nachts

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delta : 0.18 – Ich bat einen Freund, eine Geschichte zu erzählen vom Glück als er noch ein Kind gewesen war. Er musste nicht lange über­legen. Er sagte, dass er abends, sobald das Licht in seinem Zimmer ausge­schaltet wurde, heim­lich in seinen Büchern gelesen habe. Zu diesem Zweck hatte er eine Taschen­lampe unter seinem Kopf­kissen versteckt. Er las immer im Sitzen, die Beine verschränkt, Jules Vernes zum Beispiel. Aufre­gend, nicht nur die Bücher, sondern das verbo­tene Lesen zur Nacht­zeit selbst. Während mein Freund von seinem Glück berich­tete, erin­nerte er sich, wie sein Bruder, der in demselben Zimmer geschlafen hatte, ihm einmal erzählte, er, der Ältere der beiden, habe zur Sommer­zeit wie ein leuch­tender Berg ausge­sehen, der sich manchmal bewegte. Hin und wieder flackerte das Licht, weil die Kraft der Batte­rien in der kleinen Lampe zur Neige ging. Man musste dann immer ein wenig warten, bis sich die Batte­rien wieder erholten. Oft war er in dieser Zeit des Wartens noch im Sitzen einge­schlafen. – stop
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halbwesen

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echo : 0.02 – Sind Kiemen­men­schen, wohn­haft im Haus Lexington Avenue Ecke E 84 St, even­tuell in Gefahr, als Halb­wesen betrachtet zu werden? Ich will zur Vorsicht an dieser Stelle ihre allge­meinen Menschen­rechte dekla­rieren. Es handelt sich um Mrs. Lilly Linden­baum, gebo­rene Miller, sowie Mr. Jona­than Linden­baum. Sie haben ihre geräu­mige Wohnung in der 12. Etage seit 82 Jahren niemals verlassen. Man berichtet, sie würden in der Art der Grön­land­wale mit dem Kopf nach unten schwe­bend schlafen. – stop

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lichthals

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romeo : 1.28 – Noch ein Kind gewesen, beob­ach­tete ich Fliegen und Mücken mit argwöh­ni­schen Augen. Sie waren so wendig, willens­stark und ausdau­ernd in ihrer Jagd nach Zucker oder Blut, dass ich sie fürch­tete und bewun­derte zur selben Zeit. Sirrende Geräu­sche. Sturz­schrau­ben­flüge. Moskitos, die man niemals lebendig mit einer Hand fangen, aber töten konnte. Das Mikro­skop, mit dessen Hilfe ich vor langer Zeit Flie­gen­lei­chen unter­suchte, habe ich unlängst wieder­ge­funden. Ein schweres Objekt, schwarz lackiertes Guss­eisen, daran befes­tigt, beweg­liche Messing­teile, Rädchen insbe­son­dere, ein Spiegel, und ein runder, beweg­li­cher Tisch. Das Gerät war im zurück­lie­genden Jahr­hun­dert von Ernst Leitz in Wetzlar gefer­tigt worden. An seinem zentralen Lichthals trägt es die Signatur No. 158461. Robert Koch soll aus dieser Serie der Mikro­skope das Mikro­skop mit der Ziffer 100000 erhalten haben, Paul Ehrlich das Mikro­skop mit der Nummer 150000. Damals, als ich noch sehr klein gewesen war, konnte ich das Mikro­skop kaum auf den Tisch heben, an den ich mich zur Unter­su­chung gefan­gener Fliegen setzte sobald früher Abend geworden war. Um eine Fliege sezieren zu können, benö­tigt man sehr feines Besteck, meine Hände zitterten. Die erste Fliege, der ich mich mit einem Skal­pell näherte, wachte auf, sie bewegte ihre Bein­chen, ich flüch­tete aus dem Zimmer. Die zweite Fliege, die ich unter­su­chen wollte, war so gründ­lich tot, dass sie über keinen eigent­li­chen Körper mehr verfügte, der unter­sucht werden konnte. Die dritte Fliege öffnete sich, sie war uner­wartet feucht gewesen. In einer metal­lenen Schachtel verwahrte ich meine Opfer. Der Schachtel entkam eine bitterer Geruch. Ich habe nun über­legt, ob ich die Unter­su­chung der Fliegen oder klei­nerer Spin­nen­tiere nicht drin­gend wieder aufnehmen sollte. – stop
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lichtbild : krim

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kili­man­dscharo : 1.55 – Die Nach­rich­ten­agen­tur Asso­cia­ted Press ver­öf­fent­lichte ges­tern eine bemer­kens­werte Foto­gra­fie. Men­schen sind zu sehen, die an der Kasse eines Ladens dar­auf war­ten, bedient zu wer­den, oder Waren, die sie in Plas­tik­beu­teln mit sich füh­ren, bezah­len zu dür­fen. Es han­delt sich bei die­sem Laden offen­sicht­lich um ein Lebens­mit­tel­ge­schäft, das von künst­li­chem Licht hell aus­ge­leuch­tet wird. Im Hin­ter­grund, rech­ter Hand, sind Regale zu erken­nen, in wel­chen sich Sekt– und Wein­fla­schen anein­an­der­rei­hen, gleich dar­un­ter eine Tief­kühl­truhe, in der sich Spei­se­eis befin­den könnte, und lin­ker Hand, an der Wand hin­ter der Kasse, wei­tere Regale, Zeit­schrif­ten, Spi­ri­tuo­sen, Scho­ko­lade, Bon­bon­tü­ten. Es ist alles sehr schön bunt, der Laden könnte sich, wenn man bereit ist, das ein oder andere erkenn­bare kyril­li­sche Schrift­zei­chen zu über­se­hen, in einem Vor­ort der Stadt Paris befin­den oder irgendwo in einem klei­nen Städt­chen im Nor­den Schwe­dens, nahe der Stadt Rom oder im Zen­trum Lis­sa­bons. Es ist Abend ver­mut­lich oder Nacht, eine kühle Nacht, weil die Frau, die vor der Kasse war­tet, einen Ano­rak trägt von hell­blauer Farbe und feine dunkle Hosen. Ihre Schuhe sind nicht zu erken­nen, aber die Schuhe der Män­ner, die gleich hinter ihr in der Reihe der Wartenden vor der Kasse stehen, es sind vier Per­so­nen ver­mut­lich mitt­le­ren Alters. Sie tra­gen schwarze, geschmei­dig wir­kende Mili­tär­stie­fel, aus­ser­dem Uni­for­men von dun­kel­grü­ner Farbe, runde Schutz­helme, über wel­chen sich ebenso dun­kel­grüne Tarn­stoffe span­nen, wei­ter­hin Wes­ten mit aller­lei Kampf­werk­zeu­gen, der ein oder andere der Män­ner je eine Sturm­wind­brille, Knie­schüt­zer, Hand­schuhe. Die Gesich­ter der Män­ner sind der­art ver­mummt, dass nur ihre Augen wahr­zu­neh­men sind, nicht ihre Nasen, nicht ihre Wan­gen, nicht ihre Mün­der, sie wir­ken kampf­be­reit. Einer der Män­ner schaut miss­trau­isch zur Kamera hin, die ihn ins Visier genom­men hat, ein Blick kurz vor Gewalt­tä­tig­keit. – Jeder Blick hin­ter einer Maske her­vor ist ein selt­sa­mer Blick. – Ein ande­rer der Män­ner hält sei­nen geöff­neten Geld­beu­tel in der Hand. Die Männer wir­ken alle so, als hät­ten sie sich gerade von einem Kriegs­ge­sche­hen ent­fernt oder nur eine Pause ein­ge­legt, ehe es wei­ter gehen kann jen­seits die­ses Bil­des, welches Erstau­nen oder kühle Furcht aus­zu­lö­sen ver­mag. Ich stelle mir vor, ihre Sturm­ge­wehre lehn­ten vor dem Laden an einer Wand. Und wenn wir gleich her­aus­tre­ten an die fri­sche Luft, wenn wir den Blick zum Him­mel heben, wür­den wir die Sterne über Sim­fe­ro­pol erken­nen, oder über Jalta, über Sudak, über einer Land­straße, die im April 1986 gut infor­mierte Menschen der sowje­ti­schen Nomen­kla­tura in Bussen aus dem Norden südwärts führte, während zur glei­chen Zeit Fahr­zeuge der Land­streit­kräfte Tausende Ahnungs­loser nord­wärts in die entsetz­li­chen Strah­lungs­felder Tscher­no­byls trans­por­tierten. – stop

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batumi

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 268 hupende Rüssel­rosen, nahe Batumi [ Georgia ] gesichtet. Man wandert in krei­sender Bewe­gung. – stop

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lichtbild : damaskus

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foxtrott : 0.15 – Eine hoch­auf­lö­sende Foto­grafie zeigt eine Straße der Stadt Damaskus bei Tages­licht. Diese Straße ist nicht irgend­eine Straße, sondern eine Straße, die sich in einem von syri­schen Regie­rungs­truppen bela­gerten Stadt­teil befinden soll. Davon habe ich Kenntnis, ich hatte einen kurzen Bericht gelesen, der sich mit jener foto­gra­fierten Straße befasste. Die Häuser der Straße sind zerstört, nicht ganz zum Boden hin gezwungen, aber sie sind Ruinen, sind unbe­wohnbar geworden. Man erzählt, die Straße, ein ganzer Stadt­teil und die in ihm lebenden Menschen seien voll­ständig von der Versor­gung abge­schnitten, kein Trink­wasser, keine Nahrung. Hunderte Menschen sollen bereits verhun­gert sein. Die Aufnahme nun lichtet tausende im Inferno lebende Menschen ab, Menschen, die Bomben, Scharf­schützen, Giftgas und Auszeh­rung über­lebten, sie haben sich in der Schlucht zerstörter Häuser vor der Kamera einge­funden. Viele stehen gebeugt, als würden sie beten. Andere fließen auf den Trüm­mern der Häuser­wände aufwärts. Ein Bild wie aus einem Traum, der ein Alptraum sein muss. Ich kann die Menschen genauer betrachten, indem ich die Aufnahme auf meinem Bild­schirm vergrö­ßere. Aus einer Menge treten einzelne Menschen hervor, ein Mann mit lichtem Bart und Brille, eine junge Frau, die ein grünes Kopf­tuch trägt. In dem Moment der Aufnahme legt sie ihre Hände vor den Mund. Viele der Menschen scheinen wie die junge Frau in das Objektiv der Kamera zu blicken. Für einen Augen­blick meine ich, dass sie aus ihren Kellern gekommen sein könnten, trotz der Gefahr von Tonnen­bomben umge­bracht zu werden, um auf diese Aufnahme zu kommen, um nicht ganz zu verschwinden, ja, das ist denkbar. Aber vermut­lich ist die Wirk­lich­keit dieser Aufnahme eine andere, vermut­lich werde ich nie erfahren, warum diese Menschen zusam­men­ge­kommen sind, so viele Menschen, und wer über­lebte und wer nicht über­lebte. – Kinder. Keine Kinder. – stop

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vom nachthausmuseum

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sierra : 20.14 – Mein lieber Freund, als ich Deinen nächt­li­chen Brief las von den Geräu­schen im Haus, in dem Du wohnst, erin­nerte ich mich an eine Geschichte, die ich vor zwei Jahren notierte. Ich stelle mir vor, diese Geschichte könnte Dich inter­es­sieren. Wenn Du Fragen haben soll­test, wie man als Nacht­mensch unter Tagmen­schen sinn­voll exis­tieren kann, melde Dich bitte unver­züg­lich. Dein Louis. ps. Hier meine Geschichte: Das Museum der Nacht­häuser befindet sich am Shore Boule­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge, die den Stadt­teil Queens über den East River hinweg mit Randilis Island verbindet. Es ist ein recht kleines Haus, rote Back­steine, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Garten, in dem verwit­terte Apfel­bäume stehen, und der Fluss so nah, dass man ihn riechen kann. Während eines Spazier­ganges, zufällig, entdeckte ich dieses Museum, von dem ich nie zuvor gehört hatte. Es war ein später Nach­mittag, ich musste etwas warten, weil, so war zu lesen, das Museum nicht vor Einbruch der Dämme­rung geöffnet würde. Es ist eben ein Museum für Nacht­men­schen, die in Nacht­häu­sern wohnen, welche erfunden worden waren, um Nacht­men­schen artge­rechtes Wohnen zu ermög­li­chen. Als das Museum öffnete, war ich schon etwas müde geworden, und weil ich der einzige Besu­cher in dieser Nacht gewesen war, führte mich ein junger Mann herum. Er war sehr geduldig, wartete, wenn ich wie wild in mein Notiz­buch notierte, weil er überaus span­nende Geschichten erzählte von jenen merk­wür­digen Gegen­ständen, die in den Vitrinen des Museums versam­melt waren. Von einem dieser Gegen­stände will ich kurz erzählen, von einem metal­lenen Wesen, das mich an eine Kreu­zung zwischen einem Gecko und einer Spinne erin­nerte. Das Ding war verrostet. Es hatte die Größe eines Schuh­kar­tons. An je einer Seite des Objekt saßen Beine fest, die über Saug­näpfe verfügten, eine Kamera thronte obenauf wie ein Reiter. Der junge Mann erzählte, dass es sich bei diesem Gerät um ein Instru­ment der Vertei­di­gung handele, aus einer Zeit da Nacht­men­schen mit Tagmen­schen noch unter den Dächern ein und derselben Häuser wohnten. Das kleine Tier saß in der Vitrine, als würde er sich ducken, als würde es jeder­zeit wieder eine Wand besteigen wollen. Das war nämlich seine vornehme Aufgabe gewesen, Zimmer­wände zu besteigen in der Nacht, sich an Zimmer­de­cken zu heften und mit kleinen oder größeren Hammer­werk­zeugen Klopf,- oder Schlag­ge­räu­sche zu erzeugen, um Tagmen­schen aus dem Schlaf zu holen, die ihrer­seits wenige Stunden zuvor noch durch ihre harten Schritte den Erfinder der Geck­o­ma­schine, einen Nacht­ar­beiter, aus seinen Träumen gerissen hatten. Ja, zum Teufel, schon zum hundertsten Male war das so geschehen, obwohl man aller­freund­lichst um etwas Ruhe, um etwas Vorsicht gebeten hatte, nein gefleht, nein geflüs­tert. Es war, sagte der junge Mann, immer so gewesen damals in dieser schreck­li­chen Zeit, dass sich jene Tagmen­schen, die über geräu­migen Zimmern wohnten, sicher fühlten vor jenen Nacht­men­schen, die unter ihnen wohnten und mit ihren Schritten die Zimmer­decke niemals errei­chen konnten. Aus und fini! – stop

polaroidqueens

ameisengeschellschaft LH – 505

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MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN – 1232 [ linepi­thema humile ] Posi­tion 43°79’N 5°18’O nahe Mendirol / Folgende Objekte wurden von 18.00 – 18.55 Uhr MESZ über das südliche Wendel­portal ins Waren­haus einge­führt : drei­und­dreissig trockene Flie­gen­torsi mitt­lerer Größe [ je ohne Kopf ], sieben­und­sechzig Baum­stämme [ à 18 Gramm ], fünf Raupen in Grün, einhun­dertundelf Raupen in Orange, zwei­und­zwanzig Insek­ten­flügel [ vermut­lich die dreier Segel­falter ], sechs Streich­holz­köpfe [ à ca. 1.8 Gramm ], zwölf Tauben­schwänz­chen der Gattung Macroglossum [ auch Karp­fen­schwänz­chen ] in vollem Saft, sonnen­ge­trock­nete Rosen­blätter [ ca. 328 Gramm aus vergan­genem Jahr ], vier­und­zwanzig Schne­cken­häuser [ je ohne Schnecke ], acht gelähmte Schne­cken [ je ohne Haus ], 276 Ameisen anlie­gender Staaten [ betäubt oder tran­chiert ], zwei Floh­käfer [ vergoldet ], fünf Aasku­geln eines Pillen­dre­hers, wenig später der Pillen­dreher selbst, sieben­und­siebzig Wild­bienen, ein Feuer­wehr­helm [ Lego city 60003 – in rot ] 2.357 Gramm. – stop

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ai : MEXIKO

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MENSCHEN IN GEFAHR : “2013 nahmen die Einwan­de­rungs­be­hörden Mexikos 82 269 Migran­tInnen fest und 75 704 wurden abge­schoben, die große Mehr­heit nach Guate­mala, Honduras und El Salvador. Eine größere Zahl mittel­ame­ri­ka­ni­scher Migran­tInnen versuchte, in die USA zu gelangen. In Mexiko erleiden viele Migran­tInnen weiterhin Verstöße durch die Polizei, und andere werden Opfer gezielter Entfüh­rungen, des Menschen­han­dels, von Verge­wal­ti­gung und Tötungen durch krimi­nelle Banden, die häufig im Einver­nehmen mit lokalen Behörden agieren. Reformen der Migra­ti­ons­ge­setz­ge­bung, die manche Rechte von Migran­tInnen, insbe­son­dere das Recht auf Schutz und Zugang zur Justiz stärkten, wurden nicht ange­messen umge­setzt. Die natio­nale Stra­tegie zur Bekämp­fung der Entfüh­rung von Migran­tInnen zieht immer noch keine krimi­nellen Banden und Mitar­bei­te­rInnen von Behörden zur Verant­wor­tung, die Menschen­rechts­ver­let­zungen an Migran­tInnen begehen. 2011 berich­tete die natio­nale Menschen­rechts­kom­mis­sion von 10 00 Entfüh­rungen von Migran­tInnen ohne regu­lären Aufent­halts­status durch krimi­nelle Banden in einem Zeit­raum von nur sechs Monaten, häufig im Einver­nehmen mit Behör­den­ver­tre­te­rInnen. Die Verant­wort­li­chen für Verschlep­pungen und andere Menschen­rechts­ver­let­zungen an Migran­tInnen werden nur selten zur Rechen­schaft gezogen. / Die Behörden auf Bundes­staa­ten­ebene igno­rieren die Misere der Migran­tInnen zu großen Teilen, und die Bundes­be­hörden sehen Migran­ten­ströme zuneh­mend als Gefahr für die natio­nale Sicher­heit, statt die Sicher­heit von Migran­tInnen auf der Durch­reise zu gewähr­leisten. Vor kurzem reisten Mütter von Migran­tInnen aus Mittel­ame­rika auf der Suche nach ihren Kindern durch Mexiko und forderten staat­liche Unter­su­chungen. Die natio­nale Menschen­rechts­kom­mis­sion veröf­fent­lichte kürz­lich einen unbe­frie­di­genden Bericht zu der Tötung von 72 Migran­tInnen in San Fernando im Bundestaat Tamau­lipas im August 2010. Das Versagen der Behörden beim Schutz des Rechts auf Leben der Migran­tInnen und der umfas­senden Aufklä­rung des Massa­kers war nicht Inhalt des Berichts. Er beschränkte sich auf begrenzte Aspekte des Falls im Zusam­men­hang mit grob fehler­haften foren­si­schen Unter­su­chungen zur Iden­ti­fi­zie­rung der Opfer. Die Leich­name aus anderen Massa­kern, / von denen vielen vermut­lich Migran­tInnen sind, sind noch gar nicht iden­ti­fi­ziert worden. / Amnesty Inter­na­tional veröf­fent­lichte 2010 einen Bericht über die Menschen­rechts­ver­let­zungen an Migran­tInnen auf der Durch­reise durch Mexiko mit dem Titel “Invi­sible Victims: Migrants on the move in Mexico”. Amnesty Inter­na­tional hat eine Aktion ins Leben gerufen, um die Misere der Migran­tInnen auf dem Weg durch Mexiko sichtbar zu machen.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 6. Mai 2014 hinaus, unter »> ai : urgent action

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terminal nachts

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tango : 2.28 – Gestern beob­ach­tete ich einen Mann, wie er in einem Buch las. Er saß nahe eines Cafés im Flug­ha­fen­ter­minal 1 auf seinem Koffer, lehnte mit dem Rücken an einer Wand, beide Füße fest auf dem Boden. Außerdem trug er einen breit­krem­pigen Hut von brauner Farbe auf dem Kopf und ein blaues Hemd, welches derart leuch­tete, dass meine Augen bald schmerzten. Aber im Grunde war ich auf den Mann nicht wegen seiner äußeren Erschei­nung aufmerksam geworden, es war die Methode wie er die Erzäh­lung The Price of Salt von Patricia Highsmith studierte. Ehe er nämlich eine neue Seite des Buches zu lesen begann, riss er diese nächste zu lesende Seite aus dem Körper des Buches heraus, führte sie nahe an seine Augen heran, las, drehte die Seite herum, las weiter, um kurz darauf die gele­sene Seite in die Tasche seines Jacketts zu stopfen. Das Jackett beulte sich bereits auf beiden Seiten deut­lich, weil das Buch bereits bis zur Hälfte gelesen worden war. Genau genommen zerlegte der Mann das Buch, das er las, in seine papie­renen Einzel­teile, das Buch verschwand sozu­sagen unter seinen Händen, das waren übri­gens sehr kleine Hände, die Hände eines Kindes. Natür­lich kann ich an dieser Stelle keine Aussage darüber machen, ob der Mann mit jedem der Bücher seines Lebens so gehan­delt hatte. Wann war es gewesen, als er die erste Seite aus einem Buch entnahm? Und warum? Ich wollte den Mann fragen, aber irgend­etwas hinderte mich daran, zu ihm zu gehen. Um kurz nach zwei Uhr stand ich auf und ging nach Hause. – stop

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lima

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MELDUNG. Lima, Parque de Las Leyendas, 2. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 556 [ Marmor, Carrara : 6.32 Gramm ] voll­endet. – stop

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tarasa shevchenko boulevard

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alpha : 3.12 – Auf Nacht­bänken schlafen Menschen, ärmlich geklei­dete Personen. Sie liegen mit ihrem Kopf auf Taschen, in welchen sich Ausweise und Geld befinden. Sobald Menschen schlafen erscheinen sie in meinen Augen wie Kinder, sie wirken zerbrech­lich, auch wenn sie bären­starke Männer sind, die vor Wochen noch in Rumä­nien oder Bulga­rien lebten. Staubig sind sie geworden, ein strenger Geruch geht von ihren Körpern aus. Wenn sie wach werden am Morgen, wenn sie im goldenen Licht der Flug­ha­fen­trans­fer­räume sitzen, die Luft duftet nach frischem Gebäck und Kaffee, schauen sie mit todmüden, gerö­teten Augen in den Strom der Passa­giere, feine, edle Gestalten dort, viele scheinen fröh­lich zu sein, sie führen flache Computer mit sich und Bord­zei­tungen, sind in graue oder blaue Anzüge gehüllt, in Beglei­tung schwe­bender oder rollender Koffer. Es ist kurz nach sechs Uhr. Lang­stre­cken­flug­zeuge sind gelandet, New York, Los Angeles, Peking, Mumbai, Buenos Aires, Ottawa. Vor einer Roll­treppe warten zwei Frauen. Die eine der Frauen erzählt eine Geschichte in deut­scher Sprache mit russi­schem Akzent. Ich bleibe stehen, ich höre zu. Es ist eine Geschichte, die von der Stadt Kiew handelt. Sie sei, sagt die Frau, im Juli des Jahres 1986 nach Kiew gekommen, um dort zu singen, das heißt, ein Konzert zu geben. Sie erin­nere sich an blei­graue Rohre, die aller­orten entlang der Häuser­wände in den Straßen verlegt worden seien. Wasser strömte aus diesen Rohren über Gehsteige, es war darum so gewesen, um radio­ak­tiven Staub, der von der Luft heran­ge­tragen wurde, fort zu waschen. Für einen Moment der Eindruck, die Frau habe bemerkt, dass ich ihrer Geschichte folge und dass sie nichts dagegen einzu­wenden hat. Sie entnimmt ihrer Hand­ta­sche sieben Ausweise in wein­roter Farbe, Reise­pässe, ungültig gewor­dene Doku­mente, in einem dieser Ausweise befindet sich ein Stempel, jener Stempel, der die Reise nach Kiew doku­men­tiert. Es ist eine Frage von Sekunden, bis die Frau mit ihrem rechten Zeige­finger das Papier, auf dem der Stempel seit Jahren fest­ge­halten ist, berühren wird. – stop

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sierra : 8.38 – Was, flüs­tert ein Junge in der Stra­ßen­bahn einem anderen Jungen zu, das weisst du nicht! Der ange­spro­chene Junge, nach­denk­lich geworden, schweigt, während beide aus dem Fenster sehen. Kurz darauf antwortet er, gleich­wohl flüs­ternd: Ich weiß etwas anderes! – stop
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ulysses : 1.58 – Ich stelle mir eine hand­liche Box vor, nicht größer als eine Streich­holz­schachtel. Wenn ich diese Box öffnete, würde 1 Stunde der Stadt New York in ihr fest­ge­halten sein, jeder Mensch und jeder seiner Atem­züge, Gedanken, Gespräche und Wünsche. Auch alle großen und kleinen Häuser, Straßen, Züge wären versam­melt, das Licht und seine Schatten, Vögel und Wolken, das Wasser der Flüsse, das Meer, das Lachen der Kinder, und jede der Beckett­ge­stalten, die mir begegnen, wohin ich auch geh. Könnte zufrieden bald in einem Park sitzen und warten, 1 Stun­den­zeit in der Hosen­ta­sche. Auf dem Tisch eine Traube, mein Blick ruht sich aus. Dann wieder gehen, Stunde um Stunde gehen und schlafen, schauen und zugleich nicht schauen, kurze Blicke, Sekun­den­bilder, Augen geschlossen, Blicke durchs trans­pa­rente Lid abends auf der großen alten Brücke mit der blät­ternden rostigen Haut, das Vibrieren der Schritte, der Stimmen auf hölzernen Stegen von Insel zu Insel. – stop
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