hätt i dad i war i

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nordpol : 5.05 – Schreib­ma­schinen, die nicht eigent­lich Schreib­ma­schinen sind, sondern Perso­nal­com­puter, welche unter anderem als Schreib­ma­schinen verwendet werden können, sind selt­same Wesen. Drei dieser Wesen wohnen in meiner Nähe. Kürz­lich, während ich schlief, wurden über das Internet frische Programm­ver­sionen in ihre Spei­cher geladen, weswegen sie sich jedem meiner Versuche eines Zugriffs verwei­gerten an diesem neuen Tag, den ich mit sinvoller Arbeit zu verbringen plante. Auf hell beleuch­teten Bild­schirmen war je eine Fort­schritts­an­zeige in Form eines dunklen Stri­ches oder Balkens zu erkennen, die sich in einer recht­eckigen Form bewegte, das heißt, eben nicht bewegte, sondern wartend verharrte, mal rück­wärts zu laufen schien, dann wieder vorwärts, ein Oszil­lieren vor den Augen des Wartenden, das vermut­lich Ausdruck hoffender Sinnes­täu­schung gewesen ist. Wer nicht mehr schreiben kann, oder nur noch sehr langsam mit der Hand, beginnt früher oder später zu tele­fo­nieren. Es waren Anwei­sungen, die ich hörte, in welcher Reihen­folge ich welche Tasten meiner Schreib­ma­schinen bewegen sollte, um sie anzu­treiben. Ein Tag verging, an dessen Ende ich den Eindruck hatte, er habe nicht exis­tiert. Aber Spuren von Hand­schrift auf einem Blatt Papier, Wörter, Zeich­nungen, Zahlen­reihen. Einmal muss ich notiert haben, ohne mich daran erin­nern zu können: No signal, going to sleep! – stop

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dublin, fleet street

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MELDUNG. Trotz behörd­li­chen Verbotes [ Officer Chris Magallon, Pearse Street Garda Station ] wird am kommenden Montag in der Bowes Lounge weiteres Kampf­trinken voll­zogen. Gefochten werden schwere Benzine ab 20 Uhr 45. Mit Toten darf gerechnet werden. 31 Fleet Street : Eintritt frei. – stop
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kapillare

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charlie : 2.56 – Eine beun­ru­hi­gende Wahr­neh­mung, sobald ich auf Posi­tion Face­book notiere, notiere ich in ein und demselben sozialen Netz­werk, in welchem Kämpfer des Isla­mi­schen Staates mehr oder weniger offen gleich­falls notieren. Oder Personen mit deut­scher oder schweizer oder öster­rei­chi­scher Staats­bür­ger­schaft, die scheinbar bei vollem Verstand unter ihren bürger­li­chen Namen dazu aufrufen, Flücht­linge beispiels­weise an die Wand zu nageln. Als würde ich dieselbe Raum­luft atmen. Digi­tale Nähe. Eine Chance stiller Beob­ach­tung viel­leicht oder aber der Verneh­mung. Noch zu tun in dieser Nacht: Fragen erfinden. – stop

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brief an charlie

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echo : 2.10 – Gestern schrieb ich an Charlie einen Brief auf Papier. Lieber Charlie, es war schön, Dich wieder­ge­sehen zu haben. Ich freue mich, dass Du Dich Deiner­seits freu­test als ich Dir erzählte, ich würde einmal einen kleinen Text geschrieben haben, in dem Du vorkommst. Ich habe diesen Text gesucht und für Dich ausge­druckt. Ich hoffe, er gefällt Dir. Herz­liche Grüße. Dein Louis > An der Nacht­zeit­küste / 24. Februar 2011 : Flug­hafen. Terminal 1. Drei Uhr und fünf­zehn Minuten. Ich stoße auf Charlie, 36, Arbeiter. Der Mann, der in Togo geboren wurde und lange Zeit dort lebte, sitzt unter schla­fenden Reise­men­schen an der Nacht­zeit­küste. Er sieht seltsam aus an dieser Stelle, ein Mann, der in seinem Leben noch nie mit einem Flug­zeug reiste, statt­dessen in Zügen, Bussen, Schiffen durch den afri­ka­ni­schen Konti­nent Rich­tung Europa geflüchtet war, ja, merk­würdig sieht Charlie aus, wie er so unter schlum­mernden Nord­ame­ri­ka­nern, Usbeken, Chilenen, Japa­nern, Neusee­län­dern sitzt. Er trägt Sicher­heits­schuhe, ein kariertes Holz­fäl­ler­hemd und Hosen von kräf­tigem Stoff, mit Katzen­augen besetzte dunkel­blaue Bein­kleider, die in jede Rich­tung reflek­tieren. Nein, unsichtbar ist Charlie, auch im Dunkeln, sicher nicht. Er macht gerade Pause, trinkt Kaffee aus einer schreiend gelben Ther­mos­kanne und genießt ein Stück­chen Brot und etwas Käse, den er aus einer Dose fischt. Sorg­fältig kaut er vor sich hin, nach­denk­lich, viel­leicht weil er sich auf ein Spiel konzen­triert, das er seit Jahren bereits an dieser Stelle wartend studiert. Charlie tippt Lotto. Charlie ist ein Meister des Lotto­spiels, Charlie spielt mit System. Er hat noch nie verloren. Er hat noch nie verloren, weil er noch nie einen wirk­li­chen Cent auf eine der Zahlen­reihen setzte, die er in seine Notiz­bü­cher notiert. Charlie ist ein beob­ach­tender Spieler, Vater von fünf Kindern, immer ein wenig müde, weil er eben ein Nacht­ar­beiter ist. Wenn ich mich neben ihn setze und ihm zusehe, wie er mit einem roten Kugel­schreiber Zahlen­ko­lonnen in seine Hefte notiert, freut er sich, macht eine kleine Pause, erkun­digt sich nach meinem Befinden, und schon schreibt er weiter, analy­siert, rechnet, sucht nach einer Formel, die seine Familie zu einer reichen Familie machen wird. Einmal frage ich Charlie, ob er noch Briefe schreiben würde an seine Eltern in Lomé. Ja, sagt Charlie, jede Woche schreibe er einen Brief an seine Eltern, die am Meer leben, am Atlantik nämlich. Ein andermal will ich wissen, warum er nicht einen Computer einsetzen würde, um viel­leicht schneller finden zu können, was er sucht. Charlie lacht, sieht mich an durch kräf­tige Gläser einer Brille, sagt, dass er wisse, wie bedeu­tend Computer seien für die Welt, in der wir leben, seine Kinder spielten mit diesen Maschinen, für ihn sei das aber nichts. Und sofort schreibt er weiter. Eine ruhige, klare Schrift. Rote Zeichen. In diesem Moment begreife ich, dass ich einer Beschwö­rung beiwohne, einem Gebet, Malerei, einer Kompo­si­tion, der “allmäh­li­chen Verfer­ti­gung der Idee beim Schreiben”. Hermann Burger – stop

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tasmanischer tiger

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india : 4.10 – Wie ich auf dem hölzernen Boden eines Zimmers kauere. Ich scheine mit einer Katze zu spre­chen, die unmit­telbar vor mir sitzt. Die Katze schaut mich aufmerksam an, ich glaube, ich erzähle der Katze gerade eine Geschichte, ihre Ohren sind nach vorne hin ausge­richtet, als eine Foto­grafie aufge­nommen wird, deren Zeit und Ort ich nicht erin­nern kann. Kurz darauf nähere ich mich der Foto­grafie mit einer Lupe, weil ich den Verdacht habe, es könnte sich bei der Katze um ein Tier handeln, das nur auf den ersten Blick eine Katze zu sein scheint. Tatsäch­lich, die Katze trägt kein Fell, ihre Haut ist gestreift, und ihre Ohren sind unge­wöhn­lich groß und rund­lich. Plötz­lich werde ich wach, und ich denke noch, ich muss zurück, ich bin noch nicht fertig, ich sollte mir die Foto­grafie in die Hosen­ta­sche stecken und sie mitnehmen, das denke ich ernst­haft, aber es gelingt mir nicht wieder einzu­schlafen. Stunden vergehen, ich nehme ein Früh­stück, lese in Raymond Carvers Erzähl­samm­lung Begin­ners herum, gehe zum Einkaufen, es ist wieder Abend geworden, im Trep­pen­haus begegnet mir ein freund­li­cher Mann, der ein Fahrrad trägt. Ein Fenster steht offen, ich höre, es regnet. – stop

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kakapo

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whiskey : 0.55 – Ich zählte 378 Mal das Wort Schlaf. So oft habe ich das Wort Schlaf in den vergan­genen sieben Jahren an dieser Stelle [ parti­cles ] verwendet. Einmal suchte ich Optionen das Wort Nacht fort­zu­setzen, ich entdeckte 628 Vari­anten, zum Beispiel: Nach­ti­gal­len­affe Nacht­ge­wölbe Nacht­duft Nacht­durch­schwärmer Nacht­eu­lenton Nacht­ge­fieder Nacht­wolf. Oder aber Nacht­pa­pagei : das ist der merk­wür­digste aller papa­geien, der kakapo von neusee­land [ stri­gops habrop­tilus ], den man mit demselben rechte, mit welchen man die eulen im gegen­satz mit den falken einer beson­deren familie unter­bringt, als einen vertreter einer eigenen familie betrachten muss. [ nach Grimm­sches Wörter­buch N bis Q ] – Heute ist ein weiteres Nacht­wort hinzu­ge­kommen, das Wort Nacht­ameise. Ich habe vor wenigen Minuten zunächst die Ameise selbst, dann das Wort, das die Ameise bezeichnet, mit eigenen Augen gesehen. – stop
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vom zählen

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romeo : 22.01 – Ein älterer Herrn bewegte sich schwan­kend durch einen Zug, er zählte Menschen, Fahr­gäste genauer. Eine Frau kam ihm entgegen, auch sie zählte Menschen. Beide notierten die Zahlen­früchte ihrer Arbeit  je in eine eigene Liste. Diese Begeg­nung zweier Zählender im Zug wieder­holte sich mehr­fach. Wenn sich der zählende Mann und die zählende Frau auf dem Gang des Zuges trafen von Zeit zu Zeit, gaben sie vor, sich nicht zu kennen. Zunächst hatte ich erwartet, sie würden sich ihre Zahlen gegen­seitig erzählen, viel­leicht um eine Summe zu bilden, aber nein, sie spra­chen nicht, würdigten sich keines Blickes. Vermut­lich werden Summen etwas später gebildet, viel­leicht sobald Abend geworden ist, wenn sich die gezählten Menschen der Tages­züge verlaufen haben und sich Zahlen gefahrlos addieren. – stop
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vom tiefschlaf

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bamako : 18.15 – Früher Abend. Viel Regen. Kein Wind. Ich sitze in einem Kran­ken­haus am Bett eines Menschen, der schläft. Der Mensch, von dem ich erzähle, ist zur Zeit ein Schlaf­mensch. Er schläft seit 106 Stunden ohne Unter­bre­chung, weil er in einen Tief­schlaf versetzt wurde, weil seine Lunge sehr krank geworden ist, ich ahne, er wird weitere 106 Stunden schlafen, ehe man ihn wecken wird. Ein selt­samer Tag. Maschinen, die mit Schläu­chen und Sensoren nach dem schla­fenden Menschen greifen. Sie piepsen, wenn sie nicht zufrieden sind. Ich habe an diesem selt­samen Tag gelernt, dass es nicht leicht ist einem schla­fenden Menschen aus einem Buch vorzu­lesen. – stop
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im zug

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tango : 18.55 – Das Beson­dere an der Fahr­kar­ten­kon­trolle, der ich gerade eben noch in einem Schnell­bahnzug beiwohnte, findet sich in dem Wort Fahr­kar­ten­kon­trolle selbst. Dieses Wort wurde nämlich von einem jungen chine­si­schen Paar kurz nach der Über­prü­fung solange laut spre­chend wieder­holt, bis sie sich gegen­seitig bestä­tigten, das Wort tatsäch­lich gelernt zu haben. Sie sahen sich, während sie das neue Wort quasi probten, je auf den Mund, als ob sie insbe­son­dere mit ihren Augen, weniger mit ihren Ohren über­prüfen wollten, ob das Wort korrekt formu­liert worden war. – stop
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gedankenstimme

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tango : 1.03 – Ein schla­fender Mensch. Er schläft nun seit 132 Stunden ohne Unter­bre­chung. Maschinen schnurren und piepsen in seiner Nähe. Ich hatte die Vorstel­lung, der schla­fende Mensch wäre viel­leicht nicht in der Lage zu hören, wie ich laut aus einem Buch vorlese, ich dachte, dass er aber mögli­cher­weise meine Gedanken empfangen könne, wenn ich lese und die Wörter, die ich lese, nicht spreche, sondern denke. Also lese ich wie immer, wenn ich ein Buch studiere, ich bewege nur meine Augen und meine Gedanken, meinen Mund bewege ich nicht. Und wie ich mich so beob­achte, bemerke ich, dass ich die Wörter im Kopf so nach­drück­lich denke, dass ich den Mund meiner Gedan­ken­stimme zu spüren meine. – stop
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herbst

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nordpol : 17.05 – Das Wort Heparin, welches einen Wirk­stoff bezeichnet, der zur Hemmung der Blut­ge­rin­nung einge­setzt wird, ist ein altes Wort. Es ist in meinen Ohren ein altes Wort, weil ich mich erin­nern kann, dieses Wort bereits als Kind gehört zu haben wie mir scheint, so lange Zeit kenne ich dieses Wort, es ist ein Wort, sagen wir, meiner Lebens­zeit, ein auch unheim­li­ches Wort. – Samstag. Spazier­gang im Nymphen­burger Schloss­park. Der Herbst springt mit seinen Farben in die Bäume. Schwäne segeln, gefä­cherte Flügel, über einen See ohne Wind. Das Geräusch der Schritte auf dem sandigen Boden, der wieder trägt. Eich­hörn­chen toben mit ihren rasenden Herzen durchs Laub. Schla­fende Menschen, wenn sie aus dem Tief­schlaf erwa­chen, werden sie weinen. – stop

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von frauen unter zelten

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olimambo : 0.55 – Vor Stra­ßen­bahn­hal­te­stellen warten Flücht­lings­men­schen in Trai­nings­be­klei­dung, Fami­lien, sie steigen nicht ein, sie schauen, schauen diese selt­samen Menschen an, beob­achten viel­leicht das Leben hier im Norden, Einhei­mi­sche, wie sie aus Stra­ßen­bahnen steigen. Im Foyer des Hospi­tals ein junger Mann an der Seite eines Wesens, das sich als wandelndes Zelt darstellt, schwarz mit einem Sehschlitz. Dort sind ein Paar Augen zu erkennen. Eine irri­tie­rende Erschei­nung. Ich werfe dem Wesen, vermut­lich einer Frau, im gehbaren Zelt einen Blick zu in einer konzen­trierten, direkten, auch fragenden Weise, die für mich nicht üblich ist. Im Flur vor der Inten­siv­sta­tion, weitere Frauen in schwarzen Gewän­der­zelten, die Gesichter dieser Frauen liegen jedoch frei. Ich vermag ihre Nasen, ihre Münder, gleich­wohl ihre Augen zu sehen, ihr scheues Lächeln. Sie stehen auf Zehen­spitzen, spre­chen in ein Mikro­phon, das an einer Wand befes­tigt ist neben einer Tür von opakem Glas. In engli­scher Sprache erkun­digen sie sich nach ihrem Vater, der auf der Inten­siv­sta­tion liegen soll. – stop
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oqaatsut

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hima­laya : 2.03 – Gestern erreichte mich eine Nach­richt Opalkas. Er meldete sich aus einem grön­län­di­schen Städt­chen, welches an der West­küste der Insel liegt. Er notierte: Lieber Louis, bei dichtem Schnee­treiben mit Propel­ler­flug­zeug in Oqaatsut einge­troffen. Fischer Roon, der mich vom Flug­platz abholte, erzählte, es sei glück­li­cher­weise noch nicht wirk­lich Winter geworden, – 7°C, heftige Winde vom Meer, viel Schnee, haus­hohe Wehen, fast dunkel. Gegen Abend zu, im Schein der Lampen einer Schnee­raupe, besuchten wir einen Strand. Unter der dichten Haut von feinem Schnee waren noch Spuren eines gestran­deten Wals zu erkennen, Rudi­mente seines Schä­del­kno­chens, Teile der Wirbel­säule. Das Eis weit draußen, das sich heftig bewegte, donnerte zu uns herüber, es ist wunderbar, der Boden zitterte und mein Atem pulsierte unter dem Eindruck zarter Luft­druck­wellen. Ich werde Dir in den kommenden Tagen eine Tonauf­nahme der Eismeer­ge­räu­sche anfer­tigen, auch Du wirst vermut­lich begeis­tert sein. Lidvien, die im Magen des Wals jenen Rechner entdeckte, den ich für Dich unter­su­chen werde, wird bald eintreffen. Sie soll das Gerät bereits geöffnet und eine Indi­zie­rung der Dateien vorbe­reitet haben. Bald Nacht, lieber Louis, wünsch Dir eine gute Zeit, freu mich, dass J. bald wieder aufwa­chen wird. Dein Opalka. – stop
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lichtzeituhr

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echo : 3.18 – Liesl, die vor wenigen Tagen 85 Jahre alt wurde, erzählte von einer Zeit­schaltuhr, die ihr Sohn gleich neben ihrem Bett anzu­bringen wünschte. Er habe, hatte ihr Sohn berichtet, nachts immer wieder einmal wahr­ge­nommen, dass Liesl einschlafen würde, ohne ihre Nacht­tisch­lampe gelöscht zu haben, er sei dann, ob des Licht­scheins, den er vom Schlaf­zimmer der Mutter her kommen sah, aufge­standen und habe sich vorsichtig an ihr Bett begeben und das Licht gelöscht. Einmal habe er über­legt, ob er nicht das Gesicht seiner schla­fenden Mutter, wie zum Beweis foto­gra­fieren sollte, ein so helles Gesicht, dass man sich kaum vorstellen konnte, das Gesicht einer tatsäch­lich Schla­fenden zu betrachten. Das war vor sechs Jahren gewesen. Damals habe sie ihrem Sohn gesagt, dass sie keine Zeit­schaltuhr neben sich wünsche, sie sei doch kein Aqua­rium, habe sie gesagt, lieber schlafe sie im strah­lenden Licht der Nacht­lampe ein, plötz­liche Dunkel­heit, um Himmels­willen, nein. Ihr Sohn reiste wieder ab. Liesl erzählte, dass sie mit ihm nie wieder über Zeit­schalt­uhren gespro­chen habe, unlängst aber, in einer Septem­ber­nacht, sei dann plötz­lich das Licht ausge­gangen um 1 Uhr, sie habe geschimpft und sei dann vorsichtig aus dem Bett gestiegen, sei auf Knien durch das stock­dunkle Zimmer gekro­chen zu einem Licht­schalter hin, der sich auf dem Flur befand, auch da war kein Licht gewesen, Donner­wetter! – stop
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von zeitungen

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india : 3.18 – Morgens liegt die Tages­zei­tung wie ein Wunder vor der Tür, an jedem der Tage einer Woche, nur an Sonn­tagen nicht. Es exis­tieren Winter­zei­tungen, die von Schnee bedeckt sind, und Sommer­zei­tungen, welche kühler sind als die Morgen­luft, außerdem Herbst­zei­tungen und Früh­lings­zei­tungen. Herbst­zei­tungen sind von Blät­tern bedeckt, feucht vom Nebel der Morgen­stunden, feucht wie Früh­lings­zei­tungen, die nur feucht sind, aber nicht von Blät­tern bedeckt. Alle diese Zeitungen sind schwere Objekte in den Händen einer alten Frau. Es ist immerzu sehr viel geschehen seit der Zeitung des Tages zuvor, und auch jene frühere Zeitung war schwer gewesen, weil viel geschehen war in der Zeit, als die alte Frau im Garten arbei­tete. Ja, das Gehen fällt nicht mehr so leicht, und auch das Lesen nicht. Es geschieht soviel, sagt die alte Frau, und sie meinte viel­leicht, dass zuviel geschieht, dass die Zeitung zu schwer geworden ist, für ihre alten Hände. Und sie sagt, dass sie nicht alles, was in der Zeitung geschrieben steht, lesen könne, sie sagt das so, als ob sie meinte, es sei zuviel in der Zeitung geschrieben, das sie nicht lesen würde, sie sei der Zeitung nicht länger würdig, weswegen wir nun hoffen und darüber nach­denken, was viel­leicht zu tun ist in dieser Zeit, das die papie­renen Zeitungen zu schwer geworden sind. – stop

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von geheimnissen

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whiskey : 2.03 – Inten­sives Gespräch mit einem Pater über Geheim­nisse, die ich im Leben eines fremden Menschen entdeckte. Er bemerkt, eine Situa­tion wie die vorge­stellte Situa­tion, wäre ihm sehr vertraut, ich solle bedenken, man würde Geist­li­chen während der Beichte Geheim­nisse gerne vorsätz­lich erzählen. Mit Geheim­nissen, erklärte der Pater, insbe­son­dere mit zufäl­li­ger­weise entdeckten Geheim­nissen jeder Art sei würdig umzu­gehen, in dem man ihre Entde­ckung beschweigt und sie nach und nach tatsäch­lich vergisst. – stop
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im winterzimmer

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olimambo : 2.15 – Als der junge Mann nach langer Zeit tiefen Schlafes erwachte, begann er zu erzählen, er hatte, während er von Maschinen im Leben fest­ge­halten wurde, während er uner­reichbar gewesen war für die Stimmen ihn pfle­gender und besu­chender Menschen, viel erlebt. Nein, sagte er, dass wir mit ihm gespro­chen haben, habe nicht gehört. Er sagte, er habe aber vom Winter geträumt, dass Winter geworden sei, Schnee auch in seinem Zimmer, Schnee, der von der Decke seines Zimmers rieselte, Schnee­men­schen würden ihn gefüt­tert haben und in seinem Bett herum­ge­dreht. Maschinen von Eis versorgten ihn mit Luft, das habe er genau­es­tens beob­achtet, und er habe das Pfeifen von Eisor­geln gehört, zwit­schern von Eisvö­geln und das Tuten von Eislo­ko­mo­tiven, die immer wieder einmal aus ihren Schloten schmutzig qual­mend durch sein Zimmer donnerten, so dass sein Bett hin und her schwankte als befände er sich auf hoher See. Das alles erzählte der erwa­chende junge Mann uner­müd­lich ohne eine Pause zu machen, er bewegte den Mund, er hörte sich spre­chen, aber die Maschine, die noch immer mit ihm atmete, die ihre Schläuche zu seinem Hals hinbe­wegte, trans­pa­rente, feuchte Rohre von feiner Haut, machte ihn stumm. Über­haupt war der junge Mann noch etwas verwirrt, sodass wir diese Geschichte ganz sicher bald noch einmal zu erzählen haben. – stop

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ai : USA

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MENSCH IN GEFAHR : “In den frühen Morgen­stunden des 13. Februar 1994 entdeckte ein Poli­zist in einem Super­markt in Columbia im US-Bundes­staat Missouri die Leichen der 44-jährigen Mary Brat­cher, des 58-jährigen Fred Jones und der 57-jährigen Mabel Scruggs. Alle drei hatten in dem Super­markt gear­beitet und waren an Kopf­ver­let­zungen gestorben. Ernest Lee Johnson, der regel­mäßig in dem Super­markt einge­kauft hatte, wurde fest­ge­nommen und wegen drei­fa­chen Mordes ange­klagt. Man stellte ihn im Mai 1995 vor Gericht, sprach ihn schuldig und verur­teilte ihn zum Tode. / 1998 ordnete der Oberste Gerichtshof von Missouri eine neue Straf­zu­mes­sung an. Grund dafür war, dass der Rechts­bei­stand von Ernest Lee Johnson es versäumt hatte, die Aussage eines Psych­ia­ters vorzu­bringen, welcher seinen Mandanten unter­sucht hatte. Das Gericht erklärte, dass sich der “eindeu­tige und nach­drück­liche Eindruck gefes­tigt” habe, dass diese Aussage “die Erwä­gungen der Geschwo­renen beein­flusst hätte”. Nach Ansicht des Gerichts hätten sich die Geschworen in der Folge mögli­cher­weise für eine lebens­lange Haft­strafe ausge­spro­chen. / Bei der erneuten Fest­le­gung des Straf­maßes 1999 wurde gegen Ernest Lee Johnson jedoch wieder die Todes­strafe verhängt. 2002 entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass die Hinrich­tung von Menschen mit einer geis­tigen Behin­de­rung (intel­lec­tual disa­bi­lity / mental retar­da­tion) verfas­sungs­widrig ist. 2003 ordnete der Oberste Gerichtshof des Bundes­staates Missouri aber­mals eine neue Straf­zu­mes­sung im Fall von Ernest Lee Johnson an. Diesmal, weil Beweise für eine geis­tige Behin­de­rung nicht ange­messen darge­legt worden waren. Sein Intel­li­genz­quo­tient (IQ) war im Laufe seines Lebens mehr­fach bestimmt worden. Bei einem IQ-Test im Alter von acht Jahren ergab sich ein IQ von 77, bei einem Test im Alter von zwölf Jahren betrug der gemes­sene IQ 63. Ernest Lee Johnson hatte Probleme in der Schule und besuchte eine Sonder­schule. Bei ihm wurde außerdem eine Alko­hol­em­bryo­pa­thie diagnos­ti­ziert. Dabei handelt es sich um eine Schä­di­gung des Kindes, welche durch Alko­hol­konsum der Mutter während der Schwan­ger­schaft entstanden ist und unter anderem zu geis­tigen Entwick­lungs­schä­di­gungen führt. Außerdem hat Ernest Lee Johnson während seiner Kind­heit zwei schwere Kopf­ver­let­zungen erlitten. / 2006 wurde Ernest Lee Johnson zum dritten Mal zum Tode verur­teilt. Die Geschwo­renen waren der Ansicht, dass es keine ausrei­chenden Beweise für eine geis­tige Behin­de­rung gäbe. Ernest Lee John­sons Vertei­di­gung hatte erklärt, dass die Beweis­last nicht bei ihrem Mandanten liegen dürfe und der Staat beweisen müsse, dass er keine geis­tige Behin­de­rung aufweist. Zwei Expert_innen der Vertei­di­gung hatten während des Verfah­rens eine geis­tige Behin­de­rung bestä­tigt. Einer von ihnen hatte den IQ von Ernest Lee Johnson bestimmt und erklärt, dass dieser bei 67 läge. Zudem sagten beide, dass er in verschie­denen Berei­chen Anpas­sungs­schwie­rig­keiten habe und sich seine geis­tige Behin­de­rung bereits vor Voll­endung des 18. Lebens­jahrs mani­fes­tiert habe. Der Mitar­beiter des hinzu­ge­zo­genen staat­li­chen Experten ermit­telte zwar eben­falls einen IQ von 67, dieser gab jedoch an, Ernest Lee Johnson würde simu­lieren. Der Experte der Vertei­di­gung stritt dies wiederrum ab und gab an, mithilfe von Unter­su­chungen ausge­schlossen zu haben, dass Ernest Lee Johnson simu­liert. Die Staats­an­walt­schaft erklärte gegen­über den Geschwo­renen, dass “anzu­nehmen, dass es wahr­schein­li­cher ist, dass dieser Mann eine geis­tige Behin­de­rung hat, als dass er gesund ist, eine Belei­di­gung ist, eine Belei­dung der Opfer”. Der Oberste Gerichtshof von Missouri bestä­tigte das Todes­ur­teil 2008 und erklärte, dass “die Entschei­dung der Geschwo­renen respek­tiert” werden müsse. Drei der sieben Richter_innen wider­spra­chen dem jedoch und argu­men­tierten, dass die Tatsache, “dass der Ange­klagte beweisen musste, dass er geistig behin­dert ist, die Entschei­dung – ob Johnson zum Tode verur­teilt werden sollte – will­kür­lich erscheinen lässt” und dass die wider­sprüch­li­chen Fakten in diesem Fall “zeigen, dass das Ergebnis – Leben oder Tod – durchaus davon abhängen kann, bei welcher Seite die Beweis­last liegt”. / Amnesty Inter­na­tional wendet sich in allen Fällen, welt­weit und ausnahmslos gegen die Todes­strafe. – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 3. November 2015 hinaus, unter »> ai : urgent action

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im zug nach amsterdam

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ulysses : 0.18 – Wie ich im Zug meine Uhr beob­ach­tete, die vor wenigen Tagen sich bis zur Ziffer 3 hin fort­be­wegte, um sich dann um eine Stunde zurück­zu­drehen, in dem sie tatsäch­lich ihren Minu­ten­zeiger rück­wärts über das Ziffer­blatt wandern ließ, wie ich also im Zug meine Uhr beob­ach­tete, wie sie mir eine Nacht­stunde schenkte, stellte ich mir vor, in dem Zug, in welchem ich mich in Rich­tung Amsterdam fort­be­wegte, würde niemand über eine Uhr verfügen, weder Passa­giere, noch der Schaffner, der Lokführer, die Damen und Herren des Bord­bis­tros. Auch Computer haben keine Uhren, die Fenster des Zuges sind verdun­kelt, der Zug fährt also uhrzeitlos dahin, hält nirgends an, ist unbe­stimmte Zeit lang unter­wegs, ich werde müde, schlafe, wache auf, spaziere herum, nehme ein Früh­stück, bin mir plötz­lich nicht sicher, ob nicht viel­leicht Abend ist, treffe Menschen im Zug, die sagen, sie gehen jetzt gerade in diesem Moment zur Nacht­ruhe in ihr Abteil, während andere gerade aufge­standen sind, um einen neuen Tag zu beginnen. Ich sitze und höre auf das Schlagen der Schwellen gegen die Räder des Zuges, mach die Augen zu, suche nach dem Geräusch meiner inneren Uhr, all dies auf einer Reise nach Amsterdam. Was ich dort vor hatte zu tun, wonach ich suchte, davon erzähle ich später. – stop

kind

5 Uhr 8

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echo : 5.08 – Komme niemals auf die Idee, Menschen, die wach sind, mittels meiner Gedanken anzu­spre­chen, aber wenn sie schlafen, warum? – stop

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