hätt i dad i war i

pic

nord­pol : 5.05 — Schreib­maschi­nen, die nicht eigentlich Schreib­maschi­nen sind, son­dern Per­son­al­com­put­er, welche unter anderem als Schreib­maschi­nen ver­wen­det wer­den kön­nen, sind selt­same Wesen. Drei dieser Wesen wohnen in mein­er Nähe. Kür­zlich, während ich schlief, wur­den über das Inter­net frische Pro­gram­mver­sio­nen in ihre Spe­ich­er geladen, weswe­gen sie sich jedem mein­er Ver­suche eines Zugriffs ver­weigerten an diesem neuen Tag, den ich mit sin­voller Arbeit zu ver­brin­gen plante. Auf hell beleuchteten Bild­schir­men war je eine Fortschrittsanzeige in Form eines dun­klen Strich­es oder Balkens zu erken­nen, die sich in ein­er rechteck­i­gen Form bewegte, das heißt, eben nicht bewegte, son­dern wartend ver­har­rte, mal rück­wärts zu laufen schien, dann wieder vor­wärts, ein Oszil­lieren vor den Augen des Wartenden, das ver­mut­lich Aus­druck hof­fend­er Sinnestäuschung gewe­sen ist. Wer nicht mehr schreiben kann, oder nur noch sehr langsam mit der Hand, begin­nt früher oder später zu tele­fonieren. Es waren Anweisun­gen, die ich hörte, in welch­er Rei­hen­folge ich welche Tas­ten mein­er Schreib­maschi­nen bewe­gen sollte, um sie anzutreiben. Ein Tag verg­ing, an dessen Ende ich den Ein­druck hat­te, er habe nicht existiert. Aber Spuren von Hand­schrift auf einem Blatt Papi­er, Wörter, Zeich­nun­gen, Zahlen­rei­hen. Ein­mal muss ich notiert haben, ohne mich daran erin­nern zu kön­nen: No sig­nal, going to sleep! — stop

ping

dublin, fleet street

picping

MELDUNG. Trotz behördlichen Ver­botes [ Offi­cer Chris Mag­a­l­lon, Pearse Street Gar­da Sta­tion ] wird am kom­menden Mon­tag in der Bowes Lounge weit­eres Kampftrinken vol­l­zo­gen. Gefocht­en wer­den schwere Ben­zine ab 20 Uhr 45. Mit Toten darf gerech­net wer­den. 31 Fleet Street : Ein­tritt frei. — stop
match6

kapillare

pic

char­lie : 2.56 — Eine beun­ruhi­gende Wahrnehmung, sobald ich auf Posi­tion Face­book notiere, notiere ich in ein und dem­sel­ben sozialen Net­zw­erk, in welchem Kämpfer des Islamis­chen Staates mehr oder weniger offen gle­ich­falls notieren. Oder Per­so­n­en mit deutsch­er oder schweiz­er oder öster­re­ichis­ch­er Staats­bürg­er­schaft, die schein­bar bei vollem Ver­stand unter ihren bürg­er­lichen Namen dazu aufrufen, Flüchtlinge beispiel­sweise an die Wand zu nageln. Als würde ich dieselbe Raum­luft atmen. Dig­i­tale Nähe. Eine Chance stiller Beobach­tung vielle­icht oder aber der Vernehmung. Noch zu tun in dieser Nacht: Fra­gen erfind­en. — stop

ping

brief an charlie

pic

echo : 2.10 — Gestern schrieb ich an Char­lie einen Brief auf Papi­er. Lieber Char­lie, es war schön, Dich wiederge­se­hen zu haben. Ich freue mich, dass Du Dich Dein­er­seits freutest als ich Dir erzählte, ich würde ein­mal einen kleinen Text geschrieben haben, in dem Du vorkommst. Ich habe diesen Text gesucht und für Dich aus­ge­druckt. Ich hoffe, er gefällt Dir. Her­zliche Grüße. Dein Louis > An der Nachtzeitküste / 24. Feb­ru­ar 2011 : Flughafen. Ter­mi­nal 1. Drei Uhr und fün­fzehn Minuten. Ich stoße auf Char­lie, 36, Arbeit­er. Der Mann, der in Togo geboren wurde und lange Zeit dort lebte, sitzt unter schlafend­en Reise­men­schen an der Nachtzeitküste. Er sieht selt­sam aus an dieser Stelle, ein Mann, der in seinem Leben noch nie mit einem Flugzeug reiste, stattdessen in Zügen, Bussen, Schif­f­en durch den afrikanis­chen Kon­ti­nent Rich­tung Europa geflüchtet war, ja, merk­würdig sieht Char­lie aus, wie er so unter schlum­mern­den Nor­damerikan­ern, Usbeken, Chile­nen, Japan­ern, Neuseelän­dern sitzt. Er trägt Sicher­heitss­chuhe, ein kari­ertes Holzfäller­hemd und Hosen von kräftigem Stoff, mit Katzenau­gen beset­zte dunkel­blaue Bein­klei­der, die in jede Rich­tung reflek­tieren. Nein, unsicht­bar ist Char­lie, auch im Dunkeln, sich­er nicht. Er macht ger­ade Pause, trinkt Kaf­fee aus ein­er schreiend gel­ben Ther­moskanne und genießt ein Stückchen Brot und etwas Käse, den er aus ein­er Dose fis­cht. Sorgfältig kaut er vor sich hin, nach­den­klich, vielle­icht weil er sich auf ein Spiel konzen­tri­ert, das er seit Jahren bere­its an dieser Stelle wartend studiert. Char­lie tippt Lot­to. Char­lie ist ein Meis­ter des Lot­tospiels, Char­lie spielt mit Sys­tem. Er hat noch nie ver­loren. Er hat noch nie ver­loren, weil er noch nie einen wirk­lichen Cent auf eine der Zahlen­rei­hen set­zte, die er in seine Notizbüch­er notiert. Char­lie ist ein beobach­t­en­der Spiel­er, Vater von fünf Kindern, immer ein wenig müde, weil er eben ein Nachtar­beit­er ist. Wenn ich mich neben ihn set­ze und ihm zuse­he, wie er mit einem roten Kugelschreiber Zahlenkolon­nen in seine Hefte notiert, freut er sich, macht eine kleine Pause, erkundigt sich nach meinem Befind­en, und schon schreibt er weit­er, analysiert, rech­net, sucht nach ein­er Formel, die seine Fam­i­lie zu ein­er reichen Fam­i­lie machen wird. Ein­mal frage ich Char­lie, ob er noch Briefe schreiben würde an seine Eltern in Lomé. Ja, sagt Char­lie, jede Woche schreibe er einen Brief an seine Eltern, die am Meer leben, am Atlantik näm­lich. Ein ander­mal will ich wis­sen, warum er nicht einen Com­put­er ein­set­zen würde, um vielle­icht schneller find­en zu kön­nen, was er sucht. Char­lie lacht, sieht mich an durch kräftige Gläs­er ein­er Brille, sagt, dass er wisse, wie bedeu­tend Com­put­er seien für die Welt, in der wir leben, seine Kinder spiel­ten mit diesen Maschi­nen, für ihn sei das aber nichts. Und sofort schreibt er weit­er. Eine ruhige, klare Schrift. Rote Zeichen. In diesem Moment begreife ich, dass ich ein­er Beschwörung bei­wohne, einem Gebet, Malerei, ein­er Kom­po­si­tion, der “allmäh­lichen Ver­fer­ti­gung der Idee beim Schreiben”. Her­mann Burg­er – stop

ping

tasmanischer tiger

pic

india : 4.10 — Wie ich auf dem hölz­er­nen Boden eines Zim­mers kauere. Ich scheine mit ein­er Katze zu sprechen, die unmit­tel­bar vor mir sitzt. Die Katze schaut mich aufmerk­sam an, ich glaube, ich erzäh­le der Katze ger­ade eine Geschichte, ihre Ohren sind nach vorne hin aus­gerichtet, als eine Fotografie aufgenom­men wird, deren Zeit und Ort ich nicht erin­nern kann. Kurz darauf nähere ich mich der Fotografie mit ein­er Lupe, weil ich den Ver­dacht habe, es kön­nte sich bei der Katze um ein Tier han­deln, das nur auf den ersten Blick eine Katze zu sein scheint. Tat­säch­lich, die Katze trägt kein Fell, ihre Haut ist gestreift, und ihre Ohren sind ungewöhn­lich groß und rundlich. Plöt­zlich werde ich wach, und ich denke noch, ich muss zurück, ich bin noch nicht fer­tig, ich sollte mir die Fotografie in die Hosen­tasche steck­en und sie mit­nehmen, das denke ich ern­sthaft, aber es gelingt mir nicht wieder einzuschlafen. Stun­den verge­hen, ich nehme ein Früh­stück, lese in Ray­mond Carvers Erzählsamm­lung Begin­ners herum, gehe zum Einkaufen, es ist wieder Abend gewor­den, im Trep­pen­haus begeg­net mir ein fre­undlich­er Mann, der ein Fahrrad trägt. Ein Fen­ster ste­ht offen, ich höre, es reg­net. — stop

match5

kakapo

2

whiskey : 0.55 — Ich zählte 378 Mal das Wort Schlaf. So oft habe ich das Wort Schlaf in den ver­gan­genen sieben Jahren an dieser Stelle [ par­ti­cles ] ver­wen­det. Ein­mal suchte ich Optio­nen das Wort Nacht fortzuset­zen, ich ent­deck­te 628 Vari­anten, zum Beispiel: Nachti­gal­lenaffe Nacht­gewölbe Nacht­duft Nacht­durch­schwärmer Nach­teu­len­ton Nacht­ge­fieder Nacht­wolf. Oder aber Nacht­pa­pagei : das ist der merk­würdig­ste aller papageien, der kakapo von neusee­land [ strigops habrop­tilus ], den man mit dem­sel­ben rechte, mit welchen man die eulen im gegen­satz mit den falken ein­er beson­deren fam­i­lie unter­bringt, als einen vertreter ein­er eige­nen fam­i­lie betra­cht­en muss. [ nach Grimm­sches Wörter­buch N bis Q ] — Heute ist ein weit­eres Nacht­wort hinzugekom­men, das Wort Nach­tameise. Ich habe vor weni­gen Minuten zunächst die Ameise selb­st, dann das Wort, das die Ameise beze­ich­net, mit eige­nen Augen gese­hen. — stop
ping

vom zählen

2

romeo : 22.01 — Ein älter­er Her­rn bewegte sich schwank­end durch einen Zug, er zählte Men­schen, Fahrgäste genauer. Eine Frau kam ihm ent­ge­gen, auch sie zählte Men­schen. Bei­de notierten die Zahlen­früchte ihrer Arbeit  je in eine eigene Liste. Diese Begeg­nung zweier Zäh­len­der im Zug wieder­holte sich mehrfach. Wenn sich der zäh­lende Mann und die zäh­lende Frau auf dem Gang des Zuges trafen von Zeit zu Zeit, gaben sie vor, sich nicht zu ken­nen. Zunächst hat­te ich erwartet, sie wür­den sich ihre Zahlen gegen­seit­ig erzählen, vielle­icht um eine Summe zu bilden, aber nein, sie sprachen nicht, würdigten sich keines Blick­es. Ver­mut­lich wer­den Sum­men etwas später gebildet, vielle­icht sobald Abend gewor­den ist, wenn sich die gezählten Men­schen der Tageszüge ver­laufen haben und sich Zahlen gefahr­los addieren. — stop
ping

vom tiefschlaf

2

bamako : 18.15 — Früher Abend. Viel Regen. Kein Wind. Ich sitze in einem Kranken­haus am Bett eines Men­schen, der schläft. Der Men­sch, von dem ich erzäh­le, ist zur Zeit ein Schlaf­men­sch. Er schläft seit 106 Stun­den ohne Unter­brechung, weil er in einen Tief­schlaf ver­set­zt wurde, weil seine Lunge sehr krank gewor­den ist, ich ahne, er wird weit­ere 106 Stun­den schlafen, ehe man ihn weck­en wird. Ein selt­samer Tag. Maschi­nen, die mit Schläuchen und Sen­soren nach dem schlafend­en Men­schen greifen. Sie piepsen, wenn sie nicht zufrieden sind. Ich habe an diesem selt­samen Tag gel­ernt, dass es nicht leicht ist einem schlafend­en Men­schen aus einem Buch vorzule­sen. — stop
match8

im zug

2

tan­go : 18.55 — Das Beson­dere an der Fahrkartenkon­trolle, der ich ger­ade eben noch in einem Schnell­bahnzug bei­wohnte, find­et sich in dem Wort Fahrkartenkon­trolle selb­st. Dieses Wort wurde näm­lich von einem jun­gen chi­ne­sis­chen Paar kurz nach der Über­prü­fung solange laut sprechend wieder­holt, bis sie sich gegen­seit­ig bestätigten, das Wort tat­säch­lich gel­ernt zu haben. Sie sahen sich, während sie das neue Wort qua­si probten, je auf den Mund, als ob sie ins­beson­dere mit ihren Augen, weniger mit ihren Ohren über­prüfen woll­ten, ob das Wort kor­rekt for­muliert wor­den war. — stop
ping

gedankenstimme

2

tan­go : 1.03 — Ein schlafend­er Men­sch. Er schläft nun seit 132 Stun­den ohne Unter­brechung. Maschi­nen schnur­ren und piepsen in sein­er Nähe. Ich hat­te die Vorstel­lung, der schlafende Men­sch wäre vielle­icht nicht in der Lage zu hören, wie ich laut aus einem Buch vor­lese, ich dachte, dass er aber möglicher­weise meine Gedanken emp­fan­gen könne, wenn ich lese und die Wörter, die ich lese, nicht spreche, son­dern denke. Also lese ich wie immer, wenn ich ein Buch studiere, ich bewege nur meine Augen und meine Gedanken, meinen Mund bewege ich nicht. Und wie ich mich so beobachte, bemerke ich, dass ich die Wörter im Kopf so nach­drück­lich denke, dass ich den Mund mein­er Gedanken­stimme zu spüren meine. — stop
ping

herbst

pic

nord­pol : 17.05 — Das Wort Heparin, welch­es einen Wirk­stoff beze­ich­net, der zur Hem­mung der Blut­gerin­nung einge­set­zt wird, ist ein altes Wort. Es ist in meinen Ohren ein altes Wort, weil ich mich erin­nern kann, dieses Wort bere­its als Kind gehört zu haben wie mir scheint, so lange Zeit kenne ich dieses Wort, es ist ein Wort, sagen wir, mein­er Leben­szeit, ein auch unheim­lich­es Wort. — Sam­stag. Spazier­gang im Nymphen­burg­er Schloss­park. Der Herb­st springt mit seinen Far­ben in die Bäume. Schwäne segeln, gefächerte Flügel, über einen See ohne Wind. Das Geräusch der Schritte auf dem sandi­gen Boden, der wieder trägt. Eich­hörnchen toben mit ihren rasenden Herzen durchs Laub. Schlafende Men­schen, wenn sie aus dem Tief­schlaf erwachen, wer­den sie weinen. — stop

match3

von frauen unter zelten

pic

oli­mam­bo : 0.55 — Vor Straßen­bahn­hal­testellen warten Flüchtlings­men­schen in Train­ings­bek­lei­dung, Fam­i­lien, sie steigen nicht ein, sie schauen, schauen diese selt­samen Men­schen an, beobacht­en vielle­icht das Leben hier im Nor­den, Ein­heimis­che, wie sie aus Straßen­bah­nen steigen. Im Foy­er des Hos­pi­tals ein junger Mann an der Seite eines Wesens, das sich als wan­del­ndes Zelt darstellt, schwarz mit einem Sehschlitz. Dort sind ein Paar Augen zu erken­nen. Eine irri­tierende Erschei­n­ung. Ich werfe dem Wesen, ver­mut­lich ein­er Frau, im gehbaren Zelt einen Blick zu in ein­er konzen­tri­erten, direk­ten, auch fra­gen­den Weise, die für mich nicht üblich ist. Im Flur vor der Inten­sivs­ta­tion, weit­ere Frauen in schwarzen Gewän­derzel­ten, die Gesichter dieser Frauen liegen jedoch frei. Ich ver­mag ihre Nasen, ihre Mün­der, gle­ich­wohl ihre Augen zu sehen, ihr scheues Lächeln. Sie ste­hen auf Zehen­spitzen, sprechen in ein Mikrophon, das an ein­er Wand befes­tigt ist neben ein­er Tür von opakem Glas. In englis­ch­er Sprache erkundi­gen sie sich nach ihrem Vater, der auf der Inten­sivs­ta­tion liegen soll. — stop
ping

oqaatsut

pic

himalaya : 2.03 — Gestern erre­ichte mich eine Nachricht Opalkas. Er meldete sich aus einem grön­ländis­chen Städtchen, welch­es an der West­küste der Insel liegt. Er notierte: Lieber Louis, bei dichtem Schnee­treiben mit Pro­peller­flugzeug in Oqaat­sut eingetrof­fen. Fis­ch­er Roon, der mich vom Flug­platz abholte, erzählte, es sei glück­licher­weise noch nicht wirk­lich Win­ter gewor­den, — 7°C, heftige Winde vom Meer, viel Schnee, haushohe Wehen, fast dunkel. Gegen Abend zu, im Schein der Lam­p­en ein­er Schneer­aupe, besucht­en wir einen Strand. Unter der dicht­en Haut von feinem Schnee waren noch Spuren eines ges­tran­de­ten Wals zu erken­nen, Rudi­mente seines Schädel­knochens, Teile der Wirbel­säule. Das Eis weit draußen, das sich heftig bewegte, don­nerte zu uns herüber, es ist wun­der­bar, der Boden zit­terte und mein Atem pulsierte unter dem Ein­druck zarter Luft­druck­wellen. Ich werde Dir in den kom­menden Tagen eine Tonauf­nahme der Eis­meerg­eräusche anfer­ti­gen, auch Du wirst ver­mut­lich begeis­tert sein. Lid­vien, die im Magen des Wals jenen Rech­n­er ent­deck­te, den ich für Dich unter­suchen werde, wird bald ein­tr­e­f­fen. Sie soll das Gerät bere­its geöffnet und eine Indizierung der Dateien vor­bere­it­et haben. Bald Nacht, lieber Louis, wün­sch Dir eine gute Zeit, freu mich, dass J. bald wieder aufwachen wird. Dein Opal­ka. — stop
ping

lichtzeituhr

pic

echo : 3.18 — Liesl, die vor weni­gen Tagen 85 Jahre alt wurde, erzählte von ein­er Zeitschal­tuhr, die ihr Sohn gle­ich neben ihrem Bett anzubrin­gen wün­schte. Er habe, hat­te ihr Sohn berichtet, nachts immer wieder ein­mal wahrgenom­men, dass Liesl ein­schlafen würde, ohne ihre Nacht­tis­chlampe gelöscht zu haben, er sei dann, ob des Lichtscheins, den er vom Schlafz­im­mer der Mut­ter her kom­men sah, aufge­s­tanden und habe sich vor­sichtig an ihr Bett begeben und das Licht gelöscht. Ein­mal habe er über­legt, ob er nicht das Gesicht sein­er schlafend­en Mut­ter, wie zum Beweis fotografieren sollte, ein so helles Gesicht, dass man sich kaum vorstellen kon­nte, das Gesicht ein­er tat­säch­lich Schlafend­en zu betra­cht­en. Das war vor sechs Jahren gewe­sen. Damals habe sie ihrem Sohn gesagt, dass sie keine Zeitschal­tuhr neben sich wün­sche, sie sei doch kein Aquar­i­um, habe sie gesagt, lieber schlafe sie im strahlen­den Licht der Nacht­lampe ein, plöt­zliche Dunkel­heit, um Him­mel­swillen, nein. Ihr Sohn reiste wieder ab. Liesl erzählte, dass sie mit ihm nie wieder über Zeitschal­tuhren gesprochen habe, unlängst aber, in ein­er Sep­tem­ber­nacht, sei dann plöt­zlich das Licht aus­ge­gan­gen um 1 Uhr, sie habe geschimpft und sei dann vor­sichtig aus dem Bett gestiegen, sei auf Knien durch das stock­dun­kle Zim­mer gekrochen zu einem Lichtschal­ter hin, der sich auf dem Flur befand, auch da war kein Licht gewe­sen, Don­ner­wet­ter! — stop
ping

von zeitungen

pic

india : 3.18 — Mor­gens liegt die Tageszeitung wie ein Wun­der vor der Tür, an jedem der Tage ein­er Woche, nur an Son­nta­gen nicht. Es existieren Win­terzeitun­gen, die von Schnee bedeckt sind, und Som­merzeitun­gen, welche küh­ler sind als die Mor­gen­luft, außer­dem Herb­stzeitun­gen und Früh­lingszeitun­gen. Herb­stzeitun­gen sind von Blät­tern bedeckt, feucht vom Nebel der Mor­gen­stun­den, feucht wie Früh­lingszeitun­gen, die nur feucht sind, aber nicht von Blät­tern bedeckt. Alle diese Zeitun­gen sind schwere Objek­te in den Hän­den ein­er alten Frau. Es ist immerzu sehr viel geschehen seit der Zeitung des Tages zuvor, und auch jene frühere Zeitung war schw­er gewe­sen, weil viel geschehen war in der Zeit, als die alte Frau im Garten arbeit­ete. Ja, das Gehen fällt nicht mehr so leicht, und auch das Lesen nicht. Es geschieht soviel, sagt die alte Frau, und sie meinte vielle­icht, dass zuviel geschieht, dass die Zeitung zu schw­er gewor­den ist, für ihre alten Hände. Und sie sagt, dass sie nicht alles, was in der Zeitung geschrieben ste­ht, lesen könne, sie sagt das so, als ob sie meinte, es sei zuviel in der Zeitung geschrieben, das sie nicht lesen würde, sie sei der Zeitung nicht länger würdig, weswe­gen wir nun hof­fen und darüber nach­denken, was vielle­icht zu tun ist in dieser Zeit, das die papiere­nen Zeitun­gen zu schw­er gewor­den sind. — stop

oqaatsut

von geheimnissen

pic

whiskey : 2.03 — Inten­sives Gespräch mit einem Pater über Geheimnisse, die ich im Leben eines frem­den Men­schen ent­deck­te. Er bemerkt, eine Sit­u­a­tion wie die vorgestellte Sit­u­a­tion, wäre ihm sehr ver­traut, ich solle bedenken, man würde Geistlichen während der Beichte Geheimnisse gerne vorsät­zlich erzählen. Mit Geheimnis­sen, erk­lärte der Pater, ins­beson­dere mit zufäl­liger­weise ent­deck­ten Geheimnis­sen jed­er Art sei würdig umzuge­hen, in dem man ihre Ent­deck­ung beschweigt und sie nach und nach tat­säch­lich ver­gisst. — stop
ping

im winterzimmer

pic

oli­mam­bo : 2.15 — Als der junge Mann nach langer Zeit tiefen Schlafes erwachte, begann er zu erzählen, er hat­te, während er von Maschi­nen im Leben fest­ge­hal­ten wurde, während er unerr­e­ich­bar gewe­sen war für die Stim­men ihn pfle­gen­der und besuchen­der Men­schen, viel erlebt. Nein, sagte er, dass wir mit ihm gesprochen haben, habe nicht gehört. Er sagte, er habe aber vom Win­ter geträumt, dass Win­ter gewor­den sei, Schnee auch in seinem Zim­mer, Schnee, der von der Decke seines Zim­mers rieselte, Schneemen­schen wür­den ihn gefüt­tert haben und in seinem Bett herumge­dreht. Maschi­nen von Eis ver­sorgten ihn mit Luft, das habe er genauestens beobachtet, und er habe das Pfeifen von Eisorgeln gehört, zwitsch­ern von Eisvögeln und das Tuten von Eis­loko­mo­tiv­en, die immer wieder ein­mal aus ihren Schloten schmutzig qual­mend durch sein Zim­mer don­nerten, so dass sein Bett hin und her schwank­te als befände er sich auf hoher See. Das alles erzählte der erwachende junge Mann uner­müdlich ohne eine Pause zu machen, er bewegte den Mund, er hörte sich sprechen, aber die Mas­chine, die noch immer mit ihm atmete, die ihre Schläuche zu seinem Hals hin­be­wegte, trans­par­ente, feuchte Rohre von fein­er Haut, machte ihn stumm. Über­haupt war der junge Mann noch etwas ver­wirrt, sodass wir diese Geschichte ganz sich­er bald noch ein­mal zu erzählen haben. — stop

ping

ai : USA

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “In den frühen Mor­gen­stun­den des 13. Feb­ru­ar 1994 ent­deck­te ein Polizist in einem Super­markt in Colum­bia im US-Bun­desstaat Mis­souri die Leichen der 44-jähri­gen Mary Bratch­er, des 58-jähri­gen Fred Jones und der 57-jähri­gen Mabel Scrug­gs. Alle drei hat­ten in dem Super­markt gear­beit­et und waren an Kopfver­let­zun­gen gestor­ben. Ernest Lee John­son, der regelmäßig in dem Super­markt eingekauft hat­te, wurde festgenom­men und wegen dreifachen Mordes angeklagt. Man stellte ihn im Mai 1995 vor Gericht, sprach ihn schuldig und verurteilte ihn zum Tode. / 1998 ord­nete der Ober­ste Gericht­shof von Mis­souri eine neue Strafzumes­sung an. Grund dafür war, dass der Rechts­bei­s­tand von Ernest Lee John­son es ver­säumt hat­te, die Aus­sage eines Psy­chi­aters vorzubrin­gen, welch­er seinen Man­dan­ten unter­sucht hat­te. Das Gericht erk­lärte, dass sich der “ein­deutige und nach­drück­liche Ein­druck gefes­tigt” habe, dass diese Aus­sage “die Erwä­gun­gen der Geschwore­nen bee­in­flusst hätte”. Nach Ansicht des Gerichts hät­ten sich die Geschworen in der Folge möglicher­weise für eine lebenslange Haft­strafe aus­ge­sprochen. / Bei der erneuten Fes­tle­gung des Straf­maßes 1999 wurde gegen Ernest Lee John­son jedoch wieder die Todesstrafe ver­hängt. 2002 entsch­ied der Ober­ste Gericht­shof der USA, dass die Hin­rich­tung von Men­schen mit ein­er geisti­gen Behin­derung (intel­lec­tu­al dis­abil­i­ty / men­tal retar­da­tion) ver­fas­sungswidrig ist. 2003 ord­nete der Ober­ste Gericht­shof des Bun­desstaates Mis­souri aber­mals eine neue Strafzumes­sung im Fall von Ernest Lee John­son an. Dies­mal, weil Beweise für eine geistige Behin­derung nicht angemessen dargelegt wor­den waren. Sein Intel­li­gen­zquo­tient (IQ) war im Laufe seines Lebens mehrfach bes­timmt wor­den. Bei einem IQ-Test im Alter von acht Jahren ergab sich ein IQ von 77, bei einem Test im Alter von zwölf Jahren betrug der gemessene IQ 63. Ernest Lee John­son hat­te Prob­leme in der Schule und besuchte eine Son­der­schule. Bei ihm wurde außer­dem eine Alko­holem­bry­opathie diag­nos­tiziert. Dabei han­delt es sich um eine Schädi­gung des Kindes, welche durch Alko­holkon­sum der Mut­ter während der Schwanger­schaft ent­standen ist und unter anderem zu geisti­gen Entwick­lungss­chädi­gun­gen führt. Außer­dem hat Ernest Lee John­son während sein­er Kind­heit zwei schwere Kopfver­let­zun­gen erlit­ten. / 2006 wurde Ernest Lee John­son zum drit­ten Mal zum Tode verurteilt. Die Geschwore­nen waren der Ansicht, dass es keine aus­re­ichen­den Beweise für eine geistige Behin­derung gäbe. Ernest Lee John­sons Vertei­di­gung hat­te erk­lärt, dass die Beweis­last nicht bei ihrem Man­dan­ten liegen dürfe und der Staat beweisen müsse, dass er keine geistige Behin­derung aufweist. Zwei Expert_innen der Vertei­di­gung hat­ten während des Ver­fahrens eine geistige Behin­derung bestätigt. Ein­er von ihnen hat­te den IQ von Ernest Lee John­son bes­timmt und erk­lärt, dass dieser bei 67 läge. Zudem sagten bei­de, dass er in ver­schiede­nen Bere­ichen Anpas­sungss­chwierigkeit­en habe und sich seine geistige Behin­derung bere­its vor Vol­len­dung des 18. Leben­s­jahrs man­i­festiert habe. Der Mitar­beit­er des hinzuge­zo­ge­nen staatlichen Experten ermit­telte zwar eben­falls einen IQ von 67, dieser gab jedoch an, Ernest Lee John­son würde simulieren. Der Experte der Vertei­di­gung stritt dies wieder­rum ab und gab an, mith­il­fe von Unter­suchun­gen aus­geschlossen zu haben, dass Ernest Lee John­son simuliert. Die Staat­san­waltschaft erk­lärte gegenüber den Geschwore­nen, dass “anzunehmen, dass es wahrschein­lich­er ist, dass dieser Mann eine geistige Behin­derung hat, als dass er gesund ist, eine Belei­di­gung ist, eine Belei­dung der Opfer”. Der Ober­ste Gericht­shof von Mis­souri bestätigte das Todesurteil 2008 und erk­lärte, dass “die Entschei­dung der Geschwore­nen respek­tiert” wer­den müsse. Drei der sieben Richter_innen wider­sprachen dem jedoch und argu­men­tierten, dass die Tat­sache, “dass der Angeklagte beweisen musste, dass er geistig behin­dert ist, die Entschei­dung — ob John­son zum Tode verurteilt wer­den sollte — willkür­lich erscheinen lässt” und dass die wider­sprüch­lichen Fak­ten in diesem Fall “zeigen, dass das Ergeb­nis — Leben oder Tod — dur­chaus davon abhän­gen kann, bei welch­er Seite die Beweis­last liegt”. / Amnesty Inter­na­tion­al wen­det sich in allen Fällen, weltweit und aus­nahm­s­los gegen die Todesstrafe. — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 3. Novem­ber 2015 hin­aus, unter »> ai : urgent action

ping

im zug nach amsterdam

pic

ulysses : 0.18 — Wie ich im Zug meine Uhr beobachtete, die vor weni­gen Tagen sich bis zur Zif­fer 3 hin fort­be­wegte, um sich dann um eine Stunde zurück­zu­drehen, in dem sie tat­säch­lich ihren Minuten­zeiger rück­wärts über das Zif­ferblatt wan­dern ließ, wie ich also im Zug meine Uhr beobachtete, wie sie mir eine Nacht­stunde schenk­te, stellte ich mir vor, in dem Zug, in welchem ich mich in Rich­tung Ams­ter­dam fort­be­wegte, würde nie­mand über eine Uhr ver­fü­gen, wed­er Pas­sagiere, noch der Schaffn­er, der Lok­führer, die Damen und Her­ren des Bor­d­bistros. Auch Com­put­er haben keine Uhren, die Fen­ster des Zuges sind ver­dunkelt, der Zug fährt also uhrzeit­los dahin, hält nir­gends an, ist unbes­timmte Zeit lang unter­wegs, ich werde müde, schlafe, wache auf, spaziere herum, nehme ein Früh­stück, bin mir plöt­zlich nicht sich­er, ob nicht vielle­icht Abend ist, tre­ffe Men­schen im Zug, die sagen, sie gehen jet­zt ger­ade in diesem Moment zur Nachtruhe in ihr Abteil, während andere ger­ade aufge­s­tanden sind, um einen neuen Tag zu begin­nen. Ich sitze und höre auf das Schla­gen der Schwellen gegen die Räder des Zuges, mach die Augen zu, suche nach dem Geräusch mein­er inneren Uhr, all dies auf ein­er Reise nach Ams­ter­dam. Was ich dort vor hat­te zu tun, wonach ich suchte, davon erzäh­le ich später. — stop

kind

5 Uhr 8

pic

echo : 5.08 — Komme niemals auf die Idee, Men­schen, die wach sind, mit­tels mein­er Gedanken anzus­prechen, aber wenn sie schlafen, warum? — stop

ping

Top