fukushima daiichi

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whiskey : 6.28 – Am 29. April 2013, vor zwei Tagen, notierte die New York Times, 280 Liter Grund­wasser würden pro Minute in die hava­rierte Atom­an­lage von Fuku­shima-Daiichi fließen und dort, durch Kontakt mit radio­ak­tiven Teil­chen oder Gasen, verseucht. – Ist das heute noch eine Nach­richt? – stop

 ping

+1 (212) 439–5XXX

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echo : 5.26 – Kurz nach Mitter­nacht euro­päi­scher Zeit führte ich ein Gespräch mit Herrn Hiko Aoi, dessen Tele­fon­nummer ich nicht bekannt geben darf, weil er andern­falls jede weitere Unter­re­dung mit mir für immer vermeiden würde. Es dauerte nicht lange bis im Haus 818, Lexington Avenue, mein Anruf entge­gen­ge­nommen wurde. Eine verzerrt klin­gende Stimme meldete sich, es war die Stimme einer Frau, die sich erkun­digte, wer ich sei und was ich von Herrn Aoi wissen wolle. Ich gab meinen Namen zu Proto­koll, weiterhin, dass ich drin­gend eine Frage an Herrn Aoi richten müsse, deren Beant­wor­tung für mich sehr wichtig sei, und zwar noch in dieser Nacht. Ich ahnte, dass ich zunächst lange warte würde, es handelt sich bei Herrn Aoi um einen hoch­be­tagten Mann, der sich sehr vorsichtig durch seine Wohnung bewegt. Wie er sich dem Tele­fon­ap­parat näherte, hörte ich seinen Atem, ein feuchtes, rasselndes Geräusch, um mich dann freund­lich zu begrüßen. Ich stellte mir vor, dass er viel­leicht lächelte. Was gibt’s, Louis? fragte er. Ich erkun­digte mich zunächst nach dem Wetter: Wie ist das Wetter bei Euch drüben? Nun, lassen wir das, ich erklärte, dass ich eine Frage haben würde, eine quälende Frage, dass ich nämlich drin­gend in Erfah­rung bringen müsse, ob er, Mr. Hiko Aoi, sich für Flie­gen­tiere inter­es­siere, für die Art und Weise wie sie sich durch die Luft bewegen, wie sie landen, und wie sie schlafen. Ist es denkbar, dass Sie sich viel­leicht für flie­gende Tiere erwärmen könnten? Herr Aoi lachte. Ich hörte ihn tatsäch­lich lachen, ein gleich­falls feuchtes, heulendes Geräusch. Der alte Mann bat mich um die Möglich­keit eines Rück­rufes. Ich wartete drei Stunden, machte nichts in dieser Zeit als einmal einen Kopf­stand. Gegen vier Uhr mittel­eu­ro­päi­scher Zeit klin­gelte das Telefon. – stop

polaroidlesende

siri

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sierra : 3.55 – Wenn ich mit Siri spreche, geht alles gut, solange ich nicht flüs­tere. Aber nun verzeichnen wir seit einigen Stunden doch Fort­schritte auch in dieser kaum noch wahr­nehm­baren Weise des Diktie­rens, weil ich hörte, ich könne Siri trai­nieren, wenn ich nur oft genug mit ihr spre­chen, das heißt, so leise spre­chen würde, dass ich meiner Stimme selbst gerade noch mit den Gedanken folgen kann. Zur Übung habe ich einen Text über das Verzehren von Büchern gewählt. Folgendes wurde von Siri an mich zurück­geben. 1. Versuch um 2 Uhr und 55 Minuten : Ob es wirk­lich ist Papierart zu erfinden die essbar sind nach­prüft und ob verdau­lich könnte sich in einen Park sitzen beispiels­weise etwas keckeren beob­achten Mittelauweg oder Calvino Bücher die Seite für Seite nach belgi­schen Waffeln schme­cken. 2. Versuch um 2 Uhr 58 Minuten: Ist viel­leicht wirk­lich ist Papiere zu erfinden die essbar sind nahr­haft gut verdau­lich man könnte sich in einen Park sitzen beispiels­weise und etwas Chatwin beob­achten oder Lauri oder kein Jugend­bü­cher die Seite für Seite nach Pagen­darm schmeckt nach mir einen Gin Petro­leum sehr feinen Hölzern. 3. Versuch um 3 Uhr und 5 Minuten: Ob es viel­leicht wirk­lich ist Papier zu bringen. Die essbar sind nahr­haft und ob vertrau­lich man könnte sich in einer Tagsat­zung beispiels­weise etwas checken begut­achten oder Lauf­freude oder Calvino welcher Seite für Seite nach Bergisch schme­cken nach Bergen schön Petroleo sehr veräp­pelt. – Für einen Moment hatte ich die Idee, Siri könnte eine Person, könnte viel­leicht betrunken sein oder müde. Ich werde das beob­achten. Folgender Text wurde zur Übung geflüs­tert: Ob es viel­leicht möglich ist, Papiere zu erfinden, die essbar sind, nahr­haft und gut verdau­lich? Man könnte sich in einen Park setzen beispiels­weise und etwas Chatwin beob­achten oder Lowry oder Calvino, Bücher, die Seite für Seite nach belgi­schen Waffeln schmeckten, nach Birnen, Gin, Petro­leum oder sehr feinen Hölzern. Einen spezi­ellen Duft schon in der Nase, wird die erste Seite eines Buches gelesen, und dann blät­tert man die Seite um und liest weiter bis zur letzen Zeile, und dann isst man die Seite auf, ohne zu zögern. Oder man könnte zunächst das erste Kapitel eines Buches durch­kreuzen, und während man kurz noch die Geschichte dieser Abtei­lung reka­pi­tu­liert, würde man Stürme, Personen, Orte und alle Anzei­chen eines Verbre­chens verspeisen, dann bereits das nächste Kapitel eröffnen, während man noch auf dem Ersten kaut. Man könnte also, eine Biblio­thek auf dem Rücken, für ein paar Wochen eisige Wüsten durch­streifen oder ein paar sehr hohe Berge besteigen und abends unterm Gaslicht in den Zelten liegen und lesen und kauen und würde von Nacht zu Nacht leichter und leichter werden. – Vier Uhr und fünf­und­vierzig Minuten in Aleppo, Syria. – stop

ping

bergen

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MELDUNG. Zu Bergen im Opern­haus, Kome­di­ebakken No 9, werden am kommenden Sonn­tag­abend, 5. Mai 2013, zwei junge Moor­frö­sche, Letzte der Gattung rana aravalis ameri­canus, öffent­lich zur Spren­gung gebracht. Zündung des männ­li­chen Tieres um 20 Uhr, Zündung des weib­li­chen Tieres um 20 Uhr 30. Die Vorstel­lung ist  ausver­kauft. – stop

ping

stehen … schlafen

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nordpol : 3.08 – Wenn man ein Hotel für Steh­schläfer betritt, ist das meis­tens spät in der Nacht, alle weiteren Hotels, welche geeignet wären, im Liegen zu schlafen, sind ausge­bucht. Auch mit klei­neren Spenden, die man gerne offe­riert, weil man müde ist, weil man keinen weiteren Schritt zu tun in der Lage zu sein glaubt, war an den Rezep­tionen nichts zu machen. Jetzt ist man also hier, wo man sehr preis­wert in Schlaf­spinden oder ganz einfach an Wänden lehnend schlafen kann. Das Beson­dere an einem Hotel für Steh­schläfer ist, dass sich das Personal um schla­fende Gäste auch dann noch bemüht, wenn das Licht längst ausge­schaltet ist. Gurte, welche zur Stabi­lität um Ober,- und Unter­schenkel gewi­ckelt sind, werden straff gehalten, fallende Personen wieder aufge­richtet. Auch für einen tiefen Schlaf wird gesorgt, wie das gemacht wird, davon sollte ich nicht erzählen, nicht das leiseste Wort, niemand will das wirk­lich wissen, selbst die Schla­fenden nicht. Man schläft behütet, man schläft solange man will, eine Stunde oder eine Nacht oder mehrere Tage. Sobald man nun erwacht, nimmt man seinen Koffer vom Boden auf und geht ganz einfach davon. Es ist schon ein merk­wür­diger Anblick, hunderte Menschen, die entlang der Wände eines Saales neben ihren Koffern stehen. Manche spre­chen, andere singen leise im Schlaf. Vögel fliegen umher oder sitzen auf den Schla­fenden selbst, die sich nicht rühren, obwohl sie noch leben. Irgendwo muss ein Fenster offen stehen. Ein leichter Wind geht. Ich höre das Horn eines Schiffes, aber ich bin mir nicht sicher, ob das Schiff wirk­lich exis­tiert. Für einen Moment wird es hell wie am Tag, als ob die Sonne mir direkt ins Auge leuchtet. Eine Hand fährt über meine Stirn, ich höre ein Flüs­tern, ich meine gehört zu haben, wie jemand sagte: Er ist schon vier Wochen hier, wir müssen ihn wecken oder baden. Ja, irgendwo muss ein Fenster offen stehen. Ein leichter Wind. – stop

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ein gewehr für kinder

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delta : 6.16 – Irgend­wann einmal muss ich davon gehört haben, dass es in Amerika möglich ist, Gewehre für Kinder zu kaufen. Diese Gewehre sind ihrer Gestalt nach den Gewehren der Erwach­senen äußerst ähnlich, aber sie sind kleiner und bonbon­farbig und vermut­lich auch leichter. Das Selt­same ist, dass diese Kinder­ge­wehre ebenso wirkungs­voll sind, wie die Gewehre der Erwach­senen. Wenn ein Kind mit einem Kinder­ge­wehr einen Schuss auf ein anderes Kind abfeuern will, zum Beispiel auf dessen Kopf, oder verse­hent­lich ein Schuss sich lösen sollte, wird das schie­ßende Kind bemerken, dass das beschos­sene Kind zu Boden fällt und heftig blutet, vermut­lich aus einem Loch, das sehr plötz­lich in seiner Schä­del­decke entstanden ist. Es liegt dann bebend einfach so da auf dem Teppich eines Zimmers oder im Garten unter einer blühenden Magnolie oder auf einer Straße, die von wein­roten Blät­tern bedeckt ist, weil der tödliche Schuss zur Herbst­zeit abge­feuert wurde. Verwun­dert, viel­leicht schon weinend, wird das Kind, das die Folgen des Schusses betrach­tete, in die Küche oder ins Schlaf­zimmer stürmen, wo die Mutter einer­seits schläft oder ande­rer­seits gerade das Mittag­essen zube­reitet. Viel­leicht hat die Mutter den Schuss selbst gehört und kommt ihrem bitteren Kind entgegen, beide haben ihre Augen weit geöffnet. Das Kind, das an den Bauch der Mutter stürmt, will vermut­lich getröstet werden, es ist ja noch nicht einmal zehn Jahre alt, es braucht diesen Trost sehr sicher, weil das andere Kind nicht wieder aufstehen will, weil das gefal­lene Kind in einer Weise blutet, die nicht üblich ist. Wie dann die Mutter ihrem weinenden Kinde folgen wird, wie beide den Ort des Gesche­hens errei­chen, wie die Mutter zu Boden sinkt, wie sie weint und klagt, wie sie mit zitternden Händen den schwer versehrten Leichen­körper betastet, wie sie den Himmel anruft, wie sie selbst kaum noch atmet, hinter ihr stehend das über­le­bende Kind, das die geliebte Mutter beob­achtet. Wie es jetzt zögernd näher kommt, ganz leise, weil es um Himmels­willen die Repa­ra­tur­ar­beiten der Mutter nicht stören will. – stop

polaroidfiguren

zwei zimmer

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sierra : 5.16 – Nachts, sobald ich die Vögel pfeifen höre, meis­tens ist es einer für sich allein, der in Ahnung ersten Lichts zu singen beginnt, weiß ich, dass ich aufstehen sollte und zu den Fens­tern gehen, um meine Rollos für Schlaf herunter zu lassen. In genau diesem Moment drehen sich Tag und Nacht scheinbar um eine Achse, Tagzimmer bei Nacht werden zu Nacht­zim­mern bei Tag. Gleich, in einer Minute, ist es wieder so weit. Guten Morgen. – stop
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echoes

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sierra : 5.28 – Eine Ameise hatte trotz der großen Höhe, in der sich meine Wohnung befindet, zu mir gefunden. Sie klet­terte vorsichtig gegen den Boden zu, tastete sich über warmes Holz, erreichte ein Tisch­bein, um kurz darauf direkt vor meinen Augen zu erscheinen. Viel­leicht wird sie meinen Atem wahr­ge­nommen haben, einen Wind, denn sie duckte sich kurz, ich hatte den Eindruck, dass sie mich betrach­tete. Aber dann lief sie weiter, umrun­dete meine Schreib­ma­schine, kreuzte über den Tisch, um auf der anderen Seite wieder abzu­steigen und in der Dunkel­heit des Fens­ters zu verschwinden. Nur wenige Minuten später, ich hatte das Zimmer kurz verlassen, bewegte sich eine dunkel schim­mernde Amei­sen­herde exakt auf dem Pfad, den zuvor das einsame Tier genommen hatte, durch den Raum. Ein doch äußerst bemer­kens­werter Vorgang. Mögli­cher­weise hatte es sich zunächst um eine Kund­schaf­ter­ameise gehan­delt, die mich besuchte. Ihre Brüder, ihre Schwes­tern waren nun sehr ziel­strebig in meinem Zimmer unter­wegs. Ich meinte das Geräusch hunderter Beine vernehmen zu können. Sie trugen Papiere in ihren Zangen wie Fahnen. Tatsäch­lich waren Zeichen oder Teile von Zeichen auf der Amei­sen­beute zu erkennen, die sie gleich hinter meiner Schreib­ma­schine zu einem Berg schich­teten, um sofort wieder zum Boden hin abzu­steigen. Nach einer halben Stunde, alle Ameisen waren verschwunden, schloss ich das Fenster. Ich hätte nun schwören können, mir den Besuch der Ameisen nur einge­bildet zu haben, wenn nicht auf dem Tisch das Papier­werk der Wanderer als Beweis zurück­ge­blieben wäre. Natür­lich machte ich mich sofort an die Arbeit. Eine Stunde verging, dann war ich mir sicher gewesen, dass es sich bei dem Arte­fakt auf meinem Tisch um eine einzelne, zerteilte Buch­seite handeln musste. Vier weitere Stunden später hatte ich die Seite und ihre Zeichen rekon­stru­iert. Folgender Text wurde sicher­ge­stellt: ZUVIEL / Die Welt ist „unzählbar“, gefüllt mit Dingen, Büchern, Büchern, die über Dinge spre­chen, / die Welt trägt zusammen und die Bücher tragen zusammen, was die Welt zusam­men­trägt, / und auf seinem Tisch Bücher und noch­mals Bücher zu sehen / und Foto­bü­cher, Kunst­bü­cher und Bücher, die von anderen Büchern reden, und sich nun selber eben­falls anschi­cken, die Welt auf einem Blatt Papier zu erfassen, diese verfluchte Summe von Auslas­sungen zu erfassen, um dem Stapel noch ein eigenes Echo hinzu­zu­fügen … Es ist fünf Uhr geworden. Ich bin zufrieden. Ich habe den Ursprung des Textes erin­nert. Er wurde von Yasmina Reza in ihrer Sonate Hammer­kla­vier veröf­fent­licht und von Eugen Helmlé aus der fran­zö­si­schen in die deut­sche Sprache über­tragen. Draußen wird es langsam hell, Regen fällt. – stop
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martha

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MELDUNG. Auto­mo­bile, folgende, wurden nach einem Kauf­haus­be­such zu London in Martha B., 86, vorge­funden : Magen – 1 Cadillac Eldo­rado Biar­ritz [ 1959 ], 1 Jaguar S.S. 100 [ 1937 ], Dünn­darm – 1 Corvette C1 [ 1953 ], Dick­darm – 1 Ford Pilot [ 1952 ]. Die Durch­su­chung des hoch­be­tagten Bauches wurde von den Royal Courts of Justice zwin­gend ange­ordnet. – stop

polaroidrose

capote

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nordpol : 1.22 – Gegen sechs Uhr rief ich bei Lions Writers Support Services an. Guten Abend, sagte ich, ich benö­tige drin­gend einen Capote zum Spazieren am kommenden Samstag. Haben Sie viel­leicht einen für mich frei, den Sie mir leihen könnten von 3 Uhr am Nach­mittag bis in die Nacht irgend­wann? Das Fräu­lein am anderen Ende der Leitung antwor­tete: Einen Capote? Bitte warten Sie einen Moment. Also wartete ich. Ich wartete unge­fähr fünf Minuten, hörte, wie sie mit irgend­wel­chen Leuten disku­tierte. Ich glaube, sie hielt, während sie sprach, mit einer Hand die Mikro­fon­mu­schel ihres Tele­fon­hö­rers zu, da ich dem Gespräch nicht folgen konnte. Nach einigen Minuten kehrte sie zurück: Ja, sagte sie, wir haben einen Capote frei am kommenden Samstag. Wo wollen sie ihn treffen? Ich antwor­tete, dass ich unbe­dingt am Strand von Coney Island spazieren müsse, Treibgut sammeln, Sturm­zei­chen notieren, das Meer betrachten, mit Truman über das Wasser spre­chen, über digi­tale Schreib­ma­schinen, Funk­bü­cher und alle diese Dinge. Treff­punkt also Brighton Beach Avenue Ecke 3th Street!  Wird gemacht, bestä­tigte das Fräu­lein, Sie wissen schon, Capotes sind nicht ganz billig? Oh, ja, sagte ich, das will ich gerne glauben. Wie viel, fragte ich, was habe ich zu erwarten? – 150 Dollar die Stunde, antwor­tete das Fräu­lein. Sie machte eine kurze Pause, um bald hinzu­zu­setzen, dass sie etwas weniger berechnen würde, weil jener Capote, der für mich reser­viert war, bereits für eine Frei­tags­party gebucht worden sei. Er wird nicht ganz frisch am Samstag vor Ihnen erscheinen, sagen wir 120 Dollar, wäre das in Ordnung? – Aber natür­lich wäre das in Ordnung, ich jubi­lierte, ein verka­terter Capote, even­tuell leicht betrunken, wunder­voll! Ich quit­tierte 1200 Dollar für zehn Stunden und notierte: Spazier­ge­spräch mit Truman Capote. Samstag 18. Mai, 15 Uhr. Das war also gestern gewesen. Vor wenigen Minuten wurde mir per Kurier eine Gebrauchs­an­wei­sung für Herrn Truman Capote über­mit­telt. Ein Hand­buch. 15 Seiten. – stop
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jean paul

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charlie : 3.08 – Während eines Gesprä­ches im Gehen erzählte ich Mutter, dass ich vor Jahren einmal fürch­tete, ihr Leben könnte vor dem Leben meines Vaters enden. In Bruch­teilen einer Sekunde antwor­tete sie, dass Vater ihr in diesem Falle sehr bald nach­ge­storben wäre. Ich war sofort stehen­ge­blieben, das Wort nach­sterben irri­tierte. Ich meinte dieses Wort noch nie zuvor gehört zu haben, und über­legte, ob Mutter das Wort viel­leicht erfunden haben könnte, ein Wort also für eine Situa­tion, die sie sich selbst vorge­stellt haben mochte. Einige Stunden später suchte ich nach dem Wort in der digi­talen Sphäre. Tatsäch­lich exis­tiert dieses Wort bereits seit langer Zeit. Ich war nun ein altes Kind gewesen, das Wörter lernt, in dem es Geräu­sche von den Lippen seiner Mutter liest. Habe auf der Suche nach den Spuren jenes Wortes eine feine Beob­ach­tung Jean Pauls entdeckt: Außer­halb des Traums kommen uns Empfind­bilder öfter von Tönen als von Reden und Schällen vor; nach einer Musik­nacht kann die bewegte Seele sich will­kür­lich die Melo­dien, aber nicht die Gespräche wieder­klingen lassen; denn wie sehr der Musikton, die Poesie des Klanges, so tief mehr in uns als um uns zu spielen und unter allen Empfin­dungen von uns mehr geschaffen als empfangen zu werden scheint, beweiset die schon ange­führte Erfah­rung, daß wir an einem Singen und Flöten, das in immer weitere Ferne verfließt, gerade mit dem gespann­testen Ohre die letzten ausster­benden Töne von Außen nicht von den nach­ster­benden von Innen sondern können. – stop. Drei Uhr. stop. Heute Nacht pfeift ein Vogel irgendwo im Dunkeln, obwohl es noch lange Zeit nicht hell werden wird. Das ist seltsam. Er scheint mich im Auge zu behalten. Ich stehe am Fenster und bewege einen Arm und eine Hand als würde ich winken. Diese Geste lässt den Vogel verstummen, warum? – stop
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louis 1 + 2 + 3

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kili­man­dscharo : 22.58 – Merk­wür­dige Stille an dem Tag als die Nach­richt gesendet wird, dass es tatsäch­lich möglich geworden ist, mensch­liche Wesen zu klonen. Ich stellte mir vor, wie in zwei oder drei Jahr­zehnten Louis 1 und Louis 2 und Louis 3 mit mir, mit Louis 0 auf Reisen gehen. Wie sie sich darum streiten, meinen Koffer tragen zu dürfen. Wie ich sie betrachte und mich wundere, dass ich mich vor ihrem Anblick nicht fürchte. – stop
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polaroidlinda

ai : KOLUMBIEN

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MENSCH IN GEFAHR : “Das Haus des indi­genen Menschen­rechts­ver­tei­di­gers Pedro Manuel Lope­rena im Nord­osten Kolum­biens wurde am 11. Mai von einer Granate getroffen. / Am 11. Mai warfen zwei unbe­kannte Motor­rad­fahrer eine Granate auf das Haus von Pedro Manuel Lope­rena im Bezirk Don Carmelo in Valle­dupar, der Haupt­stadt des Depar­ta­mento Cesar. / Pedro Manuel Lope­rena ist Koor­di­nator der Menschen­rechts­kom­mis­sion der Indi­ge­nen­ver­ei­ni­gung Orga­ni­za­ción Wiwa Yugu­maiun Bunkua­narrua Tayrona (OWYBT), die das indi­gene Volk der Wiwa vertritt, welches in der Berg­kette der Sierra Nevada de Santa Marta lebt. Die Menschen­rechts­kom­mis­sion setzt sich seit einiger Zeit in mehreren Fällen für Gerech­tig­keit ein, bei denen es um die Verlet­zung der Menschen­rechte geht, wie z. B. im Fall der außer­ge­richt­li­chen Hinrich­tung von elf Ange­hö­rigen der Gemein­schaft der Wiwa durch Sicher­heits­kräfte zwischen dem 15. Februar 2005 und dem 3. August 2006 sowie in anderen Fällen, in denen auf der einen Seite Sicher­heits­kräfte gemeinsam mit Para­mi­li­tärs, auf der anderen Seite Gueril­la­ein­heiten Menschen­rechts­ver­stöße begangen haben. Die Menschen­rechts­kom­mis­sion kämpft zudem gegen zahl­reiche Bergbau-, Infra­struktur- und Touris­mus­pro­jekte im Gebiet der Sierra Nevada, da das Volk der Wiwa der Ansicht ist, diese Projekte würden ihre Nahrungs­mit­tel­ver­sor­gung einschränken, ihre tradi­tio­nelle Lebens­weise beein­träch­tigen und somit ihr Über­leben gefährden. Pedro Manuel Lope­rena hat sich zudem öffent­lich gegen das anhal­tende Operieren von ille­galen bewaff­neten Gruppen im Lebens­raum der Wiwa ausge­spro­chen. / Zum Zeit­punkt des Grana­ten­an­schlags auf das Haus von Pedro Manuel Lope­rena befanden sich zudem seine Frau, die im Büro des Menschen­rechts­be­auf­tragten (Defen­soría del Pueblo) als Vertre­terin der Gemein­schaft tätig ist, sowie seine vier Kinder (sieben, zehn, 18 und 19 Jahre alt) im Haus. Niemand von ihnen kam bei der Explo­sion zu Schaden. / Im Februar wählte die Gemein­schaft der Wiwa neue Gemein­de­spre­che­rInnen. Das kolum­bia­ni­sche Innen­mi­nis­te­rium hat sich bislang gewei­gert, die neuen Spre­che­rInnen anzu­er­kennen.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 27. Juni 2013 hinaus, unter »> ai : urgent action

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ein zeppelinkäfer

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echo : 2.54 – Wann war es, dass ich zum ersten Mal bemerkte wie meine Briefe kleiner und kleiner wurden? Wesen von wirk­li­chem Papier, Bögen in Umschlägen mit einem Post­wert­zei­chen, das zuletzt die Anschrif­ten­seite meines Schrei­bens voll­ständig bedeckte. Im Postamt werde ich seither ernst genommen. Vor einigen Wochen kaufte ich sinn­voller Weise ein hand­li­ches Mikro­skop und einen Satz Blei­stifte von äußerster Härte. Ich spitzte das Schreib­werk­zeug eine Vier­tel­stunde lang, dann legte ich einen Bogen Papier in das Licht einer Linse mitt­lerer Stärke. Ich näherte mich mit bebenden Fingern. Man sollte mich in diesem Moment gesehen haben. Bei jedem Wort, das ich auf das kleine Blatt notierte, hielt ich die Luft an. Tatsäch­lich habe ich in meinen Leben noch nie zuvor in einer derart sorg­fäl­tigen Weise geschrieben. Ich brauchte drei Stunden Zeit, um das Papier, das nicht größer gewesen war als eine Brief­marke von 1.5 cm Kanten­länge, voll­ständig zu beschriften. Ich schrieb folgende Zeilen an einen Freund: Lieber Stanislaw, Du wirst es nicht glauben, nach 1 Uhr heute Nacht schwebte ein Zeppel­in­käfer einer nicht sicht­baren, schnur­ge­raden Linie über den hölzernen Fußboden meines Arbeits­zim­mers entlang, wurde in der Mitte des Zimmers von einer Luft­strö­mung erfasst, etwas ange­hoben, dann wieder zurück­ge­worfen, ohne aller­dings mit dem Boden in Berüh­rung zu kommen. – Ein merk­wür­diger Auftritt. – Und dieser groß­ar­tige Ballon von opakem Weiß! Ein Licht, das kaum noch merk­lich flackerte, als ob eine offene Flamme in ihm brennen würde. Ich habe mich zunächst gefürchtet, dann aber vorsichtig auf Knien genä­hert, um den Käfer von allen Seiten her auf das Genau­este zu betrachten. – Folgendes ist nun zu sagen. Sobald man einen Zeppel­in­käfer von unten her besich­tigt, wird man sofort erkennen, dass es sich bei einem Wesen dieser Gattung eigent­lich um eine fili­grane, flügel­lose Käfer­ge­stalt handelt, um eine zerbrech­liche Persön­lich­keit gera­dezu, nicht größer als ein Streich­holz­kopf, aber schlanker, mit sechs recht langen Ruder­beinen, gestreift, schwarz und weiß gestreift in der Art der Zebrapferde. Fünf Augen in grau­blauer Farbe, davon drei auf dem Bauch, also gegen den Erdboden gerichtet. Als ich bis auf eine Nasen­länge Entfer­nung an den Käfer heran­ge­kommen war, habe ich einen leichten Duft von Schwefel wahr­ge­nommen, auch, dass der Käfer flüchtet, sobald man ihn mit einem Finger berühren möchte. Ein Wesen ohne Laut. Dein Louis, herz­lichst. – Es war eine wirk­lich harte Arbeit, all diese Zeichen zu notieren. Dann faltete ich das Blatt Papier einmal kreuz und quer. Ich arbeite mit zwei Pinzetten wiederum unter starkem Licht, steckte den Brief in ein Couvert, dessen Herstel­lung noch mühe­voller gewesen war als das Schreiben des Briefes selbst, und machte mich auf den Weg in das nächste Postamt. Dort wurde ich unver­züg­lich an den Schalter für beson­dere Brief­for­mate weiter­ge­leitet, wo mein Brief, den ich mit einer Pinzette auf den Tresen beför­dert hatte, von einer weiteren Pinzette entge­gen­ge­nommen wurde. Ich war sehr glück­lich. Ich beob­ach­tete, wie der Beamte eine Brief­marke von der Größe eines Reis­korns behutsam auf meinen Brief legte und mittels eines Stem­pels, der vor meinen bloßen Augen kaum noch sichtbar gewesen war, entwer­tete. Dann ging mein Brief auf Reisen. Er flog sehr weit durch die Luft, und ich habe ihn für kurze Zeit vergessen. Nun aber, vor wenigen Stunden, wurde mir von einem Sonder­boten der Post ein Brief von derart leichter Gestalt über­geben, dass ich zunächst die Anwei­sung erhielt, alle Fenster meiner Wohnung zu schließen. Dieser Brief, eine Depe­sche meines Freundes, ruht vor mir auf dem Tisch. Es ist ein sehr kleines Kunst­werk. Auf seiner Brief­marke sollen sich zwei Para­dies­vögel befinden, die ihre Schnäbel kreuzen. Ich werde das gleich über­prüfen. – Es ist Freitag! Guten Morgen! – stop / fürs marie­chen

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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 125, Luft­fahrt – 1333, Auto­mo­bile – 1808 ], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 6, 19. Jahr­hun­dert – 231, 20. Jahr­hun­dert – 747 , 21. Jahr­hun­dert – 88 ], physical memo­ries [ bespielt – 102, gelöscht : 88 ], Licht­fang­ma­schinen [ Cine-Kodak Special II : 2 ], shop­ping lists [  8 ], Öle [ 1.8 Tonnen ], Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 10, Knie­ge­lenke – 51, Hüft­ku­geln – 325, Brillen – 67 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 1002, Größen 38 – 45 : 756 ], Kühl­schränke [ 37 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 2, mit Taucher – 15 ], Engels­zungen [ 6 ] | stop |

polaroidmeergehen

vor den mangroven

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delta : 2.25 – Es darf nicht sein, dass Leute einem den Film kaputt machen. Manchen habe ich schon das Essen aus der Hand gerissen und wegge­worfen. Man muss sie verprü­geln oder bedrohen, sonst ist der Film verdorben, man hat das Recht sie umzu­bringen, damit sie aufhören. Aber Mord ist keine sehr gute Lösung, nachher wird man noch verhaftet bevor der Film zu Ende ist. Als ich die „Lady von Shanghai“ das letzte Mal gesehen habe, wollte ich nicht einfach nur mit Rita Hayworth schlafen: Ich wollte Sex mit ihr in Schwarz­weiß! Viel­leicht könnte man das mit Kontakt­linsen oder einer Brille hinkriegen, die alles in Mono­chrom verwan­delt. Das ist eine selt­same Sache, dass ihre Lippen nicht rot sind. Und das liegt nicht am Lippen­stift. Ihr Mund hat diese beson­dere Farbe, weil er in diesem silb­rigen Schwarz­weiß gefilmt worden ist. Sie ist ein Fetisch­ob­jekt, nicht nur weil sie so schön ist, sondern weil Welles’ Kamera sie foto­gra­fiert hat. Deshalb möchte man nicht nur einfach Sex mit Rita Hayworth, man möchte genau mit dieser Figur aus dem Film schlafen. Der Grund warum ich sexuell total verküm­mert bin, liegt in meinem Schei­tern, den filmi­schen Vorbil­dern gerecht zu werden. Im echten Leben spielt sich Sex niemals in Schwarz­weiß ab. – Diese kleine Geschichte, die eigent­lich aus zwei Geschichten besteht, erzählte Jack Angst­reich gerade noch in dem wunder­vollen Film Cine­mania von Angela Christ­lieb und Stephen Kijak, einer Doku­men­ta­tion, die von dem Leben leiden­schaft­li­cher Kino­gänger in New York berichtet. – 2 Uhr 15. Regen nach wie vor, kühler, hell­grauer Herbst­regen. Es könnte sein, dass dieser Regen nie wieder aufhören wird. In einigen tausend Jahren bald bewegten sich amphi­bi­sche Eich­hörn­chen vor meinem Fenster durchs Mangro­ven­ge­biet. Ebenso denkbar ist, dass ich zu diesem Zeit­punkt über zuge­spitzte Finger­beeren verfügen werde, geeignet, jede der fili­granen Tasta­turen moderner Tele­fon­ap­pa­rate fehler­frei und gelassen bespielen zu können. – stop
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sophia

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echo : 2.10 – Ludwig schickte mir einen Wecker, der es in sich hat. Als würden fünf oder sechs Bienen im Wecker­ge­häuse ihre Runden drehen, so ein Geräusch kommt aus dem Wecker. Eigent­lich sieht der Wecker aus wie jeder andere Wecker seiner Art, etwas altmo­disch in der Gestal­tung. Er ruht auf drei Bein­chen, und sein Ziffer­blatt ist rund und mit einer Zeich­nung geschmückt, irgend­welche Blumen, Blüten, weiß und rot und blau. Oben auf dem Wecker sitzen zwei metal­lene Schirme fest, zwischen ihnen ruht ein Kegel, damit könnte der Wecker sich verstän­digen, wenn man ihn dazu auffor­dern sollte. Natür­lich handelt es bei diesem Wecker, den Ludwig mir schickte, um einen beson­deren Apparat, der nicht nur die Zeit messen, sondern angeb­lich auch Zeit­räume auslö­schen kann, in dem er jedes mensch­liche Wesen, das sich in seiner Nähe aufhält, in den Schlaf zu schi­cken vermag. Ja, tatsäch­lich, kein Irrtum. Man habe, hörte ich, Ludwigs Geliebte Sophia unlängst aufge­funden wie sie vor einem Wecker saß, genau so einem Wecker, wie Ludwig ihn mir schickte. Lange Zeit war sie verschwunden gewesen. Als man ihre Wohnung gewaltsam öffnete, war nichts zu hören als ein Radio, das leiste spielte. Sophia saß in der Küche vor dem Küchen­tisch, ihr Kopf war etwas geneigt von der Schwer­kraft, ihre Hände lagen im Schoss, ein Glas, das Wasser darin weit­ge­hend verdunstet, stand neben dem Wecker auf dem Tisch. Sie wirkte fried­voll, schien zu lächeln, vermut­lich hatte sie bis zuletzt geschlafen. Schmal war sie geworden und blass, ihre Haut fühlte sich an, als wäre sie von Papier. Die Luft im Raum muss schwer gewesen sein, und süß und scharf in glei­cher Weise. Alle, die sich dem Wecker auf dem Tisch näherten, schliefen auf der Stelle ein, sodass man sich nicht anders zu helfen wusste, als auf den Wecker zu schießen. – stop
ping

federlibelle

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romeo

~ : malcolm
to : louis
subject : FEDERLIBELLE
date : may 22 13 5.35 p.m.

Wieder wandern wir südwärts. Es ist ein großes Glück. Vor vier Wochen noch war Frankie ernst­haft krank gewesen. Er lag auf einer Bank am Hudson River, Höhe 26. Straße. Als wir ihn in dieser unge­wohnten Haltung bemerkten, fürch­teten wir, er könnte gestorben sein, keine Bewe­gung. Vorsichtig näherten wir uns, hoben ihn an, hüllten ihn in eine Decke. Er hatte hohes Fieber, sein Herz raste, manchmal schien es auszu­setzen. Zwei Tage und zwei Nächte waren wir ihm sehr nah gekommen. Nun bin ich mir sicher, dass Frankie uns kennt, dass das kleine Tier uns Vertrauen schenkt. Er scheint die Tage seiner Gefan­gen­schaft vergessen zu haben, zu keiner Zeit wehrte er sich. Wir fütterten ihn mit Nuss­brei und Pflaumen. Während er schlief waren leise, knat­ternde Laute zu vernehmen. Am Morgen des dritten Tages, wir hatten in seiner Nähe über­nachtet, war Frankie weiter­ge­zogen. Wir folgten ihm in einem Abstand von zwanzig oder dreißig Metern. Er wanderte zunächst nord­wärts bis Höhe 35. Straße, kehrte dann plötz­lich um, als hätte er sich erin­nert, dass er zuvor noch südwärts gelaufen war. Seit drei Wochen kampieren wir nun vor einem alten Back­stein­haus, 371 West 11. Straße, dessen Feuer­lei­tern Frankie gefallen. Die Bewohner des Hauses haben sich an uns gewöhnt, wie wir gegen­über auf unseren Garten­stühlen sitzen und Frankie nicht aus den Augen lassen. – Aller­beste Grüße sendet Malcolm / code­wort : feder­li­belle

empfangen am
22.05.2013
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alpha : 3.28 – Ich denke an eine Appa­ratur, die in der Lage sein könnte, ein Buch in einem vorge­ge­benen Rhythmus selbst­ständig umzu­blät­tern. Ich habe von dieser Maschine vor zwei Jahren bereits schon einmal berichtet. Auch davon, dass ich die Maschine in meinem Kopf zusam­men­setzte, während ich zur glei­chen Zeit die Anzahl der Schrauben notierte, die im wirk­li­chen Leben zur Fer­ti­gung nötig sein wer­den. Ich könnte diese Geschichte im Grunde Wort für Wort noch einmal erzählen, weil ich sie gerade erlebte oder weil ich mich an sie erin­nerte. Die Maschine in meiner Geschichte sollte über zwei Arme verfügen, gleich­wohl über finger­ähn­liche Fort­sätze, einen Motor und Sensoren, empfind­lich für Licht. Während ich die Maschine in meinem Kopf zusam­men­setzte, notierte ich wiederum die Anzahl der Schrauben, die im wirk­li­chen Leben zur Ferti­gung nötig sein werden, hand­schrift­lich auf ein Blatt Papier. Immer wieder, wenn ich in meiner Arbeit gestört wurde, setzte ich neu an. Das ist nämlich nach wie vor sehr merk­würdig mit Maschinen, die ich erfin­dend montiere, sie verschwinden voll­ständig aus dem Kopf, sobald ich nur für eine Sekunde meine Arbeit zu unter­bre­chen habe, sagen wir, weil ich höre wie draußen weit unten auf der Straße Schritte laufen. – Noch zu tun: Das Wort Zitro­nen­bach unter­su­chen. – stop
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am Wasser

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ginkgo : 2.08 – Eine Foto­grafie, die mich gestern Abend per Email erreichte, zeigt eine ältere Frau auf der Dach­ter­rasse eines Hauses, das voll­ständig aus Holz zu bestehen scheint. Das Gebäude befindet sich an der Küste des Atlan­tiks auf Staten Island. Ein blühender Garten umgibt das Anwesen weit­räumig, man kann das gut erkennen, weil der Foto­graf zum Zwecke der Aufnahme auf einen höheren Baum gestiegen sein muss, im Hinter­grund das Delta des Lemon Creek, zwei schnee­weiße Segel­boote, die vor Anker liegen, und Schwäne, sowie ein paar ameri­ka­ni­sche Silber­möwen, die sich zanken. Die Frau nun winkt mit ihrer linken Hand zu dem Foto­grafen hin. Mit der andern Hand drückt sie ihren Sommerhut fest auf den Kopf, vermut­lich deshalb, weil an dem Tag der Aufnahme eine frische Brise vom Meer her wehte. Farben sind auf dem Schwarz­weiß­bild nur zu vermuten. Ich erin­nere mich jedoch, dass mir jemand erzählte, das Haus sei in einem leuch­tenden Rot gestri­chen. Bei der Frau auf der Foto­grafie handelt es sich übri­gens um Emily im Alter von 62 Jahren. Ich kann das so genau sagen, weil in einer Notiz, die der Email beigefügt wurde, ein Hinweis zu finden war, eben auf Emily, die sich im Moment der Belich­tung auf der Dach­ter­rasse ihres Hauses damit beschäf­tigte, eine Salz­wiese anzu­legen: Das ist meine Emily als sie noch lebte. Ein heißer Tag. Wir waren von einem Spazier­gang zurück­ge­kommen, hatten in Ufer­nähe Salz­mieren, Stran­dastern, Mittags­blumen, Fuchs­schwänze, Blei­wurz und Wasser­nüsse gesam­melt. Am Nach­mittag machte sich Emily an die Arbeit. Sie brachte sandige Erde auf ihren Blumen­ti­schen aus, in welcher Leitungen für Flut, für Ebbe verborgen lagen. Sie war glück­lich gewesen, aber sie ahnte bereits, dass das Wasser steigen wird. Sie fürch­tete sich vor den Winter­stürmen, ihren Namen, ihrer tosenden Wild­heit. Am dem Abend, als ich die Aufnahme machte, sagte Emily, dass es seltsam sei, sie habe das Gefühl, an einem Ort zu wohnen, der eigent­lich schon dem Meer gehöre. Dein S. – stop
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mili

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 227 hupende Rüssel­rosen, nahe Mili Atoll gesichtet. Man wandert in nord­west­li­cher Rich­tung. – stop
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paris – mumbai

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tango : 3.55 – Eine ange­nehme Nacht. Leises Regen­ge­räusch. Ich habe über die Erfin­dung flie­gender Pflanzen nach­ge­dacht, über Pflanzen, die zeit­le­bens den Erdboden niemals berühren. Gegen drei Uhr dann einen Brief an Henry geschrieben. Lieber Henry, anbei die Strecke Paris – Mumbai in Worten, so wie sie der Computer ausge­rechnet hat. Ich habe für das türki­sche Staats­ge­biet einige Lücken gelassen, da ich entspre­chende Zeichen­sätze nicht finden konnte, um Städte und Dörfer korrekt darzu­stellen. Von diesen Gebieten einmal abge­sehen, sollte Deine Route voll­ständig vorge­schrieben sein. Du wirst, sofern alles gut gehen wird, nach 105 Stunden Bombay errei­chen. Natür­lich darfst Du nicht anhalten, am besten reist Du in Beglei­tung. Das Programm gab folgenden warnenden Hinweis: Unsere Anga­ben die­nen nur zu Pla­nungs­zwe­cken. Es ist mög­lich, dass die Ver­kehrs­ver­hält­nisse auf­grund von Bau­stel­len, Ver­kehr, Wet­ter oder ande­ren Fak­to­ren von den hier dar­ge­stell­ten Vor­schlä­gen abwei­chen. Sie soll­ten daher Ihre Reise ent­spre­chend pla­nen und alle Ver­kehrs­schil­der oder Hin­weise bezüg­lich Ihrer Route beachten. Ich wünsche Dir, lieber Henry, eine gute Reise. Dein Louis > Route nach Mum­bai Cen­tral, Mum­bai, Maha­rash­tra, Indien 9.302 km – ca. 105 Stun­den Paris, Frank­reich‎ 1. Auf Rue de Rivoli nach Wes­ten Rich­tung Rue du Renard star­ten 69 m wei­ter gesamt 69 m 2. Leicht links abbie­gen auf Rue de la Cou­tel­le­rie Ca. 56 Sekun­den 140 m wei­ter gesamt 210 m 3. Rechts abbie­gen auf Av. Vic­to­ria 32 m wei­ter gesamt 240 m 4. 1. Abzwei­gung links neh­men, um auf Rue Saint-Martin zu wech­seln 71 m wei­ter gesamt 300 m 5. 1. Abzwei­gung links neh­men, um auf Quai de Ges­v­res zu wech­seln Ca. 1 Minute 160 m wei­ter gesamt 450 m 6. Wei­ter auf Quai de l’Hôtel de ville Ca. 1 Minute 600 m wei­ter gesamt 1,1 km 7. Wei­ter auf Quai des Céles­tins Blitz­ge­rät inner­halb von 200 m 260 m wei­ter gesamt 1,3 km 8. Wei­ter auf Quai Henri IV Ca. 1 Minute 750 m wei­ter gesamt 2,1 km 9. Wei­ter auf Voie Mazas Ca. 1 Minute 950 m wei­ter gesamt 3,0 km 10. Wei­ter auf Quai de Bercy Ca. 2 Minu­ten 1,5 km wei­ter gesamt 4,5 km 11. A3 A6 Péri­phé­ri­que Porte de Bercy Cha­ren­ton Die Auf­fahrt Rich­tung A3/A6/Périphérique/Porte de Bercy/Charenton neh­men 270 m wei­ter gesamt 4,8 km 12. An der Gabe­lung rechts hal­ten und wei­ter Rich­tung A4 70 m wei­ter gesamt 4,8 km 13. An der Gabe­lung rechts hal­ten und wei­ter Rich­tung A4 120 m wei­ter gesamt 5,0 km 14. An der Gabe­lung rechts hal­ten und wei­ter Rich­tung A4 27 m wei­ter gesamt 5,0 km 15. A4 Metz Nancy Marne la Val­lée Cré­teil An der Gabe­lung rechts hal­ten, Beschil­de­rung in Rich­tung A4/Metz/Nancy/Marne la Vallée/Créteil fol­gen und wei­ter auf A4 Teil­weise gebüh­ren­pflich­tige Straße Blitz­ge­räte ab 7,4 km > …

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luft

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nordpol : 3.57 – Das Schweigen im Spre­chen ist inso­fern eine Hand­lung, als ich das, was ich sagen könnte, nur weiter denke, ohne es umzu­bringen in der Luft. – stop

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winter

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olimambo : 5.10 – Es ist sehr lange her, war noch Winter gewesen, als ich Mutter beob­ach­tete, wie sie im Sessel vor Vaters Schreib­tisch kauerte. Sie hatte sich getraut und seinen Computer ange­schaltet. Ja, Vaters Computer lässt sich noch immer betreiben. Obwohl ich nicht damit gerechnet habe, dass mit dem Tod eines Menschen auch die Exis­tenz seiner Uhren und Schreib­bild­ma­schinen enden würde, wundere ich mich, wenn ich Vaters leise tickende Uhr an meinem linken Arm betrachte. Und das summende Geräusch seines Compu­ters, er macht einfach weiter. Man stelle sich einmal vor, es wäre anders­herum, mit dem Versagen der Computer würde auch das Leben ihrer Besitzer enden. Das wäre seltsam und sehr gefähr­lich in unserer Zeit. Aber es ist denkbar, dass einmal Computer exis­tieren werden, die drei­hun­dert Jahre alt werden oder noch älter, ohne dass ihnen das Licht ausgehen würde. Kurzum, Mutter saß vor dem Schreib­tisch. Immer, wenn ich sie so sehe, bemerke ich, wie klein sie geworden ist, ohne dass ich selbst größer geworden wäre. Sie saß weit nach vorne gebeugt. Ich beob­ach­tete ihre Hände, die versuchten den Zeiger auf dem Bild­schirm in nächster Nähe zu bändigen. Ihr Gesicht berührte beinahe den Bild­schirm. Und als ich sie fragte, warum sie so seltsam dasitzen würde, sagte sie, dass sie die Buch­staben meiner parti­cles-Arbeit nur in dieser Weise lesen könne, sie seien viel zu klein und sie habe vergessen, wie man die Buch­staben größer machen könne. Deshalb sind die Buch­staben meiner parti­cles-Arbeit grund­sätz­lich gewachsen und wir sind jetzt sehr zufrieden, weil wir wissen, dass die Größe der Buch­staben auf Bild­schirmen mani­pu­liert werden kann. – Weit nach Mitter­nacht. Der Himmel tropft und die Bäume und Dach­rinnen und Vögel. Gegen drei Uhr hatte ich, wie aus heiterem Himmel, Lust auf gebra­tene Wach­teln, warum? – stop

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