grammophon

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zoulou : 3.36 – Würden jene Fahr­zeit­räume früh­mor­gens in warmen Abteilen der Züge nicht exis­tieren, würden wir viel­leicht nie mitein­ander spre­chen. Er ist meis­tens müde von der Nacht­ar­beit. Fünf­zehn Minuten Zeit, zu kurz, um schlafen zu können, zu lang, um zu schweigen. M. wurde in der marok­ka­ni­schen Hafen­stadt Nador geboren. Er ist Moslem, gläubig, einer der Guten, wie er sagt, einer vor dem sich niemand fürchten müsse. Er geht in die Moschee, er spielt Fußball, er ist verhei­ratet, nachts beauf­sich­tigt er Maschinen, die Briefe sortieren, und er lacht gern. Sein Blick ist warm, er verfügt über zwei Hände, darauf besteht er, und zwei Augen, eine Nase, einen Mund. Vor Kurzem warnt er mich, weil ich öffent­lich über den Glauben der Moslems notierte. Er sagte: Da musst Du vorsichtig sein, es gibt viele Verrückte, schau, dass sie nicht wissen, wo Du wohnst. Einmal, kurz nach einer Reise nach New York, lese ich ihm eine Geschichte vor, folgende Geschichte, sagen wir, eine Geschichte wie eine Frage: Im Central Park zur Mittags­zeit ein betender Mann, Moslem, Rikscha­fahrer, der Höhe 61. Straße unter einer mäch­tigen, weit­ver­zweigten Ulme kniet, viel­leicht unter einem jener Bäume, deren Setz­linge im Jahr 2008 nach Oregon geschickt wurden, um sie dort groß zu ziehen und wieder nach Manhattan zurück­zu­holen. Das klagende Singen der Kinder­schau­keln. Ein Eich­hörn­chen hetzt über eine Wiese. Bald kauert das Tier in der Nähe des betenden Mannes, scheint ihn zu beob­achten. Ich könnte jetzt warten, bis der Mann mit seinem Gebet fertig geworden ist. Ich könnte mich zu ihm in seine Rikscha setzen. Wir könnten gemeinsam durch den Park fahren. Ich könnte ihm eine Geschichte erzählen. Ich könnte erzählen, dass ich gerade eben noch in einem Café hörte, wie eine junge, lustige Mutter von ihrer Absicht berich­tete, ihren Sohn, der noch nicht geboren worden ist, mit dem Namen “Gram­mo­phon” zu versehen. Das ist eine wirk­lich aufre­gende Geschichte, die ich tatsäch­lich sofort erzählen sollte. Ich sollte den jungen Mann weiterhin fragen, ob er mir viel­leicht erklären wolle, weshalb es lebens­ge­fähr­lich für mich sein könnte, wenn ich mich fragend über Mohammed, den Propheten, äußern würde. Viel­leicht würde der junge Mann bremsen, viel­leicht sich unver­züg­lich von seinem Fahrrad schwingen. Wir würden uns auf eine Bank setzen und Geschichten erzählen von Gram­mo­phonen, von Propheten und wie es ist, im Winter Rikscha zu fahren. Und viel­leicht würde ich ihm dann noch vom Schnee erzählen, den ich als Kind aus der Luft gefangen habe. Ja, so könnten wir das machen, sofort, gleich wenn der betende Mann sich erheben wird. – stop

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nachtzug

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whiskey : 3.28 – Minu­ten­be­ob­ach­tung gegen drei Uhr nachts: Von Mailand her rollt ein Schlaf­wa­genzug sehr langsam in einen Bahnhof. Die Fenster der Wagons verhüllt, im Abteil hinter der Loko­mo­tive sind Zugbe­gleiter zu erkennen, blüten­weiße Hemden, dunkel­rote Fliegen. Irgend­etwas dampft, man bereitet viel­leicht das Früh­stück vor. Aus der Entfer­nung betrachtet, scheinen die Männer zu flüs­tern, fröh­liche Nacht­per­sonen. Laut­spre­cher­stimmen peit­schen plötz­lich wie in einem Gespräch durch den Bahnhof. Einer der Zugbe­gleiter schleu­dert eine Tasse zu Boden. In diesem Augen­blick fährt der Zug langsam weiter. Ein Bahn­steig. – stop

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gramm

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echo : 0.05 – Das Wort Kobane in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Kobane denke. Wie viel Gramm? – stop

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milanomaki

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echo : 0.18 – Während eines Spazier­gangs im bota­ni­schen Garten hörte ich, man habe zuletzt im Jahr 2000 eine noch nicht bekannte Struktur der mensch­li­chen Hand entdeckt, das liga­mentum meta­car­pale pollicis, ein Band, welches die Stabi­lität der Daumen­be­we­gung erhöhe. Bisher hatte ich ange­nommen, die Anatomie des mensch­li­chen Körpers sei bereits seit Jahr­zehnten restlos aufge­klärt. – stop. Es ist jetzt kurz nach Mitter­nacht, Count Basie: At the Aqua­rium. Vor wenigen Minuten erreichte mich eine E-Mail. Milano­maki notiert > : Ich sollte ein Ohren­mensch sein. Ich sitze mit leicht zur Seite geneigtem Kopf und höre zu, einem Menschen viel­leicht oder einer Fliege, die über mir im Luft­raum turnt. Oder ich stehe in einem Zimmer ganz still, um so präzise wie möglich denken zu können. Kurz darauf setze ich mich an einen Schreib­tisch und mache viele Wörter, dann mache ich eine Pause, dann lese ich alles das Notierte noch einmal durch, dann streiche ich so viele Wörter mit dem Kopf wie möglich ist, um bald wieder nur einen Strich vor mir auf dem Papier vorzu­finden. Ich habe viel erlebt. – stop

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saurus rex

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MELDUNG. Im Morgen­grauen an linker hinterer Fußsäule entzündet: Tyrannus Saurus Rex, Secken­berg­an­lage 22 nahe Beet­ho­ven­platz. Sicher­ge­stellt: 3 Zünd­hölzer, 1 Benzin­be­hälter [ 750 ml ] , 2 Fußab­drücke [ Schuh­größe 42 ] , 1 Fahrrad [ Peugot 1958 ] – stop

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in der paukenhöhle

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delta : 7.10 – Es ist leicht, sich Zell­körper vorzu­stellen, die vorsichtig geöffnet wurden, um in sie hinein spähen zu können. Ich wünschte ihre Struk­turen mit Namen bezeichnen zu können, mit Wort­kör­pern, die mir gefallen. Bereits die Anatomie der Ameisen Wort für Wort auszu­weisen, wird einen langen poeti­schen Atem erfor­dern. Ich über­legte, wie sich afri­ka­ni­sche Menschen bald erheben werden, sie fordern, ihre uralten Spra­chen in unsere human­ana­to­mi­sche Nomen­klatur einzu­speisen, nervus olimambo, der fortan unter dieser Bezeich­nung mensch­liche Augen­lider inner­vieren wird. Bald melden sich Bewohner Grön­lands, sunni­ti­sche und schii­ti­sche Stämme, Indianer der wilden Wälder Papua Neugui­neas. Sie alle haben den Wunsch, ihre Sprache, Wörter, ihre geis­tige Welt in der Vorstel­lung eines allge­mein gültigen mensch­li­chen Körpers zu hinter­lassen. Das zustän­dige Büro der Uno hoch über dem East River, eine Behörde, Jahr­zehnte nach­drück­li­cher Verhand­lung in der Pauken­höhle. – stop

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vor neufundland 18.02.12 uhr : sterne

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zoulou : 3.58 – Leichter Regen, kaum Wind. In der Ukraine weitere Gefechte. Es wird berichtet, dass zivile Menschen sterben, doch niemand könne mit Sicher­heit sagen, vom wem sie getötet wurden, aber sie sind tot. – Funk­spruch Noes kurz vor Mitter­nacht. Vermut­liche Tiefe: 858 Fuß. Posi­tion: 78 Seemeilen südöst­lich der Küste Neufund­lands seit nunmehr 1417 Tagen im Tief­see­tauch­anzug unter Wasser. Ich hörte seine schep­pernde Stimme. Folgende Botschaft: ANFANG 18.02.12 | | | > leichte bewe­gung. s t o p schwingen. s t o p auf und ab und seit­wärts. s t o p schlin­gern. s t o p ein hurri­cane viel­leicht. s t o p hurri­cane charlie. s t o p oder fred. s t o p oder hillary. s t o p ist es möglich dass ich bald eine nach­richt erhalte werde? s t o p ob mir jemand zuhört? e n o r m o u s g r e y f i s h s t r a i g h t a h e a d . s t o p habe lange zeiten keine sterne gesehen. s t o p die sterne sind rund. s t o p zarte finger von licht. s t o p fühler. s to p ob yoko noch lebt? – s t o p | | | ENDE 18.04.01

nach­richten von noe »

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vom anemonentext

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alpha : 6.55 – Nehmen wir einmal an, dem ursprüng­li­chen Code einer Seeane­mone würde ein weiterer Code hinzu­ge­fügt, eine sehr kurze Strecke nur, sagen wir Jack Kerouacs Roman The Town and The City mittels Nukleo­ba­sen­paaren notiert. Was würde geschehen? Inwie­fern würde Jack Kerouacs Text Wesen oder Gestalt einer Seeane­mone berühren? Würde der Text von Seeane­mone zu Seeane­mone weiter­ge­reicht, würde der Jack Kerouacs Text sich nach und nach verän­dern, würde er viel­leicht entlang der Küsten­li­nien wandern? Seit gestern, ich habe geträumt, sind mensch­liche Personen denkbar, die nur zu dem einem Zweck exis­tieren, nämlich Ohren, ein gutes Dutzend wahl­weise auf ihren Armen oder Schul­tern zu tragen, um sie gut durch­blutet solange zu konser­vieren, bis man sie von ihnen abnehmen wird, um sie auf eine weitere Person zu verpflanzen, die eine gewisse Zeit oder schon immer ohne Ohren gewesen ist. Unheim­liche Sache. – stop

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ai : IRAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Der iranisch-ameri­ka­ni­sche Jour­na­list Jason Rezaian befindet sich seit sechs Monaten im Tehe­raner Evin-Gefängnis in Einzel­haft. Er hat keinen Zugang zu einem Rechts­bei­stand, wurde aber am 6. Dezember zum ersten Mal vor Gericht gestellt. Er ist ein gewalt­loser poli­ti­scher Gefan­gener. / Jason Rezaian, ein Iran-Korre­spon­dent der Washington Post, wurde am Abend des 22. Juli zusammen mit seiner Frau Yeganeh Salehi, die für die Zeitung The National aus den Arabi­schen Emiraten schreibt, von Sicher­heits­kräften in Zivil fest­ge­nommen. Das Haus des Ehepaars wurde durch­sucht und ihre Pässe konfis­ziert. Etwa einen Monat später erst wurde die Familie von Jason Rezaian und Yeganeh Salehi über den Verbleib der beiden infor­miert. Yeganeh Salehi kam im Oktober auf Kaution frei. Jason Rezaian wurde seinem Bruder Ali Rezaian zufolge mehr­mals verhört. Ein von der Familie beauf­tragter Rechts­bei­stand hat bislang keine Erlaubnis erhalten, Jason Rezaian zu besu­chen oder seine Gerichts­akten einzu­sehen. Bei der Gerichts­ver­hand­lung am 6. Dezember, die laut Ali Rezaian einen ganzen Tag lang ange­dauert haben soll, wurde Jason Rezaian ledig­lich ein Dolmet­scher und kein Rechts­bei­stand zur Verfü­gung gestellt. Zudem wurde er aufge­for­dert, ein Doku­ment zu unter­zeichnen, in dem er sich der Anklagen schuldig bekennt. Was Jason Rezaian vorge­worfen wird oder warum, ist nicht bekannt. / Seit seiner Fest­nahme wird Jason Rezaian im Evin-Gefängnis in Einzel­haft fest­ge­halten. Dort darf ihn seine Familie nur gele­gent­lich besu­chen. Er leidet unter Blut­hoch­druck und muss deshalb täglich Medi­ka­mente einnehmen. / In einem Inter­view mit der Nach­rich­ten­agentur Euro­News am 6. November wurde der Vorsit­zende des irani­schen Obersten Rats für Menschen­rechte, Mohammad Javad Lari­jani, gefragt, wann Jason Rezaian frei­ge­lassen werde. Nach seiner Einschät­zung hätte dies “in weniger als einem Monat” geschehen müssen. Kaum eine Woche später sagte jedoch der Stell­ver­treter der Obersten Justiz­au­to­rität des Irans, Hadi Sadeghi, dass die Ermitt­lungen im Fall Jason Rezaian noch im Gange seien und dass diese länger als einen Monat dauern können. Die irani­schen Behörden haben bisher nichts über die Gründe für die Fest­nahme von Jason Rezaian verlauten lassen.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 20. Januar 2015 hinaus, unter »> ai : urgent action

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raymond carver goes to hasbrouck heights / 2

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zoulou : 3.55 – Ich kann nicht mit Sicher­heit sagen, warum ich mich gestern, während ich einen Bericht über Unter­su­chungen der CIA-Folter­prak­tiken durch Ermittler des US-Senats studierte, an eine kleine Stadt erin­nerte, die ich vor wenigen Jahren einmal von Manhattan aus besuchte. Ich las von Schlaf­entzug, von Water­boar­ding, von sehr kleinen, dunklen Kisten, in welche man Menschen tage­lang sperrte, von Lärm, von russi­schem Roulette und plötz­lich also erin­nerte ich mich an Olean­der­bäume, die ich gesehen hatte in Hasbrouck Heights an einem sonnigen Tag im Mai, an ihren Duft, an einen glück­li­chen Abend am Strand von Coney Island, an ein Jazz­kon­zert nahe der Strand­pro­me­nade. Ich notierte damals: Es ist die Welt des Raymond Carver, die ich betrete, als ich mit dem Bus die Stadt verlasse, west­wärts, durch den Lincoln­tunnel nach New Jersey. Der Blick auf den von Steinen bewach­senen Muskel Manhat­tans, zum Greifen nah an diesem Morgen kühler Luft. Dunst flim­mert in den Straßen, deren Fluchten sich für Sekun­den­bruch­teile öffnen, bald sind wir ins Gebiet nied­riger Häuser vorge­drungen, Eiszapfen von Plastik funkeln im Licht der Sonne unter Regen­rinnen. Der Busfahrer, ein älterer Herr, begrüßt jeden zustei­genden Gast persön­lich, man kennt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Hasbrouck Heights, eine halbe Stunde Zeit, deshalb liest man in der Zeitung, schläft oder schaut auf die Land­schaft, auf rostige Brücken­riesen, die flach über die sump­fige Gegend führen. Und schon sind wir ange­kommen, ein liebe­voll gepflegter Ort, der sich an eine steile Höhe lehnt, einstö­ckige Häuser in allen mögli­chen Farben, groß­zü­gige Gärten, Hecken, Büsche, Bäume sind auf den Zenti­meter genau nach Wünschen ihrer Besitzer zuge­schnitten. Nur selten ist ein Mensch zu sehen, in dem ich hier schlen­dere von Straße zu Straße, werde dann freund­lichst gegrüßt, how are you doing, ich spüre die Blicke, die mir folgen, Bäume, Blumen, Gräser schauen mich an, das Feuer der Azaleen, Eich­hörn­chen stürmen über sanft geneigte Dächer: Habt ihr ihn schon gesehen, diesen fremden Mann mit seiner Pola­roid­ka­mera, diesen Mann ohne Arme! Gleich wird er ein Bild von uns nehmen, wird klin­geln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie gerade foto­gra­fiert. Wollen Sie sich betrachten? – stop

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in der rue de javel 151

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ginkgo : 0.02 – Ich fahre in einem Zug. Vor dem Fenster schlen­dert karge Land­schaft, Büsche, kein Schnee, kein Gras, aber Moose und Steine. Dämme­rung. Stun­den­lang nicht Tag und nicht Nacht. Die Wagons des Zuges scheinen von Holz zu sein, aus ihren Wänden wachsen sehr kleine, wilde Bäume in den Raum. Diese Bäume sind nicht höher als ein Finger, winzige Affen turnen herum, auch Vögel kreisen, wenn ich mich nähere mit einem Ohr, vermag ich Pfiffe zu hören. Auf einer Bank vor dem Fenster sitzt ein älterer Herr mit einem Telefon. Er notiert große unge­lenke Buch­staben in ein Heft. Sturz­pro­toll No 75: Im Nacht­hemd ist Made­moi­selle Livin, 92, über eine Treppe vom fünften Stock des Hauses 151 in der Rue de Javel in den vierten Stock gestürzt. Paris, 10. Dezember 2014 3 Uhr 5 Minuten. – stop

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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 122, Luft­fahrt – 773, Auto­mo­bile – 38 ], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 2, 19. Jahr­hun­dert – 16, 20. Jahr­hun­dert – 12 , 21. Jahr­hun­dert – 547 ], physical memo­ries [ bespielt – 356, gelöscht : 1022 ], 1 Tele­fon­buch der Stadt Chicago [ bedau­erns­werter Zustand ], Öle [ 0.8 Tonnen ], Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 342, Knie­ge­lenke – 12, Hüft­ku­geln – 158, Brillen – 56 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 88, Größen 38 – 45 : 45 ], Kühl­schränke [ 16 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 2, mit Taucher – 54 ], Tele­fone [ 368 ], Engels­zungen [ 26 ] | stop |

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furcht vor pegida

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echo : 0.12 – Ihr Sohn heißt Miran, ihre Tochter Shirin. Sie selbst wurde im Osten der Türkei geboren, ihre Kinder, 12 und 14 Jahre alt, in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land. Einen Mann gibt es nicht mehr. Sie arbeitet in einem Café, eine fröh­liche, zier­liche Frau, ihr Haar ist pech­schwarz, aber eigent­lich schon grau oder weiß. Seit sie im Café arbeitet, ruhen unter Beeren-Muffins, Schwarz­wäl­der­kirsch Torte, Käse­ku­chen und Apfel­stru­del­scheiben, auch kurdi­sche Plätz­chen, Kulice, mit Walnüssen, Mandeln, Zimt und Zucker gefüllt. Ich weiß schon von der ein oder anderen wilden Geschichte, die sie erlebte, kurze Geschichten sind das, eilig während einer Tasse Kaffee erzählt, eigent­lich kleine Romane, weil ich sie nicht vergessen kann, weil sie sich fort­er­zählen wie von selbst. Gestern ist eine weitere Geschichte hinzu­ge­kommen. Anisun berich­tete, sie werde am kommenden Wochen­ende nach einem Weih­nachts­baum suchen wie jedes Jahr um diese Zeit, doch, doch, nach einem Weih­nachts­baum, in diesem Jahr sei sie spät dran, ja, ja, mit allem, was man sich denken kann, aber elek­tri­sche Kerzen, schon immer, seit die Kinder in die Schule gehen, komme ein Baum ins Haus, ja, wir sind Alle­viten, auch die Kinder, aber immer haben wir Weih­nachten gefeiert, man trifft sich, Freunde, Schwes­tern, Brüder, Onkel, Tanten, und kocht und freut sich, und die Kinder bekommen Geschenke, doch, doch, du brauchst dich nicht zu wundern, wir feiern gern, ja, ja, wir fürchten uns, eine Hand­voll Furcht, es ist ein schlimmes Jahr gewesen, auch für uns Alle­viten, das ist meine Heimat hier, und wieder fürchte ich mich, wir spre­chen nicht viel darüber, wir hoffen, dass es nicht näher kommt. – stop

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eine uhr mit pendel nahe garten

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echo : 0.08 – Eine alte Dame am Morgen wie sie vor einer Uhr steht. Es handelt sich um eine große, schwere Standuhr, Ziffer­blatt und Zeiger lungern in einer Höhe von 1 Meter 80 über dem Boden. Nahe der Stelle, da die Zeiger­achsen sich in das Uhrwerk vertiefen, befindet sich eine Öffnung für einen Schlüssel, mit welchem die Uhr aufge­zogen werden kann. Ein Pendel setzt sich dann nach leichtem Stoss in dauer­hafte Bewe­gung, die Uhr scheint leise zu atmen, kaum ein tickendes Geräusch ist zu vernehmen, aber zur vollen Stunde, ja, zur vollen Stunde, im Garten fliegen die Vögel von den Bäumen auf, Frösche verschwinden kopf­über im Teich, Katzen jagen wie irr umher, am Tisch im Wohn­zimmer ist dem ein oder anderen Gast vor Schreck bereits eine Tasse oder ein Löffel oder eine Gabel aus der Hand gefallen. Vor dieser Uhr nun steht die alte Frau, vor einer Zeit­ma­schine, die sie für die Nacht zum Schweigen brachte, ihre pendelnde Bewe­gung demzu­folge stoppte, um sie morgens wieder ins Leben zurück­zu­rufen. Folgendes geschieht: Die durchaus nicht große, zier­liche Frau stellt sich auf ihre Zehen­spitzen und beginnt damit, den Minu­ten­zeiger der Uhr vorwärts zu bewegen. Es geht darum, die verlo­rene Zeit einzu­holen, Stunde um Stunde, ein Anblick, der Philo­so­phen begeis­tert. Draußen im Garten bewegt sich die Welt plötz­lich schneller, und wieder fliegen die Vögel auf und die Katzen beißen sich in den Schwanz, und die Fische gehen schwung­voll über den Rasen spazieren, nur die Frösche, sie tun so, als wäre all das nichts Beson­deres. Nach fünf Minuten ist Ruhe. – stop

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seele

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india : 0.12 – Ein Kind wollte von mir erfahren, wo genau die Seele im Menschen wohne. Ich konnte nicht sofort antworten. Um Zeit zu gewinnen, fragte ich das Kind: Wie sieht denn eine Seele aus, was meinst Du? Das Kind über­legte kurz. Sie ist ein Herz­vogel, antwor­tete das Kind, die Seele kann fliegen. Wieder schaute es fragend, dann setzte es mit fröh­li­cher Stimme hinzu: Meine Seele weint, ich glaube, ich bin ganz nass in mir drin.– stop

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von ameisenuhren

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nordpol : 5.06 – Es ist kurz vor sechs Uhr abends. Nach einer Verfol­gungs­jagd über Bahn­steige des Central­bahn­hofs, gewährt mir ein Junge von viel­leicht acht Jahren einen Blick in eine seiner Mantel­ta­schen. Er will jetzt nicht mehr weglaufen, er will nur ganz still neben mir auf der Treppe sitzen und zusehen, wie ich Uhren betrachte, die sich in eben seiner Mantel­ta­sche befinden. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele größere und klei­nere Armband­uhren auf einem sehr engen Raum beob­achtet. Wie ich mich der Uhren­ta­sche nähere, und zwar mit einem Ohr, sieht mir der kleine Junge, der nicht mehr weglaufen will, zu. Vermut­lich wird er bemerken, dass ich meine Augen schließe, um das Geräusch der Uhrwerke in seiner aufre­genden Schön­heit wahr­nehmen zu können, ein sehr leises Brausen, sagen wir, wie von Tieren gemacht, als würde ein Volk der Wander­ameisen näher­kommen. Wie ich mich aufrichte, habe ich die Uhr meines Vaters wieder­ge­funden, und der Junge beob­achtet wie ich sie nun um mein Hand­ge­lenk lege und sehr fest ziehe, was der Junge seiner­seits mit einem Lächeln quit­tiert. Diese Uhr, sagt er, gehöre jetzt wieder mir, er macht sehr große Augen. – stop

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alesund

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MELDUNG. Alesund, 36 Gisge­kata, 3. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 7122 [ Marmor, Carrara : 0.80 Gramm ] voll­endet. – stop

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geräusche des krieges

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nordpol : 2.37 – Immer wieder einmal begegne ich im Nachtzug einem Mann, der singt. Der Mann singt sehr leise, kaum jemand scheint sich von seinem Singen gestört zu fühlen. Während er singt, sind seine Augen weit geöffnet, er blickt ins Leere, sein Mund ist geschlossen, Töne, die wir vernehmen, kommen aus seinem Hals heraus, der bebt, wenn er singt. Nur selten habe ich mit dem Mann gespro­chen, man kennt sich, man fährt in der Nacht im selben Zug in der selben Rich­tung, es ist mühsam mit ihm zu spre­chen, weil er stot­tert. Ich darf ihn nicht ansehen, wenn ich ihn nicht ansehe, kommen manchmal ganze Sätze aus seinem Mund. Ich weiß jetzt, dass der Mann in der persi­schen Stadt Isfahan geboren wurde, Archi­tektur studierte, gegen iraki­sche Männer kämpfte, die jung waren wir er selbst, und dass er nur durch einen Zufall über­lebte. Er konnte fliehen. Er floh zu Fuß in die Türkei, eine lebens­ge­fähr­liche Reise, Sahin, seine Frau, wurde von irgend­je­mandem ange­schossen, er trug sie kilo­me­ter­weit durchs Gebirge, nahe der Grenze begeg­neten sie einem Esel, dem ein Bein fehlte. Sie schliefen unter einem Baum ohne Blätter, in der Nacht schleppten sie sich weiter, der Mond war heiß wie die Sonne und auf den Wegen hockten Schild­kröten mit blau schim­mernden Augen. Manchmal kommen die Geräu­sche vom Krieg, sie kommen wann sie wollen, dann singt der Mann. – stop

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tod in peking 4

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delta : 0.25 – Wenn ich an die Stadt Peking denke, denke ich auch an einen Freund zurück, dessen Leben in dieser fernen Stadt vor zwei Jahren und vier­und­dreißig Tagen endete. Er war Foto­graf gewesen, sein Körper und seine Wohnung exis­tieren nicht mehr, seine Foto­ap­pa­rate wurden mögli­cher­weise verschenkt oder verkauft, doch zahl­reiche seiner Foto­gra­fien leben in der digi­talen Sphäre weiter fort, auch Einträge bei Face­book, da niemand zu finden ist, der sie löschen könnte oder löschen wollte. Die viel­leicht letzte Aufnahme von seiner Hand in Europa, zeigt einen Gepäck­wagen im Terminal 1 des Frank­furter Flug­hafen, 3 Koffer und 1 Ruck­sack. Weil der foto­gra­fie­rende Mensch hinter der Kamera stand, wirken sie schon verwaist, oder viel­leicht nur deshalb, weil sie in Kenntnis seines nahenden Todes von mir betrachtet werden. Sicher ist, dass Menschen nach dem Verstor­benen suchen, sie stoßen dann auch auf Texte, die ich notierte, verweilen, weil sie sich erin­nern oder weil sie sich wundern, viel­leicht haben sie einen ähnlich tragi­schen Verlust erlebt. Andere bleiben nur für Sekunden, weiß der Himmel warum, viel­leicht waren sie Such­ma­schinen, niemand schreibt, niemand kommen­tiert, ein Schauen und Schweigen. – stop

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von papieren

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echo : 3.58 – Das weiße Papier ist nie­mals leer. Die­sen Satz notierte ich vor einigen Jahren genau so, wie er hier ver­zeich­net ist. Als ich ihn damals eine Stunde spä­ter noch ein­mal gele­sen hatte, konnte ich nicht sagen, warum ich den Satz eigent­lich vermerkte. Das war ein selt­samer Moment gewe­sen, diese Sekunde, da ich beob­ach­tete, dass ich einen Satz, den ich selbst aus­dachte, nicht erken­nen konnte. Trotz­dem gefiel mir der Satz. Ich hatte den Ein­druck, dass es sich um einen wah­ren Satz han­deln könnte, und dass ich nur abwar­ten müsse, bis sich sein fei­nes, inneres Wesen einmal zei­gen wird. Ich warte noch immer. – stop

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vor neufundland 06.06.02 uhr : benny goodman

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tango : 6.28 – Noe meldet sich am frühen Morgen. Vermut­liche Tiefe: 822 Fuß. Posi­tion: 77 Seemeilen südöst­lich der Küste Neufund­lands seit nunmehr 1440 Tagen im Tief­see­tauch­anzug unter Wasser. ANFANG 06.05.02 | | | > s t o p nicht aufgeben. s t o p den kopf nicht verlieren. s t o p pfeifen. s t o p duke ellington. s t o p benny goodman. s t o p verdammt. s t o p t h r e e y e l l o w f i s h e s i n l o v e t o p l e f t . s t o p von zeit zu zeit schreibe ich rück­wärts. s t o p werde ich je wieder land sehen? s t o p habe lange zeiten keine sterne gesehen. s t o p die sterne sind rund. s t o p zarte finger von licht. s t o p ich höre Vögel. | | | ENDE 06.06.10

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