quallenhautkoffer

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ulysses : 3.25 – Ein blauer italie­ni­scher Himmel und Wärme, Hitze. Mitte Mai. Über den Sand­boden schau­keln müde Eidechsen, zwei Enten sitzen auf einer Park­bank in unserer Nähe im Park. Als wir tele­fo­nierten, erin­nert sie mich daran, dass sie in einer Grenz­si­tua­tion lebe. Ich vergesse immer wieder ihr Alter. Sie sei bald voll­ständig belichtet, reise aber noch viel herum, Koffer werden ihr getragen, mit einem kleinen Ruck­sack auf dem Rücken, Notiz­bü­chern, einem Note­book. Das Note­book ruht in diesem Moment auf ihren Knien. Sie sucht in der digi­talen Sphäre einen Text, an den ich mich erin­nern kann. Sie liest mir vor, und ich notiere vom Qual­len­zimmer. Sie will das Zimmer von meiner Hand in ihrem Notiz­buch haben. Ich schreibe langsam. Im Notiz­buch finden sich zahl­reiche weitere Hand­schriften, die nicht ihre Hand­schriften sind. Sie scheint Geschichten zu sammeln, oder Augen­blicke des Schrei­bens. Ich höre meine eigene Geschichte, eine Entde­ckung meiner Hände, die von einem freund­li­chen, hellen Raum erzählen, einem Zimmer von feinster Qual­len­haut, einem Zimmer von Wasser, einem Zimmer von Salz, einem Zimmer von Licht. Man könnte dieses Zimmer, und alles was sich im Zimmer befindet, das Qual­len­bett, die Qual­lenuhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schinen von Qual­len­haut, trocknen und falten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche stecken. Und dann geht man mit dem Zimmer durch die Stadt spazieren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaffee­haus und wartet. Man sitzt also ganz still und zufrieden unter einer Venti­la­tor­ma­schine an einem Tisch, trinkt eine Tasse Kakao und lächelt und ist geduldig und sehr zufrieden, weil niemand weiß, dass man ein Zimmer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zimmer, das man jeder­zeit auspa­cken und mit etwas Wasser, Salz und Licht, zur schönsten Entfal­tung bringen könnte. – stop

polaroidparents

tucholsky : dos passos

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echo : 5.32 – Um kurz nach vier Uhr entdecke ich das Patent eines Büro­stuhls, der sich mit Strom versorgen lässt, um Schla­fende durch leichte oder mittel­schwere elek­tri­sche Schläge zu wecken. Kurz darauf, schon hell, ein Text Kurt Tuchol­skys aus dem Jahr 1928. Ich zitiere: John Dos Passos, ›Manhattan Transfer‹ Da ist ›Manhattan Transfer‹ von John Dos Passos (bei S. Fischer in Berlin). Dieser halbe Ameri­kaner, dessen ›Drei Soldaten‹ (im Malik-Verlag) gar nicht genug zu empfehlen sind, hat da etwas Gutes gemacht. Ich denke, dass die Mode der ameri­ka­ni­schen Romane, die uns die Verleger und die Snobs durch Übermaß sacht zu verekeln beginnen, nach­ge­lassen hat – und das ist auch gut so. Nicht etwa, weil nervöse und wenig erfolg­reiche Reak­tio­näre der Lite­ratur, zum Beispiel in den ›Münchner Neuesten Nach­richten‹, gegen die Über­set­zungen aus dem Fremd­län­di­schen poltern –, sondern weil es zwischen der Hysterie der Anbe­tung und der Neur­asthenie der Verdam­mung ein vernünf­tiges Mittelmaß gibt. Man soll fremde Länder kennen lernen – man soll sie nicht sofort segnen und nicht gleich verflu­chen. ›Manhattan Transfer‹ ist ein gutes Buch – die Ameri­kaner haben sich da einen neuen Natu­ra­lismus zurecht­ge­macht, der zu jung ist, um an den alten fran­zö­si­schen heran­zu­rei­chen, aber doch fesselnd genug. Es sind Foto­gra­fien, nein, eigent­lich gute kleine Radie­rungen, die uns da gezeigt werden; ob sie echt sind, kann ich nicht beur­teilen, die Leute, die lange genug drüben gelebt haben, sagen Ja. Es ist die Lyrik der Groß­stadt darin, eine durchaus männ­liche Lyrik. Der Einsame auf der Bank: »Fein hast du dein Leben versaut, Josef Harley. Fünf­und­vierzig und keine Freude und keinen Cent, um dir gütlich zu tun.« Das hat einmal so gehießen: »Qu’as tu fait de ta jeunesse?«, und das ist von Verlaine und ist schon lange her, aber doch neu wie am ersten Tag. Das Mädchen da liegt auf ihrem Zimmer in der großen Stadt, schwimmt in der Zeit und ist so allein. Sehr schön, wie ein Mann auf der Bett­kante sitzt, und da ist eine Frau, seine Frau, und ein Kind, sein Kind – und plötz­lich sieht er, dass er »hagere rötliche Füße hat, von Treppen und Trot­toirs verkrümmt. Auf beiden kleinen Zehen saß ein Hühner­auge.« Und da hat er Mitleid mit sich und weint. Das Buch ist auch formal gut – Dos Passos ist nicht nur ein Dichter, sondern auch ein begabter Schrift­steller. Sehr hübsch ist diese Denk­figur, der man öfter bei ihm begegnet: »Auf dem Trep­pen­ab­satz befand sich ein Spiegel. Kapitän James Meri­vale blieb stehen, um Kapitän James Meri­vale zu betrachten.« Und diese, die gradezu program­ma­tisch ist und viel tiefer als sie, leicht­ge­fügt, wie sie ist, zu sein scheint: »Nichts hat so viel Erfolg wie der Erfolg.« Eine ähnliche Drehtür des Stils steht bei Sinc­lair Lewis, im ›Elmer Gantry‹, einem Buch von dem hier noch ausführ­lich die Rede sein soll … Ein einziger Klub, heißt es da, wird Herrn Gantry, den Prediger, viel­leicht aufnehmen. »Des Anse­hens wegen. Um zu beweisen, dass sie unmög­lich den Gin in ihren Schränken haben können, den sie in ihren Schränken haben.« Die Über­set­zung von ›Manhattan Transfer‹ durch Paul Baudisch ist sauber und anständig. Kleine Anmer­kung: Man sagt im Deut­schen kaum: »Das macht mich zipflig« –, sondern wohl immer: »Das macht mich kribblig«. Und was ist dies hier? »Dü Maure­tania läuft öben eun; vürund­zwanzig Stunden Verspö­tung« – Spricht eine alte gezierte Dame so? ein Ober­hof­pre­diger? Nein, das ist die Über­set­zung irgend­eines ›slang‹, und die Männer, die sich mit Über­tra­gungen aus dem Engli­schen befassen, sollten sich das abma­chen. – Der Morgen kommt. Tauben sitzen auf dem Fens­ter­brett. Sie haben gut geschlafen. – stop
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marguerite duras : die grünen augen

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Tango : 5.32 – Ich weiss nicht, wie Margue­rite Duras Buch Die grünen Augen in meine Wohnung gekommen ist. Das könnte eine Geschichte sein. Irgend­je­mand, vermut­lich ich, hatte im Buch einmal folgende Zeilen unter­stri­chen: In der Lite­ratur kann man nicht sagen, es fehlen knapp 220 Millionen, um ein Buch zu beenden. Wenn das Buch nicht zu Stande kommt, auch unter den schlimmsten Bedin­gungen, dann deshalb, weil es nicht gemacht werden muss. Wenn es gemacht werden muss, wird es gemacht, auch unter den ungüns­tigsten Bedin­gungen. Die Vorwände, nicht zu schreiben, Zeit­mangel, Über­las­tung etc., sind nicht wahr, fast nie. – stop
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zwergherzrose

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echo

~ : malcolm
to : louis
subject : ZWERGHERZROSE
date : jun 3 14 4.28 p.m.

Es ist vier Uhr nach­mit­tags, ein heißer Tag in New York. Wir sitzen auf dem Prome­na­den­deck, fahren in Rich­tung Staten Island. Die Flut kommt, der Schiffs­körper unter uns zittert. Eich­hörn­chen Frankie kauert auf einer Bank, als wäre er ein Mensch. Kinder füttern ihn mit Nüssen. Er hält sein Gesicht in den Wind, achtet auf Möwen, die ihn mehr­fach atta­ckierten. In seiner Nähe seit zwei Wochen immer wieder anzu­treffen, eine junge Frau, auch in diesem Moment ist sie anwe­send. Sie kommt am frühen Morgen auf das Schiff, setzt sich an eines der Fenster und beginnt zu lesen. An den Termi­nals geht sie je von Bord, nimmt irgend­eine andere Fähre, um nach zwei oder drei Fahrten wieder auf der John F. Kennedy zurück zu sein. Frankie mag an ihr Gefallen gefunden zu haben. Er sitzt jeden­falls immer in ihrer Nähe, ohne einen Grund, den wir erkennen könnten, sie hat ihn bisher noch nie gefüt­tert. Auch beachtet sie ihn kaum, weil sie liest. Einmal durch­stö­berte Frankie ihre Hand­ta­sche, jagte mit einem Blei­stift davon. Die junge Frau hatte ihn beob­achtet, sie lächelte und folgte ihm mit ihrem Blick. Eine reizende Person. Elegant gekleidet, heute mit einem roten Strohhut auf dem Kopf. Allison hatte sie am dritten Tag ihres Erschei­nens einige Stunden lang beschattet. Am Abend folgte sie ihr nach Brooklyn, sie scheint nicht verdächtig zu sein, eine Person, die über Zeit verfügt, die viel­leicht Schiff­fahrten mag. Wir notieren sorg­fältig ihre Lektüre, gestern noch Carson McCul­lers Roman Clock Without Hands. Auch kennen wir bereits ihren Namen, wissen, dass ihre Eltern noch leben, welche Schule sie besuchte, sie scheint noch nie in ihrem Leben ange­stellt gewesen zu sein. Ja, es ist vier Uhr nach­mit­tags an einem heißen Tag in New York. Es ist kaum später geworden. Ein blauer Ball rollt hin und her, als suchte er einen Ausweg. Gestern war ein Mann von Bord gesprungen und wurde gerettet. – Ihr Malcolm / code­wort : zwerg­herz­rose

empfangen am
4.06.2014
1948 zeichen

malcolm to louis »

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MELDUNGEN : MALCOLM TO LOUIS / ENDE

tian’anmen

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nordpol : 2.21 – Ich erin­nere mich an ein Gespräch vor fünf Jahren mit Din. Ihre leise singende Stimme. Sie sei, als die Panzer kamen, in eine Seiten­strasse geflüchtet. Wie sie ihre Augen schloss, wie sie sagte, sie habe keine Menschen mehr gesehen nach kurzer Zeit, einige Freunde nur, die sich an Häuser­wände drückten. Die Hand ihrer großen Schwester. Die Druck­luft, die auf ihrem kleinen Körper bebte. Aber Menschen­stille. Wie sie nach Wörtern suchte, nach Wörtern in deut­scher Sprache, die geeignet gewesen wären, zu beschreiben, was sie in dem Moment, da ich auf die Fort­set­zung ihrer Erzäh­lung wartete, hörte in ihrem Kopf. Das feine, selt­same Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie am Ausdruck meiner Augen bemerkt, dass ich wahr­ge­nommen haben könnte, dass die Bilder, die ich wusste, tatsäch­lich geschehen waren, das Massaker auf dem großen Platz, stol­pernde Menschen, Menschen auf Bahren, zermalmte Fahr­räder, der Mann mit Einkaufs­tüten in seinen Händen auf der Para­de­straße vor einem Panzer stehend. Dann die Flucht ins häus­liche Leben zurück wie in ein Versteck, das stumme Verschwinden junger Leben für immer. -Du soll­test mit Stäb­chen essen, sagte Din, das machst Du so, schau! – stop

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zweifünf

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delta : 3.10 – Was würde ich heute noch mit meinem Leben unter­neh­men, wenn man mir glaub­haft erzählte, dass ich 2500 Jahre alt werde? – stop
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petuschki

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india : 2.05 – Ich hörte mich wieder einmal von Bücher­men­schen erzählen, von Bücher­men­schen, jawohl. Das sind Personen, die selbst dann noch lesen, wenn sie spazieren gehen. Wenn sie einmal nicht spazieren gehen, sitzen sie studie­rend auf Bänken in Park­land­schaften herum, in Cafés oder in einer Unter­grund­bahn. Dort, aus heiterem Himmel ange­spro­chen, wenn man sich nach ihrem Namen erkun­digte, würden sie erschre­cken und sie würden viel­leicht sagen, ohne den Kopf von der Zeichen­linie zu heben, ich heiße Anna oder Victor, obwohl sie doch ganz anders heißen. Wenn man sie fragte, wo sie sich gerade befinden, würden sie behaupten, in Petuschki oder in Brooklyn oder in Kairo oder auf einem Amzo­nas­re­gen­wald­fluss. – Heute habe ich mir gedacht, man sollte für diese Menschen eine eigene Stadt errichten, eine Metro­pole, die allein für lesend durch das Leben reisende Menschen gemacht sein wird. Man könnte natür­lich sagen, wir bauen keine neue Stadt, sondern wir nehmen eine bereits exis­tie­rende Stadt, die geeignet ist, und machen daraus eine ganz andere Stadt, eine Stadt zunächst nur zur Probe. In dieser Stadt lesender Menschen sind Biblio­theken zu finden wie Blumen auf einer Wiese. Da sind also große Biblio­theken, und etwas klei­nere, die haben die Größe eines Kiosks und sind geöffnet bei Tag und bei Nacht. Man könnte dort sehr kost­bare Bücher entleihen, sagen wir, für eine Stunde oder zwei. Dann macht man sich auf den Weg durch die Stadt. Während man geht, wird gelesen. Das ist sehr gesund in dieser Art so in Bewe­gung. Auf alle Straßen, die man passieren wird, sind Linien aufge­tragen, Stre­cken, die lesende Menschen durch die Stadt geleiten. Da sind also die gelben Kreise der Stunden-, und da sind die roten Linien der Minu­ten­ge­schichten. Blau sind die Stre­cken mäch­tiger Bücher, die schwer sind von feinsten Papieren. Sie führen weit aufs Land hinaus bis in die Wälder, wo man unge­stört auf sehr bequemen Pini­en­bäumen sitzen und schlafen kann. In dieser Stadt lesender Menschen haben Auto­mo­bile, sobald ein lesender Mensch sich nähert, den Vortritt zu geben, und alles ist sehr schön zauber­haft beleuchtet von einem Licht, das aus dem Boden kommt. – stop
polaroidtraum

bumerangkäfer no 2

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echo : 3.01 – Heute Nacht erlebte ich ein lustiges Déjà-vu. Das war unge­fähr so gewesen, dass ich in dem Moment des Déjà-vus gerade bei geöff­neten Fens­tern Schiffe beob­ach­tete, die auf meinem Bild­schirm durch einen weit entfernten Hafen pendelten in echter Zeit. Es war kurz nach zwei Uhr, da landete ein Mari­en­käfer auf meiner linken Wange. Ich konnte mich, wie schon im vergan­genen Jahr, nicht entscheiden, ob das viel­leicht ein Zufall gewesen war. Indem ich das rechte Auge schloss, aber mit dem linken Auge soweit wie möglich nach unten sah, konnte ich die halb­ku­gel­för­mige Wölbung seines Rückens erkennen. Und ich spürte eine leichte Bewe­gung, der Käfer schien mich zu betasten. Natür­lich über­legte ich sofort, ob es sich bei diesem Käfer nicht um ein fern­ge­steu­ertes Wesen handeln könnte, das mich besuchte, um Proben von meiner Körper­ober­fläche aufzu­nehmen. Nach einigen Minuten verän­derte der Käfer seine Posi­tion, er ging zu Fuß, klet­terte an mir herab, saß für einige Minuten an meinem Hals, dort konnte ich ihn weder sehen noch spüren, um kurze Zeit später auf meinem Hemd zu erscheinen, wo er sich sehr wohl­ge­fühlt haben mochte, weil er dort eine gute Stunde seiner Lebens­zeit verbrachte. Viel­leicht hatte der Käfer geschlafen, oder sich von Stra­pazen erholt, die mir unbe­kannt. In diesem Moment nun, da ich meinen Text notiere, sitzt der in Wörtern vermerkte Käfer am linken unteren Rand des Bild­schirmes meiner Schreib­ma­schine. Er presst sich fest an das Gehäuse. Weitere Käfer sitzen an den Wänden, es sind ein gutes Dutzend, auch Käfer mit gelbem Gehäuse sind darunter. Gestern habe ich beob­achtet, dass gelb­far­bene Käfer mit vier­und­zwanzig Punkten, wenn ich sie behutsam in eine meiner Hände setze und in die Dunkel­heit werfe, sofort wieder zurück­kommen. Man könnte sagen, dass es sich bei dieser Art um Bume­rang­käfer handeln könnte. In diesem Jahr tragen sie Streifen. – stop
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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 875, Luft­fahrt – 32, Auto­mo­bile – 244 ], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 6, 19. Jahr­hun­dert – 37, 20. Jahr­hun­dert – 76 , 21. Jahr­hun­dert – 188 ], physical memo­ries [ bespielt – 16, gelöscht : 786 ], Flaschen­schiff [ RMS Queen Mary : 1 ], Diary [ Linda Zerka­fakis 1822 – 1901 : Band 1–4  Leder­rie­men­bin­dung ] Öle [ 0.01 Tonnen ], Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 56, Knie­ge­lenke – 33, Hüft­ku­geln – 125, Brillen – 768 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 2, Größen 38 – 45 : 87 ], Kühl­schränke [ 3 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 5, mit Taucher – 6 ], Tele­fone [ 52 ], Engels­zungen [ 12 ] | stop |

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valletta : west street

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nordpol : 2.54 – Gestern Abend erreichte mich eine E-Mail von Georges. Er schreibt: Mein lieber Louis, wie ich durch die Stadt Valletta schlen­derte, bemerkte ich in der West Street nahe St. Lucia eine kleine Werk­statt. Sie war düster, aber gerade noch hell genug, dass ich ein Mädchen erkennen konnte, das an einem Tisch saß, sie schien Haus­auf­gaben zu machen. Ich rich­tete meine Kamera auf das Mädchen, um es zu foto­gra­fieren, da hob sie den Kopf und sah mich an mit einem freund­li­chen Blick. Ich fragte, ob ich eintrete dürfe. Es war ein wirk­lich düsterer Ort, das Licht der Straße erreichte gerade noch den Tisch, auf dem das Schul­heft des Mädchens lag, und es war kühl, und es ging ein leichter Wind. In der Tiefe des Raumes erkannte ich einen weiteren Tisch, der von einer Glüh­birne beleuchtet wurde, die ohne Schirm von der Decke baumelte. Hinter dem Tisch hockte ein dunkel­häu­tiger, alter Mann mit weißem Haar. Ich grüsste auch in seine Rich­tung. Als ich mich gerade herum­drehen wollte, um auf die Straße zurück­zu­kehren, schal­tete der Mann einen gläsernen Leucht­globus an. Ein schönes blaues und gelbes Licht von Meeren und Wüsten strahlte in den Raum, vor dessen Wänden Regale bis zur Decke ragten. Dort warteten weitere Erdku­geln, es waren einige Hundert bestimmt. Ich bemerkte, dass der Mann auf dem Tisch Gläs­chen mit Farbe zu einer Reihe abge­stellt hatte, er selbst hielt einen feinen Pinsel und ein Messer mit einer winzigen Klinge in der Hand. Außerdem ruhte der Globus vor dem Mann auf dem Kopf, viel­leicht deshalb, weil er einmal aus seiner Fassung genommen und augen­schein­lich herum­ge­dreht worden war, der Südpol befand sich im Norden, der Nordpol im Süden der leuch­tenden Kugel, an welcher der Mann mit seinen Werk­zeugen arbei­tete. Es war eine Arbeit für ruhige Hände. In dem Moment als ich näher gekommen war, nahmen sie gerade die Entfer­nung des Schrift­zuges Cape Town vor, der selbst auf dem Kopf stehend in das Blau des Meeres jenseits des afri­ka­ni­schen Konti­nentes reichte. Aus nächster Nähe nun beob­ach­tete ich, wie der alte Mann die Spuren, die die Radie­rung des Schrift­zuges erzeugt hatte, mit blauer Farbe füllte. Immer wieder prüfte er indessen den Ton der Pigmente, in dem er eine Lupe in sein linkes Auge klemmte. Er schien weit­ge­hende Erfah­rung in dieser Arbeit gesam­melt zu haben, seine Hände bewegten sich schnell, es roch nach Terpentin, und der Mann hauchte gegen das Meer, wohl um seine Trock­nung zu beschleu­nigen. Dann begann er zu schreiben, er schrieb Cape Town, er schrieb die Wörter so, dass sie nun richtig herum vor unseren Augen erschienen. Ich erin­nere mich an ein Motorrad, das auf der Straße vorbei knat­terte. Das Mädchen hatte seine Schul­hefte geschlossen und war ins Licht der Sonne getreten. Plötz­lich war es verwunden. – stop
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mosul

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india : 4.38 – Auf Tondo­ku­ment 150105 entdeckte ich meine Stimme. Ich konnte mich an Gedanken, die ich vor langer Zeit in mein Aufnah­me­gerät gespro­chen hatte, nicht erin­nern. Es war so gewesen, als ob ein anderer mit meiner Stimme gespro­chen haben würde. Ich beob­ach­tete damals eine Uhr während ich erzählte, was ich sah. Es war vermut­lich die Uhr eines bota­ni­schen Gartens. Die Stimme eines fröh­li­chen Kindes sprach von der Schön­heit blühender Kakteen in meiner Nähe. Ich sagte: Über einer hölzernen Schwing­türe wurde eine Uhr befes­tigt, die sich selten bewegt. Man scheint immer nur das Ergebnis der Bewe­gung des Minu­ten­zei­gers zu sehen, nie die Bewe­gung selbst, weil sie sich rasend schnell voll­zieht. Man muss darum eine Zeit lang warten, bis man tatsäch­lich wahr­nehmen kann, dass der Zeiger sich bewegt. Es ist drin­gend erfor­der­lich, die Augen nicht zu schließen und sich zugleich das Antlitz der Uhrscheibe gut einzu­prägen. Zu warten lohnt sich. — Fünf Uhr sechs­und­dreissig in Mosul, Irak. – stop
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ANFANG === bEKOl6nBFkbLw4UCQdhQBw === ENDE

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charlie : 0.25 – Der Feed-Atom eines kleinen Textes, den ich im Juni des vergan­genen Jahres an dieser Stelle verschlüs­selt sendete, wurde bisher 7552 Mal ange­for­dert. Tägliche Lektüre einer Maschine viel­leicht, die sich rhyth­misch verge­wis­sert, ob der mögli­cher­weise gefähr­liche Text noch exis­tiert auf dem parti­cles-Server. Denkbar ist außerdem, dass die Maschine noch nicht in der Lage sein könnte, einen Code zu erkennen, der im letzten Satz des Textes selbst für seine umge­hende Entschlüs­se­lung präpa­riert wurde. Versuch No. 2 : ANFANG === a 4 n Z Q c Z c V 5 2 E p 5 0 P B S a l A B Y l g e 0 E Z M a N Q M D U F f a 5 g a F X 0 r j W u G h y B C V u v f L 7 U r D z s 9 y V 7 Q x I Q R E m I L c I 9 c n c D p t x g / y G r p M e k z a x 3 s O f c H / E e Q s 2 X 0 8 6 6 U h i M J 3 G 5 0 r m A f j Q j h k 3 f f 7 5 m r W + i R O f F H R d b m 1 n q i v 8 B Y 5 P m b q J 6 W J 8 Z t j o F h u J V Z T r W V 8 h + I 3 Y k g / P j L 0 S 5 p B j 8 J t / B 1 8 p + O O h k l 5 f n i z q e H J s s e g P W 9 m F n c L n / 6 Y C 8 n L p v / G H x m n K / D I 5 v d F u 8 u 8 M l 5 A m / V Y p g Q === ENDE / code­wort : birdy­birdy – stop

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nordseebild

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hima­laya : 0.58 – Eine Post­karte, die mich gestern erreichte, zeigt die Foto­grafie einer Insel. Die Aufnahme wurde aus großer Höhe, vermut­lich aus einem Flug­zeug aufge­nommen. Ein reet­ge­decktes Haus. Und Schafe. 12 dunkel­haa­rige und 21 hell­haa­rige Schafe. Auf einem Pfad, der zu einem Ladungs­steg führt, ein Mann neben einem Fahrrad. Er blickt viel­leicht auf das Meer. Weder die Farbe des Fahr­rades noch das Alter des Mannes ist zu erkennen, der Mann könnte eine Frau sein. Auf der Rück­seite der Post­karte wurde mit unge­lenken Schrift­zei­chen eine Botschaft notiert: Liebe Aka, es ist hier sehr schön. Es ist 25° C. Das Wasser ist 15° C. Wir waren natür­lich drin. Euer J. – Eine Anschrift fehlte. – stop

polaroidgame

codegeräusch

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bamako : 2.26 – Bemer­kens­wert viel­leicht die Vorstel­lung, das Wort h i b i s c i l l i könnte nach seiner Enttar­nung genaue die selbe Bedeu­tung haben wie die Zeichen­folge x l / * q k o y. Es exis­tieren demzu­folge Codes, die wohl­klin­gend sind für mensch­liche Ohren, während andere even­tuell fleis­sigen Rechen­ma­schinen gefallen. – stop

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ai : TASCHIKISTAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Der tadschi­ki­sche Staats­bürger Alex­ander Sodiqov, der derzeit in Kanada lebt, ist am 16. Juni im Osten Tadschi­ki­stans bei einem Forschungs­auf­ent­halt fest­ge­nommen worden. Es besteht Sorge um seine Sicher­heit und Grund zu der Befürch­tung, dass er gefol­tert oder ander­weitig miss­han­delt wird. Alex­ander Sodiqov wurde am 16. Juni in Chorugh, der Haupt­stadt der Auto­nomen Provinz Berg-Badachschan im Osten des Landes, von zwei Ange­hö­rigen des Staats­ko­mi­tees für Natio­nale Sicher­heit fest­ge­nommen. Alex­ander Sodiqov lebt derzeit in Kanada. Am 16. Juni um 9.30 Uhr Orts­zeit konnte er seine Frau anrufen, sagte ihr jedoch nicht, wo er fest­ge­halten wird. Seither fehlt von ihm jede Spur. Amnesty Inter­na­tional geht davon aus, dass er bisher keinen Zugang zu einem Rechts­bei­stand hat. / Alex­ander Sodiqov ist Dokto­rand an der Univer­sität Toronto. Er recher­chierte in Tadschi­ki­stan für das Projekt Rising Powers and Conflict Manage­ment in Central Asia (Aufstre­bende Mächte und Konflikt­ma­nage­ment in Zentral­asien) des Briti­schen Wirt­schafts- und Sozi­al­for­schungs­rats, an dem die Univer­sität Newcastle und die Univer­sität Exeter betei­ligt sind. Seine Fest­nahme erfolgte, als er gerade ein Inter­view mit dem zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akti­visten und stell­ver­tre­tenden Leiter des regio­nalen Arms der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Partei Tadschi­ki­stans, Alim Sherz­a­monov, führte. / Am 17. Juni durch­suchten Polizeibeamt_innen das Haus von Alex­ander Sodi­qovs Mutter in der Haupt­stadt Duschanbe und nahmen diverse Computer und Daten­spei­cher­ge­räte mit. Am 17. Juni gab das Staats­ko­mitee für Natio­nale Sicher­heit eine Stel­lung­nahme ab, in der Alex­ander Sodiqov Spio­na­ge­tä­tig­keiten für auslän­di­sche Regie­rungen vorge­worfen werden. Laut Berichten der Nach­rich­ten­agentur Asia Plus und von Radio Free Europe/Radio Liberty erschien Alex­ander Sodiqov am Abend des 18. Juni und am Morgen des 19. Juni im Lokal­fern­sehen in Badachschan und sprach über die Situa­tion in der Auto­nomen Provinz. Radio Free Europe berich­tete, dass manche Beob­achter der Ansicht waren, das Film­ma­te­rial sei editiert worden. Am 19. Juni sagte der Leiter des Staats­ko­mi­tees für Natio­nale Sicher­heit, Saimumin Yatimov, dass auslän­di­sche Spione unter dem Deck­mantel von NGOs in Tadschi­ki­stan operierten und versuchten, die Sicher­heit im Land zu unter­graben. / Alex­ander Sodiqov wird nun schon seit 72 Stunden fest­ge­halten und muss daher gemäß den tadschi­ki­schen Gesetzen entweder ange­klagt oder frei­ge­lassen werden.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 31. Juli 2014 hinaus, unter »> ai : urgent action

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gallipoli : melissano : ugento

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marimba : 2.10 – Linosa erzählte mir eine Geschichte, von der ich nicht sagen kann, ob sie sich tatsäch­lich so ereignet wie behauptet, oder ob die Geschichte rein erfunden sein könnte. Seit einigen Monaten erhalte er nämlich täglich einen Luft­post­brief aus Italien. In dem Brief sei jeweils ein beid­seitig bedrucktes Blatt Papier enthalten, Text in engli­scher Sprache, numme­riert, feine, präzise formu­lierte Sätze. Er habe, so berich­tete Linosa, einige dieser Sätze in die Maske einer Such­ma­schine einge­geben, weshalb ihm nun bekannt sei, dass es sich wohl um ein zerlegtes Buch handeln könnte, das man ihm schi­cken würde, um Herman Melvilles Erzäh­lung Bart­leby. Das sei für sich genommen schon eine selt­same Ange­le­gen­heit, noch merk­wür­diger komme ihm aber vor, dass dem Schreiben bisher keine Erklä­rung, Begrün­dung oder auch nur ein Gruß beigefügt worden sei. Manchmal könne er mit Hilfe des Stem­pels entzif­fern, in welcher Stadt der Brief Tage zuvor aufge­geben wurde. Es seien Städte mit wunder­vollen Namen, Galli­poli, Melissano, Ugento, Lecce, Brin­disi, darunter. Während er sich in den ersten Tagen noch gewun­dert, ja sogar ein wenig gefürchtet habe, würde er sich inzwi­schen darüber freuen, nach­mit­tags aus dem 12. Stock seines Miets­hauses zum Brief­kasten hin abzu­steigen, um den Brief entnehmen, öffnen und wieder im Aufstieg befind­lich lesen zu können. 34 Briefe habe er bislang erhalten, 16 weitere Briefe sollten noch folgen, sofern der unbe­kannte Absender in logi­scher Weise fort­setzen würde. Der letzte Brief, der gestern aus Fasano kommend, bei Mr. Linosa einge­troffen war, soll eine beson­dere Brief­marke auf seiner Anschrif­ten­seite getragen haben, acht Rentiere, die in einen verschneiten Himmel fliegen. Diese Brief­marke leuchte nachts in der Küche im Dunkeln, wo sie nun auf dem Stapel zuvor einge­trof­fener Briefe solange sichtbar ruhen werde, bis wieder Nach­mittag geworden sein wird. – stop

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ameisengesellschaft LN – 1722

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MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN – 1722 [ Stöp­sel­kopf­ameise : Colo­b­opsis trun­catus ] Posi­tion 47°81’N 12°48’O nahe Übersee / Folgende Objekte wurden von 16.00 – 18.02 Uhr MESZ über das südöst­liche Wendel­portal ins Waren­haus einge­führt : einhun­dert­sie­ben­und­zwanzig trockene Flie­gen­torsi geringer Größe [ meist ohne Kopf ], zwölf Baum­stämme [ à 8 Gramm ], sechs Raupen in Grün, sechs Raupen in Orange, drei­und­siebzig Insek­ten­flügel [ vermut­lich der Gattung der Birken­spanner ], fünf Streich­holz­köpfe [ à ca. 1.7 Gramm ], zwei­und­zwanzig schwarz­bäu­chige Taufliegen der Droso­phila mela­no­gaster in vollem Saft, sonnen­ge­trock­nete Rosen­blätter [ ca. 122 Gramm aus vergan­genem Jahr ], sechs Schne­cken­häuser [ je ohne Schnecke ], drei­und­dreissig gelähmte Schne­cken [ je ohne Haus ], 5 Ameisen anlie­gender Staaten [ betäubt oder tran­chiert ], acht ovale Zwerg­käfer [ vergoldet ], drei Aasku­geln eines Pillen­dre­hers, wenig später der Pillen­dreher selbst, sechs Wild­bienen, zwei Eisson­nen­schirm­chen [ in rot und blau ] je 5.008 Gramm. – stop

polaroidsubway

frau blum

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delta : 5.08 – In der Biblio­thek entdeckte ich vor einiger Zeit einen Zettel. Der Zettel steckte in einem Buch, das ich entliehen hatte, um nach einer Geschichte zu suchen, die ich viel­leicht schon einmal gelesen haben könnte vor vielen Jahren. Es war eine Geschichte, die von einem Gespräch erzählt, welches Frau Blum mit ihrem Milch­mann führte, in dem sie dem Milch­mann Botschaften sendete, ein Verhalten, das notwendig gewesen war, weil Frau Blum übli­cher­weise schlief, wenn der Milch­mann früh­mor­gens das Haus besuchte, in dem sie wohnte. Diese Geschichte, ein wunder­bares Stück, hat Peter Bichsel geschrieben, eine ganze Welt scheint in ihr enthalten zu sein, obwohl sie so kurz ist, drei Seiten, dass man sie von einer Station zur nächsten Station in einer Stra­ßen­bahn reisend Wort für Wort zu Ende lesen könnte. Ich erin­nere mich, das Buch lag weich in meiner Hand, es war etwas schmutzig, zerlesen, auf seiner Rück­seite waren einige dutzend Stem­pel­auf­träge zu finden, so wie man das früher noch machte, Bücher mit Rück­ga­be­ter­minen zu versehen, so dass jeder sehen konnte, wie oft das Buch bereits gelesen worden war. Dieses Buch, von dem ich gerade erzähle, war seit über zwanzig Jahren nicht mehr ausge­liehen worden. Ich stellte mir vor, dass das Bänd­chen viel­leicht hinter eine der Bücher­reihen gerutscht sein könnte, weswegen es lange Zeit nicht gefunden werden konnte. Vermut­lich war das Buch längst verloren gemeldet, so dass ich ein Buch­ex­em­plar in Händen hielt, das in den Verzeich­nissen der Biblio­thek nicht länger exis­tierte. Ander­seits scheint es möglich zu sein, dass das Buch versteckt worden sein könnte. Viel­leicht war es von genau jener Person versteckt worden, die den Zettel in das Buch gelegt hatte, eine Person, die mögli­cher­weise bereits gestorben ist. Das alles ist natür­lich reine Speku­la­tion, allein die Exis­tenz des Zettels ist sicher. Dort war in blauer, akku­rater Schrift zu lesen: Wie man einen Vermerk schreibt, um sich an gele­sene Geschichten erin­nern zu können. – stop
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beobachtung

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echo : 6.15 – Vor wenigen Minuten, ein Mensch sprach sehr leise, habe ich beob­achtet, dass ich meinen Mund öffnete, um besser hören zu können. – stop
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nachtjäger

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ulysses : 3.55 – Ich bemerkte wieder einmal, dass ich beide Arme hebe, also von mir abwende, also Flügel mache, sobald ich durch die Wohnung laufe und darüber nach­denke, wie es wäre, ohne jedes Gewicht zu sein. Das war gegen drei Uhr in der Nacht gewesen. Ich spielte sehr leise etwas von Gene Krupa auf dem Radio. In dem Moment, da ich die Küche verließ und über den Flur spazierte, über­holte mich eine Fliege. Sie flog in der Höhe meiner Schul­tern und zwar sehr langsam gera­deaus. Sie war nicht viel schneller als ich selbst gewesen. Ich hatte den Eindruck, sie würde mir folgen, sie würde mit mir das Zimmer wech­seln, nicht einem Reflex folgend, sondern über­legt und mit Genuss. Sie war so langsam, dass man sie auf einer Foto­grafie meiner Zimmer­wan­de­rung sehr gut hätte erkennen können. In diesen Minuten sitzt die Fliege direkt über mir an der Decke, während ich auf dem Sofa auf dem Rücken liege und notiere. Die Fliege beob­achtet mich viel­leicht genauso wie ich sie beob­achte. Von Westen her nähert sich eine Spinne da oben, die so klein ist, dass wir sie nicht ernst nehmen wollen. Bald Dämme­rung. – stop
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hochstaufen

picping

MELDUNG. Junge Engel, Schule zu St. Nazaire, sind am kommenden Samstag von 8 bis 10 Uhr bei leichter Flie­gerei über den südli­chen Hängen des Hoch­s­taufen anzu­treffen. Eintritt frei. – stop

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kollibry

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echo : 5.55 – Im vergan­genen November verlegte ich eine Nach­richt, die mir per E-Mail zuge­stellt worden war. Vermut­lich hatte ich ihre Exis­tenz bereits nach wenigen Stunden vergessen, so dass ihr Sender vergeb­lich auf eine Antwort wartete. Heute Nacht habe ich sie glück­li­cher­weise wieder entdeckt. Es war damals etwas Bedeu­tendes geschehen. L. hatte ein Note­book geschenkt bekommen, das erste Note­book seines Lebens. Es war kein neues, es war ein gebrauchtes Gerät, aber noch in einem guten Zustand, kaum ein Kratzer am silber­grauen Gehäuse, seine Tasten funk­tio­nierten tadellos, und die Programme des Betriebs­sys­tems waren hervor­ra­gend sortiert. Ein ernstes Problem stellte aller­dings eine Buch­sta­ben­ma­schine dar, präzise die Korrek­tur­rou­tine eines Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramms, welches vom Vorbe­sitzer des Note­books Jahre lang intensiv verwendet worden sein musste. Das kleine Zusatz­pro­gramm ließ sich nicht ausschalten, was ange­nehm gewesen wäre. Zahl­reiche fehler­hafte Wörter waren in seine tiefen Spei­cher gewan­dert, und so webte das Programm, während L. mit seiner Hilfe notierte, Vorschläge in gerade eben entste­hende Texte, beispiels­weise anstatt des Wortes Kolibri das Wort Kollibry, was schließ­lich zu äußerst erstaun­li­chen Befunden führte. L. glaubte bald, sehr ernst­haft krank geworden zu sein. Er bat mich um Unter­stüt­zung, er wolle den Spei­cher der Wort­miss­bil­dungen unver­züg­lich ausra­dieren. – Es ist kurz vor drei Uhr. Vermut­lich komme ich mit meinen Hinweisen viel zu spät, das ist denkbar, sogar wahr­schein­lich, dass ich viel zu spät sein werde. Machen wir uns trotzdem sofort auf die Suche nach einer Lösung. Gewit­ter­stim­mung vor den Fens­tern, Fliegen, Blitze, aber kein Donner, viel­leicht eine Art Wetter­leuchten, gran­diose, aus dem Himmel stür­zende Bäume von Licht. – stop

polaroidglobus

von stäbchen von rädchen

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delta : 6.12 – Im Traum hatte ich an einer Appa­ratur gear­beitet, mit deren Hilfe ich bald in der Lage sein werde, hand­schrift­liche Notizen derart zu verklei­nern, dass ich Papiere von der Größe einer Brief­marke beschreiben könnte, sagen wir, eine Erzäh­lung von 85 Seiten a 1800 Zeichen auf einer Luft­post­marke Finn­lands zu 80 Cent. Ich könnte in dieser Arbeit der Verklei­ne­rung oder Verdich­tung auf eine Lupe verzichten, würde auf übli­chen Papieren notieren, während mittels mecha­ni­scher Über­tra­gung, fast geräuschlos von hunderten Stäb­chen zu hunderten Rädchen, Zeichen für Zeichen in mikro­sko­pi­sche Dimen­sionen tran­skri­biert werden würde. Eine Biblio­thek könnte in wenigen Jahren mit mir in einem Brief­mar­ken­album reisen, eine Biblio­thek, deren Mikro­gramm­bü­cher selbst­ver­ständ­lich nicht lesbar wären, ohne sie unter ein Mikro­skop zu legen, eine Biblio­thek jedoch, die mich glück­lich stimmen würde, ich wüsste, dass sie exis­tiert und mit ihr die Möglich­keit des Lesens all der versteckten Geschichten, die im Moment des erin­nernden Gedan­kens, schon wieder so groß geworden sind, wie sie immer waren. – stop
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