schatten

2

echo : 0.22 – Vor einigen Jahren stellte ich mir vor, wie ich eines Tages erwache und jedes Wort erin­nern könne, das ich von diesem Moment des Erwa­chens an denken würde, erin­nern jedes meiner Selbst­ge­spräche, auch jene Gedanken, die ich nie wirk­lich bemerke, weil sie so schnell vorüber­ziehen, dass ich sie vordem bereits vergessen habe, in dem ich mich schon in dem nächsten Gedan­ken­zimmer befinde. Nichts, über­legte ich, würde von diesem Moment an noch verloren gehen. Auch alle Sätze nicht, die ich hören oder lesen werde, sobald ich das Haus verlasse, Notiz­zettel, Einkaufs­listen, Frag­mente von Zeile zu Zeile fallender Anzei­ge­ta­feln an Flug­häfen oder Bahn­höfen, Zeitungs­ar­tikel, Film­dia­loge, alles das würde gespei­chert sein und könnte zu jeder Zeit in genau der Reihen­folge wieder­holt werden, in der es von leisen Wörter­stimmen aufge­zeichnet wurde. Ich fragte, was würde mit mir geschehen? Wie lange Zeit könnte ich mit diesem Vermögen ausge­stattet über­leben? In welcher Art und Weise würde ich mich erin­nernd durch meine Verzeich­nisse bewegen? Würde ich nicht viel­leicht in einem dieser Maga­zine auf der Suche nach einem Wort, einem Satz, einer Erin­ne­rung, für immer verschwinden? – stop

ping

geister

2

india : 0.58 – Das tödliche Elend kommt nicht in Sekun­den­bruch­teilen auf arme Menschen nieder, als eine Welle langsam und konti­nu­ier­lich anstei­gender Preise für Zucker, Mais, für Wasser kommts daher. Wer sind diese Personen, die mit Getreide speku­lieren? Könnte man nicht einen Namen finden? Ein Gesicht? Ein mensch­li­ches Wesen, Nase, Augen, Ohren, das man befragen könnte: Warum tun Sie das? – stop

ping

aleppo

2

charlie : 0.32 – Er werde langsam alt, erzählte der Jour­na­list L.., alt und müde. Manchmal fühle er sich morsch wie ein Knochen, der lange Zeit in feuchter Luft unter freiem Himmel herum gelegen habe, da wird man bald staubig, und dann kommt ein Wind und schon ist man so leicht geworden, dass man ganz und gar für immer aufhören möchte. Deshalb habe er ein Haus an der Küste gekauft mit einem Reet­dach, das links und rechts des Hauses nahezu bis auf den Boden reiche. Er brauche einen Ort, an den er sich zurück­ziehen, einen Ort, an dem er leichter werden könne, wandern am Meer stun­den­lang und spre­chen mit sich selbst. Wenn er Selbst­ge­spräche führe, würde er in sich hinein­sehen, Wörter und Sätze bewirken, dass er für einige Zeit nicht mehr aufhören könne zu spre­chen, weil er doch in den vergan­genen Jahren eigent­lich so schweigsam geworden war, weil er doch immer, als er noch disku­tierte und erzählte, vergessen habe, was er sagte, weshalb er tage­lang darüber nach­denken musste, ob er nicht etwas gesagt haben könnte, das unmög­lich gesagt sein durfte, diese Wörter, diese Sätze, die man so liebend gern zurück­holen wollte, weil sie nicht passend oder ganz einfach zu viele Wörter gewesen waren. Deshalb nun ein Haus an der Küste, mit einem Reet­dach, das links und rechts des Hauses nahezu bis auf den Boden reiche, wo er mit sich selbst spre­chen könne solange er wolle, wo ihm niemand zuhören würde, nur das Haus und er selbst und manchmal der Sand und ein paar Vögel, wenn er von Aleppo erzähle, wo er vor wenigen Wochen, ein Himmel­fahrts­kom­mando, noch gewesen sei. – stop
flieger

radioteilchen

2

tango : 6.06 – Das Radio erzählt heut Morgen wieder gefähr­liche Geschichten. Man habe nämlich gestern in der Luft und am Boden nahe Fuku­shima Pluto­ni­um­teil­chen entdeckt. Gefähr­lich für Menschen, so berichtet das Radio, seien diese Parti­cles nicht, weil sie bereits seit den 50er und 60er Jahren gleich­mäßig über die Erde verteilt exis­tieren, da man test­weise Inseln mittels Wasser­stoff­bomben sprengte. Jetzt ist das aber so, dass zwei von fünf vorge­fun­denen Teil­chen jüngerer Zeit entstammen, vermut­lich aus einem Reaktor in nächster Nähe selbst, demzu­folge einer oder mehrere der Reak­toren undicht geworden sein könnten. – stop

ping

von der wirbelkastenschnecke

2

tango : 3.52 – Gestern war ein heißer Tag gewesen, es war heiß in der Küche, heiß in den Zimmern zum Schlafen, zum Spazieren, heiß im Bad, im Trep­pen­haus, sogar im Keller, auf der Straße und in der Tram­bahn war es so heiß, dass ich mich gern sofort in einen Kühl­schrank gesetzt haben würde. Als ich das Wort Kühl­schrank dachte, erin­nerte ich mich an einen hölzernen Kühl­schrank, den ich mir einmal ausge­malt hatte, da war ich gerade auf dem Postamt, auch da war es heiß, und die Männer und Frauen hinter dem Tresen schwitzten. Ausge­rechnet an einem Tag heißer Luft erreichte mich ein Päck­chen, auf das ich seit beinahe zwei Wochen in außer­or­dent­li­cher Kälte wartete. Ich hatte bei Hvalf­jördur Corpo­ra­tion eine Scheibe aus dem Brust­bein eines Pott­wales bestellt, aber die islän­di­sche Post war acht Tage lang in einen Streik getreten, und so war das gekommen, dass das Päck­chen einen erbärm­li­chen Gestank verströmte, was mich nicht im Mindesten wunderte, da man vergessen hatte, das Brust­bein des Wales, der bereits im Mai gefangen und zerlegt worden war, ganz und gar von Blut zu befreien. Nun aber ist alles wieder in Ordnung. Ich habe den Knochen, der erstaun­lich leicht in der Hand liegt, gründ­lich gerei­nigt, nur noch ein leiser Verdacht von Verwe­sung liegt in der Luft, ist vermut­lich nicht tatsäch­lich, ist viel­mehr ein Faden von Erin­ne­rung. Sobald der Knochen getrocknet sein wird, werde ich einen ersten Versuch unter­nehmen, eine Schnecke aus ihm zu schnitzen, die der Wirbel­kas­ten­schnecke einer Geige ähnlich sein wird. – Samstag kurz vor Dämme­rung. Es ist noch immer heiß. Vor den Fens­tern jagen Fleder­mäuse. – stop

ping

larissa

picping

MELDUNG. Aus 38500 Fuß Höhe über dem pazi­fi­schen Ozean kurz vor Monterey abge­worfen: Bono­bo­dame Larissa, 6 Jahre, 5682 Gramm, sechste Über­le­bende der Test­serie Teflon-F87 {Haut­wesen}. Man ist, der Schre­cken, noch voll­ständig ohne Bewusst­sein. – stop

drohne3

zebraspringspinne

2

hima­laya : 5.02 – Ich beob­achte an diesem Morgen auf dem Fens­ter­brett nach Süden zu eine Zebra­spring­spinne von höchs­tens 2 Gramm Gewicht. Sie spaziert dort unter meinen Augen furchtlos auf und ab. Mögli­cher­weise ist sie kürz­lich erst durch die Luft geflogen oder aber den ganzen Winter über in meiner Nähe gewesen, ohne dass ich sie bemerkte. Für einen Moment halten wir beide inne und schauen in Rich­tung der Dämme­rung. Eine Stra­ßen­bahn kommt um die Kurve gefahren, es ist die erste Stra­ßen­bahn dieses Tages. Ich schließe die Fenster. Mit dieser ersten Stra­ßen­bahn kommt der Tag in die Nacht, Vögel steigen aus und hocken sich in Bäume und singen, während Fliegen und Falter aus meiner Wohnung flüchten, um einzu­steigen und rasch davon­zu­fahren. Ich sollte morgens einmal auf die Straße treten und zur Halte­stelle gehen und warten, da nun die erste Fahrt der Linie 16 eintreffen und der Fahrer von Nacht­fal­tern bedeckt sein wird, und die Sitze und Lampen, und auch die Arbeiter und Arbei­te­rinnen der Früh­schicht. Dichte, bittere, stau­bige Luft, ein sonores Summen zehn­tau­sender Flügel. Kleine, harte Käfer­körper stürmen durch weichen, flie­genden Falter­wald, ping, pong, ping. – stop

ping

vom fangen

2

sierra : 6.52 – Eine merk­wür­dige Website exis­tiert im Internet, man kann dort nämlich Wörter oder Sätze in eine Maske trans­fe­rieren, nur um Sekun­den­bruch­teile später ange­zeigt zu bekommen, wie viele Norm­seiten diese oder jene einge­ge­bene Zeichen­folge in der papie­renen Welt bede­cken würde. Ich stellte mir vor, wie Texte in genau dem Moment, da sie von einer Autorin oder einem Autor in die vorge­ge­bene Maske geschüttet werden, mittels einer Daten­bank fest­ge­halten sind, fraglos, heim­lich, lautlos, um sie even­tuell einer weiteren Verwen­dung zuzu­führen, Gedanken, unge­wöhn­liche Formu­lie­rungen, Einsichten, Erzäh­lungen, Romane, Gedichte. Es könnte sich demzu­folge um eine Webseite handeln, die sich in der Art und Weise der Ansitz­jäger verhält. Wir sollten das beob­achten. – stop
ping

schlafwelt

2

alpha : 5.02 – Sie ist eine fragile Welt, die Schlaf­welt der Nacht­men­schen, sobald sie in Städten nahe der Tagmen­schen leben. In dieser Welt ist es ein wenig so, als würde man mit einem Holz­stöck­chen bewaffnet in einem Wald unter rasenden Wölfen leben. – stop
ping

2 + 5 = 8

2

alpha : 7.12 – Seit einigen Tagen werde ich von meiner Parti­cles-Word­press­ma­schine, sobald ich die Seite der Anmel­dung öffne, aufge­for­dert, unver­züg­lich nach­zu­weisen, dass ich ein Mensch bin: Prove your huma­nity. Dieser prägnanten Auffor­de­rung ist je eine Rechen­auf­gabe nach­ge­stellt, Zahlen sind zu addieren, beispiels­weise die Zahl 4 zur Zahl 6, weswegen ich mir zu diesem Zeit­punkt noch keine Sorgen mache. Eigen­tüm­li­cher­weise jedoch empfinde ich die Auffor­de­rung, meine mensch­liche Eigenart darzu­stellen, als eine Zumu­tung. Einmal unter­läuft mir ein Rechen­fehler, und tatsäch­lich werde ich nicht weiter vorge­lassen, obwohl ich meinen korrekten Benut­zer­namen und mein korrektes Pass­wort, mehr­fach geprüft, in die Maske des Logins notierte. Es ist seltsam, seit ich mich beweisen muss, habe ich den Eindruck, meine Parti­cles-Word­press­ma­schine sei selbst mäch­tiger oder mensch­li­cher geworden, eine Persön­lich­keit, die mir viel­leicht in wenigen Tagen zum Beweis meines mensch­li­chen Ursprungs die Lösung eines Drei­satzes abver­langen wird. – stop

schleuse

ai : SUDAN

aihead2

MENSCHEN IN GEFAHR : “Zwei Mitglieder der pres­by­te­ria­ni­schen Kirche im Südsudan, Reverend Yat Michael und Reverend Peter Yen, sind am 1. März auf der Grund­lage des suda­ne­si­schen Straf­ge­setz­buchs in acht Punkten unter Anklage gestellt worden. Zwei der ihnen zur Last gelegten Straf­taten können die Todes­strafe nach sich ziehen. Reverend Yat Michael und Reverend Peter Yen waren am 21. Dezember 2014 bzw. am 11. Januar 2015 vom suda­ne­si­schen Geheim­dienst (NISS) fest­ge­nommen worden und wurden bis zum 2. März 2015 ohne Kontakt zur Außen­welt in Haft gehalten. Sie wurden am 1. März auf der Grund­lage des Straf­ge­setz­buchs von 1991 unter Anklage gestellt. Die ihnen zur Last gelegten Straf­taten sind “gemein­same Hand­lungen zur Planung einer krimi­nellen Hand­lung”, “Unter­wan­de­rung der verfas­sungs­mä­ßigen Ordnung”, “Krieg gegen den Staat”, “Spio­nage gegen das Land”, “Enthül­lung und Erhalt von Infor­ma­tionen und offi­zi­ellen Doku­menten”, “Schüren von Hass zwischen reli­giösen Gruppen”, “Störung des öffent­li­chen Frie­dens” und “Belei­di­gung von reli­giösen Über­zeu­gungen”. Auf der Grund­lage des suda­ne­si­schen Straf­ge­setz­buchs können die Straf­tat­be­stände “Krieg gegen den Staat” und “Unter­gra­bung der verfas­sungs­mä­ßigen Ordnung” mit der Todes­strafe geahndet werden, während die übrigen sechs Straf­tat­be­stände eine Prügel­strafe nach sich ziehen. Es ist davon auszu­gehen, dass die beiden Geist­li­chen wegen ihrer reli­giösen Über­zeu­gungen fest­ge­nommen und ange­klagt wurden. Der NISS hielt die Gefan­genen bis zum 2. März ohne Kontakt zur Außen­welt fest. An diesem Tag wurden sie ins Gefängnis Kober in Khartum verlegt, und man gestat­tete ihnen erste Familienbesuche.Reverend Yat Michael und Reverend Peter Yen traten am 28. und 29. März zwei Tage in den Hunger­streik, um gegen ihre fort­ge­setzte Inhaf­tie­rung und die Verwei­ge­rung des Zugangs zu Rechts­bei­ständen zu protes­tieren. Sie werden derzeit von einem pro bono tätigen Anwalts­team vertreten. Am 19. und am 31. Mai haben bereits Anhö­rungen im Fall der beiden Geist­li­chen statt­ge­funden. Am 15. Juni soll ihre Verfahren fort­ge­setzt werden. Amnesty Inter­na­tional betrachtet Reverend Yat Michael und Reverend Peter Yen als gewalt­lose poli­ti­sche Gefan­gene, die allein wegen der fried­li­chen Wahr­neh­mung ihres Rechts auf freie Meinungs­äu­ße­rung fest­ge­nommen, inhaf­tiert und ange­klagt wurden. – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 21. Juli hinaus, unter »> ai : urgent action

ping

siatista mittags jahre später

2

echo : 5.08 – Vor Jahren einmal wurde mir erzählt, ein sehr alter Mann habe sich aus Verzweif­lung über die poli­ti­sche Lage seines Landes, andere meinten, weil er im hohen Alter noch hungern musste, an einem wunder­schönen Maitag auf dem Markt­platz der male­ri­schen Stadt Siatista, demzu­folge in einer nörd­li­chen Provinz Grie­chen­lands, erschossen. Er habe ein Sturm­ge­wehr für seinen letzten Schuss verwendet, eine Waffe, die seit dem Jahre 1944 im Keller seines Eltern­hauses in Ölpa­pier gewi­ckelt lagerte. Beinahe wäre das Gewehr, einst Stolz des jungen Mannes im Kampf gegen deut­sche Faschisten, für immer in Verges­sen­heit geraten. Im Detail war damals zu erfahren gewesen, die Kugel habe zunächst den Unter­kiefer des alten Mannes durch­schlagen, sei von dort aus in das Gehirn vorge­drungen und habe den Kopf über das linke Auge hin wieder verlassen. Bruch­teile einer Sekunde später soll das Projektil eine Fliege getötet haben, die sich kurz zuvor auf den Weg südwest­wärts gemacht hatte, um sich zuletzt in den Ast eines Salz­baumes zu bohren. – Ist das nun eine Geschichte oder eine Nach­richt? Ich habe noch immer keine Antwort auf diese Frage. – stop

ping

von regenschirmen

2

romeo : 6.48 – In der Dämme­rung die Vorstel­lung, ich würde unter Bäumen liegen, Vögel singen, was für ein wunder­schöner Morgen, es ist warm, es ist kurz vor fünf. Ich höre wie sich ein großes Tier durchs Unter­holz bemüht, das könnte ein Bär sein oder ein Hirsch oder ein Bison. Häuser exis­tieren an diesem Morgen keine, weder Brief­kästen noch Fahr­räder, ich ruhe auf Blät­tern, die ich am Abend zuvor zu einem Haufen legte. Es ist viel­leicht das Jahr 8022 vor Beginn unserer Zeit­rech­nung. Ich ahne noch nicht, dass ich bald eine Tasse Kaffee begehren werde. Ich bin glück­lich, ich bin noch keinem Wolf begegnet. Aber ich habe, glaube ich, die Appa­ratur eines Regen­schirms bereits erfunden, sie ist, wie mein Bett, von hölzernen Stäb­chen und Blät­tern gefer­tigt. Vermut­lich werde ich an einem weiteren Tag in demselben Leben erkennen, dass ich aus einem größeren Regen­schirm ein Haus bauen könnte, heute aber, in der Morgen­däm­me­rung, gerade beginnen die Vögel zu singen, ich bin noch schläfrig, noch kein Erfin­der­geist. Es ist warm, es exis­tieren weder Häuser, noch Fahr­räder, noch Brief­kästen, noch Uhren. – stop

ping

alexandros panagoulis

2

alpha : 2.58 – Ich beob­ach­tete einen jungen Mann, der lange Zeit neben einer Ampel vor einer Kreu­zung stand, eine vornehme und zugleich merk­wür­dige Erschei­nung. Der Mann trug einen eleganten, grauen Anzug, hell­braune, feine Schuhe, ein weißes Hemd und eine Krawatte, feuerrot. Er machte etwas Selt­sames, er setzte nämlich seinen rechten Fuß auf die Straße, um ihn sogleich wieder zurück­zu­ziehen, als ob der Belag der Straße zu heiß wäre, um sie tatsäch­lich betreten zu können. Das ging eine Vier­tel­stunde so entlang, ein früher Nach­mittag, es regnete leicht. Der Mann schien nicht zu bemerken, dass ich ihn beob­ach­tete. Um uns herum waren sehr viele Menschen unter­wegs gewesen, die die Kreu­zung Broadway Ecke 30. Straße schnell­füßig unter sich drehenden Regen­schirmen über­querten. Für einen Augen­blick hatte ich den Eindruck, der Mann würde sich verhalten wie eine Figur in einem sehr kurzen Film, der sich unab­lässig wieder­holte. Einmal bleibt eine ältere Frau neben ihm stehen, sie schien zu zögern, aber dann trat sie doch entschlossen auf die Straße, um kurz darauf zurück­zu­kehren und dem jungen Mann eine Tüte Nüsse zu über­rei­chen. In genau diesem Augen­blick liess ich los und spazierte weiter in Rich­tung South Ferry, ohne mich noch einmal nach dem jungen Mann umzu­drehen. – Kurz vor drei Uhr. Noch Stille draußen vor den Fens­tern, kühle Nacht. Erin­nerte mich vor wenigen Stunden an Alex­an­dros Pana­goulis, an das vorge­stellte Bild des Dich­ters, wie er im grie­chi­schen Mili­tär­ge­fängnis Bogiati in einer Zelle sitzt. Er ist ohne Papier, er notiert Gedichte, die er aufhebt in seinem Kopf. Lange musste ich nach seinem Namen suchen, er war verschwunden gewesen, als hätte ich nie von ihm gelesen. – stop
drohne4

e – geparden

9

nordpol : 6.28 – Man müsste einmal ein Programm erfinden, das in der Lage wäre, E-Mail­briefe, die man verse­hent­lich verschickte, zu jagen, zu erlegen, oder ganz einfach behutsam wieder zurück­zu­holen. Ich meine das so: Nehmen wir einmal an, eine E-Mail wäre vorzeitig entwischt, ohne Gruß und Unter­schrift bewegte sie sich rasend schnell durch das World­Wi­deWeb von Knoten zu Knoten, ein Brief, der nicht unhöf­li­cher sein könnte, ein licht­schnelles Mons­trum, wie glück­lich würde man sein, wenn man ihn unge­schehen machen oder nach­träg­lich noch bear­beiten könnte, in dem zu jeder E-Mail ein persön­li­cher E-Mail­ge­pard gehörte, der hinter dem fehler­haften Stück herhetzen würde bis das gejagte Zeichen­wesen getilgt sein würde, zu einem Nichts geworden, wie nie gewesen. Manche dieser Geparden wären viel­leicht in der Lage, sich bis in die E-Mail­pro­gramme adres­sierter Computer selbst fort­zu­be­wegen, E-Mail­briefe, die bereits geöffnet wurden, würden vor den Augen der Leser verschwinden oder sehr heim­lich später, so dass sie nie wieder gefunden werden könnten, als ob sie nie exis­tierten, Geis­ter­wesen, Täuschung, Gehirn­schatten ohne Beweis. Es ist Samstag und es regnet kühles Wasser als wäre dieser Tag bereits im Herbst. – stop / koffer­text
ping

husum

picping

MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 264 hupende Rüssel­rosen, nahe Husum gesichtet. Man befindet sich in zirku­lie­render Bewe­gung. – stop
ping

timi

9

nordpol : 5.32 – Seit fünf Tagen bereits versuche ich von einem Zimmer zu träumen, in dem es immer­fort regnet. Ich mache das so, dass ich in den Minuten, da ich einzu­schlafen wünsche, über­lege wie es wäre, wenn in dem Zimmer, in dem ich mich gerade befinde, Regen fallen würde. Diese Methode des Regen­den­kens ist leider bislang nicht sehr erfolg­reich gewesen. Einmal schlief ich ein. Als ich erwachte hörte ich wirk­li­chen Regen draussen in den nächt­li­chen Bäumen. Ich ging dann spazieren, dachte finnisch klin­gende Namen aus : Satu N. Mäkela . Annukka R. Timi. Helena Paivi . Jona­than Paivi . Janne Ollila. Zwei dieser ausge­dachten Namen zeitigen Spuren wirk­li­cher Menschen in der Sphäre der Such­ma­schinen, einer scheint männ­li­cher Natur zu sein, obwohl ich ihn weib­lich über­legte. – stop

mrlisa

serpentine

picping

Man erzählt, ein Mobil­te­lefon, welches sich wahllos mit weiteren elek­tri­schen Appa­ra­turen verbinden wollte, habe am gest­rigen Abend nahe King’s Cross in einem Wagon der Londoner Subway das plötz­liche Ableben folgender Personen bewirkt: Henry L. Miller, 82, Eddy M. Litty, 91, sowie Lisbeth Fergurson, 78. Im Hyde Park, west­lich der Serpen­tines, sollen leuch­tende Kühe unter Linden bei zärt­li­chem Liebes­spiel beob­achtet worden sein. – stop

ping

im nachtpark

9

alpha : 4.52 – Gestern, am frühen Morgen, spazierte ich im Adorno Park. Die Vögel schliefen noch, beinahe Licht­lo­sig­keit. Wie ich so ging und über­legte, entdeckte ich eine Gestalt, die auf einer Bank unter einer Kastanie saß. Sie bewegte sich nicht im mindesten und schien, obwohl doch kaum Licht exis­tierte, in einer Zeitung zu lesen. Auch die Zeitung bewegte sich nicht, viel­leicht weil kein Wind. Ein merk­wür­diger Anblick. Ich stand ganz still und wartete. Ich warte ein oder zwei Minuten lang, dass sich die Gestalt auf der Bank für einen Moment bewegen möge, ein Lebens­zei­chen von sich geben, ein Geräusch viel­leicht. Ich dachte noch, das könnte ein selt­samer Anblick sein für einen hinzu­kom­menden Beob­achter, ein Mann, der reglos auf einer Bank sitzt, während er von einem weiteren reglos stehenden Mann betrachtet wird. Nun wird viel­leicht auch dieser Beob­achter stau­nend oder furchtsam inne­halten, was für eine selt­same Sache. Zum Glück wird es bald hell werden, die Vögel werden erwa­chen und das Licht begrüßen, oder sie werden ganz still sein vor Verwun­de­rung, welch uner­hörte Dinge sich in ihrem Park ereignen. – Fünf Uhr zwei­und­fünfzig in Palmyra, Syria. – stop

ping

nubelili

9

nordpol : 2.28 – ekoiebe puja­dule bucu­mamba lobo­wadi malo­kabe nube­lili bibi­gabe mifo­bulu fibo­webo cura­buba. – Ich notiere: Wieder Wörter erfunden, wieder mein Gehirn bespielt. – Gabriele Wohmann ist gestorben, so leise. – stop

ping

kurz vor mitternacht

9

sierra : 23.55 – In U-Bahnen reisend immer wieder der Eindruck, Menschen würden mittels ihrer raschelnden Zeitungen zuein­ander spre­chen. Eine Weile ist Ruhe, aber dann blät­tert irgend­je­mand eine Seite um, und schon knis­tert der Wagon von Reihe zu Reihe weiter. Man möchte in diesen Momenten meinen, die Papiere selbst wären am Leben und würden die Lesenden bewegen. Einmal habe ich mir Zeitungs­pa­piere von stoff­ar­tiger Substanz vorge­stellt, Papiere von Seide zum Beispiel, so dass keinerlei Geräusch von ihnen ausgehen würde sobald man sie berührte. Eine eigen­tüm­liche Stille, Geräusch­lo­sig­keit, Leere, ein Sog, eine Wahr­neh­mung gegen jede Erfah­rung. – Kurz vor Mitter­nacht. Ich habe diese kleine Geschichte gerade eben Schnecke Esme­ralda vorge­lesen, um sie zu wecken. Sie war in der Abend­däm­me­rung über meinen Küchen­tisch gekro­chen, hatte sich auf eine Banane gesetzt und war dann vermut­lich einge­schlafen, während ich eine Debatte des grie­chi­schen Parla­ments via Live­stream beob­ach­tete. Dort auf dem Bild­schirm aufge­regte Menschen, die in einer wohl­klin­genden Sprache formu­lierten, die ich nicht verstehe, aber sofort erkenne, sobald ich sie vernehme. Einmal meinte ich, den Namen Willy Brandts gehört zu haben. – stop. Wolken­loser Himmel. stop. Nichts weiter. – stop

nach­richten von esme­ralda »

drohne2

vom fotografieren

2

hima­laya : 2.28 – Gestern Abend machte ich einen Spazier­gang durch die Stadt. Es war sehr schön warm geworden, über den Opern­platz jagten ein paar Haifü­si­liere in Kopfes­höhe unter den flanie­renden Menschen dahin, eine wirk­lich schöne dunkel­blaue Stunde. Und während ich so ging, tele­fo­nierte ich scheinbar, das heißt, ich hielt mein Mobil­te­lefon an mein rechtes Ohr, aber anstatt einer Stimme zuzu­hören, die gar nicht aus dem Telefon heraus­kommen konnte, weil ich mit niemanden verbunden war, foto­gra­fierte ich wild herum, ohne frei­lich sehen zu können, was mir vor die Ohrlinse kam. Auf der Kaiser­straße machte ich in dieser Weise heim­lich Aufnahmen von einem Hütchen­spieler. Ich musste mich dazu seit­wärts zum Geschehen in meiner Nähe posi­tio­nieren. Irgend­je­mand könnte in diesem Moment viel­leicht Verdacht geschöpft haben, als ich weiter­ging, wurde ich beob­achtet, zwei Herrn, die mir nicht gefielen, beglei­teten mich. Sie kamen sehr nah an mich heran. Um mich zu retten, begann ich in mein Telefon zu spre­chen. Ich tat so, als ob ich irgend­je­mandem eine Geschichte erzählen würde. Ich berich­tete von Häusern, die unter riesigen Ballonen schweben. Indessen ging ich nicht schneller voran, als üblich. Zweimal blieb ich stehen, und auch die zwei Männer blieben stehen. Am Londoner Platz fiel mir zu Ballon­häu­sern nichts mehr ein, ich gab darum eine Weile vor, selbst einer Geschichte zuzu­hören, nickte immer wieder, lachte, dann fragte ich mit fester Stimme, ob ich viel­leicht die Geschichte von den Eisbü­chern erzählen sollte. Da ließen, weiß der Himmel warum, beide Herrn von mir ab. – stop
ping

Top