louis an louis

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romeo : 6.55 – Du wirst Dich vielle­icht wun­dern, lieber Louis, weshalb ich für Dich notiere in dieser Weise auf eine Seite Papi­er von Heißluft­bal­lo­nen über der Stadt Turku, unter welchen in Kör­ben schlafende Men­schen wohnen. Ich erzählte Dir von ein­er schneeweißen Spinne mit acht hell­blauen Augen, die im Gefrier­fach Deines Kühlschranks wohnt. Erin­nerst Du Dich? Wie wir durch Istan­bul fahren im Win­ter im Wagen ein­er alten Straßen­bahn auf der Suche nach Mr. Pamuk. Wir sind allein im Wag­on, es ist schon spät, wir sitzen gle­ich hin­ter der Kabine des Fahrers und erzählen lau­thals von der Erfind­ung der Trompe­tenkäfer. Der Fahrer, ein älter­er Herr, nickt immerzu mit dem Kopf, und wir über­legen, ob er unsere Sprache vielle­icht ver­ste­hen kön­nte, also erzählen wir weit­er, wir erzählten von Vögeln ohne Füße, die niemals lan­den, von Tief­seeele­fan­ten, die den Atlantik in Her­den durch­streifen, und von der Sekunde da Mel­ly Cusaro, wohn­haft in Brook­lyn, an ihrem 10 Geburt­stag beschloss, Astro­nautin zu wer­den. Wenn Du diesen Brief lesen wirst, lieber Louis, wird 1 Jahr später sein. Ich habe diesen Brief vor genau 365 Tagen für Dich aufgeschrieben, ver­bun­den mit der Anweisung, ihn am 1. Dezem­ber 2015 an Dich zuzustellen. Im Text sind wesentliche Pass­wortk­erne für Deine Schreib­mas­chine enthal­ten, gut ver­steckt, Du wirst sie, sofern notwendig, wieder­erken­nen. Würdest Du bitte noch in dieser Stunde, da Du meinen oder Deinen Brief gele­sen haben wirst, Pass­wortk­erne mit neuen Phrasen und Geschicht­en verse­hen, einen weit­eren Brief notieren, zu senden an Louis im Auf­trag: Zuzustellen am 14. Dezem­ber des Jahres 2016. Sei her­zlich gegrüßt. Alles Gute! Dein Louis — stop
drohne16

nahe central park

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alpha : 6.55 – Früher Abend, Som­mer. Ein Reporter befragt ein Mäd­chen nahe Cen­tral Park. Das Mäd­chen,  8 Jahre alt, trägt ein rotes Kleid. Was willst Du ein­mal wer­den, will der Reporter wis­sen. Das Mäd­chen schaut sich kurz um. Es scheint seine Antwort bere­its zu ken­nen, aber vielle­icht ist seine Antwort ein Geheim­nis, von dem nicht jed­er Ken­nt­nis haben darf. Das Mäd­chen sagt: Ich will Meer­jungfrau wer­den, und ver­dreht die Augen. Das ist aber eine schöne Idee, antwortet der Reporter. Das Mäd­chen über­legt für einen Moment. Nein, sagt es dann, das ist keine Idee, son­dern Bes­tim­mung. Freust Du Dich, Meer­jung­fau zu wer­den, fragt der Reporter. Aber natür­lich, sagt das Mäd­chen. Seit wann weißt Du denn, dass Du Meer­jungfrau wer­den wirst? Ach, schon immer, antwortet das Mäd­chen, und ver­dreht wieder die Augen. Für einen Augen­blick schweigt der Reporter, um dann fortzuset­zen: Was ist die größte Her­aus­forderung für Dich auf dem Weg, eine Meer­jungfrau zu wer­den. Oh, sagt das Mäd­chen, die Luft anzuhal­ten. Jet­zt hüpft es davon. — stop

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nahe turku

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nord­pol : 5.12 – Gestern, es ist natür­lich Nacht gewe­sen, über­legte ich, ob es eventuell möglich sein kön­nte, eine Uhr von rein­stem Eis zu kon­stru­ieren, eine Uhr, die Zeit anzuzeigen, eine funk­tion­ierende Uhr, nicht nur ein­fach eine schöne Uhr und kalt, eine Uhr mit einem Uhrw­erk von Eis, mit Zah­n­räd­chen, die zu Wass­er wür­den, wenn man sie erwärmte, und einem größeren und einem kleineren Zeiger aus den Tiefen des Hum­boldt-Gletsch­ers, sowie einem Zif­ferblatt von Schnee. Plöt­zlich halte ich einen Apfel in der Hand und friere und beschäftige mich eine halbe Stunde mit der Frage, woher die Vorstel­lung ein­er Eisuhr vielle­icht gekom­men sein kön­nte. — stop

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liberty

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MELDUNG. Aus 32500 Fuß Höhe über dem paz­i­fis­chen Ozean kurz vor San­ta Rosa abge­wor­fen: Rot­bauch­meerkatze Lib­er­ty, 3 Jahre, 2564 Gramm, achte Über­lebende der Test­serie Teflon-D08 {Hautwe­sen}. Man ist zur Stunde noch voll­ständig ohne Sprache, aber bei vollem Bewusst­sein. – stop
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im verborgenen

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delta : 0.55 — In Peter Bich­sels Erzäh­lung Die Erde ist rund wartet ein wun­der­bar­er erster Satz. Der Satz geht so: Ein Mann, der weit­er nichts zu tun hat­te, nicht mehr ver­heiratet war, keine Kinder mehr hat­te und keine Arbeit mehr, ver­brachte seine Zeit damit, dass er sich alles, was er wusste, noch ein­mal über­legte. — Wie würde ich an Stelle des Mannes zunächst vorge­hen. Würde ich vielle­icht ein Verze­ich­nis mein­er Erin­nerun­gen anle­gen, oder würde ich mich still in meine Küche set­zen und mich umse­hen und über­legen, was ich von mein­er Küche weiß? Da war vorhin noch eine Schüs­sel voller Äpfel, Man­dari­nen, Bana­nen gewe­sen, und der Wun­sch, Gegen­stände, auch erfun­dene Dinge und Wesen, unverzüglich zu öff­nen, um nachzuse­hen, was in ihrem Inneren zu ver­merken ist. Vor­wärts suchen und erfind­en in die Tiefe. Vor­wärts bis hin zur let­zten ein­samen Haut, die jedes verbleibende Geheim­nis umwick­elt, eine Beruhi­gung. Aber dann, sobald ich beispiel­sweise ein Fernse­hgerät betra­chte, wenn es acht Uhr abends gewor­den ist, weiß ich, dass ich kaum noch etwas von da draußen wis­sen kann, weil je nur halbe Äpfel oder noch kleinere Teile zu erken­nen sind, oder Äpfel, die nur vorgeben oder behaupten, Äpfel zu sein, oder Äpfel, die zu schnell gewor­den sind. Ein­mal beobachtete ich dort auf dem Bild­schirm eine Kampf­mas­chine, die von einem Flugzeugträger aus startete. Im Ver­bor­ge­nen, außer­halb mein­er Bild­schirm­lichtzeit flog die Kampf­mas­chine ver­mut­lich weit­er. Was ist geschehen? — stop
giraffe

2 Uhr 12

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delta : 2.12 – Im ver­gan­genen Win­ter­jahr nur zwei Paar und einen einzel­nen Hand­schuh ver­loren. — stop

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2 minuten

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alpha : 5.25 – Eine Fre­undin, B., erzählte, sie sei kür­zlich in ein­er Straßen­bahn gefahren, da habe ein Mann in ihrer Nähe Platz genom­men. Sie habe ger­ade gele­sen, als sich der Mann fast laut­los set­zte, sie habe kurz ein wenig den Blick gehoben und auf dem Unter­arm des Mannes die Zeichen ISLAM ent­deckt, diese Zeichen seien dort ein­tä­towiert gewe­sen, eine Hautbeschrif­tung wie für die Ewigkeit eines ganzen Lebens. Sie habe dann erst ein­mal ihre Lek­türe fort­ge­set­zt, aber sie habe sich nicht länger auf ihr Buch konzen­tri­eren kön­nen, darum habe sie den Blick gehoben. Ihr Blick sei über die Inschrift ISLAM, sie war tat­säch­lich noch immer dort gewe­sen, hin­wegge­huscht zum Gesicht des Mannes hin, das ein junges Gesicht gewe­sen sei. Der Mann habe sie äußerst bedrohlich, also aggres­siv oder so ähn­lich, betra­chtet, ein Blick unen­twegt, ein Blick ohne einen Lid­schlag, da habe sie sich gefürchtet, habe ihren eige­nen Blick wieder gesenkt und das Buch ange­se­hen, aber natür­lich nicht gele­sen son­dern nachgedacht. Ja, was sie gedacht habe sei nicht ger­ade angenehm gewe­sen, sie habe sich über­legt, ob der Mann, der ihr gegenüber saß, vielle­icht eine Waffe, gar einen Sprengstof­fgür­tel tra­gen kön­nte. Ihr sei auch in den Sinn gekom­men, dass sehr viele Men­schen in der Straßen­bahn gefahren seien, was eigentlich ein gutes Zeichen gewe­sen sei, weil man ihr hätte helfen kön­nen, ein­er gegen viele, aber dann habe sie daran gedacht, dass ger­ade dort, wo viele Men­schen sich befind­en, Bomben explodieren, weil man in dieser Weise viele Men­schen auf ein­mal umbrin­gen könne, und sie habe den Ein­druck gehabt, dass sie sofort auf­ste­hen und aussteigen sollte. Aber dann habe sie sich gesagt, dass sie das jet­zt aushal­ten müsse, und deshalb sei sie sitzenge­blieben, und das alles in ein oder zwei Minuten. — stop

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aufs offene meer

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india : 5.08 – In dieser Nacht ist etwas sehr Merk­würdi­ges geschehen. Ich beobachtete auf dem Bild­schirm mein­er Schreib­mas­chine die pen­del­nde Bewe­gung zweier Fährschiffe der Stat­en Island Flotte auf der Upper New York Bay. Es han­delte sich ein­er­seits um die Fähre MS Moli­nari, ander­er­seits um die Fähre MS Andrew J. Bar­beri. Stun­den­lange plan­mäßige Reisen der Schiffe von Stadt­teil zu Stadt­teil. Plöt­zlich, es war gegen 4 Uhr europäis­ch­er Zeit gewe­sen, 10 Uhr abends in New York, nahm die Fähre MS Moli­nari Kurs auf das offene Meer hin­aus, ein so von mir noch nie zuvor beobachteter Vor­gang. Nach ein­er hal­ben Stunde wurde das Schiff langsamer, wartete einige Minuten, als würde es nach­denken, um kurz darauf zu wen­den und zur St. George Ter­mi­nal­sta­tion zurück zu kehren. Wenige Minuten später ver­liess die Fähre John F. Kennedy, eigentlich eine Tagfähre, das Ter­mi­nal in Rich­tung Man­hat­tan­süd. Das ist tat­säch­lich sehr selt­sam, ich muss wach bleiben, ich muss das Selt­same weit­er beobacht­en. — stop

molinari

winterpäckchen

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marim­ba : 3.05 – Am ver­gan­genen Mittwoch soll Lud­wig, er ist ger­ade 8 Jahre alt gewor­den, dabei beobachtet wor­den sein, wie er eine Schuh­schachtel vor das Fen­ster seines Zim­mer stellte, um 1 Stunde lang das Licht eines frühen Nach­mit­tages einz­u­fan­gen. Er wen­dete in dieser Stunde nicht eine Minute seinen Blick von dem Behäl­ter, dann sorgfältig mit ern­ster Miene ver­schloss, um ihn noch an dem sel­ben Tag mit sein­er Mut­ter zu einem Post­amt zu brin­gen. Das ist für meinen Fre­und Janos, erk­lärte Lud­wig dem Beamten, der bei der Ver­fer­ti­gung ein­er zol­lamtliche Erk­lärung behil­flich war, 1 Stunde Sonne für meinen Fre­und, der in Teriber­ka weit im Nor­den in Rus­s­land wohnt. Jet­zt wartet Lud­wig. Es ist dur­chaus denkbar, dass er nun sein­er­seits zur Wei­h­nacht vielle­icht etwas Win­ter­nachtlicht geschenkt bekom­men wird. — stop

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es ist abend

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marim­ba : 6.02 – Wie Schnee, ein gutes Dutzend Men­schen­fo­tografien. Von L., die über einem Buch eingeschlafen ist, wie sie an einem Küchen­tisch sitzt, den Kopf auf ihre Hände gebet­tet, sie muss bemerkt haben, dass sie gle­ich das Bewusst­sein ver­lieren wird. Von M., der im Wald über eine Wiese voller Schneeglöckchen spaziert, ein Manuskript in der linken Hand, dessen Sätze er auswendig ler­nen muss, um sie auf ein­er Bühne zu sprechen. Er geht sehr schnell, weil kaum noch Zeit ist, aber das ist auf der Scharzweiß­fo­tografie nicht zu erken­nen. Von P., die vor ein­er Erd­mulde unter ein­er Birke ste­ht. Das Grab der Eltern ist ver­schwun­den, der Hügel voller Blu­men, ein Gedenkstein, aber die Birke ist noch da, sie war schon da als sie geboren wurde, und sie weiß, dass tief da unten auch die Knochen der Eltern noch immer anwe­send sind. Von I., der sich, wie ein Jahr zuvor, Tag für Tag darüber freut, dass er das Wort Kühlschrank zu erin­nern ver­mag. Von J., die einen Fotoap­pa­rat auf sich selb­st richtet an einem Abend, da sie bemerkt, dass das Sausen in ihren Ohren plöt­zlich ver­schwun­den ist, wie sie der Stille lauscht. Von K., die über eine Straße stürmt auf dem Weg zum Tanz, bar­fuss, ihre roten, flachen Led­er­schuhe in der recht­en Hand, und obwohl es reg­net, wirbeln nasse Blät­ter hin­ter ihr durch die Luft. Von N., deren Schwest­er in Kobane kämpfte, wie sie schläft. Die Schwest­er soll N. sehr ähn­lich gewe­sen sein, aber nie­mand weiß das so genau, weil die Schwest­er vor 15 Jahren in den Unter­grund ver­schwand, weil sie in den Bergen kämpfte, weil der Krieg mit Men­schen­gesichtern macht was er will, weil sie nie wieder zurück­kehren wird. Von M., die im Dezem­ber noch in den Bergen wan­derte auf ein­er Alm, wo der Schnee Muster auf eine Wiese zeich­nete, wie sie auf der Haut der Som­merkühe anzutr­e­f­fen sind. Von dem kleinen H. aus Alep­po, der sich wun­dert, dass er noch immer lebt. Er zeigt ger­ade Siegesze­ichen mit bei­den Hän­den, als der Fotograf sein­er­seits seine let­zte Auf­nahme macht. Von K., der mit geschlosse­nen Augen auf ein­er Vio­line spielt, die aus Stirn­knochen eines ges­tran­de­ten Wales geschnitzt wurde. Von Y., die in einem feinen dunkel­blauen Kostüm nahe Colum­bus Cir­cle im Cen­tral Park neben einem Rol­lkof­fer ste­ht und mit einem Eich­hörnchen spricht, das mit gespitzten Ohren vor ihr sitzt. Es ist Abend. — stop

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piccadilly circus

picping

MELDUNG. Junge Krokodilka­imane [ Caiman­i­nae ], ein Schwarm, haben nahe Pic­cadil­ly Cir­cus einen Imbiß über­fall­en. Es wird gefah­n­det in und unter den Straßen, im Wass­er und in der Luft. — stop
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von teefliegen

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india : 3.22 — Seit Stun­den sitzte ich wieder ein­mal im Dunkeln, weil ich her­auszufind­en wün­sche, ob Libellen auch in lichtleeren Räu­men fliegen, schweben, jagen. Als ich gestern näm­lich gegen den Mit­tag zu erwachte, bal­ancierte eine Libelle, marineblau, auf dem Rand ein­er Karaffe Tee, die ich neben meinem Bett abgestellt hat­te, sie schaute mir beim Aufwachen zu und naschte, indem sie rhyth­misch mit ein­er sehr lan­gen Zunge bis auf den Grund des zimt­far­be­nen Gewässers tauchte. Vielle­icht jagte sie nach Fis­chen oder Lar­ven oder kleinen Fliegen, nach Teefliegen, kochend­heiß, die küh­ler gewor­den sein mocht­en während ich schlief. Oder aber sie hat­te endlich Geschmack gefun­den auch an süßen Din­gen des Lebens, weshalb ich kurz vor Mit­ter­nacht einen Löf­fel Honig erhitzte und auf die Fen­ster­bank tropfen ließ, um dann sofort das Licht zu löschen. Und so warte ich nun bere­its seit drei Stun­den und höre selt­same Geräusche, von Men­schen vielle­icht oder anderen wilden Tieren. — stop

tapete

transfer

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echo : 3.05 – Vor fünf oder sechs Jahren schrieb ich einen Brief an einen Fre­und, der ver­schollen war. Ich erzählte ihm von der Welt der Fährschiffe, wie ich sie erkun­det hat­te auf der Upper New York Bay. Ich bat ihn, er möge sich um Him­mel­swillen melden. Ver­mut­lich war ich nicht wirk­lich der Überzeu­gung gewe­sen, dass meine E-Mail den ver­schwun­de­nen Fre­und erre­ichen würde, er war zulet­zt doch schon sehr ver­rückt gewe­sen, er hielt sich für einen anderen, und war seit bere­its zwei Jahrzehn­ten ver­misst. Ich notierte also eine Botschaft für einen auch von mir selb­st verehrten Schrift­steller, die ihn unmöglich oder sehr wahrschein­lich nicht erre­ichen würde. Ich sendete mein Schreiben an einen E-Mail-Dienst im finnis­chen Turku, der ver­sprach, Schrift­sätze an Men­schen weit­erzuleit­en, die ver­schwun­den waren, vielle­icht gegen ihren Willen wie vom Erd­bo­den ver­schluckt oder weil sie sich ver­steck­ten. Einige Stun­den später wurde der Ein­gang mein­er E-Mail bestätigt mit dem Ver­sprechen ein­er Nachricht, sobald die E-Mail weit­ergegeben wer­den kon­nte. In diesem glück­lichen Falle sollte ich 85 Dol­lar über­weisen an ein Post­amt eben der Stadt Turku, ein ganz angemessen­er Betrag, wie ich finde. Vor weni­gen Minuten nun erhielt ich meine E-Mail mit dem Ver­merk zurück: Wir bedauern sehr, Ihnen mit­teilen zu müssen, dass wir Ihre E-Mail an Mr. John Dos Pas­sos nicht zustellen kon­nten. Mit fre­undlichen Grüßen. — stop

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propellerzunge

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tan­go : 2.01 – Wieder der Ver­such, den Klang men­schlich­er Stim­men vorzustellen, wie sie sich unter ein­er Wasser­ober­fläche artikulieren. Eine schwierige Auf­gabe, ins­beson­dere deshalb, weil ich ein­er­seits annehme, ein authen­tis­ches Sprechgeräusch, welch­es sich unter Wass­er ereignet, in meinem Kopf jed­erzeit erzeu­gen zu kön­nen, ander­er­seits jedoch über kein­er­lei Wörter ver­füge, dieses Geräusch angemessen zu beschreiben. Ein Prob­lem der Über­set­zung scheint vorzuliegen, ein Raum zwis­chen geistigem Hören und dem annäh­ernd kor­rek­ten Aus­druck in der Sprache meines Mundes oder mein­er Hände auf Tas­taturen, der auch in dieser Nacht, nach Jahren inten­siv­er Ver­suche, nicht zu über­winden ist. Ich nehme an, Phoneme, die eine aus­gedehnte Öff­nung des Mundes erfordern in der Sprache unter der Wasser­ober­fläche sprechen­der Lun­gen­men­schen, wer­den im Laufe der Jahrhun­derte sel­tener wer­den, Artiku­la­tion indessen mit­tels gespitzter Lip­pen, pfeifende Laute, eine Entwick­lung in diese Rich­tung, das ist denkbar. — Leichter Regen. — stop

letter

st.ive

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MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 228 hupende Rüs­sel­rosen, kurz vor St.Ive gesichtet. Man befind­et sich in zirkulieren­der Bewe­gung. — stop
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ai : VIETNAM

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MENSCH IN GEFAHR : “Die viet­name­sis­che Anwältin und Men­schen­recht­lerin Lê Thu Hà wurde am 16. Dezem­ber festgenom­men. Kurz zuvor am sel­ben Tag war auch der bekan­nte Men­schen­recht­san­walt Nguyễn VÄn Äài festgenom­men wor­den. Bish­er durfte sie keinen Besuch von anderen Aktivist/innen erhal­ten. Sie läuft Gefahr, gefoltert und ander­weit­ig mis­shan­delt zu wer­den. / Die Recht­san­wältin Lê Thu Hà soll am 16. Dezem­ber inhaftiert wor­den sein, als Sicher­heit­skräfte die Woh­nung des Men­schen­recht­san­walts Nguyễn VÄn Äài in der Haupt­stadt Hanoi durch­sucht­en. Der Anwalt war am Mor­gen des­sel­ben Tages festgenom­men wor­den. Weit­ere Infor­ma­tio­nen zu seinem Fall find­en Sie in UA-292/2015.  Lê Thu Hà ist Mit­glied der von Nguyễn VÄn Äài gegrün­de­ten Organ­i­sa­tion “Brud­er­schaft für Demokratie” (Broth­er­hood for Democ­ra­cy). Sie befind­et sich derzeit im B14-Gefäng­nis in Hanoi in Unter­suchung­shaft. Es ist nicht bekan­nt, ob sie bere­its angeklagt wurde./ Lê Thu Hà war bere­its am 23. Sep­tem­ber festgenom­men wor­den, gemein­sam mit vier weit­eren Mitarbeiter/innen des unab­hängi­gen YouTube-Kanals “Lương Tâm TV” (“Gewis­sens-TV”). Sie war als Englisch-Über­set­zerin für den Sender tätig gewe­sen, der seit August 2015 auf YouTube kurze Clips über die Men­schen­recht­slage in Viet­nam ausstrahlt. Alle fünf waren bis spätabends von der Hanoier Sicher­heit­spolizei fest­ge­hal­ten wor­den. Im April hat­ten die Behör­den den Reisep­a­ss von Lê Thu Hà einge­zo­gen, kurz bevor sie von Hanoi nach Ho-Chi-Minh-Stadt fliegen und von dort aus einen Flug ins Aus­land nehmen wollte. / Am 20. Dezem­ber ver­sucht­en einige Aktivist/innen, Lê Thu Hà im B14-Gefäng­nis zu besuchen, durften sie jedoch nicht sehen. Sie läuft Gefahr, gefoltert und ander­weit­ig mis­shan­delt zu wer­den. Verteidiger/innen der Men­schen­rechte, gegen die in Viet­nam strafrechtliche Vor­würfe erhoben wor­den sind, wer­den während der Unter­suchung­shaft bzw. in der Ermit­tlungsphase häu­fig unmen­schlich behan­delt.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 2. Feb­ru­ar 2016 hin­aus, unter > ai : urgent action

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22 Uhr 1

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ulysses : 22.01 — Seit ein­er hal­ben Stunde das Wort Hibiskus­bahn in meinem Gehör. Leichter Regen. — stop

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von händen

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nord­pol : 6.02 — Ob ein Mann, der schreibt, gut oder schlecht schreibt, ist gle­ich aus­ge­macht, ob aber ein­er, der nichts schreibt und stille sitzt, aus Ver­nunft oder aus Unwis­sen­heit stille sitzt, kann kein Sterb­li­cher aus­ma­chen. G.C.Lichtenberg. Ich ver­gesse, obwohl ich ihre Bewe­gun­gen mit den Augen ver­folge, meine Hände sobald ich schreibe. — Warum?

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south ferry

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delta : 5.15 — Heute Nacht vor dem Fen­ster wieder eine Stille, dass ich für einen Moment fürchtete, mein Gehör ver­loren zu haben. Dann leichter Regen. Man sieht es den Bäu­men nicht an, aber sie schlafen. Gegen fünf Uhr erin­nere ich mich an Uwe John­sons Jahrestage. Es ist ein schw­eres Buch, das ich aus dem Regal hebe, 1702 Seit­en feines Papi­er, seine Buch­staben sind von Jahr zu Jahr klein­er gewor­den, höch­ste Zeit, den Roman in eine Lese­mas­chine zu laden. Ich stellte mir vor, wie Louis ein­mal Uwe John­sons Werk, indem er liest, in groß­for­matige Notizbüch­er über­tra­gen kön­nte. Oder eine Brille: Sonnabend ist der Tag der South Fer­ry. Der Tag der South Fer­ry gilt als wahrgenom­men, wenn Marie mit­tags die Abfahrt zur Bat­tery ankündigt. Die Fähren zwis­chen der Süd­spitze von Man­hat­tan und Stat­en Island sah sie zum ersten Mal vom Touris­ten­deck der ›France‹ aus, da musste sie noch über die Rel­ing gehoben wer­den. Sie star­rte feind­selig auf den Hochhauskak­tus Man­hat­tans, der zu Riesen­maßen wuchs, statt zu men­schlichen abzunehmen; mit Neugi­er betra­chtete sie die Fährboote, die neben dem Überseeschiff das New York­er Hafen­beck­en aus­maßen, mehrstöck­ige Häuser von blau abge­set­ztem Orange, rasch laufend wie die Feuer­wehr. Sie nick­te benom­men, als Gesine ihr die Fahrzeuge nicht erk­lären kon­nte; bei einem Aus­flug erkan­nte sie den Typ auf den zweit­en Blick, obwohl die Fährpor­tale ihr das Äußere mit Scheuk­lap­pen zuge­hängt hat­ten. Die South Fer­ry war ihr erster Wun­sch an New York. — stop
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uhrwerke

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alpha : 2.05 — Im Traum betrete ich ein Zim­mer, das voll­ständig weiß ist und von sehr hellem Licht. Nichts zu hören. In der Mitte des Zim­mers sitzt ein unbek­lei­de­ter Mann auf dem Boden, seine Haut strahlt beina­he so hell wie die Wände, der Boden und die Decke des Zim­mers. Der Mann scheint zu schlafen, seine Augen sind geschlossen. Obwohl ich auf Zehen­spitzen gehe, mache ich Geräusche, aber ich kann nicht sagen, ob der Schlafende mich wahrnehmen kann. Im Näherkom­men vernehme ich ein Rauschen, das von dem Mann unmit­tel­bar auszuge­hen scheint. Einen Schritt später ent­decke ich tausende Uhren in der Größe der 5 Cent­münzen. Sie liegen unmit­tel­bar unter der Haut des Mannes gebor­gen, Sekun­den­zeiger­schat­ten kreisen dort, tausende Zeiger, eine eigen­tüm­liche Erschei­n­ung, als würde die Haut des Mannes leicht ange­hoben sein, als würde sie über seinem Kör­p­er schweben, sich frei bewe­gen. Die Uhren im Übri­gen zeigen unter­schiedliche Zeit­en an. So konzen­tri­ert ich auch suche, ich kann kein Prinzip ent­deck­en, das die Zeit­en der Uhrw­erke regelt. Selb­st unter den Augen­lid­ern des Mannes bemerke ich Uhren. Ich schlafe dann ein im Traum. — stop
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in üsküdar

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whiskey : 0.55 — Y. erzählte vor eini­gen Tagen eine Geschichte, die sie als Mäd­chen im Alter von sieben oder acht Jahren in Istan­bul erlebte, genauer in einem Hin­ter­hof des Stadt­teils Üskü­dar. Sie sollte damals eine Tüte Pis­tazien und noch einige andere Dinge von einem Kioskladen holen, es war Som­mer, und sie hüpfte raus auf die Straße und um die Ecke und rein in den kleinen Laden, und las einem Mann eine Liste der bestell­ten Dinge vor. Der Mann sah ihre Liste durch, lächelte ihr zu und stellte ein oder zwei Fra­gen, so in etwa: Wie viele Pis­tazien sollen es denn sein? Y. über­legte sorgfältig, aber let­ztlich kon­nte sie sich nicht erin­nern, wie viele Gramm Pis­tazien ihr die Mut­ter zum Kauf aufge­tra­gen hat­te. Deshalb hüpfte sie auf die Straße zurück, aber anstatt zur Ein­gangstür ihres Wohn­haus­es zurück­zukehren, trat sie in einem Hin­ter­hof vor einen Balkon im 2. Stock. Die Tür zum Wohnz­im­mer der Fam­i­lie, hin­ter der sie ihre Mut­ter wusste, war geöffnet. Sie rief so laut sie kon­nte: Mama! Dann wartete sie eine kurze Zeit. Als die Mut­ter nicht auf dem Balkon erschien, rief sie noch ein­mal: Mama, Mama, ich habe eine Frage, ich bin’s! Wiederum rief sie verge­blich, sie wartete und rief und wartete. Ger­ade als sie umkehren wollte, um den weit­eren Weg, den sie gekom­men war, zur Mut­ter in die Woh­nung zurück­zunehmen, bemerk­te sie ein fremdes Mäd­chen neben sich, das vielle­icht zwei Jahre jünger war als sie selb­st. Das Mäd­chen hat­te eine ihrer Hände genom­men, sah sie bedeu­tungsvoll an, hob dann den Kopf zum Balkon empor und rief mit leis­er, san­fter Stimme: Mama! Mama! Y. erin­nerte sich noch nach vie­len Jahren an die feine Stimme des Mäd­chens, die beina­he nicht zu hören gewe­sen war. Kaum eine vier­tel Minute verg­ing, da erschien ihre Mut­ter auf dem Balkon und schaute zu den bei­den Mäd­chen herab. Das war ein Moment ihres Lebens gewe­sen, den Y., die inzwis­chen selb­st zwei Söhne gebar, nie vergessen kon­nte, ein Geheim­nis: Warum hat­te die Mut­ter auf die leise Stimme eines frem­den Mäd­chens reagiert, aber die Stimme der eige­nen Tochter nicht gehört? — stop

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