analog

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echo : 22.58 – In dem unter­ir­disch im Verbor­genen liegenden Saal, von dem ich berichte, arbeiten 5756 Menschen. Gerade eben hat die Nacht­schicht begonnen. Es ist feucht und warm, 36° Celsius, feiner warmer Regen hängt in der Luft, auch ein Rauschen viel­fäl­tiger Stimmen, die flüs­tern. Man sitzt vor sehr kleinen Tischen, welche mit dem Boden verschraubt worden sind, wie auch die Stühle, auf welchen man arbeitet in allen mögli­chen Posi­tionen. Über jedem der 5756 Tische befindet sich ein Körb­chen, dort ruhen Briefe, die scheinbar endlos von der Decke wie vom Himmel fallen. Beob­achtet man nun einen der Tische genauer und für eine gewisse Zeit, wird man bemerken, dass es sich bei der Arbeit der Menschen, die sich im Saal einge­funden haben, um die Arbeit des Brief­öff­nens handelt, keine körper­lich schwere Arbeit, weil die Luft des Saales so feucht ist, dass sich die Brief­um­schläge in den Händen der arbei­tenden Menschen wie von selbst öffnen wollen. Kaum liegen die Einge­weide eines der Briefe flach auf dem Tisch, werden sie foto­gra­fiert von allen Seiten her, um sodann wieder in ihren Umschlag gelegt und verschlossen zu werden. Eine Wolke von Kleb­stoff tritt zu diesem Zweck aus einer Düse, die sich je an der rechten Seite der Tische befindet, eine Art Rüssel, aus welchem kurz darauf ein heißer Luft­strom pfeift. Prüfende Blicke, ist alles so gefaltet und beschriftet wie vor der Öffnung gewesen? Und schon fällt der nächste Brief auf den Tisch, wird geöffnet, belichtet, verschlossen, in Form gepresst, Minute um Minute, ein Brief und noch ein Brief, gelesen wird an anderer Stelle, es ist viel zu warm hier, um noch studieren und nach­denken zu können, rasende Pulse. Da und dort fallen Sand, fallen glit­zernde Papier­herzen aus den geöff­neten Kuverts, Schlüssel, Gebets­ketten, Bank­noten, Federn, digi­tale Spei­cher­kärt­chen, auf welchen, faszi­nie­rend, weitere geheime Schrift­stücke zu entde­cken sind. – stop / Versuchs­an­ord­nung
polaroidlesender

marlen

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sierra

~ : oe som
to : louis
subject : MARLEN
date : nov 03 13 8.15 p.m.

Zum ersten Mal in diesem Herbst ist Schnee gefallen. Sehr helles Licht am Nach­mittag, aber die Sonne war nicht zu sehen gewesen. Wolken, feines Gewebe, berührten das Wasser, als sie sich lösten, begann es zu schneien. – Vergan­gene Woche ist Marlen an Bord gekommen. Sie wird sich Noe kommende Woche in einem schweren Taucher­anzug nähern. Wir haben darüber gespro­chen, ob sie nicht einige Tage in der Tiefe bleiben sollte, ein Gespräch führen Auge in Auge. Sie scheint sich zu fürchten vor der Enge, die sie erwartet, eine fröh­liche, junge Frau. Sie verbringt Stunden Zeit damit, das Wasser zu beob­achten, das fast ohne Bewe­gung zu sein scheint. Aber es ist eine starke Strö­mung aufge­kommen, wir haben zwei Motoren ange­worfen, um unsere Posi­tion halten zu können, das Schiff bebt. Noe berichtet, dass er uns in der Tiefe hören könne. Noch weiß er nicht, dass er bald Besuch bekommen wird. Er liest in diesen Tagen Walter Benja­mins Geschichten einer Berliner Kind­heit, sehr langsam. Dann wieder, nach Pause, Noes Selbst­ge­spräch: Lange Zeiten ohne einen Gedanken ohne einen Wunsch ohne eine Erin­ne­rung. Der Blick ins Wasser. Zarte Finger von Licht. Höre das Geräusch der Luft. Wünschte ich hätte eine Uhr. – Ahoi, lieber Louis, DEIN OE SOM – stop

gesendet am
3.11.2013
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gedächtnis

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charlie : 3.55 – Einige meiner Bücher scheinen über ein geheimes Gedächtnis zu verfügen. Wenn ich ein Buch mit Gedächtnis nach Jahren aus dem Regal nehme und auf einen Tisch lege, öffnet es sich einwenig, ein Raum entsteht, als würde das Buch nach einem Finger rufen, der genau in diesen Raum hinein­fassen soll. Ich lese dort Sätze, die mir vertraut sind, viel­leicht, weil ich sie oft wieder­holte, woran sich das Buch noch immer erin­nert. Vor kurzem öffnete sich ein Bänd­chen Elias Canettis genau in dieser Weise. Entdeckte: Es ist das Gute an Aufzeich­nungen, dass sie frei von Berech­nung sind. Sie sind zu rasch, sie hatten kaum Zeit, der Kopf, in dem sie entstanden sind, konnte noch nicht fragen, wozu sie zu gebrau­chen wären. – stop
ping

regenschirm

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hima­laya : 1.32 – Ich stellte mir einen Schrift­steller des digi­talen Zeit­al­ters vor, der täglich öffent­lich Gedanken in digi­taler Weise notiert. Geschichten, die sich nicht immer tatsäch­lich ereignet haben müssen. Einmal sitzt er vor der Schreib­ma­schine, er bewegt sich nicht, scheint müde zu sein, nieder­ge­schlagen. Wenige Stunden zuvor hatte er bemerkt, dass er sich fürch­tete. Den ganzen Tag über versuchte er diese Erkenntnis wie ein Geheimnis vor sich selbst zu verste­cken. Es ging um nicht anderes, als um seinen Wunsch, einen Satz oder Gedanken des ameri­ka­ni­schen Jour­na­listen Daniel Ells­berg zu zitieren. Dieser Gedanke war ein nicht sehr kompli­zierter Gedanke, 34 Zeichen, aber einer, der in der Nähe eines Namens sich entfal­tete, dessen Zeichen­folge sicher von geheimen Robots bemerkt werden würde, einem Namen, der einem Signal­feuer ähnelt. Der Gedanke geht so: Secrecy corrupts, just as power corrupts. Der Schrift­steller, der sich eigent­lich für eine mutige Person gehalten hatte, entdeckte sein Unbe­hagen ange­sichts der Möglich­keit, aufzu­fallen, indem er den Namen Daniel Ells­bergs in seinen Text einfügen würde. Er sass auf einem harten Stuhl vor seinem Schreib­tisch. Regen pras­selte gegen die Scheiben des Zimmers. Er wartete eine halbe Stunde. Dann stand er auf, warf sich seinen Mantel über, holte einen Regen­schirm aus dem Schrank und ging spazieren. Nach fünf Stunden kehrte er zurück und setzte sich wieder vor die Schreib­ma­schine. – stop
polaroidmalerei

schwarzweißballone

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india : 6.52 – Auf einer Schwarz­weiß­fo­to­grafie, die ich in den Maga­zinen meines Vaters entdeckte, sind Wanderer im Gebirge zu sehen. Die Aufnahme wurde irgend­wann in den 20er Jahren des vergan­genen Jahr­hun­derts gefer­tigt, 1926 oder 1928, undeut­liche Schrift­zei­chen verhin­dern genauere Bestim­mung. Ich hatte ein Vergrö­ße­rungs­glas zu Hilfe genommen, um in die Tiefe der Foto­grafie vordringen zu können. Acht Menschen sind zu erkennen, einige lachen, andere scheinen doch erschöpft zu sein. Sie sind in der Phase des Aufstieg fest­ge­halten. Ein sehr steiler Pfad. Jenseits dieses Pfades ein Abgrund. Die Wanderer haben Stöcke in der Hand, Hüte auf dem Kopf, feste, schwere Schuhe an den Füßen. Bemer­kens­wert ist, dass sie keine Ruck­säcke auf dem Rücken tragen. Im Bild­aus­schnitt sind außerdem keine Träger zu sehen, weder Mulis noch Pferde, statt­dessen einige Stein­böcke am oberen Bild­rand. Dort vor allem Felsen, kein Himmel, einige Latschen­kie­fern. Ich legte die Foto­grafie zur Seite. Einige Zeit später bemerkte ich unter weiteren Foto­gra­fien, eine zweite Schwarz­weiß­fo­to­grafie der Wander­gruppe. Sie hatte nun einen Grat erreicht, Himmel ist zu sehen, Himmel ohne Wolken. Einer der Männer deutet abwärts ins Tal. Die Gruppe scheint insge­samt ange­halten zu haben. Sie besteht noch immer aus acht Personen. Über diesen Personen schweben helle Ballone, die mit den Menschen verbunden gewesen sein müssen, da sie sich je in derselben Höhe über den Köpfen der Wanderer befinden. Unter den Ballonen hängen Körb­chen, in welchen sich Waren befinden, die nur undeut­lich aus dem Pixel­sand des Bildes treten, Ahnungen. Ich hatte Ballone dieser Art bis dahin weder mit eigenen Augen gesehen, noch hatte ich je von der Erfin­dung flie­gender Ruck­säcke gehört. Die Foto­gra­fien waren ohne jede Beschä­di­gung, nur etwas gewölbt, als wären sie für kurze Zeit feucht geworden. Keine Hinweis auf Ort oder Urheber der Arbeiten. Viel­leicht Aufnahmen meines Groß­va­ters, den ich nie persön­lich kennen­ge­lernt habe, Aufnahmen, die wenige Jahre vor der Geburt meines Vaters ange­fer­tigt sein müssten. Sie schweben nun selbst frei, ohne lebende Zeugen, wie Ballone in der Zeit herum. – stop
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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land mel­det fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ See­fahrt – 21, Luft­fahrt — 57, Auto­mo­bile — 4522 ], Gruß­bot­schaf­ten in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert — 2, 19. Jahr­hun­dert – 77, 20. Jahr­hun­dert – 21 , 21. Jahr­hun­dert — 68555 ], phy­si­cal memo­ries [ bespielt — 144, gelöscht : 33 ], Rotor-Chif­frier­ma­schinen [ Enigma A 2171 A : 2 ], Dia­ries [ Mouitsu 2001 : 1, Leander Krippner 1958 — 1965: 1 ] Öle [ 8.3 Ton­nen ], Pro­the­sen [ Herz — Rhyth­mus­be­schleu­ni­ger – 12, Knie­ge­lenke – 32, Hüft­ku­geln – 654, Bril­len – 1655 ], Schuhe [ Grö­ßen 28 – 39 : 43, Grö­ßen 38 — 45 : 548 ], Kühl­schränke [ 12 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Tau­cher – 5, mit Tau­cher – 12 ], Engels­zun­gen [ 16 ] | stop |

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PRÄPARIERSAAL : tonspule

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sierra : 2.36 – Tonspule 68. Michael erzählt: > Ich beob­achte, dass ich meinen leben­digen Körper mit dem toten Gewebe vor mir auf dem Tisch vergleiche. Ich lege Nerven, Muskeln und Gefäße einer Hand frei, bestaune die Fein­heit der Gestal­tung, über­lege wie exakt das Zusam­men­spiel dieser anato­mi­schen Struk­turen doch funk­tio­nieren muss, damit ein Mensch Klavier spielen, greifen, einen anderen Menschen strei­cheln kann, wie umfas­send die Inner­va­tion der Haut, um Wärme, Kälte, verschie­dene Ober­flä­chen erfühlen, ertasten zu können. Immer wieder pendelt mein Blick zwischen meiner leben­digen und der toten Hand hin und her. Ich bewege meine Finger, einmal schnell, dann wieder langsam, ich schreibe, ich notiere, was ich zu lernen habe, bis zur nächsten Prüfung am Tisch, und beob­achte mich in diesen Momenten des Schrei­bens. Abends treffen wir uns in der Biblio­thek hier gleich um die Ecke und lernen gemeinsam. Vor allem vor den Testaten werden die Nächte lang. Ich kann zum Glück gut schlafen. Unsere Assis­tentin ist eine junge Ärztin, die noch nicht vergessen hat, wie es für sie selbst gewesen war im Saal. Sie ist immer sehr warm und freund­lich zu uns. Aber natür­lich achtet sie streng auf die Einhal­tung der Regeln, kein Handy, kein Kaugummi im Mund, ange­mes­sene Klei­dung. Manchmal versam­melt sie uns und wir proben am Tisch stehend das nahende Testat, es gibt eigent­lich kaum einen Tag, da wir nicht von ihr befragt werden, das erhöht natür­lich unsere Aufmerk­sam­keit und Konzen­tra­tion enorm. Einmal erzählte sie uns eine Geschichte, die mich sehr berührte. Sie sagte, ihre Mutter sei sehr stolz, dass sie eine Ärztin geworden ist. Sie habe ihr einge­schärft: Was Du gelernt hast, kann Dir niemand mehr nehmen. Aber natür­lich, als wir die feinen Blut­ge­fässe betrach­teten, die unser Gehirn mit Sauer­stoff versorgen, wurde mir bewusst, dass wir doch auch zerbrech­lich sind, dass unser Leben sehr plötz­lich zu Ende gehen kann. Im Moment will ich daran aber nicht denken. Ich bin froh hier sein zu dürfen, ich habe lange darauf gewartet. Manchmal gehe ich durch den Saal spazieren. Wenn ich Lungen­flügel betrachte, oder Herzen, oder Kehl­köpfe, Lage und Verlauf einzelner Struk­turen, dann erkenne ich, dass im Allge­meinen alles das, was in dem einen Körper anzu­treffen ist, auch in dem anderen entdeckt werden wird, kein Körper jedoch ist genau wie der andere, damit werde ich in Zukunft zu jeder­zeit rechnen. – stop
polaroidfähre

nachtaugen

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tango : 0.58 – Ja, wenn ich sage: meine schla­fenden Augen, spreche ich von Augen, die ICH nie gesehen habe. – stop. Acht Uhr acht­und­fünfzig in Tacloban, Phil­ip­pinen. – stop
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manitoba

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delta : 2.15 – Vor wenigen Minuten erreicht mich eine E-Mail. Ein Freund notiert, er habe von der kana­di­schen Firma Metromelt Inc. vor langer Zeit bereits einen Auftrag erhalten, der sehr anspruchs­voll sei. Es ginge darum, eine Vorrich­tung zu konstru­ieren, die in der Lage sei, Infor­ma­tion der Wetter­dienste so zu bear­beiten, dass sie mittels eines spezi­ellen Funk­ge­rätes in die Gehirne schla­fender Ange­stellter gesendet werden könnten. Diese Ange­stellten seien zuständig für die Alar­mie­rung zahl­rei­cher Schnee­räum­ko­lonnen in den Provinzen British Columbia sowie Mani­toba. Insbe­son­dere sei es notwendig, Mess­fühler, die der Konzern in den betrof­fenen Gebieten instal­liert habe, auszu­lesen und zu analy­sieren, um zu einem defi­nierten Zeit­punkt, Träume von Schnee in den Schlaf­kam­mern der Ange­stellten des Unter­neh­mens zu erzeugen, sodass sie, einem Reflex folgend, inmitten der Nacht unver­züg­lich erwa­chen und zu ihren Tele­fonen greifen würden. Mein Freund berich­tete, er habe seinen Auftrag­ge­bern ange­boten, ein System zu formu­lieren, das geeignet sei, im Falle von Schnee, Glocken­werke in Betrieb zu setzen, die jeden der schnee­räu­menden Ange­stellten unmit­telbar und recht­zeitig wecken würden. Diesen seinen Vorschlag habe man abge­lehnt. Nun wüsste er nicht weiter, er trage seit Wochen ein ungutes Gefühl mit sich herum. – Zwei Stunden nach Mitter­nacht. 3° Celsius Außen­tem­pe­ratur. Erste Gedanken. – stop
ping

amsterdam

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india : 5.28 – Eine absurde Geschichte könnte in diesen Tagen ihren Anfang nehmen oder ihren Anfang längst genommen haben. Sie ist schnell erzählt. Eine E-Mail­bot­schaft wird von gehei­mer­weise forschender Behörde abge­fangen. Die Botschaft ist aufwendig verschlüs­selt. Weil man verschlüs­selte Nach­richten nicht unver­züg­lich dechif­frieren kann, wird die Depe­sche in einem riesigen Daten­spei­cher aufge­nommen, das heißt, nicht die Nach­richt selbst, aber eine Kopie dieser Nach­richt. Unver­züg­lich nehmen Rechen­ma­schinen, die sehr schnell zu denken in der Lage sind, ihre spezi­elle Arbeit der Entschlüs­se­lung auf. Die Nach­richt scheint auf den ersten Blick nicht sehr komplex zu sein. Vermut­lich sind vier oder fünf Sätze enthalten. Genau lässt sich das nicht bestimmen, auch Satz­zei­chen und Leer­räume sind verschlüs­selt wie die Buch­staben der Nach­richt selbst. 2700 Jahre vergehen. Hunderte Rechen­ma­schinen haben zum Zweck der Deko­die­rung routi­niert gerechnet, Maschinen, die von Genera­tion zu Genera­tion schneller und schneller wurden. An einem Sonntag, 4713 nach Christi Geburt, meldet eines der rech­nenden Systeme mittels zarten Glocken­ge­räu­sches, die Nach­richt liege nun in verständ­li­cher Fassung vor. Uralte Sprache, nieder­län­di­sche Sprache, aber lesbar, das heißt, gleich­wohl über­setzbar. Jene Nach­richt, die von Jan Vermeer an Sanne Kesten im November des Jahres 2013 gesendet wurde, lautet so: Mon Chérie, komme Samstag nach Amsterdam. Gleis 8. 22 Uhr 07. Zähle die Stunden. Dein Jan – stop

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hummingbird

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echo : 22.01 – Spät­nach­mit­tags höre ich zwei Männer im Trep­pen­haus. Sie arbeiten sich sehr langsam zu mir unter das Dach hinauf, fluchen, machen immer wieder Pausen. Ich erkenne eine kräf­tige Hand, die sich am Trep­pen­ge­länder fest­hält. Nach einer halben Stunde sind sie ange­kommen, tragen gemeinsam ein Päck­chen, das nicht größer ist, als ein Behälter für Kinder­schuhe. Als ich meine Hände ausstrecke, wollen sie mir das Päcken nicht über­geben, es sei zu schwer, sie treten in die Wohnung ein und stellen das Päck­chen auf meinen Küchen­tisch. Tatsäch­lich ist ein knar­rendes Geräusch zu vernehmen, als würde der Tisch Mittei­lung machen. Das Päck­chen ist so schwer, dass es sich mit dem Tisch zu verbinden scheint, es lässt sich nicht verschieben. Also, beuge ich mich über den Tisch und schnüre das Päck­chen auf. Brief­marken, Vogel­ge­mälde, sind zu erkennen, hand­schrift­lich wurde mit großen Buch­staben mein Name aufge­tragen, kein Absender, aber ein Stempel der Marshall­in­seln. Ich erin­nere mich, dass sich in dem Päck­chen eine metal­lene Dose befand. In den Deckel der Dose einge­stanzt, folgender Schriftzug: humming­bird T778X / puzzle 100000 pieces. Sehr kleine, mit bloßem Auge kaum noch zu unter­schei­dende Teil­chen, die wie eine Flüs­sig­keit wirkten, befanden sich in dem Trans­port­be­hälter. Ich holte einen Löffel und schöpfte einige Teil­chen heraus, schüt­tete sie auf den Tisch und begann sie unter meinem Mikro­skop zu drehen und zu wenden. Ich wusste in diesem Moment, ich träumte, dass ich nun sofort für immer verschwinden könnte. – stop
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ai : SPANIEN

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MENSCH IN GEFAHR : “Im Fall von Alek­sandr Pavlov wurde dem Auslie­fe­rungs­er­su­chen der kasa­chi­schen Behörden erneut statt­ge­geben, obwohl glaub­wür­dige Beweise vorliegen, dass ihm nach seiner Rück­kehr nach Kasach­stan Folter droht. Die endgül­tige Entschei­dung über die Auslie­fe­rung von Alek­sandr Pavlov liegt nun bei der spani­schen Regie­rung. / Der 37-jährige Alek­sandr Pavlov ist kasa­chi­scher Staats­bürger und hat in Spanien einen Antrag auf Asyl gestellt. Er befindet sich derzeit in der spani­schen Haupt­stadt Madrid in Haft. Am 8. November prüfte und bewil­ligte das zentrale Gericht zur Verfol­gung schwerer Straf­taten (Audi­encia Nacional) den Auslie­fe­rungs­an­trag der kasa­chi­schen Behörden und bestä­tigte damit die Entschei­dung der Zweiten Straf­kammer des Gerichts vom 23. Juli. Die endgül­tige Entschei­dung über das Auslie­fe­rungs­er­su­chen wird vom spani­schen Minis­terrat getroffen. Dieser könnte die Entschei­dung des zentralen Gerichts aufheben. Auf natio­naler Ebene sind in Alek­sandr Pavlovs Fall alle Rechts­mittel erschöpft. Sollte er nach Kasach­stan zurück­ge­führt werden, drohen ihm Folter und andere Miss­hand­lungen sowie ein unfaires Gerichts­ver­fahren. / Amnesty Inter­na­tional ist der Ansicht, dass das Auslie­fe­rungs­er­su­chen der kasa­chi­schen Behörden mit Alek­sandr Pavlovs Verbin­dungen zu dem Oppo­si­ti­ons­führer Mukhtar Ably­azov zusam­men­hängt. Mukhtar Ably­azov war 2009 aus Kasach­stan geflohen und wurde 2011 in Groß­bri­tan­nien als Flücht­ling aner­kannt. Alek­sandr Pavlov war zuvor einige Jahre lang als Sicher­heits­chef von Mukhtar Ably­azov tätig gewesen. Es hat in Kasach­stan einige Fälle gegeben, in denen straf­recht­liche Verfahren gegen poli­tisch oder zivil­ge­sell­schaft­lich aktive Personen mit deren Verbin­dungen zu Mukhtar Ably­azov und seinen regie­rungs­kri­ti­schen Ansichten in Zusam­men­hang gebracht worden sind. Trotz der Zusi­che­rung der Regie­rung, das Problem der Folter und Miss­hand­lung von Inhaf­tierten in Kasach­stan erfolg­reich ange­gangen zu sein, wird nach wie vor über derar­tige Fälle berichtet. / Gemäß dem Völker­recht ist Spanien verpflichtet, niemanden in ein Land zurück­zu­führen, in dem ihm oder ihr Verfol­gung oder andere schwere Menschen­rechts­ver­let­zungen bzw. -verstöße drohen. Die spani­schen Behörden dürfen Alek­sandr Pavlov daher nicht an Kasach­stan auslie­fern oder ihn auf andere Weise dorthin über­stellen, da sie damit gegen ihre inter­na­tio­nalen menschen­recht­li­chen Verpflich­tungen verstoßen würden. Er darf den kasa­chi­schen Behörden auch dann nicht über­geben werden, wenn diese diplo­ma­ti­sche Zusi­che­rungen machen, ihn nicht zu foltern, in anderer Weise zu miss­han­deln oder in einem unfairen Verfahren zu verur­teilen.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 20. Dezember 2013 hinaus, unter »> ai : urgent action

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batavia

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ginkgo : 22.16 – Ich bin nahe daran, mich an die Exis­tenz der Schnecke Esme­ralda zu gewöhnen, die am 20. Oktober in der Gestalt eines Geschenks zu mir gekommen war. Es ist so, dass ich nun behutsam durch meine Wohnung laufe, auch niemals im Dunkeln, Esme­ralda könnte viel­leicht gerade über den Boden wandern. Alle Türen stehen offen, manchmal muss ich längere Zeit nach der kleinen Schnecke suchen. Heute Morgen saß sie an der Decke meines Arbeits­zim­mers, das war zum ersten Mal, ich entdeckte sie nach einer Stunde, ich hatte sogar hinter den Kühl­schrank geschaut, einen Tisch, drei Lampen, Stühle und zwei Kommoden verrückt. Eine Schnecke mit einem Schne­cken­haus auf dem Rücken, erscheint als äußerst zerbrech­li­ches Wesen, gerade dann, wenn sie über einem Abgrund wandelt. Eine halbe Stunde beglei­tete ich Esme­ralda auf ihrem Weg von Ost nach West. Ich hörte, wie ich mit ihr sprach. Esme­ralda, sagte ich, Esme­ralda! Hielt indessen einen Hut in der Hand, um Esme­ralda im Notfall auffangen zu können. Gegen den Abend zu, sie hatte eine Weile in einem Meter Höhe an der Wand neben meinen Büchern ausge­ruht, erreichte sie den Boden, kroch von West nach Ost quer durch mein Zimmer, um an der gegen­über­lie­genden Wand wieder zur Decke hin aufzu­steigen. Ich lockte mit einem Stück­chen Apfel, vergeb­lich. Ich zog Esme­ralda an ihrem Häus­chen von der Wand, setzte sie in der Küche neben einem Blatt Bata­via­sa­lates ab, auch das war nicht erfolg­reich gewesen. Esme­ralda wendete unver­züg­lich, klet­terte vom Tisch, um am späten Abend genau jenen Ort wieder zu errei­chen, den sie zuvor einge­nommen hatte. Nach wie vor wundere ich mich darüber, dass Esme­ralda ihr Gehäuse wie ein Schmuck­stück auf dem Rücken zu tragen pflegt. Ich habe noch nie wahr­ge­nommen, dass sie sich in ihr Häus­chen zurück­ge­zogen hätte. Ihr Körper ist feucht, ihre Stiel­augen sinken manchmal zu Boden, das ist der Moment, da sie zu schlafen scheint. – stop

nach­richten von esme­ralda »

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innenohrmuscheln

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echo : 6.22 – Ludwig, der mich gestern Abend besuchte, hatte einen kleinen Rausch mitge­bracht, an dem wollte er voran­ar­beiten. Er hatte darum eine Flasche billigen Cognacs in eine Papier­tüte gesteckt, um sie den Abend über an seinem Bauch zu wärmen. Wenn er ab und zu einen Schluck aus der Flasche nahm, machte er seine Augen zu Schlitzen, er konnte dann nicht mehr sehen, obwohl er eigent­lich nichts schme­cken wollte. Es war ein lustiger Abend, einmal schlief Ludwig ein im Bad, ich weckte ihn und führte ihn zurück in die Küche. Das war gegen 22 Uhr gewesen. Ich konnte zu diesem Zeit­punkt keine Beweise dafür finden, dass Ludwig mir noch immer zuhörte oder mich über­haupt noch hören konnte. Aber sich selbst schien er noch wahr­nehmen zu können. Wörter entgleisten, die Sätze, die seine Geschichten erzählten, waren jedoch mittels Kombi­na­tion verständ­lich. Um kurz vor Mitter­nacht berich­tete Ludwig von einer Frau, die er einmal liebte. Sie wohnte lange Zeit in Lissabon, was sie dort machte, wovon sie lebte, wusste Ludwig nicht zu berichten, aber dass sie über beson­dere Ohren verfügte. In ihren Ohrmu­scheln links und rechts sollen sich weitere kleine Ohrmu­scheln befinden, exakt in der selben Form ange­legt, nur eben kleiner. Aber nicht genug damit, wenn man mit einer Taschen­lampe in die Innen­ohr­mu­scheln der Frau leuch­tete, waren ein weiteres Paar noch klei­nerer Ohrmu­scheln zu entde­cken. Das war eine sehr seltene atomi­sche Erschei­nung. Als ich wissen wollte, wie sich Ludwig impli­zierte Muschel­fo­ma­tionen erklärte, war der verliebte Mann bereits einge­schlafen. Er saß vor meinem Küchen­tisch, die Flasche war geleert, der Kopf auf seine schmale Brust gesunken, so schlief er, ohne vom Stuhl zu fallen. Als ich am frühen Morgen die Küche betrat, saß er noch immer in dieser Haltung am Tisch. Beinahe hätte ich ihn für ein Kunst­werk gehalten, für eine beklei­dete Gips­figur: Trin­kender Freund. Aber Ludwig atmete. Der Atem war flach. Es war ein Atem, der gerade noch zum Leben reichte. Ich musste Ludwig wecken, ich musste ihn wecken, um nicht schuldig zu werden. – Guten Morgen. Es ist Montag. – stop
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im telefon

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nordpol : 6.55 – Ich habe eine lustige Geschichte erlebt. In dieser Geschichte kommen ein Mädchen vor, die Mutter des Mädchens, die meine Schwester ist, ein Telefon, ein Foto­ap­parat, ein Fahrrad, das pink ist, und ich. Die Geschichte ereig­nete sich vor wenigen Tagen abends. Das Mädchen rief mich an. Sie sagte ihren Namen und dann erzählte sie einfach darauf los, zum Beispiel, dass sie ein Fahrrad besitze, das pink­farben ist, und dass sie mit dem Fahrrad schon alleine herum­fahren könne, ohne umzu­fallen, und zwar durch den Wald. Plötz­lich spricht sie nicht mehr, es ist still, aber ich höre sie atmen. Ich denke noch: Vor wenigen Monaten konnte sie nicht so gut erzählen, wie rasend schnell das geht, dass sich die Wörter formieren. Das Mädchen erzählte jetzt in ganzen Sätzen, es scheint so zu sein, dass sie nun, da sie über ganze Sätze verfügen kann, endlich alle ihre Geschichten sofort erzählen möchte. Eine helle, fröh­liche Stimme. Aber dann doch diese selt­same Stille am Telefon, nur ihr Atem. Ich frage: Bist Du noch dran? Hallo! Kannst Du mich hören? Aber das Mädchen antwortet nicht. Immer noch ihr Atmen. Nach einer Minute plötz­lich wieder ihre Stimme. Ich erfahre, dass ihre Mutter sie gerade foto­gra­fiert, wie sie mit mir tele­fo­niert. Ich sage: Das freut mich. Wunderbar, wir werden foto­gra­fiert, Du und ich, ich bin in dem Telefon. Wieder Stille. Ein Pause. Eine sehr kurze Pause. Sagt das Mädchen: Quatsch mit Sauce. – stop
ping

landungsbrücken

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ginkgo : 6.55 – M. ist verschwunden. Freunde suchen nach ihm. Sie rufen bei mir an und fragen, ob er viel­leicht bei mir unter­ge­kommen sein könnte. Ich habe M. seit zwei Jahren weder gesehen noch von ihm gehört. Dass er unter­ge­taucht sein könnte, wundert mich nicht. Ich erin­nere mich gut an ihn. Er hatte kein Geld, war wirk­lich arm. Einmal erwähnt er, er habe seit einigen Jahren kein einziges Buch zu Ende gelesen. Auch sei er niemals in einer Buch­hand­lung gewesen. Trotzdem habe er sehr viel gelesen. Er mache das so. Er lade sich Lese­proben auf sein Lese­gerät aus dem Internet. Diese Proben lese er dann immer wieder, es ginge ihm um den Klang der Sprache, nicht so sehr um die Geschichten selbst. Er suche regel­recht nach Lese­proben, die frei verfügbar sind. Er habe zur Zeit über 6000 erste Seiten gespei­chert, die sich in seinem Kopf wie Landungs­brü­cken verhielten. Er spaziere einige Satz­meter weit aufs Meer hinaus, dann gehe es nicht weiter, das feste Land sei entfernt und sehr viel Raum vorhanden, in welchen man sich stürzen und davon­schwimmen könne. – stop
polaroidversuche

sturmvögel

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ulysses : 0.01 – Mein Vater erzählte, wenn man ernst­haft an etwas arbeite, würde man auch nachts damit beschäf­tigt sein. Einmal sei an einem riesigen, sehr schnellen Computer im Kern­for­schungs­zen­trum CERN bei Genf, der mittels tausender Kabel­ver­bin­dungen an weitere Computer geknüpft gewesen war, ein Kabel verse­hent­lich oder mit Vorsatz aus seinem Stecker gezogen worden. Tage­lang seien sie damals auf Knien unter­wegs gewesen, um das lose Kabel aufzu­spüren, dessen sorg­lose Exis­tenz ohne Angabe des Ortes auf einem Bild­schirm ange­zeigt wurde. Er habe, sagte Vater, damals die Welt in gelben Farben gesehen und von Korn­waren geträumt. Ich erin­nerte mich heute daran, jetzt weiß ich Bescheid und bin zufrieden. Träume seit Tagen von Wirbel­stürmen und von sehr kleinen Vögeln, die durch diese Stürme irren. – stop
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paris – kigali

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tango : 2.22 – Stille Nacht. Leichter Regen. Die Luft riecht nach Schnee. Ich schreibe wieder einen Brief an Henry. Ich weiss, dass er meine Briefe schätzt, Orte, Städte, Straßen, Land­schaften, Häfen. Lie­ber Henry, anbei die Stre­cke Paris — Kigali in Wor­ten, so wie sie der Com­pu­ter aus­ge­rech­net hat. Ich habe für das mittel­mee­ri­sche Gebiet eine Lücke gelassen, da ich authen­ti­sche nauti­sche Begriffe nicht entde­cken konnte. Von die­sem Gebie­ten ein­mal abge­se­hen, sollte Deine Route voll­stän­dig vor­ge­schrie­ben sein. Du wirst, sofern alles gut gehen wird, nach 133 Stun­den Kigali errei­chen. Natür­lich darfst Du, wie immer, nicht anhal­ten, um die Zeit­vor­gabe einhalten zu können, am bes­ten reist Du wieder in Beglei­tung. Das Pro­gramm gab fol­gen­den war­nen­den Hin­weis: Unsere Anga­ben die­nen nur zu Pla­nungs­zwe­cken. Es ist mög­lich, dass die Ver­kehrs­ver­hält­nisse auf­grund von Bau­stel­len, Ver­kehr, Wet­ter oder ande­ren Fak­to­ren von den hier dar­ge­stell­ten Vor­schlä­gen abwei­chen. Sie soll­ten daher Ihre Reise ent­spre­chend pla­nen und alle Ver­kehrs­schil­der oder Hin­weise bezüg­lich Ihrer Route beach­ten. Ich setzte hinzu, lieber Henri, das Wüsten­ge­biet der Sahara gilt als äußerst gefähr­lich. Blitz­fallen südlich der Stadt Paris. Ich wün­sche Dir eine gute Reise. Dein Louis > 1. Auf Rue de Rivoli nach Westen Rich­tung Rue du Renard starten 69 m weiter gesamt 69 m 2. Leicht links abbiegen auf Rue de la Coutel­lerie Ca. 56 Sekunden140 m weiter gesamt 210 m 3. Rechts abbiegen auf Av. Victoria 32 m weiter gesamt 240 m 4. 1. Abzwei­gung links nehmen, um auf Rue Saint-Martin zu wech­seln 71 m weiter gesamt 300 m 5. 1. Abzwei­gung links nehmen, um auf Quai de Gesvres zu wech­seln Ca. 1 Minute 160 m weiter gesamt 450 6. Weiter auf Quai de l’Hôtel de ville Ca. 53 Sekunden 350 m weiter gesamt 800 m 7. Rechts abbiegen auf Pont Louis Phil­ippe 15 m weiter gesamt 850 m 8. 1. Abzwei­gung links nehmen, um auf Voie Georges Pompidou zu wech­seln Ca. 3 Minuten 1,2 km weiter gesamt 2,0 km 9. Weiter auf Voie Mazas Ca. 1 Minute 1,0 km weiter gesamt 3,0 km 10. Gera­deaus auf Quai de Bercy Ca. 2 Minuten 1,5 km weiter gesamt 4,5 km 11. A3 A6 Péri­phé­rique Porte de Bercy Charenton Die Auffahrt Rich­tung A3/A6/Périphérique/Porte de Bercy/Charenton nehmen 270 m weiter gesamt 4,8 km 12. Aéro­port Orly Lyon Péri­phé­rique Inte­rieur Quai d’Ivry Porte d’Italie An der Gabe­lung links halten, Beschil­de­rung in Rich­tung Aéro­port Orly/Lyon/Périphérique Interieur/Quai d’Ivry/Porte d’Italie folgen und weiter auf Bd Péri­phé­rique Blitz­gerät nach 1,2 km Ca. 2 Minuten 2,4 km weiter gesamt 7,2 km 13. A6B A10 Bordeaux Nantes Lyon Évry Aéro­port Orly-Rungis Bei Ausfahrt A6B Rich­tung A10/Bordeaux/Nantes/Lyon/Évry/Aéroport Orly-Rungis fahren Ca. 7 Minuten 9,6 km weiter gesamt 16,8 km 14. A10 E5 Palai­seau Étampes Bordeaux-Nantes Massy Long­ju­meau Rechts halten, Beschil­de­rung in Rich­tung A10/E5/­Pa­lai­se­au/Étam­pes/Bor­deaux-Nantes/­Mas­sy/­Long­ju­meau folgen 800 m weiter gesamt 17,6 km 15. Auf A10/E50 fahren Teil­weise gebüh­ren­pflich­tige Straße Blitz­ge­räte ab 2,6 km Ca. 23 Minuten 39,1 km weiter gesamt 56,7 km 16. A71 Toulouse Cler­mont-Ferrand Bordeaux Orléans A20 Links halten, Beschil­de­rung in Rich­tung A71/­Tou­lou­se/Cler­mont-Ferran­d/Bor­deau­x/Or­léan­s/A20 folgen Gebüh­ren­pflich­tige Straße Blitz­ge­räte ab 61,9 km Ca. 34 Minuten 71,7 km weiter gesamt 128 km >
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rooseveltblüte

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sierra

~ : malcolm
to : louis
subject : ROOSEVELTBLÜTE
date : nov 22 13 8.15 p.m.

Am 22. November berichtet die New York Times über Eich­hörn­chen Frankie, das seit Wochen auf dem Hurri­kane Deck der Staten Island Fähre John F. Kennedy lebt. Wir konnten das nicht aufhalten. Weder den Bericht selbst, noch eine Foto­grafie, die das Eich­hörn­chen zeigt, wie es auf einer Sitz­bank nach einem Finger greift. Frankie scheint sich auf dem Schiff wohl­zu­fühlen. Viel­leicht ist es die Wärme, viel­leicht sind es die Bewe­gungen der Fähre auf dem Meer, die ihm gefallen. Natür­lich ist er längst zur Attrak­tion geworden, zum Stadt­ge­spräch, wird foto­gra­fiert und mit frischen Erdnüssen versorgt. Seit einigen Tagen nimmt Frankie gleich­wohl Bananen zu sich, zutrau­lich wagt er sich nah an die Passa­giere der Fähre heran, greift mit seinen Händen nach den Früchten, vermag sie zu öffnen, duckt sich, hastet mit seiner Beute je unter eine der Sitz­bänke, weshalb zahl­reiche Passa­giere nieder­knien, um Frankie nicht aus den Augen zu verlieren. Gestern beob­ach­teten wir, wie ein Mädchen Frankie berühren durfte. Er zitterte leicht, als das Kind mit einer Hand über seinen Rücken fuhr. Das Mädchen bemerkte Fran­kies Sender, der dicht unter seiner Haut verborgen liegt, rasch zog es seine Hand zurück. Es ist beun­ru­hi­gend, welch große Aufmerk­sam­keit Frankie geniesst. Wir haben den Eindruck, manche der Passa­giere fahren nur deshalb mit der Fähre, um Frankie besich­tigen zu können. Kaum noch kommen wir an ihn heran, ohne selbst foto­gra­fiert zu werden. Heute ist es sehr windig. Brooklyn und New Jersey liegen im Nebel. Man könnte glauben, dass wir uns auf hoher See befinden. Die Scheiben des Schiffes schep­pern. Wasser peitscht über die Vordecks der Fähre. Menschen mit Foto­ap­pa­raten stehn im Wind und suchen nach Manhattan. Etwas seekrank sende ich aller­beste Grüße aus New York – Malcolm / code­wort : roose­velt­blüte

empfangen am
23.11.2013
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malcolm to louis »

polaroidbadende

hummergeschichte

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alpha : 20.16 – Ich habe gestern mit K. gespro­chen. Er erzählte, er habe unlängst versuchs­weise online von Hamburg aus einen gekochten Hummer in Manhattan bestellt. Das Tier kostete 28 Dollar, alle notwen­digen Angaben waren bald ausge­füllt, Name, Adresse, Kredit­kar­ten­nummer. Es war ein später Abend gewesen. K. erhielt einen Anruf. Er plau­derte einige Zeit mit einem Freund. Als er an den Computer zurück­kehrte, war seine Maschine einge­schlafen, sie erwachte sofort, als er eine Taste bewegte. In diesem Moment muss es geschehen sein. K. berührte die weiterhin geöff­nete Bestell­form an entschei­dender Stelle mit seiner Mouse, kurz darauf erreichte ihn per E-Mail eine Bestä­ti­gung, der Hummer sei (Ship­ping) auf dem Weg. Versuche K.’s die Bestel­lung tele­fo­nisch rück­gängig zu machen, schlugen fehl, der Betrag von 28 Dollar für das Tier plus 25 Dollar Trans­port­ge­bühr wurden von seinem Kredit­kar­ten­konto abge­bucht. Zwei Wochen später erhielt K. Nach­richt von hiesiger Zoll­be­hörde, eine Sendung liege für ihn am Hafen zur Abho­lung bereit. Ein flaches Gebäude, Import, mehrere Schalter, Trans­port­bänder, Beamte in grünen Uniformen. Als K. vor Ort erschien, wurde gerade eine Person, die heftig disku­tierte, in Hand­schellen abge­führt. K. wartete. Nach einer Stunde wurde er zu einem Schalter gerufen. Man über­reichte ihm ein Formular, dem eine Foto­grafie beigefügt worden war. Das Doku­ment zeigte ein geöff­netes Paket von Styropor, darin einen Sud, in welchem wesent­liche Teile eines Hummers schwammen, Fühler, Schwanz, Augen­stile, Zangen, alles war noch gut zu erkennen gewesen. Hände, die in Hand­schuhen steckten, hielten das Paket ins Licht. Auf beglei­tendem Schreiben wurden Verbren­nungs­kosten von 118 Euro für impor­tierte Sonder­müll­ware ange­mahnt. Ein Beamter berich­tete, einer seiner Kollegen sei während der Öffnung des Paketes umge­fallen, dieser habe sich am Kopf verletzt, weitere Kosten wären denkbar. – Sonntag. stop. Viel­leicht. stop. Guten Abend! – stop
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vesuv

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MELDUNG. Engel, Schule zu St. Nazaire, sind heute Abend von 8 bis 10 bei leichter Nacht­flie­gerei über dem Vesuv [ östliche Flanke ] anzu­treffen. Eintritt frei. – stop

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an martha

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tango : 12.15 – Im Gespräch mit einer alten Dame über das Vergessen. Sie sagte, dass man, wenn man wirk­lich vergess­lich wird, diese Vergess­lich­keit nur dann bemerkt, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird. An Tagen, da sie sich allein in ihrer Wohnung aufhalte, könne sie vergessen, soviel sie wolle, es würde ihr selbst nicht und niemand anderem auffallen, dass sie eigent­lich einen Film betrachten wollte, aber auf dem Weg zum Fern­seh­gerät plötz­lich ein Buch auf dem Tisch entdeckte, weshalb ihr Film­wunsch verloren ging. – Liebe Martha, Du hast versäumt, nach einem Text zu suchen, von dem ich Dir erzählte. Ich sende diesen Text noch einmal und rufe Dich gleich an, damit Du ihn für mich vorlesen wirst. Hier ist er: Eines der letzten bewegten Bilder, die ich von meinem Vater in Erin­ne­rung habe, zeigt ihn, wie er in seinem Arbeits­zimmer am Computer arbeitet. Auf dem Bild­schirm sind dutzende Programm­fenster geöffnet. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungslos in seinem Sessel. Manchmal tastet eine Hand durch die Luft, greift unsi­cher nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wieder auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zeiger über den Bild­schirm fahren. Ein weiteres Programm­fenster öffnet sich. Ein kleines Mädchen fährt in diesem Fenster auf einem Fahrrad über einen sandigen Weg. Sie bewegt sich in Schlan­gen­li­nien dahin, lacht hoch zur Kamera, die rück­wärts durch die Luft zu fliegen scheint. Es ist ein heiterer Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorne ab. Aber dann öffnet sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fenster, das den heiteren Film verdeckt. Eine Foto­grafie, Mutter nahe Lissabon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Computer sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schuhe. Auch meine Mutter trägt Turn­schuhe. Ich fragte mich, wer diese Aufnahme machte, und komme nicht darauf. Ein Schatten ist zu erkennen, der Schatten eines Foto­grafen viel­leicht. In diesem Moment ruft die Frau, die auf der Foto­grafie zu sehen ist, von unten, vom Wohn­zimmer her, dass das Mittag­essen bald fertig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fenster, die er im Laufe des Vormit­tages geöffnet hatte, wieder zu schließen. Nein, alles muss aufge­räumt werden. Mein Vater steht nicht einfach auf, um sich sofort unsi­cheren Schrittes auf die Treppe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zeiger auf dem Bild­schirm den Rahmen der Programm­fenster nähert. Er scheint das Symbol für das Schließen der Fenster zu suchen, aber das Symbol ist nicht zu entde­cken, nicht zu erkennen. Der Zeiger irrt auf dem Bild­schirm herum, Fenster drängen sich in den Vorder­grund und verschwinden wieder. Dann kommt Mutter herbei, sie ruft zärt­lich: Komm, komm, das Essen ist fertig. Schritte auf der Treppe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwit­schern der Vögel vom Garten her. Im Zimmer auf dem Schreib­tisch ist der Computer längst einge­schlafen. – stop

polaroidkolibris

auf ellis island

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echo : 6.27 – An einem schwül­warmen Tag besuchte ich Ellis Island. Gewitter waren aufge­zogen, der Himmel über Manhattan blei­grau. Trotzdem fuhren kleine weiße Schiffe von Battery Park aus los, um Besu­cher auf die frühere Quaran­täneinsel zu trans­por­tieren. Ehe man an Bord gehen konnte, wurde jeder Passa­gier sorg­fältig durch­sucht, Taschen, Schuhe, Computer, Foto­ap­pa­rate. Ein grie­chi­scher Herr von hohem Alter musste mehr­fach durch die Strah­len­schleuse treten, weil das Gerät Metall alar­mierte. Er schwitzte, er machte den Eindruck, dass er sich vor sich selbst zu fürchten begann, auch seine Familie schien von der ernsten Prozedur derart beein­druckt gewesen zu sein, dass ihnen ihr geliebter Groß­vater unheim­lich wurde. Die Über­fahrt dauerte nur wenige Minuten. Es begann heftig zu regnen, das Wasser wurde grau wie der Himmel, Pusteln, Tausende, blinkten auf der Ober­fläche des Meeres. Im Cafe des Einwan­der­er­mu­seums kämpften hunderte Menschen um frit­tierte Kartof­feln, gebra­tene Hühner­vögel, Himbeereis, Sahne, Bonbons. Ihre Beute wurde in den Garten getragen. Dort Sonnen­schirme, die der Wind, der vom Atlantik her wehte, davon zu tragen drohte. Am Ufer eine herren­lose Dreh­orgel, die vor sich hindu­delte, Fahnen knallten in der Luft. Über den sandigen Boden vor dem Zentral­haus tanzten hand­tel­ler­große Wirbel von Luft, hier, genau an dieser Stelle, könnte Mary Mallon im Alter von 15 Jahren am 12. Juni 1895 sich ihre Füße vertreten haben, ehe sie mit Typhus im Blut nach Manhattan einreisen durfte. Ihr Schatten an diesem Tag in meinen Gedanken. Ein weiteres Gewitter ging über Insel und Schiffe nieder, in Sekunden leerte sich der Park. Dann kamen die Möwen, große Möwen, gelbe Augen, sie raubten von den Tischen, was sie mit sich nehmen konnten. Wie ein Sturm gefie­derter Körper stürzten sie vom Himmel, es regnete Knochen, Servi­etten, Bestecke. Unter einem Tisch kauerte ein Mädchen, die Augen fest geschlossen. – stop
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