vom rotkehlchen

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char­lie : 16.02 — Am 28. Juli 2014 bere­its wurde am Fuße eines Berges im Schat­ten ein­er Buche eine Rechen­mas­chine gefun­den, in ihren Verze­ich­nis­sen ein Ord­ner, den der Besitzer der Rechen­mas­chine Herr Lud­wig L. mit der Beze­ich­nung Archiv verse­hen hat­te. Es han­delt sich um einen ungewöhn­lich umfan­gre­ichen Ord­ner, 425 Giga­byte groß, in dem 1245 ver­schlüs­selte Filme enthal­ten sein sollen. Wo sich Herr L. zu diesem Zeit­punkt befind­et, weiß nie­mand so genau. Er soll sich auf den Weg aufwärts gemacht haben, zulet­zt wurde er auf moos­be­wach­se­nen Steinen eines Bach­bettes klet­ternd gese­hen. Er machte auf ein­er Höhe von 872 Metern einen fröh­lichen Ein­druck, war mit fes­ten Schuhen, einem gel­ben Ruck­sack, Regen­schirm und Regenumhang aus­gerüstet, einem Seil weit­er­hin, Kara­bin­ern, sowie einem kleinen Ham­mer und einem Kom­pass. So jeden­falls wurde er beschrieben von mehreren Zeu­gen, die ihm begeg­net sein wollen. Sie sagen alle das­selbe: Der Mann war glück­lich. Ein­mal stand er bis zu den Hüften im kalten Wass­er eines Kessels, den der Bach gle­ich­mütig in das Gestein des Berges gegraben hat­te. Er grüßte zur Brücke hin­auf, Wan­der­er beobachteten ihn. Ein Rotkehlchen badete in sein­er Nähe. Forellen hüpften aus dem Wass­er, glänzende Rück­en im Licht der Sonne, die durch die kar­gen Wipfel strahlte. Auf 2105 Metern Höhe begeg­nete der Mann einem Hirten und seinem Hund, dann war er ver­schwun­den. Kein­er­lei Spur sei­ther, auch heute nicht, da sich ein Zoll­beamter der Unter­suchung der zurück­ge­lasse­nen Rechen­mas­chine wid­mete. Es ist 15 Uhr, Fre­itag. — stop

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josef

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echo : 5.01 — Ich weiß nicht, wie oft ich schon die Trep­pen in Josefs kleine Woh­nung gestiegen bin. Vielle­icht ein­hun­dert­mal in den siebten Stock unters Dach seit er mich mit der Auf­sicht sein­er Blu­men beauf­tragte. Als ich gestern am späten Abend die Tür hin­ter mir schloss, ent­deck­te ich eine Nachricht auf dem Anruf­beant­worter seines Tele­fons. Ich war mir nicht sich­er, ob ich die Nachricht vielle­icht abhören sollte, ich dachte, eine wichtige Nachricht kön­nte hin­ter­legt wor­den sein. Also drück­te ich einen Kopf und die Mas­chine begann alle noch nicht gehörten Nachricht­en abzus­pie­len, die auf ihr verze­ich­net und von mir bis dahin nicht bemerkt wor­den waren. Rosie erkundigte sich nach Josefs Verbleib, sie waren verabre­det, Josef nicht gekom­men. Dr. Tauber ließ aus­richt­en, das eine Unter­suchung für Okto­ber geplant wer­den müsse, reine Rou­tine, es war inzwis­chen Juni gewor­den. Im Dezem­ber lud Emi­lie Josef zum Wei­h­nachtssin­gen in die Schiller­schule ein, es ging um ihren Enkel, der in den Chor berufen wor­den war. Im Jan­u­ar wur­den zwei Botschaften hin­ter­lassen, je ohne eigentliche Nachricht, ein­mal waren Men­schen­stim­men zu hören, die Sirene ein­er Ambu­lanz, dann eine Stimme, die in englis­ch­er Sprache verkün­dete, dass der näch­ste ein­fahrende Zug in Rich­tung Coney Island fahren würde. Im März wieder Rosies ein­er­seits ärg­er­liche, ander­er­seits besorgte Frage: Josef, wie geht es Dir? Anfang Mai eine weit­ere Botschaft, die nur aus Geräuschen bestand, ich glaube, ich hörte das Dröh­nen eines Schiff­s­mo­tors. Ende des Monats war ein Onkel Josefs gestor­ben, man bat ihn zu kom­men, er sollte sprechen, weswe­gen man sich drei Tage später noch ein­mal erkundigte. Im Juni wieder Stadt­geräusche, ein Gewit­ter im Hin­ter­grund, Stim­men in ein­er Sprache, die ich nicht kan­nte. Die let­zte Auf­nahme, die ich hörte, war von ein­er ganz beson­deren Art gewe­sen, Glock­en waren zu hören, Glock­en wie sie unter den Hälsen von Kühen baumeln. Es war eine sehr lange Auf­nahme, kurz bevor sie endete, Josefs Stimme: Kohleralm, Sandwe­spenge­sang. — stop

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moskau

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bamako : 6.55 — Vor einem Schal­ter am Cen­tral­bahn­hof stand eine alte Dame mit einem Kof­fer, den sie hin­ter sich herziehen kon­nte. Sie trug ein blaues Hütchen auf dem Kopf, und sie war grell geschminkt und lachte. Auf den ersten Blick schien sie fröh­lich zu warten wie ihr klein­er Kof­fer, auf den zweit­en Blick allerd­ings war zu sehen, dass sie nicht nur wartete, son­dern bewacht wurde von ein­er weit­eren, sehr viel jün­geren Frau und einem Mann, der die Uni­form der Bah­nge­sellschaft trug. Wie Säulen standen sie links und rechts der alten Dame, die junge Frau hat­te überdies die Hand­tasche der Bewacht­en an sich genom­men, um sie zu durch­suchen. Eine ihrer Hände wühlte so heftig in der Tasche herum, dass ein Rascheln wei­thin zu vernehmen war. Sie forschte ein oder zwei Minuten in dieser wilden Art und Weise. Weil sich aber in der Börse der alten Dame kein Doku­ment zur Iden­ti­fizierung auf­spüren ließ, schüt­telte sie den Kopf, beugte sich noch ein­mal herab, sprach leise zu der alten Dame hin, um sich kurz darauf an einen Schal­ter zu wen­den. Dort saß hin­ter spiegel­n­dem Glas ein Schat­ten, der ein Mikro­fon an seinen Mund führte, kurz darauf war eine warme, melodis­che Stimme zu hören, die durch die Bahn­hof­shalle schallte, sie sagte: Achtung! Wir bit­ten um ihre Aufmerk­samkeit, vor dem Infor­ma­tion­ss­chal­ter Gleis 24 wartet ein Per­so­n­en­fund­stück. Bitte melden sie sich! — Diese Geschichte ereignete sich gestern am frühen Abend, kurz bevor der Fernzug aus Moskau via Warschau den Bahn­hof erre­ichte. Auf dem Bahn­steig warteten viele Men­schen. Manche hiel­ten Blu­men in ihren Hän­den. Andere fotografierten. — stop

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heliumzeit

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echo : 2.55 — Am Abend besuche ich Louis in sein­er Küche unterm Dach, Duft von Zimt und warmem Brot, in ein­er Lampe sir­rt eine Wespe herum. Auf dem Küchen­tisch stapeln sich Ton­band­spulen, 528 kleine Kas­set­ten, die beschriftet sind: No 24 — Café Mozart 8 Mai / Lau­ra — Über Lun­gen­flügel : 1 Stunde 25 Minuten. Oder: No 48 — Botanis­ch­er Garten 5. Juni / Sebas­t­ian — Herz­be­tra­ch­tun­gen : 2 Stun­den 3 Minuten. Ich sehe Louis wie er vor dem Tisch sitzt. Er ist alt gewor­den. Eine Schreib­mas­chine ruht unweit der Spulen. Es ist eine Hewlett Packard mit einem Bild­schirm, sehr große Schriftze­ichen, weil Louis nicht mehr gut sieht. Ein Satz ist dort zu lesen: Die Augen gehen auf, aber nie­mand sieht einen an. Ich höre Stim­men, sehr helle Stim­men. Stim­men in etwa so, wie sie klin­gen, wenn ein Men­sch spricht, der Heli­um atmet. Louis sagt, das komme davon, dass er seine Ton­band­mas­chine schneller laufen lasse, beschle­u­nigte Zeit, aus ein­er Stunde des Sprechens würde eine halbe Stunde, aus einem lan­gen Schweigen ein kürz­eres Schweigen. So, sagt Louis, ist das vielle­icht zu schaf­fen in diesem Som­mer, wenn ich nicht schlafe bis Ende Sep­tem­ber. — stop

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mosul

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MELDUNG. Mosul, Nabi Jor­jis St., 3. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 2055 [ Mar­mor, Car­rara : 1.01 Gramm ] vol­len­det. — stop

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herzgeschichte

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tan­go : 5.12 — In der ver­gan­genen Nacht hörte ich eine Tonauf­nahme, die vor eini­gen Jahren während eines Spazier­ganges an der Isar in München aufgeze­ich­net wurde. Ein herb­stlich­er Tag. Das Rauschen des Flusses, bisweilen tosende Geräusche, wie ein weit­eres Gespräch im Hin­ter­grund. Und Hunde, und Gitar­ren­musik immer wieder, und Schritte, nicht die Schritte der zwei Gehen­den vor dem Mikro­fon, son­dernd Schritte ent­ge­genk­om­mender Pas­san­ten. Wir unter­hal­ten uns über Arme und Beine, Muskeln, Sehnen, Ner­ven­stränge. Ein­mal begin­nt es zu reg­nen, auf­schla­gende Tropfen sind auf Schir­men deut­lich zu hören. Aber wir ver­lieren kein Wort über den Regen. Die junge Frau, die an mein­er Seite wan­dert, spricht sehr langsam, macht lange Pausen, manch­mal scheint sie nicht mir, son­dern dem Wass­er zuzuhören. Immer wieder erkundigt sie sich, ob das gut so sei, was sie sage, ob ich eine Geschichte daraus machen könne. Sie will nicht, dass ich ihren Namen wiedergebe: Nenn mich ‘junge Frau’ oder nenn mich ‘Stu­dentin’. Manch­mal sei sie müde, sagt sie, weil sie bis spät in der Nacht als Platzan­weis­erin in einem Kino arbeite. Sie sei so müde, dass sie ein­mal im Prä­pari­er­saal am Tisch beina­he eingeschlafen wäre. Das Skalpell sei ihr aus der Hand gerutscht und zu Boden gefall­en, da sei sie ger­ade noch rechtzeit­ig wieder ganz wach gewor­den. Der Job wäre aber sehr prak­tisch, weil sie in den Zeit­en der laufend­en Filme, manch­mal ler­nen könne, sie führe ihren Taschen­at­las immer in ihrer Hand­tasche mit sich, Noti­zen und das Skript. Als Kind habe sie ihren Eltern gesagt, dass ihr Herz nicht dort schla­gen würde, wo es bei den anderen Kindern üblich wäre. Sie fühlte ihr Herz immer auf der recht­en Seite schla­gen. Nie­mand habe sie ernst genom­men. Nicht ein­mal ihr erster lieb­ster Fre­und habe ihr zuge­hört, und auch nicht ihr zweit­er Fre­und, der immer an der falschen Stelle sein Ohr an ihre Brust gelegt habe. Der dritte Fre­und war ein Medi­zin­er gewe­sen, ein Stu­dent, der habe endlich nicht nach ihr, son­dern auch nach ihrem Herzen an der richti­gen Stelle gesucht. Er habe gesagt: Ein Situs inver­sus, eine Normab­we­ichung. In dieser Sekunde habe sie beschlossen, Ärztin zu wer­den. — stop

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mr. ruby

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sier­ra : 0.02 — Eine Dachwoh­nung im 32. Stock eines Haus­es an der Madi­son Avenue. Aufzüge fahren nur noch bis zum 20. Stock, das Gebäude scheint langsam zu ver­fall­en, irgend­je­mand will Rat­ten in der 15. Etage gese­hen haben. Der Bewohn­er des kleinen Habi­tats, ein Mann von 72 Jahren, geht kaum noch vor die Tür. Er kann sich glück­licher­weise einen Boten leis­ten, der seine Hem­den und Hosen zur Reini­gung bringt, Einkäufe erledigt, Post aus dem Briefkas­ten holt, seinen Kühlschrank füllt. Zudem geniesst er einen großar­ti­gen Aus­blick auf die Stadt. Vor den Fen­stern der Woh­nung warten Teleskope, die wie größere Stelz­jagdvögel auf lan­gen Beine ste­hen. Es geht ihm nicht darum, in der Nacht heim­lich Men­schen zu betra­cht­en, in Woh­nun­gen zu spähen, wie man vielle­icht meinen möchte, nein, es geht darum das Licht zu beobacht­en, dort wo zu viel Licht ist, wo man ver­säumte, das Licht auszuschal­ten. Zum Beispiel am ver­gan­genen Sam­stag, da bran­nten in einem Gebäude der Hafen­be­hörde Höhe 48. Straße im sech­sten Stock noch ein paar Bir­nen. Unverzüglich wurde von der Madi­son Avenue aus ein Tele­fonge­spräch geführt: Hal­lo, guten Abend, hier Ruby, spreche ich mit Mr. Bale, oh, leit­en sich mich doch bitte an die Hausver­wal­tung weit­er! Kurz darauf sehe ich Ruby nach Süd­west­en spähen. Ich bemerke ihn über­haupt zum ersten Mal in voller Größe. Ein klein­er Mann, der immer einen Hut trägt, einen Cameron Pork Pie, mehrfach gewaschen, ich kann nicht sagen, warum ich das weiß. Ich seh ihn genau, er ist bar­fuss, seine Kon­tur, seinen Umriss, fast bewe­gungs­los vor dem Licht­meer der großen Stadt ste­hen. Und ich hör ihn seufzen als im 8. Stock der Hafen­be­hörde das Licht erlis­cht, eines nach dem anderen, Zim­mer für Zim­mer. Und schon wech­selt er das Fen­ster und späht wieder in die Stadt hin­aus. Stadt­pläne liegen auf dem Boden der Woh­nung herum. Es ist kurz vor Mit­ter­nacht. Ein Frachtschiff fährt den Hud­son her­auf. Natür­lich scheint diese Geschichte aus sehr unter­schiedlichen Grün­den nicht möglich zu sein. Erster Ver­such. — stop

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india : 6.52 — Haru­ki, der in ein­er kleinen europäis­chen Stadt zu Hause ist, erzählte eine Geschichte, die ich kaum glauben mochte. Schon sein Name schien selt­sam zu sein. Er habe, sagte er, manch­mal das Bedürf­nis, mit­ten in der Nacht zu tele­fonieren. Nicht weil er fürchte, ster­ben zu wollen, son­dern weil er glück­lich sei, wenn er ein­fach nur los erzählen könne, wenn ihm seine Worte von einem aufmerk­samen Ohr sozusagen aus dem Mund gezo­gen wür­den. Genau dieses Bild eines Ohres habe er vor Augen, sobald er sich an wun­der­bare Gele­gen­heit­en erin­nere, als er im Erzählen Geschicht­en ent­deck­te, die ihm ohne diese Art des Sprechens niemals einge­fall­en wären. Lei­der würde ihm inmit­ten der Nacht nie­mand mehr zuhören, Men­schen, die er per­sön­lich kenne, eil­ten längst nicht mehr ans Tele­fon, wenn er sich bei ihnen melde. Er habe deshalb andere, wild­fremde Men­schen angerufen, die sich bei ihm beschw­erten, ob er denn noch bei Ver­stand sei. Das war der Grund gewe­sen, weswe­gen er vor weni­gen Wochen damit begonnen habe, Rufnum­mern in Übersee zu kon­tak­tieren. Es melde­ten sich dort Men­schen, die Haru­ki in englis­ch­er, franzö­sis­ch­er, chi­ne­sis­ch­er oder spanis­ch­er Sprache begrüßten. Sobald die Stimme eines Men­schen hör­bar wurde, begann Haru­ki zu erzählen. Er for­mulierte in ein­er so hohen Geschwindigkeit, dass er sich selb­st kaum noch ver­ste­hen kon­nte. 15 Minuten, länger durfte ein Gespräch mit Shang­hai nicht dauern. Manch­mal vernehme er Stim­men von der anderen Seite her, helle Stim­men, zit­ternde, wis­pernde Töne, weshalb er das Tele­fongerät ein wenig von seinem Ohr ent­ferne, ohne indessen zu ver­s­tum­men. Nach 15 Minuten ver­ab­schiede er sich. Er sage dann: Gute Nacht! — stop

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amsterdam

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MELDUNG. Frische Ohren zu Ams­ter­dam, men­schlich, aus den Laboren in der Over­singe 11, nahe Amstel­park: 100 g geröstet je 65 englis­che Pfund. Nur heute. Solange der Vor­rat reicht. — stop
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thessaloniki

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sier­ra : 6.24 — In Thes­sa­loni­ki, am ver­gan­genen Fre­itag, wurde von Pas­san­ten beobachtet, wie eine Frau, Groß­mut­ter, im Alter von 76 Jahren nahe des zen­tralen Bus­bahn­hofes von ein­er Brücke sprang. Ist das eine Nachricht? — stop
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ai : ASERBAIDSCHAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Der Gesund­heit­szu­s­tand der aser­baid­sch­a­nis­chen gewalt­losen poli­tis­chen Gefan­genen Ley­la Yunus hat sich ver­schlechtert, die Gefäng­nis­be­hörde ver­weigert ihr jedoch die medi­zinis­che Ver­sorgung. Ihr Ehe­mann Arif Yunus wurde am 5. August festgenom­men. Sie fühlt sich schwach und hat starke Schmerzen. Zudem lei­det sie an Dia­betes und Nieren­prob­le­men. Leila Yunus benötigt deshalb eine angemessene medi­zinis­che Behand­lung sowie spezielle Kost. / Die Gefäng­nis­be­hörde der Haftein­rich­tung in Kur­dakhany in der Nähe der Haupt­stadt Baku hat sich geweigert, Leila Yunus ins Kranken­haus einzuweisen und ver­weigert ihr eine angemessene medi­zinis­che Ver­sorgung. Zudem verzögern sie die erforder­liche Abwick­lung von For­mal­itäten für den Erhalt benötigter Medika­mente. / Leila Yunus war am 30. Juli auf der Grund­lage kon­stru­iert­er Ankla­gen, die ihr Hochver­rat und andere Ver­brechen zur Last leg­en, festgenom­men wor­den. Ihrem Ehe­mann Arif Yunus sind Reisebeschränkun­gen aufer­legt wor­den. Am 5. August wurde er wegen ähn­lich­er Vor­würfe festgenom­men. / Amnesty Inter­na­tion­al betra­chtet Leila und Arif Yunus als gewalt­lose poli­tis­che Gefan­gene, die allein deshalb in Haft sind, weil sie Kri­tik an der aser­baid­sch­a­nis­chen Regierung geübt hat­ten.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 23. Sep­tem­ber 2014 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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herr bisaso

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himalaya : 2.08 — Jeden Mor­gen, im Früh­ling oder im Som­mer, Herb­st oder Win­ter, erscheint Herr Bisaso gegen 4 Uhr am Ter­mi­nal 1 des Frank­furter Flughafens. Er trägt eine graue Hose, ein dunkel­blaues Hemd, eine gelbe Krawat­te und ein Schild­chen, auf dem das Wort SECURITY zu lesen ste­ht, außer­dem ein Stäbchen von etwa 1 Meter 50 Länge, das er in der recht­en oder linken Hand mit sich zu führen pflegt. Das Stäbchen scheint aus Bam­bus­rohr gemacht, an sein­er Spitze sitzt eine weiche Beere von Led­er und Samt, die von Her­rn Bisaso ver­mut­lich höch­st­per­sön­lich dort ange­bracht wor­den war. Der alte Mann ist von stat­tlich­er Erschei­n­ung, beina­he zwei Meter groß, er wurde in Mom­basa geboren, lebt aber schon lange Zeit, Jahrzehnte, in Europa. Blitzblanke, schwarze Schuhe. Auf diesen Schuhen macht er sich nun auf seinen mor­gendlichen Weg, der ihn über das Ter­mi­nal 1 zum Ter­mi­nal 2 und wieder zurück führen wird. Ich sehe ihn, wie er sich umsieht und pfeift, er scheint fröh­lich zu sein, er liebt den Mor­gen und vielle­icht auch seine Arbeit, seinen Auf­trag. In dieser Weise, leise pfeifend, nähert er sich ein­er Bank, auf welch­er ein Mann liegt, der schläft. Das Hemd des Mannes ist ver­rutscht, sein Bauch zu sehen, auch sind seine Schuhe zu Boden gefall­en. Es riecht ein biss­chen bit­ter in der Luft. Behut­sam berührt Herr Bisaso den Mann mit jen­em weichen Beere­nende seines Bam­buszeigers an der Schul­ter, und schon fährt der Mann hoch aus einem Traum, reibt sich die Augen, fuchtelt dann mit den Hän­den, und begin­nt laut zu schimpfen. Guten Mor­gen! ent­geg­net Herr Bisaso mit tiefer Stimme. Er ste­ht ganz ruhig und wartet bis der noch halb­wegs Schlafende aufge­s­tanden ist. Jet­zt ist er zufrieden. Er schlen­dert zur näch­sten Bank, die zum Nacht­lager ein­er jun­gen Frau gewor­den ist, auch sie scheint ein wenig bit­ter zu riechen und ohne Kof­fer zum Flughafen gekom­men zu sein. Bald ste­ht auch sie, reibt sich die Augen, betra­chtet den großen Mann und sein Stäbchen, das Herr Bisaso noch nicht sehr lange Zeit mit sich führt. Fol­gende Nachricht wäre vor weni­gen Wochen noch möglich gewe­sen. MELDUNG: Von 4 bis 5 Uhr wur­den in den Ter­mi­nals des Frank­furter Flughafens 87 Per­so­n­en, die auf Sitzgele­gen­heit­en ruht­en, von Mr. Bisaso geweckt. Er musste deshalb 2 Tritte, eine Umar­mung, alle­samt unwillkür­lich, aber nur zwei Ohrfeigen ent­ge­gen­nehmen. — stop

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nord­pol : 1.55 — Eine stille Arbeit­snacht. Auf dem Tisch in der hölz­er­nen Küche unterm Dach stapeln sich Ton­spulen, die ich nach Zeit­punkt der Auf­nahme oder den Namen der Per­so­n­en, die ich befragte sortierte: Katin­ka 1 — 3. Vor weni­gen Minuten war ich kurz eingeschlafen, ohne vom Stuhl zu fall­en. Bal­ance scheint möglich zu sein, oder ich habe nicht sehr tief geschlafen. Als ich erwachte, saß Esmer­al­da vor mir auf dem Tisch. Sie betra­chtete mich. Ihre Füh­ler­au­gen bewegten sich äußerst langsam auf und ab. Dann set­zte sie sich in Bewe­gung, wen­dete sich ein­er Banane zu, die auf dem Teller lag, dort schien sie bald eingeschlafen zu sein. Ich kann sie derzeit berühren, ihren schim­mern­den Leib, sie flüchtet nicht, sie ist kühl und sie riecht nach Eisen und Regen und etwas nach Salz. Gestern hat­te ich mich wieder ein­mal gefragt, ob Esmer­al­da vielle­icht in der Lage sei, zu hören. Ich machte mich sofort auf den Weg zum Com­put­er, um nachzu­forschen, ob Sch­neck­en über ein Gehör ver­fü­gen. Dann klin­gelte das Tele­fon, eine Stunde später erin­nerte ich mich, dass ich nach den Ohren der Sch­neck­en fra­gen wollte. Heute aber ist so eine Nacht, da ich nichts wis­sen will, auch nicht ob Esmer­al­da hören kann wenn ich pfeife oder spreche. In mein­er Nähe, sie schlafen ver­mut­lich ger­ade, existieren Per­so­n­en, die nichts ahnen vom Mor­den in der Ukraine, von Viren, die in Afri­ka Men­schen befall­en, von Flüchtlin­gen, die durch das Singschar — Gebirge irren. Sie lesen keine Zeitung, sie besitzen wed­er Radio noch Fernse­hgerät, aber sie lesen Büch­er, die sich immer sehr weit hin­ter der Jet­ztzeit bewe­gen. — stop

nachricht­en von esmer­al­da »
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von schnecken

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lima : 4.15 — Ob es vielle­icht möglich ist, men­schlichen Gehir­nen Pro­gramme zu entwick­eln, die Com­put­er­such­maschi­nen ähn­lich sind? Prozes­soren, zum Beispiel, die in der Lage wären, mit meinem Gehirn zu sprechen, mein Gehirn anzure­gen, seine Reg­is­ter nach Sch­neck­engeschicht­en zu durch­suchen. Wann also sind in meinem Leben Sch­neck­en vorgekom­men, in welch­er Gestalt, in welchem Auf­trag, welch­er Art waren die Sch­neck­en gewe­sen, die mir begeg­neten? Vor weni­gen Tagen noch hat­te ich Sch­neck­engeschicht­en gesam­melt, so wie ich sie ohne große Anstren­gung in mir find­en kon­nte. Es waren viele Geschicht­en, aber ich kön­nte zu diesem Zeit­punkt nicht mit Sicher­heit sagen, ob meine Erin­nerung voll­ständig gewe­sen ist, ob mein Kat­a­log auch nur annäh­ernd alle wesentlichen Sch­neck­en­begeg­nun­gen meines Lebens in sich ver­sam­melt. — stop

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wanda

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delta : 0.18 — Wie Wan­da ger­ade wieder ein­mal glück­lich ist, weil ihm sein Fre­und Joseph ein Buch Peter Nadas’ schenk­te, 1305 Seit­en: Das Buch der Erin­nerung. Wenn man das Buch in die Hand nimmt, wird man ver­mut­lich sagen: Das ist ein schw­eres Buch. Das Papi­er scheint dünn zu sein, auch die Schat­ten der Buch­staben sind gut zu erken­nen, so dünn sind die Seit­en des Buch­es, dass das Licht sie zu durch­drin­gen ver­mag. Wan­da hat das sofort bemerkt. Sei­ther nimmt er jede Seite, ehe er zu lesen begin­nt, zärtlich zwis­chen seine Fin­ger, fährt ihre Rän­der ent­lang, legt kurz darauf ein Blatt Papi­er auf einen Tisch, der sein per­sön­lich­er Tisch ist, spitzt einen Bleis­tift und notiert einen weit­eren Satz des Buch­es der Erin­nerung. Sehr kleine, wun­der­bare Schriftze­ichen, akku­rat geset­zt. Sobald Wan­da am Ende des Satzes angekom­men ist, hält er inne, um jedes niedergelegte Wort Zeichen für Zeichen zu prüfen: … hat­te ich schon Budaörs erre­icht, der Weg dor­thin war lang, kur­ven­re­ich und dunkel gewe­sen, eine Art Steilp­fad führte hin­unter in die Ebene ein umgepflastert­er Graben mit gefrore­nen Wagen­spuren, auf bei­den Seit­en das dichte Spalier hochaufgeschosse­nen Gestrüpps … So arbeit­et Wan­da Stunde um Stunde voran, er begin­nt am Mor­gen um kurz nach Acht, mit­tags schläft er von Eins bis Drei, Punkt sechs Uhr abends schließt er das Buch und löscht das Licht über dem Tisch. Vor­sichtig ver­lässt er den Saal, er kann kaum noch sehen. Er sagt, er mache noch dieses eine Buch, aber das hat er schon oft gesagt, seinem let­zten Buch fol­gte ein weit­eres let­ztes Buch, das ihm Joseph schenk­te. Joseph ist ein Guter unter den Men­schen. Joseph sagt: Solange Du Büch­er notierst, solange Du arbeitest, wird Dich nie­mand fra­gen.. — stop
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zungenbeobachtung

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alpha : 0.15 — Ver­mut­lich, das ist denkbar, würde ich meine Ohren für sich genom­men, auch meine Zunge, unter weit­eren Ohren oder weit­eren Zun­gen, nicht wiederken­nen, aber meine Hände unter weit­eren Hän­den sofort. — stop
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zehn sekunden parrini

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sier­ra : 0.28 — Vor weni­gen Tagen, am Don­ner­stag, erre­ichte mich eine E-Mail von Her­rn Par­ri­ni. Ich kenne ihn nicht per­sön­lich, er soll ger­ade 50 Jahre alt gewor­den sein. Er habe meine Geschichte Shang­hai gele­sen, die ich vor zwei Wochen sendete, sie habe ihm gut gefall­en, sie habe ihn berührt, per­sön­lich, obwohl er kaum zum Lesen komme, weil er ein­er sei, der von mor­gens bis abends gerne erzählen würde, er habe das so gel­ernt, er wieder­hole sich oft, erzäh­le nur damit es nicht still wird, das war schon immer so, er spreche sog­ar zu sich selb­st stun­den­lang, auch im Schlaf gebe er keine Ruhe, er wollte gern ein schweigen­der Men­sch sein, das Schweigen ler­nen, aber er wüsste nicht wie das jemals möglich sein kön­nte, nach­dem er nun seit bald 45 Jahren unaufhör­lich gesprochen habe, ganze Abende habe er seine Fre­unde unter­hal­ten, bis sie flüchteten, und in der Schule, musste er in der Ecke sitzen, weil er den Mund nicht hal­ten mochte, dort habe er selb­stver­ständlich weit­erge­sprochen, mit der Wand oder mit dem Echo sein­er eige­nen Stimme bis er vor die Tür geschickt wor­den sei, wo er im Flur auf und ab spazierte immer weit­er sprechend, bis er heiratete, bis er wieder allein gewe­sen war, bis er die Berge ent­deck­te, da kon­nte ihn kein­er hören, oder nur sel­ten, oder nur Kühe, weswe­gen er sehr gerne in den Bergen wan­dere, er höre sich nicht, wenn er spreche, als ob seine Ohren sich wie die Ohren der See­hunde ver­schlössen sobald sie taucht­en, ja, sprechen wie tauchen, er würde nicht bemerken wenn er spreche, er könne entwed­er sprechen oder schweigen, kein einziges Wort, son­st geht es wieder los, kein einziges Wort, nicht ein­mal einen Gedanken, nichts, aber das Schweigen müsste erst ein­mal möglich gewor­den sein, eine Sekunde wirk­lich­es Schweigen, nicht Schweigen, nur um Luft zu holen, son­dern wirk­lich nicht sprechen, atmen, schauen, hören. — stop

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kleine anatomische geschichte

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echo : 5.01 — Gestern ist mir wieder ein­mal etwa Selt­sames mit mir selb­st passiert. Ich beobachtete im Spiegel ein Augen­lid, das flat­terte. Ich war noch nicht lange wach gewe­sen. Als sich das Augen­lid beruhigt hat­te, bemerk­te ich, dass auch ein klein­er Muskel an mein­er linken Wange bebte und ich über­legte, welch­er Muskel das genau sein kön­nte. In diesem Moment erin­nerte ich mich an eine kleine Geschichte, die ich vor weni­gen Jahren in einem Café erlebte. Eine Fre­undin saß mir gegenüber. Wir sprachen über dies und das. Plöt­zlich beschw­erte sie sich, ich würde sie so selt­sam anse­hen. Tat­säch­lich hat­te ich Bewe­gun­gen ihres Gesicht­es beobachtet in den Momenten genau, da sie sprach oder lachte. Es war ein unwillkür­lich­er Blick unter die Haut gewe­sen, ein sozusagen anatomis­ch­er Blick, der sie irri­tierte, ohne zu wis­sen weshalb genau. Sie meinte, ich würde ihr nicht zuhören, son­dern träu­men. In diesem Moment wurde deut­lich: Sobald ich einen Men­schen in anatomis­ch­er Weise betra­chte, wird mein Blick in den Augen des Betra­chteten kein schar­fer Blick sein, wie man vielle­icht erwarten würde, son­dern ein unschar­fer Blick, eine Gren­ze über­schre­i­t­end, phan­tasierend. — stop
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lego

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tan­go : 6.28 — Ein­mal träumte ich, wie ich in einem hell beleuchteten Saal auf dem Boden sitze und einen men­schlichen Kör­p­er, auch seine kle­in­sten Struk­turen, mit­tels Legosteinen nach­bilde. Ich arbeit­ete dort bere­its seit über 200 Jahren. Weil sich ein Fin­ger der Mod­ellgestalt bewegte, wachte ich auf. — stop

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rußland

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tan­go : 7.01 — Warum ver­mag ich die Bewe­gung meines Herzens in der Brust nicht zu spüren? — Umgebende Wörter: Sinus­knoten Lager­be­we­gung Thal­a­mus. Herzflim­mern. Rasender Still­stand. ~ Ein Gespen­ster­we­sen, Rus­s­land, mein­er Kind­heit ist längst zurück­gekehrt. Gedanken, wie zur Beruhi­gung, an Lew Sinow­je­w­itsch Kopelew, Jele­na Georgi­jew­na Bon­ner, Andrei Dmitri­je­w­itsch Sacharow, Anna Stepanowa Politkowska­ja. — stop

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zenobe inc.

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MELDUNG. Von 3.00 bis 4.30 Uhr aus­ger­aubt wur­den bere­its in der Nacht zum Fre­itag Zen­tral­lager fol­gen­der Fir­men: Morse & Co [ Lon­don ] sowie Zenobe inc. [ Budapest ]. 3870 Mod­elle der Dampfloko­mo­tiven­gat­tun­gen DR 4137 sowie DR 4105 wer­den ver­misst, auch Geleise sowie Sig­nalan­la­gen [ Deutsche Reichs­bahn ] : 18 Kilo­me­ter HO [ 15.008 Kar­tons ]. — stop
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