onkel ludwig

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tan­go : 1.38 — Mein alter Onkel Lud­wig, der wirk­lich schon sehr alt ist, berichtet, er habe errech­net, wenn er noch in der Lage wäre, jeden Tag 300 Seit­en eines Buch­es zu lesen, wenn er außer­dem noch fünf Jahre lesend erleben dürfte, würde er, bei guter Führung, 1825 weit­ere Büch­er zu sich nehmen. Das kön­nte genü­gen, sagte Onkel Lud­wig. Er ist übri­gens noch sehr gut zu Fuß, man kann ihn mor­gens gegen 10 Uhr beobacht­en, wie er die Trep­pen zur Stadt­bib­lio­thek erk­limmt. Er kommt mit der Straßen­bahn dort an, heimwärts, schwere Bücher­taschen tra­gend, nimmt er ein Taxi. Manch­mal sitzt er noch ein oder zwei Stun­den im Cafe Mozart, er liebt Käsekuchen und Mohn­schnit­ten von Herzen. Ich glaube, heute ist Mittwoch, heute wird er ein Buch der Schrift­stel­lerin Yoko Ogawa zu sich nehmen, so ist sein Plan, in diesem Buch soll ein Ele­fant auf dem Dach eines Kaufhaus­es leben. Ger­ade eben leichter Gewit­ter­re­gen. Das wird sich­er sehr warmes Wass­er sein, das vom Him­mel fällt. Guten Mor­gen! — stop

queenmary

sommernacht

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delta : 4.15 – In der ver­gan­ge­nen Nacht habe ich wie­der ein­mal das Käfer­wer­fen geübt. Ange­nehme Stun­den. Ben­ny Good­man Live at Car­ne­gie Hall. Fol­gende Käfer habe ich aus dem Fens­ter gewor­fen: 1 blauen Spitz­maus­rüs­sel­kä­fer gegen Mit­ter­nacht, 4 Mari­en­kä­fer von 1 Uhr bis 2 Uhr, 1 sei­di­gen Glanz­rüss­ler um kurz nach 3, gegen 4 Uhr dann 1 schar­lach­ro­ten Feu­er­kä­fer. Jed­wed­er aus dem Fens­ter gewor­fe­ne Käfer war sofort wie­der zu mir zurück­ge­kehrt, ent­we­der weil er ein wei­te­res Mal in die Luft gewor­fen wer­den woll­te oder weil das Licht von mei­nen Zim­mern her so schön warm in der Dun­kel­heit leuch­tete. – stop

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kyllini

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MELDUNG. Junge Engel, Schule zu St. Nazaire, sind heute Abend von 10 bis 11 bei leichter Nacht­fliegerei über der Süd­flanke des Kylli­ni  [ Pelo­ponnes ] anzutr­e­f­fen. Ein­tritt frei. — stop

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ai : ägypten

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Die Frauen­recht­lerin Azza Soli­man sowie 16 weit­ere Per­so­n­en, die bei einem friedlichen Gedenkmarsch Augenzeug_innen ein­er Tötung durch die Polizei gewor­den waren, müssen am 4. Juli vor Gericht erscheinen. Ihnen dro­hen bis zu fünf Jahre Haft und eine Geld­strafe bis zu 50.000 Ägyp­tis­chen Pfund (rund 5.800 Euro). Das Gericht ord­nete am 13. Juni die per­sön­liche Anwe­sen­heit der Angeklagten bei der Anhörung am 4. Juli an. Die 17 Angeklagten waren am 23. Mai von einem Kairoer Gericht von dem Vor­wurf der “Teil­nahme an ille­galen Protesten” und der “Störung der öffentlichen Ord­nung” auf Grund­lage des repres­siv­en Demon­stra­tions­ge­set­zes freige­sprochen wor­den. Drei Tage später legte die ägyp­tis­che Staat­san­waltschaft ein Rechtsmit­tel ein. Die Anhörung am 13. Juni war die erste im Rechtsmit­telver­fahren. Sie fand vor dem Beru­fungs­gericht Zain­hom in Anwe­sen­heit von zwei Prozessbeobachter_innen der Del­e­ga­tion der Europäis­chen Union in Kairo statt. / Laut dem von Azza Soli­man gegrün­de­ten Recht­shil­fezen­trum für ägyp­tis­che Frauen Cen­ter for Egypt­ian Women’s Legal Assis­tance bemerk­te das Gericht, dass die Angeklagten bei dieser Anhörung nicht wie vom ägyp­tis­chen Prozess­recht vorge­se­hen vor Gericht erschienen waren. Die Rechts­beistände der Vertei­di­gung führten an, dass ihre Mandant_innen das Recht hät­ten, von Rechts­beistän­den vertreten zu wer­den. Sie haben ihre Mandant_innen instru­iert, dass nicht alle von ihnen am 4. Juli erscheinen müssen. / Der Polizeibeamte Yassin Hatem Sala­hedeen wurde am 11. Juni wegen der Tötung der links­gerichteten Aktivistin und Dich­terin Shaimaa Al-Sab­bagh zu 15 Jahren Haft verurteilt. — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 13. August hin­aus, unter »> ai : urgent action

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von zeppelinkäfern

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marim­ba : 2.28 — Für einen Moment dachte ich heute Nacht an eine Geschichte, die ich vor langer Zeit ein­mal erzählte. Das war gegen 2 Uhr gewe­sen. Ich beobachtete aus mehreren Metern Ent­fer­nung wie ein Käfer, der einem Zep­pelinkäfer ähn­lich war, sehr langsam durch mein Zim­mer schwebte, um auf ein­er Tis­chlampe zu lan­den. Dort blieb er für einige Minuten sitzen. Sofort suchte ich nach jen­er Geschichte, die von einem Zep­pelinkäfer han­delt. Sobald ich sie gefun­den hat­te, segelte der Käfer, der mich an meine Notiz erin­nert hat­te, in die Dunkel­heit davon, sodass ich ihn beina­he für die per­son­ifizierte Erin­nerung dieser einen Geschichte hal­ten möchte. Sie geht so: Ein selt­sames Wesen schwebte kurz nach 1 Uhr in der Nacht schnurg­er­ade eine unsicht­bare Lin­ie über den hölz­er­nen Fuß­bo­den meines Arbeit­sz­im­mers ent­lang, wurde in der Mitte des Zim­mers von ein­er Luft­strö­mung erfasst, etwas ange­hoben, dann wieder zurück­ge­wor­fen, ohne allerd­ings mit dem Boden in Berührung zu kom­men. — Ein merk­würdi­ger Auftritt. – Und dieser großar­tige Bal­lon von opakem Weiß! Ein Licht, das kaum noch merk­lich flack­erte, als ob eine offene Flamme in ihm bren­nen würde. Ich habe mich zunächst gefürchtet, dann aber vor­sichtig auf Knien genähert, um den Käfer von allen Seit­en her auf das Genaueste zu betra­cht­en. — Fol­gen­des ist nun zu sagen. Sobald man einen Zep­pelinkäfer von unten her besichtigt, wird man sofort erken­nen, dass es sich bei einem Wesen dieser Gat­tung eigentlich um eine fil­igrane, flügel­lose Käfer­gestalt han­delt, um eine zer­brech­liche Per­sön­lichkeit ger­adezu, nicht größer als ein Stre­ich­holzkopf, aber schlanker, mit acht recht lan­gen Rud­er­beinen, gestreift, schwarz und weiß gestreift in der Art der Zebrapferde. Fünf Augen in graublauer Farbe, davon drei auf dem Bauch, also gegen den Erd­bo­den gerichtet. Als ich bis auf eine Nasen­länge Ent­fer­nung an den Käfer herangekom­men war, habe ich einen leicht­en Duft von Schwe­fel wahrgenom­men, auch, dass der Käfer flüchtet, sobald man ihn mit einem Fin­ger berühren möchte. Ein Wesen ohne Laut. – Guten Mor­gen! Heute ist Son­ntag bei großer Hitze. — stop

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ANFANG === bEKOl6nBFkbLw4UCQdhQBw === ENDE

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alpha : 5.15 — Der Feed-Atom eines kleinen Textes, den ich im Juni des Jahres 2013 an dieser Stelle ver­schlüs­selt sendete, wurde bish­er 16205 Mal ange­fordert. Ich bin nun beina­he sich­er, dass es sich bei meinem Text um die Lek­türe ein­er Mas­chine han­delt, die sich rhyth­misch vergewis­sert, ob der möglicher­weise gefährliche Text noch existiert auf dem par­ti­cles-Serv­er. Diese mir nicht bekan­nte, rou­tiniert arbei­t­ende Mas­chine scheint noch immer nicht in der Lage zu sein, einen Code zu erken­nen, der im let­zten Satz des Textes selb­st für seine umge­hende Entschlüs­selung prä­pari­ert wurde. Eine skur­rile Angele­gen­heit, nicht wahr! Ver­such No. 3 : ANFANG === a 4 n Z Q c Z c V 5 2 E p 5 0 P B S a l A B Y l g e 0 E Z M a N Q M D U F f a 5 g a F X 0 r j W u G h y B C V u v f L 7 U r D z s 9 y V 7 Q x I Q R E m I L c I 9 c n c D p t x g / y G r p M e k z a x 3 s O f c H / E e Q s 2 X 0 8 6 6 U h i M J 3 G 5 0 r m A f j Q j h k 3 f f 7 5 m r W + i R O f F H R d b m 1 n q i v 8 B Y 5 P m b q J 6 W J 8 Z t j o F h u J V Z T r W V 8 h + I 3 Y k g / P j L 0 S 5 p B j 8 J t / B 1 8 p + O O h k l 5 f n i z q e H J s s e g P W 9 m F n c L n / 6 Y C 8 n L p v / G H x m n K / D I 5 v d F u 8 u 8 M l 5 A m / V Y p g Q === ENDE / code­wort : birdy­birdy — stop

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ein selbstgespräch

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nord­pol : 15.12 — Oder ein Cha­traum, in dem 200 Jahren lang eine Per­son mit sich selb­st kom­mu­niziert. Plöt­zlich erscheint das erste Zeichen ein­er weit­eren Per­son, dann ein ganzes Wort in diesem Raum. — HELLO! — Langes Schweigen. — Jahre andauern­des, schweigen­des Warten wie Staunen. Dann, unver­mit­telt, ein Jahrzehnt ist ver­gan­gen, wird das Selb­st­ge­spräch in ein­er Weise fort­ge­set­zt als wäre das Wort HELLO niemals aus­ge­sprochen oder emp­fan­gen wor­den: /// guten abend! wie geht es dir? — gut! und dir? — prächtig. — schön zu hören. lange nicht gesprochen, wo liegt dein prob­lem? — ich habe heute abend kein prob­lem. — wenn du dein prob­lem nicht kennst, bist du hier genau richtig! — darf ich dir eine frage stellen? — sich­er! — was bedeutet das wort luftwellensegel? — hast du schmetter­linge im bauch? — bitte! bleiben wir ernst, bleiben wir bei der sache: was bedeutet das wort luftwellensegel? — lass uns das eine weile zurück­stellen. — warum? — erzähl weit­er! — hast du schon andere gefragt? — aber natür­lich! — schön zu hören. wo liegt dann dein prob­lem? — ich habe heute abend kein prob­lem! — wenn du dein prob­lem nicht kennst, bist du hier genau richtig! ich sehe, du bist ein schwieriger fall. /// — stop
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sao paulo

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MELDUNG. Sao Paulo, Rua Con­sel­heiro Crispini­ano 15, 3. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 1024 [ Mar­mor, Car­rara : ´1.65 Gramm ] vol­len­det. — stop

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winterreise

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alpha : 1.58 — Eine Bekan­nte berichtet, sie würde sich sel­ten, nur jedes zweite Jahr ihr Haar kürzen. Für diesen Prozess der Kürzung besuche sie immer wieder densel­ben Friseur, er scheint ihr inzwis­chen ver­traut gewor­den zu sein. Das zwei Jahre lange Haar, welch­es ihr abgenom­men werde, trans­portiere sie dann unverzüglich nach Hause, wo es, in sei­denes Papi­er eingeschla­gen, in einen Schrank gelegt und dort aufge­hoben würde. Das Geheim­nis dieses Ver­fahrens liegt darin begrün­det, dass meine Fre­undin in höherem Alter Perück­en von eigen­em Haar zu tra­gen wün­scht. Warum das so ist, erk­lärte sie mir nicht, auch nicht, warum es immer August ist, wenn sie ihre Haare schnei­den lässt. — Ich sollte im kom­menden Jahr im Win­ter vielle­icht ein­mal nach Griechen­land reisen, zwei oder drei Kof­fer. Anstatt Unterkün­fte syrisch­er Boat­peo­ple anzuzün­den, wer­den Flüchtlings­men­schen der Insel Les­bos von griechis­chen Bürg­ern und Urlaubern mit Nahrungsmit­teln und Wass­er ver­sorgt. Das erzählte das Fernse­hen gestern Abend um kurz nach Zehn. — stop
elisabeth

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sier­ra : 4.15 — Irgend­je­mand num­meriert mit­tels fin­ger­ho­her Krei­deze­ich­nung Bäume in mein­er Straße, warum? — stop

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apollo

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sier­ra : 0.58 — Zwei Stun­den vor Com­put­er­mas­chine. Ich beobachtete wieder ein­mal Astro­naut­en ein­er Apol­lomis­sion, wie sie sich Fis­chen gle­ich durch ihre Kapsel oder durch den Wel­traum bewe­gen. Indem ich ver­folge, wie sie vor ein­er Kam­era an Spielob­jek­ten Wirkun­gen der Schw­erelosigkeit demon­stri­eren, indem ich ihre beschädigten Funkstim­men höre, die Erin­nerung an den Gedanken, dieses Schep­pern, Pfeifen, Knis­tern, Krächzen kön­nte ent­standen sein, weil ihren Stim­min­stru­menten das Gewicht der Welt ent­zo­gen wurde. Sie erscheinen nun als Gefan­gene eines Film­doku­mentes. Wie wird sich meine eigene Stimme vielle­icht in den sieben Jahren, die ver­gan­gen sind, seit ich das Film­doku­ment zulet­zt beobachtete, verän­dert haben? — stop

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amsterdam

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MELDUNG. Frische Ohren zu Ams­ter­dam, men­schlich, aus den Laboren in der Over­singe 11, nahe Amstel­park: 100 g je 105 englis­che Pfund. Nur heute. Ab 15 Uhr. Solange der Vor­rat reicht. — stop
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malcolm lowry

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echo : 2.28 — Am 15. Jan­u­ar des Jahres 2008, es war gegen 3 Uhr in der Nacht, erin­nerte ich mich an eine Geschichte, die von Mal­colm Lowry erzählt, genau genom­men von sein­er Art und Weise zu schreiben, nach­drück­lich­er noch von der Meth­ode zu ver­lieren, was ger­ade eben noch notiert wor­den war. Mal­colm, so der Erzäh­ler der Geschichte, soll Gedanken auf jedes Stück Papi­er geschrieben haben, das in seine Reich­weite gekom­men war, auf Rech­nun­gen, Speisekarten, Bil­lets beispiel­sweise, sofern er in einem Café oder in ein­er Bar Platz genom­men hat­te, um solange notierend zu arbeit­en, bis er aus­re­ichend betrunk­en gewor­den war damit aufzuhören. Wie viele Wörter und Sätze sind wohl vom Wind in Wüsten oder auf Meere hin­aus getra­gen wor­den, wie viele Büch­er haben sich in Luft aufgelöst? Ich stelle mir immer wieder lei­den­schaftlich gerne vor, wie Mal­colm Lowry in unser­er Zeit seine Zeichen­ket­ten für die Welt abgelegt haben kön­nte. Sagen wir so: Lowry arbeit­et nie wieder mit einem Bleis­tift. Er notiert seine Gedanken in eine fed­er­le­ichte, elek­trische Mas­chine, die am Gür­tel sein­er Hose fest ver­ankert wird. Sorgfältig von sein­er Ehe­frau Marg­erie Bon­ner pro­gram­miert, verbindet Mal­colms per­sön­lich­es Notierg­erät unverzüglich Tas­tatur mit dig­i­taler Sphäre, sobald sich der Autor, gle­ich welch­er geisti­gen Ver­fas­sung, mit der einen oder der anderen Hand nähert. Nun schreibt der Autor. Er arbeit­et, vielle­icht ste­hend, vielle­icht sitzend, vielle­icht liegend. Und während er so arbeit­et, wird Zeichen für Zeichen unverzüglich an einen geheimen Ort der Spe­icherung gesendet. Dort, drop­zone, kön­nte man sitzen und warten und betra­cht­en, wie der Text, um den Bruchteil ein­er Atom­sekunde in der Zeit ver­rückt, vol­l­zo­gen wird. — Nacht­flugkäfer sind in der Luft. — stop

zebra

nachts

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whiskey : 0.18 — Von fern her Grollen, Don­nern. Wenn die schneeweißen Blitze nicht wären, kön­nte man meinen, irgend­wo in der Nähe würde gekämpft. Ich träumte von Fal­tern, wie sie durch meine Woh­nung brum­men. Als ich einem der Fal­ter im Luftraum begeg­ne, erkenne ich in ihm einen fliegen­den Schwarzbären, der verge­blich ver­sucht fes­ten Boden unter seine Tatzen zu bekom­men. — stop

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0 Uhr 25

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whiskey : 0.25 — Jede der Schreib­maschi­nen, die ich besitze, jene in der Küche, jene im Arbeit­sz­im­mer, jene in meinem Ruck­sack, jene in mein­er Hosen­tasche, kön­nte ein sen­si­bles Hör- oder Sehrohr sein. — stop

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ein zeitraum wird sichtbar

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echo : 0.28 — Wann war es das erste Mal gewe­sen, dass ich von der Filmemacherin Lau­ra Poitras hörte. Vielle­icht im Som­mer des Jahres 2013. Ich erin­nere mich, jemand erzählte, sie sei eine in sich ruhende, sehr starke Frau, die niemals, auch in gefährlichen Sit­u­a­tio­nen nicht, ihre Fähigkeit der Konzen­tra­tion ver­lieren würde. In ihrem Doku­men­tarfilm Cit­i­zen­four, der vornehm­lich in einem Hotel der Stadt Hong Kong gedreht wurde, ist sie selb­st kaum zu sehen. Ich meine ihre Gestalt sowie ihre Kam­era in einem Spiegel für einige Sekun­den wahrgenom­men zu haben. Ein merk­würdi­ger, inten­siv wirk­ender Film, dessen Bilder vage Vorstel­lun­gen der Ereignisse jenes Som­mers mit wirk­lichen Bildern füllte. Edward Snow­den sitzt bar­fuss auf einem Bett, meine Augen beobachteten ihn im Licht der vorgestell­ten, ver­mut­lich sehr realen Gefahr, in der sich der junge mutige und über­aus klar sprechende Mann befand. Immer wieder hielt ich den Film an, um nachzu­denken oder zu ler­nen. Ein­mal beobachtete ich indessen wie sich Sch­necke Esmer­al­da über den Boden meines Arbeit­sz­im­mers in Rich­tung eines geöffneten Fen­sters fort­be­wegte. Sie wan­derte gemäch­lich die Wand hin­auf zum Fen­ster­brett, wartete dort einige Minuten, während sie den Nachthim­mel mit ihren Augen betastete, um sich schließlich hin­aus an die raue Hauswand zu wagen. Einige Stun­den später, in der Däm­merung des Mor­gens, kehrte sie zurück. Ihre Kriech­spur schim­merte im ersten Licht des Tages an der Wand des Haus­es, sie war, aus der Per­spek­tive ein­er Sch­necke betra­chtet, weit herum gekom­men. Den fol­gen­den Tag über schlief Esmer­al­da tief und fest, wie mir schien, in der Küche auf dem Tisch. Ihr schw­eres Gehäuse lehnte an ein­er Aprikose. — stop

nachricht­en von esmer­al­da »


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kym

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delta : 5.05 — Gestern Abend ent­deck­te ich einen Brief, den ich vor langer Zeit ein­mal erhal­ten und damals nicht geöffnet hat­te. Im Brief befand sich ein von hand­schriftlichen Zeichen bedeck­tes Stück Papi­er, weit­er­hin eine Fotografie, die einen blühen­den Garten zeigt. Außer­dem bewahrte das Kuvert, welch­es den Brief umhüllte, eine hauchdünne, in Sei­den­pa­pi­er eingeschla­gene Scheibe Christ­stol­lens, die stein­hart gewor­den war. Der Brief wurde einst von mein­er Groß­mut­ter auf den Weg gebracht, sie ist längst gestor­ben. Ich legte das Gebäck, — Rosi­nen, Anis, Zimt, Marzi­pan, Mohn, — vor­sichtig auf einen Teller ab, bald lan­de­ten Fliegen auf der Zuck­er­scheibe. Kurz darauf näherte sich eine Zebraspringspinne, so dass ich mit­tels mein­er Lese­brille drama­tis­che Szenen beobachtete. — Däm­merung. Große Hitze unterm Dach. Maceo Park­er Shake every­thing you’ve got. — stop

tasche

oslo

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MELDUNG. Zu Oslo, am hel­l­licht­en Tag um 15.07 MESZ, wurde nahe der Tram­sta­tion Haus­man­ns Gate 8 ein Mann ohne Papiere von ein­er Gewehrkugel in die Schul­ter, rechts, getrof­fen. Ein Zeuge, 45, will den Flug des Pro­jek­tils auf das Genaueste beobachtet haben, 7.92 mm. — stop

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salzluft

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sier­ra : 6.25 — In der zen­tralen Bib­lio­thek der Stadt Upp­sala soll eine Abteilung duf­ten­der Büch­er existieren. Der Beschrei­bung nach han­delt es sich bei dieser Abteilung um einen kühlen, abge­dunkel­ten Saal, in dem sich ent­lang der Wände gläserne Behäl­ter rei­hen, in welchen sich je ein Buch befind­et. Diese Büch­er seien min­destens ein­hun­dert Jahre alt. Sie hät­ten sehr bewegte Zeit­en hin­ter sich, seien zur See gefahren, über­dauerten selb­stver­loren Jahrhun­derte in Kirchen oder über­lebten zu Füßen vulka­nis­ch­er Berge schw­er­ste Erup­tio­nen. Nähere man sich nun einem dieser Behäl­ter, würde man bemerken, dass er über einen Vor­satz mit einem Riegel ver­füge, den man öff­nen könne, sobald man eine Nase an den Vor­satz legte. Unverzüglich würde man über­rascht von inten­siv­en Düften, von Sal­zluft­duft, zum Beispiel, wie er See­häfen eigen sei, oder von Schwe­feldämpfen, von Weihrauch- oder Myrredüften. Lesen könne man die Büch­er natür­lich nicht, das sei nun über­haupt nicht vorge­se­hen, sie sind ja einges­per­rt, und das würde sich niemals ändern, eine merk­würdi­ge Geschichte. Diese merk­würdi­ge Geschichte wurde mir gestern von einem Reisenden erzählt, der nachts im Ter­mi­nal 1 des Flughafens wartete. Es war um kurz nach fünf Uhr, als sich eine Frau mit einem sehr kleinen roten Kof­fer in der Hand nährte. Sie erkundigt sich nach der Uhrzeit. Ich sagte: Es ist genau fün­fzehn Minuten nach. Woraufhin die Frau weit­er fragte: Mor­gens oder abends? — stop

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who is fred wesley?

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tan­go : 2.30 — Heit­er­er Stim­mung war ich gestern Abend der Geschwindigkeit, mit welch­er Waren, die ich kaufte, an der Kasse eines Super­mark­tes behan­delt wur­den, nicht gewach­sen, vielle­icht deshalb weil ich über­haupt langsamer gewor­den bin, oder weil ich in dem Augen­blick, da meine Ware über einen Scan­ner bewegt wurde, darüber nach­dachte, ob es sich bei E-Mails, die ich manch­mal schreibe, noch um Wesen han­delt, die man als Schrift­stücke beze­ich­nen kön­nte. So oder so dro­hte ein Fiasko, da sich die Waren, die ger­ade in meinen Besitz überge­gan­gen waren, hin­ter dem Fließband ineinan­der schoben wie Pack­eiss­chollen auf dem Atlantik vor Grön­land. Eine junge kolumbian­is­che Assis­tentin kam glück­licher­weise bald zu Hil­fe, ich führte mehrere gefal­tete Papiertüten mit mir, die sehr sorgfältig bepackt wer­den mussten. Sie sprach nur wenige Wörter mein­er Sprache, und sie schwitzte indessen und ver­suchte mir zu erk­lären, dass es in ihrem Land noch viel wärmer sei als bei uns in Europa, aber dass sie dort, auch im Regen­wald nicht, niemals so heftig schwitzen würde wie hier, die Kli­maan­lage sei aus­ge­fall­en, dass ich etwas langsamer sei als üblich, wäre ger­adezu vernün­ftig. Ja, ver­mut­lich bin ich langsamer gewor­den, und ich dachte, man kön­nte ein­mal Schnel­lka­ssen in dem Sinne bedenken, dass dort rasende Men­schen mit rasenden Hän­den rasende Geld­börsen bedi­enen, alles gin­ge dort so schnell, dass man als ein langsamer Men­sch, auf der anderen Seite der Zeit befind­lich, nur noch Unschär­fen in der Luft wahrnehmen würde, nicht aber einkaufende Per­so­n­en, während ein­er wie ich als eine Fotografie erscheinen würde, als Etwas, das sich niemals bewegt. — Kurz nach zwei Uhr. Wun­der­bar küh­le Luft. Who is Fred Wes­ley? — stop
guggenheim

vom destillieren

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ulysses : 0.12 — Fünf Minuten Lek­türe auf Posi­tion Face­book nahe Pegi­da. Fol­gende Begriffe ent­deckt, die asyl­suchende Men­schen beze­ich­nen: Pack Zeck­en Got­t­lose Krea­turen Schmarotzer Verge­waltiger Abzock­er Ter­ror­ris­ten Bomben­leger Kop­fab­schnei­der Aus­län­der Dro­genkuriere Stück Ein­drin­glinge Okku­pan­ten Flut­linge Inva­soren­pack Bobos Tau­genichtse Die da!- Ich kön­nte die bürg­er­lichen Namen jed­er der Per­so­n­en, die diese Beze­ich­nun­gen wählten, an Ort und Stelle hier notieren, sie sind mir bekan­nt, man scheint überzeugt zu sein, man scheint sich nicht im min­desten ver­beim­lichen zu wollen. Sehr selt­sam. — stop

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von schlafenden händen

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nord­pol : 2.32 — Der Fotograf Ray­mond C. erzählte fol­gende Geschichte. Er habe einige Wochen auf Fährschif­f­en gear­beit­et, die unen­twegt seit über einem Jahrhun­dert zwis­chen den Inseln Man­hat­tan und Stat­en Island pen­deln. Während der ersten Woche sein­er Schiffreise habe er ver­sucht, in der Dunkel­heit die Sil­hou­ette Brook­lyns zu fotografieren, das sei keine leichte Sache gewe­sen: Du musst Dir vorstellen, diese schö­nen orangen­far­be­nen Schiffe liegen zwar schw­er im Wass­er, und doch taumeln sie seitwärts und auf und ab dahin. Ich habe nach eini­gen Tagen bere­its aufgegeben, richtete mein Objek­tiv nun gegen das Wass­er, fotografierte Treibgut in näch­ster Nähe, das mit dem Hud­son Riv­er stromab­wärts reiste. Wenn du lange Zeit durch den Such­er dein­er Kam­era ins Wass­er blickst, wirst du dich über Regen­schirme, Kinder­wa­gen, Autor­eifen, Matratzen nicht länger wun­dern, es ist so, als gehörten sie wie kleinere und größere Seevögel natür­licher­weise in den Fluss. Ich habe Flaschen por­traitiert, tote Katzen, Schaufen­ster­pup­pen, man muss gut auf­passen, rechtzeit­ig auf den Aus­lös­er drück­en, die Schiffe fahren schnell, ein­mal sei ein Mann über Bord gesprun­gen. An einem Juni­abend, fuhr Ray­mond fort, habe er sich nach erfol­gre­ich­er Arbeit müde auf eine Bank des Prom­e­naden­decks der John F. Kennedy geset­zt, er sei dort für einen Augen­blick eingeschlafen und habe in diesem Moment des Schlafens mit der Fotokam­era in der recht­en Hand ohne Vor­satz seine linke, also seine schlafende Hand fotografiert. Ray­mond ent­deck­te diese so sel­tene wie uner­wartete Auf­nahme, während er in der Metro heimwärts fuhr. Nachts, in seinem Ate­liers in Queens, habe er sich dann an seinen Küchen­tisch geset­zt, habe seine Kam­era auf ein Sta­tiv geschraubt und über der Tis­ch­plat­te in Stel­lung gebracht. — stop

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ameisengesellschaft lh — 728

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MELDUNG. Ameisen­ge­sellschaft LN — 728 [ Säbel­dornige Knote­nameise ] Posi­tion 49°43’31.6“N 1°56’22.7“W nahe Cap de la Hague / Fol­gende Objek­te wur­den von 16.00 — 16.32 Uhr MESZ über das nord­west­liche Wen­del­por­tal ins Waren­haus einge­führt : zweiund­fün­fzig trock­ene Fliegen­tor­si mit­tlerer Größe [ je ohne Kopf ], dreiun­dreis­sig Baum­stämme [ à 10 Gramm ], achtzehn Rau­pen in Grün, achtund­dreis­sig Rau­pen in Feuer­rot, zwölf Insek­ten­flügel [ ver­mut­lich die von 6 Zitro­nen­fal­tern ], ein­hun­der­tundzwei Stre­ich­holzköpfe [ à ca. 1.8 Gramm ], sechs Per­so­n­en der Gat­tung Tachi­na fera [ Igelfliege ] in vollem Saft, son­nengetrock­nete Sand­dorn­blüten [ ca. 80 Gramm von ver­gan­genem Jahr ], sechs Sch­neck­en­häuser [ je ohne Sch­necke ], 1 Par­tikel Plu­to­ni­um [ ca 0.01 Gramm ], zwölf gelähmte Sch­neck­en [ je ohne Haus ], zwei­hun­der­tundzwölf Ameisen anliegen­der Staat­en [ betäubt oder tranchiert ], zwei Laufkäfer [ him­mel­blau ], fünf Aaskugeln eines Pil­len­drehers, wenig später der Pil­len­dreher selb­st, eine Wild­bi­ene, eine Porzel­lan­hand [ Puppe Zwerg Leopold Lam­bert um 1890 ] 7.8 Gramm. — stop

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olkiluoto

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romeo : 0.01 — Im Doku­men­tarfilm Into Eter­ni­ty aus dem Jahr 2010 eine äußerst span­nende Frage ent­deckt: Ob vielle­icht das End­lager für Atom­müll Onka­lo, auf der finnis­chen Hal­binsel Olk­ilu­o­toi gele­gen, welch­es um das Jahr 2100 herum für alle Zeit ver­siegelt wer­den wird, an Ort und Stelle vor­sichtig markiert oder aber in einen Zus­tand ver­set­zt wer­den sollte, dass es von Men­schen vergessen wer­den kön­nte? Ein viel­stim­miger Text geht dieser Frage nach: Ja, es existiert ein­er­seits der philosophis­che Ansatz, dass es sin­nvoll wäre, das Atom­mül­l­lager Onka­lo zu vergessen, eine Ent­deck­ung wäre demzu­folge nur durch Zufall denkbar. Wie aber ist es möglich Vergessen zu organ­isieren? Ander­seits kön­nte man das End­lager markieren. Ein nahe liegen­des Mod­ell wäre ein Stein mit einem Text darauf in geläu­fi­gen Sprachen der UN, je mit Hin­weisen auf weit­ere Mark­er mit je weit­er­führen­den Infor­ma­tio­nen bis hin zu ein­er stein­er­nen Bib­lio­thek, die in unterirdis­chen Räu­men angelegt wer­den kön­nte. Haupt­botschaften sind: Dies ist ein gefährlich­er Ort, bitte stört die Ruhe dieser Anlage nicht! Bild­sprache käme nun ins Spiel, drastis­che Sym­bole oder abweisend gestal­tete Land­schaften, welche allerd­ings nicht zwin­gend wirkungsvoll sein wer­den. In Nor­we­gen existiert ein ural­ter Stein, dessen Unter­seite mit ein­er Runenin­schrift verse­hen war: Do not move. Diese War­nung wurde von neuzeitlichen Archäolo­gen kom­plett ignori­ert. Wenn wir die Zeit spiegeln und 100000 Jahre in die Ver­gan­gen­heit blick­en, müssen wir ein­se­hen, wir haben mit unseren Vor­fahren, den “Nean­der­talern”, sehr wenig gemein. Es kön­nte sein, dass Men­schen der Zukun­ft, die auf das Lager stoßen, über eine ganz andere Erschei­n­ung ver­fü­gen, über andere Sinne und Bedürfnisse als men­schliche Wesen unser­er Zeit. Die Frage ist völ­lig offen, ob ein ver­nun­ft­be­gabtes Wesen in Zukun­ft irgen­det­was sin­nvoll inter­pretieren kön­nte oder wollte. In aller Kürze: Nie­mand weiß irgen­det­was! Es ist existiert die Notwendigkeit ein­er Entschei­dung trotz Unwäg­barkeit. Man muss zu diesem Zeit­punkt sagen, was man weiß, und man muss sagen wovon man weiß, dass man es nicht weiß, und auch wovon man nicht weiß, dass man es nicht weiß. — stop

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