ai : SUDAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Ein Anwalt befindet sich im suda­ne­si­schen Bundes­staat Süd-Darfur ohne Anklage in Haft. Er könnte gefol­tert und ander­weitig miss­han­delt werden. / Adam Sharief arbeitet als Anwalt und ist Koor­di­nator der Anwalts­ver­ei­ni­gung Darfur Bar Asso­cia­tion im suda­ne­si­schen Bundes­staat Süd-Darfur. Er wurde am 26. September fest­ge­nommen und wird ohne Anklage und Zugang zu einem Rechts­bei­stand vom suda­ne­si­schen Geheim­dienst in Nyala fest­ge­halten. / Sechs Tage vor seiner Fest­nahme gab Adam Sharief dem unab­hän­gigen Radio­sender Radio Dabanga ein Inter­view. Darin kriti­sierte er den Gouver­neur von Süd-Darfur wegen der schlechten Sicher­heits­lage in Nyala, der Haupt­stadt des Bundes­staates. Er erhob den Vorwurf, die örtli­chen Behörden würden Milizen für sich arbeiten lassen, welche die Verant­wor­tung für eine Reihe von Tötungen tragen, die in jüngster Zeit in Nyala begangen wurden. Unter anderem töteten sie Ismail Ibrahim Wadi, einen bekannten Geschäfts­mann der Region, sowie dessen Sohn und Neffen. Adam Sharief übte zudem Kritik daran, dass die Sicher­heits­kräfte am 19. September scharfe Muni­tion gegen Demons­trie­rende einsetzten, die sich am Tag der Beiset­zung von Ismail Ibrahim Wadi versam­melt hatten. Berichten zufolge wurden dabei mindes­tens fünf Menschen getötet und 48 so schwer verletzt, dass sie im Kran­ken­haus behan­delt werden mussten. / Amnesty Inter­na­tional befürchtet, dass Adam Sharief allein wegen der fried­li­chen Wahr­neh­mung seines Rechts auf freie Meinungs­äu­ße­rung inhaf­tiert wurde. Die Orga­ni­sa­tion fordert daher seine sofor­tige Frei­las­sung, sofern er keiner als Straftat aner­kannten Hand­lung ange­klagt wird.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 13. November 2013 hinaus, unter »> ai : urgent action

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turku

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MELDUNG. Turku, Maari­an­katu 3, 4. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 228 [ Marmor, Carrara : 7.01 Gramm ] voll­endet. – stop

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im gebirge

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echo : 22.02 – Vor längerer Zeit begeg­nete mir ein alter Mann im Gebirge. Ich erin­nere mich deshalb gut an ihn, weil er sehr schnell aufwärts gestiegen war. Er musste über achtzig Jahre alt gewesen sein, ich war damals Mitte dreißig, konnte ihm aber nicht folgen. Er trug ein kariertes Hemd, dessen Muster durch dichten Nebel leuch­tete, der sich langsam über den Rücken des Berges bewegte. Ameisen über­querten die stei­nigen, sehr steilen Pfade. Sie waren so leise wie die Wolken um uns her. Auch der alte Mann bewegte sich fast geräuschlos. Manchmal hörte ich einen Stein, der abwärts rollte und das Pfeifen der Dohlen von weit oben. Nach einer Weile war der alte Mann verschwunden, zwei oder drei Stunden später tauchte er in der Nähe des Gipfels wieder auf. Er saß auf einem Stein unweit des Weges. In seiner Nähe, in Sicht­weite, war an einem Felsen ein Bild­stock befes­tigt. Das Marterl beher­bergte die Schwarz­weiss­fo­to­grafie eines jungen Mannes. Ich grüsste den alten Mann und stieg weiter zum Gipfel auf. Nach einer halben Stunde machte ich mich auf den Rückweg. An der Stelle, an welcher der alte Mann gerastet hatte, rauften sich ein paar Dohlen um etwas Brot. Noch heute meine ich ihre schrillen Rufe hören zu können. – stop

polaroidorna

hirnhummeltee

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echo

~ : malcolm
to : louis
subject : HIRNHUMMELTEE
date : oct 8 13 6.11 p.m.

Am achten September, es war ein Sonntag gewesen, ein warmer, freund­li­cher Tag, erreichte Frankie Battery Park. Er hielt sich nicht lange auf unter den Bäumen, die sich bereits herbst­lich färbten, folgte der Küsten­linie, um zwei Stunden später das Schiffs­ter­minal South Ferry zu errei­chen. Bis dahin hatten wir vermutet, Frankie sei ein scheues, ein menschen­scheues Tier, doch gegen den Abend zu in der Dämme­rung, wagte sich das Eich­hörn­chen in den zentralen Saal des Gebäudes, in welchem hunderte Passa­giere auf das nächste Schiff nach Staten Island warteten. Allison warnte als Erste mittels eines Funk­spru­ches, Frankie könnte viel­leicht eines der Fähr­schiffe entern. Und genauso war es gekommen, das kleine, musku­löse Tier hastete lautlos über den blitz­blanken Boden des Termi­nals, duckte sich unter Sitz­bänken, verbarg sich in den Schatten des Abends, um von den Hunden der Küsten­wache unbe­merkt, nur von einigen Kindern stau­nend betrachtet, über den Steg an Bord der John F. Kennedy zu huschen. Hier befinden wir uns zu diesem Zeit­punkt. Es ist wieder einmal Abend geworden, der drei­ßigste Tag, an dem Frankie auf dem Fähr­schiff über die Upperbay pendelte, neigt sich dem Ende zu. Am Hori­zont, im Westen, leuchten die Hafen­kräne New Jerseys, sie blinken, mäch­tige Eisen­vögel. Auf der Prome­nade spazieren Menschen mit Foto­ap­pa­raten. Es ist ein schöner Spät­som­mer­abend. Seit vielen Stunden rollt ein Ball von einer Seite des Schiffes zur anderen. Ich werde müde, indem ich ihm mit den Augen folge. Niemand scheint sich an seiner Bewe­gung zu stören, es ist so, als würde der Ball zum Schiff gehören, als würde er schon seit vielen Jahren über das Hurri­ka­ne­deck rollen. Frankie schläft. Er ruht in einer Rettungs­weste, die unter einer Sitz­bank baumelt. Die Weste schau­kelt im leichten Seegang hin und her. – Ihr Malcolm / code­wort : hirn­hum­meltee

empfangen am
8.10.2013
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malcolm to louis »

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mohn

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delta : 6.38 – Gestern erreichte mich eine Post­karte aus Finn­land, die in einem Brief­um­schlag steckte. Ein Freund hatte sie vor fünf Tagen abge­schickt. Er notierte folgendes: Mein lieber Louis, heute, mit dieser Post­karte, wird eine neue Zeit ange­bro­chen sein. Ich habe gerade eben meine E-Mails gelöscht und meine Compu­ter­schreib­ma­schine auf den Dach­boden gestellt, weil ich in Zukunft nur noch Briefe oder Post­karten per Hand schreiben werde. Was ist das doch eine ange­nehme Vorstel­lung, dass ich mich fortan in einer ruhigen, gedul­digen Art mit Dir unter­halten könnte. Morgens der Spazier­gang vors Haus, um nach­zu­sehen, ob viel­leicht eine Antwort einge­troffen ist. Ich sollte damit beginnen, Post­wert­zei­chen zu sammeln. Erin­nerst Du Dich an den Duft der Papiere, die rau sind, sobald sie aus Indien zu uns kommen, weich, sandig, grau. Ja, ganz sicher wirst Du Dich erin­nern. Und Du wirst Dich fragen, warum ich in dieser Weise handele. Davon einmal später. Habe ich schon berichtet, dass uns endlich gelungen ist, einen blauen Panther­falter mittels einer Funk­steue­rung einmal durch den Garten unter Birken­bäumen herum zu diri­gieren? – Dein Timminen, hoch­ach­tungs­voll. ps. Umsei­tige Foto­grafie zeigt Emil Noldes Mohn aus dem Jahr 1950. – stop

polaroidmoewen

Samia Yusuf Omar

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ulysses : 0.03 – Exakt 418 Tage zurück, am Montag, dem 20. August 2012, meldeten Nach­rich­ten­agen­turen, die soma­li­sche Sprin­terin Samia Yusuf Omar sei auf dem Weg nach London zu den olym­pi­schen Spielen ertrunken. Sie reiste auf einem Flücht­lings­schiff von Libyen aus nord­wärts. Die Havarie des Bootes soll sich im Kanal von Sizi­lien nahe der Insel Malta bereits Anfang April ereignet haben. Einzige Vertre­terin ihres Heimat­landes während der olym­pi­schen Spiele 2008 in Peking, hatte sich Samia Yusuf Omar allein auf den gefähr­li­chen Weg nach Europa begeben. Sie lebte 22 Jahre. – stop / Koffer­text

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teilchen

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alpha : 2.15 – Bei uns ist es eigent­lich so: Nur wer nicht arbeitet, macht keine Fehler. Und wichtig ist A, dass man nicht denselben Fehler zweimal macht. Und, dass wenn man etwas macht, sich das über­legt hat. Es kann trotzdem falsch sein. Es kommt vor, dass wir Entschei­dungen treffen, die falsch sind, aber wenn man dann über­legt, das war der Input, den ich hatte, und daraus musste ich mir etwas über­legen, und ich habe die oder die Alter­na­tive gehabt und ich hab sie so gewählt, dann ist das in Ordnung. Und das sage ich auch immer unseren Leuten, gerade dann, wenn sie sich irgendwie nicht trauen. Du kannst Dich trauen. Du musst Dir nur über­legt haben, was Du getan hast und Du musst diese Über­le­gung vertei­digen können. Und dann ist gut. – Wolfram Zeuner / Stell­ver­tre­tender Koor­di­nator des Detek­tors Compact Muon Sole­noid / CERN im Gespräch mit Ranga Yogeshwar. – stop

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prada

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tango : 5.16 – Die Hand­ta­sche, der ich mich in der vergan­genen Nacht einge­hend widmete, ist rot und weiß und von feinstem Leder. Zwei Fächer sind in ihrem schmalen Bauch zu finden, die man mit Druck­knöpfen verschließen kann. In diesem Moment steht die Tasche auf vier metal­lenen Füßchen vor mir auf dem Schreib­tisch, Schul­ter­riemen, Trage­henkel, Außen­fä­cher, ein wirk­lich ansehn­li­ches Exem­plar, das glänzt und leicht ist. Die Tasche wiegt in nicht befülltem Zustand gerade einmal 400 Gramm, so leicht ist diese Tasche, ganz erstaun­lich. Nun habe ich Folgendes unter­nommen, ich habe zunächst in sorg­fäl­tigster Weise einen präch­tigen Haut­ballon gefaltet und in das linke Seiten­fach der Leicht­hand­ta­sche abge­legt. Es handelt sich um ein fili­granes, flug­fä­higes Natur­pro­dukt, welches aus der Schwimm­blase eines Mond­fi­sches gefer­tigt wurde. Ein feiner Schlauch, nicht sichtbar auf den ersten Blick, führt vom Hals des Ballons wiederum zu einem Siphon, in dem sich Helium befindet. Ich habe ihn, nach längerer Über­le­gung, auf der gegen­über­lie­genden Seite, im zweiten Außen­fach der Tasche unter­ge­bracht. Er verfügt über ein Ventil, welches unkon­trol­liertes Ausströmen des Gases verhin­dert, über einen Verschluss also, der mit einer sanften Finger­be­we­gung jeder­zeit geöffnet werden könnte, so dass das Gas im Bruch­teil einer Sekunde in den Ballon schießen, das Futteral des Ballons öffnen und die Hand­ta­sche mit Auftrieb ergreifen würde. Sollte ich zu diesem Zeit­punkt das Ventil der Tasche öffnen, endete ihr Flug an der Decke meines Zimmers. – Kurz vor fünf Uhr am Morgen. Schon zu spät, um inmitten der Stadt heim­lich einen Frei­luft­ver­such unter­nehmen zu können. Noch etwas schlafen darum, dann eine Spindel mit äußerst feinem, aber zugfestem Faden in der Länge von 100 Metern an der Tasche befes­tigen, dann wieder Nacht. – stop

polaroidmolluske

moskau

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MELDUNG. Zu Moskau im Lenkom Theatre, ул. Малая Дмитровка, 6, werden am kommenden Montag, 21. Oktober 2013, zwei junge Lisztäff­chen, Balduin ( 260 Gramm ) sowie Helene (188 Gramm ), öffent­lich zur Spren­gung gebracht. Zündung des männ­li­chen Tieres um 22 Uhr, Zündung des weib­li­chen Tieres um 22 Uhr 30. Eintritt frei. – stop

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echo

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echo : 2.32 – Hörte meine denkende Stimme, sie flüs­terte, als ich erwachte. Hatte den Eindruck, an einem Gedanken bereits gear­beitet zu haben, während ich noch schlief. Das war ein selt­samer Moment gewesen, weil ich immer wieder einmal beob­ach­tete, dass meine denkende Stimme weder leiser noch lauter werden kann, dass ich, zum Beispiel, im Kopf nicht zu brüllen vermag, auch wenn ichs ernst­haft versuche, es ist stets nur eine Gedan­ken­stimme, die vorgibt zu brüllen. Und doch flüs­terte es in der ersten Minute des gest­rigen Tages. Jetzt ist Freitag geworden, und ich wundere mich noch immer. – stop
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esmeralda

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tango : 22.08 – Vor zwei Tagen, später Nach­mittag, über­reichte mir ein schwer atmender Bote ein Päck­chen, auf dessen Anschrif­ten­seite mit wuch­tigen Druck­buch­staben eine Anwei­sung notiert worden war: Do not shake! Der junge Mann, viel­leicht um mich zu warnen, deutete auf die Schachtel in seiner Hand und sagte: Ich rieche, dass in diesem Päck­chen etwas lebt! Und schon war er wieder auf der Treppe verschwunden. Tatsäch­lich handelte es sich bei dem Päck­chen um einen Lebend­trans­port, der in der italie­ni­schen Hafen­stadt Tala­mone aufge­geben worden war. Eine Schnecke hockte in einer perfo­rierten Schachtel geduckt unter welken Blät­tern. Als ich das kleine Tier vorsichtig auf einen Teller setzte, machte es zunächst einen sehr müden, erschöpften Eindruck. Sein Haus schien bald vom Körper zu rutschen, auch wurde keinerlei Flucht­ver­such unter­nommen, statt­dessen saß die Schnecke nahezu ohne Bewe­gung und schaute mich an. Selbst, als ich mich mit einem Finger näherte, zog sie sich nicht in ihr Kalk­ge­winde zurück. Eine halbe Stunde lang betrach­teten wir uns geduldig. Dann war später Abend geworden, ich hatte mehr­fach tele­fo­niert, der Schnecke ein Apfel­stück­chen ange­boten, das Pack­pa­pier, in welches die Sendung einge­schlagen gewesen war, auf der Suche nach einer Botschaft oder einem Absender, einge­hend unter­sucht, und war dann kurz spazieren gegangen. Indessen hatte sich die Schnecke in Rich­tung der Südwand meiner Küche in Bewe­gung gesetzt, war von dort aus, eine schim­mernde Spur hinter­las­send, weiter zur Diele hin gewan­dert, erreichte dort den Boden, um eine halbe Stunde später mein Arbeits­zimmer zu betreten. Derart leise war die Schnecke weiter­ge­zogen, dass ich sie beinahe vergessen hätte. Dann war Samstag, der Samstag verging, zwei weitere Stück­chen Apfel, und es wurde Sonntag und wieder Abend und es begann zu regnen. In diesem Moment sitzt die Schnecke einen halben Meter hoch über dem Fußboden an der Wand meines Wohn­zim­mers. Sie scheint zu schlafen. Wiederum ist sie nicht in ihrem Häus­chen verschwunden, was höchst merk­würdig ist. – stop

nach­richten von esme­ralda »

polaroidanemonen

lumen

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echo : 2.15 – Von sehr kleinen Lampen wird berichtet, die entwi­ckelt worden sein sollen, um in lebende Körper einge­setzt zu werden, von Licht­stäb­chen präzise, deren Batte­rien aus der Ferne geladen werden. Sie verfügen über Schalter, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Diese Schalter nun werden magne­tisch bewirkt. Ich stellte mir vor, ich würde 500 dieser kleinen Lampen unter der Haut meiner Hände tragen, wunder­voll könnt ich leuchten, wann immer ich wollte. Ja, ich sollte bald mit meinen Händen beginnen, zunächst einen einzelnen Licht­finger versu­chen, probieren, ob es schmerzt, dann weitere Beleuch­tung, Finger um Finger, die Rücken meiner Hände mit Licht besetzen, Arme, Schul­tern, Hals. – stop

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wesen

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echo : 5.11 – In einem Pro­to­koll der Google­such­ma­schine wurde der Hin­weis entdeckt, dass ich am 22. Oktober 2013 nach einem Eich­hörn­chen namens Frankie gesucht haben soll. Kann mich an diesen Such­vor­gang erin­nern. Auch mein Inter­esse für Inge­borg Bach­mann war notiert, meine Fahn­dung nach Bildern, die histo­ri­sche Luft­post­schach­karten zeigen, Seeane­mo­nen­bäume, wie schnell sie wandern, was sie fressen, wo sie leben. Bemer­kens­wert scheint mir zu sein, dass ich über­zeugt gewesen war, den Proto­koll­dienst der Such­ma­schine vor längerer Zeit bereits ausge­schaltet zu haben. – stop
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ballon

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sierra : 0.58 – Heute ist es mir gelungen, von einem Fenster aus, den ersten Flug­körper meines erwach­senen Lebens aufsteigen zu lassen. Ich hatte eine Flasche Helium bestellt, eine Samm­lung roter, kugel­för­miger Foli­en­bal­lone, sowie festen Zwirn. Alle diese Dinge wurden an dem selben Tag per Post gelie­fert, ein erstaun­li­cher Vorgang für sich. Ich notierte also meine Adresse hand­schrift­lich auf eine Karte, die ich etwas später in einen trans­pa­renten, wasser­festen Umschlag steckte, sowie eine kleine Botschaft, die davon erzählte, dass vorge­fun­dene Karte, die erste Luft­post­karte gewesen sei, die ich über­haupt jemals abge­schickt haben würde. Es war Nach­mittag und es war noch hell. Der Ballon, den ich versuchs­weise mit Gas befüt­terte, stieg an die Decke meiner Küche, um von dort aus langsam in Rich­tung meines Wohn­zim­mers zu wandern. Am späten Abend dann, vor kurzem, es war natür­lich dunkel geworden, meinte ich, von der Dichte des Ballons über­zeugt zu sein, befes­tigte meine Karte, öffnete das Fenster, und der Ballon stieg langsam auf. Er ist jetzt seit drei Stunden unter­wegs, und selbst­ver­ständ­lich längst unsichtbar geworden. – stop

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ai : TSCHECHISCHE REPUBLIK

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MENSCH IN GEFAHR : “Tatiana Paras­ke­vich, eine Asyl­be­wer­berin aus Kasach­stan, befindet sich seit mehr als 18 Monaten in der Tsche­chi­schen Repu­blik in Haft. Ihr droht nun die unmit­tel­bare Auslie­fe­rung in die Ukraine oder die Russi­sche Föde­ra­tion. In beiden Fällen wird sie anschlie­ßend vermut­lich nach Kasach­stan zurück­ge­führt, wo ihr aufgrund ihrer Verbin­dungen zu dem kasa­chi­schen Oppo­si­tio­nellen Mukhtar Ably­azov Folter und andere Miss­hand­lungen sowie ein unfaires Gerichts­ver­fahren drohen. / Die 49-jährige Tatiana Paras­ke­vich besitzt die russi­sche und die kasa­chi­sche Staats­bür­ger­schaft und befindet sich derzeit als Asyl­be­wer­berin in der Tsche­chi­schen Repu­blik. Sie wurde im Mai 2012 mit einem Haft­be­fehl von Interpol verhaftet, als sie sich in Karlovy Vary (Karlsbad) im Nord­westen Tsche­chiens wegen eines Herz­lei­dens medi­zi­nisch behan­deln ließ. Im Juni 2012 bean­tragten die ukrai­ni­schen Behörden wegen vermeint­li­cher Finanz­de­likte die Auslie­fe­rung von Tatiana Paras­ke­vich. Zudem haben die russi­schen Behörden ein Auslie­fe­rungs­er­su­chen einge­reicht. Der Gerichtshof in Pilsen hat zweimal gegen die Auslie­fe­rung von Tatiana Paras­ke­vich in die Ukraine geur­teilt: im Oktober 2012 und im Januar 2013. Im Februar 2013 entschied der Oberste Gerichtshof in Prag jedoch, dem Auslie­fe­rungs­er­su­chen statt­zu­geben. Ein anschlie­ßendes Rechts­mittel vor dem Verfas­sungs­ge­richt wurde im Mai 2013 zurück­ge­wiesen. Einen Monat zuvor, im April 2013, hatte Tatiana Paras­ke­vich Asyl bean­tragt, die Entschei­dung über die Asyl­ge­wäh­rung steht jedoch aus. Nach gegen­wär­tigem tsche­chi­schen Recht kann die Auslie­fe­rung eineR Asyl­be­wer­berIn nicht erfolgen, solange das Asyl­ver­fahren noch läuft. Tatiana Paras­ke­vich befindet sich seit über 18 Monaten in Pilsen in Haft. /Die Auslie­fe­rungs­er­su­chen der ukrai­ni­schen und russi­schen Behörden sind allem Anschein nach auf die Verbin­dungen von Tatiana Paras­ke­vich zu dem kasa­chi­schen Oppo­si­tio­nellen Mukhtar Ably­azov zurück­zu­führen. Dieser war 2009 aus Kasach­stan geflohen und wurde 2011 in Groß­bri­tan­nien als Flücht­ling aner­kannt. Mukhtar Ably­azov befindet sich derzeit in Frank­reich in Auslie­fe­rungs­haft. Auch er soll in die Ukraine oder die Russi­sche Föde­ra­tion ausge­lie­fert werden. Tatiana Paras­ke­vich ist die ehema­lige Geschäfts­füh­rerin einer Invest­ment­gruppe. Ihr wird von der ukrai­ni­schen sowie der russi­schen Staats­an­walt­schaft vorge­worfen, zusammen mit Mukhtar Ably­azov Finanz­de­likte begangen zu haben. Mukhtar Ably­azov ist der ehema­lige Vorstands­vor­sit­zende der kasa­chi­schen BTA Bank. / Auf der Grund­lage des Völker­rechts hat die Tsche­chi­sche Repu­blik die unein­ge­schränkte Verpflich­tung, niemanden in ein Land auszu­lie­fern, in dem ihm oder ihr Verfol­gung oder andere schwere Menschen­rechts­ver­bre­chen drohen. Dies bezieht sich auch auf die Abschie­bung in Länder, in denen einer Person die Rück­füh­rung in ein anderes Land droht, in dem sie wiederrum solchen Verstößen ausge­setzt wäre. Die tsche­chi­schen Behörden müssen also die Auslie­fe­rung von Tatiana Paras­ke­vich in die Ukraine oder die Russi­sche Föde­ra­tion verhin­dern, denn dies würde einen Verstoß gegen die inter­na­tio­nalen Menschen­rechts­ver­pflich­tungen Tsche­chiens darstellen.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 2. Dezember 2013 hinaus, unter »> ai : urgent action

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unter salzbäumen

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tango : 2.02 – Im Traum sitze ich mit einem alten Mann an einem Tisch. Große Hitze auch im Schatten, den Salz­bäume spenden. Wir trinken Kaffee und Wasser, das süß ist wie Honig. Der alte Mann trägt kaki­far­bene Shorts, seine Haut ist dunkel, gebrannt wie Kaffee, helle, grüne Augen. Eine Erschei­nung, zahnlos, die nicht spricht, Haut und Knochen, aber ein Wesen von enormer Ausdauer. Ich höre, der alte Mann soll seit Jahren bereits vor diesem Tisch sitzen, ohne je aufge­standen zu sein. Papiere liegen auf dem Tisch und auf dem Boden. Sie sind beschriftet, kaum leser­liche Zeichen. Vor dem Mann ruht ein kleines, schwer atmendes Note­book. Einmal blickt er auf den Bild­schirm seiner Maschine, dann wieder auf ein Blatt Papier, das vor ihm liegt, und schreibt. Ameisen von Metall irren im Sand herum. Es gibt keinen Ton im Traum, wenn ich spreche, vernehme ich weder Gedanken noch Stimme. – stop
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cloud

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ulysses : 2.05 – Nehmen wir einmal an, es wäre tatsäch­lich Montag. Ein stür­mi­scher Tag. Es regnet. Der Wind kommt von Westen her. Ich gehe nach links, ich gehe mit dem Regen mit dem Wind im Rücken. Viel­leicht habe ich die Maschine, die mich in meiner Abwe­sen­heit besuchte, deshalb nicht gesehen. Sie muss über einen Schlüssel verfügen oder über beson­deres Geschick. Sie arbei­tete schnell, ich war kaum drei Stunden unter­wegs. Ich war am Bahnhof, habe etwas Reis mit Huhn gegessen, spazierte am Fluss, viel buntes Laub, traf eine Freundin, die von einer Reise nach Darje­ling erzählte, von den hölzernen Zügen und vom Schnee, der so über­ra­schend gefallen war, dass sie nach einer Nacht im Schlaf, vor einem Fenster stehend, ihren Augen nicht traute. Wie ich also nach Hause komme, seh ich auf der Straße Bücher liegen, es waren hunderte Bücher, ein kleiner Berg im Vorgarten, auch in den Kronen der Bäume waren Bücher hängen­ge­blieben. Die Wohnungstür war ange­lehnt, die Fenster im Arbeits­zimmer geöffnet. Inmitten dieses Zimmers stand nun jene Maschine, deren Kommen ich nicht wahr­ge­nommen hatte. Ein letztes Buch war in ihren Griff genommen, rasend schnell blät­terte sie von einer Seite zur anderen, foto­gra­fierte jede der Seiten, und schleu­derte das Buch schließ­lich mit einer geschmei­digen Bewe­gung aus dem Fenster. Die Maschine summte leise. Sie verfügte über einen aufrechten Gang wie ein Mensch. Ich hörte ihre Schritte auf der Treppe. Ich schloss die Tür, auch meine wasser­festen Bücher im Bad waren verschwunden, Notiz­hefte, Zettel­samm­lung, alles verschwunden an diesem stür­mi­schen Tag, der ein Montag ist. Es regnet. Und der Wind kommt von Westen her. Noch ist es dunkel, noch drei oder vier Stunden wird es dunkel sein. Gegen fünf Uhr werde ich die erste Stra­ßen­bahn hören, wie sie sich nähert, wie sie in eine Kurve fährt, ihr Pfeifen, und die Stimmen schläf­riger Menschen. – stop

polaroidfenster1

floreana

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 105 hupende Rüssel­rosen, nahe Floreana Island gesichtet. Man wandert in west­liche Rich­tung. – stop

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ohrmuschel

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delta : 6.08 – Wieder Franz Kafka lesen. Das Schloss. Der Prozess. Menschen vor und in den Macht­ma­schinen. Im Jahr 1910 notiert Kafka in sein Tage­buch: Meine Ohrmu­schel fühlte sich frisch, rauh, kühl, saftig an wie ein Blatt. – stop
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ferdinands letztes ende

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sierra : 5.52 – Vom Ferdi­nand habe ich lange Zeit nichts gehört. Als ich das letzte Mal mit ihm gespro­chen hatte, war ich über­zeugt gewesen, dass er gefähr­lich geworden war, verrückt, er brüllte herum, sobald er bemerkte, dass man ihm nicht länger zuhören wollte. Kurz darauf plötz­lich Stille. Kein Anruf, niemand hatte ihn gesehen, niemand erwähnte seinen Namen, ich traf ihn niemals auf der Straße, nicht im Kino, nicht in den Cafes, nicht im Theater, als wär er eine Erfin­dung gewesen. Wenn ich an ihn dachte, sagte ich leise, gut so, viel­leicht bist du tatsäch­lich nicht länger hier. Bei dem Gedanken aber, dass er über­haupt aufge­hört haben könnte zu exis­tieren, hatte ich ein eigen­ar­tiges Gefühl, als ob ich etwas versäumte, noch einmal ein Gespräch, ein oder zwei Fragen, ein Spazier­gang ohne zu spre­chen, eine Korrektur. Deshalb doch leise Freude, als er anrief, fragte, ob er mich treffen könne. Fünf Jahre, wie die Zeit vergeht, wie siehst Du denn aus, kennen wir uns noch? Ich sagte, dass ich mich vermut­lich kaum verän­dert haben würde, und sofort erwi­derte er, dass auch er sich auch kaum verän­dert habe, dass er noch immer derselbe sei, ein paar neue Zellen, sonst aber derselbe. Also habe ich mich gefreut, dass Ferdi­nand noch lebte, obwohl wir uns nicht wieder­sehen werden, weil er immer noch derselbe ist, weil er unver­züg­lich losbrüllte am Telefon, als ich von ihm wissen wollte, ob er noch immer gern betrunken sei. Er brüllte also, dann legte er auf. Das war so, als ob er in diesem Moment aufhörte zu atmen, Ruhe, Frieden, ein still­ste­hendes Herz. – Späte Nacht. Sitze auf einem Stuhl am Fenster und lese im neuen Salter­roman. Habe das Buch in zwei­fa­cher Ausgabe, einer­seits einen schweren Körper, in dem ich blät­tern kann, ander­seits einen derart leichten elek­tri­schen Körper, dass mein Note­book kein Gramm schwerer wurde, als der Roman durch die Leitung zu mir gesendet wurde. All night in darkness the water sped past. – stop
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