ai : SUDAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Ein Anwalt befind­et sich im sudane­sis­chen Bun­desstaat Süd-Dar­fur ohne Anklage in Haft. Er kön­nte gefoltert und ander­weit­ig mis­shan­delt wer­den. / Adam Sharief arbeit­et als Anwalt und ist Koor­di­na­tor der Anwaltsvere­ini­gung Dar­fur Bar Asso­ci­a­tion im sudane­sis­chen Bun­desstaat Süd-Dar­fur. Er wurde am 26. Sep­tem­ber festgenom­men und wird ohne Anklage und Zugang zu einem Rechts­bei­s­tand vom sudane­sis­chen Geheim­di­enst in Nyala fest­ge­hal­ten. / Sechs Tage vor sein­er Fes­t­nahme gab Adam Sharief dem unab­hängi­gen Radiosender Radio Daban­ga ein Inter­view. Darin kri­tisierte er den Gou­verneur von Süd-Dar­fur wegen der schlecht­en Sicher­heit­slage in Nyala, der Haupt­stadt des Bun­desstaates. Er erhob den Vor­wurf, die örtlichen Behör­den wür­den Milizen für sich arbeit­en lassen, welche die Ver­ant­wor­tung für eine Rei­he von Tötun­gen tra­gen, die in jüng­ster Zeit in Nyala began­gen wur­den. Unter anderem töteten sie Ismail Ibrahim Wadi, einen bekan­nten Geschäfts­mann der Region, sowie dessen Sohn und Nef­fen. Adam Sharief übte zudem Kri­tik daran, dass die Sicher­heit­skräfte am 19. Sep­tem­ber scharfe Muni­tion gegen Demon­stri­erende ein­set­zten, die sich am Tag der Beiset­zung von Ismail Ibrahim Wadi ver­sam­melt hat­ten. Bericht­en zufolge wur­den dabei min­destens fünf Men­schen getötet und 48 so schw­er ver­let­zt, dass sie im Kranken­haus behan­delt wer­den mussten. / Amnesty Inter­na­tion­al befürchtet, dass Adam Sharief allein wegen der friedlichen Wahrnehmung seines Rechts auf freie Mei­n­ungsäußerung inhaftiert wurde. Die Organ­i­sa­tion fordert daher seine sofor­tige Freilas­sung, sofern er kein­er als Straftat anerkan­nten Hand­lung angeklagt wird.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 13. Novem­ber 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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turku

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MELDUNG. Turku, Maar­i­ankatu 3, 4. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 228 [ Mar­mor, Car­rara : 7.01 Gramm ] vol­len­det. — stop

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im gebirge

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echo : 22.02 — Vor län­ger­er Zeit begeg­nete mir ein alter Mann im Gebirge. Ich erin­nere mich deshalb gut an ihn, weil er sehr schnell aufwärts gestiegen war. Er musste über achtzig Jahre alt gewe­sen sein, ich war damals Mitte dreißig, kon­nte ihm aber nicht fol­gen. Er trug ein kari­ertes Hemd, dessen Muster durch dicht­en Nebel leuchtete, der sich langsam über den Rück­en des Berges bewegte. Ameisen über­querten die steini­gen, sehr steilen Pfade. Sie waren so leise wie die Wolken um uns her. Auch der alte Mann bewegte sich fast geräusch­los. Manch­mal hörte ich einen Stein, der abwärts rollte und das Pfeifen der Dohlen von weit oben. Nach ein­er Weile war der alte Mann ver­schwun­den, zwei oder drei Stun­den später tauchte er in der Nähe des Gipfels wieder auf. Er saß auf einem Stein unweit des Weges. In sein­er Nähe, in Sichtweite, war an einem Felsen ein Bild­stock befes­tigt. Das Marterl beherbergte die Schwarzweiss­fo­tografie eines jun­gen Mannes. Ich grüsste den alten Mann und stieg weit­er zum Gipfel auf. Nach ein­er hal­ben Stunde machte ich mich auf den Rück­weg. An der Stelle, an welch­er der alte Mann gerastet hat­te, rauften sich ein paar Dohlen um etwas Brot. Noch heute meine ich ihre schrillen Rufe hören zu kön­nen. — stop

polaroidorna

hirnhummeltee

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echo

~ : mal­colm
to : louis
sub­ject : HIRNHUMMELTEE
date : oct 8 13 6.11 p.m.

Am acht­en Sep­tem­ber, es war ein Son­ntag gewe­sen, ein warmer, fre­undlich­er Tag, erre­ichte Frankie Bat­tery Park. Er hielt sich nicht lange auf unter den Bäu­men, die sich bere­its herb­stlich färbten, fol­gte der Küsten­lin­ie, um zwei Stun­den später das Schiff­ster­mi­nal South Fer­ry zu erre­ichen. Bis dahin hat­ten wir ver­mutet, Frankie sei ein scheues, ein men­schen­scheues Tier, doch gegen den Abend zu in der Däm­merung, wagte sich das Eich­hörnchen in den zen­tralen Saal des Gebäudes, in welchem hun­derte Pas­sagiere auf das näch­ste Schiff nach Stat­en Island warteten. Alli­son warnte als Erste mit­tels eines Funkspruch­es, Frankie kön­nte vielle­icht eines der Fährschiffe entern. Und genau­so war es gekom­men, das kleine, muskulöse Tier hastete laut­los über den blitzblanken Boden des Ter­mi­nals, duck­te sich unter Sitzbänken, ver­barg sich in den Schat­ten des Abends, um von den Hun­den der Küstenwache unbe­merkt, nur von eini­gen Kindern staunend betra­chtet, über den Steg an Bord der John F. Kennedy zu huschen. Hier befind­en wir uns zu diesem Zeit­punkt. Es ist wieder ein­mal Abend gewor­den, der dreißig­ste Tag, an dem Frankie auf dem Fährschiff über die Upper­bay pen­delte, neigt sich dem Ende zu. Am Hor­i­zont, im West­en, leucht­en die Hafenkräne New Jer­seys, sie blinken, mächtige Eisen­vögel. Auf der Prom­e­nade spazieren Men­schen mit Fotoap­pa­rat­en. Es ist ein schön­er Spät­som­mer­abend. Seit vie­len Stun­den rollt ein Ball von ein­er Seite des Schiffes zur anderen. Ich werde müde, indem ich ihm mit den Augen folge. Nie­mand scheint sich an sein­er Bewe­gung zu stören, es ist so, als würde der Ball zum Schiff gehören, als würde er schon seit vie­len Jahren über das Hur­rikanedeck rollen. Frankie schläft. Er ruht in ein­er Ret­tungsweste, die unter ein­er Sitzbank baumelt. Die Weste schaukelt im leicht­en See­gang hin und her. — Ihr Mal­colm / code­wort : hirn­hum­meltee

emp­fan­gen am
8.10.2013
1871 zeichen

mal­colm to louis »

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mohn

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delta : 6.38 — Gestern erre­ichte mich eine Postkarte aus Finn­land, die in einem Briefum­schlag steck­te. Ein Fre­und hat­te sie vor fünf Tagen abgeschickt. Er notierte fol­gen­des: Mein lieber Louis, heute, mit dieser Postkarte, wird eine neue Zeit ange­brochen sein. Ich habe ger­ade eben meine E-Mails gelöscht und meine Com­put­er­schreib­mas­chine auf den Dachbo­den gestellt, weil ich in Zukun­ft nur noch Briefe oder Postkarten per Hand schreiben werde. Was ist das doch eine angenehme Vorstel­lung, dass ich mich for­t­an in ein­er ruhi­gen, geduldigen Art mit Dir unter­hal­ten kön­nte. Mor­gens der Spazier­gang vors Haus, um nachzuse­hen, ob vielle­icht eine Antwort eingetrof­fen ist. Ich sollte damit begin­nen, Post­wertze­ichen zu sam­meln. Erin­nerst Du Dich an den Duft der Papiere, die rau sind, sobald sie aus Indi­en zu uns kom­men, weich, sandig, grau. Ja, ganz sich­er wirst Du Dich erin­nern. Und Du wirst Dich fra­gen, warum ich in dieser Weise han­dele. Davon ein­mal später. Habe ich schon berichtet, dass uns endlich gelun­gen ist, einen blauen Pan­ther­fal­ter mit­tels ein­er Funks­teuerung ein­mal durch den Garten unter Birken­bäu­men herum zu dirigieren? — Dein Tim­mi­nen, hochachtungsvoll. ps. Umseit­ige Fotografie zeigt Emil Noldes Mohn aus dem Jahr 1950. — stop

polaroidmoewen

Samia Yusuf Omar

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ulysses : 0.03 — Exakt 418 Tage zurück, am Mon­tag, dem 20. August 2012, melde­ten Nachricht­e­na­gen­turen, die soma­lis­che Sprint­erin Samia Yusuf Omar sei auf dem Weg nach Lon­don zu den olymp­is­chen Spie­len ertrunk­en. Sie reiste auf einem Flüchtlingss­chiff von Libyen aus nord­wärts. Die Havarie des Bootes soll sich im Kanal von Sizilien nahe der Insel Mal­ta bere­its Anfang April ereignet haben. Einzige Vertreterin ihres Heimat­landes während der olymp­is­chen Spiele 2008 in Peking, hat­te sich Samia Yusuf Omar allein auf den gefährlichen Weg nach Europa begeben. Sie lebte 22 Jahre. — stop / Kof­fer­text

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teilchen

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alpha : 2.15 — Bei uns ist es eigentlich so: Nur wer nicht arbeit­et, macht keine Fehler. Und wichtig ist A, dass man nicht densel­ben Fehler zweimal macht. Und, dass wenn man etwas macht, sich das über­legt hat. Es kann trotz­dem falsch sein. Es kommt vor, dass wir Entschei­dun­gen tre­f­fen, die falsch sind, aber wenn man dann über­legt, das war der Input, den ich hat­te, und daraus musste ich mir etwas über­legen, und ich habe die oder die Alter­na­tive gehabt und ich hab sie so gewählt, dann ist das in Ord­nung. Und das sage ich auch immer unseren Leuten, ger­ade dann, wenn sie sich irgend­wie nicht trauen. Du kannst Dich trauen. Du musst Dir nur über­legt haben, was Du getan hast und Du musst diese Über­legung vertei­di­gen kön­nen. Und dann ist gut. — Wol­fram Zeuner / Stel­lvertre­tender Koor­di­na­tor des Detek­tors Com­pact Muon Sole­noid / CERN im Gespräch mit Ran­ga Yogesh­war. — stop

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prada

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tan­go : 5.16 — Die Hand­tasche, der ich mich in der ver­gan­genen Nacht einge­hend wid­mete, ist rot und weiß und von fein­stem Led­er. Zwei Fäch­er sind in ihrem schmalen Bauch zu find­en, die man mit Druck­knöpfen ver­schließen kann. In diesem Moment ste­ht die Tasche auf vier met­al­lenen Füßchen vor mir auf dem Schreibtisch, Schul­ter­riemen, Trage­henkel, Außen­fäch­er, ein wirk­lich ansehn­lich­es Exem­plar, das glänzt und leicht ist. Die Tasche wiegt in nicht befüll­tem Zus­tand ger­ade ein­mal 400 Gramm, so leicht ist diese Tasche, ganz erstaunlich. Nun habe ich Fol­gen­des unter­nom­men, ich habe zunächst in sorgfältig­ster Weise einen prächti­gen Haut­bal­lon gefal­tet und in das linke Seit­en­fach der Leichthand­tasche abgelegt. Es han­delt sich um ein fil­igranes, flugfähiges Natur­pro­dukt, welch­es aus der Schwimm­blase eines Mond­fis­ches gefer­tigt wurde. Ein fein­er Schlauch, nicht sicht­bar auf den ersten Blick, führt vom Hals des Bal­lons wiederum zu einem Siphon, in dem sich Heli­um befind­et. Ich habe ihn, nach län­ger­er Über­legung, auf der gegenüber­liegen­den Seite, im zweit­en Außen­fach der Tasche unterge­bracht. Er ver­fügt über ein Ven­til, welch­es unkon­trol­liertes Ausströ­men des Gas­es ver­hin­dert, über einen Ver­schluss also, der mit ein­er san­ften Fin­ger­be­we­gung jed­erzeit geöffnet wer­den kön­nte, so dass das Gas im Bruchteil ein­er Sekunde in den Bal­lon schießen, das Fut­ter­al des Bal­lons öff­nen und die Hand­tasche mit Auftrieb ergreifen würde. Sollte ich zu diesem Zeit­punkt das Ven­til der Tasche öff­nen, endete ihr Flug an der Decke meines Zim­mers. — Kurz vor fünf Uhr am Mor­gen. Schon zu spät, um inmit­ten der Stadt heim­lich einen Freiluftver­such unternehmen zu kön­nen. Noch etwas schlafen darum, dann eine Spin­del mit äußerst feinem, aber zugfestem Faden in der Länge von 100 Metern an der Tasche befes­ti­gen, dann wieder Nacht. — stop

polaroidmolluske

moskau

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MELDUNG. Zu Moskau im Lenkom The­atre, ул. Малая Дмитровка, 6, wer­den am kom­menden Mon­tag, 21. Okto­ber 2013, zwei junge Lisztäf­fchen, Bal­duin ( 260 Gramm ) sowie Helene (188 Gramm ), öffentlich zur Spren­gung gebracht. Zün­dung des männlichen Tieres um 22 Uhr, Zün­dung des weib­lichen Tieres um 22 Uhr 30. Ein­tritt frei. – stop

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echo

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echo : 2.32 — Hörte meine denk­ende Stimme, sie flüsterte, als ich erwachte. Hat­te den Ein­druck, an einem Gedanken bere­its gear­beit­et zu haben, während ich noch schlief. Das war ein selt­samer Moment gewe­sen, weil ich immer wieder ein­mal beobachtete, dass meine denk­ende Stimme wed­er leis­er noch lauter wer­den kann, dass ich, zum Beispiel, im Kopf nicht zu brüllen ver­mag, auch wenn ichs ern­sthaft ver­suche, es ist stets nur eine Gedanken­stimme, die vorgibt zu brüllen. Und doch flüsterte es in der ersten Minute des gestri­gen Tages. Jet­zt ist Fre­itag gewor­den, und ich wun­dere mich noch immer. — stop
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esmeralda

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tan­go : 22.08 — Vor zwei Tagen, später Nach­mit­tag, über­re­ichte mir ein schw­er atmender Bote ein Päckchen, auf dessen Anschriften­seite mit wuchti­gen Druck­buch­staben eine Anweisung notiert wor­den war: Do not shake! Der junge Mann, vielle­icht um mich zu war­nen, deutete auf die Schachtel in sein­er Hand und sagte: Ich rieche, dass in diesem Päckchen etwas lebt! Und schon war er wieder auf der Treppe ver­schwun­den. Tat­säch­lich han­delte es sich bei dem Päckchen um einen Lebend­trans­port, der in der ital­ienis­chen Hafen­stadt Tala­m­one aufgegeben wor­den war. Eine Sch­necke hock­te in ein­er per­fori­erten Schachtel geduckt unter welken Blät­tern. Als ich das kleine Tier vor­sichtig auf einen Teller set­zte, machte es zunächst einen sehr müden, erschöpften Ein­druck. Sein Haus schien bald vom Kör­p­er zu rutschen, auch wurde kein­er­lei Fluchtver­such unter­nom­men, stattdessen saß die Sch­necke nahezu ohne Bewe­gung und schaute mich an. Selb­st, als ich mich mit einem Fin­ger näherte, zog sie sich nicht in ihr Kalkgewinde zurück. Eine halbe Stunde lang betra­chteten wir uns geduldig. Dann war später Abend gewor­den, ich hat­te mehrfach tele­foniert, der Sch­necke ein Apfel­stückchen ange­boten, das Pack­pa­pi­er, in welch­es die Sendung eingeschla­gen gewe­sen war, auf der Suche nach ein­er Botschaft oder einem Absender, einge­hend unter­sucht, und war dann kurz spazieren gegan­gen. Indessen hat­te sich die Sch­necke in Rich­tung der Süd­wand mein­er Küche in Bewe­gung geset­zt, war von dort aus, eine schim­mernde Spur hin­ter­lassend, weit­er zur Diele hin gewan­dert, erre­ichte dort den Boden, um eine halbe Stunde später mein Arbeit­sz­im­mer zu betreten. Der­art leise war die Sch­necke weit­erge­zo­gen, dass ich sie beina­he vergessen hätte. Dann war Sam­stag, der Sam­stag verg­ing, zwei weit­ere Stückchen Apfel, und es wurde Son­ntag und wieder Abend und es begann zu reg­nen. In diesem Moment sitzt die Sch­necke einen hal­ben Meter hoch über dem Fuß­bo­den an der Wand meines Wohnz­im­mers. Sie scheint zu schlafen. Wiederum ist sie nicht in ihrem Häuschen ver­schwun­den, was höchst merk­würdig ist. — stop

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lumen

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echo : 2.15 — Von sehr kleinen Lam­p­en wird berichtet, die entwick­elt wor­den sein sollen, um in lebende Kör­p­er einge­set­zt zu wer­den, von Licht­stäbchen präzise, deren Bat­te­rien aus der Ferne geladen wer­den. Sie ver­fü­gen über Schal­ter, die mit bloßem Auge nicht zu erken­nen sind. Diese Schal­ter nun wer­den mag­netisch bewirkt. Ich stellte mir vor, ich würde 500 dieser kleinen Lam­p­en unter der Haut mein­er Hände tra­gen, wun­der­voll kön­nt ich leucht­en, wann immer ich wollte. Ja, ich sollte bald mit meinen Hän­den begin­nen, zunächst einen einzel­nen Lichtfin­ger ver­suchen, pro­bieren, ob es schmerzt, dann weit­ere Beleuch­tung, Fin­ger um Fin­ger, die Rück­en mein­er Hände mit Licht beset­zen, Arme, Schul­tern, Hals. — stop

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wesen

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echo : 5.11 — In einem Pro­to­koll der Google­such­ma­schine wurde der Hin­weis ent­deckt, dass ich am 22. Okto­ber 2013 nach einem Eich­hörnchen namens Frankie gesucht haben soll. Kann mich an diesen Suchvor­gang erin­nern. Auch mein Inter­esse für Inge­borg Bach­mann war notiert, meine Fah­n­dung nach Bildern, die his­torische Luft­postschachkarten zeigen, Seeanemo­nen­bäume, wie schnell sie wan­dern, was sie fressen, wo sie leben. Bemerkenswert scheint mir zu sein, dass ich überzeugt gewe­sen war, den Pro­tokoll­dienst der Such­mas­chine vor län­ger­er Zeit bere­its aus­geschal­tet zu haben. — stop
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sier­ra : 0.58 — Heute ist es mir gelun­gen, von einem Fen­ster aus, den ersten Flugkör­p­er meines erwach­se­nen Lebens auf­steigen zu lassen. Ich hat­te eine Flasche Heli­um bestellt, eine Samm­lung rot­er, kugelför­miger Folien­bal­lone, sowie fes­ten Zwirn. Alle diese Dinge wur­den an dem sel­ben Tag per Post geliefert, ein erstaunlich­er Vor­gang für sich. Ich notierte also meine Adresse hand­schriftlich auf eine Karte, die ich etwas später in einen trans­par­enten, wasser­festen Umschlag steck­te, sowie eine kleine Botschaft, die davon erzählte, dass vorge­fun­dene Karte, die erste Luft­postkarte gewe­sen sei, die ich über­haupt jemals abgeschickt haben würde. Es war Nach­mit­tag und es war noch hell. Der Bal­lon, den ich ver­such­sweise mit Gas befüt­terte, stieg an die Decke mein­er Küche, um von dort aus langsam in Rich­tung meines Wohnz­im­mers zu wan­dern. Am späten Abend dann, vor kurzem, es war natür­lich dunkel gewor­den, meinte ich, von der Dichte des Bal­lons überzeugt zu sein, befes­tigte meine Karte, öffnete das Fen­ster, und der Bal­lon stieg langsam auf. Er ist jet­zt seit drei Stun­den unter­wegs, und selb­stver­ständlich längst unsicht­bar gewor­den. — stop

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ai : TSCHECHISCHE REPUBLIK

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MENSCH IN GEFAHR : “Tatiana Paraske­vich, eine Asyl­be­wer­berin aus Kasach­stan, befind­et sich seit mehr als 18 Monat­en in der Tschechis­chen Repub­lik in Haft. Ihr dro­ht nun die unmit­tel­bare Aus­liefer­ung in die Ukraine oder die Rus­sis­che Föder­a­tion. In bei­den Fällen wird sie anschließend ver­mut­lich nach Kasach­stan zurück­ge­führt, wo ihr auf­grund ihrer Verbindun­gen zu dem kasachis­chen Oppo­si­tionellen Mukhtar Ablya­zov Folter und andere Mis­shand­lun­gen sowie ein unfaires Gerichtsver­fahren dro­hen. / Die 49-jährige Tatiana Paraske­vich besitzt die rus­sis­che und die kasachis­che Staats­bürg­er­schaft und befind­et sich derzeit als Asyl­be­wer­berin in der Tschechis­chen Repub­lik. Sie wurde im Mai 2012 mit einem Haft­be­fehl von Inter­pol ver­haftet, als sie sich in Karlovy Vary (Karls­bad) im Nord­west­en Tschechiens wegen eines Her­zlei­dens medi­zinisch behan­deln ließ. Im Juni 2012 beantragten die ukrainis­chen Behör­den wegen ver­meintlich­er Finanzde­lik­te die Aus­liefer­ung von Tatiana Paraske­vich. Zudem haben die rus­sis­chen Behör­den ein Aus­liefer­ungser­suchen ein­gere­icht. Der Gericht­shof in Pilsen hat zweimal gegen die Aus­liefer­ung von Tatiana Paraske­vich in die Ukraine geurteilt: im Okto­ber 2012 und im Jan­u­ar 2013. Im Feb­ru­ar 2013 entsch­ied der Ober­ste Gericht­shof in Prag jedoch, dem Aus­liefer­ungser­suchen stattzugeben. Ein anschließen­des Rechtsmit­tel vor dem Ver­fas­sungs­gericht wurde im Mai 2013 zurück­gewiesen. Einen Monat zuvor, im April 2013, hat­te Tatiana Paraske­vich Asyl beantragt, die Entschei­dung über die Asyl­gewährung ste­ht jedoch aus. Nach gegen­wär­tigem tschechis­chen Recht kann die Aus­liefer­ung ein­eR Asyl­be­wer­berIn nicht erfol­gen, solange das Asylver­fahren noch läuft. Tatiana Paraske­vich befind­et sich seit über 18 Monat­en in Pilsen in Haft. /Die Aus­liefer­ungser­suchen der ukrainis­chen und rus­sis­chen Behör­den sind allem Anschein nach auf die Verbindun­gen von Tatiana Paraske­vich zu dem kasachis­chen Oppo­si­tionellen Mukhtar Ablya­zov zurück­zuführen. Dieser war 2009 aus Kasach­stan geflo­hen und wurde 2011 in Großbri­tan­nien als Flüchtling anerkan­nt. Mukhtar Ablya­zov befind­et sich derzeit in Frankre­ich in Aus­liefer­ung­shaft. Auch er soll in die Ukraine oder die Rus­sis­che Föder­a­tion aus­geliefert wer­den. Tatiana Paraske­vich ist die ehe­ma­lige Geschäfts­führerin ein­er Invest­ment­gruppe. Ihr wird von der ukrainis­chen sowie der rus­sis­chen Staat­san­waltschaft vorge­wor­fen, zusam­men mit Mukhtar Ablya­zov Finanzde­lik­te began­gen zu haben. Mukhtar Ablya­zov ist der ehe­ma­lige Vor­standsvor­sitzende der kasachis­chen BTA Bank. / Auf der Grund­lage des Völk­er­rechts hat die Tschechis­che Repub­lik die uneingeschränk­te Verpflich­tung, nie­man­den in ein Land auszuliefern, in dem ihm oder ihr Ver­fol­gung oder andere schwere Men­schen­rechtsver­brechen dro­hen. Dies bezieht sich auch auf die Abschiebung in Län­der, in denen ein­er Per­son die Rück­führung in ein anderes Land dro­ht, in dem sie wieder­rum solchen Ver­stößen aus­ge­set­zt wäre. Die tschechis­chen Behör­den müssen also die Aus­liefer­ung von Tatiana Paraske­vich in die Ukraine oder die Rus­sis­che Föder­a­tion ver­hin­dern, denn dies würde einen Ver­stoß gegen die inter­na­tionalen Men­schen­rechtsverpflich­tun­gen Tschechiens darstellen.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 2. Dezem­ber 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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unter salzbäumen

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tan­go : 2.02 — Im Traum sitze ich mit einem alten Mann an einem Tisch. Große Hitze auch im Schat­ten, den Salzbäume spenden. Wir trinken Kaf­fee und Wass­er, das süß ist wie Honig. Der alte Mann trägt kak­i­far­bene Shorts, seine Haut ist dunkel, gebran­nt wie Kaf­fee, helle, grüne Augen. Eine Erschei­n­ung, zahn­los, die nicht spricht, Haut und Knochen, aber ein Wesen von enormer Aus­dauer. Ich höre, der alte Mann soll seit Jahren bere­its vor diesem Tisch sitzen, ohne je aufge­s­tanden zu sein. Papiere liegen auf dem Tisch und auf dem Boden. Sie sind beschriftet, kaum leser­liche Zeichen. Vor dem Mann ruht ein kleines, schw­er atmendes Note­book. Ein­mal blickt er auf den Bild­schirm sein­er Mas­chine, dann wieder auf ein Blatt Papi­er, das vor ihm liegt, und schreibt. Ameisen von Met­all irren im Sand herum. Es gibt keinen Ton im Traum, wenn ich spreche, vernehme ich wed­er Gedanken noch Stimme. – stop
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cloud

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ulysses : 2.05 — Nehmen wir ein­mal an, es wäre tat­säch­lich Mon­tag. Ein stür­mis­ch­er Tag. Es reg­net. Der Wind kommt von West­en her. Ich gehe nach links, ich gehe mit dem Regen mit dem Wind im Rück­en. Vielle­icht habe ich die Mas­chine, die mich in mein­er Abwe­sen­heit besuchte, deshalb nicht gese­hen. Sie muss über einen Schlüs­sel ver­fü­gen oder über beson­deres Geschick. Sie arbeit­ete schnell, ich war kaum drei Stun­den unter­wegs. Ich war am Bahn­hof, habe etwas Reis mit Huhn gegessen, spazierte am Fluss, viel buntes Laub, traf eine Fre­undin, die von ein­er Reise nach Dar­jel­ing erzählte, von den hölz­er­nen Zügen und vom Schnee, der so über­raschend gefall­en war, dass sie nach ein­er Nacht im Schlaf, vor einem Fen­ster ste­hend, ihren Augen nicht traute. Wie ich also nach Hause komme, seh ich auf der Straße Büch­er liegen, es waren hun­derte Büch­er, ein klein­er Berg im Vor­garten, auch in den Kro­nen der Bäume waren Büch­er hän­genge­blieben. Die Woh­nungstür war angelehnt, die Fen­ster im Arbeit­sz­im­mer geöffnet. Inmit­ten dieses Zim­mers stand nun jene Mas­chine, deren Kom­men ich nicht wahrgenom­men hat­te. Ein let­ztes Buch war in ihren Griff genom­men, rasend schnell blät­terte sie von ein­er Seite zur anderen, fotografierte jede der Seit­en, und schleud­erte das Buch schließlich mit ein­er geschmei­di­gen Bewe­gung aus dem Fen­ster. Die Mas­chine summte leise. Sie ver­fügte über einen aufrecht­en Gang wie ein Men­sch. Ich hörte ihre Schritte auf der Treppe. Ich schloss die Tür, auch meine wasser­festen Büch­er im Bad waren ver­schwun­den, Notizhefte, Zet­tel­samm­lung, alles ver­schwun­den an diesem stür­mis­chen Tag, der ein Mon­tag ist. Es reg­net. Und der Wind kommt von West­en her. Noch ist es dunkel, noch drei oder vier Stun­den wird es dunkel sein. Gegen fünf Uhr werde ich die erste Straßen­bahn hören, wie sie sich nähert, wie sie in eine Kurve fährt, ihr Pfeifen, und die Stim­men schläfriger Men­schen. — stop

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floreana

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MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 105 hupende Rüs­sel­rosen, nahe Flo­re­ana Island gesichtet. Man wan­dert in west­liche Rich­tung. — stop

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ohrmuschel

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delta : 6.08 — Wieder Franz Kaf­ka lesen. Das Schloss. Der Prozess. Men­schen vor und in den Macht­maschi­nen. Im Jahr 1910 notiert Kaf­ka in sein Tage­buch: Meine Ohrmuschel fühlte sich frisch, rauh, kühl, saftig an wie ein Blatt. — stop
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ferdinands letztes ende

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sier­ra : 5.52 — Vom Fer­di­nand habe ich lange Zeit nichts gehört. Als ich das let­zte Mal mit ihm gesprochen hat­te, war ich überzeugt gewe­sen, dass er gefährlich gewor­den war, ver­rückt, er brüllte herum, sobald er bemerk­te, dass man ihm nicht länger zuhören wollte. Kurz darauf plöt­zlich Stille. Kein Anruf, nie­mand hat­te ihn gese­hen, nie­mand erwäh­nte seinen Namen, ich traf ihn niemals auf der Straße, nicht im Kino, nicht in den Cafes, nicht im The­ater, als wär er eine Erfind­ung gewe­sen. Wenn ich an ihn dachte, sagte ich leise, gut so, vielle­icht bist du tat­säch­lich nicht länger hier. Bei dem Gedanken aber, dass er über­haupt aufge­hört haben kön­nte zu existieren, hat­te ich ein eige­nar­tiges Gefühl, als ob ich etwas ver­säumte, noch ein­mal ein Gespräch, ein oder zwei Fra­gen, ein Spazier­gang ohne zu sprechen, eine Kor­rek­tur. Deshalb doch leise Freude, als er anrief, fragte, ob er mich tre­f­fen könne. Fünf Jahre, wie die Zeit verge­ht, wie siehst Du denn aus, ken­nen wir uns noch? Ich sagte, dass ich mich ver­mut­lich kaum verän­dert haben würde, und sofort erwiderte er, dass auch er sich auch kaum verän­dert habe, dass er noch immer der­selbe sei, ein paar neue Zellen, son­st aber der­selbe. Also habe ich mich gefreut, dass Fer­di­nand noch lebte, obwohl wir uns nicht wieder­se­hen wer­den, weil er immer noch der­selbe ist, weil er unverzüglich los­brüllte am Tele­fon, als ich von ihm wis­sen wollte, ob er noch immer gern betrunk­en sei. Er brüllte also, dann legte er auf. Das war so, als ob er in diesem Moment aufhörte zu atmen, Ruhe, Frieden, ein still­ste­hen­des Herz. — Späte Nacht. Sitze auf einem Stuhl am Fen­ster und lese im neuen Salter­ro­man. Habe das Buch in zweifach­er Aus­gabe, ein­er­seits einen schw­eren Kör­p­er, in dem ich blät­tern kann, ander­seits einen der­art leicht­en elek­trischen Kör­p­er, dass mein Note­book kein Gramm schw­er­er wurde, als der Roman durch die Leitung zu mir gesendet wurde. All night in dark­ness the water sped past. — stop
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