analog

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echo : 22.58 — In dem unterirdisch im Ver­bor­ge­nen liegen­den Saal, von dem ich berichte, arbeit­en 5756 Men­schen. Ger­ade eben hat die Nachtschicht begonnen. Es ist feucht und warm, 36° Cel­sius, fein­er warmer Regen hängt in der Luft, auch ein Rauschen vielfältiger Stim­men, die flüstern. Man sitzt vor sehr kleinen Tis­chen, welche mit dem Boden ver­schraubt wor­den sind, wie auch die Stüh­le, auf welchen man arbeit­et in allen möglichen Posi­tio­nen. Über jedem der 5756 Tis­che befind­et sich ein Kör­bchen, dort ruhen Briefe, die schein­bar end­los von der Decke wie vom Him­mel fall­en. Beobachtet man nun einen der Tis­che genauer und für eine gewisse Zeit, wird man bemerken, dass es sich bei der Arbeit der Men­schen, die sich im Saal einge­fun­den haben, um die Arbeit des Brieföff­nens han­delt, keine kör­per­lich schwere Arbeit, weil die Luft des Saales so feucht ist, dass sich die Briefum­schläge in den Hän­den der arbei­t­en­den Men­schen wie von selb­st öff­nen wollen. Kaum liegen die Eingewei­de eines der Briefe flach auf dem Tisch, wer­den sie fotografiert von allen Seit­en her, um sodann wieder in ihren Umschlag gelegt und ver­schlossen zu wer­den. Eine Wolke von Kleb­stoff tritt zu diesem Zweck aus ein­er Düse, die sich je an der recht­en Seite der Tis­che befind­et, eine Art Rüs­sel, aus welchem kurz darauf ein heißer Luft­strom pfeift. Prüfende Blicke, ist alles so gefal­tet und beschriftet wie vor der Öff­nung gewe­sen? Und schon fällt der näch­ste Brief auf den Tisch, wird geöffnet, belichtet, ver­schlossen, in Form gepresst, Minute um Minute, ein Brief und noch ein Brief, gele­sen wird an ander­er Stelle, es ist viel zu warm hier, um noch studieren und nach­denken zu kön­nen, rasende Pulse. Da und dort fall­en Sand, fall­en glitzernde Papier­herzen aus den geöffneten Kuverts, Schlüs­sel, Gebets­ket­ten, Ban­knoten, Fed­ern, dig­i­tale Spe­icherkärtchen, auf welchen, faszinierend, weit­ere geheime Schrift­stücke zu ent­deck­en sind. – stop / Ver­such­sanord­nung
polaroidlesender

marlen

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sier­ra

~ : oe som
to : louis
sub­ject : MARLEN
date : nov 03 13 8.15 p.m.

Zum ersten Mal in diesem Herb­st ist Schnee gefall­en. Sehr helles Licht am Nach­mit­tag, aber die Sonne war nicht zu sehen gewe­sen. Wolken, feines Gewebe, berührten das Wass­er, als sie sich lösten, begann es zu schneien. – Ver­gan­gene Woche ist Marlen an Bord gekom­men. Sie wird sich Noe kom­mende Woche in einem schw­eren Taucher­anzug näh­ern. Wir haben darüber gesprochen, ob sie nicht einige Tage in der Tiefe bleiben sollte, ein Gespräch führen Auge in Auge. Sie scheint sich zu fürcht­en vor der Enge, die sie erwartet, eine fröh­liche, junge Frau. Sie ver­bringt Stun­den Zeit damit, das Wass­er zu beobacht­en, das fast ohne Bewe­gung zu sein scheint. Aber es ist eine starke Strö­mung aufgekom­men, wir haben zwei Motoren ange­wor­fen, um unsere Posi­tion hal­ten zu kön­nen, das Schiff bebt. Noe berichtet, dass er uns in der Tiefe hören könne. Noch weiß er nicht, dass er bald Besuch bekom­men wird. Er liest in diesen Tagen Wal­ter Ben­jamins Geschicht­en ein­er Berlin­er Kind­heit, sehr langsam. Dann wieder, nach Pause, Noes Selb­st­ge­spräch: Lange Zeit­en ohne einen Gedanken ohne einen Wun­sch ohne eine Erin­nerung. Der Blick ins Wass­er. Zarte Fin­ger von Licht. Höre das Geräusch der Luft. Wün­schte ich hätte eine Uhr. — Ahoi, lieber Louis, DEIN OE SOM — stop

gesendet am
3.11.2013
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gedächtnis

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char­lie : 3.55 — Einige mein­er Büch­er scheinen über ein geheimes Gedächt­nis zu ver­fü­gen. Wenn ich ein Buch mit Gedächt­nis nach Jahren aus dem Regal nehme und auf einen Tisch lege, öffnet es sich ein­wenig, ein Raum entste­ht, als würde das Buch nach einem Fin­ger rufen, der genau in diesen Raum hine­in­fassen soll. Ich lese dort Sätze, die mir ver­traut sind, vielle­icht, weil ich sie oft wieder­holte, woran sich das Buch noch immer erin­nert. Vor kurzem öffnete sich ein Bänd­chen Elias Canet­tis genau in dieser Weise. Ent­deck­te: Es ist das Gute an Aufze­ich­nun­gen, dass sie frei von Berech­nung sind. Sie sind zu rasch, sie hat­ten kaum Zeit, der Kopf, in dem sie ent­standen sind, kon­nte noch nicht fra­gen, wozu sie zu gebrauchen wären. — stop
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regenschirm

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himalaya : 1.32 — Ich stellte mir einen Schrift­steller des dig­i­tal­en Zeital­ters vor, der täglich öffentlich Gedanken in dig­i­taler Weise notiert. Geschicht­en, die sich nicht immer tat­säch­lich ereignet haben müssen. Ein­mal sitzt er vor der Schreib­mas­chine, er bewegt sich nicht, scheint müde zu sein, niedergeschla­gen. Wenige Stun­den zuvor hat­te er bemerkt, dass er sich fürchtete. Den ganzen Tag über ver­suchte er diese Erken­nt­nis wie ein Geheim­nis vor sich selb­st zu ver­steck­en. Es ging um nicht anderes, als um seinen Wun­sch, einen Satz oder Gedanken des amerikanis­chen Jour­nal­is­ten Daniel Ells­berg zu zitieren. Dieser Gedanke war ein nicht sehr kom­pliziert­er Gedanke, 34 Zeichen, aber ein­er, der in der Nähe eines Namens sich ent­fal­tete, dessen Zeichen­folge sich­er von geheimen Robots bemerkt wer­den würde, einem Namen, der einem Sig­nalfeuer ähnelt. Der Gedanke geht so: Secre­cy cor­rupts, just as pow­er cor­rupts. Der Schrift­steller, der sich eigentlich für eine mutige Per­son gehal­ten hat­te, ent­deck­te sein Unbe­ha­gen angesichts der Möglichkeit, aufz­u­fall­en, indem er den Namen Daniel Ells­bergs in seinen Text ein­fü­gen würde. Er sass auf einem harten Stuhl vor seinem Schreibtisch. Regen pras­selte gegen die Scheiben des Zim­mers. Er wartete eine halbe Stunde. Dann stand er auf, warf sich seinen Man­tel über, holte einen Regen­schirm aus dem Schrank und ging spazieren. Nach fünf Stun­den kehrte er zurück und set­zte sich wieder vor die Schreib­mas­chine. — stop
polaroidmalerei

schwarzweißballone

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india : 6.52 — Auf ein­er Schwarzweiß­fo­tografie, die ich in den Mag­a­zi­nen meines Vaters ent­deck­te, sind Wan­der­er im Gebirge zu sehen. Die Auf­nahme wurde irgend­wann in den 20er Jahren des ver­gan­genen Jahrhun­derts gefer­tigt, 1926 oder 1928, undeut­liche Schriftze­ichen ver­hin­dern genauere Bes­tim­mung. Ich hat­te ein Ver­größerungs­glas zu Hil­fe genom­men, um in die Tiefe der Fotografie vor­drin­gen zu kön­nen. Acht Men­schen sind zu erken­nen, einige lachen, andere scheinen doch erschöpft zu sein. Sie sind in der Phase des Auf­stieg fest­ge­hal­ten. Ein sehr steil­er Pfad. Jen­seits dieses Pfades ein Abgrund. Die Wan­der­er haben Stöcke in der Hand, Hüte auf dem Kopf, feste, schwere Schuhe an den Füßen. Bemerkenswert ist, dass sie keine Ruck­säcke auf dem Rück­en tra­gen. Im Bil­dauss­chnitt sind außer­dem keine Träger zu sehen, wed­er Mulis noch Pferde, stattdessen einige Stein­böcke am oberen Bil­drand. Dort vor allem Felsen, kein Him­mel, einige Latschenkiefern. Ich legte die Fotografie zur Seite. Einige Zeit später bemerk­te ich unter weit­eren Fotografien, eine zweite Schwarzweiß­fo­tografie der Wan­der­gruppe. Sie hat­te nun einen Grat erre­icht, Him­mel ist zu sehen, Him­mel ohne Wolken. Ein­er der Män­ner deutet abwärts ins Tal. Die Gruppe scheint ins­ge­samt ange­hal­ten zu haben. Sie beste­ht noch immer aus acht Per­so­n­en. Über diesen Per­so­n­en schweben helle Bal­lone, die mit den Men­schen ver­bun­den gewe­sen sein müssen, da sie sich je in der­sel­ben Höhe über den Köpfen der Wan­der­er befind­en. Unter den Bal­lo­nen hän­gen Kör­bchen, in welchen sich Waren befind­en, die nur undeut­lich aus dem Pix­el­sand des Bildes treten, Ahnun­gen. Ich hat­te Bal­lone dieser Art bis dahin wed­er mit eige­nen Augen gese­hen, noch hat­te ich je von der Erfind­ung fliegen­der Ruck­säcke gehört. Die Fotografien waren ohne jede Beschädi­gung, nur etwas gewölbt, als wären sie für kurze Zeit feucht gewor­den. Keine Hin­weis auf Ort oder Urhe­ber der Arbeit­en. Vielle­icht Auf­nah­men meines Groß­vaters, den ich nie per­sön­lich ken­nen­gel­ernt habe, Auf­nah­men, die wenige Jahre vor der Geburt meines Vaters ange­fer­tigt sein müssten. Sie schweben nun selb­st frei, ohne lebende Zeu­gen, wie Bal­lone in der Zeit herum. — stop
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abschnitt neufundland

picping
Abschnitt Neu­fund­land mel­det fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ See­fahrt – 21, Luft­fahrt — 57, Auto­mo­bile — 4522 ], Gruß­bot­schaf­ten in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert — 2, 19. Jahr­hun­dert – 77, 20. Jahr­hun­dert – 21 , 21. Jahr­hun­dert — 68555 ], phy­si­cal memo­ries [ bespielt — 144, gelöscht : 33 ], Rotor-Chiffrier­maschi­nen [ Enig­ma A 2171 A : 2 ], Dia­ries [ Mouit­su 2001 : 1, Lean­der Kripp­n­er 1958 — 1965: 1 ] Öle [ 8.3 Ton­nen ], Pro­the­sen [ Herz — Rhyth­mus­be­schleu­ni­ger – 12, Knie­ge­lenke – 32, Hüft­ku­geln – 654, Bril­len – 1655 ], Schuhe [ Grö­ßen 28 – 39 : 43, Grö­ßen 38 — 45 : 548 ], Kühl­schränke [ 12 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Tau­cher – 5, mit Tau­cher – 12 ], Engels­zun­gen [ 16 ] | stop |

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PRÄPARIERSAAL : tonspule

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sier­ra : 2.36 — Ton­spule 68. Michael erzählt: > Ich beobachte, dass ich meinen lebendi­gen Kör­p­er mit dem toten Gewebe vor mir auf dem Tisch ver­gle­iche. Ich lege Ner­ven, Muskeln und Gefäße ein­er Hand frei, bestaune die Fein­heit der Gestal­tung, über­lege wie exakt das Zusam­men­spiel dieser anatomis­chen Struk­turen doch funk­tion­ieren muss, damit ein Men­sch Klavier spie­len, greifen, einen anderen Men­schen stre­icheln kann, wie umfassend die Inner­va­tion der Haut, um Wärme, Kälte, ver­schiedene Ober­flächen erfühlen, ertas­ten zu kön­nen. Immer wieder pen­delt mein Blick zwis­chen mein­er lebendi­gen und der toten Hand hin und her. Ich bewege meine Fin­ger, ein­mal schnell, dann wieder langsam, ich schreibe, ich notiere, was ich zu ler­nen habe, bis zur näch­sten Prü­fung am Tisch, und beobachte mich in diesen Momenten des Schreibens. Abends tre­f­fen wir uns in der Bib­lio­thek hier gle­ich um die Ecke und ler­nen gemein­sam. Vor allem vor den Tes­tat­en wer­den die Nächte lang. Ich kann zum Glück gut schlafen. Unsere Assis­tentin ist eine junge Ärztin, die noch nicht vergessen hat, wie es für sie selb­st gewe­sen war im Saal. Sie ist immer sehr warm und fre­undlich zu uns. Aber natür­lich achtet sie streng auf die Ein­hal­tung der Regeln, kein Handy, kein Kau­gum­mi im Mund, angemessene Klei­dung. Manch­mal ver­sam­melt sie uns und wir proben am Tisch ste­hend das nahende Tes­tat, es gibt eigentlich kaum einen Tag, da wir nicht von ihr befragt wer­den, das erhöht natür­lich unsere Aufmerk­samkeit und Konzen­tra­tion enorm. Ein­mal erzählte sie uns eine Geschichte, die mich sehr berührte. Sie sagte, ihre Mut­ter sei sehr stolz, dass sie eine Ärztin gewor­den ist. Sie habe ihr eingeschärft: Was Du gel­ernt hast, kann Dir nie­mand mehr nehmen. Aber natür­lich, als wir die feinen Blut­ge­fässe betra­chteten, die unser Gehirn mit Sauer­stoff ver­sor­gen, wurde mir bewusst, dass wir doch auch zer­brech­lich sind, dass unser Leben sehr plöt­zlich zu Ende gehen kann. Im Moment will ich daran aber nicht denken. Ich bin froh hier sein zu dür­fen, ich habe lange darauf gewartet. Manch­mal gehe ich durch den Saal spazieren. Wenn ich Lun­gen­flügel betra­chte, oder Herzen, oder Kehlköpfe, Lage und Ver­lauf einzel­ner Struk­turen, dann erkenne ich, dass im All­ge­meinen alles das, was in dem einen Kör­p­er anzutr­e­f­fen ist, auch in dem anderen ent­deckt wer­den wird, kein Kör­p­er jedoch ist genau wie der andere, damit werde ich in Zukun­ft zu jed­erzeit rech­nen. — stop
polaroidfähre

nachtaugen

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tan­go : 0.58 — Ja, wenn ich sage: meine schlafend­en Augen, spreche ich von Augen, die ICH nie gese­hen habe. — stop. Acht Uhr achtund­fün­fzig in Tacloban, Philip­pinen. — stop
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manitoba

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delta : 2.15 — Vor weni­gen Minuten erre­icht mich eine E-Mail. Ein Fre­und notiert, er habe von der kanadis­chen Fir­ma Metromelt Inc. vor langer Zeit bere­its einen Auf­trag erhal­ten, der sehr anspruchsvoll sei. Es gin­ge darum, eine Vor­rich­tung zu kon­stru­ieren, die in der Lage sei, Infor­ma­tion der Wet­ter­di­en­ste so zu bear­beit­en, dass sie mit­tels eines speziellen Funkgerätes in die Gehirne schlafend­er Angestell­ter gesendet wer­den kön­nten. Diese Angestell­ten seien zuständig für die Alarmierung zahlre­ich­er Schneeräumkolon­nen in den Prov­inzen British Colum­bia sowie Man­i­to­ba. Ins­beson­dere sei es notwendig, Mess­füh­ler, die der Konz­ern in den betrof­fe­nen Gebi­eten instal­liert habe, auszule­sen und zu analysieren, um zu einem definierten Zeit­punkt, Träume von Schnee in den Schlafkam­mern der Angestell­ten des Unternehmens zu erzeu­gen, sodass sie, einem Reflex fol­gend, inmit­ten der Nacht unverzüglich erwachen und zu ihren Tele­fo­nen greifen wür­den. Mein Fre­und berichtete, er habe seinen Auf­tragge­bern ange­boten, ein Sys­tem zu for­mulieren, das geeignet sei, im Falle von Schnee, Glock­en­werke in Betrieb zu set­zen, die jeden der schneeräu­menden Angestell­ten unmit­tel­bar und rechtzeit­ig weck­en wür­den. Diesen seinen Vorschlag habe man abgelehnt. Nun wüsste er nicht weit­er, er trage seit Wochen ein ungutes Gefühl mit sich herum. – Zwei Stun­den nach Mit­ter­nacht. 3° Cel­sius Außen­tem­per­atur. Erste Gedanken. — stop
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amsterdam

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india : 5.28 — Eine absurde Geschichte kön­nte in diesen Tagen ihren Anfang nehmen oder ihren Anfang längst genom­men haben. Sie ist schnell erzählt. Eine E-Mail­botschaft wird von geheimer­weise forschen­der Behörde abge­fan­gen. Die Botschaft ist aufwendig ver­schlüs­selt. Weil man ver­schlüs­selte Nachricht­en nicht unverzüglich dechiffrieren kann, wird die Depesche in einem riesi­gen Daten­spe­ich­er aufgenom­men, das heißt, nicht die Nachricht selb­st, aber eine Kopie dieser Nachricht. Unverzüglich nehmen Rechen­maschi­nen, die sehr schnell zu denken in der Lage sind, ihre spezielle Arbeit der Entschlüs­selung auf. Die Nachricht scheint auf den ersten Blick nicht sehr kom­plex zu sein. Ver­mut­lich sind vier oder fünf Sätze enthal­ten. Genau lässt sich das nicht bes­tim­men, auch Satzze­ichen und Leer­räume sind ver­schlüs­selt wie die Buch­staben der Nachricht selb­st. 2700 Jahre verge­hen. Hun­derte Rechen­maschi­nen haben zum Zweck der Dekodierung rou­tiniert gerech­net, Maschi­nen, die von Gen­er­a­tion zu Gen­er­a­tion schneller und schneller wur­den. An einem Son­ntag, 4713 nach Christi Geburt, meldet eines der rech­nen­den Sys­teme mit­tels zarten Glock­engeräusches, die Nachricht liege nun in ver­ständlich­er Fas­sung vor. Uralte Sprache, nieder­ländis­che Sprache, aber les­bar, das heißt, gle­ich­wohl über­set­zbar. Jene Nachricht, die von Jan Ver­meer an Sanne Kesten im Novem­ber des Jahres 2013 gesendet wurde, lautet so: Mon Chérie, komme Sam­stag nach Ams­ter­dam. Gleis 8. 22 Uhr 07. Zäh­le die Stun­den. Dein Jan — stop

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hummingbird

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echo : 22.01 — Spät­nach­mit­tags höre ich zwei Män­ner im Trep­pen­haus. Sie arbeit­en sich sehr langsam zu mir unter das Dach hin­auf, fluchen, machen immer wieder Pausen. Ich erkenne eine kräftige Hand, die sich am Trep­pen­gelän­der fes­thält. Nach ein­er hal­ben Stunde sind sie angekom­men, tra­gen gemein­sam ein Päckchen, das nicht größer ist, als ein Behäl­ter für Kinder­schuhe. Als ich meine Hände ausstrecke, wollen sie mir das Päck­en nicht übergeben, es sei zu schw­er, sie treten in die Woh­nung ein und stellen das Päckchen auf meinen Küchen­tisch. Tat­säch­lich ist ein knar­ren­des Geräusch zu vernehmen, als würde der Tisch Mit­teilung machen. Das Päckchen ist so schw­er, dass es sich mit dem Tisch zu verbinden scheint, es lässt sich nicht ver­schieben. Also, beuge ich mich über den Tisch und schnüre das Päckchen auf. Brief­marken, Vogel­gemälde, sind zu erken­nen, hand­schriftlich wurde mit großen Buch­staben mein Name aufge­tra­gen, kein Absender, aber ein Stem­pel der Mar­shallinseln. Ich erin­nere mich, dass sich in dem Päckchen eine met­al­lene Dose befand. In den Deck­el der Dose einges­tanzt, fol­gen­der Schriftzug: hum­ming­bird T778X / puz­zle 100000 pieces. Sehr kleine, mit bloßem Auge kaum noch zu unter­schei­dende Teilchen, die wie eine Flüs­sigkeit wirk­ten, befan­den sich in dem Trans­port­be­häl­ter. Ich holte einen Löf­fel und schöpfte einige Teilchen her­aus, schüt­tete sie auf den Tisch und begann sie unter meinem Mikroskop zu drehen und zu wen­den. Ich wusste in diesem Moment, ich träumte, dass ich nun sofort für immer ver­schwinden kön­nte. — stop
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ai : SPANIEN

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MENSCH IN GEFAHR : “Im Fall von Alek­san­dr Pavlov wurde dem Aus­liefer­ungser­suchen der kasachis­chen Behör­den erneut stattgegeben, obwohl glaub­würdi­ge Beweise vor­liegen, dass ihm nach sein­er Rück­kehr nach Kasach­stan Folter dro­ht. Die endgültige Entschei­dung über die Aus­liefer­ung von Alek­san­dr Pavlov liegt nun bei der spanis­chen Regierung. / Der 37-jährige Alek­san­dr Pavlov ist kasachis­ch­er Staats­bürg­er und hat in Spanien einen Antrag auf Asyl gestellt. Er befind­et sich derzeit in der spanis­chen Haupt­stadt Madrid in Haft. Am 8. Novem­ber prüfte und bewil­ligte das zen­trale Gericht zur Ver­fol­gung schw­er­er Straftat­en (Audi­en­cia Nacional) den Aus­liefer­ungsantrag der kasachis­chen Behör­den und bestätigte damit die Entschei­dung der Zweit­en Strafkam­mer des Gerichts vom 23. Juli. Die endgültige Entschei­dung über das Aus­liefer­ungser­suchen wird vom spanis­chen Min­is­ter­rat getrof­fen. Dieser kön­nte die Entschei­dung des zen­tralen Gerichts aufheben. Auf nationaler Ebene sind in Alek­san­dr Pavlovs Fall alle Rechtsmit­tel erschöpft. Sollte er nach Kasach­stan zurück­ge­führt wer­den, dro­hen ihm Folter und andere Mis­shand­lun­gen sowie ein unfaires Gerichtsver­fahren. / Amnesty Inter­na­tion­al ist der Ansicht, dass das Aus­liefer­ungser­suchen der kasachis­chen Behör­den mit Alek­san­dr Pavlovs Verbindun­gen zu dem Oppo­si­tions­führer Mukhtar Ablya­zov zusam­men­hängt. Mukhtar Ablya­zov war 2009 aus Kasach­stan geflo­hen und wurde 2011 in Großbri­tan­nien als Flüchtling anerkan­nt. Alek­san­dr Pavlov war zuvor einige Jahre lang als Sicher­heitschef von Mukhtar Ablya­zov tätig gewe­sen. Es hat in Kasach­stan einige Fälle gegeben, in denen strafrechtliche Ver­fahren gegen poli­tisch oder zivilge­sellschaftlich aktive Per­so­n­en mit deren Verbindun­gen zu Mukhtar Ablya­zov und seinen regierungskri­tis­chen Ansicht­en in Zusam­men­hang gebracht wor­den sind. Trotz der Zusicherung der Regierung, das Prob­lem der Folter und Mis­shand­lung von Inhaftierten in Kasach­stan erfol­gre­ich ange­gan­gen zu sein, wird nach wie vor über der­ar­tige Fälle berichtet. / Gemäß dem Völk­er­recht ist Spanien verpflichtet, nie­man­den in ein Land zurück­zuführen, in dem ihm oder ihr Ver­fol­gung oder andere schwere Men­schen­rechtsver­let­zun­gen bzw. -ver­stöße dro­hen. Die spanis­chen Behör­den dür­fen Alek­san­dr Pavlov daher nicht an Kasach­stan aus­liefern oder ihn auf andere Weise dor­thin über­stellen, da sie damit gegen ihre inter­na­tionalen men­schen­rechtlichen Verpflich­tun­gen ver­stoßen wür­den. Er darf den kasachis­chen Behör­den auch dann nicht übergeben wer­den, wenn diese diplo­ma­tis­che Zusicherun­gen machen, ihn nicht zu foltern, in ander­er Weise zu mis­shan­deln oder in einem unfairen Ver­fahren zu verurteilen.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 20. Dezem­ber 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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batavia

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gink­go : 22.16 — Ich bin nahe daran, mich an die Exis­tenz der Sch­necke Esmer­al­da zu gewöh­nen, die am 20. Okto­ber in der Gestalt eines Geschenks zu mir gekom­men war. Es ist so, dass ich nun behut­sam durch meine Woh­nung laufe, auch niemals im Dunkeln, Esmer­al­da kön­nte vielle­icht ger­ade über den Boden wan­dern. Alle Türen ste­hen offen, manch­mal muss ich län­gere Zeit nach der kleinen Sch­necke suchen. Heute Mor­gen saß sie an der Decke meines Arbeit­sz­im­mers, das war zum ersten Mal, ich ent­deck­te sie nach ein­er Stunde, ich hat­te sog­ar hin­ter den Kühlschrank geschaut, einen Tisch, drei Lam­p­en, Stüh­le und zwei Kom­mod­en ver­rückt. Eine Sch­necke mit einem Sch­neck­en­haus auf dem Rück­en, erscheint als äußerst zer­brech­lich­es Wesen, ger­ade dann, wenn sie über einem Abgrund wan­delt. Eine halbe Stunde begleit­ete ich Esmer­al­da auf ihrem Weg von Ost nach West. Ich hörte, wie ich mit ihr sprach. Esmer­al­da, sagte ich, Esmer­al­da! Hielt indessen einen Hut in der Hand, um Esmer­al­da im Not­fall auf­fan­gen zu kön­nen. Gegen den Abend zu, sie hat­te eine Weile in einem Meter Höhe an der Wand neben meinen Büch­ern aus­geruht, erre­ichte sie den Boden, kroch von West nach Ost quer durch mein Zim­mer, um an der gegenüber­liegen­den Wand wieder zur Decke hin aufzusteigen. Ich lock­te mit einem Stückchen Apfel, verge­blich. Ich zog Esmer­al­da an ihrem Häuschen von der Wand, set­zte sie in der Küche neben einem Blatt Batavi­asalates ab, auch das war nicht erfol­gre­ich gewe­sen. Esmer­al­da wen­dete unverzüglich, klet­terte vom Tisch, um am späten Abend genau jenen Ort wieder zu erre­ichen, den sie zuvor ein­genom­men hat­te. Nach wie vor wun­dere ich mich darüber, dass Esmer­al­da ihr Gehäuse wie ein Schmuck­stück auf dem Rück­en zu tra­gen pflegt. Ich habe noch nie wahrgenom­men, dass sie sich in ihr Häuschen zurück­ge­zo­gen hätte. Ihr Kör­p­er ist feucht, ihre Stielau­gen sinken manch­mal zu Boden, das ist der Moment, da sie zu schlafen scheint. — stop

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innenohrmuscheln

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echo : 6.22 — Lud­wig, der mich gestern Abend besuchte, hat­te einen kleinen Rausch mit­ge­bracht, an dem wollte er vora­nar­beit­en. Er hat­te darum eine Flasche bil­li­gen Cognacs in eine Papiertüte gesteckt, um sie den Abend über an seinem Bauch zu wär­men. Wenn er ab und zu einen Schluck aus der Flasche nahm, machte er seine Augen zu Schlitzen, er kon­nte dann nicht mehr sehen, obwohl er eigentlich nichts schmeck­en wollte. Es war ein lustiger Abend, ein­mal schlief Lud­wig ein im Bad, ich weck­te ihn und führte ihn zurück in die Küche. Das war gegen 22 Uhr gewe­sen. Ich kon­nte zu diesem Zeit­punkt keine Beweise dafür find­en, dass Lud­wig mir noch immer zuhörte oder mich über­haupt noch hören kon­nte. Aber sich selb­st schien er noch wahrnehmen zu kön­nen. Wörter ent­gleis­ten, die Sätze, die seine Geschicht­en erzählten, waren jedoch mit­tels Kom­bi­na­tion ver­ständlich. Um kurz vor Mit­ter­nacht berichtete Lud­wig von ein­er Frau, die er ein­mal liebte. Sie wohnte lange Zeit in Liss­abon, was sie dort machte, wovon sie lebte, wusste Lud­wig nicht zu bericht­en, aber dass sie über beson­dere Ohren ver­fügte. In ihren Ohrmuscheln links und rechts sollen sich weit­ere kleine Ohrmuscheln befind­en, exakt in der sel­ben Form angelegt, nur eben klein­er. Aber nicht genug damit, wenn man mit ein­er Taschen­lampe in die Innenohrmuscheln der Frau leuchtete, waren ein weit­eres Paar noch kleiner­er Ohrmuscheln zu ent­deck­en. Das war eine sehr sel­tene atom­is­che Erschei­n­ung. Als ich wis­sen wollte, wie sich Lud­wig implizierte Muschelfo­ma­tio­nen erk­lärte, war der ver­liebte Mann bere­its eingeschlafen. Er saß vor meinem Küchen­tisch, die Flasche war geleert, der Kopf auf seine schmale Brust gesunken, so schlief er, ohne vom Stuhl zu fall­en. Als ich am frühen Mor­gen die Küche betrat, saß er noch immer in dieser Hal­tung am Tisch. Beina­he hätte ich ihn für ein Kunst­werk gehal­ten, für eine bek­lei­dete Gips­fig­ur: Trink­ender Fre­und. Aber Lud­wig atmete. Der Atem war flach. Es war ein Atem, der ger­ade noch zum Leben reichte. Ich musste Lud­wig weck­en, ich musste ihn weck­en, um nicht schuldig zu wer­den. – Guten Mor­gen. Es ist Mon­tag. — stop
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im telefon

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nord­pol : 6.55 — Ich habe eine lustige Geschichte erlebt. In dieser Geschichte kom­men ein Mäd­chen vor, die Mut­ter des Mäd­chens, die meine Schwest­er ist, ein Tele­fon, ein Fotoap­pa­rat, ein Fahrrad, das pink ist, und ich. Die Geschichte ereignete sich vor weni­gen Tagen abends. Das Mäd­chen rief mich an. Sie sagte ihren Namen und dann erzählte sie ein­fach darauf los, zum Beispiel, dass sie ein Fahrrad besitze, das pink­far­ben ist, und dass sie mit dem Fahrrad schon alleine herum­fahren könne, ohne umz­u­fall­en, und zwar durch den Wald. Plöt­zlich spricht sie nicht mehr, es ist still, aber ich höre sie atmen. Ich denke noch: Vor weni­gen Monat­en kon­nte sie nicht so gut erzählen, wie rasend schnell das geht, dass sich die Wörter formieren. Das Mäd­chen erzählte jet­zt in ganzen Sätzen, es scheint so zu sein, dass sie nun, da sie über ganze Sätze ver­fü­gen kann, endlich alle ihre Geschicht­en sofort erzählen möchte. Eine helle, fröh­liche Stimme. Aber dann doch diese selt­same Stille am Tele­fon, nur ihr Atem. Ich frage: Bist Du noch dran? Hal­lo! Kannst Du mich hören? Aber das Mäd­chen antwortet nicht. Immer noch ihr Atmen. Nach ein­er Minute plöt­zlich wieder ihre Stimme. Ich erfahre, dass ihre Mut­ter sie ger­ade fotografiert, wie sie mit mir tele­foniert. Ich sage: Das freut mich. Wun­der­bar, wir wer­den fotografiert, Du und ich, ich bin in dem Tele­fon. Wieder Stille. Ein Pause. Eine sehr kurze Pause. Sagt das Mäd­chen: Quatsch mit Sauce. — stop
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landungsbrücken

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gink­go : 6.55 — M. ist ver­schwun­den. Fre­unde suchen nach ihm. Sie rufen bei mir an und fra­gen, ob er vielle­icht bei mir untergekom­men sein kön­nte. Ich habe M. seit zwei Jahren wed­er gese­hen noch von ihm gehört. Dass er unter­ge­taucht sein kön­nte, wun­dert mich nicht. Ich erin­nere mich gut an ihn. Er hat­te kein Geld, war wirk­lich arm. Ein­mal erwäh­nt er, er habe seit eini­gen Jahren kein einziges Buch zu Ende gele­sen. Auch sei er niemals in ein­er Buch­hand­lung gewe­sen. Trotz­dem habe er sehr viel gele­sen. Er mache das so. Er lade sich Leseproben auf sein Lesegerät aus dem Inter­net. Diese Proben lese er dann immer wieder, es gin­ge ihm um den Klang der Sprache, nicht so sehr um die Geschicht­en selb­st. Er suche regel­recht nach Leseproben, die frei ver­füg­bar sind. Er habe zur Zeit über 6000 erste Seit­en gespe­ichert, die sich in seinem Kopf wie Lan­dungs­brück­en ver­hiel­ten. Er spaziere einige Satzme­ter weit aufs Meer hin­aus, dann gehe es nicht weit­er, das feste Land sei ent­fer­nt und sehr viel Raum vorhan­den, in welchen man sich stürzen und davon­schwim­men könne. — stop
polaroidversuche

sturmvögel

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ulysses : 0.01 — Mein Vater erzählte, wenn man ern­sthaft an etwas arbeite, würde man auch nachts damit beschäftigt sein. Ein­mal sei an einem riesi­gen, sehr schnellen Com­put­er im Kern­forschungszen­trum CERN bei Genf, der mit­tels tausender Kabelverbindun­gen an weit­ere Com­put­er geknüpft gewe­sen war, ein Kabel verse­hentlich oder mit Vor­satz aus seinem Steck­er gezo­gen wor­den. Tage­lang seien sie damals auf Knien unter­wegs gewe­sen, um das lose Kabel aufzus­püren, dessen sor­glose Exis­tenz ohne Angabe des Ortes auf einem Bild­schirm angezeigt wurde. Er habe, sagte Vater, damals die Welt in gel­ben Far­ben gese­hen und von Korn­waren geträumt. Ich erin­nerte mich heute daran, jet­zt weiß ich Bescheid und bin zufrieden. Träume seit Tagen von Wirbel­stür­men und von sehr kleinen Vögeln, die durch diese Stürme irren. — stop
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paris — kigali

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tan­go : 2.22 — Stille Nacht. Leichter Regen. Die Luft riecht nach Schnee. Ich schreibe wieder einen Brief an Hen­ry. Ich weiss, dass er meine Briefe schätzt, Orte, Städte, Straßen, Land­schaften, Häfen. Lie­ber Hen­ry, anbei die Stre­cke Paris — Kigali in Wor­ten, so wie sie der Com­pu­ter aus­ge­rech­net hat. Ich habe für das mit­telmeerische Gebi­et eine Lücke gelassen, da ich authen­tis­che nautis­che Begriffe nicht ent­deck­en kon­nte. Von die­sem Gebie­ten ein­mal abge­se­hen, sollte Deine Route voll­stän­dig vor­ge­schrie­ben sein. Du wirst, sofern alles gut gehen wird, nach 133 Stun­den Kigali errei­chen. Natür­lich darf­st Du, wie immer, nicht anhal­ten, um die Zeitvor­gabe ein­hal­ten zu kön­nen, am bes­ten reist Du wieder in Beglei­tung. Das Pro­gramm gab fol­gen­den war­nen­den Hin­weis: Unsere Anga­ben die­nen nur zu Pla­nungs­zwe­cken. Es ist mög­lich, dass die Ver­kehrs­ver­hält­nisse auf­grund von Bau­stel­len, Ver­kehr, Wet­ter oder ande­ren Fak­to­ren von den hier dar­ge­stell­ten Vor­schlä­gen abwei­chen. Sie soll­ten daher Ihre Reise ent­spre­chend pla­nen und alle Ver­kehrs­schil­der oder Hin­weise bezüg­lich Ihrer Route beach­ten. Ich set­zte hinzu, lieber Hen­ri, das Wüstenge­bi­et der Sahara gilt als äußerst gefährlich. Blitz­fall­en südlich der Stadt Paris. Ich wün­sche Dir eine gute Reise. Dein Louis > 1. Auf Rue de Riv­o­li nach West­en Rich­tung Rue du Renard starten 69 m weit­er gesamt 69 m 2. Leicht links abbiegen auf Rue de la Coutel­lerie Ca. 56 Sekunden140 m weit­er gesamt 210 m 3. Rechts abbiegen auf Av. Vic­to­ria 32 m weit­er gesamt 240 m 4. 1. Abzwei­gung links nehmen, um auf Rue Saint-Mar­tin zu wech­seln 71 m weit­er gesamt 300 m 5. 1. Abzwei­gung links nehmen, um auf Quai de Gesvres zu wech­seln Ca. 1 Minute 160 m weit­er gesamt 450 6. Weit­er auf Quai de l’Hôtel de ville Ca. 53 Sekun­den 350 m weit­er gesamt 800 m 7. Rechts abbiegen auf Pont Louis Philippe 15 m weit­er gesamt 850 m 8. 1. Abzwei­gung links nehmen, um auf Voie Georges Pom­pi­dou zu wech­seln Ca. 3 Minuten 1,2 km weit­er gesamt 2,0 km 9. Weit­er auf Voie Mazas Ca. 1 Minute 1,0 km weit­er gesamt 3,0 km 10. Ger­adeaus auf Quai de Bercy Ca. 2 Minuten 1,5 km weit­er gesamt 4,5 km 11. A3 A6 Périphérique Porte de Bercy Char­en­ton Die Auf­fahrt Rich­tung A3/A6/Périphérique/Porte de Bercy/Charenton nehmen 270 m weit­er gesamt 4,8 km 12. Aéro­port Orly Lyon Périphérique Interieur Quai d’Ivry Porte d’Italie An der Gabelung links hal­ten, Beschilderung in Rich­tung Aéro­port Orly/Lyon/Périphérique Interieur/Quai d’Ivry/Porte d’Italie fol­gen und weit­er auf Bd Périphérique Blitzgerät nach 1,2 km Ca. 2 Minuten 2,4 km weit­er gesamt 7,2 km 13. A6B A10 Bor­deaux Nantes Lyon Évry Aéro­port Orly-Rungis Bei Aus­fahrt A6B Rich­tung A10/Bordeaux/Nantes/Lyon/Évry/Aéroport Orly-Rungis fahren Ca. 7 Minuten 9,6 km weit­er gesamt 16,8 km 14. A10 E5 Palaiseau Étam­pes Bor­deaux-Nantes Massy Longjumeau Rechts hal­ten, Beschilderung in Rich­tung A10/E5/­Palaiseau/É­tam­pes/Bor­deaux-Nan­tes/­Massy/­Longjumeau fol­gen 800 m weit­er gesamt 17,6 km 15. Auf A10/E50 fahren Teil­weise gebührenpflichtige Straße Blitzgeräte ab 2,6 km Ca. 23 Minuten 39,1 km weit­er gesamt 56,7 km 16. A71 Toulouse Cler­mont-Fer­rand Bor­deaux Orléans A20 Links hal­ten, Beschilderung in Rich­tung A71/­Toulouse/­Cler­mont-Fer­rand/Bor­deaux/Or­léan­s/A20 fol­gen Gebührenpflichtige Straße Blitzgeräte ab 61,9 km Ca. 34 Minuten 71,7 km weit­er gesamt 128 km >
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rooseveltblüte

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sier­ra

~ : mal­colm
to : louis
sub­ject : ROOSEVELTBLÜTE
date : nov 22 13 8.15 p.m.

Am 22. Novem­ber berichtet die New York Times über Eich­hörnchen Frankie, das seit Wochen auf dem Hur­rikane Deck der Stat­en Island Fähre John F. Kennedy lebt. Wir kon­nten das nicht aufhal­ten. Wed­er den Bericht selb­st, noch eine Fotografie, die das Eich­hörnchen zeigt, wie es auf ein­er Sitzbank nach einem Fin­ger greift. Frankie scheint sich auf dem Schiff wohlzufühlen. Vielle­icht ist es die Wärme, vielle­icht sind es die Bewe­gun­gen der Fähre auf dem Meer, die ihm gefall­en. Natür­lich ist er längst zur Attrak­tion gewor­den, zum Stadt­ge­spräch, wird fotografiert und mit frischen Erd­nüssen ver­sorgt. Seit eini­gen Tagen nimmt Frankie gle­ich­wohl Bana­nen zu sich, zutraulich wagt er sich nah an die Pas­sagiere der Fähre her­an, greift mit seinen Hän­den nach den Frücht­en, ver­mag sie zu öff­nen, duckt sich, hastet mit sein­er Beute je unter eine der Sitzbänke, weshalb zahlre­iche Pas­sagiere niederknien, um Frankie nicht aus den Augen zu ver­lieren. Gestern beobachteten wir, wie ein Mäd­chen Frankie berühren durfte. Er zit­terte leicht, als das Kind mit ein­er Hand über seinen Rück­en fuhr. Das Mäd­chen bemerk­te Frankies Sender, der dicht unter sein­er Haut ver­bor­gen liegt, rasch zog es seine Hand zurück. Es ist beun­ruhi­gend, welch große Aufmerk­samkeit Frankie geniesst. Wir haben den Ein­druck, manche der Pas­sagiere fahren nur deshalb mit der Fähre, um Frankie besichti­gen zu kön­nen. Kaum noch kom­men wir an ihn her­an, ohne selb­st fotografiert zu wer­den. Heute ist es sehr windig. Brook­lyn und New Jer­sey liegen im Nebel. Man kön­nte glauben, dass wir uns auf hoher See befind­en. Die Scheiben des Schiffes schep­pern. Wass­er peitscht über die Vordecks der Fähre. Men­schen mit Fotoap­pa­rat­en stehn im Wind und suchen nach Man­hat­tan. Etwas seekrank sende ich allerbeste Grüße aus New York — Mal­colm / code­wort : roo­sevelt­blüte

emp­fan­gen am
23.11.2013
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mal­colm to louis »

polaroidbadende

hummergeschichte

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alpha : 20.16 — Ich habe gestern mit K. gesprochen. Er erzählte, er habe unlängst ver­such­sweise online von Ham­burg aus einen gekocht­en Hum­mer in Man­hat­tan bestellt. Das Tier kostete 28 Dol­lar, alle notwendi­gen Angaben waren bald aus­ge­füllt, Name, Adresse, Kred­itkarten­num­mer. Es war ein später Abend gewe­sen. K. erhielt einen Anruf. Er plaud­erte einige Zeit mit einem Fre­und. Als er an den Com­put­er zurück­kehrte, war seine Mas­chine eingeschlafen, sie erwachte sofort, als er eine Taste bewegte. In diesem Moment muss es geschehen sein. K. berührte die weit­er­hin geöffnete Bestell­form an entschei­den­der Stelle mit sein­er Mouse, kurz darauf erre­ichte ihn per E-Mail eine Bestä­ti­gung, der Hum­mer sei (Ship­ping) auf dem Weg. Ver­suche K.’s die Bestel­lung tele­fonisch rück­gängig zu machen, schlu­gen fehl, der Betrag von 28 Dol­lar für das Tier plus 25 Dol­lar Trans­port­ge­bühr wur­den von seinem Kred­itkartenkon­to abge­bucht. Zwei Wochen später erhielt K. Nachricht von hiesiger Zoll­be­hörde, eine Sendung liege für ihn am Hafen zur Abhol­ung bere­it. Ein flach­es Gebäude, Import, mehrere Schal­ter, Trans­port­bän­der, Beamte in grü­nen Uni­for­men. Als K. vor Ort erschien, wurde ger­ade eine Per­son, die heftig disku­tierte, in Hand­schellen abge­führt. K. wartete. Nach ein­er Stunde wurde er zu einem Schal­ter gerufen. Man über­re­ichte ihm ein For­mu­lar, dem eine Fotografie beige­fügt wor­den war. Das Doku­ment zeigte ein geöffnetes Paket von Sty­ro­por, darin einen Sud, in welchem wesentliche Teile eines Hum­mers schwammen, Füh­ler, Schwanz, Augen­stile, Zan­gen, alles war noch gut zu erken­nen gewe­sen. Hände, die in Hand­schuhen steck­ten, hiel­ten das Paket ins Licht. Auf beglei­t­en­dem Schreiben wur­den Ver­bren­nungskosten von 118 Euro für importierte Son­der­müll­ware angemah­nt. Ein Beamter berichtete, ein­er sein­er Kol­le­gen sei während der Öff­nung des Paketes umge­fall­en, dieser habe sich am Kopf ver­let­zt, weit­ere Kosten wären denkbar. – Son­ntag. stop. Vielle­icht. stop. Guten Abend! — stop
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vesuv

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MELDUNG. Engel, Schule zu St. Nazaire, sind heute Abend von 8 bis 10 bei leichter Nacht­fliegerei über dem Vesuv [ östliche Flanke ] anzutr­e­f­fen. Ein­tritt frei. — stop

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an martha

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tan­go : 12.15 — Im Gespräch mit ein­er alten Dame über das Vergessen. Sie sagte, dass man, wenn man wirk­lich vergesslich wird, diese Vergesslichkeit nur dann bemerkt, wenn man darauf aufmerk­sam gemacht wird. An Tagen, da sie sich allein in ihrer Woh­nung aufhalte, könne sie vergessen, soviel sie wolle, es würde ihr selb­st nicht und nie­mand anderem auf­fall­en, dass sie eigentlich einen Film betra­cht­en wollte, aber auf dem Weg zum Fernse­hgerät plöt­zlich ein Buch auf dem Tisch ent­deck­te, weshalb ihr Filmwun­sch ver­loren ging. — Liebe Martha, Du hast ver­säumt, nach einem Text zu suchen, von dem ich Dir erzählte. Ich sende diesen Text noch ein­mal und rufe Dich gle­ich an, damit Du ihn für mich vor­lesen wirst. Hier ist er: Eines der let­zten bewegten Bilder, die ich von meinem Vater in Erin­nerung habe, zeigt ihn, wie er in seinem Arbeit­sz­im­mer am Com­put­er arbeit­et. Auf dem Bild­schirm sind dutzende Pro­gramm­fen­ster geöffnet. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungs­los in seinem Ses­sel. Manch­mal tastet eine Hand durch die Luft, greift unsich­er nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wieder auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zeiger über den Bild­schirm fahren. Ein weit­eres Pro­gramm­fen­ster öffnet sich. Ein kleines Mäd­chen fährt in diesem Fen­ster auf einem Fahrrad über einen sandi­gen Weg. Sie bewegt sich in Schlangen­lin­ien dahin, lacht hoch zur Kam­era, die rück­wärts durch die Luft zu fliegen scheint. Es ist ein heit­er­er Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorne ab. Aber dann öffnet sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fen­ster, das den heit­eren Film verdeckt. Eine Fotografie, Mut­ter nahe Liss­abon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Com­put­er sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schuhe. Auch meine Mut­ter trägt Turn­schuhe. Ich fragte mich, wer diese Auf­nahme machte, und komme nicht darauf. Ein Schat­ten ist zu erken­nen, der Schat­ten eines Fotografen vielle­icht. In diesem Moment ruft die Frau, die auf der Fotografie zu sehen ist, von unten, vom Wohnz­im­mer her, dass das Mit­tagessen bald fer­tig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fen­ster, die er im Laufe des Vor­mit­tages geöffnet hat­te, wieder zu schließen. Nein, alles muss aufgeräumt wer­den. Mein Vater ste­ht nicht ein­fach auf, um sich sofort unsicheren Schrittes auf die Treppe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zeiger auf dem Bild­schirm den Rah­men der Pro­gramm­fen­ster nähert. Er scheint das Sym­bol für das Schließen der Fen­ster zu suchen, aber das Sym­bol ist nicht zu ent­deck­en, nicht zu erken­nen. Der Zeiger irrt auf dem Bild­schirm herum, Fen­ster drän­gen sich in den Vorder­grund und ver­schwinden wieder. Dann kommt Mut­ter her­bei, sie ruft zärtlich: Komm, komm, das Essen ist fer­tig. Schritte auf der Treppe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwitsch­ern der Vögel vom Garten her. Im Zim­mer auf dem Schreibtisch ist der Com­put­er längst eingeschlafen. — stop

polaroidkolibris

auf ellis island

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echo : 6.27 — An einem schwül­war­men Tag besuchte ich Ellis Island. Gewit­ter waren aufge­zo­gen, der Him­mel über Man­hat­tan bleigrau. Trotz­dem fuhren kleine weiße Schiffe von Bat­tery Park aus los, um Besuch­er auf die frühere Quar­an­tänein­sel zu trans­portieren. Ehe man an Bord gehen kon­nte, wurde jed­er Pas­sagi­er sorgfältig durch­sucht, Taschen, Schuhe, Com­put­er, Fotoap­pa­rate. Ein griechis­ch­er Herr von hohem Alter musste mehrfach durch die Strahlen­schleuse treten, weil das Gerät Met­all alarmierte. Er schwitzte, er machte den Ein­druck, dass er sich vor sich selb­st zu fürcht­en begann, auch seine Fam­i­lie schien von der ern­sten Proze­dur der­art beein­druckt gewe­sen zu sein, dass ihnen ihr geliebter Groß­vater unheim­lich wurde. Die Über­fahrt dauerte nur wenige Minuten. Es begann heftig zu reg­nen, das Wass­er wurde grau wie der Him­mel, Pusteln, Tausende, blink­ten auf der Ober­fläche des Meeres. Im Cafe des Ein­wan­der­ermu­se­ums kämpften hun­derte Men­schen um frit­tierte Kartof­feln, gebratene Hüh­n­ervögel, Him­beereis, Sahne, Bon­bons. Ihre Beute wurde in den Garten getra­gen. Dort Son­nen­schirme, die der Wind, der vom Atlantik her wehte, davon zu tra­gen dro­hte. Am Ufer eine her­ren­lose Drehorgel, die vor sich hin­dudelte, Fah­nen knall­ten in der Luft. Über den sandi­gen Boden vor dem Zen­tral­haus tanzten handtel­ler­große Wirbel von Luft, hier, genau an dieser Stelle, kön­nte Mary Mal­lon im Alter von 15 Jahren am 12. Juni 1895 sich ihre Füße vertreten haben, ehe sie mit Typhus im Blut nach Man­hat­tan ein­reisen durfte. Ihr Schat­ten an diesem Tag in meinen Gedanken. Ein weit­eres Gewit­ter ging über Insel und Schiffe nieder, in Sekun­den leerte sich der Park. Dann kamen die Möwen, große Möwen, gelbe Augen, sie raubten von den Tis­chen, was sie mit sich nehmen kon­nten. Wie ein Sturm gefiedert­er Kör­p­er stürzten sie vom Him­mel, es reg­nete Knochen, Servi­et­ten, Bestecke. Unter einem Tisch kauerte ein Mäd­chen, die Augen fest geschlossen. – stop
ping

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