hände

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alpha : 3.12 – Ein junger Mann erklärt, was zu tun ist, damit ich unter Menschen, also unter seinen Freunden, nicht unan­ge­nehm auffallen werde. Er sagte: Wenn ich Dich mitnehme ins Viertel, hältst Du am Besten den Mund. Coole Männer spre­chen wenig, und wenn sie einmal spre­chen, dann verwenden sie Wörter so sparsam wie möglich! – Der junge Mann, von dem hier die Rede ist, verbrachte seine frühe Kind­heit in Marokko. Da wo ich zu Hause war, das ist ein Dorf oder eine kleine Stadt am Rande des Atlas­ge­birges, die er jedes Jahr im Herbst besucht. Seine Verwandten leben dort seit Jahr­hun­derten. Er zeigte mir eine Foto­grafie, deutete auf ein Haus von roter­diger Farbe: Das ist das Haus meiner Geburt. Im Hinter­grund waren schroffe, baum­lose Berge zu erkennen, das Dorf selbst ruhte geborgen in einem Kranz saftiger Wälder, Palmen, Datteln, Feigen, Zypressen, Orangen, Zitronen. Der junge Mann erklärte, das Wasser, das diese schöne grüne Farbe mache, entkomme stetig den stei­nernen Hügeln nahe der Häuser, die eigent­liche Türme seien, steile, enge Treppen führten in Zimmer, welche nach oben hin schmaler und schmaler würden. Ich bin Afri­kaner, setzte er hinzu, mit Leib und Seele, eigent­lich bin ich mit Leuten wie Dir nicht bekannt, aber nun, da wir uns schon einmal begegnet sind! Wenn ich Dich mitnehme, hältst also am Besten den Mund. Sie werden Dich begrüßen, weil sie freund­lich sind. Dann hebst Du die rechte Hand bis in Höhe der Schulter, Du öffnest Deine Hand und sie werden einschlagen, sie werden Deine Hand fest drücken und das wird weh tun, aber Du wirst Dir nichts anmerken lassen. Nach einiger Zeit, Du hast nicht gespro­chen, sondern nur zuge­hört, werden sie Dich mögen, weil Du cool bist. Zum Abschied machst Du eine Faust. Mit dem Rücken Deiner Faust berührst den Rücken der Fäuste, die sich Dir entge­gen­stre­cken, dann hast Du alles richtig gemacht, das mit den Händen ist sehr wichtig, und alles ist gut, und Du weißt ein biss­chen mehr als vorher. – stop
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amsterdam

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nordpol : 21.36 – Wieder die Wahr­neh­mung, dass jene Hand auf dem Tisch, die ich als meine Hand erkenne, schon immer in meiner Nähe gewesen ist. Feinste Spuren der Zeit, wie von leichten Winden auf die Haut geworfen. — Zu Amsterdam soll in den späten Nach­mit­tags­stunden der Preis für 100 Gramm gerös­teter mensch­li­cher Ohren von 66 auf 58 engli­sche Pfund gesunken sein. Warum? – stop

ping

fenster zum fluss

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sierra : 17.08 – Ein Freund, der sich seit längerer Zeit in Manhattan aufhält, erzählt via Email eine heitere Geschichte, die er selbst erlebt haben will. Vor einigen Tagen habe er demzu­folge eine Bekannte besucht, die ein Appart­ment in einem modernen Miets­haus der Upper East Side bewohnt. Es handele sich um eine geräu­mige Wohnung in der 28. Etage mit faszi­nie­render Aussicht auf den East River. Eine Leiden­schaft der Wohnungs­be­sit­zerin, eine Passion gera­dezu, sei die Beob­ach­tung der Schiffe geworden, die den Fluss tief unten befahren. Der Anblick der Kähne und Ozean­dampfer beru­hige sie, schon von Weitem könne sie erkennen, wenn sich ein größeres Schiff vom Atlantik her nähere. Nicht zu vergessen natür­lich, jene zier­li­chen, weißen und gelben Amei­sen­schiffe, Wasser­taxis bei Tag und Nacht, und das bestän­dige Blinken der Spie­ren­tonnen, Pulse, welche sie durch ihr Fern­glas wahr­nehmen könne. Als nun mein Freund seinen Besuch tele­fo­nisch ankün­digte, wurde er gewarnt, der Aufzug des Hauses sei seit zwei Wochen defekt, weshalb viele der älteren Bewohner das Haus seit Tagen entweder gar nicht oder für längere Zeit ganz verlassen haben, er müsse zu Fuß empor­steigen und eine halbe Stunde Zeit für seinen Aufstieg berechnen, er solle sich etwas Proviant mitnehmen. Mein Freund machte sich wenige Stunden später auf den Weg nach oben. Weil er nicht trai­niert war, ging er langsam, zunächst zählte er noch seine Schritte, aber bereits in der 6. Etage musste er sich setzen und seinen Atem beru­higen. Einige Boten, junge Männer mit Ruck­sä­cken auf dem Rücken, kamen vorüber. Kurz darauf passierte ihn eine ältere Dame, schla­fend oder bewusstlos, auf einer Trage liegend abwärts. Höhe der 18. Etage stand die Tür einer Wohnung offen. Treten Sie ein, war auf einem Zettel zu lesen. Im Wohn­zimmer saß eine weitere ältere Dame hinter einem Tisch, reich gedeckt, Obst und kalter Fisch und Brot und Wasser. Ein reizender Anblick, Katzen lagen auf dem Boden herum. Die alte Frau wartete unter einem Sonnen­schirm. Sie sagte: Komm, komm, in Zeiten der Not muss man zusammen halten, alles ist umsonst, aber Du darfst in der Stadt nicht davon  erzählen! Eine Stunde später erreichte mein Freund endlich die Wohnung seiner Bekannten. Sie saßen lange Zeit vor dem Fenster zum Fluss. Einmal näherte sich ein Hubschrauber. Er landete auf dem Dach. – stop

polaroidteller

22 uhr 1

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tango : 22.501 – Ein Stoff, auf den wir einmal stießen, entläßt uns nie mehr. Wir bleiben in seiner Schwer­kraft gefangen. Fried­rich Dürren­matt – stop

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versuch über nachtsprache

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romeo : 22.58 – Vor einem meiner Fenster in der Höhe ist heute Abend eine kleine Spinne aufge­taucht, ein Jäger auf dem Fens­ter­brett, sehr schnell, geschmeidig, gestreifter Pelz, Augen so klein, dass ich sie nicht sehen kann. Mit diesen Augen, die ich nicht sehen kann, beob­ach­tete mich die Spinne vermut­lich, während ich in ihrer Nähe am Fenster stand und Sätze wieder­holte, die derart verknotet waren, dass ich sie kaum ausspre­chen konnte. Die Spinne bewegte sich nicht, und ich dachte, viel­leicht hörte sie mir zu, hört, was N., die seit zwölf Jahren als Sach­be­ar­bei­terin in der Nähe eines Flug­ha­fens arbeitet, erzählte, warum nämlich die Begrü­ßung in der Nacht unter Nacht­ar­bei­tern eine selt­same Ange­le­gen­heit sein kann. N.‘s Aussage zur Folge soll es jeweils nach Mitter­nacht zu Schwie­rig­keiten deshalb kommen, weil man bis zur Mitter­nachts­stunde noch einen Guten Abend wünschen könne, indessen eine Person, der man im Aufzug begegne, in den ersten Minuten eines neuen Tages bereits mit einem fröh­li­chen Guten Morgen zu begrüßen sei, obwohl doch der nächste Morgen mit Licht oder Aussicht auf Feier­abend zu diesem Zeit­punkt noch viele Stunden weit entfernt sein müsste. Ein eigen­tüm­li­ches Gefühl, sagte N., das dieser voraus­ei­lende Morgen inmitten der Nacht noch nach Jahren in ihr erzeuge. Tatsäch­lich scheint es so zu sein, dass inmitten der Nacht die Nacht selbst in einer Begrü­ßungs­formel nicht ange­spro­chen werden kann, weil die Formu­lie­rung Gute Nacht im allge­meinen Abschied bedeutet unter Menschen, die zur übli­chen Wach­zeit exis­tieren, obwohl man doch im Moment des Abschiedes viel­leicht gerade Stirn an Stirn in einem Bett liegt, man macht die Augen zu und schläft, sofern man glück­lich und zufrieden ist. Zwei Schla­fende. Es ist so, als wären sie beide verreist, als wären sie beide nicht anwe­send, nicht erreichbar, auch nicht für sich selbst, weil ein Schla­fender niemals zuver­lässig in der Lage sein wird, sich persön­lich zu wecken, ohne vorbeu­gend externes Glocken­werk program­miert zu haben. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte. – stop

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ohrwörtersuche

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hima­laya : 0.05 – Heute Nach­mittag 601 Optio­nen gezählt, das Wort Ohr fort­zu­set­zen. Zum Bei­spiel: Ohrassel Ohrba­cken Ohrbaumel Ohrblase Ohrbommel Ohren­affe Ohren­bläser Ohrspritze Ohrstein­chen Ohren­finger Ohren­fle­der­maus Ohren­flüs­terer Ohren­geier Ohren­ge­wölbe Ohrlöffel Ohren­haube Ohren­schmaus Ohrfei­gen­spiel Ohren­sucht Ohrfasan Ohrfeder Ohren­teufel Ohrfei­gen­com­mando Ohren­ge­dächtnis Ohrlippe Ohrtaube Ohrwangen Ohrenlos [ nach Grimm­sches Wör­ter­buch digital ] – Bei den Ohren­fin­gern soll es sich um kleine Finger der linken oder rechten Hand handeln, die übli­cher­weise als Ohrrei­niger verwendet werden. stop. Leichter Regen. – stop
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bohumil hrabal

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tango : 6.56 – Ich beob­achte meinen Fern­seh­bild­schirm. Er ist so flach, dass ich meine, das bewegte Bild, welches er empfängt, müsste trans­pa­rent sein wie ein Schmet­ter­lings­flügel. Ich könnte in dieser Vorstel­lung durch das Zimmer laufen, um jene Sequenzen, die von Kriegs­vor­be­rei­tungen, von chir­ur­gi­schen, begrenzten Luft­schlägen erzählen, von der anderen Seite her zu betrachten. Erin­nere mich an Bohumil Hrabal, von dem berichtet wird, er würde bevor­zugt hinter seinem Fern­seh­gerät Platz genommen haben. Das muss zu einer Zeit gewesen sein, als Bild­schirme in den Rahmen mons­tröser Appa­ra­turen hockten, Röhren­bild­schirme genauer, die noch explo­dieren konnten. Indem Hrabal seinen Bild­emp­fänger von hinten betrach­tete, handelte er mit dem Ausdruck äußerster Verwei­ge­rung, er saß dort und konnte sich darauf verlassen, keines der empfan­genen Bilder sehen zu können, er war genau dort hinter jener Maschine, die die Bilder erzeugte, vor den Bildern sicher. Viel­leicht hatte er über­dies das Fern­seh­gerät ausge­schaltet, ich weiß es nicht, gern würde ich ihn fragen, ihm erzählen, wie ich das mache in diesen Tagen, da ich nicht mehr sicher bin, Lüge von Halb­wahr­heit oder Wahr­heit unter­scheiden zu können. Wirk­lich, wahr­haftig ist dieses selt­same, schmer­zende Gefühl, das ich bei dem Gedanken empfinde, man könnte die Armee des Dikta­tors Baschar al-Assad bombar­dieren, seine Flug­häfen, seine Flug­zeuge, Raketen. Es ist ein zufrie­denes, zustim­mendes Gefühl, ein Reflex, wie ich so in meiner fried­li­chen, sicheren Wohnung sitze, eine Tasse Kaffee in der Hand. Bald wandere ich in die Küche und brate mir einen Fisch, eine kleine Dorade. Ich höre die Stimmen der Kommen­ta­toren vom Arbeits­zimmer her, die weiter spre­chen, obwohl ich nicht da bin. Und ich höre den Regen, es regnet tatsäch­lich, dann hört es wieder auf. Vögel fliegen vorüber. Auf der Scheibe eines Fens­ters sitzt ein Mari­en­käfer und nascht von den Resten einer Wespe, die ich einen Tag zuvor tötete, weil sie sich in der Dunkel­heit meinem Bett näherte. – stop
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perugia

picping

MELDUNG. Per Kurs­wagen via Rom – Florenz – Mailand – Paris in London einge­troffen : Sing­zi­kaden auf Achse, ein gutes Dutzend, Gleis 18, Waterloo Station. Man kommt aus Perugia, man spielt sich zur Zeit etwas Wärme unter den Panzer. – stop

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vom fliegen

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echo : 22.08 – Mein Vater hatte ein hervor­ra­gendes Gedächtnis. Jahre lang konnte er sich an Geschichten erin­nern, die unmit­telbar mit Licht­bil­dern, die er aufge­nommen hatte, in Verbin­dung stehen. Nun, da er gestorben ist, exis­tieren viele dieser Geschichten im Verbor­genen, weil mein Vater sich nicht mehr an sie erin­nert, sie nicht mehr erzählen wird. In seinem Arbeits­zimmer, weiterhin unbe­rührt, steht ein schwerer, alter Schrank gleich neben einem Fenster zum Garten, in welchem sich tausende Aufnahmen in Maga­zinen befinden. Einige der Maga­zine wurden beschriftet. Ägypten 1986, Chicago 1978 oder Wandern im Wallis 1969. Auf einer kleinen Schachtel ist folgendes notiert: Andreas läuft. 87 Diafo­to­gra­fien sind in dieser Schachtel enthalten, farbige Aufnahmen, die sich mit meinen ersten Spazier­ver­su­chen verbinden. Ich trage weiche, helle Frotte­hosen und einen roten Pull­over. Ich scheine sehr begeis­tert gewesen zu sein, mache große, runde Augen, manchmal sitze ich auf dem Boden und lache, ein andermal sitze ich auf dem Boden und weine. Auf der ein oder anderen Foto­grafie kommen Hände von der Seite her ins Bild oder sie kommen von oben. Einmal sind nur meine Füße zu sehen, sehr kleine Füße in blauen Strümpfen. Man könnte meinen, diese Aufnahme würde doku­men­tieren, dass ich das Fliegen lernte, noch ehe ich richtig stehen und laufen konnte. Indem ich die Bilder meines Vaters beob­achte, wird seine Gegen­wart intensiv spürbar, er war bei jeder Aufnahme in meiner Nähe gewesen, in der Nähe eines Kindes, das zur Zeit der Licht­nahme noch keine wirk­liche Vorstel­lung davon haben konnte, was Erin­ne­rung ist. Und tatsäch­lich, ich kann mich nicht daran erin­nern, wie ich das Laufen lernte. – Später Abend. stop. In Brooklyn, Haus 77, Orange St., soll eine Stein­kir­sche, Stein­kir­sche No 632, voll­endet worden sein. – stop. – 5.08 Gramm. – stop

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alpha : 22.08 – Ich besitze zwei Schreib­ma­schinen, eine kleine, flache und eine größere, schwere Schreib­ma­schine. Nun ist das so: In dem Moment, da ich beide Schreib­ma­schinen als Lebe­wesen betrachte, meine ich diffe­ren­zie­rend davon spre­chen zu können, dass es sich bei jener klei­neren, reisenden Schreib­ma­schine einer­seits, um eine nervöse Maschine handelt, die kaum jemals zur Ruhe kommt, während meine zurück­blei­bende Schreib­ma­schine ande­rer­seits, ein vornehm­lich statio­näres, ein gelas­senes, schla­fendes Leben führt. Seit einigen Wochen bereits, bei Tag und bei Nacht, kommu­ni­zieren beide Schreib­ma­schinen über größere oder klei­nere Entfer­nungen hinweg. Meine reisende Schreib­ma­schine erzählt der schla­fenden Schreib­ma­schine beispiels­weise Geschichten, die wiederum ich selbst mit Händen notierte. Das ist deshalb möglich geworden, weil meine schla­fende Schreib­ma­schine nicht wirk­lich schläft, sondern halb­schla­fend darauf wartet, ange­spro­chen, das heißt, geweckt zu werden. Zu diesem Zweck wendet sich meine reisende Schreib­ma­schine zunächst an zwei entfernte Server­ma­schinen, an eine mir unbe­kannte, geheime Maschine, sowie an eine mir vertraute Maschine, die sich nahe der Stadt San Fran­cisco unter weiteren halb­schla­fenden Maschinen befinden soll, um meine Geschichte dort abzu­legen, so dass diese Geschichte von der Sekunde ihrer Über­tra­gung an vier­fach exis­tiert, auch eben dort, wo sie zunächst erzählt worden war, sehr flüchtig in meinem Kopf. Nun ereignet sich folgendes, dass nämlich jene Server­ma­schine nahe San Fran­cisco unver­züg­lich mit meiner statio­nären, mit meiner halb­schla­fend wartenden Schreib­ma­schine tele­fo­niert, um meine Geschichte dort in einer fünften Version einzu­la­gern, so dass meine reisende Schreib­ma­schine der zurück­ge­blie­benen Schreib­ma­schine in Minu­ten­frist wieder sehr ähnlich geworden ist. Eine Routine, deren Vollzug ich mir in diesen Tagen gerne vorstelle, wie im Dunkeln eines weit­ent­fernten Zimmers das Gespräch der Maschinen sichtbar wird im Flackern eines Dioden­lichtes, und hörbar glei­cher­maßen in der summenden Bewe­gung eines magne­tisch schrei­benden Stiftes. – Sonntag. – stop. – Guten Abend. – stop

polaroidsubway

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