, früher Abend. — Allerbeste Grüße sendet Mal­colm / code­wort : medusenkop­fauge

emp­fan­gen am
1.04.2013
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mal­colm to louis »

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ameisengesellschaft lh — 1232

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MELDUNG. Ameisen­ge­sellschaft LN — 1232 [ linep­ithe­ma humile ] Posi­tion 42°27’N 14°0’O nahe Pescara / Fol­gende Objek­te wur­den von 18.00 — 18.55 Uhr MESZ über das süd­west­liche Wen­del­por­tal ins Waren­haus einge­führt : achtundzwanzig trock­ene Fliegen­tor­si mit­tlerer Größe [ je ohne Kopf ], zweiund­fün­fzig Baum­stämme [ à 12 Gramm ], acht Rau­pen in Grün, dreiund­dreis­sig Rau­pen in Orange, fünf Insek­ten­flügel [ ver­mut­lich die dreier Zitro­nen­fal­ter ], acht Stre­ich­holzköpfe [ à ca. 2 Gramm ], sechs Fliegen der Gat­tung Cyclor­rhapha [ Deck­elschlüpfer ] in vollem Saft, son­nengetrock­nete Rosen­blät­ter [ ca. 150 Gramm aus ver­gan­genem Jahr ], drei Sch­neck­en­häuser [ je ohne Sch­necke ], drei gelähmte Sch­neck­en [ je ohne Haus ], 7252 Ameisen anliegen­der Staat­en [ betäubt oder tranchiert ], zwei Ele­phantenkäfer [ blautürkise ], drei Aaskugeln eines Pil­len­drehers, wenig später der Pil­len­dreher selb­st, sechs Wild­bi­enen, eine Karneval­skro­ne [ Mat­tel X7892 — Bar­bie Glam ] 5.6 Gramm. — stop

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amsterdam

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sier­ra : 7.05 — Immer wieder wun­dere ich mich darüber, wie ein Bild, eine Vorstel­lung, eine Idee, ohne mein Zutun, ohne dass ich also den Ein­druck haben würde, Arbeit ver­richtet zu haben, weit­ere Bilder erzeugt, Geschicht­en, Filme, Zeiträume von Abwe­sen­heit. Ich erin­nere mich, in einem dieser Räume kür­zlich in Ams­ter­dam gewe­sen zu sein, während ich zur sel­ben Zeit im Zug durch südliche Land­schaft reiste. Ich hat­te das Bild eines Läd­chens vor Augen, in welchem in ein­er Pfanne men­schliche Ohren geröstet wur­den. Es roch sehr gut nach gebraten­em Fleisch und natür­lich frage ich mich, woher ich diese Vorstel­lung genom­men habe. Men­schen standen bis auf die Straße hin­aus, warteten geduldig bis sie an der Rei­he waren, eine Por­tion der gerösteten Ohren in ein­er Papiertüte ent­ge­gen zu nehmen. 100 Gramm kosteten 72 englis­che Pfund, vielle­icht war es deshalb, in Anbe­tra­cht des Preis­es, so still im Laden, man hörte nur ein Zis­chen, sobald aus einem Schaufelchen eine weit­ere Por­tion Ohren in die Pfanne fiel. Aber draußen auf der Straße war Tumult ent­standen. Während die einen sich über den enor­men Preis der Ohren beschw­erten, waren andere sehr deut­lich gegen den Verkauf men­schlich­er Ohren über­haupt eingestellt. Das sind gezüchtete Organe, sagten sie, sie waren nie an einem men­schlichen Kopf befes­tigt. Andere hinge­gen empörten sich darüber, dass es doch ver­rückt sei, für etwas, das niemals echt gewe­sen war, eine der­art exzel­lente Summe Geldes pro Gramm bezahlen zu müssen. Die einen wie die anderen schienen mir Recht zu haben. Fen­ster gin­gen zu Bruch, berit­tene Polizei fegte über eine Brücke. Und wie ich in dieser Weise in einem Zug sitzend einen Film erlebte aus dem Nichts, beobachtete mich ein Fre­und. Ich bemerk­te ihn nicht. Als ich ihm später erzählte, was ich erlebt hat­te, sagte er, er habe indessen, in der Beobach­tung mein­er Per­son, nicht den ger­ing­sten Laut gehört. — stop

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eine funkuhr

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sier­ra : 7.01 — Wenige Stun­den nach­dem mein Vater im April des ver­gan­genen Jahres gestor­ben war, über­re­ichte mir meine Mut­ter eine Uhr. Sie sagte, ich, der älteste Sohn der Fam­i­lie, solle sie tra­gen. Vielle­icht meinte sie, ich solle die Uhr meines Vaters bewahren und damit die Zeit meines Vaters behüten. Ja, genau so kön­nte das gewe­sen sein, denn die kleinen und die großen Uhren der Men­schen, die gestor­ben sind, bleiben nicht sofort ste­hen, auch die Uhr meines Vaters, die ich in diesem Moment an meinem linken Unter­arm trage, zeigt uner­müdlich weit­er die vor­rück­ende Zeit. Sie knis­tert, wenn ich sie an mein Ohr lege. Das Geräusch ist so leise, dass ich nicht sagen kann, ob das Werk der Uhr knis­tert oder mein Ohr in der Begeg­nung mit dem kühlen Gehäuse. Viele Tage und Wochen lang habe ich die Uhr meines Vaters nicht getra­gen, sie ruhte auf meinem Schreibtisch. Manch­mal, indem ich sie beobachtete, hat­te ich den Ein­druck, sie warte. Immer wieder ein­mal hob ich sie in die Luft, um die genaue, die wirk­liche Zeit angezeigt zu bekom­men. Bei der Uhr meines Vaters han­delt es sich näm­lich um eine Funkuhr, die zu jed­er Zeit auf die Sekunde genau die all­ge­mein gültige Zeit anzuzeigen ver­mag. Ihr Zif­ferblatt ist über­sichtlich gestal­tet, ein großer Kreis für Halb­tageszeit und klein­er Kreis in der unteren Hälfte, in dem der Sekun­den­zeiger sich um Minuten­zeit fort­be­wegt. Diese Uhr und ihre drei Zeiger ist nun meine Uhr. Am ver­gan­genen Son­ntag set­zte ich mich mit ihr auf mein Sofa. Es war kurz vor zwei Uhr zur Nachtzeit. Um genau zwei Uhr beschle­u­nigte der Minuten­zeiger wie von Geis­ter­hand, drehte sich sehr schnell ein­mal im Kreis herum, dann war Som­mer gewor­den, ein selt­samer Moment, weil ich für einen Augen­blick den Ein­druck hat­te, mein Vater selb­st bewegte den Zeiger der Uhr, die seine let­zte gewe­sen ist, weil er auf mich und meine Zeit achtet. — Gestern habe ich mir einen Hut gekauft. — stop

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aleppo

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char­lie : 20.05 — Als Kind kon­nte ich an Geräuschen der Luft unter­schei­den, ob ich ein­er sin­gen­den Amsel lauschte oder ein­er Meise, ein­er Lerche, einem Rotkehlchen. Ich hörte nun, die Kinder von Alep­po sollen in der Lage sein, sehr genau zu unter­schei­den, um welche Art Muni­tion es sich han­delt, die nachts ihre Bet­ten erschüt­tert, welche Flugzeug­gat­tun­gen sich am Him­mel befind­en, das Kaliber detonieren­der Granat­en zu errat­en. — stop

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elisabeth

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himalaya : 6.10 — Im Win­ter des ver­gan­genen Jahres, an einem windig kalten Tag, besuchte ich in Brook­lyn einen alten Her­rn, Mr. Tomaszwes­ka und seine Frau Elis­a­beth. Sie wohnen nahe der Clark Street in einem sechsstöck­i­gen Haus mit Blick auf die Upper Bay von New York. Ich hat­te den alten Mann während ein­er Fahrt auf einem Fährschiff zufäl­lig ken­nen­gel­ernt. Er beobachtete wie ich Fahrgäste fotografierte, die ihre Namen heim­lich in die hölz­er­nen Sitzbänke des Schiffes ritzten. Er sprach mich fre­undlich an, wollte mir einen Schriftzug zeigen, den er selb­st drei Jahrzehnte zuvor an Ort und Stelle in der gle­ichen Weise wie die beobachteten Pas­sagiere einge­tra­gen hat­te. Stolz war der alte Mann gewe­sen. Wir führten ein kurzes Gespräch über die New York­er Hafen­be­hörde, Eisen­bah­nen und Flugzeuge, weiß der Him­mel, wie darauf gekom­men waren. Als wir das Schiff ver­ließen lud Mr. Tomaszwes­ka mich ein, ein­mal zu ihm zu kom­men, darum stieg ich nur wenige Tage später in den sech­sten Stock des schmalen Haus­es auf den Höhen Brook­lyns. Die Tür zur Woh­nung stand offen, warme Luft kam mir ent­ge­gen, die nach süßem Teig duftete, nach Zimt und Frücht­en. Die Räume hin­ter der Tür waren ver­dunkelt. Ich hat­te sogle­ich den Ein­druck, dass ich vielle­icht träumte oder ver­rückt gewor­den sein kön­nte, weil in diesem Halb­dunkel an den Wän­den, auch auf dem Boden, Lam­p­en, Dio­den­lichter, glüht­en. Mod­elleisen­bahnzüge fuhren auf schmalen Geleisen herum. Ich höre noch jet­zt das leise Pfeifen ein­er Dampfloko­mo­tive, das meinen Besuch begleit­ete. Es war eine rasende Zeit, Stun­den des Staunens, da in der Woh­nung des alten Her­rn eine sehr beson­dere Model­lan­lage gastierte, ja, ich sollte sagen, dass die Woh­nung selb­st zur Anlage gehörte, wie der Him­mel zur wirk­lichen Welt. Alle Züge fuhren automa­tisch von einem Com­put­er ges­teuert, die Luft über den Geleisen roch scharf nach Zinn. Wir sprachen indessen nicht viel, Mr. Tomaszwes­ka und ich, son­dern schaut­en dem Leben auf dem Boden in aller Stille zu. An einem Fen­ster, dessen Vorhänge zuge­zo­gen waren, saß Mr. Tomaszweska’s Frau Elis­a­beth. Sie beachtete mich nicht, star­rte vielmehr lächel­nd auf eine kleine Klappe, die in die Wand des Haus­es ein­ge­lassen war. Manch­mal öffnete sich die Klappe und ich kon­nte für Momente das Meer erken­nen, das an diesem Tag von grün­grauer Farbe gewe­sen war, wun­der­bare Augen­blicke, denn immer dann, wenn das Meer in dem kleinen Fen­ster erschien, lachte die alte Frau mit glock­en­heller Stimme auf, um kurz darauf wieder zu erstar­ren. Ein­mal set­zte sich Mr. Tomaszwes­ka neben seine Frau und füt­terte sie mit warmem Orangenkuchen, den er selb­st geback­en hat­te. Und wie wir uns wieder auf den Boden set­zten, um ein Mod­ell des Ori­en­t­ex­press durch die Zim­mer der Woh­nung kreisen zu sehen, erzählt der alte Mann, dass sie gemein­sam hier oben sehr glück­lich seien. Er könne mit sein­er Frau zwar nicht mehr sprechen, er könne sie nur noch stre­icheln, was sie irgend­wie ver­ste­hen würde oder sich erin­nern an die Sprache sein­er Hände. Ver­stehst Du, sagte er, sie ver­gisst immer sofort, alles ver­gisst sie, auch wer ich bin, aber sie ver­gisst niemals nach den kleinen Engeln zu sehen, die uns besuchen, sie kom­men dort durch die Klappe, siehst Du, schau genau hin, es ist schon ein Wun­der, sagte der alte Mann, wie schön sie lacht, mein junges Mäd­chen, nicht wahr, mein junges Mäd­chen. — stop

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atlantikleuchter lH-XL-78

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MELDUNG. Atlantik­leuchter lH-XL-78 : mobiles Habi­tat für 12 Exem­plare Angler­pracht­fisch Anten­nar­ius stria­tus AS-UY [ männlich ] : je 2.08 Watt Lumi­neszenz : 2 Liter Schwimm­raum : Voll­man­tel­panz­erver­glasung : Gewicht [ ohne Atlantik ] – 12.2 kg : Befeuerung – 3 g Zwerggar­nele Neo­carid­i­na var red LT-BN88 [ a 24 h ] : automa­tis­ch­er Druck­aus­gle­ich [ 105 atm / Tag : 5 atm / Nacht ] : Abdeck­ung pro­to­plas­tis­ch­er Strahlung durch Hautschirm [ natür­lich ] — trans­par­ent [ Inid-Code 12564865–38 ] — stop / für meinen Vater


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eine libelle

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himalaya : 6.51 — Im Colum­bus Park sitzen Män­ner im Kreis um einen Stein und spie­len mit Karten, die ich noch nie zuvor gese­hen habe. Vom East Riv­er her, der nah ist, das Gespräch der Schiffe. In den blat­t­losen Bäu­men kauern kalte Vögel, äußerst langsam öff­nen und schließen sie ihre Augen, Häutchen, hell wie von Milch. Bin auf dem Weg, Mr. Fefei in sein­er Werk­statt Pell Street 8 zu besuchen. Trage die Uhr meines Vaters in der recht­en Hosen­tasche, halte sie fest, halte sie fest. In der Werk­statt ist es dunkel. Eine alte Frau, tief gebückt, führt mich durch den schmalen Raum. Vor­sichtig, sehr vor­sichtig, als würde sie nie wieder vom Boden kom­men, wenn sie ein­mal stürzen sollte, geht sie durch die stick­ige Luft dahin. Ein Lun­gen­hum­mer kreuzt schep­pernd unseren Weg. Mr. Fefei sitzt hin­ter ein­er Werk­bank im Roll­stuhl, einem ural­ten Ding mit Rädern, die so groß sind wie der alte Mann selb­st. Ich werde eine Vier­tel­stunde in sein­er Nähe ver­brin­gen, ich werde ihm erzählen von der Uhr meines Vaters, dass sie nicht ste­henge­blieben ist seit er starb, dass ich mir wün­schte, sie würde niemals ste­hen­bleiben, die Zeit meines Vaters. Wie, Mr. Fefei, werde ich fra­gen, kön­nte es möglich sein, die Bat­te­rien der Uhr zur wech­seln, ohne sie anhal­ten zu müssen? Ich werde sehen, wie die zier­liche Hand des alten Mannes über den Tisch wan­dert, um nach der Uhr zu greifen, wie er die Uhr wiegen und wie er sie betra­cht­en wird von allen Seit­en her, wie er ein Hör­rohr an das Gehäuse leg­en, wie er nick­en, wie er lachen wird. Seine Frau wird mir einen Tee servieren, einen grü­nen Tee, einen sehr grü­nen dampfend­en Tee, den ich sich­er nicht ver­tra­gen und doch trinken werde, während sich Mr. Fefei wieder mit sein­er Libelle beschäftigt. Vor­sichtig nähert er sich dem Gesicht des wilden Tieres, das zu einem zit­tern­den Röhrchen gefes­selt vor ihm liegt, mit ein­er Pinzette. Alles das wird gle­ich geschehen, in weni­gen Minuten ist wieder Abend gewor­den. Alte Män­ner sitzen im Kreis um einen Stein und spie­len Karten, die ich noch nie gese­hen habe. Vom East Riv­er her, der nah ist, höre ich das Gespräche Schiffe. In den blat­t­losen Bäu­men kauern kalte Vögel, äußerst langsam öff­nen und schließen sie ihre Augen, Häutchen, hell wie von Milch. — stop

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uhrwerk

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oli­mam­bo : 22.03 — Noch immer ohne Antwort: ~ Existieren stein­erne Uhrw­erke, die aufziehbar sind? Welche Gesteine präzise wür­den als Uhrw­erk­fed­ern dienen? Wie schw­er oder leicht wür­den stein­erne Uhrw­erke sein? Wären diese Uhren trag­bare Uhren? Wären sie genau? Kön­nte ein Men­sch sie mit der Kraft seines Kör­pers bewe­gen? — stop

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von der freiheit der maria

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vic­tor : 6.28 — Jeden Sam­stag kam Maria ins Café Gazette. Wenn Mittwoch war kon­nte man sie im Hem­ing­ways besuchen, einem herun­tergekomme­nen Laden in der Nähe des Haupt­bahn­hofes. Mon­tags saß sie in der Bar-Celona. An Dien­sta­gen und Fre­ita­gen war sie mal da und mal dort, und am Don­ner­stag ging sie ins Kino. Es war immer das­selbe, die kleine Frau, deren Alter nie­mand zu bes­tim­men wusste, kam here­in, set­zte sich an irgen­deinen freien Tisch, oder wartete so lange im Ste­hen bis ein Tisch freige­wor­den war, um sofort mit ihrer Arbeit zu begin­nen. Sie bedeck­te den Tisch, an dem sie Platz genom­men hat­te, mit weißen Papieren in unter­schiedlichen Größen, holte aus einem Kof­fer­wa­gen, der ihr ständi­ger Begleit­er war, kräftige Filzs­tifte und begann zu malen. Wer sie ein­mal genau beobachtet hat­te, wird vielle­icht bemerkt haben, dass sie bei Ein­tritt in das Café oder die Bar, mit einem scheuen Blick alle anwe­senden Men­schen wahrgenom­men oder in sich aufgenom­men hat­te, um sie nun zu porträtieren, einen Men­schen nach dem anderen Men­schen, auch dann, wenn sie den Ort längst ver­lassen hat­ten. Maria malte langsam, sie malte wie ein Kind, manch­mal biss sie sich auf die Zunge. Sie war eine sehr stille, eine stumme Frau, und ihr Gesicht vom Leben ohne Obdach geze­ich­net. Sie hat­te einen Buck­el, der mit den Jahren zu wach­sen schien und sie immer weit­er gegen den Boden drängte. Viele Men­schen kan­nten sie. Vielle­icht kann man sagen, dass es sich bei Maria um eine Ikone der Stadt han­delte, sie lachte niemals, aber alle Men­schen auf ihren Bildern lacht­en. Alle sahen sie aus wie Maria, ihre Gesichter genau genom­men, Augen, Nase, Mund, aber die Haare waren andere Haare, auch die Far­ben der Hem­den, Pullover, Krawat­ten, Blusen, waren genau jen­er Sekun­den­wirk­lichkeit ent­nom­men, da Maria von der Straße hereingekom­men war. Ja, sie malte langsam, und wenn es ein­mal sehr still war, kon­nte man die Geräusche ihrer Werkzeuge deut­lich hören. Sobald Maria alle Men­schen por­traitiert hat­te, erhob sie sich und ging von Tisch zu Tisch, um ihre kleinen, wertvollen Malereien zu verkaufen. Sie ver­langte nie mehr als 1 Deutsche Mark. Im Laufe der Jahre kaufte ich immer wieder ein­mal eines ihrer Bilder, also mich und Maria, mal mit kurzen, mal mit län­geren Haaren. Da war der Som­mer der weißen Hem­den und dort der Som­mer der blauen Hem­den. Ein­mal, es war Win­ter gewe­sen, tru­gen wir einen Hut. – stop

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dhaka

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MELDUNG. Dha­ka, Laibagh Road No 358, 6. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 1115 [ Mar­mor, Car­rara : 8.16 Gramm ] vol­len­det. — stop

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i love you

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romeo : 15.18 — Am See im Pal­men­garten. Erste milde Stun­den. Abend­segler jagen durch die Däm­merung. Für einen Moment der Ein­druck, es kön­nte sich bei den Schat­ten der Fliegen­jäger um kleine, spie­lende Engel han­deln. Auf der Bank neben mir ruht mein Filmtele­fon, ger­ade eben erscheint der Feuer­ball ein­er detonieren­den Bombe in der Stadt Boston nahe ein­er Marathon­strecke. Wenn ich den Kanal wech­se­le, Skate­board­fahrer, die über Haus­däch­er sprin­gen auf der Insel San­torin, ein Mäd­chen mit Zahnspange trällert: I love you, i love you! Bald dun­kle Rauch­pilze über der Stadt Alep­po. Auf ein­er Straße liegt der Kör­p­er ein­er Frau, der sich noch bewegt, obwohl sie unbe­d­ingt tot sein müsste, so furcht­bar die Ver­let­zun­gen, die ihr zuge­fügt wor­den sind. Ich spiele den Film immer wieder ab, warum? Als es dunkel wird über dem Wass­er, Stille. Man hört in der Licht­losigkeit nichts vom Jagen der Tiere, wenn man sie nicht sieht. Wenige Stun­den später wird Wladimir Putin sagen, bei dem Anschlag in Boston han­dele es sich um ein bar­barisches Ver­brechen. — stop

ein leises pfeifen

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bamako : 2.25 — Eine kur­dis­che Fre­undin alevi­tis­chen Glaubens erzählte mir eine Geschichte, die eigentlich keine Geschichte ist, son­dern ein Bericht, weil sie per­sön­lich mehrfach erleben musste, wie ihre Tochter eine Fre­undin mit nach Hause brachte, eine junge Kur­din sun­ni­tis­chen Glaubens, die zwar mit der Tochter Zeit ver­brin­gen, aber nicht mit der Fam­i­lie essen wollte, weil sie fürchtete, vielle­icht vergiftet zu wer­den. Ich beobachtete einen tiefen Schmerz in den Augen mein­er Fre­undin während sie erzählte, und auch Zorn und Ent­täuschung. Sie erk­lärte: Das sind die Eltern, die ihre Kinder impfen. Wir Ale­viten sind gefährliche Leute, ver­stehst Du, wir sind lebens­ge­fährliche Leute. Ich fürchte, das alles geht ein Leben lang nicht mehr aus den armen Kinder­see­len raus! – Es ist jet­zt 0 Uhr und 55 Minuten. Nicht wahr, das ist eine wirk­lich merk­würdi­ge Begeben­heit, die ich in dieser Nacht notiere, um sie nicht zu vergessen. Über­haupt vergesse ich zur Zeit recht viel. Vor eini­gen Tagen, während ich mit ein­er weit­eren Fre­undin tele­fonierte, machte ich eine kurze Pause, um Kaf­fee zu kochen. Ich bat meine Fre­undin in der Leitung zu bleiben und stand also in der Küche und erhitzte das Wass­er, als eine Taube auf dem Fen­ster­brett lan­dete. Immer, wenn ich eine Taube sehe, denke ich an Wolf­gang Koep­pen. Ich habe Wolf­gang Koep­pen ein­mal in München in einem Kino beobachtet, einen gebückt gehen­den, alten Mann mit Brille, der sich sehr langsam bewegte. Nie­mand schien ihn erkan­nt zu haben, worüber ich mich damals wun­derte. Ich erin­nere mich genau, ich wun­derte mich viele Tage lang und über­legte, ob ich Wolf­gang Koep­pen nicht einen Brief schreiben sollte, um ihm zu erzählen, dass ich ihn gese­hen habe im Kino und dass ich mich darüber sehr freute. Plöt­zlich hörte ich vom Tisch her, auf dem mein Tele­fon lag, ein leis­es Pfeifen. Das Pfeifen kam tat­säch­lich aus dem kleinen Appa­rat her­aus. Als ich das Tele­fon anhob, wurde das Pfeifen lauter und lauter, und meine Fre­undin erzählte nur Sekun­den später, sie habe nicht mehr daran geglaubt, dass ich sie noch hören würde oder mich an sie erin­nern. Sie habe meine Schritte deut­lich gehört, außer­dem soll ich mit mir selb­st gesprochen haben. – stop

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silent sentry

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echo : 2.55 — Wird es vielle­icht bald ein­mal möglich sein, men­schliche Kör­p­er, präzise for­muliert, die Ober­fläche men­schlich­er Kör­p­er, der­art zu gestal­ten, dass sie in unbek­lei­de­tem Zus­tand von aktiv­en Radartech­nolo­gien nicht zu erfassen sind, Men­schengestal­ten demzu­folge, die in der Begeg­nung wed­er Licht, noch Geräusche emit­tieren? Welch­er Art wäre die Licht­spur ein­er Bewe­gung ihres Kör­per­raumes durch eine perzep­ti­bele Men­schen­menge? Und wären diese selt­samen Men­schen in ihren eige­nen Augen über­haupt noch sicht­bar? Wür­den sie sich selb­st eventuell noch wahrnehmen durch die Konzen­tra­tion auf eine Vorstel­lung: Hier, vor mir auf dem Tisch, das weiss ich, weil ich ihn dor­thin abgelegt habe, ruht mein Arm, so würde er sich in meinen Augen darstellen, wenn er für mich sicht­bar wäre. All diese Fra­gen. – stop

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sier­ra : 5.25 — In der Mor­gendäm­merung komme ich an, es ist die Stadt Paris gewe­sen, Gare de l’Est. Im Zug hat­te eine Frau von mon­strösen Aus­maßen neben mir Platz genom­men, presste mich gegen eine Wand des Abteiles, ich kon­nte kaum atmen, und wie ich den Bahn­hof ver­lasse, fol­gt sie mir. Ich gehe west­wärts Rich­tung Mont­par­nasse. Plöt­zlich sitze ich in einem Café, in dem alle Gegen­stände von Holz sind. Der Boden, die Wände, Stüh­le, Tis­che, auch die Teller, Servi­et­ten, Tassen und die Blu­men in ihren hölz­er­nen Gefäßen, das Wass­er der Vasen, der Kaf­fee, selb­st die Frau, am Nach­bar­tisch, die sich fre­undlich nach ein­er Zigarette erkundigt, scheint zu größeren Teilen aus Holz zu beste­hen, Hals, Stirn, Wan­gen, Arme und Hände, eines ihrer Augen. Auf dem Tisch vor mir sitzt eine Ameise. Sie bewegt sich kaum. Ich weiß, dass sie zu mir gehört, ich habe sie gekauft. Der Mann, der mir die Ameise verkaufte, ste­ht auf der Straße vor dem Café und spricht mit jen­er Frau, die mir fol­gt. Er trägt einen Hut, eine Mel­one, die Frau scheint weit­er­hin zu wach­sen. Bei­de schauen in meine Rich­tung, sie lachen. Dann kommt der Mann zurück. Er schüt­tet eine Hand­voll Sul­ta­ni­nen auf den Tisch, sagt, dass ich die Früchte in Scheiben zer­legen solle, weil Ameisen, ger­ade diese Ameise, die zu meinem Eigen­tum gewor­den ist, Sul­ta­ni­nen bevorzugt verzehren wür­den. Das kleine Tier ist sehr kost­bar. Es ist eine Ameise, die ihr Leben heim­lich mit Samuel Beck­ett geteilt haben soll, ich habe das schriftlich, eine Ameise mit einem wun­der­vollen Gehirn, sie ist sehr alt, ver­fügt über Ohren und spricht mit den Füh­lern. Ich weiß nicht, wie ich die Ameise trans­portieren soll, deshalb wache ich auf und wun­dere mich, weil ich kein Licht sehe. Aber ich spüre die Schritte ein­er Ameise auf meinem Bauch. Sie läuft kreuz und quer, bald sitzt sie unter­halb meines linken Auges. Das Tier scheint zu warten. — stop

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miranda

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india : 5.45 — Bei leichtem Regen gestern im Park einen älteren Her­rn beobachtet. Er arbeit­ete an einem Buch, das ich zunächst nicht bemerk­te, weil der Herr auf ein­er Bank saß im Schat­ten eines Regen­schirmes. Als ich neben ihm Platz genom­men hat­te, kon­nte ich erken­nen wie der Mann tat­säch­lich Zeichen in einem Buch notierte, das nicht größer gewe­sen war als eine Stre­ich­holzschachtel. Neben ihm lag ein weit­eres Buch, Philip Roths Roman Every­man. Der Mann schien das eine Buch hand­schriftlich in das andere Buch zu über­tra­gen. Er notierte mit einem Bleis­tift, den er nach jedem geschriebe­nen Zeichen spitzte. Rotkehlchen hüpften zu seinen Füßen herum, pick­ten das leichte, hauchdünne Holz, das aus der Spitzer­mas­chine fiel, vom Boden und tru­gen es fort ins nahe Unter­holz. Ein Ver­größerungs­glas, eine Lupe, klemmte im linken Auge des Her­rn, deshalb ver­mut­lich machte er den Ein­druck, Schmerzen zu haben. Manch­mal biss er sich auf die Zunge. Wenn ich mich nicht irre, dann hat­te der Mann bere­its etwa 100 Seit­en des Romanes trans­feriert. Ich sah ihm bald eine Stunde zu, ohne ein Wort mit ihm zu wech­seln. Friedlich­ste Stim­mung. Auf dem See draußen hüpften Karpfen aus dem Wass­er, schwere Kör­p­er. Ein paar Ameisen trieben auf einem Blatt an uns vor­bei. Ich hätte mich gerne unter­hal­ten, weil mir in den ver­gan­genen Tagen unheim­lich zumute gewe­sen ist, während ich Fernse­hbilder aus der Stadt Boston beobachtete. Der alte, schreibende Mann aber war so ver­tieft in seine Arbeit, dass er meine Gegen­wart schnell vergessen zu haben schien. Ich stellte mir vor, dass er in dieser Arbeit gefan­gen oder gebor­gen vielle­icht über­haupt nicht wahrgenom­men hat­te, was in Boston geschehen war. Vielle­icht wusste er noch nicht ein­mal vom Krieg in Syrien oder von der Ent­deck­ung des Hig­gs-Teilchens. Als es dunkel wurde, set­zte sich der alte Mann eine Stirn­lampe auf den Kopf. Für einen Moment leuchtete er mir ins Gesicht, um sofort in sein­er Arbeit fortz­u­fahren. — stop

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mr. charles brown

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sier­ra : 6.28 — Mit­ten in der Nacht ent­decke ich, dass Charles Brown tat­säch­lich existierte. Er war Englän­der gewe­sen, sam­melte Uhren und trug diese Uhren am eige­nen Kör­p­er. Nicht etwa eine Uhr nach der anderen Uhr, wie man meinen möchte, vielmehr einige Uhren oder sehr viele Uhren zur gle­ichen Zeit. Ich bin natür­lich äußerst begeis­tert, öffne zunächst das Fen­ster, lass frische Luft in die Woh­nung, kehre vor den Bild­schirm zurück, er ist immer doch da, Mr. Charles Brown oder ein Mann, der vor­gab, Mr. Charles Brown gewe­sen zu sein, ein Mann, der Uhren sam­melte, der Uhren beobachtete. Er soll Uhren an seinen Fin­gern getra­gen haben, Uhren am Revers, Uhren in der Gestalt von Man­schet­tenknöpfen. Ich stelle mir vor, dass ein feines Zeitrauschen von ihm aus­ge­gan­gen sein muss. Ist es nicht wun­der­bar, stun­den­lang an ein Geräusch wie dieses Rauschen der Zeit zu denken? — 3 Uhr und 10 Minuten. Ich habe heute nichts weit­er zu tun, als wach zu bleiben bis es hell wer­den wird. — stop / ps. Bemerkt zunächst bei Peter Glaser, Sekun­den später auf Mod­ern Mechanix

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south sandwich

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MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 316 hupende Rüs­sel­rosen, nahe South Sand­wich Island gesichtet. Man wan­dert in west­lich­er Rich­tung. — stop
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vögel

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delta

~ : oe som
to : louis
sub­ject : VOEGEL
date : april 24 13 2.05 p.m.

Ich hörte wie Noe mit Vögeln sprach. Eine Stunde lang war seine knis­ternde Stimme zu vernehmen. Er flüsterte: Hal­lo, hier ist Noe, seht ihr mich? Schaut her, was für ein Wun­der!  Aber dann, sobald sich die Vögel von ihm ent­fer­n­ten, wurde seine Stimme laut, sein Aus­druck nach­drück­lich. Er ver­suchte sich bemerk­bar zu machen, als ob er hoffte, sie wür­den ihn mit sich nehmen. Nie­mand kann seine Stimme hören, nur wir kön­nen Noes Stimme hören! Gegen drei Uhr habe ich Tauch­er Noe ange­sprochen, um ihn festzuhal­ten, um ihn daran zu erin­nern, dass wir noch bei ihm sind. Noe, sagte ich, Noe, hör zu! Ich erwarte, dass Du mir erzählst, was Du siehst! — Da sind Vögel, antwortete Noe, sehr große Vögel, Vögel wie ich sie noch nie zuvor gese­hen habe. Wir wollen davon schweigen! — Der Mor­gen kam glück­licher­weise rasch, Mar­tin machte sich unverzüglich auf den Weg in die Tiefe, noch drei oder vier Stun­den und er wird Noe erre­ichen. Unser Tauch­er indessen war eingeschlafen. Mehrfach habe ich ver­sucht, ihn zu weck­en. Ich sagte: Noe, wie geht es Dir? Erzähl mir, was sind das für Vögel, die Du siehst? Keine Antwort. Stille von der Tiefe her, nichts als Noes langsam schla­gen­des Herz. Gegen den Mit­tag zu ver­merk­te Noe plöt­zlich, wir hät­ten ihm schon lange Zeit eine Brille ver­sprochen. Ich meine, fuhr Noe fort, dass ich ein Recht auf eine Brille habe, wenn ich schon lese, stun­den­lang aus Büch­ern lese, die ich wed­er wählte noch wün­schte. Meine Augen schmerzen, Ihr soll­tet mich her­auf­holen und mir eine Brille ver­passen. Das sagte Noe noch vor weni­gen Minuten. Es klang wie eine Dro­hung. — stop. — Mittwoch, 24. April 2013. Tauch­er Noe seit 781 Tagen unter Wass­er. — stop. Tiefe 828 Fuß. — stop. Ahoi! Dein OE SOM

gesendet am
24.04.2013
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oe som to louis »

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monroe

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alpha : 6.26 — Ich wün­sch mir zum Geburt­stag ein kleines Tier, eine Libelle näm­lich von der Größe ein­er Hand, sie wird mich for­t­an im Leben begleit­en. Wenn ich mor­gens die Augen öffne, soll sie bere­its vor mir auf einem Kissen ruhen, das ihr eigenes, ihr Nachtkissen ist. Das Sum­men üben­der Flügel, ein Blick von tausend Augen, und schon sind wir hellwach, schon auf dem Weg in die Küche. Zum Früh­stück zwei frische Zwergfrösche, sie leben noch für Sekun­den. Und etwas Kaf­fee für mich und einen Teelöf­fel fein­sten Sumpfwassers für Mon­roe, das sollte jeden Mor­gen möglich sein im Win­ter wie im Som­mer. Was für ein sel­ten prächtiger Vogel, marineblau, zitro­nen­gelb, schwarz schillernde Augen, feuer­rote Beine. — Guten Mor­gen! — stop

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handtasche rot

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sier­ra : 6.35 — Im Haus, in dem ich manch­mal wohne, existierte vor langer Zeit eine alte Frau. Sie war so alt gewor­den, dass sie von Nächt­en erzählen kon­nte, die sie im Keller des sel­ben Haus­es ver­bracht hat­te, weil Bomben vom Him­mel fie­len. Damals, als der Krieg endete, muss sie eine junge Frau gewe­sen sein, sie heiratete, gebar fünf Kinder, wurde geschieden. Ihr Mann und ihre Kinder waren längst gestor­ben bis auf einen Sohn, der in ihrem Leben zulet­zt kaum noch eine Rolle spielte, ihr einziger Enkel hat­te sie aus­ger­aubt, sie war eine wirk­liche ein­same Per­son. Jedes Jahr zu Sil­vester stellte sie kleine Mar­morkuchen vor die Woh­nungstüren ihrer Nach­barn wie zur Erin­nerung, dass sie noch lebte. Ich erin­nere mich gut, der Kuchen schmeck­te nach Nelken. Wenige Monate vor ihrem Tod kaufte sie noch drei Katzen und verur­sachte einen Wasser­schaden. Von diesem Zeit­punkt an wurde offen über ihren Geis­teszu­s­tand gesprochen, man fürchtete mit der alten Frau in die Luft zu fliegen, weil sie mit Gas kochte und mit Kohlen heizte. Noch heute scheint der Keller nach der alten Frau zu riechen, nach Öl und nach Eier­briketts. Gestern nun habe ich mich wieder ein­mal an die alte Frau erin­nert. Ich war bei einem jun­gen Mann ein­ge­laden, in dessen Wohnz­im­mer auf einem Gestell von Holz eine schwere Stahltür ruhte. Diese Tür hat­te sich bis vor kurzem noch im Keller aufge­hal­ten. Es war die Tür zum Luftschutzbunker. In der Mitte der Tür befand sich ein Spi­on von gepanz­ertem Glas, ein winziges Auge, durch das die Frau, von der ich erzählte, als Mäd­chen noch gese­hen haben kön­nte. Immer wieder an diesem Abend betra­chtete ich jenes selt­same Auge in der Tür, das gegen die Zim­merdecke schaute. – Sam­stag, kurz nach 3 Uhr. Es reg­net, die Luft ist hell vom Wass­er. Ger­ade eben habe ich nach einem Text gesucht, den ich notierte an dem Tag als die alte Frau gestor­ben war. Der Text ging so: Die alte Frau mit der roten Hand­tasche ist tot. Während des Tages irgend­wann muss sie im Hos­pi­tal gestor­ben sein. Jet­zt, es ist ohne sie wieder Abend gewor­den, ver­lässt ihr Fernse­hgerät das Haus. Ein Hin und Her auf der Straße, noch nie gese­hene, tief fliegende Vögel. Im Haus, vom Flur her, Kampfgeräusche, auch zartes Gezeter, Ver­wün­schun­gen, Empfehlun­gen, heis­ere Stim­men. Der Sohn ist da und der Sohn des Sohnes, betrunk­en ste­ht der blutjunge Geier auf der Straße herum und regelt den Verkehr. Woh­nungsauflö­sung. Nun, zu vorg­erück­ter Stunde, hat sich mir das Wort erschlossen. Ein Prozess der Entropie, der Ver­w­er­tung, des Ver­schwindens. Ich sehe die Ver­schwun­dene, eine 89 jährige Frau in bunter Klei­dung, Stehlampe in der Hand, das Haus ver­lassen. Unlängst noch war sie unter­wegs gewe­sen. Sie hat­te bere­its den Gang der Hochseema­trosen. Manch­mal rastete sie im Schat­ten der Bäume. Sie ging spazieren, als melde sie sich an, Tag für Tag, und zurück. Nie­mand weiß genau wie lange sie in der Gegend, diesem Haus, dieser Woh­nung lebte, sie war schon da als Bomben fie­len, und noch immer, bis gestern, stolz und ein­sam und zu langsam für die rasende Stadt. Jawohl, sie war stolz gewe­sen, ließ sich nicht helfen, nie­mand durfte ihr Milch oder den Sand für ihre Tiere durch das Trep­pen­haus in die Woh­nung tra­gen. Manch­mal heulte das Fernse­hgerät durch die Wand. Jet­zt ist es vor­bei, jet­zt wer­den Mon­teure und Maler kom­men. Es ist vor­bei, auch für die Katzen. — stop

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ai : MEXIKO

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Die Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tion Artícu­lo 19 hat einen anony­men Dro­hbrief erhal­ten. Die Organ­i­sa­tion set­zt sich für das Recht der freien Mei­n­ungsäußerung ein und hat ihr Büro in der Haupt­stadt Mexiko-Stadt. / Am 19. April war ein Brief an der Haustür des Büros von Artícu­lo 19 gefun­den wor­den. Der Brief war an den Leit­er der Organ­i­sa­tion, Darío Ramírez, sowie die restlichen Mitar­beit­er von Artícu­lo 19 gerichtet: “Klein­er ver­dammter Chef… Du Strich­er hast keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast… Wollen wir mal sehen, ob dein Herz nicht auf ein­mal aufhört zu schla­gen. Zu viel beschissene Frei­heit. Mal sehen, wie Macho du bist, wenn wir dich und deine kleinen Scheißer wirk­lich kalt­gemacht haben… Wir beobacht­en euch ganz genau… Ihr wisst, wer wir sind und dass wir das durchzuziehen kön­nen” (Pinche jefe­si­to pendejo…eres un puto que no sabes con quien te estas metiendo…A ver si con una madrisa no se te para el cora­zon. Mucha puta lib­er­tad ver­dad. A ver que ten ver­ga eres cuan­do ter­mines tu y tus puti­tos bien puteados…Estamos vien­dote y bien cerca…Sabes quienes somos y que si lo podemos ahcer [sic]). / Artícu­lo 19 hat wegen der Dro­hung Anzeige bei den städtis­chen Behör­den erstat­tet. Die Organ­i­sa­tion fordert, dass die Schutz­maß­nah­men, die für Jour­nal­is­ten und Men­schen­rechtsvertei­di­ger ein­gerichtet wur­den, auch für Darío Ramírez und die Mit­glieder von Artícu­lo 19 Anwen­dung find­en. Die städtis­chen Behör­den haben auf der Grund­lage ein­er Schutzanord­nung der Men­schen­recht­skom­mis­sion von Mexiko-Stadt (Comisión de Dere­chos Humanos del Dis­tri­to Fed­er­al) Polizeistreifen einge­set­zt. / Artícu­lo 19, der Leit­er und die Mit­glieder der Organ­i­sa­tion haben entsch­ieden, ihre Arbeit, die Frei­heit der Mei­n­ungsäußerung in Mexiko zu doku­men­tieren, zu vertei­di­gen und zu fördern, fortzuset­zen. Artícu­lo 19 hat viele Fälle doku­men­tiert, in denen Jour­nal­istIn­nen im ganzen Land ange­grif­f­en und/oder bedro­ht wer­den und in denen die Behör­den keine effek­tiv­en Unter­suchun­gen durchge­führt und somit die Sicher­heit von Jour­nal­istIn­nen nicht sichergestellt haben.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 5. Juni 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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st. john’s

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MELDUNG. St. John’s, 52 Long Pond Road, 1. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 227 [ Mar­mor, Car­rara : 0.12 Gramm ] vol­len­det. — stop

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mr. ganga datt padong

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echo : 5.15 — Nicht zum ersten Mal stellte ich mir eine Minute vor, dann eine Stunde, dann einen Tag. Ich stand auf und ging von Zim­mer zu Zim­mer. Ich aß eine Banane, sah aus dem Fen­ster, set­ze mich an den Schreibtisch und stellte mir eine Woche vor, dann einen Monat, dann ein Jahr. Und wieder sah ich aus dem Fen­ster, ver­ließ das Haus, spazierte, kam zurück und machte einen Plan. Ich machte ihn gründlich, ich for­mulierte die alt­bekan­nte Frage, ob es wohl möglich ist, einen Zeitraum von 5022 Jahren zu denken, das heißt, ein Gefühl zu find­en für eine bib­lis­che Zeit­di­men­sion? Bald war Abend, bald war Nacht gewor­den und ich habe mich mit der Suche und Erfind­ung von Namen vergnügt. Wenn ich aus dem Fen­ster schaue, die Kro­nen der Bäume unter mir, in welchen Vögel schlafen, fall­en mir tat­säch­lich sehr schöne Namen ein, Namen, die es ver­di­en­ten, dass man die Geschicht­en, die hin­ter ihnen ste­hen, auf­spüren wird. Über­haupt sind Namen, genau genom­men, die Geräusche, die sie im Kopf erzeu­gen, sehr gut dazu geeignet, erzählbare Räume zu öff­nen. Ein­er der heute Nacht gefun­de­nen Namen lautet so: Mr. Gan­ga Datt Padong. Ich bemerk­te, dass ein Mann, der diesen Namen tat­säch­lich trägt, sich ein­mal bei mir melden kön­nte. Er schreibt: Mr. Louis, ich habe in die Such­mas­chine geschaut. Woher ken­nen Sie meinen Namen? Ich antworte: Verehrter Mr. Padong, ich habe Sie und ihren Namen erfun­den, kön­nten wir vielle­icht Fre­unde wer­den? — Fol­gende Namen sind weit­er­hin verze­ich­net: Han­nah Piepen Palle Peter­son Pete Mai­do Franz Dantzer Swet­lana Antibes Julie P. Gold­ing Emil Dim­itrov Zine Ham­m­dai Max Busser Mer­gozile Bier­manns Sophia Wiesel­ha­gen Sarah Louisa Emmer Veroni­ka Pig­mat­ter Basheer Zeid Christie Lee Eweli­na Zenczak Miria Iri­na Save­do Sam Kekko­la Hoah Phat Cynette Krom­boute Laris­sa Tod­ic Lin­ea Apo Ludu Hilmer Lil­li Marie Lorenz. — stop

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