ai : SUDAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Ein Anwalt befin­det sich im suda­ne­si­schen Bun­des­staat Süd-Dar­fur ohne Ankla­ge in Haft. Er könn­te gefol­tert und ander­wei­tig miss­han­delt wer­den. / Adam Sharief arbei­tet als Anwalt und ist Koor­di­na­tor der Anwalts­ver­ei­ni­gung Dar­fur Bar Asso­cia­ti­on im suda­ne­si­schen Bun­des­staat Süd-Dar­fur. Er wur­de am 26. Sep­tem­ber fest­ge­nom­men und wird ohne Ankla­ge und Zugang zu einem Rechts­bei­stand vom suda­ne­si­schen Geheim­dienst in Nya­la fest­ge­hal­ten. / Sechs Tage vor sei­ner Fest­nah­me gab Adam Sharief dem unab­hän­gi­gen Radio­sen­der Radio Daban­ga ein Inter­view. Dar­in kri­ti­sier­te er den Gou­ver­neur von Süd-Dar­fur wegen der schlech­ten Sicher­heits­la­ge in Nya­la, der Haupt­stadt des Bun­des­staa­tes. Er erhob den Vor­wurf, die ört­li­chen Behör­den wür­den Mili­zen für sich arbei­ten las­sen, wel­che die Ver­ant­wor­tung für eine Rei­he von Tötun­gen tra­gen, die in jüngs­ter Zeit in Nya­la began­gen wur­den. Unter ande­rem töte­ten sie Ismail Ibra­him Wadi, einen bekann­ten Geschäfts­mann der Regi­on, sowie des­sen Sohn und Nef­fen. Adam Sharief übte zudem Kri­tik dar­an, dass die Sicher­heits­kräf­te am 19. Sep­tem­ber schar­fe Muni­ti­on gegen Demons­trie­ren­de ein­setz­ten, die sich am Tag der Bei­set­zung von Ismail Ibra­him Wadi ver­sam­melt hat­ten. Berich­ten zufol­ge wur­den dabei min­des­tens fünf Men­schen getö­tet und 48 so schwer ver­letzt, dass sie im Kran­ken­haus behan­delt wer­den muss­ten. / Amnes­ty Inter­na­tio­nal befürch­tet, dass Adam Sharief allein wegen der fried­li­chen Wahr­neh­mung sei­nes Rechts auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung inhaf­tiert wur­de. Die Orga­ni­sa­ti­on for­dert daher sei­ne sofor­ti­ge Frei­las­sung, sofern er kei­ner als Straf­tat aner­kann­ten Hand­lung ange­klagt wird.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 13. Novem­ber 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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turku

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MELDUNG. Tur­ku, Maari­an­ka­tu 3, 4. Eta­ge, stei­ner­nes Zim­mer : Kir­sche No 228 [ Mar­mor, Car­ra­ra : 7.01 Gramm ] voll­endet. — stop

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im gebirge

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echo : 22.02 — Vor län­ge­rer Zeit begeg­ne­te mir ein alter Mann im Gebir­ge. Ich erin­ne­re mich des­halb gut an ihn, weil er sehr schnell auf­wärts gestie­gen war. Er muss­te über acht­zig Jah­re alt gewe­sen sein, ich war damals Mit­te drei­ßig, konn­te ihm aber nicht fol­gen. Er trug ein karier­tes Hemd, des­sen Mus­ter durch dich­ten Nebel leuch­te­te, der sich lang­sam über den Rücken des Ber­ges beweg­te. Amei­sen über­quer­ten die stei­ni­gen, sehr stei­len Pfa­de. Sie waren so lei­se wie die Wol­ken um uns her. Auch der alte Mann beweg­te sich fast geräusch­los. Manch­mal hör­te ich einen Stein, der abwärts roll­te und das Pfei­fen der Doh­len von weit oben. Nach einer Wei­le war der alte Mann ver­schwun­den, zwei oder drei Stun­den spä­ter tauch­te er in der Nähe des Gip­fels wie­der auf. Er saß auf einem Stein unweit des Weges. In sei­ner Nähe, in Sicht­wei­te, war an einem Fel­sen ein Bild­stock befes­tigt. Das Mar­terl beher­berg­te die Schwarz­weiss­fo­to­gra­fie eines jun­gen Man­nes. Ich grüss­te den alten Mann und stieg wei­ter zum Gip­fel auf. Nach einer hal­ben Stun­de mach­te ich mich auf den Rück­weg. An der Stel­le, an wel­cher der alte Mann geras­tet hat­te, rauf­ten sich ein paar Doh­len um etwas Brot. Noch heu­te mei­ne ich ihre schril­len Rufe hören zu kön­nen. — stop

polaroidorna

hirnhummeltee

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echo

~ : mal­colm
to : lou­is
sub­ject : HIRNHUMMELTEE
date : oct 8 13 6.11 p.m.

Am ach­ten Sep­tem­ber, es war ein Sonn­tag gewe­sen, ein war­mer, freund­li­cher Tag, erreich­te Fran­kie Bat­te­ry Park. Er hielt sich nicht lan­ge auf unter den Bäu­men, die sich bereits herbst­lich färb­ten, folg­te der Küs­ten­li­nie, um zwei Stun­den spä­ter das Schiffs­ter­mi­nal South Fer­ry zu errei­chen. Bis dahin hat­ten wir ver­mu­tet, Fran­kie sei ein scheu­es, ein men­schen­scheu­es Tier, doch gegen den Abend zu in der Däm­me­rung, wag­te sich das Eich­hörn­chen in den zen­tra­len Saal des Gebäu­des, in wel­chem hun­der­te Pas­sa­gie­re auf das nächs­te Schiff nach Sta­ten Island war­te­ten. Alli­son warn­te als Ers­te mit­tels eines Funk­spru­ches, Fran­kie könn­te viel­leicht eines der Fähr­schif­fe entern. Und genau­so war es gekom­men, das klei­ne, mus­ku­lö­se Tier has­te­te laut­los über den blitz­blan­ken Boden des Ter­mi­nals, duck­te sich unter Sitz­bän­ken, ver­barg sich in den Schat­ten des Abends, um von den Hun­den der Küs­ten­wa­che unbe­merkt, nur von eini­gen Kin­dern stau­nend betrach­tet, über den Steg an Bord der John F. Ken­ne­dy zu huschen. Hier befin­den wir uns zu die­sem Zeit­punkt. Es ist wie­der ein­mal Abend gewor­den, der drei­ßigs­te Tag, an dem Fran­kie auf dem Fähr­schiff über die Upper­bay pen­del­te, neigt sich dem Ende zu. Am Hori­zont, im Wes­ten, leuch­ten die Hafen­krä­ne New Jer­seys, sie blin­ken, mäch­ti­ge Eisen­vö­gel. Auf der Pro­me­na­de spa­zie­ren Men­schen mit Foto­ap­pa­ra­ten. Es ist ein schö­ner Spät­som­mer­abend. Seit vie­len Stun­den rollt ein Ball von einer Sei­te des Schif­fes zur ande­ren. Ich wer­de müde, indem ich ihm mit den Augen fol­ge. Nie­mand scheint sich an sei­ner Bewe­gung zu stö­ren, es ist so, als wür­de der Ball zum Schiff gehö­ren, als wür­de er schon seit vie­len Jah­ren über das Hur­ri­ka­ne­deck rol­len. Fran­kie schläft. Er ruht in einer Ret­tungs­wes­te, die unter einer Sitz­bank bau­melt. Die Wes­te schau­kelt im leich­ten See­gang hin und her. — Ihr Mal­colm / code­wort : hirn­hum­mel­tee

emp­fan­gen am
8.10.2013
1871 zei­chen

mal­colm to lou­is »

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mohn

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del­ta : 6.38 — Ges­tern erreich­te mich eine Post­kar­te aus Finn­land, die in einem Brief­um­schlag steck­te. Ein Freund hat­te sie vor fünf Tagen abge­schickt. Er notier­te fol­gen­des: Mein lie­ber Lou­is, heu­te, mit die­ser Post­kar­te, wird eine neue Zeit ange­bro­chen sein. Ich habe gera­de eben mei­ne E‑Mails gelöscht und mei­ne Com­pu­ter­schreib­ma­schi­ne auf den Dach­bo­den gestellt, weil ich in Zukunft nur noch Brie­fe oder Post­kar­ten per Hand schrei­ben wer­de. Was ist das doch eine ange­neh­me Vor­stel­lung, dass ich mich fort­an in einer ruhi­gen, gedul­di­gen Art mit Dir unter­hal­ten könn­te. Mor­gens der Spa­zier­gang vors Haus, um nach­zu­se­hen, ob viel­leicht eine Ant­wort ein­ge­trof­fen ist. Ich soll­te damit begin­nen, Post­wert­zei­chen zu sam­meln. Erin­nerst Du Dich an den Duft der Papie­re, die rau sind, sobald sie aus Indi­en zu uns kom­men, weich, san­dig, grau. Ja, ganz sicher wirst Du Dich erin­nern. Und Du wirst Dich fra­gen, war­um ich in die­ser Wei­se han­de­le. Davon ein­mal spä­ter. Habe ich schon berich­tet, dass uns end­lich gelun­gen ist, einen blau­en Pan­ther­fal­ter mit­tels einer Funk­steue­rung ein­mal durch den Gar­ten unter Bir­ken­bäu­men her­um zu diri­gie­ren? — Dein Tim­mi­nen, hoch­ach­tungs­voll. ps. Umsei­ti­ge Foto­gra­fie zeigt Emil Nol­des Mohn aus dem Jahr 1950. — stop

polaroidmoewen

Samia Yusuf Omar

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ulys­ses : 0.03 — Exakt 418 Tage zurück, am Mon­tag, dem 20. August 2012, mel­de­ten Nach­rich­ten­agen­tu­ren, die soma­li­sche Sprin­te­rin Samia Yus­uf Omar sei auf dem Weg nach Lon­don zu den olym­pi­schen Spie­len ertrun­ken. Sie reis­te auf einem Flücht­lings­schiff von Liby­en aus nord­wärts. Die Hava­rie des Boo­tes soll sich im Kanal von Sizi­li­en nahe der Insel Mal­ta bereits Anfang April ereig­net haben. Ein­zi­ge Ver­tre­te­rin ihres Hei­mat­lan­des wäh­rend der olym­pi­schen Spie­le 2008 in Peking, hat­te sich Samia Yus­uf Omar allein auf den gefähr­li­chen Weg nach Euro­pa bege­ben. Sie leb­te 22 Jah­re. — stop / Kof­fer­text

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teilchen

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alpha : 2.15 — Bei uns ist es eigent­lich so: Nur wer nicht arbei­tet, macht kei­ne Feh­ler. Und wich­tig ist A, dass man nicht den­sel­ben Feh­ler zwei­mal macht. Und, dass wenn man etwas macht, sich das über­legt hat. Es kann trotz­dem falsch sein. Es kommt vor, dass wir Ent­schei­dun­gen tref­fen, die falsch sind, aber wenn man dann über­legt, das war der Input, den ich hat­te, und dar­aus muss­te ich mir etwas über­le­gen, und ich habe die oder die Alter­na­ti­ve gehabt und ich hab sie so gewählt, dann ist das in Ord­nung. Und das sage ich auch immer unse­ren Leu­ten, gera­de dann, wenn sie sich irgend­wie nicht trau­en. Du kannst Dich trau­en. Du musst Dir nur über­legt haben, was Du getan hast und Du musst die­se Über­le­gung ver­tei­di­gen kön­nen. Und dann ist gut. — Wolf­ram Zeu­ner / Stell­ver­tre­ten­der Koor­di­na­tor des Detek­tors Com­pact Muon Sole­no­id / CERN im Gespräch mit Ran­ga Yogeshwar. — stop

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prada

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tan­go : 5.16 — Die Hand­ta­sche, der ich mich in der ver­gan­ge­nen Nacht ein­ge­hend wid­me­te, ist rot und weiß und von feins­tem Leder. Zwei Fächer sind in ihrem schma­len Bauch zu fin­den, die man mit Druck­knöp­fen ver­schlie­ßen kann. In die­sem Moment steht die Tasche auf vier metal­le­nen Füß­chen vor mir auf dem Schreib­tisch, Schul­ter­rie­men, Tra­ge­hen­kel, Außen­fä­cher, ein wirk­lich ansehn­li­ches Exem­plar, das glänzt und leicht ist. Die Tasche wiegt in nicht befüll­tem Zustand gera­de ein­mal 400 Gramm, so leicht ist die­se Tasche, ganz erstaun­lich. Nun habe ich Fol­gen­des unter­nom­men, ich habe zunächst in sorg­fäl­tigs­ter Wei­se einen präch­ti­gen Haut­bal­lon gefal­tet und in das lin­ke Sei­ten­fach der Leicht­hand­ta­sche abge­legt. Es han­delt sich um ein fili­gra­nes, flug­fä­hi­ges Natur­pro­dukt, wel­ches aus der Schwimm­bla­se eines Mond­fi­sches gefer­tigt wur­de. Ein fei­ner Schlauch, nicht sicht­bar auf den ers­ten Blick, führt vom Hals des Bal­lons wie­der­um zu einem Siphon, in dem sich Heli­um befin­det. Ich habe ihn, nach län­ge­rer Über­le­gung, auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te, im zwei­ten Außen­fach der Tasche unter­ge­bracht. Er ver­fügt über ein Ven­til, wel­ches unkon­trol­lier­tes Aus­strö­men des Gases ver­hin­dert, über einen Ver­schluss also, der mit einer sanf­ten Fin­ger­be­we­gung jeder­zeit geöff­net wer­den könn­te, so dass das Gas im Bruch­teil einer Sekun­de in den Bal­lon schie­ßen, das Fut­te­ral des Bal­lons öff­nen und die Hand­ta­sche mit Auf­trieb ergrei­fen wür­de. Soll­te ich zu die­sem Zeit­punkt das Ven­til der Tasche öff­nen, ende­te ihr Flug an der Decke mei­nes Zim­mers. — Kurz vor fünf Uhr am Mor­gen. Schon zu spät, um inmit­ten der Stadt heim­lich einen Frei­luft­ver­such unter­neh­men zu kön­nen. Noch etwas schla­fen dar­um, dann eine Spin­del mit äußerst fei­nem, aber zug­fes­tem Faden in der Län­ge von 100 Metern an der Tasche befes­ti­gen, dann wie­der Nacht. — stop

polaroidmolluske

moskau

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MELDUNG. Zu Mos­kau im Len­kom Thea­t­re, ул. Малая Дмитровка, 6, wer­den am kom­men­den Mon­tag, 21. Okto­ber 2013, zwei jun­ge Lisztäff­chen, Bal­du­in ( 260 Gramm ) sowie Hele­ne (188 Gramm ), öffent­lich zur Spren­gung gebracht. Zün­dung des männ­li­chen Tie­res um 22 Uhr, Zün­dung des weib­li­chen Tie­res um 22 Uhr 30. Ein­tritt frei. – stop

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echo

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echo : 2.32 — Hör­te mei­ne den­ken­de Stim­me, sie flüs­ter­te, als ich erwach­te. Hat­te den Ein­druck, an einem Gedan­ken bereits gear­bei­tet zu haben, wäh­rend ich noch schlief. Das war ein selt­sa­mer Moment gewe­sen, weil ich immer wie­der ein­mal beob­ach­te­te, dass mei­ne den­ken­de Stim­me weder lei­ser noch lau­ter wer­den kann, dass ich, zum Bei­spiel, im Kopf nicht zu brül­len ver­mag, auch wenn ichs ernst­haft ver­su­che, es ist stets nur eine Gedan­ken­stim­me, die vor­gibt zu brül­len. Und doch flüs­ter­te es in der ers­ten Minu­te des gest­ri­gen Tages. Jetzt ist Frei­tag gewor­den, und ich wun­de­re mich noch immer. — stop
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esmeralda

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tan­go : 22.08 — Vor zwei Tagen, spä­ter Nach­mit­tag, über­reich­te mir ein schwer atmen­der Bote ein Päck­chen, auf des­sen Anschrif­ten­sei­te mit wuch­ti­gen Druck­buch­sta­ben eine Anwei­sung notiert wor­den war: Do not shake! Der jun­ge Mann, viel­leicht um mich zu war­nen, deu­te­te auf die Schach­tel in sei­ner Hand und sag­te: Ich rie­che, dass in die­sem Päck­chen etwas lebt! Und schon war er wie­der auf der Trep­pe ver­schwun­den. Tat­säch­lich han­del­te es sich bei dem Päck­chen um einen Lebend­trans­port, der in der ita­lie­ni­schen Hafen­stadt Tal­a­mo­ne auf­ge­ge­ben wor­den war. Eine Schne­cke hock­te in einer per­fo­rier­ten Schach­tel geduckt unter wel­ken Blät­tern. Als ich das klei­ne Tier vor­sich­tig auf einen Tel­ler setz­te, mach­te es zunächst einen sehr müden, erschöpf­ten Ein­druck. Sein Haus schien bald vom Kör­per zu rut­schen, auch wur­de kei­ner­lei Flucht­ver­such unter­nom­men, statt­des­sen saß die Schne­cke nahe­zu ohne Bewe­gung und schau­te mich an. Selbst, als ich mich mit einem Fin­ger näher­te, zog sie sich nicht in ihr Kalk­ge­win­de zurück. Eine hal­be Stun­de lang betrach­te­ten wir uns gedul­dig. Dann war spä­ter Abend gewor­den, ich hat­te mehr­fach tele­fo­niert, der Schne­cke ein Apfel­stück­chen ange­bo­ten, das Pack­pa­pier, in wel­ches die Sen­dung ein­ge­schla­gen gewe­sen war, auf der Suche nach einer Bot­schaft oder einem Absen­der, ein­ge­hend unter­sucht, und war dann kurz spa­zie­ren gegan­gen. Indes­sen hat­te sich die Schne­cke in Rich­tung der Süd­wand mei­ner Küche in Bewe­gung gesetzt, war von dort aus, eine schim­mern­de Spur hin­ter­las­send, wei­ter zur Die­le hin gewan­dert, erreich­te dort den Boden, um eine hal­be Stun­de spä­ter mein Arbeits­zim­mer zu betre­ten. Der­art lei­se war die Schne­cke wei­ter­ge­zo­gen, dass ich sie bei­na­he ver­ges­sen hät­te. Dann war Sams­tag, der Sams­tag ver­ging, zwei wei­te­re Stück­chen Apfel, und es wur­de Sonn­tag und wie­der Abend und es begann zu reg­nen. In die­sem Moment sitzt die Schne­cke einen hal­ben Meter hoch über dem Fuß­bo­den an der Wand mei­nes Wohn­zim­mers. Sie scheint zu schla­fen. Wie­der­um ist sie nicht in ihrem Häus­chen ver­schwun­den, was höchst merk­wür­dig ist. — stop

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polaroidanemonen

lumen

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echo : 2.15 — Von sehr klei­nen Lam­pen wird berich­tet, die ent­wi­ckelt wor­den sein sol­len, um in leben­de Kör­per ein­ge­setzt zu wer­den, von Licht­stäb­chen prä­zi­se, deren Bat­te­ri­en aus der Fer­ne gela­den wer­den. Sie ver­fü­gen über Schal­ter, die mit blo­ßem Auge nicht zu erken­nen sind. Die­se Schal­ter nun wer­den magne­tisch bewirkt. Ich stell­te mir vor, ich wür­de 500 die­ser klei­nen Lam­pen unter der Haut mei­ner Hän­de tra­gen, wun­der­voll könnt ich leuch­ten, wann immer ich woll­te. Ja, ich soll­te bald mit mei­nen Hän­den begin­nen, zunächst einen ein­zel­nen Licht­fin­ger ver­su­chen, pro­bie­ren, ob es schmerzt, dann wei­te­re Beleuch­tung, Fin­ger um Fin­ger, die Rücken mei­ner Hän­de mit Licht beset­zen, Arme, Schul­tern, Hals. — stop

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wesen

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echo : 5.11 — In einem Pro­to­koll der Google­such­ma­schine wur­de der Hin­weis ent­deckt, dass ich am 22. Okto­ber 2013 nach einem Eich­hörn­chen namens Fran­kie gesucht haben soll. Kann mich an die­sen Such­vor­gang erin­nern. Auch mein Inter­es­se für Inge­borg Bach­mann war notiert, mei­ne Fahn­dung nach Bil­dern, die his­to­ri­sche Luft­post­schach­kar­ten zei­gen, See­ane­mo­nen­bäu­me, wie schnell sie wan­dern, was sie fres­sen, wo sie leben. Bemer­kens­wert scheint mir zu sein, dass ich über­zeugt gewe­sen war, den Pro­to­koll­dienst der Such­ma­schi­ne vor län­ge­rer Zeit bereits aus­ge­schal­tet zu haben. — stop
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ballon

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sier­ra : 0.58 — Heu­te ist es mir gelun­gen, von einem Fens­ter aus, den ers­ten Flug­kör­per mei­nes erwach­se­nen Lebens auf­stei­gen zu las­sen. Ich hat­te eine Fla­sche Heli­um bestellt, eine Samm­lung roter, kugel­för­mi­ger Foli­en­bal­lo­ne, sowie fes­ten Zwirn. Alle die­se Din­ge wur­den an dem sel­ben Tag per Post gelie­fert, ein erstaun­li­cher Vor­gang für sich. Ich notier­te also mei­ne Adres­se hand­schrift­lich auf eine Kar­te, die ich etwas spä­ter in einen trans­pa­ren­ten, was­ser­fes­ten Umschlag steck­te, sowie eine klei­ne Bot­schaft, die davon erzähl­te, dass vor­ge­fun­de­ne Kar­te, die ers­te Luft­post­kar­te gewe­sen sei, die ich über­haupt jemals abge­schickt haben wür­de. Es war Nach­mit­tag und es war noch hell. Der Bal­lon, den ich ver­suchs­wei­se mit Gas befüt­ter­te, stieg an die Decke mei­ner Küche, um von dort aus lang­sam in Rich­tung mei­nes Wohn­zim­mers zu wan­dern. Am spä­ten Abend dann, vor kur­zem, es war natür­lich dun­kel gewor­den, mein­te ich, von der Dich­te des Bal­lons über­zeugt zu sein, befes­tig­te mei­ne Kar­te, öff­ne­te das Fens­ter, und der Bal­lon stieg lang­sam auf. Er ist jetzt seit drei Stun­den unter­wegs, und selbst­ver­ständ­lich längst unsicht­bar gewor­den. — stop

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ai : TSCHECHISCHE REPUBLIK

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MENSCH IN GEFAHR : “Tatia­na Paras­ke­vich, eine Asyl­be­wer­be­rin aus Kasach­stan, befin­det sich seit mehr als 18 Mona­ten in der Tsche­chi­schen Repu­blik in Haft. Ihr droht nun die unmit­tel­ba­re Aus­lie­fe­rung in die Ukrai­ne oder die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on. In bei­den Fäl­len wird sie anschlie­ßend ver­mut­lich nach Kasach­stan zurück­ge­führt, wo ihr auf­grund ihrer Ver­bin­dun­gen zu dem kasa­chi­schen Oppo­si­tio­nel­len Mukhtar Ably­azov Fol­ter und ande­re Miss­hand­lun­gen sowie ein unfai­res Gerichts­ver­fah­ren dro­hen. / Die 49-jäh­ri­ge Tatia­na Paras­ke­vich besitzt die rus­si­sche und die kasa­chi­sche Staats­bür­ger­schaft und befin­det sich der­zeit als Asyl­be­wer­be­rin in der Tsche­chi­schen Repu­blik. Sie wur­de im Mai 2012 mit einem Haft­be­fehl von Inter­pol ver­haf­tet, als sie sich in Kar­lo­vy Vary (Karls­bad) im Nord­wes­ten Tsche­chi­ens wegen eines Herz­lei­dens medi­zi­nisch behan­deln ließ. Im Juni 2012 bean­trag­ten die ukrai­ni­schen Behör­den wegen ver­meint­li­cher Finanz­de­lik­te die Aus­lie­fe­rung von Tatia­na Paras­ke­vich. Zudem haben die rus­si­schen Behör­den ein Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen ein­ge­reicht. Der Gerichts­hof in Pil­sen hat zwei­mal gegen die Aus­lie­fe­rung von Tatia­na Paras­ke­vich in die Ukrai­ne geur­teilt: im Okto­ber 2012 und im Janu­ar 2013. Im Febru­ar 2013 ent­schied der Obers­te Gerichts­hof in Prag jedoch, dem Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen statt­zu­ge­ben. Ein anschlie­ßen­des Rechts­mit­tel vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt wur­de im Mai 2013 zurück­ge­wie­sen. Einen Monat zuvor, im April 2013, hat­te Tatia­na Paras­ke­vich Asyl bean­tragt, die Ent­schei­dung über die Asyl­ge­wäh­rung steht jedoch aus. Nach gegen­wär­ti­gem tsche­chi­schen Recht kann die Aus­lie­fe­rung eineR Asyl­be­wer­be­rIn nicht erfol­gen, solan­ge das Asyl­ver­fah­ren noch läuft. Tatia­na Paras­ke­vich befin­det sich seit über 18 Mona­ten in Pil­sen in Haft. /Die Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen der ukrai­ni­schen und rus­si­schen Behör­den sind allem Anschein nach auf die Ver­bin­dun­gen von Tatia­na Paras­ke­vich zu dem kasa­chi­schen Oppo­si­tio­nel­len Mukhtar Ably­azov zurück­zu­füh­ren. Die­ser war 2009 aus Kasach­stan geflo­hen und wur­de 2011 in Groß­bri­tan­ni­en als Flücht­ling aner­kannt. Mukhtar Ably­azov befin­det sich der­zeit in Frank­reich in Aus­lie­fe­rungs­haft. Auch er soll in die Ukrai­ne oder die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on aus­ge­lie­fert wer­den. Tatia­na Paras­ke­vich ist die ehe­ma­li­ge Geschäfts­füh­re­rin einer Invest­ment­grup­pe. Ihr wird von der ukrai­ni­schen sowie der rus­si­schen Staats­an­walt­schaft vor­ge­wor­fen, zusam­men mit Mukhtar Ably­azov Finanz­de­lik­te began­gen zu haben. Mukhtar Ably­azov ist der ehe­ma­li­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de der kasa­chi­schen BTA Bank. / Auf der Grund­la­ge des Völ­ker­rechts hat die Tsche­chi­sche Repu­blik die unein­ge­schränk­te Ver­pflich­tung, nie­man­den in ein Land aus­zu­lie­fern, in dem ihm oder ihr Ver­fol­gung oder ande­re schwe­re Men­schen­rechts­ver­bre­chen dro­hen. Dies bezieht sich auch auf die Abschie­bung in Län­der, in denen einer Per­son die Rück­füh­rung in ein ande­res Land droht, in dem sie wie­der­rum sol­chen Ver­stö­ßen aus­ge­setzt wäre. Die tsche­chi­schen Behör­den müs­sen also die Aus­lie­fe­rung von Tatia­na Paras­ke­vich in die Ukrai­ne oder die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on ver­hin­dern, denn dies wür­de einen Ver­stoß gegen die inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­ver­pflich­tun­gen Tsche­chi­ens dar­stel­len.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 2. Dezem­ber 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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unter salzbäumen

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tan­go : 2.02 — Im Traum sit­ze ich mit einem alten Mann an einem Tisch. Gro­ße Hit­ze auch im Schat­ten, den Salz­bäu­me spen­den. Wir trin­ken Kaf­fee und Was­ser, das süß ist wie Honig. Der alte Mann trägt kaki­far­be­ne Shorts, sei­ne Haut ist dun­kel, gebrannt wie Kaf­fee, hel­le, grü­ne Augen. Eine Erschei­nung, zahn­los, die nicht spricht, Haut und Kno­chen, aber ein Wesen von enor­mer Aus­dau­er. Ich höre, der alte Mann soll seit Jah­ren bereits vor die­sem Tisch sit­zen, ohne je auf­ge­stan­den zu sein. Papie­re lie­gen auf dem Tisch und auf dem Boden. Sie sind beschrif­tet, kaum leser­li­che Zei­chen. Vor dem Mann ruht ein klei­nes, schwer atmen­des Note­book. Ein­mal blickt er auf den Bild­schirm sei­ner Maschi­ne, dann wie­der auf ein Blatt Papier, das vor ihm liegt, und schreibt. Amei­sen von Metall irren im Sand her­um. Es gibt kei­nen Ton im Traum, wenn ich spre­che, ver­neh­me ich weder Gedan­ken noch Stim­me. – stop
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cloud

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ulys­ses : 2.05 — Neh­men wir ein­mal an, es wäre tat­säch­lich Mon­tag. Ein stür­mi­scher Tag. Es reg­net. Der Wind kommt von Wes­ten her. Ich gehe nach links, ich gehe mit dem Regen mit dem Wind im Rücken. Viel­leicht habe ich die Maschi­ne, die mich in mei­ner Abwe­sen­heit besuch­te, des­halb nicht gese­hen. Sie muss über einen Schlüs­sel ver­fü­gen oder über beson­de­res Geschick. Sie arbei­te­te schnell, ich war kaum drei Stun­den unter­wegs. Ich war am Bahn­hof, habe etwas Reis mit Huhn geges­sen, spa­zier­te am Fluss, viel bun­tes Laub, traf eine Freun­din, die von einer Rei­se nach Dar­je­ling erzähl­te, von den höl­zer­nen Zügen und vom Schnee, der so über­ra­schend gefal­len war, dass sie nach einer Nacht im Schlaf, vor einem Fens­ter ste­hend, ihren Augen nicht trau­te. Wie ich also nach Hau­se kom­me, seh ich auf der Stra­ße Bücher lie­gen, es waren hun­der­te Bücher, ein klei­ner Berg im Vor­gar­ten, auch in den Kro­nen der Bäu­me waren Bücher hän­gen­ge­blie­ben. Die Woh­nungs­tür war ange­lehnt, die Fens­ter im Arbeits­zim­mer geöff­net. Inmit­ten die­ses Zim­mers stand nun jene Maschi­ne, deren Kom­men ich nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Ein letz­tes Buch war in ihren Griff genom­men, rasend schnell blät­ter­te sie von einer Sei­te zur ande­ren, foto­gra­fier­te jede der Sei­ten, und schleu­der­te das Buch schließ­lich mit einer geschmei­di­gen Bewe­gung aus dem Fens­ter. Die Maschi­ne summ­te lei­se. Sie ver­füg­te über einen auf­rech­ten Gang wie ein Mensch. Ich hör­te ihre Schrit­te auf der Trep­pe. Ich schloss die Tür, auch mei­ne was­ser­fes­ten Bücher im Bad waren ver­schwun­den, Notiz­hef­te, Zet­tel­samm­lung, alles ver­schwun­den an die­sem stür­mi­schen Tag, der ein Mon­tag ist. Es reg­net. Und der Wind kommt von Wes­ten her. Noch ist es dun­kel, noch drei oder vier Stun­den wird es dun­kel sein. Gegen fünf Uhr wer­de ich die ers­te Stra­ßen­bahn hören, wie sie sich nähert, wie sie in eine Kur­ve fährt, ihr Pfei­fen, und die Stim­men schläf­ri­ger Men­schen. — stop

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floreana

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MELDUNG. Tief­see­ele­fan­ten, 105 hupen­de Rüs­sel­ro­sen, nahe Flo­reana Island gesich­tet. Man wan­dert in west­li­che Rich­tung. — stop

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ohrmuschel

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del­ta : 6.08 — Wie­der Franz Kaf­ka lesen. Das Schloss. Der Pro­zess. Men­schen vor und in den Macht­ma­schi­nen. Im Jahr 1910 notiert Kaf­ka in sein Tage­buch: Mei­ne Ohr­mu­schel fühl­te sich frisch, rauh, kühl, saf­tig an wie ein Blatt. — stop
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ferdinands letztes ende

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sier­ra : 5.52 — Vom Fer­di­nand habe ich lan­ge Zeit nichts gehört. Als ich das letz­te Mal mit ihm gespro­chen hat­te, war ich über­zeugt gewe­sen, dass er gefähr­lich gewor­den war, ver­rückt, er brüll­te her­um, sobald er bemerk­te, dass man ihm nicht län­ger zuhö­ren woll­te. Kurz dar­auf plötz­lich Stil­le. Kein Anruf, nie­mand hat­te ihn gese­hen, nie­mand erwähn­te sei­nen Namen, ich traf ihn nie­mals auf der Stra­ße, nicht im Kino, nicht in den Cafes, nicht im Thea­ter, als wär er eine Erfin­dung gewe­sen. Wenn ich an ihn dach­te, sag­te ich lei­se, gut so, viel­leicht bist du tat­säch­lich nicht län­ger hier. Bei dem Gedan­ken aber, dass er über­haupt auf­ge­hört haben könn­te zu exis­tie­ren, hat­te ich ein eigen­ar­ti­ges Gefühl, als ob ich etwas ver­säum­te, noch ein­mal ein Gespräch, ein oder zwei Fra­gen, ein Spa­zier­gang ohne zu spre­chen, eine Kor­rek­tur. Des­halb doch lei­se Freu­de, als er anrief, frag­te, ob er mich tref­fen kön­ne. Fünf Jah­re, wie die Zeit ver­geht, wie siehst Du denn aus, ken­nen wir uns noch? Ich sag­te, dass ich mich ver­mut­lich kaum ver­än­dert haben wür­de, und sofort erwi­der­te er, dass auch er sich auch kaum ver­än­dert habe, dass er noch immer der­sel­be sei, ein paar neue Zel­len, sonst aber der­sel­be. Also habe ich mich gefreut, dass Fer­di­nand noch leb­te, obwohl wir uns nicht wie­der­se­hen wer­den, weil er immer noch der­sel­be ist, weil er unver­züg­lich los­brüll­te am Tele­fon, als ich von ihm wis­sen woll­te, ob er noch immer gern betrun­ken sei. Er brüll­te also, dann leg­te er auf. Das war so, als ob er in die­sem Moment auf­hör­te zu atmen, Ruhe, Frie­den, ein still­ste­hen­des Herz. — Spä­te Nacht. Sit­ze auf einem Stuhl am Fens­ter und lese im neu­en Sal­ter­ro­man. Habe das Buch in zwei­fa­cher Aus­ga­be, einer­seits einen schwe­ren Kör­per, in dem ich blät­tern kann, ander­seits einen der­art leich­ten elek­tri­schen Kör­per, dass mein Note­book kein Gramm schwe­rer wur­de, als der Roman durch die Lei­tung zu mir gesen­det wur­de. All night in darkness the water sped past. — stop
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