nachtflug

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india : 0.18 — In diesem Jahr ist er spät zu mir gekom­men, der Win­ter längst vorüber. Ein Fal­ter segelte gestern Abend durch mein Arbeit­sz­im­mer, bald saß er auf dem Boden. Ich näherte mich sehr vor­sichtig, hob ihn auf und set­zte ihn behut­sam an eine Wand. — Es ist jet­zt kurz nach Mit­ter­nacht. Ein paar Dio­den­lichter glühen zu mir herüber. Ob ich den Fal­ter füt­tern sollte? Vielle­icht würde er etwas Him­beer­marme­lade zu sich nehmen. Ich stelle mir vor, der Fal­ter kön­nte 254 Jahre alt, er kön­nte ein Licht­en­bergfal­ter sein, der rasch bei mir zu Kräften kom­men möchte. Ja, das ist denkbar, immer wieder denkbar. Gestern, das will ich schnell noch erzählen, habe ich Flugver­suche unter­nom­men mit ein­er fil­igra­nen Rück­en­pro­peller­drohne. Es han­delt sich um die Nach­bil­dung eines Tauben­schwänzchens, demzu­folge ist sie nicht größer als 50 Mil­lime­ter. Ich habe ihr beige­bracht, mir zu fol­gen, wenn ich durch meine Woh­nung spaziere. In dieser Ver­fol­gung ist sie bere­its sehr präzise, außer­dem so schnell in ihrer Bewe­gung gewor­den, dass ich sie mit bloßer Hand nicht fan­gen kön­nte. Ein­mal näherte sie sich mein­er Sch­necke Esmer­al­da. Das war ein Moment von höch­ster Aufmerk­samkeit, ein Ver­hal­ten, als würde das Tauben­schwänzchen mit Esmer­al­da sprechen, sehr selt­sam, anrührend, die Kirschbäume blühen. — stop

nachricht­en von esmer­al­da »
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alice austen

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echo : 1.58 — Vor län­ger­er Zeit ein­mal wollte ich ein Haus besuchen, das die Fotografin Alice Austen viele Jahre ihres Lebens bewohnte. Ich erin­nere mich, es war ein bit­terkalter Tag gewe­sen, Schnee bedeck­te Stat­en Island, und die Luft war so eisig, dass selb­st die Möwen nicht zu fliegen wün­scht­en. Ver­mut­lich deshalb, weil es so kalt gewe­sen war, blieb ich an der Rail­way Sta­tion Clifton im Zug, anstatt auszusteigen und ein paar Meter zu Fuß zu Austens Haus zu gehen. Ich fuhr weit­er bis nach Tot­tenville, wo der Zug eine halbe Stunde wartete, um dann dieselbe Strecke zurück­z­u­fahren. Ein Angestell­ter der Bah­nge­sellschaft dampfte wie eine Loko­mo­tive über den Bahn­steig von Wag­on zu Wag­on, er schlug Eis von den Trit­tbret­tern des Zuges. Als wir uns  wieder in Bewe­gung set­zten, ließ er sich auf eine Bank fall­en und schlief sofort ein. Auch auf meinem Rück­weg zum Fährschiffter­mi­nal stieg ich in Clifton nicht aus, es war noch immer stür­misch, und ich ver­gaß das Haus, das ich besichti­gen wollte, und Alice Austen, die tausende Fotografien Man­hat­tans zu ein­er Zeit ange­fer­tigt hat­te, da das Fotografieren noch Mut, Kraft und Aus­dauer erforderte. Gestern habe ich ein wenig Zeit auf der Suche nach ihr ver­bracht. Sie soll als einzige Frau der Insel Besitzerin eines Auto­mo­bils gewe­sen sein. Auf ein­er Fotografie ist ihre Lebens­ge­fährtin Gertrude Tate zu sehen, wie sie still hält. Die junge Frau sitzt auf ein­er Veran­da, die heute noch existieren soll, umgeben von Blu­men, ein­er Wild­nis so wild, dass sie die nahe Küste ver­birgt. Auf ein­er weit­eren Fotografie, die ich noch nicht kenne, soll Alice Austen an der­sel­ben Stelle im Alter von 26 Jahren zu sehen sein, auch sie sitzend, eine Selb­stauf­nahme, unter einem Strauß Blu­men ver­bor­gen ein Gum­miball gefüllt mit Luft, die sie mit­tels ein­er kräfti­gen Bewe­gung ihrer Hand durch einen Schlauch zu ihrer Kam­era gepresst haben musste, um die Lich­tauf­nahme auszulösen. Ein Geräusch vielle­icht, wie ein Atemzug möglicher­weise, oder ein Seufzen. — stop

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kakteenorchester : telegramm ohne zwischenstops

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marim­ba : 15.02 — Im Pal­men­garten im Wüsten­haus das feine Geräusch der Kak­teen sobald ich ihr Stachel­horn mit einem Pin­sel, einem Mika­dostäbchen, einem Fin­ger berühre. Hell. Fed­ernd. Pro­pellernd. Klänge, für die in meinem suchen­den Wort­ge­hör noch keine eigene Zeichen­folge zu find­en ist. Oder in der Man­groven­abteilung diese merk­würdi­ge Stille beim Durch­blät­tern eines feucht gewor­de­nen Buch­es. — Diese Beobach­tun­gen habe ich zu einem früheren Zeit­punkt bere­its ein­mal notiert. Sie sind mir so nah, als würde ich sie ger­ade eben erfun­den haben. — stop.

polaroidselbstaufnahme

mitternacht im garten von gut und böse

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kil­i­mand­scharo : 1.52 — Es ist heiß und schwül. Ein Ven­ti­la­tor dreht sich langsam über dem Tre­sen ein­er Bar. Zwielicht. Auf einem Hock­er vor einem Glas Whiskey sitzt ein trink­ender Mann, der bere­its betrunk­en zu sein scheint. Wir befind­en uns in Ameri­ka irgend­wo im Süden, ich glaube in Savan­nah. Ich bin mir aber nicht ganz sich­er, auch nicht in welchem Film präzise der trink­ende Mann auf einem Stuhl vor einem Glas Whiskey sitzt. Das Selt­same, das Beson­dere an diesem Mann ist, dass um seinen Kopf herum Fliegen schwirren, die sich nicht ent­fer­nen, weil sie in irgen­dein­er Weise an dem Kopf selb­st oder in sein­er Nähe befes­tigt wur­den, Fliegen, die sozusagen Gefan­gene oder Haustiere des trink­enden Mannes sind. Plöt­zlich fällt mir ein, dass sich diese Szene in dem Film Mit­ter­nacht im Garten von Gut und Böse ereignet haben kön­nte, den ich vor einiger Zeit beobachtet und in Besitz genom­men hat­te. Also suche ich nach der Szene im Film und ent­decke bald einen hellen Ort, einen Imbiss, in dem ein Mann namens Lucer vor einem Tre­sen sitzt. Der Mann ist wed­er betrunk­en, noch existiert ein Glas Whiskey, aber eine Tasse Kaf­fee. Um seinen Kopf herum schwirren Bienen, deren Kör­p­er nun tat­säch­lich an Fäden befes­tigt sind, welche wiederum mit Hemd und Hose des Mannes unmit­tel­bar in Verbindung ste­hen. Einige Bienen haben auf dem haar­losen Kopf des Mannes Platz genom­men, er scheint sich darüber zu wun­dern, dass man ihn beobachtet. In der 46. Minute der Filmzeit ver­lässt der Mann den kleinen Laden, um sofort wieder rück­wärts einzutreten. Ich nehme an, ich erin­nerte mich an diese Szene, weil ich gegen 22 Uhr eine Nachricht von Atom­bat­te­rien gele­sen hat­te, die nicht stärk­er als ein men­schlich­es Haar sein sollen und in der Lage, hun­derte Jahre kleinere Maschi­nen mit Strö­men zu ver­sor­gen. Das war in der Tat eine wun­der­bare Nachricht, da ich nun ern­sthaft über die Exis­tenz kün­stlich­er Tauben­schwänzchen nachzu­denken ver­mag, Wesen, die ein men­schlich­es Leben von seinem Anfang bis zu seinem Ende als fliegende Satel­liten begleit­en und doku­men­tieren kön­nten. Wie sie nun in der Nacht leise sum­mend über den Schlafend­en schweben und warten. — stop
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ein apfel

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india : 1.02 — Der Blick vom 15. Stock eines Apart­men­thaus­es mit­tels eines Fer­n­glases über die Park Avenue hin­weg. Es ist Abend gewor­den in Man­hat­tan, schon dunkel. Hin­ter einem ungewöhn­lich großem Fen­ster schwebt ein älter­er Herr unge­fähr einen Meter über dem Boden eines hell erleuchteten Zim­mers. Es han­delt sich um ein geräu­miges Zim­mer, beige­far­bene Wände. Der alte Herr bewegt sich langsam wie in Zeitlupe. Er scheint mir zu winken, als ob er mich wahrnehmen könne, obwohl ich doch im Halb­dunkel ste­he und zugle­ich weit ent­fer­nt bin. In sein­er linken Hand hält er einen Apfel fest, in der recht­en Hand ein Mess­er. Er begin­nt den Apfel mit ein­er kreisenden Bewe­gung zu schälen, schaut immer wieder in meine Rich­tung. Für einen Augen­blick hält er inne, dann lässt er die Schale des Apfels los, sie ent­fer­nt sich, von ein­er Strö­mung erfasst, langsam, sehr langsam, eine Schraube von Haut. In diesen Minuten, da ich notiere, was ich beobachtete, wird der alte Herr eingeschlafen sein, der Apfel, den er schälte, hat inzwis­chen seine Hand ver­lassen, sinkt auf den Boden des Zim­mers. — Vier Uhr und sieben Minuten im Flüchtlingslager Jar­muk nahe Damaskus. — stop

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landschaft überall

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romeo : 1.02 — Irgend­wann, nach­dem er wach gewor­den am Nach­mit­tag, muss K. einen Brief notiert haben. Bei diesem Brief nun han­delt es sich um einen beson­deren Brief, denn er ist von einem muti­gen Mann aus­gedacht, von einem Mann, der lange Zeit über­legte, wie er seine Gedanken for­mulieren sollte an den Vor­stand, der über sein Leben zu bes­tim­men wün­scht. K. solle anstatt vier in Zukun­ft sechs Nächte ein­er Woche zur Arbeit an den Maschi­nen erscheinen. Es sind feine, ja zarte Worte, die K. für seine Ansprache wählte, ich hätte sie ihm niemals zuge­traut, höflich und trau­rig: Nun werde ich, schrieb K., sechs weit­ere Stun­den in einem Zug ver­brin­gen, die nicht bezahlt sein wer­den, Stun­den, da meine Frau mich ver­mis­sen und möglicher­weise ein­mal deshalb ver­lassen wird, es ist eine Tragödie! Ich habe diesen Brief, in dem von ein­er Tragödie die Rede ist, vor weni­gen Minuten fotografiert, er wurde von Hand geschrieben, ich erkan­nte die Schrift eines betrunk­e­nen Kindes, diese Hände, sie zit­terten, weil K. sich fürchtete, in dem Moment, da er schrieb, oder über­haupt. Ob er mir den Brief auf seinem Com­put­er auf­schreiben könne, fragte ich K.: Würdest Du mir Deinen Brief bitte per E-Mail senden, damit ich ihn weit­ergeben kann? So etwas habe ich nicht, antwortete K., einen Com­put­er, E-Mail, Inter­net. Er habe auch kein Tele­fon, fuhr er fort, kein Tele­fon mit Schnur, und auch kein Tele­fon, das er sich in die Hosen­tasche steck­en kön­nte. Du bist der erste Men­sch, set­zte K. hinzu, der einen Brief, den ich geschrieben habe, fotografiert als sei er eine Land­schaft. Manch­mal begeg­ne ich K. im Zug, der zum Flughafen fährt, ich grüße ihn und er freut sich. Er liest dort seit Jahren immer in dem sel­ben Buch. Manch­mal hält er das Buch fest an seine Brust gedrückt, dann ist er eingeschlafen. — stop

hanoi

palizzi marina

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MELDUNG. Nahe Pal­izzi Mari­na, beina­he zeit­gle­ich, sind Men­schen [ 128 Per­so­n­en ] von hell­blauer Haut wie aus dem Nichts her­aus an Land gekom­men. Man ist fiebrig, aber fre­undlich wie immer. — stop

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nach ferney nach essaouira und von einer kaktusblüte

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nord­pol : 2.52 — In Genf, an ein­er Straßenkreuzung von der Rue de Rhone zur Rue d’Italie, sind selt­same Dinge zu bemerken. Män­ner und Frauen näm­lich, die sich kreisend oder auf und ab über das Pflaster bewe­gen, während sie das Grün­licht der Ampeln erwarten. Bei genauer­er Betra­ch­tung möchte man meinen, sie kön­nten vielle­icht nicht in der Lage sein, stil­lzuste­hen. Sie tra­gen Damenkostüme, Her­re­nanzüge, feine Schuhe, sie sind ver­mut­lich ger­ade aus dem Büro gekom­men, befind­en sich auf dem Weg vielle­icht nach Hause, zur Bussta­tion nach Fer­ney, oder ins Kino, ins The­ater, zum Jazz, die Sonne scheint, erste warme Stun­den. Aber auch an einem eiskalten Tag im Win­ter wür­den sie sich genau so bewe­gen, in Kreisen oder auf und ab. Man nimmt jet­zt nur noch sel­ten den Aufzug, man nimmt die Treppe, der Blick hin zum Handge­lenk, zur Appa­ratur, die Pulse, Tem­per­a­turen, und auch den Schlaf auszumessen ver­mag. Und noch einen Kreis gle­ich hin­ter­her und über die Strasse, wie viele Schritte, wie viele Schritte heute, wie viele Schritte mehr als gestern, wie weit bin ich gekom­men in diesem Monat, vielle­icht bis nach Cham­béry, vor dem Som­mer noch kön­nt ich Mont­pel­li­er erre­ichen, im Win­ter Valen­cia, am Ende des kom­menden Jahres werde ich in Essaouira sein. – Es ist 2 Uhr und 44 Minuten. Ger­ade eben noch habe ich mein Kak­tus beobachtet wie er blüht. Wenn mein Kak­tus blüht, hält er seine Blüte auch bei Nacht geöffnet, als ob er ahnte oder wüsste, dass in meinen Zim­mern Nacht­bi­enen und Nachtwinde wohnen. — stop

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tokio

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gink­go : 0.22 — Ein Kind will sehen. So fängt es immer an, und auch damals fing es so an. Ein Kind wollte sehen. Der Junge kon­nte laufen, und er kon­nte an eine Türklinke her­an­re­ichen. Es steck­te kein­er­lei Absicht dahin­ter, nur der instink­tive Touris­mus des Kinde­salters. Eine Tür war dazu da, aufgestoßen zu wer­den; er ging hinein, blieb ste­hen, schaute. Da war nie­mand, der ihn beobachtet hätte; er drehte sich um und ging fort, wobei er sorgsam die Tür hin­ter sich zumachte. — Ich erin­nerte mich an diese Zeilen Julian Barnes als ich zum ersten Mal von B. hörte, der eine tiefe Lei­den­schaft für die Stadt Tokio entwick­elt haben soll, obwohl er nie dort gewe­sen ist. Was weiß ich von B. an diesem Abend? Eigentlich nicht sehr viel. B. ist 52 Jahre alt, unge­fähr 1,88 Meter groß, schlank, studierte slaw­is­che Sprachen, arbeit­ete als Über­set­zer, Altenpfleger, Autor von Restau­rantbeschrei­bun­gen, Dra­maturg, Postschaffn­er, seit vier Jahren nun wed­er das eine noch das andere, weil er wohlhabend gewor­den ist durch uner­wartete Erb­schaft. Er blieb damals vor vier Jahren in sein­er kleinen Woh­nung, kaufte sich einen Com­put­er mit einem großen Bild­schirm und muss irgend­wie in Tokio gelandet sein. Seinen ersten Besuch mit­tel der Streetviews ( Google-Maps ) beschreibt er als ein wesentlich­es Ereig­nis seines Lebens, er sei irgend­wo in der Stadt gelandet, habe sich gewun­dert über die Enge der Straße, auf welch­er er sich plöt­zlich befand, und über Bäume, die aus Häusern zu wach­sen schienen. Ein Mann stand vor einem Getränkeau­to­mat­en, er schaute in die Kam­era, die ihn ger­ade ablichtete. Seine Augen, durch Unschärfe ver­fremdet, waren nicht zu erken­nen, aber eine Zigarette, die der Mann zwis­chen Fin­ger sein­er recht­en Hand gek­lemmt hat­te. So, erzählte B., habe es ange­fan­gen. Stunde um Stunde, Tag für Tag, bewegte er sich for­t­an durch die Stadt. Immer wieder ent­decke er Spuren selt­sam­ster Geschicht­en. Ich habe eine Tür geöffnet. — stop

joseph

ein alter mann

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sier­ra : 4.03 — Auf dem Meer irgend­wo. Muss Nacht sein, kaum Licht. Die Luft ist feucht und warm, ich bin nicht im Wass­er, kön­nte sein, dass ich fliege, ein Brum­men oder Sum­men ist zu hören. Bienen sind in der Luft, umkreisen ein Schiff, tausende Fin­ger­luken im Rumpf, dort fliegen Bienen­we­sen ein und aus. Manche kom­men aus der Dunkel­heit her­an, andere fliegen in die Dunkel­heit davon. Ihre Köpfe leucht­en, sie scheinen über Lam­p­en zu ver­fü­gen, Fin­ger von Licht, die durch die Dunkel­heit zit­tern. Was da summt, Pro­peller vielle­icht. Ich mag nicht schwim­men, denke immer wieder, ich will nicht ins Wass­er fall­en. Dann bin ich plöt­zlich in ein­er Woh­nung im 12. oder 14. Stock eines Haus­es nahe Cen­tral Park, auch hier Pro­peller­bi­enen. Ich ste­he nahe eines Fen­sters, lehne an ein­er Wand. Ich glaube, ich selb­st habe das Fen­ster geöffnet. Im Zim­mer lungern Stüh­le herum, auf dem hölz­er­nen Boden eine Lin­ie von blauer Farbe, sie kommt aus einem weit­eren Zim­mer, führt durch das Zim­mer in dem ich warte, in ein anderes Zim­mer. Atemgeräusche. Ein alter Mann, weiße Haut, kommt her­an, läuft auf der blauen Lin­ie, er ist unbek­lei­det, trägt nur ein Paar Turn­schuhe. Der Mann herrscht mich an, ich solle das Fen­ster schließen. Auch um seinen Kopf herum Bienen, ein Schwarm, sie wollen auf ihm lan­den, dann lange Zeit Ruhe, Sire­nen­laute, dann wieder das Geräusch des Atems, das näher kommt. Aufgewacht bin ich gegen zwei. — stop

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vor agrigento

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MELDUNG. 25 Seemeilen vor Agri­gen­to [ Sizilien ] sind gegen 15 Uhr und 7 Minuten 2 Beobach­tungs­drohnen [ Typ : Heron 1 ] bei Wind­stille vom Him­mel gestürzt. Man soll unverzüglich gesunken sein. — stop
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14pt

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echo : 2.15 — Unlängst beobachtete ich in mein­er Vorstel­lung einen älteren Her­rn wie er eine Text­datei öffnete, die er vor 12 Jahren notiert und seit­dem nie wieder geöffnet hat­te. Er wun­derte sich über sehr kleine Schriftze­ichen, die er damals vor langer Zeit ver­wen­dete. Weil ich in dem Moment, da der alte Herr das Sym­bol der Datei mit einem Zeiger auf dem Bild­schirm berührte, nicht bei ihm gewe­sen sein kon­nte, über­legte ich, was ich ihm vielle­icht gesagt haben würde. Möglicher­weise hätte ich gesagt: In der Tat, lieber Louis, sehr klein diese Schrift, lass uns die Schrift schnell etwas größer machen. Oder aber ich würde vielle­icht gesagt haben: Wollen wir nicht nach Dein­er Brille suchen? — In diesem Moment, es ist 1 Uhr und 58 Minuten am 22. April 2015, ahne ich gnädi­ger­weise, was ich bald ein­mal, wenn alles gut gehen wird, unternehmen kön­nte. – stop
papiertierchen

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nord­pol : 8.08 — Im Begrüßung­s­text ein­er Kin­dle-Buch­sam­mel­mas­chine (Paper­white) wer­den für Péter Nádas Roman Buch der Erin­nerung (1024 Seit­en) 20 Stun­den und 29 Minuten typ­is­che Lesezeit verze­ich­net, präzise betra­chtet: 1,2 Minuten Beobach­tungszeit pro Seite des Buch­es. Kuriose Geschichte. — stop

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von fröschen

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echo : 5.16 — Ein Buch, das ich gestern in ein­er Post­fil­iale, Pren­zlauer­straße 86, abholen wollte, war nicht erre­ich­bar, da die Post­fil­iale, die mich von der Lagerung des Buch­es tele­fonisch unter­richtet hat­te, geschlossen wer­den musste, die Angestell­ten der Fil­iale sind in einen Streik getreten. Das war nicht weit­er schlimm, weil vor­sor­glich am Abend zuvor Briefe und Büch­ersendun­gen in eine benach­barte Post­fil­iale abtrans­portiert wur­den, wie eine hand­schriftliche Notiz bezeugte. Ich set­zte mich auf mein Fahrrad und fuhr in die Berlin­er­straße 8, wo sich mein Buch inzwis­chen aufhal­ten sollte. Aber auch dort war nie­mand anzutr­e­f­fen, allerd­ings der Hin­weis, alle Sendun­gen dieser Fil­iale, sowie über­nommene Sendun­gen der Pren­zlauer­straße 86, seien wegen außeror­dentlich­er Betrieb­sver­samm­lung in die Fil­iale am Madrid­er Platz ver­bracht. Zügig radelte ich weit­er, eine doch beträchtliche Strecke war zurück­zule­gen quer durch die Stadt, es reg­nete, und ich dachte noch, der Him­mel scheint beheizt zu sein, som­mer­lich warmes Wass­er, die Luft duftete nach Flieder, über den Asphalt der Straßen hüpften tausende umbra­far­bene Frösche, weiche Kör­p­er, laut­los, kla­g­los. Nahe des Madrid­er Platzes, unter Kas­tanien­bäu­men, hock­ten ein paar Leute wie unter Schir­men dicht an dicht. Es wurde langsam dunkel. Ich meine, zu diesem Zeit­punkt bemerkt zu haben, dass man an der Art und Weise wie Men­schen sich Schutz suchend auf den Boden set­zen, erken­nen kann, wie alt sie sind. – stop

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ai : SUDAN

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MENSCH IN GEFAHR : “San­dara Farouq Kadou­da wurde am 12. April ver­mut­lich von Ange­höri­gen des sudane­sis­chen Geheim­di­en­stes ent­führt. Der Verbleib der Ärztin und zweifachen Mut­ter ist unbekan­nt. San­dara Farouq Kadou­da war am 12. April zu ein­er Ver­anstal­tung in Omdur­man unter­wegs, die von der poli­tis­chen Oppo­si­tion in den Räum­lichkeit­en der Nation­al Umma Par­ty organ­isiert wor­den war. Kurz nach 17.00 Uhr wurde ihr Wagen von eini­gen Män­nern in Zivilk­lei­dung ange­hal­ten, die allem Anschein nach Ange­hörige des Geheim­di­en­stes (Nation­al Intel­li­gence Secu­ri­ty Ser­vice — NISS) waren. Die Män­ner nah­men ihr das Handy ab, als sie ger­ade mit ein­er Fre­undin tele­fonierte. Diese hörte laute Stim­men, als San­dara Farouq Kadou­da jeman­den nach seinem Ausweis fragte. Kurz darauf wurde das Handy abgestellt. Der Wagen von San­dara Farouq Kadou­da wurde 30 Minuten später an der Straße gefun­den, er war ver­lassen und die Schlüs­sel steck­ten noch. Die Fam­i­lie von San­dara Farouq Kadou­da zeigte den Vor­fall bei der Polizei und dem NISS an. Bish­er weigern sich die Behör­den jedoch, Infor­ma­tio­nen über ihren Verbleib und ihren Gesund­heit­szu­s­tand preiszugeben. San­dara Farouq Kadou­da hat keinen Zugang zu einem Rechts­bei­s­tand oder ihrer Fam­i­lie. Sie lei­det an chro­nis­ch­er Unterzuckerung und muss daher einen speziellen Ernährungs­plan ein­hal­ten und täglich Medika­mente ein­nehmen. Allerd­ings ist unklar, ob sie Zugang zu der benötigten medi­zinis­chen Ver­sorgung hat. Sie ist zudem in Gefahr, gefoltert und ander­weit­ig mis­shan­delt zu wer­den. — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 25. Mai hin­aus, unter »> ai : urgent action

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london. mittags

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MELDUNG. Auto­mo­bile, fol­gende, wur­den am frühen Nach­mit­tag nach einem Kaufhaus­be­such zu Lon­don in Martha B., 89, vorge­fun­den. Magen — 1 Bugat­ti Ata­lante [ 1936 ], Dün­ndarm — 1 Bris­sonte Dreirad [ 1953 ], Dick­darm — 2 Mer­cury 12/14 [ 1914 ]. Ein Richter hat­te die Durch­suchung des hochbe­tagten Bauch­es drin­gend emp­fohlen. — stop

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himalaya : 3.12 — In ein­er Schublade meines Vaters ent­deck­te ich Bleis­tifte, Spitzer, Lin­eale, Rechen­schieber, Uhren und eine Trillerpfeife. Zwei Kleb­stoff­tuben, hart wie Stein, waren nie geöffnet wor­den. In ein­er Schachtel von Met­all eine hand­voll Bat­te­rien. Sie gehörten zu einem Blut­druckmess­gerät, das ich sel­ten beachtete, solange mein Vater noch lebte. Es war ein Gerät für alte Leute, schein­bar unsicht­bar für die Augen eines jun­gen Mannes. Ich erin­nere mich, beina­he hätte ich dieses Minuten­bild vergessen, wie mein Vater vor seinem Schreibtisch sitzt, die Man­schette des Prüfgerätes um den linken Arm gelegt. Das Geräusch ein­er Pumpe ist zu hören, ein leis­es Röhren. Wie mein Vater nun reg­los wartet auf den Moment, da das Gerät die Umk­lam­merung seines Armes lock­ern wird, ein scheuer Blick, so stelle ich mir vor, auf Leuchtz­if­fern, deren Bedeu­tung er fürchtete oder über die er sich freute. Vor eini­gen Wochen fand ich in einem Ord­ner lange Zahlen­rei­hen in Tabellen, die der alte Mann selb­st ange­fer­tigt hat­te. Seine akku­rate Schrift, jede Zeile ein Zeug­nis von Über­win­dung, ein Beweis, dass mein Vater sich küm­merte, dass er kein Flüch­t­en­der gewe­sen war. — stop

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kekkola im eisfach

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ulysses : 0.05 — Seit eini­gen Stun­den bere­its lese ich Berichte der New York Times, die Kor­re­spon­den­ten kurz vor dem Ein­tr­e­f­fen des Wirbel­sturms Sandy in einem Weblog notierten. Bald werde ich meine Lek­türe unter­brechen. Das ist näm­lich so, dass ich mir für die kom­menden Stun­den vorgenom­men habe, eine Nacht des Jahres 2012 zu wieder­holen, sagen wir zur Feier des Tages. In weni­gen Minuten werde ich also vor meinen Kühlschrank treten, um in Louis Kekkola’s Eis­buch Das Wal­fischorch­ester weit­erzule­sen. Ich werde die Baum­woll­hand­schuhe der Archivare tra­gen wie vor Jahren, werde mein Ton­bandgerät ein­schal­ten und leise sprechen, in dem ich das zer­brech­liche Buch­we­sen vor­sichtig in Hän­den halte. Sobald eine Seite des Buch­es abge­tastet sein wird, werde ich das Eis­fach schließen und in der Woh­nung spazieren, ein Gramm Wal­fischorch­ester im Kopf für ein Jahr.  — Eliz­abot ist zurück. — stop

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lilly

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delta : 0.05 — Ich wollte mit einem armen Men­schen sprechen, wollte erfahren, wie es ist, mit­tel­los gewor­den zu sein. Ich hat­te Glück, eine Bekan­nte, die für die Bahn­hof­s­mis­sion arbeit­et, erwäh­nte eine selt­same Frau, Lil­ly, die sich seit Monat­en auf den Bahn­steigen 22, 23 oder 24 gewöhn­licher­weise aufhal­ten würde, sie sei sehr lieb und sehr arm und würde gerne erzählen. Ich ent­deck­te Lil­ly auf ein­er Bank sitzend, Bahn­steig 18, sie war zunächst eher scheu gewe­sen, aber dann doch bere­it sich mit mir zu unter­hal­ten. Ja, Lil­ly. Sie spricht schnell, wenn sie spricht, und sie schämt sich ein biss­chen, vielle­icht deshalb, weil sie ahnt, dass sie nicht so gut riecht wie sie gerne riechen möchte, und ihr Haar, das hell gewor­den ist an der ein oder anderen Stelle, scheint feucht und kle­brig gewor­den zu sein vom Talg. Ich fasse zusam­men, was Lil­ly etwas durcheinan­der herum erzählte. Wenn eine Frau arm gewor­den sei, wenn eine Frau auf der Strasse leben müsse, erk­lärte Lil­ly, sollte sie zunächst ver­suchen, solange Zeit wie möglich ihren Sta­tus der Armut zu ver­ber­gen, sie sollte so wirken, als habe sie noch Geld zur Ver­fü­gung, als sei alles in Ord­nung, dann würde man sie aus den Warteräu­men eines Bahn­hofes beispiel­sweise oder eines Flughafens nicht vertreiben. Sie trage aus genau diesem Grund noch immer einen Hose­nanzug, manch­mal, bei gnädi­gem Licht, wirke sie so, als würde sie zur Arbeit gehen oder ger­ade eben von der Arbeit kom­men. Meine Schuhe sind geputzt, und wenn ich sie scho­nen werde, soll­ten sie doch noch lange Zeit als Schuhe ein­er erfol­gre­ichen Frau erscheinen. Ich habe gel­ernt, im Sitzen zu schlafen, weiß jed­erzeit, wo ich mich waschen kön­nte, auch meine Bluse, meine Strümpfe, es ist sehr anstren­gend, mich selb­st und meine Klei­dung in all­ge­mein zugänglichen Toi­let­ten­räu­men zu säu­bern, immerzu bin ich erschöpft, nie­mand ken­nt mich per­sön­lich, weiß woher ich komme, ahnt wer ich ein­mal gewe­sen bin. Ich esse sparsam, ich esse, was ich finde, und trinke aus öffentlichen Brun­nen. Ich darf nicht rauchen, ich darf keinen Alko­hol trinken, das ist ja selb­stver­ständlich in mein­er Lage! Ein­mal im Jahr nehme ich einen Zug und fahre im Win­ter nach Süden, ein weit­eres Mal fahre ich im Som­mer nach Nor­den, aber das ist nur aus­gedacht. Ich lese Zeitun­gen, die ich da und dort ent­decke. Ich spreche mit den Tauben, leise, sehr leise, damit ich nicht ver­rückt werde. In meinem Kof­fer befind­et sich eine zweite Bluse, und dies und das und ein Paar Turn­schuhe, ein Hal­stuch in rot­er Farbe, ein Hal­stuch in gel­ber Farbe, ein Hal­stuch in blauer Farbe, das grüne Tuch trage ich ger­ade in diesem Moment, ich habe einen schö­nen Hals, nicht wahr! Ja, ich darf nicht rauchen und nicht trinken und nicht ver­rückt wer­den, das ist sehr wichtig, ich muss bei mir sein, ich fürchte Schlafhäuser, ich fürchte diese schreck­lichen Schlafhäuser, ich bin mir nicht sich­er, ob ich noch bin. — stop

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