grammophon

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zoulou : 3.36 — Wür­den jene Fahrzeiträume früh­mor­gens in war­men Abteilen der Züge nicht existieren, wür­den wir vielle­icht nie miteinan­der sprechen. Er ist meis­tens müde von der Nachtar­beit. Fün­fzehn Minuten Zeit, zu kurz, um schlafen zu kön­nen, zu lang, um zu schweigen. M. wurde in der marokkanis­chen Hafen­stadt Nador geboren. Er ist Moslem, gläu­big, ein­er der Guten, wie er sagt, ein­er vor dem sich nie­mand fürcht­en müsse. Er geht in die Moschee, er spielt Fußball, er ist ver­heiratet, nachts beauf­sichtigt er Maschi­nen, die Briefe sortieren, und er lacht gern. Sein Blick ist warm, er ver­fügt über zwei Hände, darauf beste­ht er, und zwei Augen, eine Nase, einen Mund. Vor Kurzem warnt er mich, weil ich öffentlich über den Glauben der Moslems notierte. Er sagte: Da musst Du vor­sichtig sein, es gibt viele Ver­rück­te, schau, dass sie nicht wis­sen, wo Du wohnst. Ein­mal, kurz nach ein­er Reise nach New York, lese ich ihm eine Geschichte vor, fol­gende Geschichte, sagen wir, eine Geschichte wie eine Frage: Im Cen­tral Park zur Mit­tagszeit ein betender Mann, Moslem, Rikschafahrer, der Höhe 61. Straße unter ein­er mächti­gen, weitverzweigten Ulme kni­et, vielle­icht unter einem jen­er Bäume, deren Set­zlinge im Jahr 2008 nach Ore­gon geschickt wur­den, um sie dort groß zu ziehen und wieder nach Man­hat­tan zurück­zu­holen. Das kla­gende Sin­gen der Kinder­schaukeln. Ein Eich­hörnchen het­zt über eine Wiese. Bald kauert das Tier in der Nähe des betenden Mannes, scheint ihn zu beobacht­en. Ich kön­nte jet­zt warten, bis der Mann mit seinem Gebet fer­tig gewor­den ist. Ich kön­nte mich zu ihm in seine Rikscha set­zen. Wir kön­nten gemein­sam durch den Park fahren. Ich kön­nte ihm eine Geschichte erzählen. Ich kön­nte erzählen, dass ich ger­ade eben noch in einem Café hörte, wie eine junge, lustige Mut­ter von ihrer Absicht berichtete, ihren Sohn, der noch nicht geboren wor­den ist, mit dem Namen “Gram­mophon” zu verse­hen. Das ist eine wirk­lich aufre­gende Geschichte, die ich tat­säch­lich sofort erzählen sollte. Ich sollte den jun­gen Mann weit­er­hin fra­gen, ob er mir vielle­icht erk­lären wolle, weshalb es lebens­ge­fährlich für mich sein kön­nte, wenn ich mich fra­gend über Mohammed, den Propheten, äußern würde. Vielle­icht würde der junge Mann brem­sen, vielle­icht sich unverzüglich von seinem Fahrrad schwin­gen. Wir wür­den uns auf eine Bank set­zen und Geschicht­en erzählen von Gram­mo­pho­nen, von Propheten und wie es ist, im Win­ter Rikscha zu fahren. Und vielle­icht würde ich ihm dann noch vom Schnee erzählen, den ich als Kind aus der Luft gefan­gen habe. Ja, so kön­nten wir das machen, sofort, gle­ich wenn der betende Mann sich erheben wird. – stop

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nachtzug

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whiskey : 3.28 — Minuten­beobach­tung gegen drei Uhr nachts: Von Mai­land her rollt ein Schlafwa­gen­zug sehr langsam in einen Bahn­hof. Die Fen­ster der Wag­ons ver­hüllt, im Abteil hin­ter der Loko­mo­tive sind Zug­be­gleit­er zu erken­nen, blüten­weiße Hem­den, dunkel­rote Fliegen. Irgen­det­was dampft, man bere­it­et vielle­icht das Früh­stück vor. Aus der Ent­fer­nung betra­chtet, scheinen die Män­ner zu flüstern, fröh­liche Nacht­per­so­n­en. Laut­sprech­er­stim­men peitschen plöt­zlich wie in einem Gespräch durch den Bahn­hof. Ein­er der Zug­be­gleit­er schleud­ert eine Tasse zu Boden. In diesem Augen­blick fährt der Zug langsam weit­er. Ein Bahn­steig. — stop

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gramm

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echo : 0.05 — Das Wort Kobane in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Kobane denke. Wie viel Gramm? — stop

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milanomaki

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echo : 0.18 — Während eines Spazier­gangs im botanis­chen Garten hörte ich, man habe zulet­zt im Jahr 2000 eine noch nicht bekan­nte Struk­tur der men­schlichen Hand ent­deckt, das lig­a­men­tum metacarpale pol­li­cis, ein Band, welch­es die Sta­bil­ität der Dau­men­be­we­gung erhöhe. Bish­er hat­te ich angenom­men, die Anatomie des men­schlichen Kör­pers sei bere­its seit Jahrzehn­ten rest­los aufgek­lärt. – stop. Es ist jet­zt kurz nach Mit­ter­nacht, Count Basie: At the Aquar­i­um. Vor weni­gen Minuten erre­ichte mich eine E-Mail. Milanoma­ki notiert > : Ich sollte ein Ohren­men­sch sein. Ich sitze mit leicht zur Seite geneigtem Kopf und höre zu, einem Men­schen vielle­icht oder ein­er Fliege, die über mir im Luftraum turnt. Oder ich ste­he in einem Zim­mer ganz still, um so präzise wie möglich denken zu kön­nen. Kurz darauf set­ze ich mich an einen Schreibtisch und mache viele Wörter, dann mache ich eine Pause, dann lese ich alles das Notierte noch ein­mal durch, dann stre­iche ich so viele Wörter mit dem Kopf wie möglich ist, um bald wieder nur einen Strich vor mir auf dem Papi­er vorzufind­en. Ich habe viel erlebt. — stop

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saurus rex

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MELDUNG. Im Mor­gen­grauen an link­er hin­ter­er Fußsäule entzün­det: Tyran­nus Saurus Rex, Seck­en­ber­gan­lage 22 nahe Beethoven­platz. Sichergestellt: 3 Zünd­hölz­er, 1 Ben­z­in­be­häl­ter [ 750 ml ] , 2 Fußab­drücke [ Schuh­größe 42 ] , 1 Fahrrad [ Peu­got 1958 ] — stop

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in der paukenhöhle

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delta : 7.10 — Es ist leicht, sich Zel­lkör­p­er vorzustellen, die vor­sichtig geöffnet wur­den, um in sie hinein spähen zu kön­nen. Ich wün­schte ihre Struk­turen mit Namen beze­ich­nen zu kön­nen, mit Wortkör­pern, die mir gefall­en. Bere­its die Anatomie der Ameisen Wort für Wort auszuweisen, wird einen lan­gen poet­is­chen Atem erfordern. Ich über­legte, wie sich afrikanis­che Men­schen bald erheben wer­den, sie fordern, ihre ural­ten Sprachen in unsere humananatomis­che Nomen­klatur einzus­peisen, nervus oli­mam­bo, der for­t­an unter dieser Beze­ich­nung men­schliche Augen­lid­er innervieren wird. Bald melden sich Bewohn­er Grön­lands, sun­ni­tis­che und schi­itis­che Stämme, Indi­an­er der wilden Wälder Papua Neuguineas. Sie alle haben den Wun­sch, ihre Sprache, Wörter, ihre geistige Welt in der Vorstel­lung eines all­ge­mein gülti­gen men­schlichen Kör­pers zu hin­ter­lassen. Das zuständi­ge Büro der Uno hoch über dem East Riv­er, eine Behörde, Jahrzehnte nach­drück­lich­er Ver­hand­lung in der Pauken­höh­le. — stop

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vor neufundland 18.02.12 uhr : sterne

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zoulou : 3.58 — Leichter Regen, kaum Wind. In der Ukraine weit­ere Gefechte. Es wird berichtet, dass zivile Men­schen ster­ben, doch nie­mand könne mit Sicher­heit sagen, vom wem sie getötet wur­den, aber sie sind tot. — Funkspruch Noes kurz vor Mit­ter­nacht. Ver­mut­liche Tiefe: 858 Fuß. Posi­tion: 78 Seemeilen südöstlich der Küste Neu­fund­lands seit nun­mehr 1417 Tagen im Tief­see­tauchanzug unter Wass­er. Ich hörte seine schep­pernde Stimme. Fol­gende Botschaft: ANFANG 18.02.12 | | | > leichte bewe­gung. s t o p schwin­gen. s t o p auf und ab und seitwärts. s t o p schlingern. s t o p ein hur­ri­cane vielle­icht. s t o p hur­ri­cane char­lie. s t o p oder fred. s t o p oder hillary. s t o p ist es möglich dass ich bald eine nachricht erhalte werde? s t o p ob mir jemand zuhört? e n o r m o u s g r e y f i s h s t r a i g h t a h e a d . s t o p habe lange zeit­en keine sterne gese­hen. s t o p die sterne sind rund. s t o p zarte fin­ger von licht. s t o p füh­ler. s to p ob yoko noch lebt? — s t o p | | | ENDE 18.04.01

nachricht­en von noe »

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vom anemonentext

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alpha : 6.55 — Nehmen wir ein­mal an, dem ursprünglichen Code ein­er Seeanemone würde ein weit­er­er Code hinzuge­fügt, eine sehr kurze Strecke nur, sagen wir Jack Ker­ouacs Roman The Town and The City mit­tels Nuk­leobasen­paaren notiert. Was würde geschehen? Inwiefern würde Jack Ker­ouacs Text Wesen oder Gestalt ein­er Seeanemone berühren? Würde der Text von Seeanemone zu Seeanemone weit­erg­ere­icht, würde der Jack Ker­ouacs Text sich nach und nach verän­dern, würde er vielle­icht ent­lang der Küsten­lin­ien wan­dern? Seit gestern, ich habe geträumt, sind men­schliche Per­so­n­en denkbar, die nur zu dem einem Zweck existieren, näm­lich Ohren, ein gutes Dutzend wahlweise auf ihren Armen oder Schul­tern zu tra­gen, um sie gut durch­blutet solange zu kon­servieren, bis man sie von ihnen abnehmen wird, um sie auf eine weit­ere Per­son zu verpflanzen, die eine gewisse Zeit oder schon immer ohne Ohren gewe­sen ist. Unheim­liche Sache. — stop

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ai : IRAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Der iranisch-amerikanis­che Jour­nal­ist Jason Reza­ian befind­et sich seit sechs Monat­en im Teheran­er Evin-Gefäng­nis in Einzel­haft. Er hat keinen Zugang zu einem Rechts­bei­s­tand, wurde aber am 6. Dezem­ber zum ersten Mal vor Gericht gestellt. Er ist ein gewalt­los­er poli­tis­ch­er Gefan­gener. / Jason Reza­ian, ein Iran-Kor­re­spon­dent der Wash­ing­ton Post, wurde am Abend des 22. Juli zusam­men mit sein­er Frau Yeganeh Sale­hi, die für die Zeitung The Nation­al aus den Ara­bis­chen Emi­rat­en schreibt, von Sicher­heit­skräften in Ziv­il festgenom­men. Das Haus des Ehep­aars wurde durch­sucht und ihre Pässe kon­fisziert. Etwa einen Monat später erst wurde die Fam­i­lie von Jason Reza­ian und Yeganeh Sale­hi über den Verbleib der bei­den informiert. Yeganeh Sale­hi kam im Okto­ber auf Kau­tion frei. Jason Reza­ian wurde seinem Brud­er Ali Reza­ian zufolge mehrmals ver­hört. Ein von der Fam­i­lie beauf­tragter Rechts­bei­s­tand hat bis­lang keine Erlaub­nis erhal­ten, Jason Reza­ian zu besuchen oder seine Gericht­sak­ten einzuse­hen. Bei der Gerichtsver­hand­lung am 6. Dezem­ber, die laut Ali Reza­ian einen ganzen Tag lang angedauert haben soll, wurde Jason Reza­ian lediglich ein Dol­metsch­er und kein Rechts­bei­s­tand zur Ver­fü­gung gestellt. Zudem wurde er aufge­fordert, ein Doku­ment zu unterze­ich­nen, in dem er sich der Ankla­gen schuldig beken­nt. Was Jason Reza­ian vorge­wor­fen wird oder warum, ist nicht bekan­nt. / Seit sein­er Fes­t­nahme wird Jason Reza­ian im Evin-Gefäng­nis in Einzel­haft fest­ge­hal­ten. Dort darf ihn seine Fam­i­lie nur gele­gentlich besuchen. Er lei­det unter Bluthochdruck und muss deshalb täglich Medika­mente ein­nehmen. / In einem Inter­view mit der Nachricht­e­na­gen­tur EuroNews am 6. Novem­ber wurde der Vor­sitzende des iranis­chen Ober­sten Rats für Men­schen­rechte, Moham­mad Javad Lar­i­jani, gefragt, wann Jason Reza­ian freige­lassen werde. Nach sein­er Ein­schätzung hätte dies “in weniger als einem Monat” geschehen müssen. Kaum eine Woche später sagte jedoch der Stel­lvertreter der Ober­sten Jus­ti­za­u­torität des Irans, Hadi Sadeghi, dass die Ermit­tlun­gen im Fall Jason Reza­ian noch im Gange seien und dass diese länger als einen Monat dauern kön­nen. Die iranis­chen Behör­den haben bish­er nichts über die Gründe für die Fes­t­nahme von Jason Reza­ian ver­laut­en lassen.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 20. Jan­u­ar 2015 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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raymond carver goes to hasbrouck heights / 2

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zoulou : 3.55 — Ich kann nicht mit Sicher­heit sagen, warum ich mich gestern, während ich einen Bericht über Unter­suchun­gen der CIA-Folter­prak­tiken durch Ermit­tler des US-Sen­ats studierte, an eine kleine Stadt erin­nerte, die ich vor weni­gen Jahren ein­mal von Man­hat­tan aus besuchte. Ich las von Schlafentzug, von Water­board­ing, von sehr kleinen, dun­klen Kisten, in welche man Men­schen tage­lang sper­rte, von Lärm, von rus­sis­chem Roulette und plöt­zlich also erin­nerte ich mich an Ole­an­der­bäume, die ich gese­hen hat­te in Has­brouck Heights an einem son­ni­gen Tag im Mai, an ihren Duft, an einen glück­lichen Abend am Strand von Coney Island, an ein Jaz­zkonz­ert nahe der Strand­prom­e­nade. Ich notierte damals: Es ist die Welt des Ray­mond Carv­er, die ich betrete, als ich mit dem Bus die Stadt ver­lasse, west­wärts, durch den Lin­col­ntun­nel nach New Jer­sey. Der Blick auf den von Steinen bewach­se­nen Muskel Man­hat­tans, zum Greifen nah an diesem Mor­gen küh­ler Luft. Dun­st flim­mert in den Straßen, deren Flucht­en sich für Sekun­den­bruchteile öff­nen, bald sind wir ins Gebi­et niedriger Häuser vorge­drun­gen, Eiszapfen von Plas­tik funkeln im Licht der Sonne unter Regen­rin­nen. Der Bus­fahrer, ein älter­er Herr, begrüßt jeden zusteigen­den Gast per­sön­lich, man ken­nt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Has­brouck Heights, eine halbe Stunde Zeit, deshalb liest man in der Zeitung, schläft oder schaut auf die Land­schaft, auf ros­tige Brück­en­riesen, die flach über die sump­fige Gegend führen. Und schon sind wir angekom­men, ein liebevoll gepflegter Ort, der sich an eine steile Höhe lehnt, ein­stöck­ige Häuser in allen möglichen Far­ben, großzügige Gärten, Heck­en, Büsche, Bäume sind auf den Zen­time­ter genau nach Wün­schen ihrer Besitzer zugeschnit­ten. Nur sel­ten ist ein Men­sch zu sehen, in dem ich hier schlen­dere von Straße zu Straße, werde dann fre­undlichst gegrüßt, how are you doing, ich spüre die Blicke, die mir fol­gen, Bäume, Blu­men, Gräs­er schauen mich an, das Feuer der Aza­leen, Eich­hörnchen stür­men über san­ft geneigte Däch­er: Habt ihr ihn schon gese­hen, diesen frem­den Mann mit sein­er Polaroid­kam­era, diesen Mann ohne Arme! Gle­ich wird er ein Bild von uns nehmen, wird klin­geln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie ger­ade fotografiert. Wollen Sie sich betra­cht­en? — stop

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in der rue de javel 151

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gink­go : 0.02 — Ich fahre in einem Zug. Vor dem Fen­ster schlen­dert karge Land­schaft, Büsche, kein Schnee, kein Gras, aber Moose und Steine. Däm­merung. Stun­den­lang nicht Tag und nicht Nacht. Die Wag­ons des Zuges scheinen von Holz zu sein, aus ihren Wän­den wach­sen sehr kleine, wilde Bäume in den Raum. Diese Bäume sind nicht höher als ein Fin­ger, winzige Affen tur­nen herum, auch Vögel kreisen, wenn ich mich nähere mit einem Ohr, ver­mag ich Pfiffe zu hören. Auf ein­er Bank vor dem Fen­ster sitzt ein älter­er Herr mit einem Tele­fon. Er notiert große unge­lenke Buch­staben in ein Heft. Sturzpro­toll No 75: Im Nachthemd ist Made­moi­selle Livin, 92, über eine Treppe vom fün­ften Stock des Haus­es 151 in der Rue de Jav­el in den vierten Stock gestürzt. Paris, 10. Dezem­ber 2014 3 Uhr 5 Minuten. — stop

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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 122, Luft­fahrt — 773, Auto­mo­bile — 38 ], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 2, 19. Jahrhun­dert – 16, 20. Jahrhun­dert – 12 , 21. Jahrhun­dert — 547 ], phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 356, gelöscht : 1022 ], 1 Tele­fon­buch der Stadt Chica­go [ bedauern­swert­er Zus­tand ], Öle [ 0.8 Ton­nen ], Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 342, Kniege­lenke – 12, Hüftkugeln – 158, Brillen – 56 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 88, Größen 38 — 45 : 45 ], Kühlschränke [ 16 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 2, mit Tauch­er – 54 ], Tele­fone [ 368 ], Engel­szun­gen [ 26 ] | stop |

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furcht vor pegida

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echo : 0.12 — Ihr Sohn heißt Miran, ihre Tochter Shirin. Sie selb­st wurde im Osten der Türkei geboren, ihre Kinder, 12 und 14 Jahre alt, in der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land. Einen Mann gibt es nicht mehr. Sie arbeit­et in einem Café, eine fröh­liche, zier­liche Frau, ihr Haar ist pech­schwarz, aber eigentlich schon grau oder weiß. Seit sie im Café arbeit­et, ruhen unter Beeren-Muffins, Schwarzwälderkirsch Torte, Käsekuchen und Apfel­strudelscheiben, auch kur­dis­che Plätzchen, Kulice, mit Wal­nüssen, Man­deln, Zimt und Zuck­er gefüllt. Ich weiß schon von der ein oder anderen wilden Geschichte, die sie erlebte, kurze Geschicht­en sind das, eilig während ein­er Tasse Kaf­fee erzählt, eigentlich kleine Romane, weil ich sie nicht vergessen kann, weil sie sich forterzählen wie von selb­st. Gestern ist eine weit­ere Geschichte hinzugekom­men. Anisun berichtete, sie werde am kom­menden Woch­enende nach einem Wei­h­nachts­baum suchen wie jedes Jahr um diese Zeit, doch, doch, nach einem Wei­h­nachts­baum, in diesem Jahr sei sie spät dran, ja, ja, mit allem, was man sich denken kann, aber elek­trische Kerzen, schon immer, seit die Kinder in die Schule gehen, komme ein Baum ins Haus, ja, wir sind Alle­viten, auch die Kinder, aber immer haben wir Wei­h­nacht­en gefeiert, man trifft sich, Fre­unde, Schwest­ern, Brüder, Onkel, Tan­ten, und kocht und freut sich, und die Kinder bekom­men Geschenke, doch, doch, du brauchst dich nicht zu wun­dern, wir feiern gern, ja, ja, wir fürcht­en uns, eine Hand­voll Furcht, es ist ein schlimmes Jahr gewe­sen, auch für uns Alle­viten, das ist meine Heimat hier, und wieder fürchte ich mich, wir sprechen nicht viel darüber, wir hof­fen, dass es nicht näher kommt. — stop

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eine uhr mit pendel nahe garten

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echo : 0.08 — Eine alte Dame am Mor­gen wie sie vor ein­er Uhr ste­ht. Es han­delt sich um eine große, schwere Stan­duhr, Zif­ferblatt und Zeiger lungern in ein­er Höhe von 1 Meter 80 über dem Boden. Nahe der Stelle, da die Zeig­er­ach­sen sich in das Uhrw­erk ver­tiefen, befind­et sich eine Öff­nung für einen Schlüs­sel, mit welchem die Uhr aufge­zo­gen wer­den kann. Ein Pen­del set­zt sich dann nach leichtem Stoss in dauer­hafte Bewe­gung, die Uhr scheint leise zu atmen, kaum ein tick­endes Geräusch ist zu vernehmen, aber zur vollen Stunde, ja, zur vollen Stunde, im Garten fliegen die Vögel von den Bäu­men auf, Frösche ver­schwinden kopfüber im Teich, Katzen jagen wie irr umher, am Tisch im Wohnz­im­mer ist dem ein oder anderen Gast vor Schreck bere­its eine Tasse oder ein Löf­fel oder eine Gabel aus der Hand gefall­en. Vor dieser Uhr nun ste­ht die alte Frau, vor ein­er Zeit­mas­chine, die sie für die Nacht zum Schweigen brachte, ihre pen­del­nde Bewe­gung demzu­folge stoppte, um sie mor­gens wieder ins Leben zurück­zu­rufen. Fol­gen­des geschieht: Die dur­chaus nicht große, zier­liche Frau stellt sich auf ihre Zehen­spitzen und begin­nt damit, den Minuten­zeiger der Uhr vor­wärts zu bewe­gen. Es geht darum, die ver­lorene Zeit einzu­holen, Stunde um Stunde, ein Anblick, der Philosophen begeis­tert. Draußen im Garten bewegt sich die Welt plöt­zlich schneller, und wieder fliegen die Vögel auf und die Katzen beißen sich in den Schwanz, und die Fis­che gehen schwungvoll über den Rasen spazieren, nur die Frösche, sie tun so, als wäre all das nichts Beson­deres. Nach fünf Minuten ist Ruhe. – stop

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seele

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india : 0.12 — Ein Kind wollte von mir erfahren, wo genau die Seele im Men­schen wohne. Ich kon­nte nicht sofort antworten. Um Zeit zu gewin­nen, fragte ich das Kind: Wie sieht denn eine Seele aus, was meinst Du? Das Kind über­legte kurz. Sie ist ein Herzvo­gel, antwortete das Kind, die Seele kann fliegen. Wieder schaute es fra­gend, dann set­zte es mit fröh­lich­er Stimme hinzu: Meine Seele weint, ich glaube, ich bin ganz nass in mir drin.– stop

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von ameisenuhren

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nord­pol : 5.06 — Es ist kurz vor sechs Uhr abends. Nach ein­er Ver­fol­gungs­jagd über Bahn­steige des Cen­tral­bahn­hofs, gewährt mir ein Junge von vielle­icht acht Jahren einen Blick in eine sein­er Man­teltaschen. Er will jet­zt nicht mehr weglaufen, er will nur ganz still neben mir auf der Treppe sitzen und zuse­hen, wie ich Uhren betra­chte, die sich in eben sein­er Man­teltasche befind­en. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele größere und kleinere Arm­ban­duhren auf einem sehr engen Raum beobachtet. Wie ich mich der Uhrentasche nähere, und zwar mit einem Ohr, sieht mir der kleine Junge, der nicht mehr weglaufen will, zu. Ver­mut­lich wird er bemerken, dass ich meine Augen schließe, um das Geräusch der Uhrw­erke in sein­er aufre­gen­den Schön­heit wahrnehmen zu kön­nen, ein sehr leis­es Brausen, sagen wir, wie von Tieren gemacht, als würde ein Volk der Wan­der­ameisen näherkom­men. Wie ich mich aufrichte, habe ich die Uhr meines Vaters wiederge­fun­den, und der Junge beobachtet wie ich sie nun um mein Handge­lenk lege und sehr fest ziehe, was der Junge sein­er­seits mit einem Lächeln quit­tiert. Diese Uhr, sagt er, gehöre jet­zt wieder mir, er macht sehr große Augen. — stop

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alesund

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MELDUNG. Ale­sund, 36 Gis­geka­ta, 3. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 7122 [ Mar­mor, Car­rara : 0.80 Gramm ] vol­len­det. — stop

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geräusche des krieges

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nord­pol : 2.37 — Immer wieder ein­mal begeg­ne ich im Nachtzug einem Mann, der singt. Der Mann singt sehr leise, kaum jemand scheint sich von seinem Sin­gen gestört zu fühlen. Während er singt, sind seine Augen weit geöffnet, er blickt ins Leere, sein Mund ist geschlossen, Töne, die wir vernehmen, kom­men aus seinem Hals her­aus, der bebt, wenn er singt. Nur sel­ten habe ich mit dem Mann gesprochen, man ken­nt sich, man fährt in der Nacht im sel­ben Zug in der sel­ben Rich­tung, es ist müh­sam mit ihm zu sprechen, weil er stot­tert. Ich darf ihn nicht anse­hen, wenn ich ihn nicht anse­he, kom­men manch­mal ganze Sätze aus seinem Mund. Ich weiß jet­zt, dass der Mann in der per­sis­chen Stadt Isfa­han geboren wurde, Architek­tur studierte, gegen irakische Män­ner kämpfte, die jung waren wir er selb­st, und dass er nur durch einen Zufall über­lebte. Er kon­nte fliehen. Er floh zu Fuß in die Türkei, eine lebens­ge­fährliche Reise, Sahin, seine Frau, wurde von irgend­je­man­dem angeschossen, er trug sie kilo­me­ter­weit durchs Gebirge, nahe der Gren­ze begeg­neten sie einem Esel, dem ein Bein fehlte. Sie schliefen unter einem Baum ohne Blät­ter, in der Nacht schleppten sie sich weit­er, der Mond war heiß wie die Sonne und auf den Wegen hock­ten Schild­kröten mit blau schim­mern­den Augen. Manch­mal kom­men die Geräusche vom Krieg, sie kom­men wann sie wollen, dann singt der Mann. – stop

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tod in peking 4

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delta : 0.25 — Wenn ich an die Stadt Peking denke, denke ich auch an einen Fre­und zurück, dessen Leben in dieser fer­nen Stadt vor zwei Jahren und vierund­dreißig Tagen endete. Er war Fotograf gewe­sen, sein Kör­p­er und seine Woh­nung existieren nicht mehr, seine Fotoap­pa­rate wur­den möglicher­weise ver­schenkt oder verkauft, doch zahlre­iche sein­er Fotografien leben in der dig­i­tal­en Sphäre weit­er fort, auch Ein­träge bei Face­book, da nie­mand zu find­en ist, der sie löschen kön­nte oder löschen wollte. Die vielle­icht let­zte Auf­nahme von sein­er Hand in Europa, zeigt einen Gepäck­wa­gen im Ter­mi­nal 1 des Frank­furter Flughafen, 3 Kof­fer und 1 Ruck­sack. Weil der fotografierende Men­sch hin­ter der Kam­era stand, wirken sie schon ver­waist, oder vielle­icht nur deshalb, weil sie in Ken­nt­nis seines nahen­den Todes von mir betra­chtet wer­den. Sich­er ist, dass Men­schen nach dem Ver­stor­be­nen suchen, sie stoßen dann auch auf Texte, die ich notierte, ver­weilen, weil sie sich erin­nern oder weil sie sich wun­dern, vielle­icht haben sie einen ähn­lich tragis­chen Ver­lust erlebt. Andere bleiben nur für Sekun­den, weiß der Him­mel warum, vielle­icht waren sie Such­maschi­nen, nie­mand schreibt, nie­mand kom­men­tiert, ein Schauen und Schweigen. – stop

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von papieren

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echo : 3.58 — Das weiße Papi­er ist nie­mals leer. Die­sen Satz notierte ich vor eini­gen Jahren genau so, wie er hier ver­zeich­net ist. Als ich ihn damals eine Stunde spä­ter noch ein­mal gele­sen hat­te, kon­nte ich nicht sagen, warum ich den Satz eigent­lich ver­merk­te. Das war ein selt­samer Moment gewe­sen, diese Sekunde, da ich beobachtete, dass ich einen Satz, den ich selb­st aus­dachte, nicht erken­nen kon­nte. Trotz­dem gefiel mir der Satz. Ich hat­te den Ein­druck, dass es sich um einen wah­ren Satz han­deln kön­nte, und dass ich nur abwar­ten müsse, bis sich sein fei­nes, inneres Wesen ein­mal zei­gen wird. Ich warte noch immer. – stop

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vor neufundland 06.06.02 uhr : benny goodman

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tan­go : 6.28 — Noe meldet sich am frühen Mor­gen. Ver­mut­liche Tiefe: 822 Fuß. Posi­tion: 77 Seemeilen südöstlich der Küste Neu­fund­lands seit nun­mehr 1440 Tagen im Tief­see­tauchanzug unter Wass­er. ANFANG 06.05.02 | | | > s t o p nicht aufgeben. s t o p den kopf nicht ver­lieren. s t o p pfeifen. s t o p duke elling­ton. s t o p ben­ny good­man. s t o p ver­dammt. s t o p t h r e e y e l l o w f i s h e s i n l o v e t o p l e f t . s t o p von zeit zu zeit schreibe ich rück­wärts. s t o p werde ich je wieder land sehen? s t o p habe lange zeit­en keine sterne gese­hen. s t o p die sterne sind rund. s t o p zarte fin­ger von licht. s t o p ich höre Vögel. | | | ENDE 06.06.10

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