von zungenkäfern

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sierra : 0.55 – Wenn man einen Zungen­käfer aus der Nähe betrachtet, wird man viel­leicht stau­nend inne­halten, wird sagen: Dieser Käfer, dieses vier­flüg­lige Wesen, könnte kürz­lich noch eine mensch­liche Zunge gewesen sein, sie scheint aus einem Mund heraus­ge­fallen zu sein. Sofort machen sich weitere Gedanken bemerkbar. Was wäre, wenn die Zunge heim­lich im Mund eines Menschen zu einem Käfer wurde, der in einem güns­tigen Moment, eine sprach­lose Person hinter­las­send, das Weite suchte. Oder ist es viel­leicht möglich, dass es sich bei der Gattung der Zungen­käfer um Erfin­dungen handelt, die nur deshalb exis­tieren, weil man wünscht Zungen zu ernten. So genau wird es sein, denn Zungen­käfer, ich habe sie während der vergan­genen Nacht eine Stunde lang einge­hend beob­achtet, sind nicht wirk­lich in der Lage, sich in die Luft zu erheben, zu flüchten, also in den Himmel aufzu­steigen und auf und davon­zu­fliegen. Sie liegen viel­mehr auf dem Boden herum, oder auf einem Tisch, und brummen mit den Flügeln, die nicht größer als Flügel der Mari­en­käfer ausge­staltet sind. – stop
ping

katta

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papa : 02.08 – Ich beob­ach­tete, dass ein kleiner Affe, sobald ich mich mit der linken Hand stoß­artig von oben kommend näherte, diese linke Hand als einen Raub­vogel betrach­tete, vor dem er hupend und fauchend mit geblecktem Gebiss rück­wärts über den Tisch gehend die Flucht ergriff, ohne sich an meiner rechten Hand zu stören, die in nächster Nähe mit seinen Sulta­ninen spielte. Derart gründ­lich habe ich mit meinen Händen auf dem Tisch das Jagen und Sammeln geübt, dass ich sie von Zeit zu Zeit als zwei sepa­rate Lebe­wesen betrachten kann. Wenn ich meine linke Hand mit meiner rechten Hand berühre, durch­breche ich einen Spiegel. Wenn ich sage, meine Hand ohne Haut, habe ich in meinem Kopf ein Bild zur Verfü­gung, das sich bewegen lässt. Wenn ich sage, meine schla­fenden Hände, spreche ich von Händen, die ich nie gesehen habe. Gerade eben noch habe ich eine Apfel­sine geschält. Während ich meine Hände beob­ach­tete, wie sie geschickt die Kerne der Frucht vonein­ander trennten, ohne dass ich ihnen genauere Anwei­sungen geben musste, dachte ich darüber nach, wie viele Apfel­sinen diese Hände in ihrem Leben bereits geschält haben könnten. – Drei Uhr zwölf in Kobani, Syria. – stop
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telefon

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echo : 1.35 – Wie merk­würdig, dass ich vor wenigen Stunden noch daran dachte, ein Tele­fon­buch der Stadt Kobane zu suchen, eine Nummer zu notieren, um sie anzu­wählen. Es exis­tieren im Internet keine Tele­fon­bü­cher der Stadt Kobane, die ich entzif­fern könnte. – Mitten in der Nacht. Nichts zu hören. – stop

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vor dem bildschirm

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echo : 6.22 – Würde ich in dieser Minute aus meiner Haut fahren, sagen wir, oder mit einem Auge meinen kleinen Körper verlassen und etwas in der Zeit zurück­reisen, dann könnte ich mich selbst beob­achten, einen Mann, der an einem Abend in der Küche steht, einen Mann, der Tee kocht, er spricht mit sich selbst. Er sagt: Heute machen wir das, heut ist es richtig. Ein Bündel Melisse zieht durchs flim­mernde Wasser, bald trägt der Mann eine damp­fende Tasse durch den Flur ins Arbeits­zimmer. Er schaltet seine Schreib­ma­schine an, sitzt auf einem Garten­stuhl vor einem Bild­schirm und arbeitet sich durch elek­tri­sche Ordner in die Tiefe seiner Verzeich­nisse voran. Eine Vier­tel­stunde steh ich hinter ihm und seh ihm zu. Dann erhebt sich der Mann, er steht jetzt zwei Meter vom Bild­schirm entfernt und wartet. Der Bild­schirm ist aus der Entfer­nung gesehen hand­li­cher geworden, ein kleines Fenster von Licht. Dort kniet ein Mensch auf dem Boden, ein Mensch, der sich fürchtet. Eine Stimme ist zu hören, eine schrille Stimme. Sie spricht schep­pernd Sätze in arabi­scher Sprache, uner­träg­lich diese Geräu­sche. Der Mann vor dem Schreib­tisch tritt einen weiteren Schritt zurück. Er scheint flüchten zu wollen. Zwei Finger seiner rechten Hand formen einen Ring, er hält ihn vor sein linkes Auge, während das rechte Auge geschlossen bleibt. So verharrt er, leicht gebeugt, bewe­gungslos, zwei Minuten, drei Minuten. Einmal ist sein Atem zu hören, heftig. Kurz darauf steht der Mann wieder in der Küche, er lehnt mit dem Rücken am Kühl­schrank, denkt, dass es schneit und spürt Unruhe, die lange Zeit in dieser Heftig­keit nicht zu wahr­zu­nehmen gewesen war. Ein Mensch, Daniel Pearl, wurde zur Ansicht getötet. Was machen wir jetzt? – stop / Koffer­text 12 Feb. 2010 : In diesen Tagen spre­chen die Mörder der IS engli­sche Sprache.

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ai : INDONESIEN

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Am 27. September verab­schie­dete das Parla­ment von Aceh das isla­mi­sche Straf­ge­setz für die Provinz Aceh (Qanun Hukum Jinayat) auf Grund­lage der Scharia. Darin sind unter anderem bis zu 100 Stock­schläge für gleich­ge­schlecht­liche sexu­elle Bezie­hungen und vor- sowie außer­ehe­liche sexu­elle Bezie­hungen (“Ehebruch”) vorge­sehen. Das Gesetz sieht die Prügel­strafe zudem für eine Reihe weiterer Vergehen vor, wie z. B. Alko­hol­konsum, Glücks­spiel, “Allein­sein mit einer oder einem Ange­hö­rigen des anderen Geschlechts, der oder die kein(e) Ehepartner_in oder Verwandte® ist” (khalwat), sexu­elle Miss­hand­lung, Verge­wal­ti­gung, außer­ehe­li­cher Austausch von Zärt­lich­keiten sowie Beschul­di­gung einer Person, Ehebruch begangen zu haben, ohne aber vier Zeugen vorweisen zu können. Es wird zudem befürchtet, dass die Vorschriften zur Beweis­last in Fällen von Verge­wal­ti­gung und sexu­eller Miss­hand­lung nicht den inter­na­tio­nalen Stan­dards entspre­chen. Das isla­mi­sche Straf­ge­setz der Provinz Aceh ist auf in der Provinz wohn­hafte Muslime anwendbar. Jedoch könnten auch Nicht­mus­lime unter dem Gesetz verur­teilt werden, wenn es um Vergehen geht, die nicht im indo­ne­si­schen Straf­ge­setz­buch gere­gelt sind. /Das isla­mi­sche Straf­ge­setz der Provinz Aceh wird nur dann der Zentral­re­gie­rung zur Billi­gung vorge­legt, wenn der Gouver­neur der Provinz es zuvor abzeichnet. Nach den gegen­wär­tigen Rege­lungen hat die Zentral­re­gie­rung nach Vorlage des Gesetzes 60 Tage Zeit, eine Über­ar­bei­tung anzu­ordnen oder das Gesetz abzu­lehnen, falls es der indo­ne­si­schen Verfas­sung oder anderen natio­nalen Gesetzen zuwi­der­läuft. / Die Prügel­strafe stellt eine grau­same, unmensch­liche und ernied­ri­gende Strafe dar, die gegen das Völker­recht verstößt, insbe­son­dere gegen Artikel 7 des Inter­na­tio­nalen Paktes über bürger­liche und poli­ti­sche Rechte und die UN-Anti­fol­ter­kon­ven­tion, deren Vertrags­staat Indo­ne­sien ist.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 14. November 2014 hinaus, unter »> ai : urgent action

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eidechsen

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echo : 1.35 – Eine Bekannte, die in einem kurdi­schen Berg­dorf groß geworden ist, erzählte, sie habe als Kind im Sommer mit Eidechsen gespielt, im Winter hüpfte sie vom Dach ihres Eltern­hauses in den Schnee. Es gab kein Telefon und die Schule lag drei Stunden zu Fuß entfernt. Man konnte die Kinder von Weitem über den Weg springen sehen, wie sie nach Hause kamen, da hatten sie noch 2 Stunden zu gehen. Eine karge Land­schaft, kaum Bäume, aber blühende Büsche, deren Namen sich nicht so leicht in die deut­sche Sprache über­setzen lassen. Ihren ersten Toten hatte das Mädchen wahr­ge­nommen, als sie noch nicht schreiben konnte. Er lag auf dem Rücken auf einer Straße unweit der Schule. Ein dünner Fluss von Blut kam unter dem Körper hervor, auf dem Fliegen klet­terten. Sie habe die Augen fest zu gemacht, zu spät. Es ist jetzt eine sehr schwere Zeit für sie und ihre Familie. Ich erzählte ihr von Filmen, die ich gesehen hatte auf meinem Bild­schirm unterm Dach. Tausende Kinder, Frauen, Männer, die vor IS-Schergen in die Berge flüch­teten ohne Wasser und Nahrung. Natür­lich kannte sie alle diese Bilder. Ich sagte, ich wäre beinahe sicher, dass die Art und Weise wie ich flüch­tende, leidende Menschen auf Bild­schirmen betrachte, von der Art der Fern­rohr­be­ob­ach­tung sei. Sie antwor­tete unver­züg­lich, leise Stimme. – stop
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polaroidfenster

vor neufundland 22.14.08 uhr : zarte finger von licht

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lima : 2.22 – Gestern am Abend seit langer Zeit endlich wieder ein Funk­spruch Noes. Vermut­liche Tiefe: 855 Fuß. Posi­tion: 80 Seemeilen südöst­lich der Küste Neufund­lands seit nunmehr 1356 Tagen im Tief­see­tauch­anzug unter Wasser. Ich hörte seine schep­pernde Stimme gegen 2 Uhr Morgens mittel­eu­ro­päi­scher Zeit über Kurz­welle. Vertraute Sätze. Dann lange Zeit gewartet. Folgende Botschaft: ANFANG 22.14.08 | | | > groß­ar­tige aussicht. s t o p langsam aufstei­gender wal. s t o p muschel­rü­cken. s t o p krater­haut. s t o p als würde der mond vorüber­ziehen. s t o p lange zeiten der stille. s t o p lange zeiten ohne einen gedanken ohne einen wunsch ohne eine erin­ne­rung. s t o p blick ins wasser. s t o p zarte finger von licht. s t o p ob mir jemand zuhört? s t o p < | | | ENDE 22.16.58

nach­richten von noe »

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punta arenas

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MELDUNG. Punta Arenas, Pantano Ecke Lautaro Navarro, 1. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 105 [ Marmor, Carrara : 8.11 Gramm ] voll­endet. – stop

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am nachttisch

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india : 3.02 – Ich träumte von Winter­fliegen. Als ich aufwachte, erin­nerte ich mich, vor Jahren einmal über Winter­fliegen nach­ge­dacht zu haben. Ich notierte Folgendes: Die Gattung der Winter­fliegen sollte in eisiger Umge­bung exis­tieren, in Höhlen, die sie mit ihren Flie­gen­füßen persön­lich in den Schnee eingraben. Viel­leicht, das ist möglich, sind Winter­fliegen von Natur aus eher kühle Wesen, oder aber sie tragen einen wärmenden Pelz, ein Fell, wie das der Eisbären, weiche, weiße Mäntel von Haut und Haar, die ihre äußerst langsam schla­genden Herzen schützen. Diese Fliegen, dachte ich, werden einhun­dert Jahre oder älter, sie könnten sich von feinsten Stäuben ernähren, vom Plankton, das aus wind­ge­bückten Wäldern ange­flogen kommt, von Moosen, Birken­pollen, vom Kotsand nordi­scher Füchse. Ich stellte mir vor, sie sind weiß, so weiß, dass man sie nicht sehen wird, wenn sie über den Schnee spazieren. Man wird meinen, der Schnee bewege sich selbst oder es wäre der Wind, der den Schnee bewegt, statt­dessen sind es die Fliegen, die nicht größer sind als jene Fliegen, die nacht­wärts im Sommer aus einem Apfel steigen. – Ein ruhiger Tag, Augen zu, warm, Sonne. – Abends sitze ich in der Küche am Tisch. Ich öffne eine Schreib­ma­schine, die ich vor drei Jahren aus dem aktiven Schreib­ma­schi­nen­leben in mein Schreib­ma­schi­nen­mu­seum trans­fe­rierte, um nach­zu­sehen, ob ich sie viel­leicht noch einmal in Gang setzen könnte. Sehr kleine Schrauben türmen sich zu einem Berg, es riecht nach Metall, nach Zinn, wie in der Kind­heit, wenn ich meine Nase an Radio­ge­räte drückte. An der Wand in nächster Nähe hockt Esme­ralda, sie scheint mich zu beob­achten oder das Innere der Schreib­ma­schine. Aus dem Neben­zimmer dringen noch immer Kampf­ge­räu­sche, Schüsse von Gewehren, helle Töne, als würden Kiesel­steine anein­ander schlagen. Auch große Kaliber sind zu vernehmen, deren genaue Bezeich­nungen ich nicht kenne, Mörser viel­leicht, Panzer­ka­nonen, Maschi­nen­waffen. Ein Mann, ich möchte seinen Deck­namen an dieser Stelle nicht verzeichnen, sammelt Filme in der digi­talen Sphäre, die er zu endlosen Ketten knüpft, Szenen aus dem syri­schen Bürger­krieg, zuletzt von dem Kampf um Kobane. Personen stehen auf einer Straße, sie feuern auf Häuser, plötz­lich fallen sie um. Ein junger Mann hüpft vor dem Körper einer jungen Frau, die auf dem Rücken liegt, ein Teil ihres Gesichtes fehlt. Der junge Mann preist Gott, er stellt seinen Stiefel auf die Brust der jungen Frau, die vermut­lich, nein sicher, gegen ihn kämpfte. Bärtige Männer eilen gebückt über Felder, einem der Männer fliegt ein Arm davon. – stop

nach­richten von esme­ralda »
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kurz nach mitternacht

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echo : 1.28 – Um kurz nach Mitter­nacht öffnete ich ein Fenster. Sofort fühlte ich, dass ich beob­achtet werde. Tatsäch­lich saß rechts an der noch warmen Wand des Hauses eine sehr kleine, viel­leicht junge Spring­spinne. Ich habe das Licht ihrer Augen wahr­ge­nommen oder eine Bewe­gung. Sie duckte sich, als ich mich näherte, aber sie flüch­tete nicht. Ich konnte mir dieses Verhalten zunächst nicht erklären, dann hatte ich die Idee, dass die Spinne mich viel­leicht kennt. Mögli­cher­weise wurde ich schon drei oder vier Wochen lang beob­achtet, ohne die Beob­ach­tung der Spinne bemerkt zu haben. Vermut­lich war die Spinne, als sie meiner Gestalt zum ersten Mal ansichtig wurde, sofort geflüchtet. Ich stelle mir vor, sie könnte sich in die Tiefe gestürzt haben, wo sie im Garten von einem Löwen­zahn­blatt aufge­fangen wurde. Am folgenden Tag machte sich die Spinne wieder auf den Weg nach oben. Sie wird vermut­lich in Etappen gewan­dert sein, zwei oder drei Tage, dann wieder Nacht, das Warten auf zarte Falter, auf süßes, flie­gendes Fleisch. Ein warmer Wind. Ein Fenster, das sich öffnet. Wiederum Flucht in die Tiefe, erneuter Aufstieg, mühsam und schmerz­voll, hinauf wo der riesige Vogel wohnt, wo das Licht ist, der warme Wind, das Fenster, Flucht nun aber zu Fuß, nur ein oder zwei Meter abwärts und wieder zurück. Es ist erstaun­lich. Von alledem habe ich nichts bemerkt. Zurück an die Arbeit. In dieser Nacht lasse ich das Fenster geöffnet. Benny Goodman spielt Live at Carnegie Hall. Ich sitze und warte. – stop

polaroiddowntown

 

apfel pfirsich bananen

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sierra : 3.15 – Es war kurz nach sechs Uhr morgens. Ich beob­ach­tete am Flug­hafen eine Frau wie sie im Super­markt Früchte berührte. Ihre Hände steckten in Plas­tik­hand­schuhen, sie trug eine Brille, die sehr groß ausge­fallen war, und einen papie­renen Schutz vor dem Mund, der sich wie ein Segel vor ihrem Atem blähte. Sie schien sehr aufge­regt zu sein, ihre Hände bewegten sich hastig, zwei Äpfel, einen Pfir­sich, drei Bananen legte sie in ihr Körb­chen ab, dann eilte sie weiter sofort zur Kasse, wo sie warten musste. Sie wirkte seltsam verloren, kaum jemand schien sie zu beachten. Sie stand in der Schlange, unruhig, eine Erschei­nung, als wäre sie verse­hent­lich viel zu früh an einem Zeitort ange­kommen, der noch nicht bereit war, sie aufzu­nehmen. Plötz­lich stellte sie das Körb­chen, das sie auf ihrem Roll­koffer balan­ciert hatte, auf den Boden und flüch­tete. – Ein Gedanke zunächst, dann ein Wort, ein ers­tes Wort, ein Satz, ein ers­ter Satz. Dort herum wachsen weitere Gedanken, lang­same Tage, Tage des Sammelns, lang­same Nächte, Nächte des War­tens, Land ent­steht, Land, auf dem sich’s leben und erzäh­len lässt. Zeichen für Zeichen, das Wach­sen eines Koral­len­mundes.- stop

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ein brief

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india : 5.56 – Ich entdeckte eine Nach­richt in meinem Brief­kasten, eine nicht zustell­bare Sendung würde im Postamt auf mich warten. Einen Tag später, so gut wie sofort, war ich dort gewesen. Ich stand in einer Schlange von Menschen und über­legte, um was für eine Sendung, die auf mich in nächster Nähe wartete, es sich handeln könnte. Es war ein nebliger Tag. Möwen waren vom Fluss her tief in die Stadt vorge­drungen. Obwohl eigent­lich eher scheue Persön­lich­keiten, hockten sie auf dem Fens­ter­sims des Post­amtes als würden sie uns beob­achten, Menschen, wie sie warteten, in dem sie langsam in eine Rich­tung zu einer Schal­ter­reihe vorrückten. Es war eine längere Schlange. Ich holte mein Mobil­te­lefon heraus und las in einer Zeitung, dass in einer nörd­lich der Stadt Bagdad gele­genen Gegend Senfgas entdeckt worden sein soll zu einem Zeit­punkt, da es nicht exis­tierte. Es ist sehr merk­würdig, man kann sich in einem Bericht dieser Art verlieren und kommt doch gut voran in einer Schlange von Menschen, ohne berührt zu werden. Nach einer Vier­tel­stunde war ich am Ziel ange­kommen, ein Schal­ter­be­amter, der sich ganz offen­sicht­lich freute, über­reichte mir einen sehr kleinen Brief. Der Brief war derart klein, dass er zunächst zwischen der Beere des Zeige­fin­gers und der Daumen­spitze des Mannes, die den Brief fixierten, voll­ständig verschwand. Kurz darauf hob er den Brief mittels einer Pinzette in die Luft, um ihn auf dem Tresen vor mir abzu­legen. Der Mann reichte mir eine Lupe, ich solle mich verge­wis­sern, die Brief­marke fehle. Tatsäch­lich war auf der Anschrif­ten­seite des Kuverts mein voll­stän­diger Name und meine Adresse vermerkt, eine Brief­marke aber war nicht zu entde­cken, vermut­lich deshalb, weil Brief­marken für Briefe dieser Größe noch nicht ausge­lie­fert worden sind. Der Beamte sagte, dass es sich bei diesem Brief, um den kleinsten Brief handele, den er je bear­beitet haben würde, ich sollte ihn gut verwahren: 65 Cent. Der Brief liegt jetzt auf meinem Küchen­tisch. Ich habe ihn noch immer nicht geöffnet. Es ist kurz vor fünf Uhr. Wieder Nebel. – stop
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camilla

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hima­laya : 5.32 – Ob Camilla wirk­lich exis­tierte, vermag ich nicht mit Sicher­heit zu sagen. Aber der kleine Mann, Felipe, der von Camilla erzählte, exis­tiert tatsäch­lich, er hat mir während einer morgend­li­chen Busfahrt die Hand gegeben, eine kleine, raue Hand, die Hand eines Mannes, der ein Leben lang hart gear­beitet haben muss. Ein Finger seiner Hand fehlte, glaube ich, ja, ich bin mir nicht sicher, ich meine gespürt zu haben, dass etwas fehlte, sein fester Hände­druck, und als ich nach­sehen wollte, hatte Felipe seine Hand eilig hinter dem Rücken versteckt. Ich fragte ihn, wo er geboren wurde, er antwor­tete mit einem Namen, der sehr schön in meinen Ohren klang, einen spani­schen Namen. Er wohnte in dieser Stadt sein Leben lang. Fünfzig Jahre arbei­tete er in einer Fabrik, in welcher Papiere erzeugt wurden, die in der Lage waren, Strom zu leiten. Man machte aus diesem merk­wür­digen Papieren zum Beispiel Bücher, die sich in kühler Luft erwärmten. Beim Schneiden der Papier­bögen könnte das mit dem Finger passiert sein vor langer Zeit, als Camilla noch nicht in seinem Leben gewesen war. Wie Felipe von Camilla erzählte, leuch­teten seine Augen, er ist doch ein groß­ar­tiger Erzähler. Dass sie ihn trotz seines fehlenden Fingers liebte, erzählte er nicht, aber dass sie ein wenig größer war als er selbst, und dass sie über sehr schöne Ohren verfügte, die wackelten wenn sie lachte. Mit dem Alter wurde Camilla kleiner. Weil auch Felipe kleiner wurde, änderte sich nichts daran, dass sie größer war. Wie ich ihn so sah, neben seinem Koffer sitzend im schau­kelnden Bus, dachte ich daran, dass wir noch immer in einer Zeit leben, da Menschen sich damit abfinden müssen, dass Finger für immer verschwinden, oder Camilla mit ihren bebenden Ohren. – stop

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kleiner kopf

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romeo : 22.01 – Ich begeg­nete gestern am frühen Morgen einem Mann, den ich vor Jahren schon einmal beob­achtet hatte. Er wartete unter Fern­rei­senden stehend vergeb­lich auf einen Zug. Ich erin­nere mich noch sehr gut an unsere erste Begeg­nung. Er hat sich seither kaum verän­dert, verfügt nach wie vor über einen unge­wöhn­lich kleinen, zum Himmel hin spitz zulau­fenden Kopf. Damals, im Mai des Jahres 2011, saß er auf einer Bank, Terminal 2, des Flug­ha­fens, seine Hände hielten eine Tasse Kaffee vor einen kleinen Mund, kleine helle Augen starrten in diese Tasse, kurz fixierten sie mich, dann wieder die Ober­fläche des Kaffees, der sich im Gefäß langsam drehte. Stau­nend wartete ich in der Nähe des Mannes auf einer weiteren Bank, öffnete ein Buch, aber anstatt zu lesen, sah ich immer wieder hin zu dem kleinen Kopf. Ich konnte mir nicht denken, wie es möglich ist, mit einem derart kleinen Kopf zu über­leben. Man stelle sich das einmal vor, der Kopf des Mannes war nicht sehr viel größer gewesen, als der Kopf eines Kindes von zwei oder drei Jahren. Eigent­lich, dachte ich, müsste dieser Mann tot sein oder aber von einge­schränktem Denk­ver­mögen. Danach aller­dings sah der Mann nicht aus, er trug die feine Klei­dung eines Geschäfts­rei­senden, außerdem war er vermut­lich in der Lage, aus Blicken Gedanken zu lesen, weswegen ich bald selbst zum Gegen­stand inten­siver Beob­ach­tung wurde. – Null Uhr zwölf in Kobane, Syria. — stop
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bonsaimenschen

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MELDUNG. Bonsai­men­schen, 28 Personen jüngeren Alters a 51 cm, nahe Calama [ Chile ] zur Hitze­probe einge­troffen. Wüsten­wan­de­rung [ 324 Meilen / Valle de la Luna] : Samstag, 25. Oktober 2014. Ab 14 Uhr Orts­zeit. Call : 00386 / 5476823 – stop

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bombay

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bamako : 2.12 – Auf meinem Schreib­tisch bemerke ich eine Post­karte, die dort eigent­lich nicht exis­tieren sollte. Tausende Figuren bede­cken das Schrift­stück, Formen, die ich einer­seits als Zeichen iden­ti­fi­zieren, ande­rer­seits ihrer Bedeu­tung nach nicht entzif­fern kann, auch die Brief­marke der Post­karte wurde mit Zeichen versehen. Irgend­je­mand muss mit Hilfe einer Lupe, so viele Schrift­zei­chen wie möglich auf der Post­karte unter­ge­bracht haben. Es handelt sich vermut­lich um einen Text in singha­le­si­scher Sprache. Weder sind Absätze zu erkennen, noch Wörter, kein Raum für Leere. Die Brief­marke ist unter den Zeichen nur noch sche­men­haft zu erkennen, 25 Rupien, Elefanten durch­schreiten einen Fluss. Auf die Bild­seite der Post­karte wurde kein Schrift­zei­chen gesetzt. Sie trägt eine berühmte Foto­grafie Sebas­tião Salgados: Church­gate Train Station / Bombay. Menschen strömen über Bahn­steige. Sie bewegen sich so schnell, dass sie unscharf erscheinen wie eine Flüs­sig­keit. Im linken unteren Bereich der Foto­grafie eine Frau, die sich vermut­lich im Moment der Aufnahme kaum oder nur sehr langsam bewegte. Sie hält eine Tasche in der rechten Hand, sie scheint die einzige nicht­flüs­sige Person zu sein, die auf der Foto­grafie wahr­zu­nehmen ist. – stop – Dienstag. – stop – Sturm von Nord­west. – stop
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schläfer

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bamako : 5.14 – Wer um halb vier Uhr morgens am Zentral­bahnhof in eine Stra­ßen­bahn steigt, wird bald bemerken, dass es sich bei diesen Stra­ßen­bahnen um Verkehrs­mittel handelt, in welchen schla­fende Menschen reisen. Mehr­fach habe ich, zufäl­ligen Himmels­rich­tungen folgend, Expe­di­tionen unter­nommen. Entweder ist es die Zeit, weder Tag noch Nacht, die dazu führt, dass kein Mensch dort wach sein kann, oder aber irgend etwas schwebt in der Luft, das unwi­der­steh­lich müde macht. Auch ich selbst schlafe beinahe sofort, wenn ich mich setze. Ich gehe also auf und ab, niemand bemerkt mich, auch der Fahrer der Stra­ßen­bahn scheint um diese Zeit fest zu schlafen. Einmal, vor Kurzem, waren unge­wöhn­lich viele Fahr­gäste unter­wegs. Ich konnte sie hören, leise Lebens­äu­ße­rungen von der Art des Gesprächs, das wache Menschen mitein­ander führen, wenn sie sich schon lange nichts mehr zu sagen haben. Sobald ich schla­fende Menschen im Vorbei­kommen heim­lich betrachte, Menschen, die ihre Augen mit etwas Haut zuge­deckt haben, kann ich kaum glauben, dass sie jemals gefähr­lich sein könnten, böse mittels gespro­chener oder geschrie­bener Worte, gewalt­tätig mit Fäusten, Messern, Pistolen. Ich meine, unter ihren schim­mernden Lidhäut­chen träu­mende Augen erkennen zu können, manchmal schnappen sie nach etwas Licht. – stop
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nach mitternacht

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alpha : 2.15 – Weit nach Mitter­nacht, früher Abend in der Nacht­men­schen­zeit. Ich habe gerade einen erneuten Versuch unter­nommen 18.924.150 Zeichen eines mensch­li­chen Genoms als Sequenz in mein Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramm zu laden. Seit letzten Bemü­hungen sind drei Jahre vergangen, meine Schreib­ma­schine, die dritte seither, ist in ihren Berech­nungen schneller geworden, und doch schei­tert sie mit der 52758. Seite des Doku­mentes, bleibt kommen­tarlos stehn, gefriert, oder hält die Luft an, wieder scheint sie mir mitteilen zu wollen, diesen Unsinn mache ich nicht mit. Man stelle sich einmal vor, wir würden bald erfolg­reich sein, eine weitere Schreib­ma­schine und ich, ein voll­stän­diges Doku­ment wäre errechnet. Wie ich mich nun auf den Weg mache zu meiner Drucker­ma­schine, die sich in nächster Nähe in einem weiteren Zimmer befindet. – stop

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wildnis

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sierra : 0.12 – Einmal im Traum eine Notla­dung nach einem Flug über den Atlantik in einer Wildnis vor New York. Wir werden evaku­iert, ich vergesse im bren­nenden Flug­zeug Koffer und Papiere. Bin plötz­lich ein Niemand. – stop

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ein junge

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india : 7.08 – Im Café No 5 unterm Flug­ha­fen­ter­minal beob­ach­tete ich einen Mann, der sich äußerst sparsam, lange Zeit über­haupt nicht bewegte. Auf dem Tisch vor ihm lag eine Zeitung, neben der Zeitung Folgendes: eine Tasse Kaffee, ein Glas Wasser, Zucker­würfel, Notiz­block und Blei­stift. Eine halbe Stunde verging in dieser Weise, die Hände des Mannes ruhten in seinem Schoß. Einmal rückte der Mann seinen Koffer, der hinter ihm an der Wand parkte, ein kleines Stück zur Seite, ein andermal hob er seine Kaffee­tasse in die Luft, um sie in einem Zug auszu­trinken. Dann wieder keinerlei Bewe­gung, der Mann schien kaum zu atmen. Er reagierte weder auf Laut­spre­cher­durch­sagen, noch kümmerte er sich um Menschen, die das Café auf Lauf­bän­dern passierten, es waren viele chine­si­sche Reisende darunter, die gerade erst aus Shanghai und Peking in großen Flug­zügen einge­troffen waren. Der Mann starrte auf eine Schwarz­weiß­fo­to­grafie, die auf der Titel­seite einer Zeitung abge­druckt worden war. Ein Junge lag dort unbe­kleidet auf einer Bast­matte mitten auf einer schmut­zigen, feuchten Straße. In einiger Entfer­nung, im Hinter­grund, warteten Menschen, die den Jungen beob­ach­teten. Der Junge schwitze, seine schwarze Haut war von Fliegen bedeckt, er sah mit halb­ge­schlos­senen Augen zu einem Wesen hin, das in einem Schutz­anzug steckte. Anstatt eines Kopfes war auf den Schul­tern des Wesens ein Helm zu sehen, eine zerknit­terte Haube genauer, die unter Luft­druck zu stehen schien. Das Wesen hatte seine rechte Kunst­stoff­hand nach dem Jungen, der einsam auf dem Boden liegend verharrte, ausge­streckt, es wollte ihn viel­leicht ermu­tigen, aufzu­stehen und zu ihm an den Rand der Straße zu kommen. Obwohl sich die Hand nicht bewegte, vermit­telte sie den Eindruck, dass sie sich bewegt haben musste und weiterhin bewegen würde, weil die Stel­lung ihrer Finger nur in dieser vermu­teten Bewe­gung einen Sinn ergab. Ja, diese Hand musste in der Zeit des Bildes eine winkende Hand gewesen sein, aber es war deut­lich zu sehen, dass der Junge vermut­lich nicht länger die Kraft hatte, aufzu­stehen oder zu krie­chen oder etwas zu sagen, zu rufen, zu flüs­tern, oder die Fliegen auf seinem Körper zu vertreiben. Es war still, voll­kommen still, nichts zu hören. – stop

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