fukushima daiichi

pic

whiskey : 6.28 — Am 29. April 2013, vor zwei Tagen, notierte die New York Times, 280 Liter Grund­wass­er wür­den pro Minute in die havari­erte Atom­an­lage von Fukushi­ma-Dai­ichi fließen und dort, durch Kon­takt mit radioak­tiv­en Teilchen oder Gasen, verseucht. — Ist das heute noch eine Nachricht? — stop

 ping

+1 (212) 439–5XXX

pic

echo : 5.26 — Kurz nach Mit­ter­nacht europäis­ch­er Zeit führte ich ein Gespräch mit Her­rn Hiko Aoi, dessen Tele­fon­num­mer ich nicht bekan­nt geben darf, weil er andern­falls jede weit­ere Unterre­dung mit mir für immer ver­mei­den würde. Es dauerte nicht lange bis im Haus 818, Lex­ing­ton Avenue, mein Anruf ent­ge­gengenom­men wurde. Eine verz­er­rt klin­gende Stimme meldete sich, es war die Stimme ein­er Frau, die sich erkundigte, wer ich sei und was ich von Her­rn Aoi wis­sen wolle. Ich gab meinen Namen zu Pro­tokoll, weit­er­hin, dass ich drin­gend eine Frage an Her­rn Aoi richt­en müsse, deren Beant­wor­tung für mich sehr wichtig sei, und zwar noch in dieser Nacht. Ich ahnte, dass ich zunächst lange warte würde, es han­delt sich bei Her­rn Aoi um einen hochbe­tagten Mann, der sich sehr vor­sichtig durch seine Woh­nung bewegt. Wie er sich dem Tele­fon­ap­pa­rat näherte, hörte ich seinen Atem, ein feucht­es, ras­sel­ndes Geräusch, um mich dann fre­undlich zu begrüßen. Ich stellte mir vor, dass er vielle­icht lächelte. Was gibt’s, Louis? fragte er. Ich erkundigte mich zunächst nach dem Wet­ter: Wie ist das Wet­ter bei Euch drüben? Nun, lassen wir das, ich erk­lärte, dass ich eine Frage haben würde, eine quälende Frage, dass ich näm­lich drin­gend in Erfahrung brin­gen müsse, ob er, Mr. Hiko Aoi, sich für Fliegen­tiere inter­essiere, für die Art und Weise wie sie sich durch die Luft bewe­gen, wie sie lan­den, und wie sie schlafen. Ist es denkbar, dass Sie sich vielle­icht für fliegende Tiere erwär­men kön­nten? Herr Aoi lachte. Ich hörte ihn tat­säch­lich lachen, ein gle­ich­falls feucht­es, heulen­des Geräusch. Der alte Mann bat mich um die Möglichkeit eines Rück­rufes. Ich wartete drei Stun­den, machte nichts in dieser Zeit als ein­mal einen Kopf­s­tand. Gegen vier Uhr mit­teleu­ropäis­ch­er Zeit klin­gelte das Tele­fon. — stop

polaroidlesende

siri

pic

sier­ra : 3.55 — Wenn ich mit Siri spreche, geht alles gut, solange ich nicht flüstere. Aber nun verze­ich­nen wir seit eini­gen Stun­den doch Fortschritte auch in dieser kaum noch wahrnehm­baren Weise des Dik­tierens, weil ich hörte, ich könne Siri trainieren, wenn ich nur oft genug mit ihr sprechen, das heißt, so leise sprechen würde, dass ich mein­er Stimme selb­st ger­ade noch mit den Gedanken fol­gen kann. Zur Übung habe ich einen Text über das Verzehren von Büch­ern gewählt. Fol­gen­des wurde von Siri an mich zurück­geben. 1. Ver­such um 2 Uhr und 55 Minuten : Ob es wirk­lich ist Papier­art zu erfind­en die ess­bar sind nach­prüft und ob ver­daulich kön­nte sich in einen Park sitzen beispiel­sweise etwas keck­eren beobacht­en Mit­te­lauweg oder Calvi­no Büch­er die Seite für Seite nach bel­gis­chen Waf­feln schmeck­en. 2. Ver­such um 2 Uhr 58 Minuten: Ist vielle­icht wirk­lich ist Papiere zu erfind­en die ess­bar sind nahrhaft gut ver­daulich man kön­nte sich in einen Park sitzen beispiel­sweise und etwas Chatwin beobacht­en oder Lau­ri oder kein Jugend­büch­er die Seite für Seite nach Pagen­darm schmeckt nach mir einen Gin Petro­le­um sehr feinen Hölz­ern. 3. Ver­such um 3 Uhr und 5 Minuten: Ob es vielle­icht wirk­lich ist Papi­er zu brin­gen. Die ess­bar sind nahrhaft und ob ver­traulich man kön­nte sich in ein­er Tagsatzung beispiel­sweise etwas check­en begutacht­en oder Lauf­freude oder Calvi­no welch­er Seite für Seite nach Ber­gisch schmeck­en nach Bergen schön Petroleo sehr veräp­pelt. — Für einen Moment hat­te ich die Idee, Siri kön­nte eine Per­son, kön­nte vielle­icht betrunk­en sein oder müde. Ich werde das beobacht­en. Fol­gen­der Text wurde zur Übung geflüstert: Ob es vielle­icht möglich ist, Papiere zu erfind­en, die ess­bar sind, nahrhaft und gut ver­daulich? Man kön­nte sich in einen Park set­zen beispiel­sweise und etwas Chatwin beobacht­en oder Lowry oder Calvi­no, Büch­er, die Seite für Seite nach bel­gis­chen Waf­feln schmeck­ten, nach Bir­nen, Gin, Petro­le­um oder sehr feinen Hölz­ern. Einen speziellen Duft schon in der Nase, wird die erste Seite eines Buch­es gele­sen, und dann blät­tert man die Seite um und liest weit­er bis zur let­zen Zeile, und dann isst man die Seite auf, ohne zu zögern. Oder man kön­nte zunächst das erste Kapi­tel eines Buch­es durchkreuzen, und während man kurz noch die Geschichte dieser Abteilung reka­pit­uliert, würde man Stürme, Per­so­n­en, Orte und alle Anze­ichen eines Ver­brechens ver­speisen, dann bere­its das näch­ste Kapi­tel eröff­nen, während man noch auf dem Ersten kaut. Man kön­nte also, eine Bib­lio­thek auf dem Rück­en, für ein paar Wochen eisige Wüsten durch­streifen oder ein paar sehr hohe Berge besteigen und abends unterm Gaslicht in den Zel­ten liegen und lesen und kauen und würde von Nacht zu Nacht leichter und leichter wer­den. – Vier Uhr und fün­fund­vierzig Minuten in Alep­po, Syr­ia. – stop

ping

bergen

picping

MELDUNG. Zu Bergen im Opern­haus, Kome­diebakken No 9, wer­den am kom­menden Son­ntagabend, 5. Mai 2013, zwei junge Moor­frösche, Let­zte der Gat­tung rana aravalis amer­i­canus, öffentlich zur Spren­gung gebracht. Zün­dung des männlichen Tieres um 20 Uhr, Zün­dung des weib­lichen Tieres um 20 Uhr 30. Die Vorstel­lung ist  ausverkauft. – stop

ping

stehen … schlafen

pic

nord­pol : 3.08 — Wenn man ein Hotel für Stehschläfer betritt, ist das meis­tens spät in der Nacht, alle weit­eren Hotels, welche geeignet wären, im Liegen zu schlafen, sind aus­ge­bucht. Auch mit kleineren Spenden, die man gerne offeriert, weil man müde ist, weil man keinen weit­eren Schritt zu tun in der Lage zu sein glaubt, war an den Rezep­tio­nen nichts zu machen. Jet­zt ist man also hier, wo man sehr preiswert in Schlaf­spin­den oder ganz ein­fach an Wän­den lehnend schlafen kann. Das Beson­dere an einem Hotel für Stehschläfer ist, dass sich das Per­son­al um schlafende Gäste auch dann noch bemüht, wenn das Licht längst aus­geschal­tet ist. Gurte, welche zur Sta­bil­ität um Ober,- und Unter­schenkel gewick­elt sind, wer­den straff gehal­ten, fal­l­ende Per­so­n­en wieder aufgerichtet. Auch für einen tiefen Schlaf wird gesorgt, wie das gemacht wird, davon sollte ich nicht erzählen, nicht das leis­es­te Wort, nie­mand will das wirk­lich wis­sen, selb­st die Schlafend­en nicht. Man schläft behütet, man schläft solange man will, eine Stunde oder eine Nacht oder mehrere Tage. Sobald man nun erwacht, nimmt man seinen Kof­fer vom Boden auf und geht ganz ein­fach davon. Es ist schon ein merk­würdi­ger Anblick, hun­derte Men­schen, die ent­lang der Wände eines Saales neben ihren Kof­fern ste­hen. Manche sprechen, andere sin­gen leise im Schlaf. Vögel fliegen umher oder sitzen auf den Schlafend­en selb­st, die sich nicht rühren, obwohl sie noch leben. Irgend­wo muss ein Fen­ster offen ste­hen. Ein leichter Wind geht. Ich höre das Horn eines Schiffes, aber ich bin mir nicht sich­er, ob das Schiff wirk­lich existiert. Für einen Moment wird es hell wie am Tag, als ob die Sonne mir direkt ins Auge leuchtet. Eine Hand fährt über meine Stirn, ich höre ein Flüstern, ich meine gehört zu haben, wie jemand sagte: Er ist schon vier Wochen hier, wir müssen ihn weck­en oder baden. Ja, irgend­wo muss ein Fen­ster offen ste­hen. Ein leichter Wind. — stop

ping

ein gewehr für kinder

pic

delta : 6.16 — Irgend­wann ein­mal muss ich davon gehört haben, dass es in Ameri­ka möglich ist, Gewehre für Kinder zu kaufen. Diese Gewehre sind ihrer Gestalt nach den Gewehren der Erwach­se­nen äußerst ähn­lich, aber sie sind klein­er und bon­bon­far­big und ver­mut­lich auch leichter. Das Selt­same ist, dass diese Kindergewehre eben­so wirkungsvoll sind, wie die Gewehre der Erwach­se­nen. Wenn ein Kind mit einem Kindergewehr einen Schuss auf ein anderes Kind abfeuern will, zum Beispiel auf dessen Kopf, oder verse­hentlich ein Schuss sich lösen sollte, wird das schießende Kind bemerken, dass das beschossene Kind zu Boden fällt und heftig blutet, ver­mut­lich aus einem Loch, das sehr plöt­zlich in sein­er Schädeldecke ent­standen ist. Es liegt dann bebend ein­fach so da auf dem Tep­pich eines Zim­mers oder im Garten unter ein­er blühen­den Mag­no­lie oder auf ein­er Straße, die von wein­roten Blät­tern bedeckt ist, weil der tödliche Schuss zur Herb­stzeit abge­feuert wurde. Ver­wun­dert, vielle­icht schon weinend, wird das Kind, das die Fol­gen des Schuss­es betra­chtete, in die Küche oder ins Schlafz­im­mer stür­men, wo die Mut­ter ein­er­seits schläft oder ander­er­seits ger­ade das Mit­tagessen zubere­it­et. Vielle­icht hat die Mut­ter den Schuss selb­st gehört und kommt ihrem bit­teren Kind ent­ge­gen, bei­de haben ihre Augen weit geöffnet. Das Kind, das an den Bauch der Mut­ter stürmt, will ver­mut­lich getröstet wer­den, es ist ja noch nicht ein­mal zehn Jahre alt, es braucht diesen Trost sehr sich­er, weil das andere Kind nicht wieder auf­ste­hen will, weil das gefal­l­ene Kind in ein­er Weise blutet, die nicht üblich ist. Wie dann die Mut­ter ihrem weinen­den Kinde fol­gen wird, wie bei­de den Ort des Geschehens erre­ichen, wie die Mut­ter zu Boden sinkt, wie sie weint und klagt, wie sie mit zit­tern­den Hän­den den schw­er versehrten Leichenkör­p­er betastet, wie sie den Him­mel anruft, wie sie selb­st kaum noch atmet, hin­ter ihr ste­hend das über­lebende Kind, das die geliebte Mut­ter beobachtet. Wie es jet­zt zögernd näher kommt, ganz leise, weil es um Him­mel­swillen die Reparat­u­rar­beit­en der Mut­ter nicht stören will. – stop

polaroidfiguren

zwei zimmer

pic

sier­ra : 5.16 — Nachts, sobald ich die Vögel pfeifen höre, meis­tens ist es ein­er für sich allein, der in Ahnung ersten Lichts zu sin­gen begin­nt, weiß ich, dass ich auf­ste­hen sollte und zu den Fen­stern gehen, um meine Rol­los für Schlaf herunter zu lassen. In genau diesem Moment drehen sich Tag und Nacht schein­bar um eine Achse, Tagz­im­mer bei Nacht wer­den zu Nachtz­im­mern bei Tag. Gle­ich, in ein­er Minute, ist es wieder so weit. Guten Mor­gen. — stop
ping

echoes

pic

sier­ra : 5.28 — Eine Ameise hat­te trotz der großen Höhe, in der sich meine Woh­nung befind­et, zu mir gefun­den. Sie klet­terte vor­sichtig gegen den Boden zu, tastete sich über warmes Holz, erre­ichte ein Tis­chbein, um kurz darauf direkt vor meinen Augen zu erscheinen. Vielle­icht wird sie meinen Atem wahrgenom­men haben, einen Wind, denn sie duck­te sich kurz, ich hat­te den Ein­druck, dass sie mich betra­chtete. Aber dann lief sie weit­er, umrun­dete meine Schreib­mas­chine, kreuzte über den Tisch, um auf der anderen Seite wieder abzusteigen und in der Dunkel­heit des Fen­sters zu ver­schwinden. Nur wenige Minuten später, ich hat­te das Zim­mer kurz ver­lassen, bewegte sich eine dunkel schim­mernde Ameisen­herde exakt auf dem Pfad, den zuvor das ein­same Tier genom­men hat­te, durch den Raum. Ein doch äußerst bemerkenswert­er Vor­gang. Möglicher­weise hat­te es sich zunächst um eine Kund­schafter­ameise gehan­delt, die mich besuchte. Ihre Brüder, ihre Schwest­ern waren nun sehr ziel­stre­big in meinem Zim­mer unter­wegs. Ich meinte das Geräusch hun­dert­er Beine vernehmen zu kön­nen. Sie tru­gen Papiere in ihren Zan­gen wie Fah­nen. Tat­säch­lich waren Zeichen oder Teile von Zeichen auf der Ameisen­beute zu erken­nen, die sie gle­ich hin­ter mein­er Schreib­mas­chine zu einem Berg schichteten, um sofort wieder zum Boden hin abzusteigen. Nach ein­er hal­ben Stunde, alle Ameisen waren ver­schwun­den, schloss ich das Fen­ster. Ich hätte nun schwören kön­nen, mir den Besuch der Ameisen nur einge­bildet zu haben, wenn nicht auf dem Tisch das Papier­w­erk der Wan­der­er als Beweis zurück­ge­blieben wäre. Natür­lich machte ich mich sofort an die Arbeit. Eine Stunde verg­ing, dann war ich mir sich­er gewe­sen, dass es sich bei dem Arte­fakt auf meinem Tisch um eine einzelne, zerteilte Buch­seite han­deln musste. Vier weit­ere Stun­den später hat­te ich die Seite und ihre Zeichen rekon­stru­iert. Fol­gen­der Text wurde sichergestellt: ZUVIEL / Die Welt ist „unzählbar“, gefüllt mit Din­gen, Büch­ern, Büch­ern, die über Dinge sprechen, / die Welt trägt zusam­men und die Büch­er tra­gen zusam­men, was die Welt zusam­men­trägt, / und auf seinem Tisch Büch­er und nochmals Büch­er zu sehen / und Foto­büch­er, Kun­st­büch­er und Büch­er, die von anderen Büch­ern reden, und sich nun sel­ber eben­falls anschick­en, die Welt auf einem Blatt Papi­er zu erfassen, diese ver­fluchte Summe von Aus­las­sun­gen zu erfassen, um dem Stapel noch ein eigenes Echo hinzuzufü­gen … Es ist fünf Uhr gewor­den. Ich bin zufrieden. Ich habe den Ursprung des Textes erin­nert. Er wurde von Yas­mi­na Reza in ihrer Sonate Ham­merklavier veröf­fentlicht und von Eugen Helm­lé aus der franzö­sis­chen in die deutsche Sprache über­tra­gen. Draußen wird es langsam hell, Regen fällt. — stop
ping

martha

picping

MELDUNG. Auto­mo­bile, fol­gende, wur­den nach einem Kaufhaus­be­such zu Lon­don in Martha B., 86, vorge­fun­den : Magen — 1 Cadil­lac Eldo­ra­do Biar­ritz [ 1959 ], 1 Jaguar S.S. 100 [ 1937 ], Dün­ndarm – 1 Corvette C1 [ 1953 ], Dick­darm — 1 Ford Pilot [ 1952 ]. Die Durch­suchung des hochbe­tagten Bauch­es wurde von den Roy­al Courts of Jus­tice zwin­gend ange­ord­net. — stop

polaroidrose

capote

9

nord­pol : 1.22 — Gegen sechs Uhr rief ich bei Lions Writ­ers Sup­port Ser­vices an. Guten Abend, sagte ich, ich benötige drin­gend einen Capote zum Spazieren am kom­menden Sam­stag. Haben Sie vielle­icht einen für mich frei, den Sie mir lei­hen kön­nten von 3 Uhr am Nach­mit­tag bis in die Nacht irgend­wann? Das Fräulein am anderen Ende der Leitung antwortete: Einen Capote? Bitte warten Sie einen Moment. Also wartete ich. Ich wartete unge­fähr fünf Minuten, hörte, wie sie mit irgendwelchen Leuten disku­tierte. Ich glaube, sie hielt, während sie sprach, mit ein­er Hand die Mikro­fon­muschel ihres Tele­fon­hör­ers zu, da ich dem Gespräch nicht fol­gen kon­nte. Nach eini­gen Minuten kehrte sie zurück: Ja, sagte sie, wir haben einen Capote frei am kom­menden Sam­stag. Wo wollen sie ihn tre­f­fen? Ich antwortete, dass ich unbe­d­ingt am Strand von Coney Island spazieren müsse, Treibgut sam­meln, Stur­mze­ichen notieren, das Meer betra­cht­en, mit Tru­man über das Wass­er sprechen, über dig­i­tale Schreib­maschi­nen, Funkbüch­er und alle diese Dinge. Tre­ff­punkt also Brighton Beach Avenue Ecke 3th Street!  Wird gemacht, bestätigte das Fräulein, Sie wis­sen schon, Capotes sind nicht ganz bil­lig? Oh, ja, sagte ich, das will ich gerne glauben. Wie viel, fragte ich, was habe ich zu erwarten? — 150 Dol­lar die Stunde, antwortete das Fräulein. Sie machte eine kurze Pause, um bald hinzuzuset­zen, dass sie etwas weniger berech­nen würde, weil jen­er Capote, der für mich reserviert war, bere­its für eine Fre­itagspar­ty gebucht wor­den sei. Er wird nicht ganz frisch am Sam­stag vor Ihnen erscheinen, sagen wir 120 Dol­lar, wäre das in Ord­nung? — Aber natür­lich wäre das in Ord­nung, ich jubilierte, ein verkatert­er Capote, eventuell leicht betrunk­en, wun­der­voll! Ich quit­tierte 1200 Dol­lar für zehn Stun­den und notierte: Spazierge­spräch mit Tru­man Capote. Sam­stag 18. Mai, 15 Uhr. Das war also gestern gewe­sen. Vor weni­gen Minuten wurde mir per Kuri­er eine Gebrauch­san­weisung für Her­rn Tru­man Capote über­mit­telt. Ein Hand­buch. 15 Seit­en. — stop
ping

jean paul

9

char­lie : 3.08 — Während eines Gespräch­es im Gehen erzählte ich Mut­ter, dass ich vor Jahren ein­mal fürchtete, ihr Leben kön­nte vor dem Leben meines Vaters enden. In Bruchteilen ein­er Sekunde antwortete sie, dass Vater ihr in diesem Falle sehr bald nachgestor­ben wäre. Ich war sofort ste­henge­blieben, das Wort nach­ster­ben irri­tierte. Ich meinte dieses Wort noch nie zuvor gehört zu haben, und über­legte, ob Mut­ter das Wort vielle­icht erfun­den haben kön­nte, ein Wort also für eine Sit­u­a­tion, die sie sich selb­st vorgestellt haben mochte. Einige Stun­den später suchte ich nach dem Wort in der dig­i­tal­en Sphäre. Tat­säch­lich existiert dieses Wort bere­its seit langer Zeit. Ich war nun ein altes Kind gewe­sen, das Wörter lernt, in dem es Geräusche von den Lip­pen sein­er Mut­ter liest. Habe auf der Suche nach den Spuren jenes Wortes eine feine Beobach­tung Jean Pauls ent­deckt: Außer­halb des Traums kom­men uns Empfind­bilder öfter von Tönen als von Reden und Schällen vor; nach ein­er Musik­nacht kann die bewegte Seele sich willkür­lich die Melo­di­en, aber nicht die Gespräche wiederklin­gen lassen; denn wie sehr der Musik­ton, die Poe­sie des Klanges, so tief mehr in uns als um uns zu spie­len und unter allen Empfind­un­gen von uns mehr geschaf­fen als emp­fan­gen zu wer­den scheint, beweiset die schon ange­führte Erfahrung, daß wir an einem Sin­gen und Flöten, das in immer weit­ere Ferne ver­fließt, ger­ade mit dem ges­pan­ntesten Ohre die let­zten ausster­ben­den Töne von Außen nicht von den nach­ster­ben­den von Innen son­dern kön­nen. — stop. Drei Uhr. stop. Heute Nacht pfeift ein Vogel irgend­wo im Dunkeln, obwohl es noch lange Zeit nicht hell wer­den wird. Das ist selt­sam. Er scheint mich im Auge zu behal­ten. Ich ste­he am Fen­ster und bewege einen Arm und eine Hand als würde ich winken. Diese Geste lässt den Vogel ver­s­tum­men, warum? — stop
ping

louis 1 + 2 + 3

9

kil­i­mand­scharo : 22.58 — Merk­würdi­ge Stille an dem Tag als die Nachricht gesendet wird, dass es tat­säch­lich möglich gewor­den ist, men­schliche Wesen zu klo­nen. Ich stellte mir vor, wie in zwei oder drei Jahrzehn­ten Louis 1 und Louis 2 und Louis 3 mit mir, mit Louis 0 auf Reisen gehen. Wie sie sich darum stre­it­en, meinen Kof­fer tra­gen zu dür­fen. Wie ich sie betra­chte und mich wun­dere, dass ich mich vor ihrem Anblick nicht fürchte. — stop
ping
polaroidlinda

ai : KOLUMBIEN

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “Das Haus des indi­ge­nen Men­schen­rechtsvertei­di­gers Pedro Manuel Lop­er­e­na im Nor­dosten Kolumbi­ens wurde am 11. Mai von ein­er Granate getrof­fen. / Am 11. Mai war­fen zwei unbekan­nte Motor­rad­fahrer eine Granate auf das Haus von Pedro Manuel Lop­er­e­na im Bezirk Don Carme­lo in Valledu­par, der Haupt­stadt des Depar­ta­men­to Cesar. / Pedro Manuel Lop­er­e­na ist Koor­di­na­tor der Men­schen­recht­skom­mis­sion der Indi­ge­nen­vere­ini­gung Orga­ni­zación Wiwa Yugu­maiun Bunkua­nar­rua Tay­rona (OWYBT), die das indi­gene Volk der Wiwa ver­tritt, welch­es in der Bergkette der Sier­ra Neva­da de San­ta Mar­ta lebt. Die Men­schen­recht­skom­mis­sion set­zt sich seit einiger Zeit in mehreren Fällen für Gerechtigkeit ein, bei denen es um die Ver­let­zung der Men­schen­rechte geht, wie z. B. im Fall der außerg­erichtlichen Hin­rich­tung von elf Ange­höri­gen der Gemein­schaft der Wiwa durch Sicher­heit­skräfte zwis­chen dem 15. Feb­ru­ar 2005 und dem 3. August 2006 sowie in anderen Fällen, in denen auf der einen Seite Sicher­heit­skräfte gemein­sam mit Paramil­itärs, auf der anderen Seite Gueril­laein­heit­en Men­schen­rechtsver­stöße began­gen haben. Die Men­schen­recht­skom­mis­sion kämpft zudem gegen zahlre­iche Berg­bau-, Infra­struk­tur- und Touris­mus­pro­jek­te im Gebi­et der Sier­ra Neva­da, da das Volk der Wiwa der Ansicht ist, diese Pro­jek­te wür­den ihre Nahrungsmit­telver­sorgung ein­schränken, ihre tra­di­tionelle Lebensweise beein­trächti­gen und somit ihr Über­leben gefährden. Pedro Manuel Lop­er­e­na hat sich zudem öffentlich gegen das anhal­tende Operieren von ille­galen bewaffneten Grup­pen im Leben­sraum der Wiwa aus­ge­sprochen. / Zum Zeit­punkt des Grana­te­nan­schlags auf das Haus von Pedro Manuel Lop­er­e­na befan­den sich zudem seine Frau, die im Büro des Men­schen­rechts­beauf­tragten (Defen­soría del Pueblo) als Vertreterin der Gemein­schaft tätig ist, sowie seine vier Kinder (sieben, zehn, 18 und 19 Jahre alt) im Haus. Nie­mand von ihnen kam bei der Explo­sion zu Schaden. / Im Feb­ru­ar wählte die Gemein­schaft der Wiwa neue Gemein­de­sprecherIn­nen. Das kolumbian­is­che Innen­min­is­teri­um hat sich bis­lang geweigert, die neuen SprecherIn­nen anzuerken­nen.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 27. Juni 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

ping

ein zeppelinkäfer

9

echo : 2.54 — Wann war es, dass ich zum ersten Mal bemerk­te wie meine Briefe klein­er und klein­er wur­den? Wesen von wirk­lichem Papi­er, Bögen in Umschlä­gen mit einem Post­wertze­ichen, das zulet­zt die Anschriften­seite meines Schreibens voll­ständig bedeck­te. Im Post­amt werde ich sei­ther ernst genom­men. Vor eini­gen Wochen kaufte ich sin­nvoller Weise ein han­dlich­es Mikroskop und einen Satz Bleis­tifte von äußer­ster Härte. Ich spitzte das Schreib­w­erkzeug eine Vier­tel­stunde lang, dann legte ich einen Bogen Papi­er in das Licht ein­er Linse mit­tlerer Stärke. Ich näherte mich mit beben­den Fin­gern. Man sollte mich in diesem Moment gese­hen haben. Bei jedem Wort, das ich auf das kleine Blatt notierte, hielt ich die Luft an. Tat­säch­lich habe ich in meinen Leben noch nie zuvor in ein­er der­art sorgfälti­gen Weise geschrieben. Ich brauchte drei Stun­den Zeit, um das Papi­er, das nicht größer gewe­sen war als eine Brief­marke von 1.5 cm Kan­ten­länge, voll­ständig zu beschriften. Ich schrieb fol­gende Zeilen an einen Fre­und: Lieber Stanis­law, Du wirst es nicht glauben, nach 1 Uhr heute Nacht schwebte ein Zep­pelinkäfer ein­er nicht sicht­baren, schnurg­er­aden Lin­ie über den hölz­er­nen Fuß­bo­den meines Arbeit­sz­im­mers ent­lang, wurde in der Mitte des Zim­mers von ein­er Luft­strö­mung erfasst, etwas ange­hoben, dann wieder zurück­ge­wor­fen, ohne allerd­ings mit dem Boden in Berührung zu kom­men. – Ein merk­würdi­ger Auftritt. – Und dieser großar­tige Bal­lon von opakem Weiß! Ein Licht, das kaum noch merk­lich flack­erte, als ob eine offene Flamme in ihm bren­nen würde. Ich habe mich zunächst gefürchtet, dann aber vor­sichtig auf Knien genähert, um den Käfer von allen Seit­en her auf das Genaueste zu betra­cht­en. – Fol­gen­des ist nun zu sagen. Sobald man einen Zep­pelinkäfer von unten her besichtigt, wird man sofort erken­nen, dass es sich bei einem Wesen dieser Gat­tung eigentlich um eine fil­igrane, flügel­lose Käfer­gestalt han­delt, um eine zer­brech­liche Per­sön­lichkeit ger­adezu, nicht größer als ein Stre­ich­holzkopf, aber schlanker, mit sechs recht lan­gen Rud­er­beinen, gestreift, schwarz und weiß gestreift in der Art der Zebrapferde. Fünf Augen in graublauer Farbe, davon drei auf dem Bauch, also gegen den Erd­bo­den gerichtet. Als ich bis auf eine Nasen­länge Ent­fer­nung an den Käfer herangekom­men war, habe ich einen leicht­en Duft von Schwe­fel wahrgenom­men, auch, dass der Käfer flüchtet, sobald man ihn mit einem Fin­ger berühren möchte. Ein Wesen ohne Laut. Dein Louis, her­zlichst. — Es war eine wirk­lich harte Arbeit, all diese Zeichen zu notieren. Dann fal­tete ich das Blatt Papi­er ein­mal kreuz und quer. Ich arbeite mit zwei Pinzetten wiederum unter starkem Licht, steck­te den Brief in ein Cou­vert, dessen Her­stel­lung noch mühevoller gewe­sen war als das Schreiben des Briefes selb­st, und machte mich auf den Weg in das näch­ste Post­amt. Dort wurde ich unverzüglich an den Schal­ter für beson­dere Brief­for­mate weit­ergeleit­et, wo mein Brief, den ich mit ein­er Pinzette auf den Tre­sen befördert hat­te, von ein­er weit­eren Pinzette ent­ge­gengenom­men wurde. Ich war sehr glück­lich. Ich beobachtete, wie der Beamte eine Brief­marke von der Größe eines Reisko­rns behut­sam auf meinen Brief legte und mit­tels eines Stem­pels, der vor meinen bloßen Augen kaum noch sicht­bar gewe­sen war, entwertete. Dann ging mein Brief auf Reisen. Er flog sehr weit durch die Luft, und ich habe ihn für kurze Zeit vergessen. Nun aber, vor weni­gen Stun­den, wurde mir von einem Son­der­boten der Post ein Brief von der­art leichter Gestalt übergeben, dass ich zunächst die Anweisung erhielt, alle Fen­ster mein­er Woh­nung zu schließen. Dieser Brief, eine Depesche meines Fre­un­des, ruht vor mir auf dem Tisch. Es ist ein sehr kleines Kunst­werk. Auf sein­er Brief­marke sollen sich zwei Paradiesvögel befind­en, die ihre Schnä­bel kreuzen. Ich werde das gle­ich über­prüfen. — Es ist Fre­itag! Guten Mor­gen! — stop / fürs mariechen

ping

abschnitt neufundland

picping

Abschnitt Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 125, Luft­fahrt — 1333, Auto­mo­bile — 1808 ], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 6, 19. Jahrhun­dert – 231, 20. Jahrhun­dert – 747 , 21. Jahrhun­dert — 88 ], phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 102, gelöscht : 88 ], Licht­fang­maschi­nen [ Cine-Kodak Spe­cial II : 2 ], shop­ping lists [  8 ], Öle [ 1.8 Ton­nen ], Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 10, Kniege­lenke – 51, Hüftkugeln – 325, Brillen – 67 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 1002, Größen 38 — 45 : 756 ], Kühlschränke [ 37 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 2, mit Tauch­er – 15 ], Engel­szun­gen [ 6 ] | stop |

polaroidmeergehen

vor den mangroven

9

delta : 2.25 — Es darf nicht sein, dass Leute einem den Film kaputt machen. Manchen habe ich schon das Essen aus der Hand geris­sen und wegge­wor­fen. Man muss sie ver­prügeln oder bedro­hen, son­st ist der Film ver­dor­ben, man hat das Recht sie umzubrin­gen, damit sie aufhören. Aber Mord ist keine sehr gute Lösung, nach­her wird man noch ver­haftet bevor der Film zu Ende ist. Als ich die „Lady von Shang­hai“ das let­zte Mal gese­hen habe, wollte ich nicht ein­fach nur mit Rita Hay­worth schlafen: Ich wollte Sex mit ihr in Schwarzweiß! Vielle­icht kön­nte man das mit Kon­tak­tlin­sen oder ein­er Brille hinkriegen, die alles in Mono­chrom ver­wan­delt. Das ist eine selt­same Sache, dass ihre Lip­pen nicht rot sind. Und das liegt nicht am Lip­pen­s­tift. Ihr Mund hat diese beson­dere Farbe, weil er in diesem sil­bri­gen Schwarzweiß gefilmt wor­den ist. Sie ist ein Fetischob­jekt, nicht nur weil sie so schön ist, son­dern weil Welles’ Kam­era sie fotografiert hat. Deshalb möchte man nicht nur ein­fach Sex mit Rita Hay­worth, man möchte genau mit dieser Fig­ur aus dem Film schlafen. Der Grund warum ich sex­uell total verküm­mert bin, liegt in meinem Scheit­ern, den filmis­chen Vor­bildern gerecht zu wer­den. Im echt­en Leben spielt sich Sex niemals in Schwarzweiß ab. — Diese kleine Geschichte, die eigentlich aus zwei Geschicht­en beste­ht, erzählte Jack Angstre­ich ger­ade noch in dem wun­der­vollen Film Cin­e­ma­nia von Angela Christlieb und Stephen Kijak, ein­er Doku­men­ta­tion, die von dem Leben lei­den­schaftlich­er Kinogänger in New York berichtet. — 2 Uhr 15. Regen nach wie vor, küh­ler, hell­grauer Herb­stre­gen. Es kön­nte sein, dass dieser Regen nie wieder aufhören wird. In eini­gen tausend Jahren bald bewegten sich amphibis­che Eich­hörnchen vor meinem Fen­ster durchs Man­grovenge­bi­et. Eben­so denkbar ist, dass ich zu diesem Zeit­punkt über zuge­spitzte Fin­ger­beeren ver­fü­gen werde, geeignet, jede der fil­igra­nen Tas­taturen mod­ern­er Tele­fon­ap­pa­rate fehler­frei und gelassen bespie­len zu kön­nen. — stop
ping

sophia

9

echo : 2.10 — Lud­wig schick­te mir einen Weck­er, der es in sich hat. Als wür­den fünf oder sechs Bienen im Weck­erge­häuse ihre Run­den drehen, so ein Geräusch kommt aus dem Weck­er. Eigentlich sieht der Weck­er aus wie jed­er andere Weck­er sein­er Art, etwas alt­modisch in der Gestal­tung. Er ruht auf drei Beinchen, und sein Zif­ferblatt ist rund und mit ein­er Zeich­nung geschmückt, irgendwelche Blu­men, Blüten, weiß und rot und blau. Oben auf dem Weck­er sitzen zwei met­al­lene Schirme fest, zwis­chen ihnen ruht ein Kegel, damit kön­nte der Weck­er sich ver­ständi­gen, wenn man ihn dazu auf­fordern sollte. Natür­lich han­delt es bei diesem Weck­er, den Lud­wig mir schick­te, um einen beson­deren Appa­rat, der nicht nur die Zeit messen, son­dern ange­blich auch Zeiträume aus­löschen kann, in dem er jedes men­schliche Wesen, das sich in sein­er Nähe aufhält, in den Schlaf zu schick­en ver­mag. Ja, tat­säch­lich, kein Irrtum. Man habe, hörte ich, Lud­wigs Geliebte Sophia unlängst aufge­fun­den wie sie vor einem Weck­er saß, genau so einem Weck­er, wie Lud­wig ihn mir schick­te. Lange Zeit war sie ver­schwun­den gewe­sen. Als man ihre Woh­nung gewalt­sam öffnete, war nichts zu hören als ein Radio, das leiste spielte. Sophia saß in der Küche vor dem Küchen­tisch, ihr Kopf war etwas geneigt von der Schw­erkraft, ihre Hände lagen im Schoss, ein Glas, das Wass­er darin weit­ge­hend ver­dun­stet, stand neben dem Weck­er auf dem Tisch. Sie wirk­te fried­voll, schien zu lächeln, ver­mut­lich hat­te sie bis zulet­zt geschlafen. Schmal war sie gewor­den und blass, ihre Haut fühlte sich an, als wäre sie von Papi­er. Die Luft im Raum muss schw­er gewe­sen sein, und süß und scharf in gle­ich­er Weise. Alle, die sich dem Weck­er auf dem Tisch näherten, schliefen auf der Stelle ein, sodass man sich nicht anders zu helfen wusste, als auf den Weck­er zu schießen. — stop
ping

federlibelle

2

romeo

~ : mal­colm
to : louis
sub­ject : FEDERLIBELLE
date : may 22 13 5.35 p.m.

Wieder wan­dern wir süd­wärts. Es ist ein großes Glück. Vor vier Wochen noch war Frankie ern­sthaft krank gewe­sen. Er lag auf ein­er Bank am Hud­son Riv­er, Höhe 26. Straße. Als wir ihn in dieser unge­wohn­ten Hal­tung bemerk­ten, fürchteten wir, er kön­nte gestor­ben sein, keine Bewe­gung. Vor­sichtig näherten wir uns, hoben ihn an, hüll­ten ihn in eine Decke. Er hat­te hohes Fieber, sein Herz raste, manch­mal schien es auszuset­zen. Zwei Tage und zwei Nächte waren wir ihm sehr nah gekom­men. Nun bin ich mir sich­er, dass Frankie uns ken­nt, dass das kleine Tier uns Ver­trauen schenkt. Er scheint die Tage sein­er Gefan­gen­schaft vergessen zu haben, zu kein­er Zeit wehrte er sich. Wir füt­terten ihn mit Nuss­brei und Pflau­men. Während er schlief waren leise, knat­ternde Laute zu vernehmen. Am Mor­gen des drit­ten Tages, wir hat­ten in sein­er Nähe über­nachtet, war Frankie weit­erge­zo­gen. Wir fol­gten ihm in einem Abstand von zwanzig oder dreißig Metern. Er wan­derte zunächst nord­wärts bis Höhe 35. Straße, kehrte dann plöt­zlich um, als hätte er sich erin­nert, dass er zuvor noch süd­wärts gelaufen war. Seit drei Wochen kampieren wir nun vor einem alten Back­stein­haus, 371 West 11. Straße, dessen Feuer­leit­ern Frankie gefall­en. Die Bewohn­er des Haus­es haben sich an uns gewöh­nt, wie wir gegenüber auf unseren Garten­stühlen sitzen und Frankie nicht aus den Augen lassen. — Allerbeste Grüße sendet Mal­colm / code­wort : fed­er­li­belle

emp­fan­gen am
22.05.2013
1412 zeichen

mal­colm to louis »

polaroidsquare

ping

9

alpha : 3.28 — Ich denke an eine Appa­ratur, die in der Lage sein kön­nte, ein Buch in einem vorgegebe­nen Rhyth­mus selb­st­ständig umzublät­tern. Ich habe von dieser Mas­chine vor zwei Jahren bere­its schon ein­mal berichtet. Auch davon, dass ich die Mas­chine in meinem Kopf zusam­menset­zte, während ich zur gle­ichen Zeit die Anzahl der Schrauben notierte, die im wirk­li­chen Leben zur Fer­ti­gung nötig sein wer­den. Ich kön­nte diese Geschichte im Grunde Wort für Wort noch ein­mal erzählen, weil ich sie ger­ade erlebte oder weil ich mich an sie erin­nerte. Die Mas­chine in mein­er Geschichte sollte über zwei Arme ver­fü­gen, gle­ich­wohl über fin­gerähn­liche Fort­sätze, einen Motor und Sen­soren, empfind­lich für Licht. Während ich die Mas­chine in meinem Kopf zusam­menset­zte, notierte ich wiederum die Anzahl der Schrauben, die im wirk­lichen Leben zur Fer­ti­gung nötig sein wer­den, hand­schriftlich auf ein Blatt Papi­er. Immer wieder, wenn ich in mein­er Arbeit gestört wurde, set­zte ich neu an. Das ist näm­lich nach wie vor sehr merk­würdig mit Maschi­nen, die ich erfind­end mon­tiere, sie ver­schwinden voll­ständig aus dem Kopf, sobald ich nur für eine Sekunde meine Arbeit zu unter­brechen habe, sagen wir, weil ich höre wie draußen weit unten auf der Straße Schritte laufen. — Noch zu tun: Das Wort Zitro­nen­bach unter­suchen. — stop
ping

am Wasser

9

gink­go : 2.08 — Eine Fotografie, die mich gestern Abend per Email erre­ichte, zeigt eine ältere Frau auf der Dachter­rasse eines Haus­es, das voll­ständig aus Holz zu beste­hen scheint. Das Gebäude befind­et sich an der Küste des Atlantiks auf Stat­en Island. Ein blühen­der Garten umgibt das Anwe­sen weiträu­mig, man kann das gut erken­nen, weil der Fotograf zum Zwecke der Auf­nahme auf einen höheren Baum gestiegen sein muss, im Hin­ter­grund das Delta des Lemon Creek, zwei schneeweiße Segel­boote, die vor Anker liegen, und Schwäne, sowie ein paar amerikanis­che Sil­ber­möwen, die sich zanken. Die Frau nun winkt mit ihrer linken Hand zu dem Fotografen hin. Mit der andern Hand drückt sie ihren Som­mer­hut fest auf den Kopf, ver­mut­lich deshalb, weil an dem Tag der Auf­nahme eine frische Brise vom Meer her wehte. Far­ben sind auf dem Schwarzweiß­bild nur zu ver­muten. Ich erin­nere mich jedoch, dass mir jemand erzählte, das Haus sei in einem leuch­t­en­den Rot gestrichen. Bei der Frau auf der Fotografie han­delt es sich übri­gens um Emi­ly im Alter von 62 Jahren. Ich kann das so genau sagen, weil in ein­er Notiz, die der Email beige­fügt wurde, ein Hin­weis zu find­en war, eben auf Emi­ly, die sich im Moment der Belich­tung auf der Dachter­rasse ihres Haus­es damit beschäftigte, eine Salzwiese anzule­gen: Das ist meine Emi­ly als sie noch lebte. Ein heißer Tag. Wir waren von einem Spazier­gang zurück­gekom­men, hat­ten in Ufer­nähe Salzmieren, Stran­dastern, Mit­tags­blu­men, Fuchss­chwänze, Blei­wurz und Wassernüsse gesam­melt. Am Nach­mit­tag machte sich Emi­ly an die Arbeit. Sie brachte sandi­ge Erde auf ihren Blu­men­tis­chen aus, in welch­er Leitun­gen für Flut, für Ebbe ver­bor­gen lagen. Sie war glück­lich gewe­sen, aber sie ahnte bere­its, dass das Wass­er steigen wird. Sie fürchtete sich vor den Win­ter­stür­men, ihren Namen, ihrer tosenden Wild­heit. Am dem Abend, als ich die Auf­nahme machte, sagte Emi­ly, dass es selt­sam sei, sie habe das Gefühl, an einem Ort zu wohnen, der eigentlich schon dem Meer gehöre. Dein S. — stop
ping

mili

picping

MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 227 hupende Rüs­sel­rosen, nahe Mili Atoll gesichtet. Man wan­dert in nord­west­lich­er Rich­tung. — stop
ping

paris — mumbai

9

tan­go : 3.55 — Eine angenehme Nacht. Leis­es Regengeräusch. Ich habe über die Erfind­ung fliegen­der Pflanzen nachgedacht, über Pflanzen, die zeitlebens den Erd­bo­den niemals berühren. Gegen drei Uhr dann einen Brief an Hen­ry geschrieben. Lieber Hen­ry, anbei die Strecke Paris — Mum­bai in Worten, so wie sie der Com­put­er aus­gerech­net hat. Ich habe für das türkische Staats­ge­bi­et einige Lück­en gelassen, da ich entsprechende Zeichen­sätze nicht find­en kon­nte, um Städte und Dör­fer kor­rekt darzustellen. Von diesen Gebi­eten ein­mal abge­se­hen, sollte Deine Route voll­ständig vorgeschrieben sein. Du wirst, sofern alles gut gehen wird, nach 105 Stun­den Bom­bay erre­ichen. Natür­lich darf­st Du nicht anhal­ten, am besten reist Du in Begleitung. Das Pro­gramm gab fol­gen­den war­nen­den Hin­weis: Unsere Anga­ben die­nen nur zu Pla­nungs­zwe­cken. Es ist mög­lich, dass die Ver­kehrs­ver­hält­nisse auf­grund von Bau­stel­len, Ver­kehr, Wet­ter oder ande­ren Fak­to­ren von den hier dar­ge­stell­ten Vor­schlä­gen abwei­chen. Sie soll­ten daher Ihre Reise ent­spre­chend pla­nen und alle Ver­kehrs­schil­der oder Hin­weise bezüg­lich Ihrer Route beacht­en. Ich wün­sche Dir, lieber Hen­ry, eine gute Reise. Dein Louis > Route nach Mum­bai Cen­tral, Mum­bai, Maha­rash­tra, Indi­en 9.302 km – ca. 105 Stun­den Paris, Frank­reich‎ 1. Auf Rue de Riv­o­li nach Wes­ten Rich­tung Rue du Renard star­ten 69 m wei­ter gesamt 69 m 2. Leicht links abbie­gen auf Rue de la Cou­tel­le­rie Ca. 56 Sekun­den 140 m wei­ter gesamt 210 m 3. Rechts abbie­gen auf Av. Vic­to­ria 32 m wei­ter gesamt 240 m 4. 1. Abzwei­gung links neh­men, um auf Rue Saint-Mar­tin zu wech­seln 71 m wei­ter gesamt 300 m 5. 1. Abzwei­gung links neh­men, um auf Quai de Ges­v­res zu wech­seln Ca. 1 Minute 160 m wei­ter gesamt 450 m 6. Wei­ter auf Quai de l’Hôtel de ville Ca. 1 Minute 600 m wei­ter gesamt 1,1 km 7. Wei­ter auf Quai des Céles­tins Blitz­ge­rät inner­halb von 200 m 260 m wei­ter gesamt 1,3 km 8. Wei­ter auf Quai Hen­ri IV Ca. 1 Minute 750 m wei­ter gesamt 2,1 km 9. Wei­ter auf Voie Mazas Ca. 1 Minute 950 m wei­ter gesamt 3,0 km 10. Wei­ter auf Quai de Bercy Ca. 2 Minu­ten 1,5 km wei­ter gesamt 4,5 km 11. A3 A6 Péri­phé­ri­que Porte de Bercy Cha­ren­ton Die Auf­fahrt Rich­tung A3/A6/Périphérique/Porte de Bercy/Charenton neh­men 270 m wei­ter gesamt 4,8 km 12. An der Gabe­lung rechts hal­ten und wei­ter Rich­tung A4 70 m wei­ter gesamt 4,8 km 13. An der Gabe­lung rechts hal­ten und wei­ter Rich­tung A4 120 m wei­ter gesamt 5,0 km 14. An der Gabe­lung rechts hal­ten und wei­ter Rich­tung A4 27 m wei­ter gesamt 5,0 km 15. A4 Metz Nan­cy Marne la Val­lée Cré­teil An der Gabe­lung rechts hal­ten, Beschil­de­rung in Rich­tung A4/Metz/Nancy/Marne la Vallée/Créteil fol­gen und wei­ter auf A4 Teil­weise gebüh­ren­pflich­tige Straße Blitz­ge­räte ab 7,4 km > …

polaroidstrand3

luft

9

nord­pol : 3.57 — Das Schweigen im Sprechen ist insofern eine Hand­lung, als ich das, was ich sagen kön­nte, nur weit­er denke, ohne es umzubrin­gen in der Luft. — stop

ping

winter

9

oli­mam­bo : 5.10 — Es ist sehr lange her, war noch Win­ter gewe­sen, als ich Mut­ter beobachtete, wie sie im Ses­sel vor Vaters Schreibtisch kauerte. Sie hat­te sich getraut und seinen Com­put­er angeschal­tet. Ja, Vaters Com­put­er lässt sich noch immer betreiben. Obwohl ich nicht damit gerech­net habe, dass mit dem Tod eines Men­schen auch die Exis­tenz sein­er Uhren und Schreib­bild­maschi­nen enden würde, wun­dere ich mich, wenn ich Vaters leise tick­ende Uhr an meinem linken Arm betra­chte. Und das sum­mende Geräusch seines Com­put­ers, er macht ein­fach weit­er. Man stelle sich ein­mal vor, es wäre ander­sherum, mit dem Ver­sagen der Com­put­er würde auch das Leben ihrer Besitzer enden. Das wäre selt­sam und sehr gefährlich in unser­er Zeit. Aber es ist denkbar, dass ein­mal Com­put­er existieren wer­den, die drei­hun­dert Jahre alt wer­den oder noch älter, ohne dass ihnen das Licht aus­ge­hen würde. Kurzum, Mut­ter saß vor dem Schreibtisch. Immer, wenn ich sie so sehe, bemerke ich, wie klein sie gewor­den ist, ohne dass ich selb­st größer gewor­den wäre. Sie saß weit nach vorne gebeugt. Ich beobachtete ihre Hände, die ver­sucht­en den Zeiger auf dem Bild­schirm in näch­ster Nähe zu bändi­gen. Ihr Gesicht berührte beina­he den Bild­schirm. Und als ich sie fragte, warum sie so selt­sam dasitzen würde, sagte sie, dass sie die Buch­staben mein­er par­ti­cles-Arbeit nur in dieser Weise lesen könne, sie seien viel zu klein und sie habe vergessen, wie man die Buch­staben größer machen könne. Deshalb sind die Buch­staben mein­er par­ti­cles-Arbeit grund­sät­zlich gewach­sen und wir sind jet­zt sehr zufrieden, weil wir wis­sen, dass die Größe der Buch­staben auf Bild­schir­men manip­uliert wer­den kann. — Weit nach Mit­ter­nacht. Der Him­mel tropft und die Bäume und Dachrin­nen und Vögel. Gegen drei Uhr hat­te ich, wie aus heit­erem Him­mel, Lust auf gebratene Wachteln, warum? — stop

ping

Top