louis an louis

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romeo : 6.55 – Du wirst Dich viel­leicht wundern, lieber Louis, weshalb ich für Dich notiere in dieser Weise auf eine Seite Papier von Heiß­luft­bal­lonen über der Stadt Turku, unter welchen in Körben schla­fende Menschen wohnen. Ich erzählte Dir von einer schnee­weißen Spinne mit acht hell­blauen Augen, die im Gefrier­fach Deines Kühl­schranks wohnt. Erin­nerst Du Dich? Wie wir durch Istanbul fahren im Winter im Wagen einer alten Stra­ßen­bahn auf der Suche nach Mr. Pamuk. Wir sind allein im Wagon, es ist schon spät, wir sitzen gleich hinter der Kabine des Fahrers und erzählen laut­hals von der Erfin­dung der Trom­pe­ten­käfer. Der Fahrer, ein älterer Herr, nickt immerzu mit dem Kopf, und wir über­legen, ob er unsere Sprache viel­leicht verstehen könnte, also erzählen wir weiter, wir erzählten von Vögeln ohne Füße, die niemals landen, von Tief­see­ele­fanten, die den Atlantik in Herden durch­streifen, und von der Sekunde da Melly Cusaro, wohn­haft in Brooklyn, an ihrem 10 Geburtstag beschloss, Astro­nautin zu werden. Wenn Du diesen Brief lesen wirst, lieber Louis, wird 1 Jahr später sein. Ich habe diesen Brief vor genau 365 Tagen für Dich aufge­schrieben, verbunden mit der Anwei­sung, ihn am 1. Dezember 2015 an Dich zuzu­stellen. Im Text sind wesent­liche Pass­wort­kerne für Deine Schreib­ma­schine enthalten, gut versteckt, Du wirst sie, sofern notwendig, wieder­erkennen. Würdest Du bitte noch in dieser Stunde, da Du meinen oder Deinen Brief gelesen haben wirst, Pass­wort­kerne mit neuen Phrasen und Geschichten versehen, einen weiteren Brief notieren, zu senden an Louis im Auftrag: Zuzu­stellen am 14. Dezember des Jahres 2016. Sei herz­lich gegrüßt. Alles Gute! Dein Louis – stop
drohne16

nahe central park

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alpha : 6.55 – Früher Abend, Sommer. Ein Reporter befragt ein Mädchen nahe Central Park. Das Mädchen,  8 Jahre alt, trägt ein rotes Kleid. Was willst Du einmal werden, will der Reporter wissen. Das Mädchen schaut sich kurz um. Es scheint seine Antwort bereits zu kennen, aber viel­leicht ist seine Antwort ein Geheimnis, von dem nicht jeder Kenntnis haben darf. Das Mädchen sagt: Ich will Meer­jung­frau werden, und verdreht die Augen. Das ist aber eine schöne Idee, antwortet der Reporter. Das Mädchen über­legt für einen Moment. Nein, sagt es dann, das ist keine Idee, sondern Bestim­mung. Freust Du Dich, Meer­jungfau zu werden, fragt der Reporter. Aber natür­lich, sagt das Mädchen. Seit wann weißt Du denn, dass Du Meer­jung­frau werden wirst? Ach, schon immer, antwortet das Mädchen, und verdreht wieder die Augen. Für einen Augen­blick schweigt der Reporter, um dann fort­zu­setzen: Was ist die größte Heraus­for­de­rung für Dich auf dem Weg, eine Meer­jung­frau zu werden. Oh, sagt das Mädchen, die Luft anzu­halten. Jetzt hüpft es davon. – stop

ping

nahe turku

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nordpol : 5.12 – Gestern, es ist natür­lich Nacht gewesen, über­legte ich, ob es even­tuell möglich sein könnte, eine Uhr von reinstem Eis zu konstru­ieren, eine Uhr, die Zeit anzu­zeigen, eine funk­tio­nie­rende Uhr, nicht nur einfach eine schöne Uhr und kalt, eine Uhr mit einem Uhrwerk von Eis, mit Zahn­räd­chen, die zu Wasser würden, wenn man sie erwärmte, und einem größeren und einem klei­neren Zeiger aus den Tiefen des Humboldt-Glet­schers, sowie einem Ziffer­blatt von Schnee. Plötz­lich halte ich einen Apfel in der Hand und friere und beschäf­tige mich eine halbe Stunde mit der Frage, woher die Vorstel­lung einer Eisuhr viel­leicht gekommen sein könnte. – stop

ping

liberty

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MELDUNG. Aus 32500 Fuß Höhe über dem pazi­fi­schen Ozean kurz vor Santa Rosa abge­worfen: Rotbauch­me­er­katze Liberty, 3 Jahre, 2564 Gramm, achte Über­le­bende der Test­serie Teflon-D08 {Haut­wesen}. Man ist zur Stunde noch voll­ständig ohne Sprache, aber bei vollem Bewusst­sein. – stop
ping

im verborgenen

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delta : 0.55 – In Peter Bich­sels Erzäh­lung Die Erde ist rund wartet ein wunder­barer erster Satz. Der Satz geht so: Ein Mann, der weiter nichts zu tun hatte, nicht mehr verhei­ratet war, keine Kinder mehr hatte und keine Arbeit mehr, verbrachte seine Zeit damit, dass er sich alles, was er wusste, noch einmal über­legte. – Wie würde ich an Stelle des Mannes zunächst vorgehen. Würde ich viel­leicht ein Verzeichnis meiner Erin­ne­rungen anlegen, oder würde ich mich still in meine Küche setzen und mich umsehen und über­legen, was ich von meiner Küche weiß? Da war vorhin noch eine Schüssel voller Äpfel, Manda­rinen, Bananen gewesen, und der Wunsch, Gegen­stände, auch erfun­dene Dinge und Wesen, unver­züg­lich zu öffnen, um nach­zu­sehen, was in ihrem Inneren zu vermerken ist. Vorwärts suchen und erfinden in die Tiefe. Vorwärts bis hin zur letzten einsamen Haut, die jedes verblei­bende Geheimnis umwi­ckelt, eine Beru­hi­gung. Aber dann, sobald ich beispiels­weise ein Fern­seh­gerät betrachte, wenn es acht Uhr abends geworden ist, weiß ich, dass ich kaum noch etwas von da draußen wissen kann, weil je nur halbe Äpfel oder noch klei­nere Teile zu erkennen sind, oder Äpfel, die nur vorgeben oder behaupten, Äpfel zu sein, oder Äpfel, die zu schnell geworden sind. Einmal beob­ach­tete ich dort auf dem Bild­schirm eine Kampf­ma­schine, die von einem Flug­zeug­träger aus star­tete. Im Verbor­genen, außer­halb meiner Bild­schirm­licht­zeit flog die Kampf­ma­schine vermut­lich weiter. Was ist geschehen? – stop
giraffe

2 minuten

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alpha : 5.25 – Eine Freundin, B., erzählte, sie sei kürz­lich in einer Stra­ßen­bahn gefahren, da habe ein Mann in ihrer Nähe Platz genommen. Sie habe gerade gelesen, als sich der Mann fast lautlos setzte, sie habe kurz ein wenig den Blick gehoben und auf dem Unterarm des Mannes die Zeichen ISLAM entdeckt, diese Zeichen seien dort eintä­to­wiert gewesen, eine Haut­be­schrif­tung wie für die Ewig­keit eines ganzen Lebens. Sie habe dann erst einmal ihre Lektüre fort­ge­setzt, aber sie habe sich nicht länger auf ihr Buch konzen­trieren können, darum habe sie den Blick gehoben. Ihr Blick sei über die Inschrift ISLAM, sie war tatsäch­lich noch immer dort gewesen, hinweg­ge­huscht zum Gesicht des Mannes hin, das ein junges Gesicht gewesen sei. Der Mann habe sie äußerst bedroh­lich, also aggressiv oder so ähnlich, betrachtet, ein Blick unent­wegt, ein Blick ohne einen Lidschlag, da habe sie sich gefürchtet, habe ihren eigenen Blick wieder gesenkt und das Buch ange­sehen, aber natür­lich nicht gelesen sondern nach­ge­dacht. Ja, was sie gedacht habe sei nicht gerade ange­nehm gewesen, sie habe sich über­legt, ob der Mann, der ihr gegen­über saß, viel­leicht eine Waffe, gar einen Spreng­stoff­gürtel tragen könnte. Ihr sei auch in den Sinn gekommen, dass sehr viele Menschen in der Stra­ßen­bahn gefahren seien, was eigent­lich ein gutes Zeichen gewesen sei, weil man ihr hätte helfen können, einer gegen viele, aber dann habe sie daran gedacht, dass gerade dort, wo viele Menschen sich befinden, Bomben explo­dieren, weil man in dieser Weise viele Menschen auf einmal umbringen könne, und sie habe den Eindruck gehabt, dass sie sofort aufstehen und aussteigen sollte. Aber dann habe sie sich gesagt, dass sie das jetzt aushalten müsse, und deshalb sei sie sitzen­ge­blieben, und das alles in ein oder zwei Minuten. – stop

ping

aufs offene meer

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india : 5.08 – In dieser Nacht ist etwas sehr Merk­wür­diges geschehen. Ich beob­ach­tete auf dem Bild­schirm meiner Schreib­ma­schine die pendelnde Bewe­gung zweier Fähr­schiffe der Staten Island Flotte auf der Upper New York Bay. Es handelte sich einer­seits um die Fähre MS Moli­nari, ande­rer­seits um die Fähre MS Andrew J. Barberi. Stun­den­lange plan­mä­ßige Reisen der Schiffe von Stadt­teil zu Stadt­teil. Plötz­lich, es war gegen 4 Uhr euro­päi­scher Zeit gewesen, 10 Uhr abends in New York, nahm die Fähre MS Moli­nari Kurs auf das offene Meer hinaus, ein so von mir noch nie zuvor beob­ach­teter Vorgang. Nach einer halben Stunde wurde das Schiff lang­samer, wartete einige Minuten, als würde es nach­denken, um kurz darauf zu wenden und zur St. George Termi­nal­sta­tion zurück zu kehren. Wenige Minuten später verliess die Fähre John F. Kennedy, eigent­lich eine Tagfähre, das Terminal in Rich­tung Manhat­tansüd. Das ist tatsäch­lich sehr seltsam, ich muss wach bleiben, ich muss das Selt­same weiter beob­achten. – stop

molinari

winterpäckchen

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marimba : 3.05 – Am vergan­genen Mitt­woch soll Ludwig, er ist gerade 8 Jahre alt geworden, dabei beob­achtet worden sein, wie er eine Schuh­schachtel vor das Fenster seines Zimmer stellte, um 1 Stunde lang das Licht eines frühen Nach­mit­tages einzu­fangen. Er wendete in dieser Stunde nicht eine Minute seinen Blick von dem Behälter, dann sorg­fältig mit ernster Miene verschloss, um ihn noch an dem selben Tag mit seiner Mutter zu einem Postamt zu bringen. Das ist für meinen Freund Janos, erklärte Ludwig dem Beamten, der bei der Verfer­ti­gung einer zoll­amt­liche Erklä­rung behilf­lich war, 1 Stunde Sonne für meinen Freund, der in Teri­berka weit im Norden in Russ­land wohnt. Jetzt wartet Ludwig. Es ist durchaus denkbar, dass er nun seiner­seits zur Weih­nacht viel­leicht etwas Winter­nacht­licht geschenkt bekommen wird. – stop

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es ist abend

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marimba : 6.02 – Wie Schnee, ein gutes Dutzend Menschen­fo­to­gra­fien. Von L., die über einem Buch einge­schlafen ist, wie sie an einem Küchen­tisch sitzt, den Kopf auf ihre Hände gebettet, sie muss bemerkt haben, dass sie gleich das Bewusst­sein verlieren wird. Von M., der im Wald über eine Wiese voller Schnee­glöck­chen spaziert, ein Manu­skript in der linken Hand, dessen Sätze er auswendig lernen muss, um sie auf einer Bühne zu spre­chen. Er geht sehr schnell, weil kaum noch Zeit ist, aber das ist auf der Scharz­weiß­fo­to­grafie nicht zu erkennen. Von P., die vor einer Erdmulde unter einer Birke steht. Das Grab der Eltern ist verschwunden, der Hügel voller Blumen, ein Gedenk­stein, aber die Birke ist noch da, sie war schon da als sie geboren wurde, und sie weiß, dass tief da unten auch die Knochen der Eltern noch immer anwe­send sind. Von I., der sich, wie ein Jahr zuvor, Tag für Tag darüber freut, dass er das Wort Kühl­schrank zu erin­nern vermag. Von J., die einen Foto­ap­parat auf sich selbst richtet an einem Abend, da sie bemerkt, dass das Sausen in ihren Ohren plötz­lich verschwunden ist, wie sie der Stille lauscht. Von K., die über eine Straße stürmt auf dem Weg zum Tanz, barfuss, ihre roten, flachen Leder­schuhe in der rechten Hand, und obwohl es regnet, wirbeln nasse Blätter hinter ihr durch die Luft. Von N., deren Schwester in Kobane kämpfte, wie sie schläft. Die Schwester soll N. sehr ähnlich gewesen sein, aber niemand weiß das so genau, weil die Schwester vor 15 Jahren in den Unter­grund verschwand, weil sie in den Bergen kämpfte, weil der Krieg mit Menschen­ge­sich­tern macht was er will, weil sie nie wieder zurück­kehren wird. Von M., die im Dezember noch in den Bergen wanderte auf einer Alm, wo der Schnee Muster auf eine Wiese zeich­nete, wie sie auf der Haut der Sommer­kühe anzu­treffen sind. Von dem kleinen H. aus Aleppo, der sich wundert, dass er noch immer lebt. Er zeigt gerade Sieges­zei­chen mit beiden Händen, als der Foto­graf seiner­seits seine letzte Aufnahme macht. Von K., der mit geschlos­senen Augen auf einer Violine spielt, die aus Stirn­kno­chen eines gestran­deten Wales geschnitzt wurde. Von Y., die in einem feinen dunkel­blauen Kostüm nahe Columbus Circle im Central Park neben einem Roll­koffer steht und mit einem Eich­hörn­chen spricht, das mit gespitzten Ohren vor ihr sitzt. Es ist Abend. – stop

ping

piccadilly circus

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MELDUNG. Junge Kroko­dil­kai­mane [ Caima­ninae ], ein Schwarm, haben nahe Picca­dilly Circus einen Imbiß über­fallen. Es wird gefahndet in und unter den Straßen, im Wasser und in der Luft. – stop
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von teefliegen

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india : 3.22 – Seit Stunden sitzte ich wieder einmal im Dunkeln, weil ich heraus­zu­finden wünsche, ob Libellen auch in licht­leeren Räumen fliegen, schweben, jagen. Als ich gestern nämlich gegen den Mittag zu erwachte, balan­cierte eine Libelle, mari­neblau, auf dem Rand einer Karaffe Tee, die ich neben meinem Bett abge­stellt hatte, sie schaute mir beim Aufwa­chen zu und naschte, indem sie rhyth­misch mit einer sehr langen Zunge bis auf den Grund des zimt­far­benen Gewäs­sers tauchte. Viel­leicht jagte sie nach Fischen oder Larven oder kleinen Fliegen, nach Teefliegen, kochend­heiß, die kühler geworden sein mochten während ich schlief. Oder aber sie hatte endlich Geschmack gefunden auch an süßen Dingen des Lebens, weshalb ich kurz vor Mitter­nacht einen Löffel Honig erhitzte und auf die Fens­ter­bank tropfen ließ, um dann sofort das Licht zu löschen. Und so warte ich nun bereits seit drei Stunden und höre selt­same Geräu­sche, von Menschen viel­leicht oder anderen wilden Tieren. – stop

tapete

transfer

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echo : 3.05 – Vor fünf oder sechs Jahren schrieb ich einen Brief an einen Freund, der verschollen war. Ich erzählte ihm von der Welt der Fähr­schiffe, wie ich sie erkundet hatte auf der Upper New York Bay. Ich bat ihn, er möge sich um Himmels­willen melden. Vermut­lich war ich nicht wirk­lich der Über­zeu­gung gewesen, dass meine E-Mail den verschwun­denen Freund errei­chen würde, er war zuletzt doch schon sehr verrückt gewesen, er hielt sich für einen anderen, und war seit bereits zwei Jahr­zehnten vermisst. Ich notierte also eine Botschaft für einen auch von mir selbst verehrten Schrift­steller, die ihn unmög­lich oder sehr wahr­schein­lich nicht errei­chen würde. Ich sendete mein Schreiben an einen E-Mail-Dienst im finni­schen Turku, der versprach, Schrift­sätze an Menschen weiter­zu­leiten, die verschwunden waren, viel­leicht gegen ihren Willen wie vom Erdboden verschluckt oder weil sie sich versteckten. Einige Stunden später wurde der Eingang meiner E-Mail bestä­tigt mit dem Verspre­chen einer Nach­richt, sobald die E-Mail weiter­ge­geben werden konnte. In diesem glück­li­chen Falle sollte ich 85 Dollar über­weisen an ein Postamt eben der Stadt Turku, ein ganz ange­mes­sener Betrag, wie ich finde. Vor wenigen Minuten nun erhielt ich meine E-Mail mit dem Vermerk zurück: Wir bedauern sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir Ihre E-Mail an Mr. John Dos Passos nicht zustellen konnten. Mit freund­li­chen Grüßen. – stop

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propellerzunge

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tango : 2.01 – Wieder der Versuch, den Klang mensch­li­cher Stimmen vorzu­stellen, wie sie sich unter einer Wasser­ober­fläche arti­ku­lieren. Eine schwie­rige Aufgabe, insbe­son­dere deshalb, weil ich einer­seits annehme, ein authen­ti­sches Sprech­ge­räusch, welches sich unter Wasser ereignet, in meinem Kopf jeder­zeit erzeugen zu können, ande­rer­seits jedoch über keinerlei Wörter verfüge, dieses Geräusch ange­messen zu beschreiben. Ein Problem der Über­set­zung scheint vorzu­liegen, ein Raum zwischen geis­tigem Hören und dem annä­hernd korrekten Ausdruck in der Sprache meines Mundes oder meiner Hände auf Tasta­turen, der auch in dieser Nacht, nach Jahren inten­siver Versuche, nicht zu über­winden ist. Ich nehme an, Phoneme, die eine ausge­dehnte Öffnung des Mundes erfor­dern in der Sprache unter der Wasser­ober­fläche spre­chender Lungen­men­schen, werden im Laufe der Jahr­hun­derte seltener werden, Arti­ku­la­tion indessen mittels gespitzter Lippen, pfei­fende Laute, eine Entwick­lung in diese Rich­tung, das ist denkbar. – Leichter Regen. – stop

letter

st.ive

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 228 hupende Rüssel­rosen, kurz vor St.Ive gesichtet. Man befindet sich in zirku­lie­render Bewe­gung. – stop
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ai : VIETNAM

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MENSCH IN GEFAHR : “Die viet­na­me­si­sche Anwältin und Menschen­recht­lerin Lê Thu Hà wurde am 16. Dezember fest­ge­nommen. Kurz zuvor am selben Tag war auch der bekannte Menschen­rechts­an­walt Nguyễn VÄn Äài fest­ge­nommen worden. Bisher durfte sie keinen Besuch von anderen Aktivist/innen erhalten. Sie läuft Gefahr, gefol­tert und ander­weitig miss­han­delt zu werden. / Die Rechts­an­wältin Lê Thu Hà soll am 16. Dezember inhaf­tiert worden sein, als Sicher­heits­kräfte die Wohnung des Menschen­rechts­an­walts Nguyễn VÄn Äài in der Haupt­stadt Hanoi durch­suchten. Der Anwalt war am Morgen desselben Tages fest­ge­nommen worden. Weitere Infor­ma­tionen zu seinem Fall finden Sie in UA-292/2015.  Lê Thu Hà ist Mitglied der von Nguyễn VÄn Äài gegrün­deten Orga­ni­sa­tion “Bruder­schaft für Demo­kratie” (Brother­hood for Demo­cracy). Sie befindet sich derzeit im B14-Gefängnis in Hanoi in Unter­su­chungs­haft. Es ist nicht bekannt, ob sie bereits ange­klagt wurde./ Lê Thu Hà war bereits am 23. September fest­ge­nommen worden, gemeinsam mit vier weiteren Mitarbeiter/innen des unab­hän­gigen YouTube-Kanals “Lương Tâm TV” (“Gewis­sens-TV”). Sie war als Englisch-Über­set­zerin für den Sender tätig gewesen, der seit August 2015 auf YouTube kurze Clips über die Menschen­rechts­lage in Vietnam ausstrahlt. Alle fünf waren bis spät­abends von der Hanoier Sicher­heits­po­lizei fest­ge­halten worden. Im April hatten die Behörden den Reise­pass von Lê Thu Hà einge­zogen, kurz bevor sie von Hanoi nach Ho-Chi-Minh-Stadt fliegen und von dort aus einen Flug ins Ausland nehmen wollte. / Am 20. Dezember versuchten einige Aktivist/innen, Lê Thu Hà im B14-Gefängnis zu besu­chen, durften sie jedoch nicht sehen. Sie läuft Gefahr, gefol­tert und ander­weitig miss­han­delt zu werden. Verteidiger/innen der Menschen­rechte, gegen die in Vietnam straf­recht­liche Vorwürfe erhoben worden sind, werden während der Unter­su­chungs­haft bzw. in der Ermitt­lungs­phase häufig unmensch­lich behan­delt.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 2. Februar 2016 hinaus, unter > ai : urgent action

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22 Uhr 1

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ulysses : 22.01 – Seit einer halben Stunde das Wort Hibis­kus­bahn in meinem Gehör. Leichter Regen. – stop

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von händen

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nordpol : 6.02 – Ob ein Mann, der schreibt, gut oder schlecht schreibt, ist gleich aus­ge­macht, ob aber einer, der nichts schreibt und stille sitzt, aus Ver­nunft oder aus Unwis­sen­heit stille sitzt, kann kein Sterb­li­cher aus­ma­chen. G.C.Lichtenberg. Ich ver­gesse, obwohl ich ihre Bewe­gun­gen mit den Augen ver­folge, meine Hände sobald ich schreibe. — Warum?

mikroskop1

south ferry

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delta : 5.15 – Heute Nacht vor dem Fenster wieder eine Stille, dass ich für einen Moment fürch­tete, mein Gehör verloren zu haben. Dann leichter Regen. Man sieht es den Bäumen nicht an, aber sie schlafen. Gegen fünf Uhr erin­nere ich mich an Uwe John­sons Jahres­tage. Es ist ein schweres Buch, das ich aus dem Regal hebe, 1702 Seiten feines Papier, seine Buch­staben sind von Jahr zu Jahr kleiner geworden, höchste Zeit, den Roman in eine Lese­ma­schine zu laden. Ich stellte mir vor, wie Louis einmal Uwe John­sons Werk, indem er liest, in groß­for­ma­tige Notiz­bü­cher über­tragen könnte. Oder eine Brille: Sonn­abend ist der Tag der South Ferry. Der Tag der South Ferry gilt als wahr­ge­nommen, wenn Marie mittags die Abfahrt zur Battery ankün­digt. Die Fähren zwischen der Südspitze von Manhattan und Staten Island sah sie zum ersten Mal vom Touris­ten­deck der ›France‹ aus, da musste sie noch über die Reling gehoben werden. Sie starrte feind­selig auf den Hoch­haus­kaktus Manhat­tans, der zu Riesen­maßen wuchs, statt zu mensch­li­chen abzu­nehmen; mit Neugier betrach­tete sie die Fähr­boote, die neben dem Über­see­schiff das New Yorker Hafen­be­cken ausmaßen, mehr­stö­ckige Häuser von blau abge­setztem Orange, rasch laufend wie die Feuer­wehr. Sie nickte benommen, als Gesine ihr die Fahr­zeuge nicht erklären konnte; bei einem Ausflug erkannte sie den Typ auf den zweiten Blick, obwohl die Fähr­por­tale ihr das Äußere mit Scheu­klappen zuge­hängt hatten. Die South Ferry war ihr erster Wunsch an New York. – stop
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uhrwerke

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alpha : 2.05 – Im Traum betrete ich ein Zimmer, das voll­ständig weiß ist und von sehr hellem Licht. Nichts zu hören. In der Mitte des Zimmers sitzt ein unbe­klei­deter Mann auf dem Boden, seine Haut strahlt beinahe so hell wie die Wände, der Boden und die Decke des Zimmers. Der Mann scheint zu schlafen, seine Augen sind geschlossen. Obwohl ich auf Zehen­spitzen gehe, mache ich Geräu­sche, aber ich kann nicht sagen, ob der Schla­fende mich wahr­nehmen kann. Im Näher­kommen vernehme ich ein Rauschen, das von dem Mann unmit­telbar auszu­gehen scheint. Einen Schritt später entdecke ich tausende Uhren in der Größe der 5 Cent­münzen. Sie liegen unmit­telbar unter der Haut des Mannes geborgen, Sekun­den­zei­ger­schatten kreisen dort, tausende Zeiger, eine eigen­tüm­liche Erschei­nung, als würde die Haut des Mannes leicht ange­hoben sein, als würde sie über seinem Körper schweben, sich frei bewegen. Die Uhren im Übrigen zeigen unter­schied­liche Zeiten an. So konzen­triert ich auch suche, ich kann kein Prinzip entde­cken, das die Zeiten der Uhrwerke regelt. Selbst unter den Augen­li­dern des Mannes bemerke ich Uhren. Ich schlafe dann ein im Traum. – stop
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in üsküdar

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whiskey : 0.55 – Y. erzählte vor einigen Tagen eine Geschichte, die sie als Mädchen im Alter von sieben oder acht Jahren in Istanbul erlebte, genauer in einem Hinterhof des Stadt­teils Üsküdar. Sie sollte damals eine Tüte Pista­zien und noch einige andere Dinge von einem Kioskladen holen, es war Sommer, und sie hüpfte raus auf die Straße und um die Ecke und rein in den kleinen Laden, und las einem Mann eine Liste der bestellten Dinge vor. Der Mann sah ihre Liste durch, lächelte ihr zu und stellte ein oder zwei Fragen, so in etwa: Wie viele Pista­zien sollen es denn sein? Y. über­legte sorg­fältig, aber letzt­lich konnte sie sich nicht erin­nern, wie viele Gramm Pista­zien ihr die Mutter zum Kauf aufge­tragen hatte. Deshalb hüpfte sie auf die Straße zurück, aber anstatt zur Eingangstür ihres Wohn­hauses zurück­zu­kehren, trat sie in einem Hinterhof vor einen Balkon im 2. Stock. Die Tür zum Wohn­zimmer der Familie, hinter der sie ihre Mutter wusste, war geöffnet. Sie rief so laut sie konnte: Mama! Dann wartete sie eine kurze Zeit. Als die Mutter nicht auf dem Balkon erschien, rief sie noch einmal: Mama, Mama, ich habe eine Frage, ich bin’s! Wiederum rief sie vergeb­lich, sie wartete und rief und wartete. Gerade als sie umkehren wollte, um den weiteren Weg, den sie gekommen war, zur Mutter in die Wohnung zurück­zu­nehmen, bemerkte sie ein fremdes Mädchen neben sich, das viel­leicht zwei Jahre jünger war als sie selbst. Das Mädchen hatte eine ihrer Hände genommen, sah sie bedeu­tungs­voll an, hob dann den Kopf zum Balkon empor und rief mit leiser, sanfter Stimme: Mama! Mama! Y. erin­nerte sich noch nach vielen Jahren an die feine Stimme des Mädchens, die beinahe nicht zu hören gewesen war. Kaum eine viertel Minute verging, da erschien ihre Mutter auf dem Balkon und schaute zu den beiden Mädchen herab. Das war ein Moment ihres Lebens gewesen, den Y., die inzwi­schen selbst zwei Söhne gebar, nie vergessen konnte, ein Geheimnis: Warum hatte die Mutter auf die leise Stimme eines fremden Mädchens reagiert, aber die Stimme der eigenen Tochter nicht gehört? – stop

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