nachtflug

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india : 0.18 – In diesem Jahr ist er spät zu mir gekommen, der Winter längst vorüber. Ein Falter segelte gestern Abend durch mein Arbeits­zimmer, bald saß er auf dem Boden. Ich näherte mich sehr vorsichtig, hob ihn auf und setzte ihn behutsam an eine Wand. – Es ist jetzt kurz nach Mitter­nacht. Ein paar Dioden­lichter glühen zu mir herüber. Ob ich den Falter füttern sollte? Viel­leicht würde er etwas Himbeer­mar­me­lade zu sich nehmen. Ich stelle mir vor, der Falter könnte 254 Jahre alt, er könnte ein Lich­ten­berg­falter sein, der rasch bei mir zu Kräften kommen möchte. Ja, das ist denkbar, immer wieder denkbar. Gestern, das will ich schnell noch erzählen, habe ich Flug­ver­suche unter­nommen mit einer fili­granen Rücken­pro­pel­ler­drohne. Es handelt sich um die Nach­bil­dung eines Tauben­schwänz­chens, demzu­folge ist sie nicht größer als 50 Milli­meter. Ich habe ihr beigebracht, mir zu folgen, wenn ich durch meine Wohnung spaziere. In dieser Verfol­gung ist sie bereits sehr präzise, außerdem so schnell in ihrer Bewe­gung geworden, dass ich sie mit bloßer Hand nicht fangen könnte. Einmal näherte sie sich meiner Schnecke Esme­ralda. Das war ein Moment von höchster Aufmerk­sam­keit, ein Verhalten, als würde das Tauben­schwänz­chen mit Esme­ralda spre­chen, sehr seltsam, anrüh­rend, die Kirsch­bäume blühen. – stop

nach­richten von esme­ralda »
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alice austen

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echo : 1.58 – Vor längerer Zeit einmal wollte ich ein Haus besu­chen, das die Foto­grafin Alice Austen viele Jahre ihres Lebens bewohnte. Ich erin­nere mich, es war ein bitter­kalter Tag gewesen, Schnee bedeckte Staten Island, und die Luft war so eisig, dass selbst die Möwen nicht zu fliegen wünschten. Vermut­lich deshalb, weil es so kalt gewesen war, blieb ich an der Railway Station Clifton im Zug, anstatt auszu­steigen und ein paar Meter zu Fuß zu Austens Haus zu gehen. Ich fuhr weiter bis nach Totten­ville, wo der Zug eine halbe Stunde wartete, um dann dieselbe Strecke zurück­zu­fahren. Ein Ange­stellter der Bahn­ge­sell­schaft dampfte wie eine Loko­mo­tive über den Bahn­steig von Wagon zu Wagon, er schlug Eis von den Tritt­bret­tern des Zuges. Als wir uns  wieder in Bewe­gung setzten, ließ er sich auf eine Bank fallen und schlief sofort ein. Auch auf meinem Rückweg zum Fähr­schiff­ter­minal stieg ich in Clifton nicht aus, es war noch immer stür­misch, und ich vergaß das Haus, das ich besich­tigen wollte, und Alice Austen, die tausende Foto­gra­fien Manhat­tans zu einer Zeit ange­fer­tigt hatte, da das Foto­gra­fieren noch Mut, Kraft und Ausdauer erfor­derte. Gestern habe ich ein wenig Zeit auf der Suche nach ihr verbracht. Sie soll als einzige Frau der Insel Besit­zerin eines Auto­mo­bils gewesen sein. Auf einer Foto­grafie ist ihre Lebens­ge­fährtin Gertrude Tate zu sehen, wie sie still hält. Die junge Frau sitzt auf einer Veranda, die heute noch exis­tieren soll, umgeben von Blumen, einer Wildnis so wild, dass sie die nahe Küste verbirgt. Auf einer weiteren Foto­grafie, die ich noch nicht kenne, soll Alice Austen an derselben Stelle im Alter von 26 Jahren zu sehen sein, auch sie sitzend, eine Selbst­auf­nahme, unter einem Strauß Blumen verborgen ein Gummi­ball gefüllt mit Luft, die sie mittels einer kräf­tigen Bewe­gung ihrer Hand durch einen Schlauch zu ihrer Kamera gepresst haben musste, um die Licht­auf­nahme auszu­lösen. Ein Geräusch viel­leicht, wie ein Atemzug mögli­cher­weise, oder ein Seufzen. – stop

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kakteenorchester : telegramm ohne zwischenstops

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marimba : 15.02 – Im Palmen­garten im Wüsten­haus das feine Geräusch der Kakteen sobald ich ihr Stachel­horn mit einem Pinsel, einem Mika­do­stäb­chen, einem Finger berühre. Hell. Federnd. Propel­lernd. Klänge, für die in meinem suchenden Wort­gehör noch keine eigene Zeichen­folge zu finden ist. Oder in der Mangro­ven­ab­tei­lung diese merk­wür­dige Stille beim Durch­blät­tern eines feucht gewor­denen Buches. – Diese Beob­ach­tungen habe ich zu einem früheren Zeit­punkt bereits einmal notiert. Sie sind mir so nah, als würde ich sie gerade eben erfunden haben. – stop.

polaroidselbstaufnahme

mitternacht im garten von gut und böse

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kili­man­dscharo : 1.52 – Es ist heiß und schwül. Ein Venti­lator dreht sich langsam über dem Tresen einer Bar. Zwie­licht. Auf einem Hocker vor einem Glas Whiskey sitzt ein trin­kender Mann, der bereits betrunken zu sein scheint. Wir befinden uns in Amerika irgendwo im Süden, ich glaube in Savannah. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, auch nicht in welchem Film präzise der trin­kende Mann auf einem Stuhl vor einem Glas Whiskey sitzt. Das Selt­same, das Beson­dere an diesem Mann ist, dass um seinen Kopf herum Fliegen schwirren, die sich nicht entfernen, weil sie in irgend­einer Weise an dem Kopf selbst oder in seiner Nähe befes­tigt wurden, Fliegen, die sozu­sagen Gefan­gene oder Haus­tiere des trin­kenden Mannes sind. Plötz­lich fällt mir ein, dass sich diese Szene in dem Film Mitter­nacht im Garten von Gut und Böse ereignet haben könnte, den ich vor einiger Zeit beob­achtet und in Besitz genommen hatte. Also suche ich nach der Szene im Film und entdecke bald einen hellen Ort, einen Imbiss, in dem ein Mann namens Lucer vor einem Tresen sitzt. Der Mann ist weder betrunken, noch exis­tiert ein Glas Whiskey, aber eine Tasse Kaffee. Um seinen Kopf herum schwirren Bienen, deren Körper nun tatsäch­lich an Fäden befes­tigt sind, welche wiederum mit Hemd und Hose des Mannes unmit­telbar in Verbin­dung stehen. Einige Bienen haben auf dem haar­losen Kopf des Mannes Platz genommen, er scheint sich darüber zu wundern, dass man ihn beob­achtet. In der 46. Minute der Film­zeit verlässt der Mann den kleinen Laden, um sofort wieder rück­wärts einzu­treten. Ich nehme an, ich erin­nerte mich an diese Szene, weil ich gegen 22 Uhr eine Nach­richt von Atom­bat­te­rien gelesen hatte, die nicht stärker als ein mensch­li­ches Haar sein sollen und in der Lage, hunderte Jahre klei­nere Maschinen mit Strömen zu versorgen. Das war in der Tat eine wunder­bare Nach­richt, da ich nun ernst­haft über die Exis­tenz künst­li­cher Tauben­schwänz­chen nach­zu­denken vermag, Wesen, die ein mensch­li­ches Leben von seinem Anfang bis zu seinem Ende als flie­gende Satel­liten begleiten und doku­men­tieren könnten. Wie sie nun in der Nacht leise summend über den Schla­fenden schweben und warten. – stop
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ein apfel

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india : 1.02 – Der Blick vom 15. Stock eines Apart­ment­hauses mittels eines Fern­glases über die Park Avenue hinweg. Es ist Abend geworden in Manhattan, schon dunkel. Hinter einem unge­wöhn­lich großem Fenster schwebt ein älterer Herr unge­fähr einen Meter über dem Boden eines hell erleuch­teten Zimmers. Es handelt sich um ein geräu­miges Zimmer, beige­far­bene Wände. Der alte Herr bewegt sich langsam wie in Zeit­lupe. Er scheint mir zu winken, als ob er mich wahr­nehmen könne, obwohl ich doch im Halb­dunkel stehe und zugleich weit entfernt bin. In seiner linken Hand hält er einen Apfel fest, in der rechten Hand ein Messer. Er beginnt den Apfel mit einer krei­senden Bewe­gung zu schälen, schaut immer wieder in meine Rich­tung. Für einen Augen­blick hält er inne, dann lässt er die Schale des Apfels los, sie entfernt sich, von einer Strö­mung erfasst, langsam, sehr langsam, eine Schraube von Haut. In diesen Minuten, da ich notiere, was ich beob­ach­tete, wird der alte Herr einge­schlafen sein, der Apfel, den er schälte, hat inzwi­schen seine Hand verlassen, sinkt auf den Boden des Zimmers. – Vier Uhr und sieben Minuten im Flücht­lings­lager Jarmuk nahe Damaskus. – stop

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landschaft überall

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romeo : 1.02 – Irgend­wann, nachdem er wach geworden am Nach­mittag, muss K. einen Brief notiert haben. Bei diesem Brief nun handelt es sich um einen beson­deren Brief, denn er ist von einem mutigen Mann ausge­dacht, von einem Mann, der lange Zeit über­legte, wie er seine Gedanken formu­lieren sollte an den Vorstand, der über sein Leben zu bestimmen wünscht. K. solle anstatt vier in Zukunft sechs Nächte einer Woche zur Arbeit an den Maschinen erscheinen. Es sind feine, ja zarte Worte, die K. für seine Ansprache wählte, ich hätte sie ihm niemals zuge­traut, höflich und traurig: Nun werde ich, schrieb K., sechs weitere Stunden in einem Zug verbringen, die nicht bezahlt sein werden, Stunden, da meine Frau mich vermissen und mögli­cher­weise einmal deshalb verlassen wird, es ist eine Tragödie! Ich habe diesen Brief, in dem von einer Tragödie die Rede ist, vor wenigen Minuten foto­gra­fiert, er wurde von Hand geschrieben, ich erkannte die Schrift eines betrun­kenen Kindes, diese Hände, sie zitterten, weil K. sich fürch­tete, in dem Moment, da er schrieb, oder über­haupt. Ob er mir den Brief auf seinem Computer aufschreiben könne, fragte ich K.: Würdest Du mir Deinen Brief bitte per E-Mail senden, damit ich ihn weiter­geben kann? So etwas habe ich nicht, antwor­tete K., einen Computer, E-Mail, Internet. Er habe auch kein Telefon, fuhr er fort, kein Telefon mit Schnur, und auch kein Telefon, das er sich in die Hosen­ta­sche stecken könnte. Du bist der erste Mensch, setzte K. hinzu, der einen Brief, den ich geschrieben habe, foto­gra­fiert als sei er eine Land­schaft. Manchmal begegne ich K. im Zug, der zum Flug­hafen fährt, ich grüße ihn und er freut sich. Er liest dort seit Jahren immer in dem selben Buch. Manchmal hält er das Buch fest an seine Brust gedrückt, dann ist er einge­schlafen. – stop

hanoi

palizzi marina

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MELDUNG. Nahe Palizzi Marina, beinahe zeit­gleich, sind Menschen [ 128 Personen ] von hell­blauer Haut wie aus dem Nichts heraus an Land gekommen. Man ist fiebrig, aber freund­lich wie immer. – stop

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nach ferney nach essaouira und von einer kaktusblüte

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nordpol : 2.52 – In Genf, an einer Stra­ßen­kreu­zung von der Rue de Rhone zur Rue d’Italie, sind selt­same Dinge zu bemerken. Männer und Frauen nämlich, die sich krei­send oder auf und ab über das Pflaster bewegen, während sie das Grün­licht der Ampeln erwarten. Bei genauerer Betrach­tung möchte man meinen, sie könnten viel­leicht nicht in der Lage sein, still­zu­stehen. Sie tragen Damen­kos­tüme, Herren­an­züge, feine Schuhe, sie sind vermut­lich gerade aus dem Büro gekommen, befinden sich auf dem Weg viel­leicht nach Hause, zur Bussta­tion nach Ferney, oder ins Kino, ins Theater, zum Jazz, die Sonne scheint, erste warme Stunden. Aber auch an einem eiskalten Tag im Winter würden sie sich genau so bewegen, in Kreisen oder auf und ab. Man nimmt jetzt nur noch selten den Aufzug, man nimmt die Treppe, der Blick hin zum Hand­ge­lenk, zur Appa­ratur, die Pulse, Tempe­ra­turen, und auch den Schlaf auszu­messen vermag. Und noch einen Kreis gleich hinterher und über die Strasse, wie viele Schritte, wie viele Schritte heute, wie viele Schritte mehr als gestern, wie weit bin ich gekommen in diesem Monat, viel­leicht bis nach Cham­béry, vor dem Sommer noch könnt ich Mont­pel­lier errei­chen, im Winter Valencia, am Ende des kommenden Jahres werde ich in Essaouira sein. – Es ist 2 Uhr und 44 Minuten. Gerade eben noch habe ich mein Kaktus beob­achtet wie er blüht. Wenn mein Kaktus blüht, hält er seine Blüte auch bei Nacht geöffnet, als ob er ahnte oder wüsste, dass in meinen Zimmern Nacht­bienen und Nacht­winde wohnen. – stop

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tokio

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ginkgo : 0.22 – Ein Kind will sehen. So fängt es immer an, und auch damals fing es so an. Ein Kind wollte sehen. Der Junge konnte laufen, und er konnte an eine Türklinke heran­rei­chen. Es steckte keinerlei Absicht dahinter, nur der instink­tive Tourismus des Kindes­al­ters. Eine Tür war dazu da, aufge­stoßen zu werden; er ging hinein, blieb stehen, schaute. Da war niemand, der ihn beob­achtet hätte; er drehte sich um und ging fort, wobei er sorgsam die Tür hinter sich zumachte. – Ich erin­nerte mich an diese Zeilen Julian Barnes als ich zum ersten Mal von B. hörte, der eine tiefe Leiden­schaft für die Stadt Tokio entwi­ckelt haben soll, obwohl er nie dort gewesen ist. Was weiß ich von B. an diesem Abend? Eigent­lich nicht sehr viel. B. ist 52 Jahre alt, unge­fähr 1,88 Meter groß, schlank, studierte slawi­sche Spra­chen, arbei­tete als Über­setzer, Alten­pfleger, Autor von Restau­rant­be­schrei­bungen, Drama­turg, Post­schaffner, seit vier Jahren nun weder das eine noch das andere, weil er wohl­ha­bend geworden ist durch uner­war­tete Erbschaft. Er blieb damals vor vier Jahren in seiner kleinen Wohnung, kaufte sich einen Computer mit einem großen Bild­schirm und muss irgendwie in Tokio gelandet sein. Seinen ersten Besuch mittel der Street­views ( Google-Maps ) beschreibt er als ein wesent­li­ches Ereignis seines Lebens, er sei irgendwo in der Stadt gelandet, habe sich gewun­dert über die Enge der Straße, auf welcher er sich plötz­lich befand, und über Bäume, die aus Häusern zu wachsen schienen. Ein Mann stand vor einem Geträn­ke­au­to­maten, er schaute in die Kamera, die ihn gerade ablich­tete. Seine Augen, durch Unschärfe verfremdet, waren nicht zu erkennen, aber eine Ziga­rette, die der Mann zwischen Finger seiner rechten Hand geklemmt hatte. So, erzählte B., habe es ange­fangen. Stunde um Stunde, Tag für Tag, bewegte er sich fortan durch die Stadt. Immer wieder entdecke er Spuren selt­samster Geschichten. Ich habe eine Tür geöffnet. – stop

joseph

ein alter mann

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sierra : 4.03 – Auf dem Meer irgendwo. Muss Nacht sein, kaum Licht. Die Luft ist feucht und warm, ich bin nicht im Wasser, könnte sein, dass ich fliege, ein Brummen oder Summen ist zu hören. Bienen sind in der Luft, umkreisen ein Schiff, tausende Finger­luken im Rumpf, dort fliegen Bienen­wesen ein und aus. Manche kommen aus der Dunkel­heit heran, andere fliegen in die Dunkel­heit davon. Ihre Köpfe leuchten, sie scheinen über Lampen zu verfügen, Finger von Licht, die durch die Dunkel­heit zittern. Was da summt, Propeller viel­leicht. Ich mag nicht schwimmen, denke immer wieder, ich will nicht ins Wasser fallen. Dann bin ich plötz­lich in einer Wohnung im 12. oder 14. Stock eines Hauses nahe Central Park, auch hier Propel­ler­bienen. Ich stehe nahe eines Fens­ters, lehne an einer Wand. Ich glaube, ich selbst habe das Fenster geöffnet. Im Zimmer lungern Stühle herum, auf dem hölzernen Boden eine Linie von blauer Farbe, sie kommt aus einem weiteren Zimmer, führt durch das Zimmer in dem ich warte, in ein anderes Zimmer. Atem­ge­räu­sche. Ein alter Mann, weiße Haut, kommt heran, läuft auf der blauen Linie, er ist unbe­kleidet, trägt nur ein Paar Turn­schuhe. Der Mann herrscht mich an, ich solle das Fenster schließen. Auch um seinen Kopf herum Bienen, ein Schwarm, sie wollen auf ihm landen, dann lange Zeit Ruhe, Sire­nen­laute, dann wieder das Geräusch des Atems, das näher kommt. Aufge­wacht bin ich gegen zwei. – stop

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vor agrigento

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MELDUNG. 25 Seemeilen vor Agri­gento [ Sizi­lien ] sind gegen 15 Uhr und 7 Minuten 2 Beob­ach­tungs­drohnen [ Typ : Heron 1 ] bei Wind­stille vom Himmel gestürzt. Man soll unver­züg­lich gesunken sein. – stop
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14pt

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echo : 2.15 – Unlängst beob­ach­tete ich in meiner Vorstel­lung einen älteren Herrn wie er eine Text­datei öffnete, die er vor 12 Jahren notiert und seitdem nie wieder geöffnet hatte. Er wunderte sich über sehr kleine Schrift­zei­chen, die er damals vor langer Zeit verwen­dete. Weil ich in dem Moment, da der alte Herr das Symbol der Datei mit einem Zeiger auf dem Bild­schirm berührte, nicht bei ihm gewesen sein konnte, über­legte ich, was ich ihm viel­leicht gesagt haben würde. Mögli­cher­weise hätte ich gesagt: In der Tat, lieber Louis, sehr klein diese Schrift, lass uns die Schrift schnell etwas größer machen. Oder aber ich würde viel­leicht gesagt haben: Wollen wir nicht nach Deiner Brille suchen? – In diesem Moment, es ist 1 Uhr und 58 Minuten am 22. April 2015, ahne ich gnädi­ger­weise, was ich bald einmal, wenn alles gut gehen wird, unter­nehmen könnte. – stop
papiertierchen

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nordpol : 8.08 – Im Begrü­ßungs­text einer Kindle-Buch­sam­mel­ma­schine (Paper­white) werden für Péter Nádas Roman Buch der Erin­ne­rung (1024 Seiten) 20 Stunden und 29 Minuten typi­sche Lese­zeit verzeichnet, präzise betrachtet: 1,2 Minuten Beob­ach­tungs­zeit pro Seite des Buches. Kuriose Geschichte. – stop

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von fröschen

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echo : 5.16 – Ein Buch, das ich gestern in einer Post­fi­liale, Prenz­lau­er­straße 86, abholen wollte, war nicht erreichbar, da die Post­fi­liale, die mich von der Lage­rung des Buches tele­fo­nisch unter­richtet hatte, geschlossen werden musste, die Ange­stellten der Filiale sind in einen Streik getreten. Das war nicht weiter schlimm, weil vorsorg­lich am Abend zuvor Briefe und Bücher­sen­dungen in eine benach­barte Post­fi­liale abtrans­por­tiert wurden, wie eine hand­schrift­liche Notiz bezeugte. Ich setzte mich auf mein Fahrrad und fuhr in die Berli­ner­straße 8, wo sich mein Buch inzwi­schen aufhalten sollte. Aber auch dort war niemand anzu­treffen, aller­dings der Hinweis, alle Sendungen dieser Filiale, sowie über­nom­mene Sendungen der Prenz­lau­er­straße 86, seien wegen außer­or­dent­li­cher Betriebs­ver­samm­lung in die Filiale am Madrider Platz verbracht. Zügig radelte ich weiter, eine doch beträcht­liche Strecke war zurück­zu­legen quer durch die Stadt, es regnete, und ich dachte noch, der Himmel scheint beheizt zu sein, sommer­lich warmes Wasser, die Luft duftete nach Flieder, über den Asphalt der Straßen hüpften tausende umbra­f­ar­bene Frösche, weiche Körper, lautlos, klaglos. Nahe des Madrider Platzes, unter Kasta­ni­en­bäumen, hockten ein paar Leute wie unter Schirmen dicht an dicht. Es wurde langsam dunkel. Ich meine, zu diesem Zeit­punkt bemerkt zu haben, dass man an der Art und Weise wie Menschen sich Schutz suchend auf den Boden setzen, erkennen kann, wie alt sie sind. – stop

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ai : SUDAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Sandara Farouq Kadouda wurde am 12. April vermut­lich von Ange­hö­rigen des suda­ne­si­schen Geheim­dienstes entführt. Der Verbleib der Ärztin und zwei­fa­chen Mutter ist unbe­kannt. Sandara Farouq Kadouda war am 12. April zu einer Veran­stal­tung in Omdurman unter­wegs, die von der poli­ti­schen Oppo­si­tion in den Räum­lich­keiten der National Umma Party orga­ni­siert worden war. Kurz nach 17.00 Uhr wurde ihr Wagen von einigen Männern in Zivil­klei­dung ange­halten, die allem Anschein nach Ange­hö­rige des Geheim­dienstes (National Intel­li­gence Secu­rity Service – NISS) waren. Die Männer nahmen ihr das Handy ab, als sie gerade mit einer Freundin tele­fo­nierte. Diese hörte laute Stimmen, als Sandara Farouq Kadouda jemanden nach seinem Ausweis fragte. Kurz darauf wurde das Handy abge­stellt. Der Wagen von Sandara Farouq Kadouda wurde 30 Minuten später an der Straße gefunden, er war verlassen und die Schlüssel steckten noch. Die Familie von Sandara Farouq Kadouda zeigte den Vorfall bei der Polizei und dem NISS an. Bisher weigern sich die Behörden jedoch, Infor­ma­tionen über ihren Verbleib und ihren Gesund­heits­zu­stand preis­zu­geben. Sandara Farouq Kadouda hat keinen Zugang zu einem Rechts­bei­stand oder ihrer Familie. Sie leidet an chro­ni­scher Unter­zu­cke­rung und muss daher einen spezi­ellen Ernäh­rungs­plan einhalten und täglich Medi­ka­mente einnehmen. Aller­dings ist unklar, ob sie Zugang zu der benö­tigten medi­zi­ni­schen Versor­gung hat. Sie ist zudem in Gefahr, gefol­tert und ander­weitig miss­han­delt zu werden. – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 25. Mai hinaus, unter »> ai : urgent action

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london. mittags

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MELDUNG. Auto­mo­bile, folgende, wurden am frühen Nach­mittag nach einem Kauf­haus­be­such zu London in Martha B., 89, vorge­funden. Magen – 1 Bugatti Atalante [ 1936 ], Dünn­darm – 1 Bris­sonte Dreirad [ 1953 ], Dick­darm – 2 Mercury 12/14 [ 1914 ]. Ein Richter hatte die Durch­su­chung des hoch­be­tagten Bauches drin­gend empfohlen. – stop

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minutenbild

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hima­laya : 3.12 – In einer Schub­lade meines Vaters entdeckte ich Blei­stifte, Spitzer, Lineale, Rechen­schieber, Uhren und eine Tril­ler­pfeife. Zwei Kleb­stoff­tuben, hart wie Stein, waren nie geöffnet worden. In einer Schachtel von Metall eine hand­voll Batte­rien. Sie gehörten zu einem Blut­druck­mess­gerät, das ich selten beach­tete, solange mein Vater noch lebte. Es war ein Gerät für alte Leute, scheinbar unsichtbar für die Augen eines jungen Mannes. Ich erin­nere mich, beinahe hätte ich dieses Minu­ten­bild vergessen, wie mein Vater vor seinem Schreib­tisch sitzt, die Manschette des Prüf­ge­rätes um den linken Arm gelegt. Das Geräusch einer Pumpe ist zu hören, ein leises Röhren. Wie mein Vater nun reglos wartet auf den Moment, da das Gerät die Umklam­me­rung seines Armes lockern wird, ein scheuer Blick, so stelle ich mir vor, auf Leucht­zif­fern, deren Bedeu­tung er fürch­tete oder über die er sich freute. Vor einigen Wochen fand ich in einem Ordner lange Zahlen­reihen in Tabellen, die der alte Mann selbst ange­fer­tigt hatte. Seine akku­rate Schrift, jede Zeile ein Zeugnis von Über­win­dung, ein Beweis, dass mein Vater sich kümmerte, dass er kein Flüch­tender gewesen war. – stop

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kekkola im eisfach

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ulysses : 0.05 – Seit einigen Stunden bereits lese ich Berichte der New York Times, die Korre­spon­denten kurz vor dem Eintreffen des Wirbel­sturms Sandy in einem Weblog notierten. Bald werde ich meine Lektüre unter­bre­chen. Das ist nämlich so, dass ich mir für die kommenden Stunden vorge­nommen habe, eine Nacht des Jahres 2012 zu wieder­holen, sagen wir zur Feier des Tages. In wenigen Minuten werde ich also vor meinen Kühl­schrank treten, um in Louis Kekkola’s Eisbuch Das Walfisch­or­chester weiter­zu­lesen. Ich werde die Baum­woll­hand­schuhe der Archi­vare tragen wie vor Jahren, werde mein Tonband­gerät einschalten und leise spre­chen, in dem ich das zerbrech­liche Buch­wesen vorsichtig in Händen halte. Sobald eine Seite des Buches abge­tastet sein wird, werde ich das Eisfach schließen und in der Wohnung spazieren, ein Gramm Walfisch­or­chester im Kopf für ein Jahr.  – Elizabot ist zurück. – stop

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lilly

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delta : 0.05 – Ich wollte mit einem armen Menschen spre­chen, wollte erfahren, wie es ist, mittellos geworden zu sein. Ich hatte Glück, eine Bekannte, die für die Bahn­hofs­mis­sion arbeitet, erwähnte eine selt­same Frau, Lilly, die sich seit Monaten auf den Bahn­steigen 22, 23 oder 24 gewöhn­li­cher­weise aufhalten würde, sie sei sehr lieb und sehr arm und würde gerne erzählen. Ich entdeckte Lilly auf einer Bank sitzend, Bahn­steig 18, sie war zunächst eher scheu gewesen, aber dann doch bereit sich mit mir zu unter­halten. Ja, Lilly. Sie spricht schnell, wenn sie spricht, und sie schämt sich ein biss­chen, viel­leicht deshalb, weil sie ahnt, dass sie nicht so gut riecht wie sie gerne riechen möchte, und ihr Haar, das hell geworden ist an der ein oder anderen Stelle, scheint feucht und klebrig geworden zu sein vom Talg. Ich fasse zusammen, was Lilly etwas durch­ein­ander herum erzählte. Wenn eine Frau arm geworden sei, wenn eine Frau auf der Strasse leben müsse, erklärte Lilly, sollte sie zunächst versu­chen, solange Zeit wie möglich ihren Status der Armut zu verbergen, sie sollte so wirken, als habe sie noch Geld zur Verfü­gung, als sei alles in Ordnung, dann würde man sie aus den Warte­räumen eines Bahn­hofes beispiels­weise oder eines Flug­ha­fens nicht vertreiben. Sie trage aus genau diesem Grund noch immer einen Hosen­anzug, manchmal, bei gnädigem Licht, wirke sie so, als würde sie zur Arbeit gehen oder gerade eben von der Arbeit kommen. Meine Schuhe sind geputzt, und wenn ich sie schonen werde, sollten sie doch noch lange Zeit als Schuhe einer erfolg­rei­chen Frau erscheinen. Ich habe gelernt, im Sitzen zu schlafen, weiß jeder­zeit, wo ich mich waschen könnte, auch meine Bluse, meine Strümpfe, es ist sehr anstren­gend, mich selbst und meine Klei­dung in allge­mein zugäng­li­chen Toilet­ten­räumen zu säubern, immerzu bin ich erschöpft, niemand kennt mich persön­lich, weiß woher ich komme, ahnt wer ich einmal gewesen bin. Ich esse sparsam, ich esse, was ich finde, und trinke aus öffent­li­chen Brunnen. Ich darf nicht rauchen, ich darf keinen Alkohol trinken, das ist ja selbst­ver­ständ­lich in meiner Lage! Einmal im Jahr nehme ich einen Zug und fahre im Winter nach Süden, ein weiteres Mal fahre ich im Sommer nach Norden, aber das ist nur ausge­dacht. Ich lese Zeitungen, die ich da und dort entdecke. Ich spreche mit den Tauben, leise, sehr leise, damit ich nicht verrückt werde. In meinem Koffer befindet sich eine zweite Bluse, und dies und das und ein Paar Turn­schuhe, ein Hals­tuch in roter Farbe, ein Hals­tuch in gelber Farbe, ein Hals­tuch in blauer Farbe, das grüne Tuch trage ich gerade in diesem Moment, ich habe einen schönen Hals, nicht wahr! Ja, ich darf nicht rauchen und nicht trinken und nicht verrückt werden, das ist sehr wichtig, ich muss bei mir sein, ich fürchte Schlaf­häuser, ich fürchte diese schreck­li­chen Schlaf­häuser, ich bin mir nicht sicher, ob ich noch bin. – stop

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