mi oksana

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tango : 0.08 – Gestern erreichte mich eine skur­rile E-Mail einer Frau namens Mi Oksana. Es ist denkbar, dass diese E-Mail eigent­lich von irgend­einem ange­hei­terten Compu­ter­pro­gramm notiert wurde, das sich zur Tarnung hinter einem poetisch wirkungs­vollen Namen versteckte. Ich über­legte, welche Prozesse mögli­cher­weise in einem digi­talen Gehirn zu einem rausch­ar­tigen Zustand führen könnten, der eine Gestalt hervor­bringen würde, die Mrs. Mi Oksana ähnlich sei. Sie notierte folgendes: Lieber Louis, vor allen Dingen habe ich vor dich zu sagen, dass ich nur ernste Bezie­hungen mochte. Spielen ist nichts für mich, und ich bin ein ehrli­ches Madchen. Wenn du auch repu­tabel bist und desselben such­test, dann werde ich mich über einen Brief von Dir freuen. Mein Name ist Oksana. Ich bin 31 und ich wohne in Russ­land. Ich war nie verhei­ratet und ich habe keine Kinder. Vor einem Jahr habe ich mich getrennt und jetzt bin ich auf der Jagd nach einem Freund in deinem Staat. Ich hoffe, dass Menschen in deinem Staat sich mit Respekt zu einer Frau verhalten. Ich hoffe, dass du ein verant­wort­li­cher Mann bist, und wir könnten probieren unsere Liebe aufzu­bauen. In dieser Mittei­lung sende ich dir mein Foto. Ich hoffe, dass es dir gefallen wird. sofern auf mich gespannt bist, bitte gib mir Antwort und verrate deinen echten Namen. Ich hätte gern ein Foto Dich zu sehen. Schöne Gruße. Oksana – stop
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latakia

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 68 hupende Rüssel­rosen, kurz vor Latakia gesichtet. Man befindet sich in zirku­lie­render Bewe­gung. – stop
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morgenzeitung

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hima­laya : 0.36 – Meine Mutter über­legte vor einigen Tagen, ob sie ihre geliebte Zeitung, die sie ein halbes Leben lang jeden Morgen in aller Frühe studierte, nicht viel­leicht abbe­stellen sollte, weil sie nicht mehr so schnell lesen würde wie früher noch, also weniger Zeitung wahr­nehmen könne in der selben Zeit. Sie rief bei der Zeitung an. Ein junger Mann, der die Gefahr erkannte, eine treue Leserin zu verlieren, machte ihr unver­züg­lich ein groß­zü­giges Angebot. Er sagte, wenn sie die Zeitung weitere 2 Jahre abon­nieren würde, müsste sie ein halbes Jahr lang für ihre Zeitung nichts bezahlen, weswegen meine Mutter sofort von ihrem Wunsch, sich um ihr Lese­ver­gnügen zu bringen, Abstand nahm. Sie abon­nierte also die Zeitung für weitere 2 Jahre, obwohl sie doch mögli­cher­weise lang­samer und noch lang­samer lesen wird von Zeit zu Zeit, also jener Teil der Zeitung, der unge­lesen, größer werden wird. Der junge Mann am Telefon hatte im übrigen auch für dieses Problem unge­le­sener Zeitungs­ab­teile eine beru­hi­gende Mittei­lung zu machen. Er sagte, die Zeitung würde auch dann gedruckt, wenn Mutter sie abbe­stellen würde, was vermut­lich der Fall ist, ein Argu­ment, das wirkte. Als ich Mutters Geschichte hörte, dachte ich, man müsste einmal elek­tri­sche Papiere erfinden, hauch­dünne Compu­ter­bild­schirme, die zu einem Gefäß versam­melt sind, das sich anfühlt wie eine Zeitung. Über Funk würden Zeichen gesendet werden, gerade so viele Zeichen wie übli­cher­weise gelesen werden von dem Besitzer des Zeitungs­ge­fässes, Zeichen über Lite­ratur und Lokales und über die Politik der großen, weiten Welt. Eine Zeitung mit Augen, eine Zeitung, die vermerkt, wie viele ihrer Zeichen präzise gelesen werden, eine Zeitung beinahe wie ein Computer, oder, genauer gesagt, ein Computer, der sich wie eine Zeitung anfühlen würde, in dem man blät­tern könnte, ein Computer der raschelt, oder eben eine Zeitung, die man ausschalten kann. – stop

southferry

schnee

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delta : 2.05 – Mitten in der Nacht wachte ich auf. Vor den Fens­tern fiel Schnee, buschige Flocken­pelze, sehr dicht, aus der Entfer­nung, ein heller, sich bewe­gender Schatten. Esme­ralda hockte auf dem Fens­ter­brett und sah hinaus. Sie schien tatsäch­lich Schnee­flo­cken zu beob­achten, viel­leicht deshalb, weil es in der Wohnung zur Nacht­zeit, ich hatte geschlafen, nichts weiter zu unter­su­chen gab. Ich über­legte, ob es möglich wäre die kleine Schnecke, die nun seit Oktober des Jahres 2013 in meiner Nähe lebt, einmal mit nach New York zu nehmen. Ich müsste sie im Hand­ge­päck verstauen, heim­lich, viel­leicht in einer Dose verbergen, die belüftet ist. Ich könnte eine hand­voll Sulta­ninen als Schne­cken­pro­viant mit mir nehmen in der Hosen­ta­sche, Esme­ralda füttern während wir über den Atlantik fliegen. Es ist seltsam, ich habe lange Zeit darüber nach­ge­dacht, wer mir Esme­ralda geschenkt haben könnte, wer sie vor zwei Jahren für mich in eine Schachtel setzte und weshalb. Vor einigen Wochen, als Esme­ralda gerade fried­lich schla­fend vor mir auf dem Schreib­tisch auf einer Banane saß, näherte ich mich mit einem Ohr und lauschte an ihrem Häus­chen. Ich hörte nichts oder nur eine Vorstel­lung, ein summendes Geräusch. Bald wäre ich aufge­standen, wollte mir feines Werk­zeug aus der Küche holen, wollte ein äußerst feines Loch in Esme­raldas Schne­cken­ge­winde bohren. Als hätte sie geahnt, was ich plante, als hätte sie meinen zugleich nach­denk­li­chen wie bereits entschlos­senen Blick bemerkt, rich­tete Esme­ralda ihre Fühler nach mir aus und musterte mich. Ich meinte in diesem Augen­blick ein Lächeln in ihrem Gesicht bemerkt zu haben. – stop

nach­richten von esme­ralda »
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saharaschwefel

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charlie : 0.12 – Herr Ludwig, den ich im Januar besuchte, erzählte mir, dass er sich vor Jahren wünschte, ein Schiffs­mo­dell aus Streich­höl­zern zu bauen. Unver­züg­lich kaufte er damals einige Tausend der hölzernen Stäb­chen, weil er sie auf diesem Wege insge­samt billiger erstehen konnte. Außerdem suchte er nach einem geeig­neten Schiff, dessen Körper sehr gut doku­men­tiert sein sollte. Seine Wahl fiel auf die RMS Queen Mary 1. Er lud Pläne aus dem Internet, Grund­risse, Blau­pausen, Hunderte von Foto­gra­fien sowie Letter­cards, die an Bord des luxu­riösen Schiffes von Passa­gieren während ihrer Reise notiert worden waren. Herr Ludwig erwähnte, dass er sich bald in ein Aben­teuer verwi­ckelt fühlte, seine Tage, die zuvor schwere und leere Tage gewesen seien, wären plötz­lich leicht geworden und die Zeit ging nur so in Eilschritten dahin, dass es eine wahre Freude war, kaum aufge­standen sei schon wieder Abend gewesen. Im Dezember vor zwei Jahren, kurz vor Weih­nachten, war Herr Ludwig seinen Angaben zur Folge mit der Vorbe­rei­tung seiner Rekon­struk­ti­ons­ar­beiten fertig geworden, und so öffnete er eine Schachtel Streich­hölzer und fügte, nachdem er mit einem Messer­chen Schwe­fel­köpfe beider Stäb­chen sorgsam abge­trennt hatte, mit einem Kleb­stoff, der wunder­voll nach Walnuss­likör duftete, zwei der Zünd­hölzer seit­wärts anein­ander. Nach einer Weile, er hatte mehr­fach seinen Arbeits­tisch umrundet, prüfte er die Festig­keit der Verbin­dung und war zufrieden. Er baute, in dieser Weise der Klebung fort­fah­rend, zunächst einen Schorn­stein des riesigen Schiffes, dann einen zweiten Schorn­stein, drei Wochen vergingen, bis beide Schorn­steine fertig geworden waren, und auf den Tisch gestellt, so dass sie nun mitein­ander verbunden werden konnten. Die Hände des alten Mannes rochen in jenen Wochen seiner fili­granen Arbeit nach Schwefel, und die Luft duftete nach Walnüssen und Aceton, und irgend­wann in dieser Zeit muss sich Herr Ludwig, verse­hent­lich oder mit Vorsatz, von seinen Schiff­bau­plänen entfernt haben. Als Januar wurde, waren auf dem Tisch deut­liche Konturen eines Drome­dars zu erkennen, dessen Körper auf vier Schorn­steinen ruhte, eine wunder­bare Wand­lung seiner Vorha­bens, das Schiff baue er später, sagte Herr Ludwig, in dem er mit einer bewährten Bewe­gung einen Schwe­fel­kopf von einem Streich­holz trennte. Der Kopf hüpfte über den Tisch, und als er von der Kante des Tisches stürzte, war nicht das Mindeste zu hören gewesen. – stop

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sprengung – dendrobates auratus

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MELDUNG. Zu Lissabon, im Teatro Nacional de São Carlos, werden am kommenden Sonn­tag­abend, 13. März 2016, zwei seltene, junge Gold­baum­stei­ger­frö­sche der Gattuung dend­ro­bates auratus öffent­lich zur Spren­gung gebracht. Zündung des männ­li­chen Tieres um 20 Uhr, Zündung des weib­li­chen Tieres um 20 Uhr 30. Die Vorstel­lung ist ausver­kauft. – stop

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global

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india : 0.01 – Arthur Mashuryan, Konditor aus Remagen, ist ein Künstler feinster Back­waren, ein rund­li­cher Mann, fröh­lich und selbst­be­wusst, ein Unter­nehmer arme­ni­scher Herkunft. Er erzählt im Bild­schirm­radio Folgendes: Aufklä­rung ist bedeu­tend. In erster Linie die Verbin­dung zwischen den Flücht­lingen und den Deut­schen zu schaffen. Weil, ich habe das Gefühl, dass man keinen Bezug dazu hat. Man muss auch teil­weise sagen, Deutsch­land geht es gut, Deutsch­land ist ein global agie­rendes Land, die Unter­nehmen sind global vernetzt, und dieser Wohl­stand, den Deutsch­land erwirt­schaftet hat, ist auch ein Grund für bestimmte Flücht­linge, und das muss man auch als Verbin­dung sehen, in diesem Zusam­men­hang, die Verant­wor­tung, diese Art der Sicht­weise. Ich möchte niemanden verur­teilen, weder deut­sche Unter­nehmen, noch die Politik, noch die Menschen, man muss das System verstehen, wie so etwas funk­tio­niert. Man ist Export­welt­meister, die Frage ist nur, das hört sich schön an, aber was ist, was steckt dahinter, Export­welt­meister bedeutet auch, dass man in anderen Ländern erfolg­reich agiert, so wie in Deutsch­land, aber auf der anderen Seite gibt es Verlierer, und diese Verlierer haben Beine bekommen und sind heut­zu­tage hier. Nicht nur aus Kriegs­ge­bieten, auch Wirt­schafts­flücht­linge, das muss man auch erwähnen, dass das auch ein Problem ist. Wenn man verhun­gert, stirbt man trotzdem, auch wenn man nicht erschossen wird. – stop
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minutenzeitung

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hima­laya : 5.16 – Gestern erzählte Mutter, nein, nein, sie lese keines­wegs lang­samer durch ihre morgend­liche Zeitung als früher noch, viel­mehr seien die Zeitungen selbst schwerer, das heisst, umfang­rei­cher oder dicker geworden. Das könne niemand mehr lesen, jeden Tag eine neue dicke Zeitung. Ich dachte, man müsste einmal die Zeit anhalten, sagen wir für zwei oder drei Monate. Alles würde zitternd still stehen auf unserer Erdkugel, allein Jour­na­lis­tinnen und Jour­na­listen wären noch beweg­lich. Sie reisen nun herum, betrach­teten fünf Minuten Zeit welt­weit, die sich überall solange wieder­holt, bis sie von Sprache und Foto­grafie erfasst sein wird. In einem Flücht­lings­lager hält eine Groß­mutter ein gerade gebo­renes Kind aus einem Zelt heraus, der Vater kippt etwas Regen­wasser über den kleinen rosa­far­benen Leib, und schon sind fünf Minuten Zeit vergangen und das Kind wieder in den Leib der Mutter zurück­ge­kehrt. Als das Kind unver­züg­lich erneut geboren wird, sind drei weitere Foto­grafen vor das Zelt getreten, um das Kind zu foto­gra­fieren, wie es von seinem Vater gewa­schen wird. In Oslo stoßen zwei Stra­ßen­bahnen solange gegen­ein­ander bis endlich über sie berichtet wird. Auf Neusee­land, nahe Parapara, fällt ein Kind von einem Baum, minu­ten­weise klet­tert es wieder hinauf und fällt wieder zu Boden, ehe ein Reporter vorüber­kommen wird, um viel­leicht gerade noch recht­zeitig das Kind aufzu­fangen. Auch die alte Martha will bemerkt werden, sie hat wieder einmal ein paar Match­bo­xautos verschluckt in London im Kauf­haus bei Harrods. Eine umfang­reiche Zeitung könnte entstehen, eine Welt­zei­tung von 5 Minuten Zeit, die von zehn­tau­senden Jour­na­listen notiert wurde, die wie Wander­ameisen Blätter, Wörter, Gedanken, Foto­gra­fien sammelten, um zu erzählen was der Fall ist. – Fünf Uhr sech­zehn in Idomeni, Grie­chen­land. – stop
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ai : TÜRKEI

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MENSCH IN GEFAHR : “Der syri­sche Flücht­ling F.M. befindet sich seit dem 15. März 2015 unter unmensch­li­chen Bedin­gungen im Flug­hafen Istanbul-Atatürk will­kür­lich in Haft. Er läuft weiterhin Gefahr, jeder­zeit nach Syrien abge­schoben zu werden. / Der Syrer F.M. ist im August 2012 aus Syrien geflohen, um dem Wehr­dienst zu entgehen. Er wird seit dem 15. März 2015 in einem “Raum für proble­ma­ti­sche Passa­giere” im Flug­hafen Istanbul-Atatürk fest­ge­halten. Im November 2015 war er in den Libanon geflogen, wo ihm die Einreise jedoch verwei­gert wurde, woraufhin er in die Türkei zurück­reiste. Die Inhaf­tie­rung von F.M. im Flug­hafen scheint will­kür­lich zu sein und jegli­cher recht­li­chen Grund­lage zu entbehren. Der Rechts­bei­stand von F.M. hat einen Antrag auf Frei­las­sung gestellt, bis zum 4. März 2016 ist jedoch noch keine Entschei­dung getroffen worden. / In dem “Raum für proble­ma­ti­sche Passa­giere” gibt es ledig­lich künst­li­ches Licht, das 24 Stunden am Tag einge­schaltet ist. Zudem gibt es keine Betten und keine Privat­sphäre. Die Bedin­gungen entspre­chen einer grau­samen, unmensch­li­chen und ernied­ri­genden Behand­lung und es verstößt gegen die Recht­spre­chung des Landes und gegen das Völker­recht, wenn Personen in solchen Einrich­tungen für einen längeren Zeit­raum – in diesem Fall seit einem Jahr – fest­ge­halten werden. / F.M. hat Verwandte in anderen Ländern, die versu­chen, ihn finan­ziell bei der Bean­tra­gung eines Visums zu unter­stützen. Amnesty Inter­na­tional vorlie­genden Infor­ma­tionen zufolge hat jedoch bislang kein Vertreter einer auslän­di­schen Botschaft F.M. in Haft besucht, um ihn für den Antrag zu befragen. Es ist aller­dings unklar, ob dies daran liegt, dass der Kontakt durch die türki­schen Behörden verwei­gert wurde, oder ob tatsäch­lich kein Versuch von Seiten der Botschaften unter­nommen wurde. / F.M. ist in Gefahr, jeder­zeit nach Syrien zurück­ge­schickt zu werden. Es ist bekannt, dass die türki­schen Behörden Rück­füh­rungen von Flücht­lingen nach Syrien und in den Irak durch­führen, wo ihnen schwere Menschen­rechts­ver­let­zungen drohen. Dies stellt einen Verstoß gegen den für die Türkei bindenden Grund­satz der Nicht­zu­rück­wei­sung (Non-Refou­le­ment) gemäß dem natio­nalen Recht und dem Völker­recht dar. Es sind außerdem Fälle bekannt, in denen Flücht­linge von den türki­schen Behörden unter Druck gesetzt wurden, in ihr Heimat­land zurück­zu­kehren, indem man ihnen mit einer unbe­fris­teten Inhaf­tie­rung gedroht hat. F.M. hat Verwandten gegen­über gesagt, dass er in Erwä­gung zieht, einer Rück­kehr nach Syrien zuzu­stimmen. Er sagte: “Dort sterbe ich wenigs­tens sofort und es ist vorbei, anstatt jeden Tag, den ich hier verbringe, ein biss­chen mehr zu sterben.”.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 21. April 2016 hinaus, unter > ai : urgent action

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schallplatte

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olimambo : 6.28 – Nehmen wir wieder einmal an, ich könnte die Geschwin­dig­keit meines Denkens für einen ganzen Tag voraus­be­stimmen, etwa so, als würde ich die Dreh­ge­schwin­dig­keit einer Schall­platte durch das Umlegen eines Hebels verän­dern. Würde ich mich beschleu­nigen oder würde ich mich bremsen? Denke ich so schnell oder so langsam wie vor Jahren noch? – stop

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marimba : 5.06 – Schwierig sei, sagte Yolande, dass sie eine Groß­mutter habe, die in Arme­nien geboren wurde, und einen Groß­vater, der in Usbe­ki­stan lebte, und dass ihre Mutter ihre Kind­heit in der Türkei verbrachte, dass sie ihren Mann in Grie­chen­land kennen­lernte, dass sie zwei Töchter gebar in Deutsch­land im Jahr 1995, dass die Sprache ihrer Mutter nicht Deutsch gewesen sei, dass sie selbst zunächst aber die deut­sche Sprache lernte, dass sie in dieser Sprache träume, das sage man doch so, und dass sie über einen deut­schen Pass verfüge, dass sie aber zugleich dieses dunkle Haar trage und ihre Augen von der Natur schwarz und mandel­förmig gestaltet worden seien, weswegen sie sich stets anhören müsse, wie gut sie inte­griert sei in Deutsch­land, und wie gut sie doch die deut­sche Sprache spre­chen würde, so gut, dass man fast meinen würde, dass sie eine Deut­sche sei, wo das aber doch nicht möglich ist, weil sie doch diese ihre Augen trage, und ihre Haut etwas dunkler sei auch im Winter, und dieses Haar, denkt man, sagte Yolande am 16. März des Jahres 2016 um kurz nach zehn Uhr abends, als sie gerade eben in einem Zug Platz genommen hatte. – stop

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perugia

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MELDUNG. Selt­same Dinge geschehen in den spät­win­ter­li­chen Gärten zu Perugia. 2657 spani­sche Oster­lu­zei­falter der Gattung zeryn­thia XZF 88C* haben sich zu Gruppen versam­melt, fliegen in Forma­tionen, bilden Kugeln, Quader und weitere geome­tri­sche Körper. Bei leichtem Regen, so heute Morgen geschehen, stellt man exakt gezir­kelte Türme in die Luft. Die Stadt wird unter Quaran­täne gestellt. – stop

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ein junge und seine lehrerin

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sierra : 5.14 – In dem Doku­men­tar­film Selbst­por­trait Syrien von Ossama Mohammed und Wiam Simav Bedirxan spaziert die kurdi­sche Künst­lerin Wiam Simav Bedirxan mit einem Jungen, den sie filmt, durch die bela­gerte Stadt Homs. Der Junge hüpft herum, wie es Kinder tun, entdeckt Blätter, die seine Mutter viel­leicht kochen könnte, und vor einer Häuser­wand eine rote Blume, die der Junge pflückt. Im Hinter­grund sind Deto­na­tionen zu hören, auch Vogel­stimmen. Als der Junge einen Platz erreicht, an welchen sich eine brei­tere Straße anschließt, fragt er die Lehrerin, wie sie weiter­gehen werden. Die Lehrerin sagt: Wie Du willst. Und der Junge hüpft voran, er nimmt eine Treppe, er sagt: Da vorne ist ein Hecken­schütze. Also will er dort nicht gehen, weil er weiß, was ein Hecken­schütze ist. Wenige Minuten später errei­chen die Lehrerin und der Junge eine weitere Straße, die sie über­queren wollen. Es ist viel­leicht ein Ort, an dem schon viele Menschen zuvor erschossen wurden. Die Lehrerin ruft: Lauf! Ich sehe wie der Junge sehr schnell über die Straße springt, bis er den Schutz eines gegen­über­lie­genden Hauses erreicht, kurz darauf beschleu­nigt auch die Lehrerin ihre Schritte, das Bild hüpft auf und ab. Ich schloss in diesem Moment die Augen, als ich sie wieder öffnete war eine Foto­grafie zweier Mädchen zu sehen, die in einen Foto­ap­parat lachten, auf einer weiteren Foto­grafie, die wenige Tage später aufge­nommen wurde, liegen sie in smaragd­grünen Kleid­chen neben­ein­ander auf den Boden und sind tot. Ich bin müde, ich muss bald prüfen, ob ich erin­nert habe wie es war. – stop

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tango : 22.02 – Ich notierte in ein dunkel­blaues Heft, das ich ange­legt hatte, um die Beob­ach­tung eines Gartens zu doku­men­tieren, folgende drama­ti­sche Geschichte in wenigen Sätzen: Ein Vogel, viel­leicht weil er hungrig gewesen war, raste mit aufge­ris­senem Schnabel knapp über eine Wiese hin. In diesem Zusam­men­hang hatte sich ein Falter in einer Weise verhalten, als wäre er ein Torero. Sehr dicht über dem Erdboden lockten klei­nere Manöver den angrei­fenden Sper­ling ins Leere. Ich hatte, weder der Falter noch der Vogel inter­es­sierten sich für meine Gegen­wart, begeis­tert zuge­sehen und erwar­tete mit jedem neuen Anflug den Einschlag des Vogels in den Erdboden. Ein mini­maler Wind­stoß, der den Falter uner­wartet seit­wärts versetzte, führte dann doch zu seinem plötz­li­chen Ende. Ich vermute, das mutige Tier war ein Tagpfau­en­auge gewesen. - stop

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brooklyn heights promenade : höhe pierrepont st.

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delta : 0.02 – Immer wieder bemer­kens­wert in der Dämme­rung: Der synchrone Auftritt korpu­lenter Netz­spinnen. Von einem Augen­blick zum nächsten, sitzen sie im Dutzend in der Meeres­luft auf Vorn­acht­ge­spinsten, um unver­züg­lich Repa­ra­tur­ar­beiten aufzu­nehmen. Fast möchte man meinen, sie wären in ihren Tages­ver­ste­cken mittels geheimer Signal­lei­tungen mitein­ander verbunden, so plötz­lich tauchen sie in der Dunkel­heit auf, lautlos, ohne Geruch, verweben sie Fäden von stau­bigem Licht. Ich habe den Verdacht, sie könnten, mit sensi­belsten opti­schen Sensoren ausge­rüstet, in der Lage sein, feinste Grade von Licht­stärke zu messen. Ich dachte, eine Art der Dauer­be­leuch­tung, Mitter­nachts­sonne über Manhattan, könnte sie mürbe machen. – stop

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echo : 5.12 – Martha ist 76 Jahre alt. Seit 18 Jahren trinkt sie Likör. Schon am frühen Morgen beginnt sie damit. Sonst nimmt sie wenig zu sich. Die Luft riecht süßlich um sie herum. Aber sie ist gut gepflegt. Und umge­fallen ist sie auch noch nie. Nach­mit­tags um 3 fährt sie an den Bahnhof. Das ist die Zeit, da für sie der Abend beginnt. Sie hat dort einen festen Platz. Gleis 15 sitzt sie auf einer Bank. Früher war ihr Stamm­platz auf Gleis 8. Jetzt fahren auf Gleis 8 die schnellen Inter­ci­ty­ex­press­züge ein und aus, man hat Martha von höherer Stelle aus gebeten, sich auf Gleis 23 auf eine vergleich­bare Bank zu setzen. Aber das ist ein Rangier­gleis, dort ist nichts los, außer ein paar Junkies, und die sind Martha zu gefähr­lich. Also sitzt sie auf Gleis 15., man könnte ihre Wahl als einen Kompro­miss bezeichnen. Im Sommer trägt Martha Kostüm­chen. Sie ist gern bunt gekleidet. Wenn es doch nicht immer so drückend und heiß wäre. Die Beine werden ganz dick davon, und die Füße wollen sich den Schuhen nicht länger fügen. Manchmal geht sie ein paar Schritte auf und ab. Martha setzt vorsichtig Fuß für Fuß. Dann lässt sie sich wieder nieder und nimmt sich ein Gläs­chen voll zur Brust, macht einen kleinen See in das Täsch­chen ihrer Unter­lippe, Kara­mell­ge­schmack, den liebt sie sehr, auch Anis und Scho­ko­creme, die blauen Bols mag sie gar nicht. Sobald sie sich wieder gut fühlt, beginnt sie Papiere zu falten, die sie aus ihrer Hand­ta­sche nimmt. Sie faltet Himmel und Hölle. Wenn ein Kind auf dem Bahn­steig vorüber kommt, verschenkt sie das Spiel. Mit diesem Spiel habe ich mir früher immer die Zeit vertrieben, sagt sie, da war ich so alt wie du. Oft zerren die Mütter ihr Kind von der alten Martha weg, weil Kinder das alles nicht so genau nehmen. Und Martha sagt: Ich habe in Landau gewohnt. Im Garten hatten wir einen Birn­baum. Im Sommer haben wir Himbeeren gepflückt. Der Keller war dunkel und die Treppe steil. Einmal bin ich die Treppe in Landau herun­ter­ge­fallen. So erzählt Martha immerzu fort, wie sie im Keller Geister entdeckte, oder von den Schnaps­fläsch­chen im Regal ihres Vaters. Zu diesem Zeit­punkt ist der Zug mit dem Kind längst abge­fahren. Sie holt sich jetzt ein weiteres Gläs­chen vor den Mund, dann ein neues Blatt aus ihrer Hand­ta­sche, entweder ist es ein rotes, ein gelbes oder ein blaues. – stop

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marimba : 0.12 – Grand Central Station an einem regne­ri­schen Tag, viele der reisenden Menschen sind nass geworden. Auch ein paar Tauben haben sich in den Bahnhof geflüchtet, sie gehen zu Fuß, weshalb sie von Kindern gejagt werden, deren Mütter lange Röcke tragen und Schleifen im Haar. Diese Personen wirken so, als wären sie gerade erst aus den Regen­wolken früherer Jahr­hun­derte gefallen.  Wie ich mit einer Roll­treppe abwärts fahre, durch die Tunnels unter dem Bahnhof spaziere, treffe ich auf eine Modell­ei­sen­bahn, die mit Blau­licht durch einen Post­kar­ten­laden funkelt. Ein Feuer ist ausge­bro­chen, eine Tank­stelle brennt, die jeder­zeit explo­dieren könnte, und eine Schule. Von Zeit zu Zeit schep­pert ein Zug vorbei, dessen Loko­mo­tive dampft, indessen das Modell­ei­sen­bahn­feuer mittels feiner Papiere und künst­li­chem Wind zur Auffüh­rung kommt. Eine drama­ti­sche Szene. In diesem Moment der Beob­ach­tung eines Unglücks, erin­nerte ich mich an einen Heizer, der in einem Münchener Bahnhof das Fahr­werk einer riesigen Loko­mo­tive ölte. Es war eine Zeit, da die fahrenden Kohlen­brenn­werke starben. Ich könnte damals zum ersten Mal bemerkt haben, dass auch Modell­lo­ko­mo­tiven regel­mäßig mit Maschi­nenöl, welches aus hand­li­chen Behäl­tern trop­fen­weise verteilt wurde, versorgt werden wollen. Der Dampf, der unter der Fahrt kurz darauf aus zier­li­chen Schloten pfiff, war echt, wie der Dampf der großen Loko­mo­ti­ven­brüder. Die erste Eisen­bahn meines Lebens habe ich von einem Lauf­stall aus als Gefan­gener beob­achtet. Noch konnte ich, wenn ich mich nicht täusche, nur sitzen oder liegen, aber das war nicht schlimm gewesen, weil der Zug, der meinen Lauf­stall umkreiste, vom Boden her sehr gut zu sehen war. Ich erin­nere mich an Schienen von Metall, die ich später einmal verbiegen würde, an leuch­tende Signal­an­lagen, an dunkel­grüne Kroko­dile, die je über Schhein­wer­fer­köpfe vefügten. Spätere, sehr viel klei­nere Dampf­lo­ko­mo­ti­ven­mo­delle, waren schwer. Wenn ich sie in meinen kleinen Händen hielt, hatte ich das Gefühl etwas Bedeu­tendes zu halten. Ihre Farben waren schwarz und rot, und sie rochen sehr schön nach Eisen. Seit jener Zeit spüre ich eine kind­liche Form der Erre­gung, sobald ich in einem Modell­ka­talog blät­tere. Die erste Spiel­zeug­ei­sen­bahn, die mir selbst gehörte, war von Holz gewesen, hölzerne Schienen, hölzerne Wagons, hölzerne Loko­mo­tiven, auch die Passa­giere waren von Holz. Heut­zu­tage werden Loko­mo­tiven herge­stellt, die so klein sind, dass man sie verschlu­cken kann. – Vor wenigen Tagen wurde Radovan Karadzic zu 40 Jahren Haft verur­teilt. – stop
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alpha : 0.18 – Für sei­nen Sohn, der gerade fünf Jahre alt gewor­den ist, hat sich Gus­tav L. etwas Beson­de­res aus­ge­dacht. Er ist in den Kel­ler gestie­gen, um dem klei­nen Lukas einen Dra­chen zu bauen, ein Geschenk von eige­ner Hand. Im Kel­ler lager­ten Holz und Sei­den­pa­piere in rot und blau, und Schnüre, davon feine Sor­ten und etwas kräf­ti­gere Gewinde. Im Kel­ler waren außer­dem Werk­zeuge zu fin­den, Sägen, Fei­len, Häm­mer, Cognac, alles das, was man so braucht, einen wun­der­baren Flug­d­ra­chen zu bauen. Es ist ein schö­ner Okto­ber­tag. Man zieht kurz nach Voll­endung des Kel­ler­wer­kes los auf die nächste Wiese, die schön blüht, Mar­ge­ri­ten vor allem. Lukas ist stolz auf den Dra­chen und der Vater ist es auch. Aus dem Dra­chen einer rei­nen Vor­stel­lung ist ein wirk­li­cher Dra­chen gewor­den, den man berüh­ren kann, ein drei­stö­cki­ger Kas­ten­dra­chen, der knis­tert. Gus­tav fühlt sich wohl, es ist ihm so rich­tig warm gewor­den, er hat sich gut ein­ge­pegelt. Einige Bie­nen flie­gen zick­zack herum. Ein star­ker Wind geht, der Dra­chen fliegt hoch hin­auf. Der Sohn und der Vater hal­ten ihn gemein­sam an der Schnur. Sie ren­nen über die Wiese. Ein­mal hebt der kleine Junge ab, der Vater erwischt ihn gerade noch am Fuß. Dann fällt der Vater um. – stop

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alpha : 2.08 – Pluto­nium, zum Beispiel, eine tödliche Dosis würde für mensch­liche Augen ohne Fern­glas unsichtbar sein. Dagegen exis­tieren Gifte, die unsichtbar sind, aber doch sehr schön verpackt, so dass sie weithin, sagen wir, recht­zeitig, zu bemerken sind: Toll­kir­sche, Flie­gen­pilz, Gold­regen. Seewespen sind Unbe­rühr­bare der Meeres­welt. Zauber­haft das Leuchten eines Cognac­glases im Licht einer tief über dem Hori­zont stehenden Sonne. Gemein scheint allen giftigen Dingen zu sein, dass sie als Substanz selbst aus dem Licht verschwunden sind, sobald sie ihre Wirkung entfalten. – stop

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amsterdam

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MELDUNG. Frische Ohren zu Amsterdam, mensch­lich, aus den Laboren in der Over­singe 11, nahe Amstel­park: 100 g je 256 engli­sche Pfund. Nur heute. Ab 15 Uhr. Solange der Vorrat reicht. – stop
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ai : TSCHAD

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Mahamat Nour Ibedou, Younous Mahadjir, Nadjo Kaina Palmer und Celine Narm­adji werden vor Gericht gestellt, weil sie fried­liche Demons­tra­tionen gegen eine erneute Kandi­datur von Präsi­dent Idriss Déby geplant hatten. Die drei Männer und eine Frau befinden sich gegen­wärtig im Amsi­nene-Gefängnis in N’Djamena. Ihnen drohen Haft­strafen zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Mahamat Nour Ibedou und Younous Mahadjir, zwei Spre­cher von Ça suffit (Es reicht), einer Platt­form für zivil­ge­sell­schaft­liche Orga­ni­sa­tionen, wurden am 21. bzw. 22. März fest­ge­nommen. Nadjo Kaina Palmer, Koor­di­nator der Jugend­be­we­gung Iynia (Wir sind’s leid), ist eben­falls am 22. März fest­ge­nommen worden. Celine Narm­adji, die Spre­cherin der zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tion Trop c’est trop (Genug ist genug), befindet sich seit dem 23. März in Haft. Alle vier Fest­nahmen erfolgten, nachdem die Aktivist_innen auf Anord­nung des Staats­an­walts Alghassim Khamis zum Verhör in der Zentrale der Polizei erschienen waren. Mahamat Nour Ibedou, Younous Mahadjir, Nadjo Kaina Palmer und Celine Narm­adji wurden zunächst in der Poli­zei­zen­trale von N’Djamena fest­ge­halten und am 24. März gegen 13 Uhr ins Gefängnis Amsi­nene verlegt. Die vier Aktivist_innen hatten im Rahmen ihrer Tätig­keit für ihre Orga­ni­sa­tionen fried­liche Demons­tra­tionen für den 22. und 29. März geplant. Dabei sollte gegen den Plan des jetzigen Präsi­denten Idriss Déby, für eine fünfte Amts­zeit zu kandi­dieren, protes­tiert werden. Mahamat Nour Ibedou, Younous Mahadjir, Nadjo Kaina Palmer und Celine Narm­adji stehen wegen “Anstif­tung zu einer unbe­waff­neten Versamm­lung”, “Störung der öffent­li­chen Ordnung” und “Miss­ach­tung einer gesetz­li­chen Anord­nung” unter Anklage. Das Gerichts­ver­fahren ist für den 31. März ange­setzt. Sollten die Aktivist_innen für schuldig befunden werden, drohen ihnen Haft­strafen zwischen sechs Monaten und einem Jahr.”. – Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 11. Mai 2016 hin­aus, unter > ai : urgent action

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